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Definition und Arten von Stigmata. Eine Analyse am Beispiel "Übergewicht"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 19 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Stigma – Theorie
1.1. Begriffsklärung und historischer Hintergrund
1.2. Stigma heute
1.3. Diskreditiert und Diskreditierbar
1.4. Verschiedene Arten der Stigmata
1.5. Identität
1.6. Leben in einer stigmatisierenden Welt
1.6.1. Bewältigung der Stigmatisierung
1.6.2. Die „Normalen“

2. Selbstgewähltes Beispiel: Übergewicht

3. Analyse des Beispiels anhand der Stigmatheorie
3.1. Übergewicht als Stigma
3.2. Welche Art von Stigma ist Übergewicht?
3.3. Diskreditiert und Diskreditierbar
3.4. Übergewicht und Identität
3.5. Umgehen mit der Stigmatisierung
3.6. Konsequenzen für das Umfeld – Grenzpersonen

4. Auswertung der Analyse

5. Literaturverzeichnis

1. Die Stigma – Theorie

1.1. Begriffsklärung und historischer Hintergrund

Der Begriff Stigma ist lateinischen und griechischen Ursprungs und bedeutet übersetzt Zeichen, Makel oder (Brand)Mal.

Im Zeitalter der Griechen waren Stigmata Zeichen, die einer Person, die aus moralischen Gründen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden sollten oder deren unmoralisches Verhalten der Gesellschaft mitgeteilt werden sollte, zugefügt wurden, entweder durch Schnitte, Brandzeichen oder durch Aufnäher.

Ein Beispiel: In dem Buch „Der scharlachrote Buchstabe“[1] wird einer Frau ein rotes „A“ als Zeichen auf die Kleidung gestickt um ihrer Umgebung zu zeigen, dass sie ein Kind erwartet, welches nicht von ihrem Mann ist, und dass sie Ehebruch begangen hat. Durch dieses Zeichen wurde sie von ihrer Umwelt verachtet und nicht mehr als Teil der Gemeinschaft angesehen.

Im christlichen Glauben bekam das Stigma eine weitere Bedeutung, es waren so genannte Zeichen „göttlicher Gnade“[2], welche auf der Haut zu finden waren.

1.2. Stigma heute

Auch heute gibt es Menschen, die von der Gesellschaft als unwürdig, anders, unnormal, bedauerlich, minderwertig oder unvollkommen angesehen werden.

Stigmata sind jedoch keine charakterbeschreibenden Beschaffenheiten, sondern Blickwinkel, aus denen die Umwelt ein Individuum betrachtet. Dieses Individuum kann auf Grund seiner körperlichen Gegebenheiten (z.B. Haut – farbe), seiner Vergangenheit, seiner Religion, seiner Herkunft, seiner Ansichten oder seiner Aktivitäten von anderen als unterlegen gewertet werden. Wenn diese spezielle Eigenart (meist eine negative) eines Individuums von anderen als das alles bestimmende Merkmal angesehen wird und andere Merkmale dadurch in den Hintergrund geraten, spricht man von einer Stigmatisierung. Es bleibt festzustellen, dass ein stigmatisiertes Individuum nicht in jedem Umfeld ein stigmatisiertes ist, so kann eine Vorstrafe eines Jugendlichen im Kreise der Familie als bedauerlich, unter seinen Freunden jedoch als Heldentat angesehen werden. Wichtig also: die Gruppe in der man sich befindet. Befindet man sich in einer In – group, einer Gruppe, die aus Verbündeten besteht, fühlt man sich weniger diskreditiert (siehe Kapitel 1.3.) als in einer Out – Group, einer Gruppe anderer, die einen diskreditieren kann, da man diskreditierbar ist.

1.3. Diskreditiert und diskreditierbar

Ein wichtiger Unterschied beim Thema Stigmatisierung ist der zwischen diskreditierten und diskreditierbaren Individuen. Hierbei geht es um die Deutlichkeit des Stigmas.

Wenn sich zum Beispiel eine Person mit einem Sprachfehler (z.B. Stottern) einer noch unbekannten Person vorstellte, wird sein Makel sofort sichtbar und er wird diskreditiert. Die normale Person, wenn sie höflich ist, wird dem Makel keine evidente Beachtung schenken was trotzdem zu einer angespannten Redesituation führt, jedoch ist es auch möglich, dass sie die Stigmatisierung offen ausspricht und damit demütigend handelt. Auf jeden Fall ist wichtig, dass der Makel offensichtlich und kaum versteckbar ist. Menschen mit einem offensichtlichen angeblichen Fehler sind darauf gefasst, dass ihr normaler Gegenüber dieses erkennt und darauf reagiert, sie können dieser Situation nicht aus dem Weg gehen, außer sie sozialisieren sich nur unter ihresgleichen, obwohl es auch dort zu Stigmatisierungen kommen kann, da es verschiedene Grade der Behinderung oder verschiedene Schweregrade der Problemlage gibt.

Ist der Makel jedoch nicht gleich offensichtlich (z.B. Religion, früherer Gefängnisaufenthalt, Sucht), handelt es sich um eine diskreditierbare Person. Es besteht die Möglichkeit der Stigmatisierung, wenn der Makel enthüllt wird. Dies führt zu einer weitaus schwierigeren bzw. gespannteren Situation für das Individuum selbst, lebt er doch vielleicht im ständigen Hoffen, dass das diskreditierbare Merkmal nicht an die Öffentlichkeit gerät, oder er steht im Zwiespalt, ob er sein Geheimnis gleich lüften oder auf Dauer verheimlichen sollte. So kommt es zur Planung des Verhaltens, meist versuchen die diskreditierbaren Personen nicht aufzufallen, sich nicht in den Vordergrund zu spielen, damit sie auch ja unerkannt bleiben. Oder sie versuchen konkret ihr Umfeld zu täuschen. Wenn in einer Gesellschaft zum Beispiel rote Haare als lasterhaft angesehen werden, kann eine rothaarige Frau ihre Haare färben um nicht sich vor Diskriminierung zu schützen. Oder sie lügen ganz konkret, verschweigen Teile ihrer Vergangenheit oder ihre Herkunft, zum Beispiel eine Frau, die ihr Kind abgetrieben hat, wird diesen Fakt im Rahmen einer katholischen Kirchenveranstaltung wohl kaum erwähnen.

1.4. Verschiedene Arten der Stigmata

Man unterscheidet zuerst zwischen dem angeborenen und dem erworbenen Stigmata.

Phylogenetische Stigmata sind angeboren, zu ihnen gehören Rasse, Nation und Religion. Sie sind meist in der gesamten Familie zu finden und werden von Generation zu Generation weitergegeben[3]. So ist es sehr wahrscheinlich wenn eine buddhistische Familie ein Kind bekommt, dass sie dieses auch im buddhistischen Glauben erziehen. Dieses Stigma kann zwar vom Kind abgelegt werden, dadurch würde aber unter Umständen direkt ein neues Stigma entstehen: Für die nicht – buddhistische Welt wäre die Person dann „normal“, von der eigenen Familie würde sie nun jedoch womöglich dafür diskreditiert werden, dass sie der Religion den Rücken gekehrt hat.

„Individuelle Charakaterfehler“[4] können sowohl angeboren als auch erworben sein – so kann ein Mensch aus einer sehr ehrenhaften angesehen Familie kommen, dann aber eine Frau vergewaltigen und damit diskreditiert werden, hierbei würde es sich um ein erworbenes Stigma handeln, denn es ist eher unwahrscheinlich als Vergewaltiger auf die Welt zu kommen.

Auf der anderen Seite kann Homosexualität in gewissen Gesellschaftskreisen als Charakterfehler und damit als Stigma angesehen werden und dies ist meist zweifellos ein angeborenes Stigma, denn man „wird“ ja nun nicht schwul, lesbisch oder bisexuell.

Physische Makel können ebenfalls angeboren oder erworben sein. Ein Beispiel für einen angeborenen physischen Makel wäre ein Feuermal im Gesicht, dieser ist für alle sichtbar und macht die betroffene Person zu einer stigmatisierten. Ein Beispiel für ein erworbenes körperliches Stigma wäre ein amputierte Hand nach einem Unfall.

Mit einem angeborenen Stigma wächst man auf, man kennt das eigene Ich ohne dieses Merkmal nicht. Bis zu einem gewissen Alter ist es sicherlich möglich die Erkenntnis des Stigmas vor dem Kind geheim zu halten, in dem man als Eltern einen „Zauberkreis“[5] baut. Dieser schützt den Heranwachsenden vor der Außenwelt, die die Stigmatisierung öffentlich vornehmen könnte. Doch diese Vorangehensweise ist meist temporär beschränkt, denn man kann keinen Menschen sein Leben lang isolieren, so ist es meist beim ersten Schulbesuch vorbei mit dem Zauber, das Kind trifft auf anderen Kinder und registriert die Diskrepanz zwischen dem Selbstbild und der Wahrnehmung der anderen, die unter Umständen in frühen Kinderjahren dazu führt, dass sich das Ich – Ideal des Kindes ändert, womit es zu Selbstzweifeln oder gar Selbsthass kommen kann, da man dem eigenen neuen Ideal nicht mehr entspricht. Plötzlich erkennt das Kind, dass es sich sein ganzes Leben lang für normal hielt, dies plötzlich nicht mehr ist und niemals war.

Ein erworbenes Stigma enthält andere Schwierigkeiten: Man gehörte sein Leben lang zu einer gewissen Gruppe, vielleicht hatte man hier und da kleine Unzulänglichkeiten, doch alles in allem fühlte man sich „normal“ und sah verächtlich auf Gruppen Stigmatisierter herab, vielleicht hat man selbst Stigmatisierungen vorgenommen und diskriminiert. Wenn man dann plötzlich selbst zu einer dieser diskreditierten Gruppen gehört, die man vorher als unterlegen eingestuft hat, kommt die eigene Identität ins Ungleichgewicht und Selbstzweifel können auch hier die Folge sein. Beispiel:

Ein erfolgreicher Geschäftsmann hatte sein Leben lang ne Menge Geld, hat auch immer hart gearbeitet und lebte in Luxus. Er machte sich lustig über die Armen und Menschen, die klassentheoretisch unter ihm standen, und verachtete sie, hielt sich für was Besseres. Plötzlich verliert der Mann bei einem Börsencrash sein gesamtes Vermögen und gehört nun auch zu der vorher von ihm selbst diskreditierten Gruppe. Nun wird er selbst stigmatisiert von anderen und muss sich an die neuen Lebensumstände gewöhnen.

1.5. Identität

Zunächst zur sozialen Identität: Goffman spricht bei der Interaktion von Menschen von zwei verschiedenen sozialen Identitäten, die Menschen anderen zuweisen[6]: Die virtuale und die aktuale soziale Identität. Die virtuale soziale Identität ist die erste Einschätzung über einen Menschen, eine erste Kategorisierung in eine Schublade. Wenn man zum Beispiel von einem Menschen weiß, er sei Sozialarbeiter, wird oft sofort angenommen, dass dieser viel analysiert, gut zuhören kann und immer über alles reden möchte. Die tatsächlichen Attribute dieses Menschen, die wir vielleicht im Gespräch kennenlernen, werden aktuale soziale Identität genannt. So kann es sich bei dem eben beschriebenen Sozialarbeiter um einen eher wortkargen, pragmatischen Menschen handeln, der so gar nicht in das vorher konstituierte für ihn vorgesehene Bild passte. Bei solchen Fällen handelt es sich um eine Diskrepanz zwischen virtualer und aktualer sozialer Diskrepanz, die dazu führen kann, dass man den Menschen auf – oder abwertet. Einige Menschen würden sich bei dem Sozialarbeiter freuen, dass er ihnen doch kein Ohr abkaut, somit würde er aufgewertet werden, andere Menschen sind vielleicht enttäuscht und halten ihn durch seinen mangelnden Redefluss für einen minderwertigen inkompetenten Sozialarbeiter, dadurch würde er abgewertet werden. Sind also unsere Vorstellungen des Menschen und die Wirklichkeit nicht vereinbar, wird automatisch eine Neukategorisierung vorgenommen. Ich habe auch noch ein Beispiel aus dem eigenen Leben für einen solchen Fall: An meinem ersten Tag an der FH traf ich auf eine Kommilitonin in meiner Erstsemestereinführungsgruppe, von der ich mir sofort einen ersten Eindruck verschaffte, eine virtuale soziale Identität. Die trug das Haar fest nach hinten zu einem Dutt gezogen, trug eine schwarzumrandete Brille und hatte einen relativ spitz - zulaufenden Mund, was alles den Anschein machte, dass sie eine strenge, kontrollierte Person sei. Nach wenigen Stunden gingen wir zusammen eine Zigarette rauchen und unterhielten uns, da kam dann die aktuale soziale Identität ins Spiel. Sie wirkte bei näherem Kennen lernen sehr lebenslustig, unkompliziert und liebevoll. Diese Person ist nun eine meiner besten Freundinnen.

Die Ich – Identität handeln vom Bild eines Individuums von sich selbst. Dieses Bild ist meist beeinflusst von der Außenwelt, so werden Normen und Kriterien der Gesellschaft bei der Kreation des Selbstbildes (meist) in Betracht gezogen und wenn man diese nicht erfüllt, hält man sich oft schon als diskreditierbar, wenn nicht sogar diskreditiert. Es kann allerdings auch passieren, dass ein Mensch, der ein stabiles und gesundes Selbstbild hatte, plötzlich in seiner Welt erschüttert wird, weil jemand aus seiner unmittelbaren Umgebung dieses Bild beeinflusst. Beispiel: Ein 15jähriges Mädchen, das sich für hübsch und normal hält, ist in einen Jungen verliebt. Dieser lehnt sie jedoch ab mit der Begründung, sie sei zu dick. Das Mädchen könnte dieses Bild übernehmen und sich nun selbst auch für zu dick halten. Damit hätte sie ihre eigenen Identität in diesem Punkt aufgegeben und sich von der Außenwelt zu etwas machen lassen.

Mit der persönlichen Identität verhält es sich anders. Hierbei geht es um das Bild, dass das Individuum in einer Gesellschaft verkörpert. Es geht um die Einzigartigkeit der Person . Zunächst geht es um eben diese, allerdings rein oberflächlich: das körperliche Erscheinungsbild zum Beispiel, welches meist auf der Welt nicht mehr vorhanden ist (außer bei Zwillingen), und die Rolle im innersten Kreis (z.B. Schwester, Mutter oder beste Freundin von…). Darüber hinaus geht es um verschieden Merkmale, die einzeln nicht besonders einmalig sind, im Ganzen jedoch eine völlig neue Variation darstellen, die es so noch nicht gegeben hat.

Zu guter letzt wird die letzte Form der Differenzierung von anderen durchgenommen, in dem man die Charakterzüge desjenigen betrachtet. So zum Beispiel die Form mit der man mit seinem Stigma umgeht, die Art wie man sein Leben organisiert, wie man etwas handhabt. Es gibt auf der Welt keine zwei Menschen, die sich in allen Punkten gleichen und so hat jeder Mensch eine einzigartige persönliche Identität, die genau wie die soziale Identität von der Gesellschaft bestimmt wird, von dem Blickwinkel der anderen Menschen, nur die Ich-Identität ist die Sicht auf sich selbst, doch auch die wird, wie bereits oben beschrieben, meist auch durch die Ansichten und Normen der anderen beeinflusst.

[...]


[1] Hawthorne, Nathaniel: Der scharlachrote Buchstabe, Goldmann, München, 1996

[2] Goffmann 1975, S.9

[3] Goffman, 1975, S.13

[4] Goffman, 1975, S.12

[5] Hermanns, 2004, S.8

[6] Goffman, 1975, S.10

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640528073
ISBN (Buch)
9783640528134
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144696
Institution / Hochschule
Fachhochschule Potsdam
Note
1,7
Schlagworte
Stigma Identität Soziologie

Autor

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