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Muslimische Religiosität und ihre Bedeutung im Alltagsleben von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 22 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Der Islam
2.2. Der Islam und das Christentum
2.3. Islamische Glaubenssätze
2.3.1. Der Glaube an einen einzigen, unpersönlichen Gott
2.3.2. Der Glaube an Engel
2.3.3. Der Glaube an alle vorherigen Bücher
2.3.4. Der Glaube an alle Propheten
2.3.5. Der Glaube an das Jenseits
2.3.6. Der Glaube an das Schicksal (göttliche Vorherbestimmung)
2.4. Glaubenssäulen im Islam
2.4.1. Glaubensbekenntnis
2.4.2. Gebet
2.4.3. Fasten
2.4.4. Almosengeben
2.4.5. Pilgern nach Mekka
2.5. Feste und Feiertage
2.6. Islamische Erziehung
2.6.1. die Familie
2.6.2. die Schule
2.6.3. Erziehungsmethoden
2.7. Die Rolle der Religion im Alltagsleben von Jugendlichen
mit türkischem Migrationshintergrund
2.7.1. Religiöse Praxis und religiöse Einstellungen in türkischen Migrantenfamilien
2.7.2. Zur Religiosität von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich habe das Thema "Muslimische Religiosität und ihre Bedeutung in der Lebenswelt von Migrantenjugendlichen" gewählt, weil ich als Berlinerin in einer Migrantengesellschaft lebe und in meinem Alltag häufig türkisch-stämmigen, muslimischen Mitmenschen begegne, ohne dabei viel über ihre Religion, Kultur und Erziehungsvorstellungen zu wissen.

Die Wahrnehmung muslimischen Lebens geht oft mit Mutmaßungen oder Vorurteilen einher.

Verlautbarungen und das öffentliche Auftreten von muslimischen Organisationen prägen unsere Vorstellungen von der islamischen Lebensweise und angesichts der Berichterstattung über Fundamentalismus und Terroranschläge in letzter Zeit bestimmen auch die Medien in nicht unerheblichem Maße das Bild, das man von Muslimen und Musliminnen hat. Die nicht-organisierte Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime rückt dabei kaum ins Blickfeld. Berichte über desolate Verhältnisse an deutschen Schulen mit hohem Ausländeranteil (Beispiel: Rütli-Schule in Berlin Neuköln), die Aggressionssteigerung sowie Bildungs- und Sprachdefizite bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund heizen außerdem die öffentlichen Diskussionen über mangelnde Integration und Orientierungslosigkeit an.

Ich habe mir zum Ziel gesetzt, die Lebenswelt der Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund unter dem Gesichtspunkt der muslimischen Religiosität näher zu beleuchten. Als erstes möchte ich mir mehr Wissen über den Islam und seine Grundsätze aneignen und weitervermitteln. Des weiteren möchte ich mehr über muslimische Erziehungsvorstellungen und -methoden erfahren. Zuletzt werde ich versuchen, die Bedeutung der muslimischen Religiosität im Alltag türkisch-stämmiger Jugendliche in Deutschland zu untersuchen. Die Fragen, die mich diesbezüglich interessieren, richten sich auf den Glauben und die religiöse Erfahrung der Jugendlichen, sowie auf ihre religiöse Praxis und die Konsequenzen, die sie aus ihrer religiösen Überzeugung für ihr Leben in Deutschland ziehen.

Infolge meiner Literaturrecherche kann ich bereits im Vorfeld auf die erheblichen Forschungsdefizite in diesem Bereich hinweisen. Die Informationen über den "Islam und türkisch-islamische Erziehungsmethoden" beziehe ich v.a. aus dem gleichnamigen Buch von Prof. Dr. Muzaffer Andac (erschienen 1995). Zudem werde ich mich auf Yasemin Karakasoglu-Aydins Untersuchung über "Muslimische Religiosität und Erziehungsvorstellungen" (1999) stützen. Die Forschungsliteratur über muslimische Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund besteht aus wenigen, kleinen qualitativen Studien, die zwar kaum als repräsentativ gelten können, aber zumindest stichprobenartige Einsichten gewähren. Als Grundlage für die Präsentation neuester Untersuchungsergebnisse dient mir die 2005 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend herausgegebene Studie "Viele Welten leben".

2. Hauptteil

2.1. Der Islam

Der Islam (arab. = Hingabe, Unterwerfung) bezeichnet die vom Propheten Mohammed gestiftete Weltreligion, die den absoluten Monotheismus lehrt. Seine Anhänger, die Moslems, verehren Allah in bildlosem Kult als den einzigen Schöpfer der Welt. Dem Glauben nach sind die Engel Gottes Boten und Mohammed ist sein letzter Prophet (Vorläufer sind Abraham, Moses, Jesus). Das heilige Buch mit unbedingter Autorität ist der Koran und neben ihm die Tradition (Sunna = arab. Weg). Der Koran (arab. = Lesung) enthält die Offenbarung Mohammeds und ist eingeteilt in 114 Suren (Kapitel), teils prophetischen, teils gesetzgeberischen Inhalts. Um 650 wurde das heilige Buch der Mohammedaner auf Veranlassung von Kalif Othman zu einer kanonischen Sammlung vereinigt. Der Islam basiert auf dem Glauben der Moslems an ein zukünftiges Gericht Allahs, welches die Menschen zu Seligkeit oder Verdammnis bestimmt. Die absolute Ergebenheit in Gottes Willen (Kismet), das Glaubensbekenntnis, tägliches (5maliges) Gebet, vollständiges Fasten tagsüber im Monat Ramadan, Almosengeben und eine Wallfahrt nach Mekka sind wesentliche kultische Pflichten.

2.2. Der Islam und das Christentum

Andac weist darauf hin, dass "der Islam die ursprünglichen Lehren des Christentums beinhaltet" (Andac, S.63). Die Moslems sehen in Allah vor allem einen barmherzigen und vergebenden Gott.

Mohammed ist allerdings nicht mit Allah gleichzusetzen. Andac betont, dass Mohammed nur ein Mensch und ein Prophet gewesen ist, genauso wie Abraham, Moses und Jesus es gewesen seien.

Mohammed habe von Gott lediglich Anweisungen durch den Erzengel Gabriel erhalten, um diese an die Menschen weiterzuleiten. Mohammed sei von demselben Gott auf die Welt geschickt worden, um die Dreieinigkeitslehre Gottes zu korrigieren und die Gottesvorstellung wieder klar und verständlich zu machen, wie es Jesus verkündet hatte. Deshalb habe Mohammed Jesus als einen Bruder betrachtet, "weil sie beide mit gleichen Aufgaben vom gleichen einzigen Gott beauftragt worden waren" (ebd.). Beide seien von Gott beauftragt worden, die Menschen auf einen einzigen, unsichtbaren, aber barmherzigen und dabei allmächtigen Gott hinzuweisen (Andac, S.366).

Der Glaube an die Heiligen Bücher, die Thora, die Psalmen Davids, die Bibel und an die Propheten Abraham, Moses und Jesus sind Teil des islamischen Glaubens. In Bezug auf Jesus heißt es im Koran: Jene Gesandten haben wir erhöht, einige über die andern: darunter sind die, zu denen Allah sprach; und einige hat Er erhöht um Rangstufen. Und wir gaben Jesus, dem Sohn der Maria, klare Beweise und stärkten ihn mit dem Geist der Heiligkeit. (2/254) / [...] Wir gaben ihm [Jesus] das Evangelium, worin Führung und Licht war, zur Erfüllung dessen, was schon vor ihm in der Thora war, eine Führung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen. (5/47) Und an anderer Stelle steht geschrieben: Der Messias, Sohn der Maria, war nur ein Gesandter [...]. Und seine Mutter war eine Wahrheitsliebende; beide pflegten sie Speisen zu sich zu nehmen. (5/76)

Dieser Satz deutet darauf hin, dass Jesus und seine Mutter normal sterbliche Menschen waren.

2.3. Islamische Glaubenssätze

2.3.1. Der Glaube an einen einzigen, unpersönlichen Gott

Der Leitsatz des Islam lautet: La-ilahe-il-lal-lah (außer Allah gibt es keinen Gott). Der Prophet

Mohammed hat empfohlen, diesen Satz einem Kind, das gerade anfängt zu sprechen, beizubringen.

2.3.2. Der Glaube an Engel

Dem Koran zufolge sind Engel Botschafter Gottes, die zu den Propheten geschickt worden sind.

Nach islamischen Glauben besitzen sie keine materiellen Körper, sondern sind "gute Wesen oder Seelen, die nach dem Willen Allahs tätig sind" (Andac, S.141.).

Andac beschreibt vier Hauptaufgaben der Engel (S.143): a) Die Engel bringen die Befehle von Gott an ihre Propheten.

b) Die Engel bestrafen Menschen im Auftrage Allahs wegen ihrer schrecklichen Taten.

c) Die Engel führen die Befehle Allahs durch.

d) Die Engel erwecken schöne und gute Gedanken im Menschen.

2.3.3. Der Glaube an alle vorherigen Heiligen Bücher

Der Islam erkennt vier Heilige Bücher an: das Buch von Moses, die Thora, das Buch von den Psalmen Davids, das Evangelium von Jesus und das Buch Mohammeds, den Koran. Der Islam glaubt, dass die Propheten Abraham, Moses, Jesus und Mohammed den Islam verkündet haben.

Weil "sie alle an einen ewigen, barmherzigen, unpersönlichen Gott geglaubt" haben, der "alle Menschen von Adam und Eva an geschaffen hat", geht der Islam davon aus, dass alle diese Propheten Moslems waren und "alle Menschen dieser Welt Brüder und Schwestern" (Andac, S.149) sind. Die Toleranz gegenüber den anderen Religionen sei deshalb eine religiöse Pflicht der Moslems (ebd.) Andac schreibt der Koran beinhalte das, was auch die anderen heiligen Bücher beinhalten - einschließlich den "Glaube[n] an Gott und alle moralischen und ethischen Forderungen, welche in den zehn Geboten vorhanden sind" (S. 150). Dabei stützt er sich auf das folgende Koran-Zitat: Dies [was im Koran verkündet wird] ist fürwahr dasselbe, was in den früheren Schriften steht, Den Schriften Abrahams und Moses'. (87/19-20) Die Moslems betrachten den Islam als die "letzte Weltreligion", weil sie glauben, dass die Bücher von Jesus und Moses zu ihren Lebzeiten zwar unverändert (wie sie von Gott herabgesandt worden) waren, aber mit der Zeit "sowohl in der Thora als auch im Evangelium [...] solche Sprüche oder Geschichten und Ergänzungen hineingenommen worden" sind, die "die Unterscheidung der echten Worte der Propheten von anderen nicht [mehr] möglich" machen (Andac, S.151). Sie glauben folglich, dass der Koran "das einzige Buch [ist], das noch reines Gotteswort beinhaltet" (ebd.). Mit dem Koran habe Gott den "Islam als letzte und unveränderte Religion" auf die Welt geschickt (ebd.).

2.3.4. Der Glaube an alle Propheten

Wie bereits erwähnt, erkennt der Islam alle Propheten von Abraham bis Moses und Jesus als Propheten an. Andac schreibt, dass es im Koran 25 Stellen gibt, wo Jesus als der Sohn Marias und als Prophet genannt wird. Für den Islam gilt Jesus jedoch nur als Mensch. Ihn als Gottessohn oder sogar als Verkörperung Gottes auf Erden anzusehen, kommt für einen Moslem ebenso wenig in Frage, wie die Lehre von der Dreieinigkeit zu akzeptieren.

2.3.5. Der Glaube an das Jenseits

Andac bezeichnet den Glauben an Gott und an eine Wiederauferstehung und Weiterleben im Jenseits als den Kern der Religion des Islam (S.152), denn es sei der Zweck unseres Lebens, im Jenseits weiterzuleben. Das Erdenleben wird als Mittel gesehen, um sich im Diesseits ethisch und moralisch zu bewähren und weiterzuentwickeln, damit die Seele ihre letzte und höchste Entwicklungsstufe erreichen und im Jenseits weiterleben kann. Die Vorraussetzung für das Erreichen des Jenseits ist der Glaube an Gott und das Vollbringen guter Taten für andere Menschen. Im Koran steht dazu: Fürwahr, dieser Koran leitet zum Richtigsten und bringt den Gläubigen, die gute Werke tun, die frohe Botschaft, dass ihnen großer Lohn werden soll, (17/10) Wer [...] das Jenseits begehrt und es beharrlich erstrebt und gläubig ist - derer Streben wird belohnt werden. (17/20) Im Koran ist von zwei Gärten (55/47) die Rede. Andac schreibt von zwei Paradiesen, einem weltlichen Paradies und einem Paradies im Jenseits (S.153). Das Paradies auf dieser Welt sei die Freude und das Wohlgefühl, welches die guten Taten in uns erwecken. Die Belohnung dieser guten Taten durch Gott im Jenseits wird als das ewige Paradies beschrieben. Das irdische Leben wird von einem Moslem also als Prüfung gesehen, die man gut bestehen muss, um im Jenseits das ewige Paradies genießen zu können. Der Islam gründet auf der Überzeugung, dass der Mensch nach seinem Tod am Jüngsten Tag auferstehen wird, dass er vor Allah Rechenschaft für all sein Tun ablegen muss und dadurch sein Leben im Jenseits bestimmt sein wird. So wird auch die Hölle, die die Sünder und Ungläubigen erwarte, mehrmals im Koran erwähnt.

2.3.6. Der Glaube an das Schicksal (göttliche Vorherbestimmung)

Ein Moslem glaubt an die Vorherbestimmung allen Lebens, denn im Koran steht: Wir haben ein jegliches Ding nach Maß geschaffen. (54/50) - Er [Allah] ist es, der euch aus Lehm erschaffen, und dann bestimmte Er eine Frist [...] (6/3) - Und kein Weib wird schwanger oder gebiert ohne Sein Wissen. Und keiner, dem das Leben verlängert wird, [sieht] sein Leben verlängert, noch wird sein Leben irgend verringert, ohne dass es in einem Buch [nach einem Gesetz] stünde. (35/12) Laut dem Islam hat Gott alle menschlichen Entscheidungen und Handlungen schon vorher gewusst. Auch negative Ereignisse geschehen nach islamischen Glauben nicht ohne das Wissen Gottes. Kein Unglück trifft ein, außer mit Allahs Erlaubnis. (64/12) - Es geschieht kein Unheil auf Erden oder an euch, das nicht in einem Buche wäre, bevor Wir es ins Dasein rufen [...] Auf dass ihr euch nicht betrübet um das, was euch entging, noch euch überhebet über das, was Er euch gegeben hat. Und Allah liebt keinen der eingebildeten Prahler, (57/23-24) Diese Verse im Koran sollen lehren, dass Erfolg oder Misserfolg eine Gottesgabe ist und nicht das Resultat des eigenen Willens oder Bemühens.

Deshalb soll man nach einem Verlust oder Unglück nie die Hoffnung aufgeben und bei Erfolg niemals hochmütig oder eingebildet werden. Dies bedeute jedoch keines Falls, dass man in Faulheit und Nichtstun das Gottesschicksal abwarten soll (Andac, S.159). Im Gegenteil, es komme darauf an, seine Fehler und die Gründe für Misserfolg zu suchen, um mit neuer Kraft und Stärke daran zu arbeiten gutes zu tun und erfolgreich zu sein (Andac, S.157). Andac schreibt: "Der Koran meldet uns sowohl die absolute Macht und den Willen Gottes als auch die freie Entscheidung des Menschen. [...] der Mensch [ist] für seine Handlungen verantwortlich, weil der Mensch nach seinem eigenen Willen handelt" (S.162). So wird auch der Glauben der menschlichen Entscheidung überlassen, denn im Koran steht: Es soll kein Zwang sein im Glauben. (2/257) - Und sprich: >Die Wahrheit ist von eurem Herrn: darum lass den gläubig sein, der will, und den ungläubig sein, der will.< (18/30)

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640556168
ISBN (Buch)
9783640556533
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144606
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Glaube Religion Islam Moslems Islamische Glaubenssätze Erziehung

Autor

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