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Josef Pfitzners Sicht auf die Geschichte Osteuropas und der Rolle des ‚Slawentums’

Seminararbeit 2004 14 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Die Persönlichkeit

II. Pfitzner und die ‚Geschichte des Slawentums’

III. Pfitzner und die ‚Geschichte Osteuropas’

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

1934 erschien Josef Pfitzners Aufsatz: „Die Geschichte Osteuropas und die Geschichte des Slawentums als Forschungsprobleme“. In dieser Arbeit gab er einen Überblick über die verschiedenen Standpunkte in der Forschung und wie diese sich aus seiner Sicht darstellen. Vor allem bei den Tschechen waren in der vorangegangenen Zeit starke Tendenzen aufgetreten, das Slawentum als Einheit zu betrachten. Es entwickelte sich die ‚Wechselseitigkeitstheorie’, der sich Pfitzner energisch entgegen stellte. Diese Schrift soll seine Sicht der ‚Geschichte des Slawentums’ und der Alternative, einer ‚Geschichte Osteuropas’ darstellen. Um Pfitzners politische Prägung zu verstehen, wird im ersten Teil sein Lebensweg dargestellt.

I. Die Persönlichkeit

Der Sudetendeutsche Historiker Josef Pfitzner wurde am 24. März 1901 im schlesischen Petersdorf als Sohn eines Beamten geboren. Entscheidende Eindrücke für seinen weiteren Lebensweg erfuhr er schon, als er seit 1912 das Gymnasium in Troppau besuchte. Ab 1920 studierte er an der Karls – Universität in Prag Geschichte und Germanistik. Während dieser Zeit wurde er von dem liberalen August Sauer und dem konservativen Hans Hirsch geprägt. Ganz besonders wirkten dabei die Gedanken von Hirsch, der von einem Großdeutschen Reich träumte[1] und wollte, dass seine Studenten nicht nur „Geschichte schrieben, sondern Geschichte machten“[2]. Pfitzner zeichnete sich durch ein scharfes Urteil, stupenden Fleiß und einen ausgeprägten Ehrgeiz aus, schon als Student veröffentlichte er 1924 die „Geschichte der Bergstadt Zuckmantel in Schlesien“. Im selben Jahr schloss er sein Studium mit der Promotion ab. Der Titel seiner Dissertation lautete: „Studien zur Siedlungs-, Verfassungs-, und Verwaltungsgeschichte des Breslauer Bistumslandes“. Nach seinem Studium arbeitete er als Assistent am Historischen Seminar in Prag. Von Sauer erhielt er Anregungen zu seinem stark politisch geprägtem Buch: „Das Erwachen der Sudetendeutschen im Spiegel ihres Schrifttums bis zum Jahre 1848“, welches 1926 erschien. 1927 habilitierte er mit der Schrift: „Besiedlungs-, Verfassungs-, und Verwaltungsgeschichte des Breslauer Bistumslandes“. In der folgenden Zeit war Pfitzner als Privatdozent in Prag tätig, bis er 1930 eine außerordentliche Professur antrat. Ebenfalls 1930 erschien seine Monographie über Großfürst Witold von Litauen und zwei Jahre später die Balkanstudien. Zwischen diesen Werken veröffentlichte er verschiedene kleinere Arbeiten. In seinen Arbeiten zeigte er sich als sachkundiger Vertreter der osteuropäischen Geschichte. Bereits 1935 wurde er schließlich zum Professor für Osteuropäische Geschichte berufen. Als solcher war er bis zum Ende der deutschen Universität tätig. Seit dieser Zeit lassen die Schriften „... Pfitzners Anteilnahme an den sich vorbereitenden geschichtlichen Entscheidungen im mitteleuropäischen Raum erkennen ...“[3]. Er strebte nach einem dauerhaften Frieden zwischen den Völkern Böhmens und wurde politisch sehr aktiv[4]. 1938 zog er als Vertreter der Sudetendeutschen Partei in den Prager Stadtrat ein. Nach der Errichtung des Protektorats wurde er von seinem Freund Konrad Henlein an die Position des stellvertretenden Oberbürgermeisters von Prag gesetzt. Obwohl er in der Folgezeit von Seiten der Universität und der Studenten als ‚lauer Nationalist’ scharf angegriffen wurde, gab er seine politische Aktivität nicht auf. Seinen Parteigenossen erschien er währenddessen als Fremdkörper und Vertreter ‚reaktionärer Gedanken und den Tschechen als Symbol deutscher Vorherrschaft. Schließlich zog es Pfitzner wieder zur Wissenschaft und er veröffentlichte 1941 nach einigen Schwierigkeiten seine „Polnische Geschichte“ und eine kleine politische Schrift über die Sowjetunion, die möglicherweise ausschlaggebend für sein Todesurteil war. Er wäre nun auch gern aus der Politik ausgeschieden, da ihm eine Berufung nach Berlin winkte, „je gefährlich aber die Kriegslage wurde, desto mehr fühlte er sich verpflichtet, auszuharren und durch mäßigen Einfluss manches Schlimme zu verhindern.“[5] Nach dem Zusammenbruch kam Pfitzner in ein Lager bei Pilsen, bis ihn die Amerikaner den Tschechen auslieferten, die einen Mann für einen Schauprozess suchten. Zwei Tage kämpfte er vor dem ‚Volksgericht’ um seine Ehre und obwohl man ihm keine irgendwie geartete Schuld nachweisen konnte und die ohnehin dürftige Anklage noch in sich zusammenbrach, wurde er dennoch zum Tode verurteilt. Nur zwei Stunden nach dem Urteilsspruch wurde er vor 250000 Zuschauern gehängt. Nachdem die westliche Presse mit Abscheu über diese Vorgänge berichtete, kam es zur Einstellung der öffentlichen Hinrichtungen. Josef Pfitzner war kein Kriegsverbrecher, mit ihm ging ein „... ehrlicher und immer ehrenhafter Kämpfer dahin und eine Hoffnung der deutschen Geschichtswissenschaft.“[6]

„Osteuropa und Slawentum gehören zu jenen geläufigen, in Wissenschaft wie Alltag gebrauchten Begriffen, über deren Inhalt, Geschichte und gegenseitiges Verhältnis selbst in den Kreisen der Wissenschaft nicht immer Klarheit herrscht.“[7] Mit diesem Satz beginnt Josef Pfitzner seine Ausführungen über die Forschungsprobleme der Geschichte Osteuropas und der Geschichte des Slawentums.

II. Pfitzner und die ‚Geschichte des Slawentums’

Viele slawische Forscher bemühten sich zu zeigen, dass es ein ‚Slawentum’ tatsächlich gegeben hat. Ihre Hauptargumente waren immer wieder die gemeinsame Sprache und die Blutsverwandtschaft. Vor allem nach dem ersten Weltkrieg wurden große Bemühungen unternommen das seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entstehende Streben nach dem Allslawentum auf eine theoretische Grundlage zu stellen. Man bemühte sich zu zeigen, dass das Slawentum auf einer hochentwickelten gemeinslawischen Basis ruht. Diese Wechselseitigkeitslehre wurde nach Pfitzner auf lockerem Boden gebaut. Die Slawen wurden zum Beweis der Lehre mit den Germanen verglichen, doch häufig stellte man in den entscheidenden Punkten die Slawen den Deutschen, Franzosen oder Engländern gegenüber. Solche ‚abwegigen’ Vergleiche lehnt Pfitzner rigoros ab.[8] Er ist der Meinung die Deutschen hätten sich schon am frühesten, und zurecht, gegen diese allslawische Bewegung gerichtet. Das lag zum einen an der geographischen Nähe zu den Slawischen Völkern und zum anderen an der Deutschfeindlichkeit der besonders politisch gefärbten Bewegung. Der Allslawismus stellte sich als nationale Abwehrbewegung dar.

Wenn diese Bewegung im Laufe der Zeit auch an Bedeutung verloren hat, so waren es doch immer wieder vor allem Geisteswissenschaftler, die den ‚Allslawischen Funken’ am Leben erhielten. Aus diesem Grund bezieht Pfitzner hier eine eindeutige Position. Er lehnt die Idee einer slawischen Wechselseitigkeit ab und bemüht sich alle Argumente zu entkräften.

Nach der Wechselseitigkeitslehre gab es nur eine slawische Nation. Diese setzt eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten in allen Lebensbereichen voraus. Das wichtigste Merkmal ist die Geschichte. Zu einer slawischen Nation muss es also eine slawische Geschichte geben, ohne sie gibt es keine Nation. Ansätze eine slawische Geschichte zu schreiben, gab es schon im 18. Jahrhundert von August Ludwig v. Schlözer, doch blieb dieser lange unbeachtet. Mitte des 19. Jahrhunderts beklagt sich J. Kollár, einer der wichtigsten Vertreter der Wechselseitigkeitstheorie, dass es keine slawische Geschichte gibt, sondern „... nur Geschichten und Geschichtchen von 40-50 verschiedenen slawischen Stämmen ...“[9]. Dass diese Worte zu vielem in Kollárs Programm in Wiederspruch stehen, versäumt Pfitzner nicht anzumerken. Der nächste, der sich mit dem Problem der slawischen Geschichte auseinander setzte war der Tscheche Josef Pervolf, der schließlich zu der Erkenntnis kommt, dass es keine Slawische Nation gibt, sondern nur Nationen slawischer Herkunft. Die slawischen Völker entfernen sich also ebenso voneinander, wie die Germanischen. Das wiederum bedeutet aber, dass Vergleiche, die beispielsweise zwischen dem Deutschtum und dem Slawentum gezogen wurden, in sich zusammenbrechen. Nach Pervolf sind Sprach- und Blutsverwandtschaft allein kein genügend starkes Bindemittel für die Bildung einer Nation. Die Slawen werden aus Pfitzners Sicht nicht durch Gemeinsamkeiten geeint, denn von denen sieht er nicht viele, sondern mehr durch die Unterschiede zu den Germanen und Romanen. Hier schließt er sich dem Prager Historiker Constantin von Höfler an, der meinte, die Slawen würden sich von den Germanen und Romanen nicht so sehr in der Sprache unterscheiden, sondern vor allem in kulturhistorischen Momenten und im Gang der Geschichte. Der Periodisierung der slawischen Geschichte, die Höfler vornimmt, stimmt Pfitzner allerdings nicht zu.[10] In seiner Überzeugung, dass es nicht ein slawisches Volk gibt, sondern eine Reihe selbstständiger slawischer Völker, kann sich Pfitzner auch auf die Ergebnisse der Nachbardisziplinen stützen, die vor allem um die Wende zum 20. Jahrhundert „Unsummen an Wissen über das slawische Altertum“[11] schufen. Zu dieser Zeit wurden die Slawen erstmals nach ihren Sprachgebieten nach Ost-, West-, und Südslawen, zum Teil noch zusätzlich durch Elbslawen erweitert, unterteilt. Pfitzner befürwortet diese Einteilung, da damit festgestellt ist, dass das von den Slawen bewohnte Gebiet keine geographische Einheit darstellt. Etwa zur gleichen Zeit erfreute sich die slawische Philologie eines wachsenden Interesses. Man bemühte sich die Gemeinsamkeiten der Literaturen herauszustellen, nach Pfitzners Meinung, um die Wechselseitigkeitslehre zu stärken. Der Erfolg war aus seiner Sicht gering. Immer wieder wurde festgestellt, dass zwar gewisse Entwicklungen bei allen slawischen Literaturen ähnlich sind, diese aber nicht an der slawischen ‚Psyche’ liegen, sondern am Europäertum der Slawen. Wegen den religiösen, politischen, kulturellen und sozialen Kräften seien die slawischen Literaturen stärker voneinander getrennt als die Literaturen Westeuropas.

[...]


[1] Hirsch wollte dieses allerdings als Fortsetzung des mittelalterlichen Reiches, nicht des preußischen.

[2] Franzel, Nachruf, S. 107.

[3] Franzel, Nachruf S. 107. Gemeint sind vor allem die „Sudetendeutsche Geschichte“ von 1935, die „Sudetendeutsche Einheitsbewegung“ von 1937 und eine Arbeit über Kaiser Karl IV. von 1938.

[4] In Bezug auf die ‚Münchner Lösung’ der Sudetenfrage war Pfitzner für eine strikte Trennung der Nationen.

[5] Ebenda, S. 108.

[6] Die Kurzvita folgt im wesentlichen: Franzel, Nachruf, S. 106 – 108. Zu den wichtigsten Lebensdaten vgl. auch Weber, Biographisches Lexikon.

[7] Pfitzner, Osteuropa und Slawentum, S. 21.

[8] Die folgenden Ausführungen basieren sämtlich, soweit nicht anders angegeben, auf: Pfitzner, Osteuropa und Slawentum, S. 21ff.

[9] Pfitzner, Osteuropa und Slawentum, S. 27.

[10] Höfler hatte die slawische Geschichte bis 1526 in 7 Abschnitte eingeteilt. 375-626 erbitterte Angriffe der Slawen und Awaren auf das Oströmische Reich, 626-895 Entwicklung größerer slawischer Reiche unter Fremder Führung, 895-1204 Eintritt der größeren slawischen Reiche in die Weltgeschichte, Eingang des Christentums, 1204-1398 Entstehung von Kaisertümern und 1398-1526 Versinken der Kaiserherrlichkeiten.

[11] Ebenda, S. 32. Hier bringt Pfitzner vor allem Niederles mit seinen seit 1901 erscheinenden ‚Slawischen Altertümern’ an.

Details

Seiten
14
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640554546
ISBN (Buch)
9783640554782
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144532
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Historisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Josef Pfitzners Sicht Geschichte Osteuropas Rolle

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Titel: Josef Pfitzners Sicht auf die Geschichte Osteuropas und der Rolle des ‚Slawentums’