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LiteraturNEUverfilmung. Die filmischen Bearbeitungen von Theodor Fontanes "Effi Briest" durch Rainer Werner Fassbinder und Hermine Huntgeburth

Ein Vergleich unter ausgewählten Aspekten

Seminararbeit 2009 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literatur im Film: Der Medienwechsel und seine Folgen

3. Die Verfilmung von Effi Briest
3.1 Rainer Werner Fassbinder (1974)
3.1.1 Darstellung der Figuren
3.1.2 Erzähltechnik
3.1.3 Umgang mit der Vorlage
3.2 Hermine Huntgeburth (2009)
3.2.1 Darstellung der Figuren
3.2.2 Erzähltechnik
3.2.3 Umgang mit der Vorlage

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Forschungsliteratur

1. Einleitung

Wirft man einen Blick in Metzlers Lexikon der Literaturverfilmungen[1], so stößt man auf über viereinhalbtausend verzeichnete Titel allein deutscher Produktionen seit 1945. Etwa die Hälfte aller jemals produzierten Filme bezieht sich auf eine literarische Quelle, meist einen Roman.[2] So ist die filmische Adaption literarischer Vorlagen seit jeher von größtem Interesse für Regisseure und Filmemacher und das Genre der ‚Literaturverfilmung’ ein fest etabliertes, ist seine Geschichte doch beinahe so alt wie die Geschichte des Films selbst.[3]

Dabei verdienen besondere Aufmerksamkeit vor allem jene Vorlagen, die bereits mehrmals filmisch umgesetzt wurden, nicht zuletzt deshalb, weil sich daran häufig sowohl die verschiedenen Adaptionsformen und -möglichkeiten der jeweiligen Zeit nachzeichnen lassen und damit auch die Entwicklung des Mediums Film, als auch die Unterschiedlichkeit der individuellen Herangehensweisen und Bearbeitungen der Vorlage ersichtlich werden und somit ein nicht unwesentlicher Teil ihrer Rezeptionsgeschichte. Was solche ‚Mehrfachverfilmungen’ über den literarischen Wert und die literatur-geschichtliche Bedeutung der jeweiligen Werke aussagen, versteht sich von selbst.

Eben einem solchen Werk widmet sich die folgende Arbeit; sie widmet sich Theodor Fontanes Gesellschaftsroman » Effi Briest «, welcher längst Eingang in den Literaturkanon gefunden hat und zur Standardlektüre in Schulklassen geworden ist. Thomas Mann zählt ihn – und das zurecht – zu den wichtigsten der Weltliteratur. Über die Bedeutsamkeit dieses Werks bestehen also keinerlei Zweifel. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass dieser 1895 erstmals erschienene Roman bereits fünfmal für Fernsehen und Kino verfilmt wurde. Die jüngste Verfilmung war erst vor wenigen Monaten, im Frühjahr 2009, über einhundert Jahre nach Veröffentlichung ihrer Vorlage, in den Kinos zu sehen, was ein beeindruckendes Zeugnis der scheinbar bis heute ungebrochenen Attraktivität ihrer Thematik darstellt.[4]

Doch fünf Filmadaptionen bedeuten auch fünf zum Teil sehr unterschiedliche Interpretationen – und nichts anderes sind Literaturverfilmungen letztlich als Teil des literarischen Rezeptionsprozesses –, an welchen sich die differenzierten Möglichkeiten der filmischen Umsetzung von Literatur manifestieren.

Im Folgenden sollen die beiden wohl bekanntesten Verfilmungen von Effi Briest – die 1974 entstandene Umsetzung von Rainer Werner Fassbinder und die bereits erwähnte Neuverfilmung von Hermine Huntgeburth aus dem Jahr 2009 – genauer betrachtet werden, wobei nicht nur der Bekanntheitsgrad der Bearbeitungen, sondern auch die zeitliche Distanz von 35 Jahren, in denen sowohl eine methodische und technische Weiterentwicklung des Films, wie auch eine Wandlung der Darstellungsweise von Inhalten stattgefunden hat, einen Vergleich dieser beiden Umsetzungen besonders interessant macht.

Dieser erfolgt jedoch nicht, ohne zuvor – wenigstens kurz – das Phänomen der Literaturverfilmung an sich darzustellen und auf den damit verbundenen Medienwechsel und dessen Folgen einzugehen. Im Anschluss daran folgt eine vergleichende Analyse der beiden Verfilmungen, die sich im Rahmen dieser Arbeit jedoch auf ausgewählte Gesichtspunkte beschränken muss. Dabei geht es nicht primär um den jeweiligen Vergleich von Buch und Film, der Schwerpunkt der Analyse liegt vielmehr auf der Herausarbeitung der wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden filmischen Bearbeitungen im Hinblick auf die Figurendarstellung, die Erzähltechnik sowie den individuellen Umgang mit der Vorlage. Ein abschließendes Résumé, das die gewonnenen Ergebnisse noch einmal aufgreift und zusammenfasst, bildet den Schluss der Arbeit.

2. Literatur im Film: Der Medienwechsel und seine Folgen

Das Thema der Literaturverfilung ist ein durchaus streitbares, sind die Meinungen hierzu teilweise doch sehr unterschiedlich. Vor allem wenn es darum geht, welchen Stellenwert man dem Genre nun zukommen lassen soll, finden sich nicht selten gegensätzliche Standpunkte.[5] Dass das Genre der Literaturverfilmung grundsätzlich mit einem Imageproblem zu kämpfen hat, ist heute – im Gegensatz zu den Anfangszeiten des Films, in denen die filmische Umsetzung von Literatur gar zur ‚Barbarei’ herabgewürdigt wurde[6] – sicherlich nicht mehr zutreffend, doch ist es „nach wie vor geeignet, skeptische Reaktionen hervorzurufen.“[7] Vor allem unter Filmwissenschaftlern, welche den Film als eigenständiges Kunstwerk betrachten und mit einer „hybride[n] Kunstform“[8] wie der Literaturverfilmung nur wenig anzufangen wissen, ist diese Skepsis noch weit verbreitet.[9] So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Literaturverfilmungen bis heute kein ernstzunehmendes Forschungsfeld in der Filmwissenschaft darstellen.[10]

Ferner existiert noch immer das Argument des ‚passiven Zuschauers’ im Gegensatz zum ‚aktiven Leser’[11], wenngleich die Annahme, der Rezeptionsvorgang beim Schauen eines Films sei anspruchslos und passiv, falsch ist, was wissenschaftliche Untersuchungen hierzu gezeigt haben.[12]

Eine andere Form der Skepsis findet sich schließlich in der „prinzipiellen Höherschätzung des […] Originals gegenüber allen ‚abgeleiteten’ Werken ‚aus zweiter Hand’.“[13] Das bedeutet, nicht die Tatsache, dass es sich bei der Verfilmung um ein anderes Medium als das des ‚Printmediums’ handelt, gibt in diesem Fall den Ausschlag, sondern, dass es eben nicht ‚original’ ist. Es wäre interessant, zu erfahren, wie manch kritisches Urteil über eine Literaturverfilmung ausfiele, wäre der Beurteilende nicht in Kenntnis der (originalen) literarischen Vorlage. Man darf die Behauptung wagen, es wäre positiver.

Nun darf bei aller vorherrschenden Skepsis jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass sich die Literaturwissenschaft – im Gegensatz zur Filmwissenschaft – dem Themenkomplex sehrwohl inzwischen geöffnet hat und ihre Aufmeksamkeit gerade auch auf „Pänomene der Intertextualität und der ‚Hybridisierung’“[14] richtet, weshalb Standpunkte wie die soeben geschilderte Höherschätzung des Originals im literaturwissenschaftlichen Diskurs auch keine Rolle mehr spielen. Literatur und Film können – zumindest im wissenschaftlichen Umgang – also mittlerweile als gleichberechtigt angesehen werden; und auch der zunehmende Einsatz von Literaturverfilmungen als Unterrichtsmedium in der Schule untermauert ihre Etablierung.[15]

Was – über alle grundsätzlichen Fragen zu Image und Stellenwert hinaus – tatsächlich mit Skepsis betrachtet werden muss, ist der Begriff der ‚Literaturverfilmung’ selbst. Dieser nämlich ist, wie auch Franz-Josef Albersmeier zurecht feststellt „so problematisch wie der Gegenstand, den er, mangels besserer terminologischer Alternativen in der deutschen Sprache, behelfsmäßig umschreibt.“[16] Und Knut Hickethier bemerkt hierzu:

Von ‚Literaturverfilmung’ zu reden, heißt, den ersten Schritt in die falsche Richtung tun: denn im Begriff der Ver filmung steckt bereits die erlittene Ver formung des Kunstwerks […].[17]

Gerade dieser Argumentation, die im Wort Verfilmung enthaltene Vorsilbe ‚ ver ’ sorge für eine qualitative Abwertung des Films gegenüber der Literatur und sei somit unzutreffend, begegnet man relativ häufig. Dabei muss entgegenhalten werden, dass mit dem besagten Präfix nicht zwangsläufig eine negative Konnotation verbunden sein muss. Das größere Problem, das der Begriff in sich birgt, ist seine Unschärfe.[18] Was genau wird beschrieben, wenn von ‚Literaturverfilmung’ die Rede ist? Darf die Verfilmung eines trivialen zeitgenössischen Liebesromans mit gleichem Recht als ‚Literaturverfilmung’ bezeichnet werden, wie beispielsweise die Verfilmung von Effi Briest, eines kanonisierten Werkes der sogenannten ‚Weltliteratur’? Da mit dem Wort ‚Verfilmung’ eine zwar nicht ganz glückliche, aber dennoch relativ eindeutige Aussage getroffen wird, nämlich – um es einfach zu formulieren –, dass etwas zu einem Film (gemacht) wird, kann die Beantwortung dieser Fragen zwangsläufig – wenn überhaupt – nur über eine genauere Definition des Begriffs der ‚Literatur’ an sich führen. Dies jedoch ist nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit, weshalb es an dieser Stelle bei dem Verweis und der Sensibilisierung auf die existierende Definitionsproblematik bleiben muss.

Neben dem Begriff der ‚Literaturverfilmung’ bestehen jedoch noch einige weitere Bezeichnungen, die aus dem Versuch heraus entstanden sind, dieses „weite Feld […] nach Typen der Umsetzung zu gliedern und Arten der Literaturadaption zu bestimmen.“[19] Eine solche Gliederung wurde bereits 1981 von Helmut Kreuzer entwickelt. Hierin unterscheidet er zwischen der » Aneignung von literarischem Rohstoff «, also der „Übernahme herausgenommener Handlungselemente oder Figuren, die man im autonomen Filmkontext für brauchbar hält“[20], der » Illustration «, welche sich so eng wie möglich an die Vorlage hält, der » Transformation «, bei der unter den Bedingungen des anderen Mediums ein „neues, aber möglichst analoges Werk entsteht“[21] und schließlich der » Dokumentation «, bei welcher ein Theaterstück abgefilmt wird.

Ein Aspekt, der bei dem Stichwort der ‚Literaturverfilmung’ neben den anfänglichen –zumindest in der Fachwissenschaft vorherrschenden – Schwierigkeiten ihrer Akzeptanz und der Problematik einer adäquaten Definition und Begrifflichkeit ebenfalls zur Darstellung kommen muss, sind die Folgen, die der durch die Verfilmung vollzogene Medienwechsel zwangsläufig mit sich bringt. Da Literatur und Film mit zwei unterschiedlichen Darstellungsformen arbeiten[22], ergeben sich unvermeidlich Schwellen, die es zu überwinden gilt und die eine Eins-zu-eins-Übertragung der literarischen Vorlage in den Film nahezu unmöglich machen. So wird, wie auch Ursulina Pittrof richtig erkennt, „ein Informationsverlust nie zu vermeiden sein.“[23] Gerade im Hinblick auf die Gestaltung von verschiedenen Zeitebenen erweist sich das schriftsprachliche Medium mithilfe seines Erzählers als dem Film gegenüber im Vorteil. Zeitsprünge, ein nicht-chronologischer Handlungsverlauf oder das Anhalten der Zeit sind in der filmischen Umsetzung nur bedingt möglich oder zumindest mit Schwierigkeiten verbunden.[24]

Des Weiteren ist das in erster Linie visuell geprägte Medium Film zwangsläufig wesentlich konkreter in der Darstellung als das verbalsprachliche Zeichen des ‚Printmediums’[25] und lässt somit kaum etwas der Phantasie des Rezipienten übrig, wie Anne Bohnenkamp es anschaulich verdeutlicht:

[...]


[1] Schmidt, Klaus M./Schmidt, Ingrid (Hrsg.): Lexikon Literaturverfilmungen. Verzeichnis deutschsprachiger Filme 1945-2000. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler 2000.

[2] Vgl.: Albersmeier, Franz-Josef u. Roloff, Volker (Hrsg.): Literaturverfilmungen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989. (= Suhrkamp Taschenbuch 2093). S. 6.

[3] Vgl.: Albersmeier, Franz-Josef: Einleitung: Von der Literatur zum Film. Zur Geschichte der Adaptionsproblematik. In: Literaturverfilmungen. Hrsg. von Franz-Josef Albersmeier u. Volker Roloff. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989. (= Suhrkamp Taschenbuch 2093). S. 16.

[4] Die erste filmische Umsetzung des Romans entstand bereits im Jahr 1939 mit dem Titel » Der Schritt vom Wege « unter der Regie von Gustav Gründgens. Eine weitere folgte wenige Jahre später, 1955, in Westdeutschland von Rudolf Jugert unter dem Titel » Rosen im Herbst «. Die dritte, von Wolfgang Luderer, ist eine DDR-Produktion aus dem Jahr 1968 und die vierte, mit dem Titel » Fontane Effi Briest «, entstand unter der Regie von Rainer Wernder Fassbinder im Jahr 1974.

[5] Eine kurze Auswahl verschiedener Forschermeinungen hierzu, v.a. zur Frage der ‚Verfilmbarkeit’ von Literatur, findet sich bei Evelyn Strautz: Probleme der Literaturverfilmung. Dargestellt am Beispiel von James Ivorys A Room With A View. Alfeld/Leine: Coppi-Verlag 1996. (= Aufsätze zu Film und Fernsehen, Bd. 38). S. 6-8.

[6] Vgl.: Gladziejewski, Claudia: Dramaturgie der Romanverfilmung. Systematik der praktischen Analsyse und Versuch zur Theorie am Beispiel von vier Klassikern der Weltliteratur und ihren Filmadaptionen. (Diss. Hamburg 1997). Alfeld/Leine: Coppi-Verlag 1998. (= Aufsätze zu Film und Fernsehen, Bd. 63). S. 1.

[7] Bohnenkamp, Anne (Hrsg.): Interpreatitonen Literaturverfilmungen. Stuttgart: Reclam 2005. (= RUB 17527). S. 9.

[8] Vgl.: Ebd.

[9] Vgl.: Ebd.

[10] Ebd. S. 12.

[11] Vgl.: Gladziejewski: Dramaturgie. S. 3.

[12] Vgl.: Bohnenkamp: Literaturverfilmungen. S. 10.

[13] Ebd. S. 11.

[14] Ebd.

[15] Vgl.: Ebd. S. 10f.

[16] Albersmeier: Adaptionsproblematik. S. 15.

[17] Hickethier, Knut: Der Film nach der Literatur ist Film. Volker Schlöndorffs ‚Die Blechtrommel’ (1979) nach dem Roman von Günter Grass (1959). In: Literaturverfilmungen. Hrsg. von Franz-Josef Albersmeier u. Volker Roloff. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1989. (= Suhrkamp Taschenbuch 2093). S. 183.

[18] Vgl. hierzu auch: Bohnenkamp: Literaturverfilmungen. S. 11.

[19] Bohnenkamp: Literaturverfilmungen. S. 35.

[20] Kreuzer, Helmut: Arten der Literaturadaption. In: Literaturverfilmung. Hrsg. von Wolfgang Gast. Bamberg: C. C. Buchner 1993. (= Themen – Texte – Interpretationen, Bd. 11). S. 27.

[21] Ebd. S. 28.

[22] Vgl.: Pittrof, Ursulina: Der Weg der Rose vom Buch zum Film. Ein Vergleich zwischen dem Buch Il nome della rosa und seiner filmischen Umsetzung. Marburg: Tectum Verlag 2002. S. 15.

[23] Ebd.

[24] Vgl.: Strautz, Evelyn: Probleme der Literaturverfilmung. Dargestellt am Beispiel von James Ivorys A Room With A View. Alfeld/Leine: Coppi-Verlag 1996. (= Aufsätze zu Film und Fernsehen, Bd. 38). S. 10.

[25] Vgl.: Bohnenkamp: Literaturverfilmungen. S. 31.

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640537327
ISBN (Buch)
9783640537587
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144734
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Germanistik - Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Effi Effi Briest Rainer Werner Fassbinder Hermine Huntgeburth Literaturverfilmung Film Roman Gesellschaftsroman Vergleich filmische Umsetzung filmische Bearbeitung Instetten Crampas Medienwechsel

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Titel: LiteraturNEUverfilmung. Die filmischen Bearbeitungen von Theodor Fontanes "Effi Briest" durch Rainer Werner Fassbinder und Hermine Huntgeburth