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Die Auswirkungen der französischen Sprachpolitik auf Minderheitensprachen am Beispiel Okzitanisch und Korsisch

Diplomarbeit 2005 135 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Sprachpolitik?
2.1 Sprachpolitik vs. Sprachenpolitik
2.2 Sprachkonfliktbewältigung
2.3 Faktoren für das Gelingen oder Scheitern von Sprachpolitik
2.4 Zur Begriffserklärung Patois
2.5 Normativierte Standardsprache

3 Die französische Sprachpolitik
3.1 Die Anfänge der Sprachpolitik in Frankreich
3.2 1539: L’Ordonnance de Villers-Cotterêts
3.3 Der lange Weg zu einer normierten französischen Sprache
3.3.1 L’ Académie française
3.4 Die Auswirkungen der Bemühungen um die französische Sprache
3.5 Die französische Revolution
3.5.1 Die Auswirkungen der französischen Revolution auf den Sprachgebrauch
3.6 Das Schulwesen
3.6.1 Die Loi Jules Ferry
3.7 Das 20. Jahrhundert
3.7.1 Die Loi Deixonne
3.7.2 Die Loi Haby
3.7.3 Le droit à la différence
3.7.4 Le rapport Giordan
3.7.5 La circulaire Savary
3.7.6 Regionalisierungstendenzen
3.7.7 Die Verfassungsänderung von 1992
3.7.8 Die europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen
3.7.9 La Liste Cerquiglini
3.7.10 Maßnahmen zum Schutz der französischen Sprache

4 Einleitung: Die Minderheitensprachen Okzitanisch und Korsisch

5 Der Sprachraum der beiden Sprachen
5.1 La langue d’Oc
5.1.1 Das Sprachgebiet des Okzitanischen
5.1.2 Der Sprachname
5.2 Das korsische Sprachgebiet
5.2.1 Die korsische Sprache
5.2.2 Eine Polynomische Sprache
5.3 Fazit

6 Sprachgeschichte der beiden Sprachen
6.1 Die historische Entwicklung des Okzitanischen
6.1.1 Das Edikt von Villers-Cotterêts
6.1.2 Die fehlende Normalisierung des Okzitanischen und deren Folgen
6.1.3 Die französische Revolution
6.1.4 Die Renaissancebewegung des Okzitanischen im 19. Jahrhundert
6.1.5 Der Félibrigebund
6.2 Die historische Entwicklung des Korsischen
6.2.1 Ambitionen Frankreichs in Richtung Korsika
6.2.2 Der Vertrag von Versailles
6.2.3 Die Franzisierungsbewegung auf Korsika
6.2.4 Napoléon III
6.3 Fazit

7 Die aktuelle sprachpolitische Situation der beiden Sprachen
7.1 Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und deren Auswirkung auf die okzitanische Sprache
7.1.1 Die Calandretas
7.1.2 Das Problem des Sprachnamens und der Kodifizierung der okzitanischen Sprache
7.1.3 Der Okzitanismus heute
7.2 Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht 1880-84 auf Korsika
7.2.1 Die Probleme einer einheitlichen Unterrichtssprache
7.2.2 Die Verschriftung der korsischen Sprache
7.2.3 Innerpolitische Machtkämpfe
7.2.4 Der zweite Weltkrieg
7.2.5 Der korsische Widerstand gegen Frankreich
7.2.6 Le projet Joxe
7.3 Fazit

8 Die soziolinguistische Situation der beiden Sprachen
8.1 Die Sprecher der okzitanischen Sprache
8.1.1 Rundfunk, Fernsehen
8.1.2 Presse, Musik
8.2 Die Ab/ Einwanderung auf Korsika
8.2.1 Die Familie und der Sprachgebrauch
8.2.2 Zeitschriften, Fernsehen
8.2.3 Literatur und Musik
8.3 Fazit

9 Eine Gegenüberstellung der beiden Minderheitensprachen
9.1 Die Kategorisierung der beiden Sprachen
9.2 Das Sprachverhältnis zwischen Französisch und der okzitanischen und korsischen Sprache
9.2.1 Das Fehlen einer einheitlichen, kodifizierten okzitanischen Sprache und die Folgen
9.3 Eine korsische Identität! Eine okzitanische Identität?
9.4 Die Verwendungsbereiche der Sprache
9.4.1 Die Neo-locuteurs als Hoffnungsträger der okzitanischen Sprache!?
9.4.2 Die Beurteilung der Situation einer Minderheit und ihrer Sprache

10 Résumé en français

11 Bibliographie

1 Einleitung

Diese Arbeit widmet sich zwei Minderheitensprachen Frankreichs, nämlich der okzitanischen und der korsischen Sprache, und ist in drei Teile unterteilt.

Den Beginn meiner Arbeit bildet eine Definition des Begriffs der Sprachpolitik: Was ist darunter zu verstehen und welche Bereiche deckt Sprachpolitik ab. Des Weiteren steht zu Beginn die Definition des Begriffs des Patois da dieser im Laufe meiner Arbeit immer wieder fallen wird und außerdem sehr oft im Zusammenhang mit Minderheitensprachen Frankreichs, vor allem aber des Okzitanischen, fällt.

Im darauf folgenden zweiten Teil möchte ich die sprachpolitischen Maßnahmen Frankreichs in einem Überblick darstellen. Die Kenntnisse, die aus dieser Darstellung gezogen werden, gehen in den dritten Teil über, der sich der Situation der beiden Minderheitensprachen Okzitanisch und Korsisch widmet. Beide Sprachen befinden sich im französischen Herrschaftsgebiet allerdings ist die Situation der beiden Sprachen heute sehr unterschiedlich. Worin diese Unterschiede bestehen, welche Parallelen und Ähnlichkeiten es gibt, soll im Laufe der Arbeit dargestellt werden.

Der französische Staat sieht keinen Schutz für Minderheitensprachen vor. Betrachtet man die Geschichte der Sprachpolitik kann erkannt werden, dass es schon seit sehr langer Zeit das Bestreben der französischen Machthaber war die französische Sprache zu stärken und in allen Bereichen durchzusetzen. Auf der anderen Seite wurden alle anderen Sprachen auf französischem Gebiet, sei es nun Latein oder regionale Sprachen, durch gesetzliche Bestimmungen unterdrückt und der Gebrauch verboten. Dass diese Maßnahmen nicht die gleichen Auswirkungen auf alle Minderheitensprachen hatten möchte ich im dritten Teil meiner Arbeit an Hand der Situation des Okzitanischen und des Korsischen darstellen.

Einen Schwerpunkt werde ich auf das Sprachbewusstsein und die Einstellung der Sprecher ihrer Sprache gegenüber legen. Ich möchte die Situation der Sprachen in ihrem "alltäglichen" Umfeld darstellen und sie in den Kontext als Kommunikations- und Unterrichtssprache stellen.

Die Gegenüberstellung der externen Sprachgeschichte von Okzitanisch und Korsisch gliedert sich in 4 Punkte:

- in den Sprachraum der beiden Sprachen
- in die Sprachgeschichte
- in die aktuelle sprachpolitische Situation der beiden Sprachen
- in die soziolinguistische Situation der beiden Sprachen

Aufgrund unterschiedlicher Entwicklungen und dem Nicht-/Vorhandensein von Materialien, die genau die gleichen Themenkreise abdecken, sind die Unterpunkte für die beiden Sprachen nicht immer identisch allerdings versuche ich möglichst viele „Schnittpunkte“ zu finden.

Im Süden Frankreichs hat eine große Mehrheit der Menschen die okzitanische Kultur und Sprache hinter sich gelassen und spricht nur mehr Französisch. Die noch verbliebenen Muttersprachler der okzitanischen Sprache haben meist ein sehr niedriges Bewusstsein ihrer Sprache gegenüber und sehen sie als der französischen Sprache unterlegen. Auf der anderen Seite bildet sich eine gewisse Anzahl der sogenannten

Neo- locuteurs heraus, also jener Sprecher, die die okzitanische Sprache mit hohem Interesse und Bewusstsein erlernen. Welche Rolle sie für die Sprache spielen und wie das Bewusstsein der Menschen gegenüber dem Okzitanischen ist, soll im Zuge dieser Arbeit aufgerollt werden.

Im Laufe der Zeit bildeten sich immer wieder Vereinigungen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die okzitanische Sprache zu „verteidigen“ oder zumindest wieder ins Bewusstsein der Menschen zu führen. Ob und wenn ja, in welchem Maße das gelungen ist, möchte ich ebenfalls darstellen.

Durch die exponierte Lage als Insel scheint es, dass die Korsen eine besondere Beziehung zu ihrer Sprache und Kultur haben. Im Laufe der Geschichte stand die Insel immer unter Fremdherrschaft. Im Jahre 1768 fällt Korsika an Frankreich. Das Gebiet wird franzisiert und die korsische Sprache wird durch sprachpolitische Maßnahmen in den mündlichen Bereich gedrängt und wird auch nicht als Amtssprache verwendet.

Die Korsen eignen sich im Laufe der verschiedenen Herrschaften das Bewusstsein einer eigenen Sprache und einer eigenen Kultur an. Während des 20. Jahrhunderts radikalisieren sich die Unabhängigkeitsbestrebungen, weshalb die Regierung in Paris Korsika und der korsischen Sprache einige Zugeständnisse macht und die Insel mit einem Sonderstatus versieht.

Okzitanisch und Korsisch konnten sich im Laufe der Geschichte nicht gegen die französische Sprache durchsetzen. Allerdings weisen die Sprecher der korsischen Sprache ein hohes Sprachbewusstsein auf, während sich die Sprecher des Okzitanischen ihrer Sprache und Kultur gegenüber eher indifferent verhalten.

Auf diese Tatsache möchte ich in dem Teil der Arbeit eingehen in dem die beiden Sprachen einander direkt gegenübergestellt werden:

Zuerst möchte ich die Situation der beiden Sprachen anhand einer Kategorisierung dar-/ gegenüberstellen, um so rein formelle Parallelen und Gegensätze erkennen zu können.

Das Problem einer fehlenden Kodifizierung der okzitanischen Sprache und welche Folgen dies für die Sprache und den Sprachgebrauch hat bildet den nächsten Punkt. Außerdem möchte ich auf das Thema der Identität und des Bewusstseins der Sprecher kommen was zum Punkt des Verwendungszwecks der Sprachen damals und heute führt.

Ein Lösungsansatz für die Aufwertung der okzitanischen Sprache wäre eine aktive Zweisprachigkeit innerhalb der Bevölkerung. Ist dies ein realistischer Ansatz oder eher reine Utopie?

2 Was ist Sprachpolitik?

In einem Satz zusammengefasst, kann Sprachpolitik allgemein als „das politische Eingreifen in bestehende Sprachverhältnisse“[1] verstanden werden.

Für eine genaue Beantwortung der Frage nach der Definition von Sprachpolitik werde ich mich auf einen Beitrag von Klaus Bochmann stützen:

„Theorie und Methoden der Sprachpolitik und ihre Analyse“[2]

2.1 Sprachpolitik vs. Sprachenpolitik

Bevor ich näher auf die Frage was unter Sprachpolitik zu verstehen ist eingehe, gilt es einen Unterschied zu klären, nämlich die Unterscheidung zwischen Sprachenpolitik und Sprachpolitik.

Ammon[3] unterscheidet zwischen den beiden Begriffen während Bochmann nur von „Sprachpolitik“ spricht.

Unter Sprachenpolitik versteht Ammon das „Verhältnis zwischen verschiedenen Sprachen.“[4] So gesehen wird in jedem Staat Sprachenpolitik betrieben, unter dem Blickwinkel, dass jeder Staat entscheidet welche Sprache als Verkehrssprache und offizielle Landssprache gilt oder in welcher Sprache der Unterricht in Schulen abgehalten wird. Sprachenpolitik wird vor allem in Staaten, in denen mehrere Sprachen aufeinander treffen wichtig wobei es darum geht, sprachliche Minderheiten aber auch Einwanderersprachen zu berücksichtigen.

Maas[5] wiederum sieht Sprachpolitik als Gegenstand politischer Sprachwissenschaft.[6] Unter Sprachpolitik werden „nur solche gesellschaftlichen Verhältnisse gefasst, in denen sprachliche Probleme das gemeinsame Leben einer organisierten Menschengruppe betreffen.“

Dies bezieht sich nicht auf private Entscheidungen, die etwa die Sprachwahl oder den Sprachgebrauch betreffen, und betrifft nicht alle Mitglieder einer gesellschaftlichen Gruppe in gleicher Weise.

Sprachpolitik ist laut Ammon[7] im Gegensatz zu Sprachenpolitik nur auf eine einzige Sprache gerichtet. Sprachpolitik versuche das Bewusstsein der Sprecher durch Vorschriften und sprachliche Lenkungen zu beeinflussen. Sprachpolitische Maßnahmen wirken nur in der öffentlichen Kommunikation, haben nicht immer Erfolg, haben sich aber, zum Beispiel in Anredevorschriften etc. durchgesetzt.

Dieser, wie ich finde, etwas einseitigen und wenig umfangreichen Definition möchte ich eine Erklärung des Begriffes der Sprachpolitik von Klaus Bochmann gegenüberstellen.

Laut Bochmann liegt der Ursprung der Sprachpolitik im 13. Jahrhundert unter Alphons dem Weisen bzw. im 14. Jahrhundert unter Dante.

Im Gegensatz dazu meint Ammon wiederum, dass

„ihre systematische Entwicklung (die der Sprachpolitik) hängt jedoch mit der Entstehung des staatlichen Propagandawesens und moderner Massenkommunikationsmittel zusammen. In der Zeit der Weltkriege, des Faschismus, Nationalsozialismus Stalinismus und des Kalten Krieges nach 1945 blühte die Sprachpolitik.“[8]

Sprachpolitik ist für Bochmann kein einheitliches Feld sondern kann auf verschiedenste Weisen betrieben werden. So kann darunter

„Sprachgesetzgebung, Normfestschreibung, Entlehnungs- und Fremdwortpolitik [genauso wie] Sprachkultur, Muttersprachen- und Fremdsprachenerziehung, Sprachregelung und schließlich als „Sprachpolitik im engeren Sinne, d.h. als Statusbestimmung und systematischer Ausbau von Sprachen „Sprachenplanung“[9] verstanden werden.

Es gibt in der Linguistik keine Theorie zur Sprachpolitik die die politischen Eingriffe in die Sprache und Kommunikation zum Thema hat und eine Analyse der Wirkungs- und Funktionsweise der Sprachen gibt. Ein interessanter Aspekt, nämlich in welcher Beziehung Sprachpolitik mit Sprachwandel in einem Staat oder Gebiet steht, wurde bis heute nicht näher erklärt.

Laut Bochmann besteht eine Notwendigkeit für das Aufstellen einer Theorie zur Sprachpolitik

1) Weil eine große Zahl sprachpolitischer Formen einen gemeinsamen Rahmen erforderlich macht um so die Zusammenhänge erläutern zu können.
2) „Weil die Relevanz der Sprachpolitik für die Entwicklung der sprachlich- kommunikativen Verhältnisse und der Sprachen als Systeme geklärt werden muss.“[10]

Wenn der Einfluss sprachpolitischer Entscheidungen in der Gesellschaft „abgemessen“ werden kann, wird erkennbar welchen Einfluss sprachpolitische Bestimmungen auf den Sprachwandel haben.

Um den Begriff Sprachpolitik näher zu definieren sollte an dieser Stelle eine Definition von Politik gegeben werden. Auch diese möchte ich aus dem Artikel von Klaus Bochmann zitieren, nämlich

„Unter Politik wollen wir die Gesamtheit der Handlungen gesellschaftlicher Subjekte verstehen, die auf Erhaltung, Funktionieren und ggf. auch Revolutionierung des Staates bezogen sind, d.h. der organisatorischen Strukturen, die vor allem die Ausübung der wirtschaftlichen und politischen Macht garantieren. Politik bezieht sich aber auch auf die gesellschaftlichen und privaten Organisationen, Vereinigungen und Institutionen, in denen und über die das Verhalten der Bürger zum Staat und zur Gesellschaft geregelt wird…“[11]

„Sprachpolitik könnte als „Regelung der kommunikativen Praxis einer sozialen Gemeinschaft durch eine Gruppe, die die sprachlich- kulturelle Hegemonie über diese ausübt bzw. anstrebt (angesehen werden). Sprachpolitik ist jede Art von Politik den […] Interessen bestimmter sozialer Gruppen/ Schichten/ Klassen untergeordnet…“[12]

Politik im Allgemeinen bezieht sich genauso auf das private wie auch auf das gesellschaftliche Umfeld. Allerdings kann Sprachpolitik erst dann zum Tragen kommen, wenn Sprache an eine Gesellschaft gebunden ist und eine Vereinheitlichung stattgefunden hat. Sprachpolitik bezieht sich nicht nur auf sprachliche Formen sondern auch auf die Inhalte von Sprache.

Sprachpolitik gilt also

„als Ensemble politisch begründeter bzw. begründbarer Eingriffe sozialer Subjekte in sprachlich- kommunikative Verhältnisse von Gemeinschaften nur im Rahmen einer allgemeinen Reproduktionstheorie, als Komponenten der gesellschaftlichen Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse (zu denen bekanntlich die Subjekte selbst, vor allem in ihrer Gestalt als Produktivkräfte gehören)…“[13]

Unter diesen Eingriffen handelt es sich um

„Festschreibungen und Korrekturen von Standardnormen, Aktionen zur Sprachpflege, die Ausarbeitung von Nomenklaturen und Vorschriften für Namensgebungen jeder Art (Personen-, Orts-, Straßen-, Warennamen), Entscheidungen und Praktiken der Mutter- und Fremdsprachenbildung, Regelung des Gebrauchs von Dialekten und Sprachen von Minderheiten, Migrantengruppen oder kolonial abhängigen Völkern, politische und administrative Sprach- und Diskursregelungen sowie Übereinkünfte zu internationalen Verkehrs- und Verhandlungssprachen u.a.m.“[14]

Die mitunter wichtigsten Instanzen von Sprachpolitik sind die „staatlich- institutionellen Instanzen“ (dabei handelt es sich um Akademien, Sprachinstitute…). Diese Rolle manifestiert sich durch das Herausgeben von Sprach- und Normfestsetzungen, sprachplanerischen Empfehlungen, Aktionen und Publikationen etc.

Andererseits sind im weiteren Sinn alle Institutionen der Sozialisation auch sprachpolitische Institutionen, da jede Art der Sozialisation durch den Gebrauch von Sprache funktioniert und „das Ergebnis der Sozialisation von den dabei angeeigneten sprachlichen Formen und Bedeutungen sowie sprachlichen Verhaltensmustern abhängt.“[15]

Aus sprachpolitischer Sicht spielt die Schule als Institution der Sozialisation eine entscheidende Rolle.[16]

So viel sei nun schon bemerkt: Erst durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht im 19. Jahrhundert konnte sich die französische Sprache allmählich als einzige Sprache der französischen Bevölkerung durchsetzen, da der Unterricht ausschließlich in französischer Sprache abgehalten wurde.

Eine weitere wichtige Institution ist die Familie: Die Sprache der primären Sozialisation, wird normalerweise die wichtigste Sprache des Lebens bleiben.

Hat sich nun die Nationalsprache gegenüber einer Minderheitensprache so sehr durchgesetzt, dass es die Eltern, deren Muttersprache eine Minderheitensprache ist, nicht mehr für notwendig empfinden ihren Kindern ihre eigene Sprache beizubringen, werden die Kinder wohl auch kein großes Interesse mehr haben die ursprüngliche Sprache der Eltern oder Großeltern (später) zu lernen. Die Haltung, eine Minderheitensprache oder Varietät nicht mehr an die Kinder weiterzugeben, hat oft damit zu tun, dass diese Sprache als weniger prestigeträchtig angesehen wird oder weil sie als Hindernis für eine völlige Integration in die Gesellschaft angesehen werden.

Massenmedien sind ebenfalls Träger von Sprachpolitik. Laut Untersuchungen ist ein Rückgang von Dialekten und Minderheitensprachen auch dadurch zu erklären, dass sich Fernsehen und Rundfunk immer mehr ausbreiten und diese meist nur die/eine Standardnorm verwenden.

Bochmann unterteilt die Domänen der Sprachpolitik in folgende 4 Teilgebiete: Sprachkonfliktbewältigung, Sprachplanung/Sprachpflege, Diskursregelung und internationale Kommunikationsregelung /Fremdsprachenpolitik.

An dieser Stelle möchte ich die erste Domäne bearbeiten, da sie sehr viel mit der Themenstellung dieser Arbeit zu tun hat.

2.2 Sprachkonfliktbewältigung

Ausgegangen wird von der Problematik, dass auf einem Staatsgebiet zwei oder mehrere soziale Gruppen bestehen, die sich durch Tradition, Kultur, Herkunft und soziale Interessen unterscheiden und deren Widersprüche sich als Konflikt von Sprachgemeinschaften äußern.

Es gibt nun drei Interessensmöglichkeiten

- der Staat möchte die daraus möglichen resultierenden sozialen Konflikte lösen
- die stärkste der Gruppen hat Interesse die Herrschaft über die andere/n Gruppe/n zu bekommen
- die intellektuellen Kreise der schwächeren Gruppe befürworten das Aufrechterhalten der sprachlichen Identität

Diesen Zustand mit einem Wort zu beschreiben ist schwierig, da sich in der Soziolinguistik kein eindeutiges Wort dafür findet. Bochmanns Wahl trifft auf den Begriff Sprachkonflikt. Er argumentiert, dass die von Fishmann gebrauchten Worte der Diglossie[17] und des Bilingualismus eine zu technische Dimension der Dinge gäben und vor allem konkrete Funktionen aber auch „soziokulturelle Ursachen und Widersprüche“ nicht genügend berücksichtigen.

Es gibt bestimmte Kriterien[18] um den Status der Sprachen, die in einer „Sprachkonfliktsituation“ stehen, darzustellen um so zu einem komplexen Bild der Situation zu kommen.

1) Der Grad der Autonomie des Sprachsystems und die Herkunft der sprachlich-ethnischen Gemeinschaft.

Hierbei sind zu unterscheiden:

- Abstandsprache /Ausbausprache:

Unter dem Begriff der Abstandsprache bezeichnet man eine Sprache, die klar als Einzelsprache definiert ist. Sie ist von jeder anderen Sprachform so verschieden, dass sie nicht als Dialekt einer anderen Sprache aufgefasst werden kann.

Eine Ausbausprache ist eine Sprachform, die einen gewissen Grad der Normierung in Bezug auf die Grammatik, Orthographie und den Wortschatz aufweist. Der Ausformung einer Sprache zur Ausbausprache, die auch Standardsprache genannt wird, erfordert eine gewisse Zeit und kann in unterschiedlichem Tempo verlaufen[19].

- Dachlose /überlappende Randsprache:

Eine dachlose (Minderheiten-)Sprache steht für sich alleine. Wenn in einem Nachbarstaat die Sprache von einer Mehrheit der Bevölkerung gesprochen wird, hat das für die Minderheitensprache im anderen Land erhebliche Vorteile.

Für die Definition des Begriffes der Dachlosigkeit gibt es verschiedene Ansatzpunkte. Kloss[20] spricht von einer dachlosen Sprache, wenn

„deren Sprecher in ihren Volksschulen nicht die in ihrem Dialekt linguistisch zugeordnete […] Hochsprache zu erlernen Gelegenheit haben, so dass diese Mundarten gleichsam ohne das schützende Dach dieser Hochsprache bleiben und somit den Einwirkungen einer unverwandten Hochsprache stärker ausgesetzt sind.“

- Indigene (bzw. endogene) oder exogene Sprache:

Dieser Fall tritt ein, wenn es, besonders in den so genannten, Entwicklungsländern, zu Sprachkonflikten zwischen einheimischen Sprachen und Sprachen ehemaliger Kolonialmächten kommt. Verschärft kann der Konflikt dann werden, wenn großräumige, einheimische Verkehrssprachen, wie zum Beispiel Swahili, zur Verfügung stehen.

- Territorial gebundene oder ungebundene (Diaspora-, Migranten-) Sprachen.

Ein weiteres Kriterium, um den Status der Sprachen, die in einer „Sprachkonfliktsituation“ stehen, darzustellen sind

2) demographisch- geographische Dimensionen:

- Der prozentuelle Anteil an der Gesamtbevölkerung eines Landes und dessen absoluter Sprecherzahl ist ausschlaggebend für die Bestimmung der Verwendung der Sprache und welche sozialen Funktionen sie hat.

- Sprachpolitische Strategien werden dadurch beeinflusst ob es sich bei der Sprachgemeinschaft um eine kompakte Gemeinschaft handelt, die in einem zusammenhängenden Siedlungsgebiet wohnt oder ob es sich um eine verstreute Gemeinschaft handelt.

3) Ideologische Dimension

- Der Grad der Identifikation der betreffenden Bevölkerung mit ihrer eigenen Sprache. Diese Identifikation kann von einem Extrem, nämlich dem absoluten „Selbsthass“ und der Ablehnung der eigenen Kultur bis zu einem übertriebenen Nationalismus führen.

-
Das Prestige im Staat / in der Gesamtbevölkerung: Auch diese Tendenz äußert sich in Abstufungen. Sie reicht von der Verachtung des Gros der Bevölkerung gegen eine ethnische Gruppe und deren Sprache bis zur Anerkennung eines „minderheitlichen gesprochenen Idioms als Symbol nationaler Identität und unverzichtbare Komponente der Nationalkultur.“[21]

Ein weiteres Kriterium, um den Status der Sprachen, die in einer „Sprachkonfliktsituation“ stehen, darzustellen ist die

4) sozioökonomische Lage der sprachtragenden Gemeinschaft

- In wirtschaftlich gut entwickelten Regionen, in denen es eine eigene Kultur und Sprache gab/ gibt sind die Menschen für sprachemanzipatorische Bewegungen offener als in Regionen, in denen die wirtschaftliche Lage prekär ist und die Menschen entweder abwandern und sich um Angelegenheiten wie „sprachemanzipatorische Programme“ weniger kümmern. In Frankreich lässt sich das Phänomen beobachten, dass sich die sprachlichen Minderheiten in Randgebieten befinden, die vor allem agrarisch geprägt sind und in denen die traditionellen Wirtschaftsformen vorherrschen. Dadurch wird die Landflucht gefördert. Es kommt zur Abwanderung der jungen Bevölkerung und so zu einer Überalterung der Bevölkerung dieser Gebiete.
- Sozialstruktur: Die soziale Zusammensetzung einer Gruppe ist ausschlaggebend für den Erfolg der Durchsetzung einer Minderheitensprache. Besteht die betroffene Gruppe aus einer vorwiegend homogenen Bevölkerung, wie zum Beispiel Bauern oder Fischern, oder besteht die Gruppe aus einer „sprachlich und kulturell loyalen bürgerlichen Schicht mit wirtschaftlichen, politischen und sprachlich- kulturellen Sonderinteressen“[22] werden die Interessen, durch den Zusammenhalt der Gruppe gemeinsam verfolgt und man setzt sich gemeinsam dafür ein.
- Emigrations /Immigrationsgebiet: Wenn die alteingesessene Bevölkerung „weniger“ wird, sei es aus natürlichen Gründen oder durch Abwanderung, ist die Situation für die offizielle Anerkennung und den Ausbau einer Sprache sehr schwierig. In Gebieten, in denen durch zunehmende Einwanderung den lokalen Sprachen auch die Sprachen anderssprachiger Gruppen gegenüberstehen, gibt es außerdem neue Aufgaben zu bewältigen.

5) Der Grad der Standardisierung der Sprachen

Hier sind zu unterscheiden

- Durchwegs standardisierte Sprachen, die jeder Kommunikationssituation „gewachsen“ sind.
- Standardisierte Minderheitensprachen, die für eine gewisse Anzahl gesellschaftsrelevanter Kommunikationssituationen ausgebaut sind.
- Alte Standardsprachen, die vor dem industriellen Zeitalter gebräuchlich waren.
- Junge Standardsprachen: Darunter werden Sprachen der jungen Nationalstaaten verstanden die dort mehrheitlich gesprochen werden. Sie werden in der Literatur, Erziehung, Religion etc. verwendet.
- Nichtstandardisierte Literatursprachen mit einem eingeschränkten Gebrauch im schriftlichen Bereich.
- Präliterarische Sprachen.

Ein weiteres Kriterium, um den Status der Sprachen, die in einer „Sprachkonfliktsituation“ stehen, darzustellen sind

6) Die Funktionen in der gesellschaftlichen Kommunikation und die Besetzung gesellschaftlicher Kommunikationsbereiche.

Es folgt hier eine Unterscheidung in zwei Punkte:

- Es gibt eine hierarchische Einteilung in drei Kategorien, die sich auf die Geltung von Staaten und sprachlich- ethnischen Gemeinschaften bezieht:

a) Innerethnisch
b) Interethnisch: Kommunikation zwischen Angehörigen verschiedener Nationalitäten.
c) Interstaatlich

Anzumerken ist, dass interethnische und interstaatliche

Kommunikationsmittel nicht ohne ethnische Basis funktionieren können.

- Die Geltung bezüglich gesellschaftlicher Kommunikationsbereiche:

Darunter versteht man unter anderem die Bereiche der Verwendung im Alltag, der Religion, primären Erziehung, Beruf, Presse, Medien und Wissenschaft.

Die Verwendung einer Sprache ist meist in Gruppen unterteilt, die miteinander verbunden sind.

7) Der sprachrechtliche Status

Handelt es sich bei der Sprache um die /eine

- einzige offizielle Sprache, die dann als National- oder Standardsprache gilt.
- kooffizielle Sprache: In einem Gebiet sind zwei oder auch mehrere Sprachen gleichwertig. Die Sprecher aller Sprachen haben dieselben Rechte bei der Verwendung der Sprache.
- regional offizielle Sprache, die vor allem auf dem Territorialprinzip[23] besteht. Eine andere Begrenzung gibt es dadurch, dass der Gebrauch einer bestimmten Sprache in einem bestimmten Gebiet auf die Person begrenzt ist. Dann spricht man vom Personalprinzip.
- staatlich geförderte Sprache ohne offiziellen Status: Der Staat kennt die Existenz von Gruppen anderer Sprachen an und schützt und fördert diese in einem gewissen Grad.

In diesem Zusammenhang steht Frankreich an letzter Stelle, da es Minderheitensprachen kaum beachtet und auch nur auch nur sehr mäßig fördert.

- Tolerierte Sprachen ohne staatliche Förderung: Die Tolerierung aber gesetzliche Ignorierung einer Sprachgruppe durch den Staat zwingt deren Sprecher sich die dominante Sprache anzueignen, um am staatlichen Geschehen teilnehmen zu können.
- Verbotene Sprachen: Die schon oben erwähnte Ignorierung kann auch zur Verfolgung der Sprachgruppe führen. Diese Verfolgung kann administrativer Natur sein aber auch bis zu physischen Übergriffen führen.

2.3 Faktoren für das Gelingen oder Scheitern von Sprachpolitik

Cichon[24] unterscheidet zwischen internen und externen Sprachengruppenfaktoren, die dazu beitragen, dass Sprachpolitik den gewünschten Erfolg erzielt. Es geht hier also nicht mehr um Sprachpolitik an sich, sondern um die Sprachengemeinschaft und wie diese mit sprachpolitischem Eingreifen umgeht.

Es ist zwischen zwei Einflussfaktoren zu unterscheiden:

- Sprachgruppenexterne Einflussfaktoren: In mehrsprachigen Gesellschaften herrschen „kulturideologische Prägungen und kommunikative Gewohnheiten“ vor, die von außen auf die Sprache und Sprecher wirken.

Im Falle von dominierten Sprachen bezeichnen sprachexterne Faktoren den Umgang der dominanten Sprache gegenüber der dominierten.

- Sprachgruppeninterne Einflussfaktoren: Darunter versteht man Strömungen in der Sprachgruppe selbst.

Im Falle von dominierten Sprachen bezeichnen sprachinterne Faktoren, die Art wie sich die Sprachgruppe selbst wahrnimmt und die sprachpolitische Praxis gestaltet.

Ein wichtiger Faktor der sowohl zum Scheitern aber auch zum Gelingen von Sprachpolitik beiträgt, ist das Sprach- und Kulturbewusstsein der Gruppe. Sprache dient als Identitätsmerkmal und so ist jede sprachliche Handlung auch Teil der eigenen Identität.

Wie aber kommt eine dominierte Sprache zu Sprachbewusstsein? Und was wird überhaupt darunter verstanden?

„Sprachbewusstsein ist die zentrale Steuerungsinstanz unseres gesamten sprachlichen Tuns, und zwar dadurch, dass es, individuell wie kollektiv, konkret gemachte sprachlich- kommunikative Erfahrungen zu sprachbezogenen Urteils- und Handlungsanleitungen verarbeitet.“[25]

Diese Definition geht von der psychologischen Seite aus und meint, dass das sprachliche Bewusstsein regelt, was wir wann auf welche Weise sagen. Mit Sprache definiert sich der Mensch und gehört so zu einer Sprachgemeinschaft. Dieses Bewusstsein ist veränderlich und kann sich auf Bedürfnisse und Reize einstellen.

In diesen Zusammenhang fällt der Begriff der individuellen Mehrsprachigkeit. Sprachbewusstsein ist darauf aus, alle Komponenten zu einem einheitlichen Ganzen zu verknüpfen. Dies kann gerade im Fall der individuellen Mehrsprachigkeit zu Problemen führen, nämlich dann wenn eine Sprache ein hohes gesellschaftliches Prestige aufweist während die andere Sprache schlechter konnotiert ist. Wie Sprecher in solch einer Situation reagieren ist unterschiedlich: Es kommt zum Leugnen und Verdrängen einer der beiden Sprachen aber auch zum Versuch beide Sprachen zu behalten. Sprachbewusstsein hat also einen engen Zusammenhang mit sprachlicher Identität.

„Sprachliche Identität ermöglicht die Standortbestimmung des Einzelnen innerhalb einer Sprach- und Kommunikationsgemeinschaft und ist damit ein Instrument sozialer Integration.“[26]

Diese Identität ist ebenso wie das Sprachbewusstsein nicht statisch sondern Veränderungen unterworfen. Die sprachliche Identität ist „vor allem eine sprachlich- ideologische Befindlichkeit, dient der Standortbestimmung, ist Zustand und nicht wie das Sprachbewusstsein zugleich Handlungsträger.“[27] Es liegt am Sprecher selbst, sich mit einer Sprache zu identifizieren und sich so direkt und indirekt sozial und gesellschaftlich für die Sprache einzusetzen.

Mehrsprachige Gesellschaften weisen meist eine diglossische Sprachsituation auf. Sprecher haben fast immer eine Bevorzugung für eine Sprache. Das ist meist die, die von der Mehrheit der Bevölkerung gesprochen wird und so ein höheres Prestige aufweist. Weist sich jemand als Sprecher der weniger verbreiteten Sprache aus, kann das gesellschaftliche und kulturelle Folgen für ihn haben. Wenn sich aber alle Sprecher der kleineren Sprache zusammentun, diese aktiv verwenden und sich mit der Sprache identifizieren, kann es zu einem konzentrierten Handeln der Gruppe kommen, was eine Aufwertung der Sprache zur Folge hat oder haben kann.

Allerdings kann eine Sprache nur so weit wirken wie ihr Wirkungsbereich gilt. Viele dominierte Sprachen verfügen nur über einen kleinen Raum, der oft nicht einheitlich zusammenhängt, was die Bildung einer gemeinsamen Identität der Sprecher erschwert.

Die Bildung eines Gruppen- und Sprachgefühls wird auch dadurch erschwert, dass dominierte Sprachen mit negativer Konnotation gegenüber der herrschenden Sprache belegt sind. Eine negative Konnotation entwickelt sich aus negativem Prestige[28] einer Sprache gegenüber.

Die Faktoren, die zur Bildung des Prestiges zusammenspielen, sind unterschiedlich und reichen von der Größe der Sprechergruppe zur literarischen Tradition, dem Bestehen einer hochsprachlichen Norm bis zum Spracherwerb und den damit zusammenhängenden Methoden und Erfahrungen.

Im Zusammenhang mit französischen Regionalsprachen muss der oft verwendete Begriff Patois erklärt werden.

2.4 Zur Begriffserklärung Patois

Dieses Wort kann nur schwer in das Deutsche übersetzt werden, da es im Französischen eine negative Konnotation hat und die Übersetzung nicht dem wertungsfreien Wort „Dialekt“ entspricht.

Im Allgemeinen findet sich eine Patois Situation dann, wenn

„eine dialektale Sprachform auf eine standardisierte normalisierte Form mit Konnotationen kultureller, sozialer Überlegenheit und offiziellem Status stößt, die sich wegen ihrer allgemeinen Verbreitung gegenüber den Varianten der sprachlichen Situation in natürlichem Zustand als ökonomische erweist.“[29]

Dass es zu einer Patois Situation kommt, braucht es also mindestens zwei Sprachen, von denen eine ein höheres gesellschaftliches Ansehen hat als die andere. Bei der besser konnotierten Sprache handelt es sich meist um die normativierte Standardsprache, die verschiedene Stufen durchlaufen hat.[30]

Als praktisches Beispiel sei hier das Verhältnis zwischen der französischen und der okzitanischen Sprache angeführt. Wie im Laufe dieser Arbeit noch dargestellt werden wird, ist die französische Sprache besser konnotiert als die okzitanische Sprache weshalb Okzitanisch an vielen Stellen und meist auch von den Sprechern selbst einfach nur als Patois bezeichnet wird.

Fishman[31] unterscheidet 4 Zustände, die die Einstellung von Sprechern ihrer Sprache gegenüber zeigen:

Standardisierung, Autonomie, Geschichtlichkeit und Vitalität.

In einer Gesellschaft, in der es nur eine Sprache gibt, ist die Autonomie von sich aus gegeben. Treffen mehrere Sprachen in einer Gesellschaft aufeinander dann „geraten die Kontaktvarietäten durch das Zusammenwirken äußerer und innerer Bedingungen im Bewusstsein des einzelnen Sprechers meist in eine werthierarchische Konnotierung.“[32]

Laut Weinreich[33] gibt es zwei Faktoren, die die Verwendung einer Sprache beeinflussen: Einerseits sind das die teilweise gesellschaftlich bedingten Faktoren und andererseits die gesellschaftlich stark bedingten Faktoren.

Unter der ersten Gruppe versteht man den relativen Gebrauch in mündlicher und schriftlicher Form, die persönliche Bindung zur Sprache u.a.. Die zweite Gruppe definiert unter anderem die Nützlichkeit der Sprache in der Gesellschaft, den Wert für den sozialen Aufstieg und die Verwendung in Literatur und Kultur.

Der Weg einer Sprache zu einer normierten und normativen Standardsprache ist meist lang und geht meist so vor sich wie im folgenden Punkt aufgelistet:

2.5 Normativierte Standardsprache

Zur vollen Standardisierung einer Sprache kommt es wenn sich die Sprecher der Individualität der eigenen Sprache bewusst werden. In der neuen Sprache müssen Texte, sowohl mündliche als auch schriftliche, komponiert werden. Durch die Entstehung von Textserien soll die Sprache in der Gesellschaft verankert werden. Textserien beginnen meist mit einer Hagiographie oder hagiographischen Texten, worunter Geschichten von Heiligen und Texte über das Leben und das Märtyrertum von Heiligen verstanden werden.

Danach folgen Epen und Heldengeschichten, Romane, sowohl antike wie auch höfische Romane, Lyrik, Urkunden (notarielle und juristische) und didaktische und philosophische Texte. Ein weiterer Schritt zur Standardisierung der so genannten Kodifizierung vollzieht sich durch die Entstehung von Grammatiken und Wörterbüchern. Wenn viele Texte in einer Sprache vorhanden sind, werden Regeln gefunden, wie zum Beispiel ein Epos verfasst werden muss. Nun können auch zweisprachige Wörterbücher verfasst werden. Durch die Entstehung von Akademien wird die Sprache normiert. Danach kommt es zur Offizialisierung, was bedeutet dass die Sprache als National-, Amtssprache etc. verwendet wird und auch als Unterrichtssprache dient. Die höchste Offizialisierung einer Sprache erfolgt durch die Erfassung in der Verfassung des Landes.

Als letzter Schritt kann die Normalisierung und Medialisierung der Sprache angeführt werden. Darunter versteht man die Verwendung und Verbreitung der Sprache in allen Bereichen des öffentlichen Lebens wie Schulen, Medien usw. Die Offizialisierung, Medialisierung und als letzter Schritt die Internationalisierung einer Sprache verlaufen sehr oft nebeneinander.

3 Die französische Sprachpolitik

In diesem Kapitel möchte ich die Etappen der französischen Sprachpolitik aufzeigen, die sich auf Minderheitensprachen beziehen, auf diese Auswirkungen haben und deren Verwendungsbereich betreffen.

An manchen Stellen können die Darstellungen etwas ausführlicher sein, um so Zusammenhänge aufzuzeigen, und um so verschiedene Ansatzpunkte besser verstehen zu können.

Die französische Sprache hat in Frankreich eine hohe Bedeutung und über lange Zeit haben es sich die Machthaber zur Aufgabe gemacht diese eine Sprache zu verbreiten und ihr durch eine aktive Sprachpolitik den höchsten Stellenwert zu verleihen.

Sprache an sich dient zur Identitätsbildung, bringt kollektives Bewusstsein hervor und kann auf der anderen Seite auch zu Konflikten und großen Missverständnissen führen.

Der französische Staat versteht sich als Nationalstaat und seit der französischen Revolution gibt es das starke Bestreben, dass alle Bürger eine gemeinsame Sprache sprechen sollten. Dies hat auch heute noch zur Folge, dass keine andere Sprach- und Kulturgemeinschaft auf französischem Boden anerkannt ist.

Frankreich weigert sich noch immer sprachliche Minderheiten im Land anzuerkennen weshalb es auch keine Rechte und somit auch keine rechtliche Absicherung für diese Sprachen gibt. Das einzige Gesetz, das die Minderheitensprachen zum ersten Mal aufzählt und in einer übergreifenden Weise berücksichtigt, ist die Loi Deixonne aus dem Jahre 1951. Andere sprachpolitische Maßnahmen beschränken sich nur auf kleinere Gebiete, sind meist nicht zusammenhängend und nicht sehr erfolgreich.

3.1 Die Anfänge der Sprachpolitik in Frankreich

Es ist nicht möglich ein genaues Datum für den Beginn der sprachpolitischen Maßnahmen in Frankreich festzulegen, allerdings ist ab der Mitte des 16. Jahrhunderts ist ein verstärktes Nachdenken über Sprache zu beobachten.

Um zum ersten, und wohl richtunggebendsten sprachpolitischen Erlass des 16. Jahrhunderts in Frankreich, nämlich dem Edikt von Villers-Cotterêts, zu kommen, muss man einen Blick auf die Vorgeschichte werfen um die Situation zu verstehen.

Eigentlich war Frankreich bis zur französischen Revolution ein Staat, in dem viele Sprachen und Dialekte gesprochen wurden. Aus diesen vielen Formen bildet sich eine heraus, die sich in ihrer Form einen gewissen Einflussbereich sichern konnte. Er handelt sich um das Franzische, das in der Ile de France gesprochen wurde und seit dem 12. Jahrhundert als Sprache der Könige gilt[34]. Diese Varietät konnte immer mehr an Prestige gewinnen.

Die franzische Variante breitet sich mit der politischen Expansion des Königs aus. Allerdings kann sich diese Sprache vor allem in den Randgebieten gegenüber den Regionalsprachen lange Zeit nicht durchsetzen.

Durch den König François I kommt es erstmals zu einer Zentralisierung der Macht in Paris. Er baut einen Beamtenapparat auf, der für die Verwaltung zuständig ist. Durch diese Maßnahmen wird die Idee eines nationalen, zentralen Königtums vorstellbar und allmählich durchgesetzt. Gleichzeitig kommt es zu Überlegungen eine Sprache, nämlich das Französische, aufzuwerten und gegen das noch immer stark präsente Latein durchzusetzen. Die Domänen der lateinischen Sprache waren zu dieser Zeit vor allem in der Wissenschaft, in der Bildung und in der Verwaltung zu finden.

In der Renaissance, deren Beginn mit dem Jahre 1500 angesetzt werden kann, kommt es zur Veränderung der Kommunikationsbedingungen.

Die Gründung von Universitäten

Kremnitz[35] erwähnt in diesem Zusammenhang den Ausbau der Universitäten. Obwohl gerade Universitäten oft als Herd der lateinischen Sprache gelten, kann angenommen werden, dass gerade sie für die langfristige Verbreitung der Nationalsprachen mitverantwortlich waren.

„Die (Spät-) Mittelalterlichen Universitäten sind Gemeinschaften der Lehrenden und Lernenden. Zwar bleibt das Latein noch lange Zeit Hochschulsprache dennoch tragen die Universitäten […] zur Neubewertung der Volkssprachen bei.“[36]

Die ersten europäischen Universitäten wurden im Mittelalter gegründet. Diese könnten aus den Dom- und Klosterschulen entstanden sein, die dem Wissensdrang und Bedürfnissen der Studierenden und Lehrenden nicht mehr genügten.

Die genauen Gründungsdaten der einzelnen Universitäten sind heute nicht mehr klar auszumachen, da einige nicht „offiziell“ gegründet wurden sondern nur auf Betreiben einiger Lehrer und Lernender entstanden. Die offizielle Anerkennung folgte oft erst später. Die planmäßige Gründung von Universitäten durch den jeweiligen Herrscher und mit Zustimmung des Papstes erfolgte ab dem 14. Jahrhundert nach dem Vorbild schon existierender Universitäten hohen Prestiges.

Latein bleibt ein wichtiges Merkmal des gesellschaftlichen Status, aber die Studenten werden durch die räumliche Nähe auch mit vielen anderen Sprachen konfrontiert. Oft gilt die Kenntnis einer anderen Sprache auch als Demarkationsmerkmal. Die Studierenden selbst sind auf der Universität nach nationes gegliedert, was heute den Landsmannschaften entsprechen kann. Diese Einteilung erfolgt auf Grund sprachlicher Kriterien, aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle.

Anders als Kremnitz meinen Berschin, Felixberger und Goebl[37], dass das Hauptziel der Schulen und Universitäten noch immer die Vermittlung von Lateinkenntnissen war. Französisch diente in den ersten Jahren als Unterrichtssprache, solange die Schüler einem Unterricht in lateinischer Sprache nicht folgen konnten. Die Unterrichtssprache in der 1252 gegründeten Universität in Paris, der Sorbonne, war Latein.

Lesen und Schreiben wurde in lateinischer Sprache gelernt. Die Unterrichtssprache war vor allem Latein und um die Kenntnisse noch auszubauen sollten sich die Schüler auch während der Pausen in lateinischer Sprache unterhalten.

Noch im 17. Jahrhundert funktionierten die Universitäten fast ausschließlich in lateinischer Sprache. Ab dem 18. Jahrhundert verbreitet sich die französische Sprache in den Collèges wo sich die Schüler auch nicht mehr nur in lateinischer Sprache unterhalten mussten. Im Jahre 1759 eröffnen die Jesuiten ein Collège, in dem der Unterricht ausschließlich in französischer Sprache abgehalten wurde.

Den endgültigen Bruch mit der lateinischen Tradition kann man erst während bzw. nach der französischen Revolution erkennen.

Der Buchdruck

Eine weitere wichtige Bedingung zur Veränderung der Kommunikationsverhältnisse ab der Renaissance stellt die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern von Johannes Guttenberg in Mainz dar. Diese Erfindung fand sicher nicht innerhalb eines Jahres statt allerdings wird das Jahr 1450 als Stichjahr angenommen.

Der Buchdruck fand in Europa rasende Verbreitung und Ansehen. Durch das Aufkommen und die rasche Verbreitung der Druckpressen, kann angenommen werden, dass es zu einer raschen Verbreitung der Alphabetisierung gekommen ist.

Die Gesellschaft funktioniert bis dahin meist mündlich und die Fähigkeit des Schreibens und Lesens ist einer geringen Schicht der Bevölkerung, vor allem den Geistlichen, vorbehalten. Es folgt nun ein Hinwenden zum geschriebenen Wort, allerdings ist die Frage in welcher Sprache gedruckt wird, noch nicht geklärt.

Die Sprachen, die verschriftet werden,

„müssen mit den Vorteilen des Lateins ausgestattet werden: sie selbst und ihre Verschriftung müssen stärker konventionell geregelt werden, damit sie weiträumiger zu verstehen sind. […] die Erfindung und Verbreitung des Buchdrucks ruft geradezu nach einer systematischen Beschäftigung mit den Volkssprachen.“[38]

Man kann annehmen, dass es in Europa durch das Aufkommen des Buchdruckes zu einem allmählichen Zurückweichen der lateinischen Sprache als dominante und als einzige geschriebene Sprache kam.

Die Verschriftung der Texte der Verwaltung aber auch des Handels nehmen zu. Es werden immer mehr Menschen benötigt, die lesen und schreiben können. Da das Erlernen der lateinischen Sprache mit den damaligen Mitteln zu aufwendig ist, wird oft gleich zum den Unterricht in der Volkssprache übergegangen. Durch die zunehmende Alphabetisierung der Menschen kommen immer neue Textssorten „auf den Markt“ die besonders für die Volkssprachen zugänglich sind. Bestimmte Textsorten, die zuvor nur der lateinischen Sprache vorbehalten waren, werden immer mehr in den Volkssprachen verfasst.

Auf Grund dieser Tendenz beginnen Herrscher einiger Länder nach einem bestimmten Prinzip vorzugehen: Urkunden sollten nicht mehr in lateinischer Sprache abgefasst werden sondern in der Sprache der Bevölkerung.

Die Reformation

Ein weiterer Schub, der die Ausbreitung der Druckschriften in der Volkssprache fördert, ist die Reformation. Sie lehnt sowohl die römisch- katholische Kirche ab als auch die lateinische Sprache als „Kultsprache“.

Um einen größeren Teil der Bevölkerung zu erreichen, richten sich die Reformatoren in der Volkssprache an die Bevölkerung. So tritt im Jahre 1515 Erasmus von Rotterdam für Bibelübersetzungen in die Volkssprache ein. Im Jahre 1523 erscheint eine Übersetzung des Neue Testaments von Lefèvre d’Etaples und fünf Jahre später eine von reformatorischen Übersetzern verfasste Fassung der gesamten Bibel in die romanische Volkssprache. Ab 1550 verwendet die protestantische Kirche die französische Sprache als Kirchensprache.

Auf Seiten der katholischen Kirche ist man den volkssprachlichen Übersetzungen der Bibel gegenüber sehr kritisch eingestellt. Im Jahre 1698 erscheint eine Übersetzung des Neuen Testaments, die von Jesuiten verfasst wurde. Allerdings bleibt die lateinische Sprache als Sprache der Liturgie in der katholischen Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962- 1965) erhalten.

Die erste sprachpolitische Maßnahme die eindeutig nicht mehr nur die französische und die lateinische Sprache, sondern alle auf französischem Gebiet gesprochenen Sprachen betrifft, fällt in das 16. Jahrhundert.

3.2 1539: L’Ordonnance de Villers-Cotterêts

Die Ordonnance de Villers-Cotterêts aus dem Jahre 1539 regelt, dass die Abfassung aller administrativer und juristischer Dokumente sowie rechtliche Handlungen genauso wie mündliche Gerichtsverhandlungen nur mehr auf Französisch zu erfolgen haben und nicht einmal mehr in Sprachen die auf französischem Boden gesprochen werden.[39] Unter juristischen Dokumenten versteht man „vom königlichen Gesetz bis zum privaten Testament“[40] alles, was offiziellen, juristischen Charakter hat.

François I hat diesen Erlass verfassen lassen um den Gebrauch des Lateinischen zu vermindern. Allerdings werden so auch alle anderen, auf französischem Staatsgebiet gesprochene Sprachen vom schriftlichen Gebrauch ausgeschlossen. Für amtliche Schriftstücke sollte nun nur mehr le langage maternel françois (sic!) verwendet werden die so zur einzigen Gerichts- und Amtssprache wird.

Beamte sind aufgefordert, nur mehr das Französische zu verwenden und

„die romanischen Sprachen auf dem Boden Frankreichs versinken wie die nichtromanischen Idiome in die Zweitrangigkeit, auch die Dialekte, […]verlieren […] schnell an Bedeutung.“[41]

Hier muss angemerkt werden, dass Französisch zwar zur offiziellen Sprache erkoren wurde, aber auf der anderen Seite nichts für ihre rasche Verbreitung getan wird. Außerdem besteht noch keine einheitliche französische Norm, die solch einen Beschluss rechtfertigen konnte.

Die Ordonanz führt zu einer Zweispaltung der Bevölkerung. Zum Einen in die Gruppe, die der französischen Sprache mächtig ist und so am königlichen politischen Leben teilhaben kann. Auf der anderen Seite steht das Gros der Menschen, das die Sprache nicht beherrscht und so, auf welcher Ebene auch immer, vom politischen Geschehen ausgeschlossen ist.[42]

Da die französische Sprache vom Herrscher als die zu verwendende Sprache auserkoren wurde, wird ihre Rolle als offizielle Sprache verstärkt. Alle anderen Sprachen, die auf französischem Boden eine lange Tradition haben, werden deshalb nicht mehr als vollwertige Sprachen angesehen und werden als Patois bezeichnet: „Sie werden zu strukturell unfähig erklärt, den Kommunikationsbedürfnissen zu genügen, denen eine moderne Sprache entsprechen muss.“[43]

Laut Schmitt[44] ist das Edikt von Villers- Cotterêts nicht als ein administratives Werk anzusehen sondern viel mehr „erwartet der König von seinen Untertanen, dass sie seine Sprache lernen und benutzen, ja sie ist obligatorisches Kommunikationsinstrument für seine höheren Beamten“. Die französische Sprache gilt als offizielle politische Sprache und wird als solche in den kommenden Jahrhunderten propagiert.

3.3 Der lange Weg zu einer normierten französischen Sprache

Dieses kurze Kapitel erscheint mir deshalb wichtig zu erwähnen, um zu verstehen, dass „die“ französische Sprache nicht von einem Tag auf den anderen entstanden ist, sondern, dass es etliche Jahre wissenschaftlicher Arbeit und Forschung gebraucht hat, um zu „der“ Sprache, die schlussendlich die französische Sprache genannt wird, zu gelangen.

Die Suche nach einheitlichen grammatikalischen und anderen Regeln fängt für die französische Sprache ab der Mitte des 16. Jahrhunderts an. Die Diskussion erstreckt sich damals vor allem über Grammatik, Graphie und den Wortschatz des Französischen. Verschiedene Tendenzen werden eingebracht:

Die einen setzen sich für eine Bereicherung des Französischen durch das Italienische, Lateinische und auch durch dialektale Ausdrücke ein, während Sprachpuristen wie der spätere Hofdichter François de Malherbe, eine genaue Reglementierung im Bereich der Lexik fordern.

Auch die Schreibweise sorgt für Diskussionsstoff. Durchgesetzt hat sich schließlich die am lateinischen Ursprung orientierte etymologische Graphie.

Neben wichtigen Dichtern dieser Zeit bemüht sich eine Institution um die Pflege und Förderung der französischen Sprache. Dabei handelt es sich um die Académie française.

3.3.1 L’ Académie française

Die Académie française wird 1635 unter Louis XIII und Kardinal Richelieu gegründet und besteht aus 40 Mitgliedern. Sie entsteht aus einem der zahlreichen Salons, die sich in Paris gebildet haben. Die Beschäftigung mit der französischen Sprache ist die Hauptaufgabe der Akademie und sie sollte „die französische Sprache in den Rang heben, den traditionell die lateinische Sprache innehatte.[45]

„Man will die französische Sprache von den Auswüchsen (ordures) reinigen, die sie beim Volke, bei den Höflingen usw. angenommen hat. Deshalb müsse man […] einen klaren Gebrauch der Wörter festlegen. Es ist die Perfektion der Sprache, die angestrebt wird.“[46]

Wie es im Artikel 24 der Statuten der Académie steht, ist die Hauptaufgabe,

La principale fonction de l’Académie sera de travailler avec tout le soin et toute la diligence possibles à donner des règles certaines à notre langue et à la rendre pure, éloquente et capable de traiter les arts et les science.[47]

Die Arbeit der Académie ist die Erstellung eines Wörterbuchs, einer Grammatik, einer Rhetorik und einer Poetik. Diese Institution sollte über die Reinhaltung der Sprache und die literarischen Werke wachen. Sie wurde so zu einer Zensur- und Kontrollinstitution, die das intellektuelle Leben in Frankreich überwacht. Der König hatte sich so ein Machtinstrument der Kulturpolitik und der Lenkung der Sprache geschaffen.

Im Jahre 1637 beginnen die Arbeiten an einem Wörterbuch, das 1694 unter dem Titel Dictionnaire de l’Académie française in zwei Bänden erscheint.

„In den Wörterbüchern sollte die „die zeitgenössische Umgangssprache der honnêtes gens zu erfassen. Neologismen (mots nouvellement inventez), veraltete Wörter, Fachtermini (les termes des Arts et des Sciences) sowie Ausdrücke, die als unanständig galten (termes d’emportement ou qui blessent la Pudeur) sollten unberücksichtigt werden.“[48]

Dieses Wörterbuch enthält ausschließlich den Wortschatz, den der honnête homme verwendet und ist so nicht für den Alltag brauchbar und auch kein repräsentatives Werk der französischen Sprache.

In den Statuten der Akademie ist die Schaffung einer Poetik, einer Rhetorik und einer Grammatik festgelegt. Während die ersten beiden Werke nie erschienen sind, wurde im Jahre 1932 eine Grammatik veröffentlicht, die aber ohne großen Erfolg blieb.

Die Normierungstendenzen um die französische Sprache haben als Ergebnis, dass die französische Sprache als die klassische und logische Sprache schlechthin gilt. Auf der anderen Seite dient Sprache nun als Mittel der sozialen Abgrenzung: Nur wer die Sprache „richtig“ verwendet hat die Chance sich in der noblen Gesellschaft zu etablieren.

[...]


[1] Becker, 2004, S.29

[2] Bochmann, 1993, S.3- 58

[3] Ammon, 1993, S.571

[4] Ammon, 1993, S.571

[5] Maas, 1989, S.19

[6] „Politische Sprachpolitik analysiert sprachliche Verhältnisse im Rahmen der gesellschaftlichen Reproduktion […] Politische Gliederungen, insbesondere staatliche Grenzen, können dieses Feld abstecken, müssen das aber nicht tun und tun dies in der Regel auch nicht.“ Maas, 1989, S.17

[7] Ammon, 1993, S.583

[8] Ammon, 1993, S.584

[9] Bochmann, 1993, S.3

[10] Bochmann. 1993, S.6

[11] Bochmann. 1993, S.8

[12] Bochmann, 1993, S.8

[13] Bochmann, 1993, S.12

[14] Bochmann, 1993, S.12

[15] Bochmann, 1993, S.21

[16] Das Beispiel „Schule“ werde ich in einem späteren Kapitel dieser Arbeit, nämlich im Zusammenhang mit der französischen Revolution aber auch im Zusammenhang mit den beiden darzustellenden Minderheitensprachen noch näher erläutern.

[17] Unter Diglossie versteht Fishmann kurz gesagt la dualité de fonctions entre deux langues dans différents domaines d’interaction sociale. Schjerve- Rindler, 1990, S.7

[18] Bochmann. 1993, S.30

[19] Zum Thema Sprachnormierung s. S. 24

[20] Kloss, 1978, S.60

[21] Bochmann, 1993, S.32

[22] Bochmann, 1993, S.32

[23] „Das Territorialitätsprinzip beschränkt den Schutz der Minderheitengruppe auf ein bestimmtes Gebiet innerhalb des Staates. Das Personalitätsprinzip verlangt von den Angehörigen der Minderheitengruppe sich zu dieser zu bekennen […] Das Personalitätsprinzip ist oft an ein Territorium gebunden. Der sprachliche Schutz der Person gilt nur im geschützten, politisch genau abgegrenzten Gebiet.“ Czernilofsky, 2001, S.170

[24] Cichon, 2001, S.181

[25] Cichon, 2001, S.183

[26] Cichon, 2001, S.184

[27] Cichon, 2001, S.184

[28] Unter Sprachprestige versteht man das Ansehen und die Wertschätzung gegenüber einer Sprache. Die Frage des Prestiges und der negativen/ positiven Konnotation einer Sprache spielt nur dann eine Rolle, wenn zwei oder mehr Sprachen aufeinander treffen.

[29] Lafont, 1982, S.102

[30] Welche Stufen das sind, ist auf Seite 24 zu lesen.

[31] Cichon, 1988, S.16

[32] zitiert nach Cichon, 1988, S.16

[33] zitiert nach Cichon, 1988, S.17

[34] Für das hohe Ansehen von Paris, das zu dieser Zeit noch keineswegs als zentraler Punkt Frankreichs gilt, kann unter anderem die Abtei Saint-Denis der Grund sein. In dieser Abtei wurden die Reliquien des Nationalheiligen Dionysius aufbewahrt wodurch es zu einer Art französischem Heiligtum wurde. Die Abtei stand in „Konkurrenz“ mit dem „Martin Heiligtum“ in Tours. Später festigte sich die Verbindung des Königshauses mit dem Kloster Saint-Denis, da diese die Bestattungsstätte der Könige wurde.

[35] Kremnitz, 1991, S.41

[36] Kremnitz, 1991, S.42

[37] Berschin, Felixberger, Goebl, 1978, S.197

[38] Kremnitz, 1991, S.44

[39] laut Kremnitz, 1974, S.101: nous voulons d’ores an avant que tous arrêts, ensemble toutes autres procédures, […] soient prononcez, enregistrez et delivrez aux parties en langaige maternel françois et non autrement.

[40] Kremnitz, 1991, S.49

[41] Steyrl, 2000, S.43

[42] Welche Auswirkungen diese sprachpolitische Maßnahme auf die okzitanische Sprache hatte, möchte ich ausführlich im Kapitel „Die historische Entwicklung der okzitanischen Sprache“, S. 65, behandeln.

[43] Kremnitz, 1995, S.63

[44] Schmitt, 1979, S.474

[45] Frey, 2000, S.11

[46] Frey, 2000, S.14

[47] Frey, 2000, S.16

[48] Winkelmann, 1990, S.342

Details

Seiten
135
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640529070
ISBN (Buch)
9783640528738
Dateigröße
900 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144522
Institution / Hochschule
Universität Wien – Romanistik
Note
2
Schlagworte
Minderheitensprachen Okzitanisch Korsisch Französische Sprachpolitik Sprachgeschichte Okzitanisch Sprachgeschichte Korsisch Soziolinguistische Situation Okzitanisch Soziolinguistische Situation Korsisch

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Titel: Die Auswirkungen der französischen Sprachpolitik auf Minderheitensprachen am Beispiel Okzitanisch und Korsisch