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Was ist "normale" Wortstellung?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 17 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1. Überblick
1.2. Ziel der Arbeit

2. Satzstruktur im Deutschen
2.1. Die Topologie des deutschen Satzes
2.2. Der Stellungsfaktor im Mittelfeld

3. ‚Normale Betonung‘ im Deutschen
3.1. Was ist ‚normale Betonung‘?
3.2. Topik und Fokus
3.2.1. Topik
3.2.2. Fokus
3.3. Fokusprojektion
3.4. Zusammenhang zwischen Fokus und Betonung

4. Wortstellung im Mittelfeld
4.1. Was ist ‚normale Wortstellung‘?
4.2. Der Einfluss ‚normaler Betonung‘ auf ‚normale Wortstellung‘

5. Zusammenfassung
5.1. Fazit
5.2. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Überblick

In der linguistischen Forschungsliteratur der letzten Jahrzehnte existieren zahlreiche Diskussionen über die Frage, was eine ‚normale Wortstellung‘ in Sätzen ausmacht. Dennoch folgt aus den verschiedenen Forschungsansätzen keine umfassende Lösung des Problems und so betonen auch Altmann/Hofmann (2004: 109-112), dass die Erforschung des Begriffes ein allzeit interessantes Thema sei. Die Frage nach einer ‚normalen Wortstellung‘ im deutschen Satzbau ergibt sich daraus, dass nur einige Konstituenten festen Stellungsregelungen unterliegen, etwa die Prädikatskonstituenten. Im Mittelfeld jedoch ist die Abfolge der Konstituenten verhältnismäßig ungeregelt. Dadurch kann ein Satz verschiedene Wortstellungen und Betonungen im Mittelfeld des Satzes aufweisen und es ergeben sich Wortstellungen, welche markiert sind, also von der ‚normalen Wortstellung‘ abweichen. Worum es sich bei ‚nicht-normalen‘ und ‚normalen Wortstellungen‘ handelt, muss also notwendigerweise durchblickt werden, um einem Satz eine ‚normale‘ Satzgliedabfolge zuschreiben zu können. In der Forschungsliteratur zu diesem Thema gibt es zwei Ansätze, die sich grundlegend unterscheiden und von Hofmann (1994: 16-23) übersichtlich zusammengefasst werden. Einerseits wird u.a. von Jacobs (1988) angenommen, dass man nicht von einer ‚normalen Wortstellung‘ ausgehen kann und somit auch keine umfassende Definition geliefert werden muss. Andererseits ist u.a. Tilman Höhle (1982) der Ansicht, dass ‚normale Wortstellung‘ mithilfe spezifischer Kriterien und in Abhängigkeit von der Intonation im Satz festgelegt werden kann. Diese Strömung unterscheidet sich wiederum in den pragmatischen und den strukturellen Ansatz. Während Höhle eine pragmatische Definition liefert, geht zum Beispiel Lenerz (1977) von einer strukturellen Definition aus. In dieser Arbeit wird lediglich die pragmatische Herangehensweise von Höhle (1982) eine grundlegende Rolle spielen. Höhle (1982: 76) bringt die ‚normale Wortstellung‘ eines Satzes mit einer ‚normalen Betonung‘ in Verbindung. Sein Anliegen ist es, die Begrifflichkeiten ‚normale Betonung‘ und ‚normale Wortstellung‘ im Hinblick auf ihre sprachwissenschaftliche Relevanz zu untersuchen.

1.2. Ziel der Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist es, dass Konzept der ‚normalen Wortstellung‘ mit der Theorie der ‚normalen Betonung‘ zu erklären. Die These, die voran geht, ist, dass ein Satz eine ‚normale‘ Wortstellung aufweist, wenn er hinsichtlich seiner Betonung normal und in den meistmöglichen Kontexten ohne Einschränkungen verwendbar ist. Um diese These zu untermauern, bedarf es einer Definition der Begrifflichkeiten ‚normale Wortstellung‘ bzw. ‚normale Betonung‘. Dazu muss zunächst ein Verständnis davon geschaffen werden, wie der subjektive Begriff ‚normal‘ aufzufassen ist.

Zur Klärung des Konzepts der ‚normalen Wortstellung‘ stützt sich diese Arbeit in erster Linie auf die Abhandlung „Explikationen für „normale Betonung“ und normale Wortstellung“ von Tilman N. Höhle (1982), welche als einschlägige Literatur in der linguistischen Tradition bekannt ist. Sowohl die Begriffsklärungen, als auch die Beispiele, welche für die Erklärung der These notwendig sein werden, sind an Höhle (1982) angelehnt. Um das Konzept umfassend erklären zu können, beschränken sich die Beispiele auf einfache Deklarativsätze des Deutschen mit zugrundeliegender Verbzweitstellung. Um einen sinnvollen Ausgangspunkt für die Argumentation zu schaffen, wird zunächst ein kurzer Überblick über den Aufbau des deutschen Satzes gegeben, soweit er für diese Arbeit relevant ist. Anschließend wird das Konzept der ‚normalen Betonung‘, einschließlich der Begriffe Topik, Fokus und Fokusprojektion geklärt, um dann auf ‚normale Wortstellung‘ eingehen zu können. Schlussendlich können die beiden Konzepte miteinander in Abhängigkeit gebracht werden.

2. Satzstruktur im Deutschen

2.1. Die Topologie des deutschen Satzes

Um einen deutschen Satz auf eine grundlegende Struktur reduzieren zu können, welche zur Analyse der Wortstellung dienlich sein wird, ist ein basales Verständnis des topologischen Feldermodells notwendig (Wöllstein-Leisten et al 1997: 53-54). Hierbei wird davon ausgegangen, dass ein Satz, also eine lineare Abfolge von Wörtern, aus verschiedenen Feldern besteht, denen spezifische Eigenschaften zukommen. Die wichtigste Konstituente im deutschen Satz ist hierbei das Verb, welches den Aufbau eines Satzes grundlegend bestimmt. Grundsätzlich wird im Deutschen zwischen Sätzen unterschieden, in denen das Verb eine Erst-, Zweit- oder Letztstellung einnimmt. Da im Rahmen dieser Arbeit nur von gewöhnlichen Deklarativsätzen mit Verbzweitstellung ausgegangen wird, können die anderen Stellungspositionen des Verbes an dieser Stelle außer Acht gelassen werden. Der finite und infinite Teil des Prädikats konstituieren im Deutschen die beiden sogenannten Satzklammern. In einem Satz mit Verbzweitstellung steht also das finite Verb in der linken Satzklammer, während das infinite Verb in der rechten Satzklammer steht. Die Satzklammern bilden das Gerüst für 3 Felder im Satz: Vorfeld, Mittelfeld und Nachfeld. Das Vorfeld steht vor der linken Satzklammer, zwischen den Satzklammern befindet sich das Mittelfeld und nach der rechten Satzklammer folgt das Nachfeld. (Meibauer 2002: 121-123). Daraus ergibt sich folgende Struktur, welche in (1) deutlich wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Besetzungsmöglichkeiten der einzelnen Felder soll hier nicht weiter thematisiert werden. Eine gelungene Übersicht findet sich z.B. bei Wöllstein-Leisten (1997: 54-55). Allgemein ist jedoch festzuhalten, dass im Vorfeld, wie auch im Nachfeld, nur bestimmte Konstituenten in einer spezifischen Reihenfolge vorkommen können. Höhle (1982: 75) betont, dass vor allem für die Stellung von „verbalen Elementen und ‚Konjunktionen‘, aber in hohem Maße auch für die Bestandteilte von Nominal-, Präpositional- und Adjektiv/Adverbialphrasen“ eine topologische Regelung besteht.

Im Mittelfeld hingegen, können die unterschiedlichsten Konstituenten in relativ freier Reihenfolge stehen, wie (2) veranschaulicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2. Stellungsfaktor im Mittelfeld

Es stellt sich also die Frage, welche Kriterien angebracht werden können, um die Wortstellung und Konstituentenbetonung im Mittelfeld als ‚normal‘ zu definieren. Aus diesem Grund ist es interessant, den Stellungsfaktor im Mittelfeld genauer zu betrachten. Gemäß der eingangs erwähnten Ansätze, eine ‚normale Wortstellung‘ zu definieren, gibt es unterschiedliche Herangehensweisen an die Problematik. Eine Gemeinsamkeit besteht jedoch in der Begriffsverwendung von Rhema und Thema, bzw. Fokus und Topik. Zwei verschiedene Vertreter dieser Ansätze sind Lenerz (1977) und Höhle (1982). Der strukturelle Ansatz von Lenerz besteht darin, dass er fünf Hauptkriterien aufstellt, welche dazu verwendet werden, die Reihenfolge von Konstituenten zu bestimmen (vgl. Wöllstein-Leisten 1997: 57). Demnach steht im Mittelfeld stets das Thema („worüber gesprochen wird“) vor dem Rhema („was man darüber sagt“). (Lenerz nach Altmann/Hoffmann 2004: 112). Wöllstein-Leisten (1997: 57) bietet eine andere Bestimmung dieses Begriffspaars: ‚Thema‘ ist die „alte, bereits bekannte Information“, während Rhema eine neue Information darstellt. Da dies eine weitverbreitete, aber nicht gänzlich unproblematische Auffassung der Begriffe Thema und Rhema, bzw. Topik und Fokus ist, sei an dieser Stelle auf die kritischen Anmerkungen von Höhle (1982: 111) verwiesen. Dennoch wird die Definition von Wöllstein-Leisten auch für diese Arbeit unter heuristischer Annahme verwendet.

Entgegen der Bedingungen, welche Lenerz definiert, ist Höhle (1982: 75-76) der Meinung, dass die Entscheidung über ‚normale‘ oder ‚nicht-normale Wortstellung‘ von der Betonung des Satzes abhängig ist.

3. ‚Normale Betonung‘ im Deutschen

3.1. Was ist ‚normale Betonung‘?

Die Frage an dieser Stelle lautet nicht nur, was unter ‚normaler Betonung‘ zu verstehen ist, sondern natürlich auch, wie der Begriff ‚normal‘ an sich zu fassen sein soll. Höhle (1982: 76) unterscheidet zwischen dem intuitiven Begriff ‚stilistische Normalität‘ und dem nicht-intuitiven Begriff ‚strukturelle Normalität‘. Er verfasst seinen Aufsatz unter der Annahme, dass der Begriff der ‚strukturellen Normalität‘ irrelevant ist und lediglich „die intuitiven Normalitätsbegriffe essentiell und offensichtlich relevant sind“ (Höhle 1982: 76). So orientiert sich also auch diese Arbeit an einer intuitiven Auffassung von ‚normal‘, was bei der Analyse von Beispielen ersichtlich sein wird Im Prinzip ist ein Konzept, welches Sätzen eine ‚normale Betonung‘ und ‚normale Wortstellung‘ zugrunde legen will, höchst widersprüchlich, da einzig der Kontext über die Anwendbarkeit eines Satzes entscheidet. Es ist also für einen Satz, welcher in einem bestimmten Kontext korrekt verwendet werden kann, völlig unerheblich, ob dieser in einem anderen Kontext als ‚nicht-normal‘ gilt. Aus diesem Grund führt Höhle (1982: 85) den Begriff ‚stilistisch normale Betonung‘ ein. Somit erweitert er den Begriff ‚normale Betonung‘ um die intuitive Komponente ‚stilistisch‘. Damit erreicht er, dass der Begriff zu einem grammatisch relevanten Gegenstand wird, da die Intuition des Sprechers eine unmittelbare Rolle spielt und ‚normale Betonung‘ somit messbar wird. Zudem beherbergt der Begriff die enge Bindung an den jeweiligen Kontext, in dem der Satz vorkommt. Er grenzt sich damit von Lenerz (1977) und seinem Begriff der ‚strukturell normalen Wortstellung‘ ab, welche in dieser Arbeit jedoch nicht Thema der Diskussion sein wird (vgl. Höhle 1982: 131).

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Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640557004
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144789
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Schlagworte
syntax wortstellung normale wortstellung Pragmatik normale Betonung Sprachwissenschaft Topologie des Satzes Topik Fokus Fokusprojektion
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