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Auswirkung der Einführung der mechanischen Uhr im Mittelalter

Analysiert mit der Soziologie von Norbert Elias

Diplomarbeit 2009 78 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zeit

3 Die mechanische Uhr und die mittelalterliche Stadt
3.1 Uhr, mechanische Uhr und Glocke
3.2 Die mittelalterliche Stadt
3.3 Wichtige Veränderungen innerhalb der Epoche
3.4 Die Temporalstruktur in der mittelalterlichen Stadt
3.5 Einführung der mechanischen Uhr
3.6 Einstellung verschiedener sozialer Gruppen zur mechanischen Uhr .
3.7 Durch die mechanische Uhr bedingte Veränderungen des öffentlichen Lebens
3.8 Zusammenhang zwischen Religion und Einführung der mechanischen Uhr
3.9 Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und mechani- scher Uhr
3.10 Gründe für die Einführung der mechanischen Uhr/ zusammenfassen- de Darstellung

4 Für diese Arbeit relevante Teile der Soziologie Norbert Elias’
4.1 Figurationen
4.2 Psychogenese und Soziogenese
4.3 Selbstzwang und Fremdzwang
4.4 Elias’ Machtbegriff
4.5 Über die Zeit‘ im Kontext des

5. Analyse des Einfuhrungsprozesses
5.1 ProzessderZivilisation‘
5.2 Die vier Interdependenztypen im Kontext geschichtlicher Fakten - Schritt 2
5.3 Bedeutung von Stadt, Ökonomie und Bürgertum - Schritt 3
5.4 Die Figurative Macht im Einführungsprozess - Schritt 4

6 Fazit

7 Ausblick

8 Exkurs

9 Anhang

10 Literatur

1 Einleitung

Das Interesse des Menschen an der Zeit gilt meist nicht der Zeit selbst, sondern viel mehr den Zeiten (vgl. Kapitel 4.5) von Ereignissen. Aussagen wie: wir uns?“, ”Wanntreffen ”WievielUhristes?“und ”Dubistzuspät!“sindhäufigzuhören.Die Frage ”WerhatdieZeiterschaffen?“liestmanseltenerinBüchern.DasVerstehen von Zeit als naturwissenschaftliche, soziologische und philosophische Größe ist für den Alltag von geringer Bedeutung.

Viel wichtiger ist die u.a. von Emile Durkheim und Norbert Elias als solche erkannte soziale Determiniertheit kollektiver Zeitrepräsentationen; die Zeit in der täglichen Praxis. Also eben:

”Dubistzuspät!“.JedeGesellschaftbesitztihreeigene,vereinen- de Zeit, welche es Individuen ermöglicht, ihr Vorgehen aufeinander abzustimmen.

”Zeitwirdimmerindividuellerlebt,aberderUrsprungdiesesErlebensweistüber den Einzelnen hinaus, verweist auf die Gesellschaft“ (Raehlmann 2004, S.15 ). Es wird hier von Zeit als strukturierendes Element einer Gesellschaft gesprochen. Dieses strukturierende Element bedingt sich aus politischen, wirtschaftlichen, religiösen, und weiteren Elementen einer Gesellschaft.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass eine sich verändernde Gesellschaft auch ihr strukturierendes Element Zeitordnung verändern kann. Das Mittel um die Zeit zu messen, ist meist eine Uhr. Also ein technisches Gerät zur Feststellung der Zeit. Sie hilft Menschen, sich mit der kollektiven Zeitordnung zu synchronisieren. Sie hilft den Menschen, eine kollektive Zeitordnung zu erschaffen. Die Ansprüche an die kollekti- ve Zeitordnung stehen im Kontext mit den Eigenschaften einer Gesellschaft - unsere westliche Gesellschaft wäre beispielsweise mit dem Potential der Sonnenuhren nicht zu steuern, da diese kein einheitliches, gleichförmiges und überall verfügbares Tem- poralsystem ermöglicht.

George Woodcook schrieb: ”Technically,theclockwasthefirstreallyauto- matic machine that attended any importance in the life of men.“ (Wood- cook 1944, http://www.spunk.org/texts/writers/woodcock/sp001734.html, abgeru- fen am: 12.3.2009) und maß damit der Uhr eine ähnliche Bedeutung bei wie Lewis Mumford mit seiner These, nicht die Dampfmaschine, sondern die mechanische Uhr sei die Schlüsselmaschine des Industriezeitalters (vgl. Mumford 2001, S.22). Die mechanische Uhr erfuhr ihre erste Verbreitung im mittelalterlichen Europa, als sich die damalige Gesellschaft in einem Prozess der Vernetzung und des wirtschaft- lichen Aufblühens befand - war dies ein Zufall? Oder lag der Grund darin, dass die Gesellschaft eine neue Temporalstruktur benötigte und so die Horen (vgl. Kapitel 3.1) zu Gunsten der modernen Temporalstunde aufgab?

Diese Diplomarbeit behandelt ein gesamtgesellschaftliches, sowie historisches Thema in der Epoche des Mittelalters1. Hier werde ich primär die städtischen Vorgänge der europäischen Gesellschaft analysieren. Dies ist sinnvoll, da historisches städtisches Leben und Vorgänge gut untersucht wurden und so die Bedeutung für andere Berei- che abstrahiert werden kann. Um dem komplexen Ursprung figurativer Macht Rech- nung zu tragen, werde ich versuchen, die Analyse des städtischen Lebens möglichst breitgefächert durchzuführen und den ’Geist‘derZeitzubestimmen.

Vermutlich liegt der Grund der Verbreitung der mechanischen Uhr in einer Art Ket- tenreaktion. Mehr und mehr Menschen wurden in ihren Bann gezogen, weil mehr und mehr andere Menschen sie benutzten. Irgendwann (vielleicht ab dem 16. Jahr hundert) war ”WievielUhristes?“zueinemoftgehörtenSatzgeworden.

Daher stelle ich an den Anfang der Diplomarbeit folgende These: Eine sich diversifizierende und vernetzende Ökonomie, das Wachstum der Städte und die neue Rolle des Bürgertums standen in einer wechselseitigen Abhängigkeit mit der durch die mechanische Uhr bedingten figurativen Macht. Eine figurative Macht war also notwendig für den Erfolg der mechanischen Uhr.

Daraus folgt die dieser Diplomarbeit zugrunde liegende Frage:

War eine zunehmende figurative Macht der Grund für die Etablierung der mechanischen Uhr in mittelalterlichen Städten?

War eine zunehmende figurative Macht der Grund für die Etablierung der mechani- schen Uhr in mittelalterlichen Städten? Norbert Elias stellt die These auf, dass die Figurationen (vgl. Kapitel 4.1) einer Gesellschaft Macht auf den Einzelnen ausüben können. Sie generieren diese aus dem Zusammenspiel aller Individuen. Allerdings bleibt dem Einzelnen die Komplexität des Prozesses, die Ursache dieser Macht unklar (vgl. Kapitel 4.1).

In dieser Diplomarbeit möchte ich untersuchen, ob eine figurative Macht den Einzelnen dazu gedrängt hat, die mechanische Uhr zu benutzen. Wurde sie populär, weil die Umstände der Zeit, die Figurationen, sie erforderten? Konnte der Einzelne dann nicht mehr anders, als es anderen nachzutun und seinen Tagesrhythmus nach der mechanischen Uhr zu richten? Hat er die Ursache dafür dieser Macht zuordnen können? Wo lag der Anfang dieser Entwicklung? Hatten einzelne Personen einen besonderen Einfluss auf diese Entwicklung?

Ich bin der Ansicht, dass Norbert Elias’ Soziologie einen geeigneten theoretischen Rahmen für meine Analyse bietet, denn sie ist umfassend genug für meine multidi- mensionale Fragestellung. Auch Baumgart und Eichner schreiben:

”DieProzeß-und Figurationstheorie stellt eine allgemeine menschenwissenschaftliche Theorie dar, die zur Erklärung gesellschaftlicher Phänomene jeglicher Art angewendet werden kann“ (Baumgart/Eichner 1991, S.118). Ich erwarte mir speziell von Elias’ Zivilisations- theorie ein gutes Werkzeug um oben genannter Fragestellung nachzugehen. Bei meiner Literaturrecherche ist mir weder im deutsch- noch im englischsprachigen Raum etwas begegnet, was sich konkret mit dem Einführungsprozess der mecha- nischen Uhr auseinandersetzt. Generell ist die Soziologie der Zeit (in Anbetracht ihrer Wichtigkeit und grundlegenden Beeinflussung fast aller Vorgänge in der Ge- sellschaft) wenig untersucht worden. Allerdings gibt es viel Literatur, die sich mit dem Thema der Zeit und Zeitordnung befasst.

Vier Fachbücher sind in diesem Zusammenhang besonders interessant: Zeit‘ von Norbert Elias, ’Über die ’DieGrauenHerrenheute‘vonJanHeider, ’DieGeschichte der Stunde - Uhren und moderne Zeitordnung‘ von Gerhard Dohrn-van Rossum und ’ZeiterfahrungundZeitordnungvomfrühenMittelalterbisins 16.Jahrhundert‘ von Werner Sulzgruber. Diese Bücher können als Standardwerke zu diesem Thema begriffen werden.

Heider (2008) gelingt mit den ’GrauenHerren‘imTiteleineReferenz,welcheLe serinnen und Lesern von Michael Endes ’Momo‘eineIdeevermittelt,wieetwas hintergründig und mächtig wirkt, so dass wir nicht verstehen, warum wir mehr und mehr nach der und für die Uhr leben. Heider nennt dies ”nicht-intendierteFolgen sozialen Geschehens“ (vgl. Heider2008, S.19) - eine Parallele zu Elias’ Macht- und Figurationsbegriff wird von ihm beschrieben und ist leicht zu erkennen. Es ist die Rede von der Inthronisierung des Symbols Zeit in die Welt der Menschen durch die Menschen. Heider beschreibt abstrakt, wie Uhren seit dem 14. Jahrhundert den Alltag durchdringen und den Einzelnen tangieren. Er beschreibt vier wichtige Teil- bereiche:

1. die wirtschaftliche Entwicklung
2. die Veränderung von Herrschaftsformen
3. die Stadtentwicklung
4. das Entstehen der Weltgesellschaft

Wichtig ist für ihn auch die Analyse der Mimesis der Zeit. Jene beschreibt den Umstand, dass sich die Menschen mit der Liberalisierung der Zeitpraxen weniger nach einer natürlichen Zeitstruktur richten (z.B. Tag- Nachtrhythmus) und ein mimetisches Verhältnis mit der abstrakten Zeit der gleichförmigen Temporalstun- den2 (vgl. Kapitel 4.1) eingehen (hier vermittelt durch die Uhr) - sondern, wie in einer stark individualisierten Gesellschaft z.B. sich jeder nach seinem eigenen und persönlichen Zeitplan richtet. Heiders Analyse ist als abstrakter Zugang zum Thema ergiebig. Zwei wichtige Punkte stehen jedoch nicht im Mittelpunkt seiner Analyse: Die Rolle von Figurationen (damit ein tieferes Eintauchen in die Soziologie von Norbert Elias) wird kaum untersucht und die Veränderungen rund um den Einführungsprozess der mechanischen Uhr in der Stadt werden nur oberflächlich analysiert.

Norbert Elias (1984) befasst sich in ’ Über die Zeit‘ mit dem Verhältnis Mensch-Zeit.

Dabei geht er dem gleichen Erkenntnisinteresse nach wie Heider und fragt nach dem Inthronisierungsprozess des abstrakten Zeitbegriffs. Elias Interesse ist es, dem Leser die Symbolhaftigkeit und den sozialen Ursprung der Zeit aufzuzeigen.

’Über die Zeit‘ sollte als Teil seiner Prozess- und Figurationstheorie verstanden werden. Elias nähert sich dem Thema Zeit mit anschaulicher Stringenz. Die Eigenschaft der Zeit als Symbol, verschiedene Arten sie zu messen und ihre Rolle im Entwicklungsprozess der Menschheit werden erklärt. Elias verdeutlicht, warum Menschen zeiten (vgl. Kapitel 4.5) und warum wir es nun anders tun als in der Vergangenheit. Da Elias hier immer sehr generell bleibt und sich keinesfalls einer bestimmten Zeit und Gesellschaft zuwendet, eignet sich dieses Buch als Analyse.

’Gerüst‘füreineweiterführende ’DieGeschichtederStunde Uhren und moderne Zeitordnung‘ von Gerhard Dohrn-van Rossum (1995) bietet eine umfassende Beschreibung von Umständen und technischen Details der Einführung der mechanischen Uhr. Anhand vieler Beispiele gelingt es ihm, den Weg von der mittelalterlichen Hore zur modernen Stunde; von inselartigen zu vernetzten Zeitstrukturen und von einem Leben mit der Zeit zu einem von der Zeit geordneten Leben darzustellen. Sein For- schungsschwerpunkt ist das Mittelalter. Dabei relativiert van Rossum anschaulich gesellschaftliche Kategorien wie Stände oder Kulturkreise zu historischen Perioden oder sozialpsychologischen Kategorien. Van Rossums Werk kann als Standard der fachübergreifenden Zeitforschung begriffen werden. Allerdings ist dieser Standard mehr geschichtlichen als soziologischen Anspruchs. Dies wird besonders deutlich, wenn er, in einer von vielen Aufzählungen, Prozesse historisch aufgliedert. Van Rossum bedient sich also einer historischen Epistemologie und versucht sich weder in Theoriereflektion noch im Aufstellen einer eigenen Theorie. Das Werk ist daher für meine Analyse außerordentlich bedeutend und eine gute Quelle historischer Ereignisse, die dann in ein eigenes Gedankengebäude einbezogen werden können. Wie van Rossum gibt auch Sulzgruber (1995) einen detaillierten Einblick in die Materie. Allerdings steht für ihn mehr die Veränderung der Zeiterfahrung, als die zeitliche Zuordnung von Prozessschritten im Vordergrund. So behandelt er, wie der Titel seiner Arbeit schon vermuten lässt, auch sozio-psycholgische Aspekte. Oft jedoch bleibt er, wie er selbst zugibt, auf Grund der mangelnden Datengrundlage in seiner Analyse, oberflächlich und eher spekulativ. Auch untersucht Sulzgruber, mehr als andere Autoren, die Rolle der wirtschaftlichen Entwicklung auf die Einführung der mechanischen Uhr. Er vermutet hier eine ursächliche Erklärung der Einführung. Wie bei van Rossum wird eine theoretische Reflexion nicht vorgenommen.

War eine zunehmende figurative Macht der Grund für die Etablierung der mechanischen Uhr in mittelalterlichen Städten? - diese Fragestellung enthält die Schlagwörter: Macht, mechanische Uhr, Etablierung und mittelalterliche Stadt. Ich möchte die Rolle der figurativen Macht hinter dem Einführungsprozess der mechanischen Uhr in der urbanen Gesellschaft des Mittelalters analysieren. Eine Analyse mit der Soziologie von Norbert Elias verweist auf Elias gesamte Soziologie. Meine These dazu lautet: Eine zunehmende figurative Macht wirkte bedingt durch die sich diversifizierende und vernetzende Ökonomie, das Wachstum der Städte und die neue Rolle des Bürgertums.

In diesem Kontext ist Folgendes für mich von Interesse:

1. Wirkt in diesem Kontext eine figurative Macht?
2. In welchen Bevölkerungsgruppen und Institutionen existieren die Figurationen die diese Macht bedingen?
3. Welche Vorteile und Nachteile ergaben sich für Bevölkerungsgruppen und In- stitutionen durch die flächenmäßige Verbreitung der mechanischen Uhr und wie gehen sie damit um?
4. Inwiefern wussten die Menschen von der figurativen Macht, die auf sie wirkte?
5. Welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen und Rahmen- bedingungen könnten einen möglichen Einfluss gehabt haben?
6. Wie könnte diese figurative Macht ausgesehen und sich angefühlt haben?

Ich erweitere und spezifiziere somit Heiders Analyse der hintergründigen Macht der Uhrzeit, da ich mich mehr und expliziter mit den Fakten um die Einführung der mechanischen Uhr beschäftige. Auch behandle ich einen anderen Bereich als Elias in ’ Über die Zeit‘ (vgl. Elias 1984). Er kommt hier kaum auf die mechanische Uhr zu sprechen und auch die Rolle von figurativer Macht wird wenig behandelt3. Seine Gedankengänge werden kaum durch externe Quellen validiert.

Nicht zuletzt habe ich den Anspruch, die Umstände hinter der Einführung der me- chanischen Uhr möglichst umfassend zu behandeln und aus vielen Blickwinkeln zu betrachten. Dafür muss es gelingen, die Struktur dieser mittelalterlichen Epoche möglichst plastisch zu erörtern. Mit plastisch meine ich die Bemühung, ein möglichst detailliertes und nachvollziehbares Gesamtbild zu zeichnen. Dieses ist notwendig um den komplexen Charakter und Ursprung von Figurationen gerecht zu werden und um keine Spielform und keinen Hintergrund der figurativen Macht zu übersehen.

Zuerst ist es notwendig, sich dem Begriff ’Zeit‘ansichzuzuwendenundihnzudefi nieren. Anschließend wird ein Überblick über die Geschichte der mechanischen Uhr und ihren Begleiter, die Glocke, geben. Dann wird der ’Siegeszug‘dermechanischen Uhr in der mittelalterlichen Stadt dargestellt und die mechanische Uhr sowohl als abhängige als auch als unabhängige Variable betrachtet.

Herleitend analysiert werden zuerst die Einflüsse früherer Entwicklungen auf die mich interessierende Ausgangsituation, dann der Einführungsprozess der mechani- schen Uhr mit seinen Begleitumständen und abschließend die Auswirkungen dieser auf die Teilbereiche Religion, Wirtschaft und städtisches Leben. Diese Teilbereiche sind so gewählt, weil dadurch möglichst viele Aspekte des städtischen, mittelalterlichen Lebens abgedeckt werden und die Ausgangspunkte der figurativen Macht gut nachvollzogen werden können.

Anschließend wird Elias’ Soziologie betrachtet und die von ihm geprägten Begriffe Figuration, Psychogenese, Fremdzwang/Selbstzwang und Soziogenese erklärt. Dann werden Elias’ Werke’ Über den Prozess der Zivilisation‘ und ’ Über die Zeit‘ behan delt und mit den erarbeiteten Begriffen in einen Kontext gestellt. Zum Schluss wird der Begriff Macht generell erörtert um so, in einem weiteren Schritt, Elias’ Machtbegriff abzugrenzen.

Wenn dies gelingt, sind alle relevanten Aspekte Elias’ Soziologie dargestellt und ei- ner Analyse der für diese Arbeit gewählten zentralen Fragestellung steht nichts mehr im Weg. Hier wird die Rolle von figurativer Macht auf den Einführungsprozess der mechanischen Uhr in die mittelalterliche, städtische Gesellschaft untersucht. Dafür werden zunächst die im historischen Teil erarbeiteten Fakten mit Elias’ Soziologie analysiert. Dann werden, noch etwas spezifischer, soziale, ökonomische, räumliche und affektive4 Interdependenzen zugeordnet, um den Wirkungsbereich der mechani- schen Uhr besser zu verstehen. Zuletzt wird der anfangs gestellten Frage nach Art und Herkunft von figurativer Macht im Kontext der Einführung der mechanischen Uhr nachgegangen.

In einem Fazit werden abschließend die Erkenntnisse zusammengefasst. An meine Diplomarbeit angeschlossen, aber als Exkurs zu verstehen, ist ein anderes Thema. Weil die Diplomarbeitsfrage einen rein historischen Bezug hat und sich die Soziologie vor allem mit aktuellen Themen beschäftigt, möchte ich hier noch etwas Aktualität wagen. Die steile Karriere des Handys hat mich verblüfft und ich werde dem hier, auf einigen Seiten, nachgehen. Dabei bietet sich ebenfalls Elias’ Soziologie als Ana- lysewerkzeug an. Ich denke, dass durch diesen Exkurs die gesamte Diplomarbeit profitiert, weil das Betrachten eines anderen Einführungsprozesses den der mecha- nischen Uhr präzisiert und durch den aktuellen Bezug besser verständlich macht.

2 Zeit

Bevor eine Analyse gesellschaftlicher Zeitstrukturen möglich ist, müssen noch einige Begriffe definiert werden. Elias stellt in’ Über die Zeit‘ fest, dass Zeit ein gesell schaftliches Produkt, eine soziale Konstruktion ist. Um diese soziale Konstruktion verstehen zu können, ist es notwendig richtig zeiten zu können (vgl. Elias 1984, S. 3). Für die heutige Gesellschaft gilt:

”GehtmanvondergegenwärtigenSituation aus (. . . ) so ist allgemein bewusst, dass wir heute zum einen eine individuelle Zeitempfindung und zum anderen einen davon unabhängigen physikalischen, chronometrischen Zeitablauf unterscheiden ”(Dinzelbacher 2003,S.22 ).Dinzelbacher beschreibt Eigenschaften unserer heutigen, westlichen Gesellschaft und erkennt für die Zeit eine subjektive und eine objektive Dimension. Eine subjektive und eine objektive Dimension galt und gilt in allen Gesellschaften. Die subjektive Dimension beschreibt wie das Individuum Zeit erfährt, seine Eigenzeit (vgl. Nowotny1993, S.12). Jedes Individuum kann diese entweder selbst erfahren, wie es der Fall ist, wenn man sich z.B. nur von seinen Trieben (essen, schlafen, usw.) leiten läßt oder wenn man sein Verhalten durch Sachverhalte (wie eine Uhr) steuert. Besonders kleine Kinder haben Probleme den Unterschied zwischen Eigenzeit und gesellschaftlich konstruierter Zeit zu verstehen.

Im Laufe des Zivilisationsprozesses, im ethnografischen Vergleich heutiger Kulturen und von Person zu Person, kann sich die Eigenzeit unterscheiden und verändern. (Dinzelbacher 2003 , S. 22)

Die objektive Dimension beinhaltet die gesellschaftliche Temporalstruktur, also wie eine Gesellschaft Zeit konstruiert. Auf den Menschen wirkt die Zeit durch ein Tem- poralsystem. Ein Temporalsystem vermittelt den gesellschaftlich standardisierten Umgang mit der Zeit durch allgemein zugängliche Symbole. (vgl. Kapitel 4.5) Ein Temporalsystem kann anhand von abstrakten Symbolen (wie unser 24 Stundensys- tem) oder durch offensichtliche Anhaltspunkte, wie den Sonnenuntergang wirken - wichtig ist nur, dass es von der gesamten Gesellschaft verstanden wird und eine Leitfunktion einnimmt.

So ist die Geschichte der Menschheit auch eine Geschichte der Vorstellungen, Normen und Maße, die Menschen im Umgang mit der Zeit entwickelt haben (vgl. Wendorff 1980).

Allgemein wird zwischen zyklischen (Uhrzeit, Monat - also wiederkehrende) und linearen (z.B. Datum - also voranschreitende) Zeiten unterschieden. Eine Kultur die zyklisch zeitet, durchläuft immer wieder den gleichen Zyklus und benutzt diesen als Zeitmaß (z.B. Ausrichten der Gesellschaft nach den Jahreszeiten). Lineares zeiten kennt keinen Neubeginn und verläuft auf einem endlosen Zeitstrahl. Dies beschreibt die heutige Form des Zeitens mit ihrer gegen Vergangenheit und Zukunft offenen Zeitachse und einem konstant fortlaufenden Kalender.

Die Historie und die Ethnographie gewähren Blicke in die verschiedensten Tem- poralstrukturen und ihrer Symbolik. In dieser Diplomarbeit wird gezeigt, dass die Einführung von neuen Zeitmessinstrumenten mit sozialen Veränderungen und dann eben auch mit einer neuen Temporalstruktur und einer neuen Eigenzeit einher gehen kann.

Wenn man von Zeitbewusstsein spricht, hat man meist das der eigenen Kultur vor Augen. Doch ist unser westliches Zeitbewusstsein nur eines in einer langen Reihe vieler und bestimmt von den Erfordernissen und Bedürfnissen des modernen Wirtschaftsystems, der Einbindung in den Nationalstaat und bürokratischen Orga- nisation. Zeitbewusstsein und Temporalstruktur unterscheiden sich von Kultur zu Kultur - viele Stereotypen1 bedienen sich dieser Unterschiede. Manche vergangenen Gesellschaften besaßen ebenso komplexe Temporalstrukturen wie die mit Hilfe der Weltzeit2 gemessenen Temporalstruktur der westlichen Gesellschaft. Zum Beispiel unterschieden sie sich in der Art und Weise den Tag zu untergliedern. Hintergründe dieser Andersartigkeit waren damalige fragmentierte Strukturen mit kurzen Interaktionsketten3 (vgl. Kapitel 4.1), die dominante Rolle von Religion und unzureichenden Möglichkeiten, eine vereinheitlichte und überall verfügbare Zeitbestimmung zu gewährleisten.

Als erstes bedeutsames Zeitsystem und Teil eines sozialen Systems gilt die Son- nenuhr4. Durch sie entstand die Bedingung für Lebensweisen, die alle anderen nach- folgenden Temporalsysteme und Uhrtypen in Europa und weltweit beeinflussten. So hatten bereits die Babylonier ihr Temporalsystem in je 12 Tag- und Nachtabschnitte geteilt, die alten Temporalstunden5. Diese sind zu erwähnen, da diese zweimal 12 Stunden unser Zeitempfinden bis heute bestimmen (vgl. Opizzo 2001, S. 25). Tem- poralstunden bestanden bis in das römische Reich fort. Hier teilten die Menschen zuerst den Lichttag in die vier Teile mane, meridiam, meridie, suprema. Von den Griechen übernahmen die Römer dann die Unterteilung des Tages in zweimal 12 Stunden (vgl. Bilfinger 1992, S. 2).

Durch den Zerfall des Römischen Reiches und der Machtübernahme der katholi- schen Kirche erfuhr das Temporalsystem eine Wandlung. Das Mönchtum führte im 3. Jahrhundert die Kanoniale Zeitmessung und mit ihr die Horen6 ein (vgl. van Rossum 1995, S. 44).

Mit dem Aufkommen der mechanischen Uhr7 und den ersten Uhren mit mecha- nischer Hemmung8 war es leichter möglich, gleichlange Stunden zu messen. Diese Erfindung fand schnell Verbreitung, denn die ”(...)LoslösungderZeitvonihrem natürlichen Takt (Lichttag) macht sie quantifizierbar, berechenbar und damit auch bewirtschaftbar“ (Achtner 1998 , S.90 ); - scheinbar genau das, wonach die Menschheit suchte. Schon Mitte des 13. Jahrhunderts hatten die Horen zu Gunsten des neuen Zeitens9 an Bedeutung verloren. Nun galten wieder die antiken Temporalstunden, mit einer Einteilung in zweimal 12 Stunden; allerdings waren alle Stunden gleich lang. Diese können als Rahmenbedingung für eine homogene und lineare Zeiteinteilung begriffen werden (vgl. Achtner 1998, S. 89).

Unsere moderne, homogene und lineare Zeiteinteilung vereint nun die drei Elemen- te: Gregorianischen Kalender, Uhrzeit und christliche Zeitrechnung (vgl. Zerubavel 1981, S. 23).

3 Die mechanische Uhr und die mittelalterliche Stadt

Da dieser Teil zentral für die spätere Analyse ist, wird ihm durch neun Untergliede- rungen die notwendige Tiefe eingeräumt. Es ist wichtig, zuerst eine generelle Idee von der Entwicklung der Uhr, der mechanischen Uhr und der Glocke zu bekommen. Dar- auf wird der Charakter der mittelalterlichen Stadt dargestellt, um einen Rahmen für spätere Untersuchungen zu schaffen. Im dritten Teil werden wichtige Veränderungen in dieser Epoche aufgelistet, um den Kontext des Einführungsprozesses zu verdeut- lichen. Darauf folgt im vierten Teil die Darstellung des Temporalsystems der mit- telalterlichen Stadt, explizit vor der Einführung der mechanischen Uhr. Teil Fünf behandelt den Einführungsprozess an sich. Im sechsten Teil wird die Einstellung der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu dieser Neuerung dargestellt. Die durch die mechanische Uhr bedingten Veränderungen des täglichen, öffentlichen Lebens werden im siebten Teil behandelt. Im abschließenden achten und neunten Teil wird sich dem Verhältnis mechanische Uhr- Religion und mechanische Uhr- Wirtschaft gewidmet. Im letzten Teil folgt eine Zusammenfassung.

3.1 Uhr, mechanische Uhr und Glocke

Es ist angebracht, das Auftauchen der mechanischen Uhr gemeinsam mit der Rolle der Glocke zu beschreiben, weil eine große gegenseitige Beeinflussung bestand. Nur durch diese Kombination gelang der Durchbruch der mechanischen Uhr im mittel- alterlichen Europa.

Die Entwicklungsstufen der Uhrzeitmessung lassen sich weit zurückverfolgen. Von den Anfängen mit Sonnenuhren, dann Feueruhren1, Wasseruhren2 und Sanduhren3 bis zum heutigen Stand der Technik gibt es Belege (vgl. van Rossum 1995, S. 28). Leider nimmt deren Zahl und Qualität exponentiell ab, je weiter man sich von heu- te entfernt. Uhrtypen können rekonstruiert werden; welche Bedeutung sie für das tägliche Leben hatten ist ungleich schwerer zu ermitteln. So ist es auch bei der mechanischen Uhr. Das Auftauchen ihres Vorläufers, der Waag-Räderuhren4, kann auf das Jahr 1280 bestimmt werden. Sie diente in englischen Klöstern als Weck- vorrichtung, besaß kein Ziffernblatt und benutzte eine Glocke zur Zeitansage. Ob sie zum allgemeinen Klosterstandard gehörte, ist nicht bekannt. Aus dieser Periode stammen auch die ersten Uhren mit Hemmung, welche zuerst nicht zur täglichen Zeitbestimmung, sondern zur Verbesserung der Astronomie verwendet wurden. Uh- ren mit Hemmung waren in der Lage, gleich lange Stunden zu schlagen. Jene konnten erstmals gleichmäßige Stunden anzeigen. Allerdings ist auch ihr Auftauchen nicht genau zu datieren, denn es ”(...)hatkeinerleiNiederschlaginzeitgenössischenBe richten gefunden. Kein Eintrag in einer Chronik, kein erzählender Bericht, keine Konstruktionsbeschreibung machen die Erfindung zu einem datier- oder lokalisierbaren Ereignis“ (van Rossum1995, S.50). - Ihr Erfinder bleibt unbekannt.

1296 tauchte zum ersten Mal der Begriff Uhrmacher in einem Dokument auf, was auf ein Berufsbild schließen lässt und somit direkt Wirtschaft und Soziales tangiert (vgl. van Rossum 1995, S. 171 f.). Im Jahr 1307/09 wird erstmals die Erhebung einer Steuer für die Reparatur einer Uhr in Orvieto (Italien) erwähnt. So wurde eine Uhr zum ersten Mal Gegenstand eines öffentlichen Anliegens, welches auch im Zivilisationsprozess eine Rolle gespielt haben könnte. 1309 erschien die erste Uhr mit Glocke (Schlaguhr) in Modena, Italien. Ab dann ist der Siegeszug der Schlaguhr unaufhaltsam5.

”InsgesamtfälltdashoheTempoderDiffusionderschlagendenUhr auf. Es war - das deuten die Daten zur Diffusion der Windmühle wenigstens an für das Mittelalter nicht ungewöhnlich“ (van Rossum 1995, S.223 ).

Die Glocke wird von der Kirche, aber auch von den einzelnen Gemeinden hoch angesehen und findet sich deshalb sowohl in Kirchtürmen als auch in Palästen, Rathäusern und städtischen Türmen wieder. In weniger wohlhabenden Gemeinden und Regionen verzichtete man anfangs oft auf die Mechanik eines automatischen Schlagwerks und betraute einen Glöckner mit der Aufgabe des Glocken-Schlagens. Die Schlaguhr wird in Verbindung mit der modernen Stundenrechnung gesehen - denn die Schlagautomatik ist nicht in der Lage, veränderliche Stunden zu schlagen. Es wurden kleinere Uhren entwickelt, die sich auch für den Gebrauch zu Hause eig- neten; diese Möglichkeit geht einher mit der Erfindung der Uhrfeder von Heinrich Arnold. Auch wird die mechanische Uhr nun zu einem Attribut des Städtischen, weil sie hier zuerst Verbreitung findet, was vielerorts als äußerst nützlich wahrge- nommen wird. Ihr sozialer Gebrauchswert steigt je mehr Menschen ihr Leben von den Temporalstunden leiten lassen.

Der 14.07. 1339, in der 20. Stunde ist als Todesdatum Azzo Visconti angegeben und damit die erste moderne Stundenangabe im staatsbürgerlichen Kontext.1510 wird die erste Taschenuhr (Nürnberger Ei) erfunden. Ende des 16. Jahrhunderts tauchten die ersten Uhren mit Minutenzeiger auf. Zuvor konnte man Stunden nur halbieren, dritteln oder vierteln. Minuten oder Sekunden blieben bis dahin nur theoretisch messbar.1657 erfand Christian Huygens das Uhrenpendel, welches erheblich zur Verbesserung der Ganggenauigkeit beitrug.

Die Glocke allerdings war im Mittelalter nicht neu. Sie hatte seit dem7. Jahr- hundert ihren festen Platz in der mittelalterlichen Gesellschaft und diente als Kommunikations- und Organisationsmittel. Ihr Schall brachte Systematik und Ein deutigkeit. Die ersten Schlaguhren machten sich genau dies zu nutzen und mach- ten Zeit hörbar und dem gemeinen Volk zugänglich. Die Horen, die weiter oben erwähnten Gebetseinteilungen, dienten dabei als primäres Leitmittel. Gustav Bilfin- ger beschreibt in einem Beispiel wie und wann sie benutzt werden konnten:

1. die Matutin im 3. Viertel der Nacht, 2. die Prima mit Sonnenaufgang, 3. die Tertia um Mittevormittag, 4. die Sexta um Mittag, 5. die Nona am Mittnachmittag, 6. die Vespera 1 Stunde vor Sonnenuntergang, 7. das Completorium um Tagesschluss. Nimmt man hierzu noch einige an- dere Signale kirchlichen Charakters (. . . ), ferner an bestimmte Zeiten gebundene Signale polizeilichen Charakters, wie die Feuerglocke, Wein- glocke und anderes, schließlich die unmittelbare Beobachtung natürlicher Vorgänge, Anbruch der Dämmerung, Sonnenaufgang und -untergang und dergleichen, so haben wir die Elemente zusammengefasst, nach denen die bürgerliche Gesellschaft des Mittelalters die Zeit des 24-stündigen Tages zu bestimmen pflegte. (Bilfinger 1992, S. 45)

1336 wurde zum ersten Mal eine stundenschlagende Uhr auf einem Glockenturm in Mailand angebracht - Glocke und Uhr waren nun weit hörbar vereint (vgl. Bilfinger 1992, S. 6). Zu größeren Städten gehörte um 1300 eine große Glockenkulisse.

R. Davidson bemerkte, daß einem wenn man sich Florenz etwa am Morgen eines Festtags näherte, das Läuten von mehr als 80 unterschiedlich klingenden Glocken entgegen tönte (vgl. van Rossum 1992, S. 266). Oft wurde diese Vielfalt an ge- sellschaftlich relevanten Signalen nur von denen verstanden, die dort aufgewachsen waren - auf andere wirkte sie dysfunktional. Das neue Zeitsignal des mechanischen Stundenschlags fügte sich zunächst in dieses ’Chaos‘ein,verringerteesaberdann.

Dieses Chaos der vielen an spezielle Adressaten gerichteten Glockenschläge wurde durch das abstrakte Läuten der Stundenglocke ersetzt. Menschen hatten nun die Aufgabe, die Glockenschläge zu zählen und sie richtig dem Temporalsystem zuzuordnen. Die Stadt wurde unter einem Zeitsignal vereint. Im 14. Jahrhundert erschien die moderne Stunde häufiger in der Literatur, obwohl die mechanische Uhr mit ihren gleichlangen Stunden schon lange bekannt war. Dies war ein Zeichen für ihre aufkommende Popularität (vgl. Bilfinger 1992, S.156 ).

3.2 Die mittelalterliche Stadt

Die mittelalterliche, europäische Stadt unterschied sich stark von der heutigen. Seit dem 11. Jahrhundert setzte in Europa eine Epoche der Verstädterung ein. Dies wird z.B. daran deutlich, dass die Zahl der Stadtgründungen exponentiell zunahm (vgl. Stadtgründungen/ Anhang). Von etwa 1100 bis 1250 verzehnfachte sich die Zahl der Stadtrechte in Europa (vgl. Le Goff 1998, S. 19 ff.). Der Spruch ’Stadtluftmachtfrei‘ die Regelung, die das Frei-Werden Leibeigener nach einem Jahr Stadtaufenthalt bestimmte, brachte Städten einen starken Bevölkerungszulauf. Damals waren Städte eine Ausnahme im ländlich geprägten Europa - noch Anfang des 16 Jahrhunderts (also bereits nicht mehr in der Epoche des Mittelalters) beherbergten sie höchstens 10 Prozent der Bevölkerung. Viele Städte hatten nur die Größe heutiger Dörfer. 1300 besaß Paris, als damals größte Stadt, nicht mehr als 200.000 Einwohner.

Eine mittelalterliche Stadt war von einer Mauer umgeben. Diese diente in erster Linie zum Schutz ihrer Einwohner, den Bürgern. Sie hatte aber auch eine soziale Funktion und definierte und formte die Stadtgemeinschaft. Eine Stadt wirkte oft auf ein großes Gebiet, die sogenannte Bannmeile. Diese wurde häufig von der Reich- weite einer Stadtglocke bestimmt und verbreitete den Zyklus des städtischen Lebens auf das Land. Eine Stadt war auf ihr Umland angewiesen, denn dieses exportierte Rohstoffe und Arbeitskräfte in die Stadt.

In der Stadt existierte ein Gemeinschaftsinn unter den Bürgern, der sich in einer rela- tiven Gleichberechtigung aller Bewohner ausdrückte. Allerdings blieb diese Gleichbe- rechtigung mehr ein Wunsch oder ein Ideal, denn einige Bürger hatten mehr Einfluss. (vgl. Le Goff 1998, S.45 ) Politische Partizipation war prinzipiell nur für erwachsene Männer möglich. Neben den Adligen, oder dem auf einer nahegelegenen Burg herr- schenden Fürst bestimmten reiche Bürger, die Kirche, Zünfte und Gilden die Politik in der Stadt - die unterschiedlichsten ’politischenExperimente‘,diesichzwischen bürgerlicher und feudaler Ordnung bewegten, entstanden und fanden im Stadtrat ihren Ausdruck.

Die Städte wurden größer und im Verhältnis zum Umland bedeutender, da sie mehr und mehr das wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Leben bestimmten. Durch zu- nehmende wirtschaftliche Prosperität waren immer mehr Personen in der Lage, sich in die Politik einzumischen, weil sie wirtschaftlichen Erfolg hatten (vgl. Schmie- der 2005, S.104). Doch der einfache Lohnarbeiter blieb meist von Entscheidungen ausgeschlossen. Der Einfluss der Kirche wirkte besonders in Form der Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner. Sie formten das spirituelle Leben der Stadt, waren eine moralische Instanz und gaben mit den großen Klostervorplätzen dem Wirtschaftsleben einen Ort (vgl. Le Goff 1998, S.86 ). Der Einfluss der Wirtschaft wiederum war von Stadt zu Stadt unterschiedlich; als bedeutendster Faktor galt die wirtschaftliche Spezialisierung. Gemeinsam war allen Städten die räumliche Verwo benheit von Wirtschaft und Stadtleben, die zu einem ’geschäftigenWimmeln‘im ganzen Stadtbereich führte und auch das städtische Umland direkt einbezog (vgl. Le Goff 1998, S.23).

Vor dem 12 . Jahrhundert hatten Städte im Verhältnis zum Umland sehr wenige Ein- wohner, ab dem 15. bis zum 17. Jahrhundert erlebten sie eine Blüte und steigerten ihre Einwohnerzahl beträchtlich, blieben aber meist unter 10.000 (vgl. Krader 2001 , S. 117 ). Zwar lebten mehr als Dreiviertel der Bevölkerung auf dem Land, dieses hatte jedoch die Rolle eines abhängigen Zulieferers von Ressourcen und Rohstoffen und spielte eine geringe Rolle bei Verbreitung und Adaption der mechanischen Uhr.

3.3 Wichtige Veränderungen innerhalb der Epoche

Um einen besseren Eindruck über die Umstände der mittelalterlichen Gesellschaft zu erzeugen, folgen hier noch einige wissenswerte Fakten6: Diese stehen nicht immer im direkten Zusammenhang zum Forschungsthema, können aber ein Gesamtbild entstehen lassen und dieses abrunden - es wird offensichtlich, dass in dieser Zeit eine große Dynamik herrschte.

Achtner beschreibt die Periode um das 12. Jahrhundert als entscheidend für die europäische Geschichte:

”DiesozialeOrdnungwirdindieserZeit erschüttert durch den Niedergang des bisher herrschenden Rittertums und den Aufstieg einer Bürgerschicht in den schnell wachsenden Städten (. . . ). Die kirchliche Ordnung gerät ins Wanken (. . . ). Man wird auch das Wüten der Pest in Europa zwischen ca. 1348 - 1352 , der etwa 30-50 % der europäischen Bevölkerung zum Opfer fielen, kaum unterschätzen dürfen. Wirtschaftskrisen begleiteten den Beginn der Übergangs von einer agra- rischen Subsistenzwirtschaft zur städtischen Kapitalwirtschaft“ (Achtner 1998 , S. 78 ).

[...]


1 Das Mittelalter, als Teil der europäischen Geschichte, wird zwischen Antike und Neuzeit datiert. Allgemein werden die Jahre von 500 bis 1500 als Mittelalter bezeichnet. Sowohl der genaue Anfang, als auch das Ende sind Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. Das 16. Jahrhundert wird allgemein nicht mehr dem Mittelalter, sondern der Neuzeit zugeschrieben. Obwohl sich meine Analyse auf die mittelalterliche Stadt bezieht macht es keinen Sinn hier einen Bruch zu vollziehen und dieses Jahrhundert nicht mehr zu betrachten. Eine gewisse Unschärfe soll erlaubt sein.

2 Hier nun nur noch Temporalstunden genannt

3 Was interessant vor dem Hintergrund erscheint, dass er diesen Begriff selbst eingeführt hat.

4 Der Begriff affektive Interdependenzen wird von Elias nicht verwendet und findet bei mir der Anschaulichkeit halber Anwendung. Elias spricht stattdessen von affektiven Valenzen. Valenzen beschreiben das ’aufeinanderausgerichtetundangewiesen-Sein‘vonMenschen.Sie besitzen einen Aufforderungscharakter zur Interaktion von einem Menschen auf den anderen. Valenzen können entweder bereits oder ’gesättigt‘seinundeinebestehendeVerbindungbeschreiben, ’suchend‘nachneuenAnknüpfungsmöglichkeitenstreben.DasErlebenundderAusdruck von Gefühlen bildet die Grundlage für eine affektive Valenz, die dann in Worten wie z. B. Sympathie oder Überlegenheit beschrieben wird (vgl. Elias 1970, S.11 ).

1 Dieser Umstand wird plastischer, wenn man sich den Hintergrund einfach erscheinender Sprichwörter wie ’DieEuropäerhabendieUhren,dieAfrikanerdieZeit‘vorAugenführt.

2 Die Weltzeit gilt seit 1884 weltweit und löste die bis dahin konkurrierenden Zeitsysteme der verschiedenen Völker und Gesellschaften ab. Sie ist bedeutsam zur Steuerung überregionaler Interaktion.

3 z.B. direkt vom Acker zum Konsumenten

4 Die bekannte Geschichte der Uhr beginnt mit den Sonnenuhren. Die Gnomonik, die Lehre von der Sonnenuhr, unterscheidet viele Typen, welche alle unterschiedlich akkurat funktionieren. Man- che lassen sich durch das Ablesen eines Schattens, andere durch das Wandern eines Lichtstrichs lesen. Der Typ Sonnenuhr, der in der Lage ist, auf die Minute genau und jahreszeitunabhängig die Zeit zu messen, ist eine relative junge Entwicklung. Dieser wurde bis ins 19. Jahrhundert verwendet, um mechanische Uhren zu überprüfen und zu justieren (vgl. Opizzo 2001, S. 22). Bestätigt ist das Wissen über den Gebrauch von Sonnenuhren vor mehr als 4.000 Jahren - dass Menschen die Sonnenuhren zum ersten Mal benutzten, kann weiter zurückliegen

5 Die alten Temporalstunden (auch ungleiche Stunden genannt) teilten Nacht und Tag in immer 12 Teile - weil Tag und Nacht aber nicht immer gleich lang sind verändern sich auch die Temporalstunden.

6 Durch die Kanoniale Zeitmessung verloren die Temporalstunden weitgehend an Bedeutung und wurden durch die fünf Gebetszeiten Prima, Tertia, Sexta, Nona, Vespera und die zwei Nacht- gebetszeiten ersetzt. Diese Gebetsstunden wurden auch Horen genannt. Die Horen wurden mit der Kanonialen Sonnenuhr gemessen. Ihr genauer Abstand zueinander bedurfte oft der Festle- gung durch Feuer-, Wasser- oder Eieruhr. Weil die Bibel häufig von Stunden spricht versuchte man diese Ordnung beizubehalten - so lagen die Horen immer ungefähr drei Stunden ausein- ander. Zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert wurden die Kanoniale Sonnenuhren an Kirchen angebracht und halfen, den Tag mit Gebetszeitpunkten zu markieren - sie waren der Taktgeber der Temporalstruktur. ”VonjetztanistesdieKirche,dieselbstimBesitzeigentlicherUhren durch die Glockensignale, die sie gibt, nicht nur zur Teilnahme am Gottesdienst auffordert, sondern auch das ganze bürgerliche Leben regelt und ordnet “ (Bilfinger 1992, S.3 ). Zuerst nur im religiösen Leben benutzt, breitete sich die kanoniale Zeiteinteilung schnell auf die gesamte christliche Welt aus - im Klerus, ebenso in der Wirtschaft und dem Privaten.

7 Bis heute ist nicht geklärt, wer als Erfinder der mechanischen Uhr zu gelten hat. Man geht davon aus, dass diese Errungenschaft nicht einer Person zugeschrieben werden kann und sich in Einzelschritten vollzog (vgl. Bilfinger 1992, S. 145).

8 Die mechanische Hemmung wurde zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert entdeckt. Durch kon- stantes Aus- und Einhaken des Uhrenrads wird ein gleichförmiges Laufen ermöglicht. Die Hem- mung machte eine kontrollierte Beschleunigung möglich und somit die Einteilung in gleich lange Stunden.

9 Anfangs waren im Mittelalter drei Arten zu zeiten populär: Die 24-Stunden-Zählweise begann jeweils eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang und verschob sich deshalb von Tag zu Tag - sie zählte noch in ungleich langen Stunden. Die Nürnberger Uhr (die erste populäre Taschenuhr) unterschied eine Trennung von Tag und Nacht (auch sie hatte keine gleichen zweimal 12 Stunden, sondern jeweils immer 12 Untertei- lungen). Die halbe Uhr zählte ebenfalls zweimal 12 Stunden, diese waren jedoch wie bei der modernen Zeitrechnung, immer gleich lang.

1 Die so genannte Feueruhr funktionierte durch das Abbrennen einer Substanz, was eine immer gleiche Zeit dauerte. Sie wurde als Wecker benutzt, indem herausfalle Metallstücke einen Ton verursachten. Wann sie zum ersten Mal gebraucht wurde, ist unklar.

2 Die Wasseruhr ist wetterunabhängig und hat einen gleichförmigen Gang. Sie bestimmt die Zeit- dauer über auslaufendes Wasser und kann auch mit mechanischen Geräten kombiniert werden. Weil ihr Grundprinzip sehr einfach ist, begleitet sie den Zivilisationsprozess schon seit einer geraumen Zeit. Erstmals wurde sie im 1. Jahrtausend in Indien und China erwähnt - weit nach den ersten Sonnenuhren. Wasseruhren gibt es in vielen Ausführungen, die von sehr simpel bis zu unglaublich komplex und detailverliebt reichen. In Europa geht die Ära der Wasseruhren in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu Ende.

3 Die Sanduhr funktioniert mit einer bestimmten Menge Sand, die gleichförmig durch ein Loch rieselt - die Zeit, die dabei verstreicht bleibt immer gleich lang. Sie wird zur Bestimmung einer Dauer und nicht zum Feststellen der Tageszeit benutzt. Es werden auch gemahlene Eierschalen verwendet, woher der Name Eieruhr rührt. Wegen der Ähnlichkeit zur antiken Wasseruhr wurde die Sanduhr als dementsprechend alt datiert, jedoch ist ihre Verbreitung erst seit dem Mittel- alter des 14. Jahrhunderts bestätigt (vgl. van Rossum 1995, S. 156). ”Sanduhrenhabenfürdie Durchsetzung des sozialen Gebrauchs der neuen Stundenrechnung und für die Eroberung neu- er zeitorganisatorischer Techniken weit über das Spätmittelalter hinaus eine den Räderuhren mindestens vergleichbare Rolle gespielt“ (van Rossum 1995, S. 158 ). Die beiden Uhrentypen ergänzten sich und konnten so ihre Ausbreitung beschleunigen. Weil die mechanische Uhr nur die Stunden schlug, gab es den Bedarf, das sich mehr differenzierende Leben genauer zu zeiten. So maßen Sanduhren viertel, halbe und ganze Stunden. Van Rossum beschreibt ihr umfangrei- ches Einsatzgebiet in der Produktion, in Versammlungen, in der Nautik, als der ungenauen mechanischen Uhren und als Prestigeobjekt.

4 Waag-Räderuhren sind Uhren die ohne Hemmung, durch ein Gewicht getrieben, laufen. Ihre Genauigkeit ist auf Grund dieses Prinzips äußerst ungenau (vgl. van Rossum 1995, S. 73).

5 Vieles um das Auftauchen und die Erfindung der ersten Schlaguhren ist bis heute nicht genau geklärt und mehrere Länder reklamieren diesen kulturellen Beitrag für sich.

6 In diesem Kontext auch interessant sind Entwicklungen des (vgl. Butze 1975): 14. Jahrhunderts: ca. 1300: Gründung des Osmanischen Reichs; Ende des Sklavenhandels in Europa ca. 1315: Entdeckung der treibenden Wirkung des Schwarzpulvers. ca. 1330: Beginn des ’HundertjährigenKriegs‘;KlimaverschlechterungundhäufigeUnwetterinEuropa;ca.1370: Höhepunkt hanseatischer Macht; Beginn der Epoche der Renaissance 15. Jahrhunderts: ca.1400: Beginn der Hexenprozesse in Europa; ca. 1440: Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern; ca.1460: Dezimalrechnung wird populär; ca.1490: Entdeckung Amerikas. 16. Jahrhunderts: ca.1506: Die Erfindung der Taschenuhr; ca.1520: Luther wird vom Papst gebannt; ca.1530: Der Jesuitenorden entsteht; ca.1580: Gregorianische Kalenderreform

Details

Seiten
78
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640548811
ISBN (Buch)
9783640552016
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144766
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Auswirkung Einführung Mittelalter Analysiert Soziologie Norbert Elias

Autor

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Titel: Auswirkung der Einführung der mechanischen Uhr im Mittelalter