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Die personale Identität in Lockes 'An Essay Concerning Human Understanding'

Eine Verteidigung gegen die Kritik von Joseph Butler und Thomas Reid

Masterarbeit 2009 77 Seiten

Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen

Leseprobe

Gliederung

Einführung

1. Lockes Identitätskapitel (Essay II, 27)
1.1 Die Frage nach der Individuation
1.2 Die Frage nach der Identität über die Zeit hinweg
1.3 Die Identität des Menschen und die personale Identität

2. Joseph Butlers und Thomas Reids Kritik an der Lockeschen (TPI)
2.1 Der Zirkularitätsvorwurf gegen (TPI)
2.2 Die Notwendige Abhängigkeit der personalen Identität von der Seelensubstanz
2.3 Das Problem der Sukzessivität des Bewusstseins
2.4 Das Problem des Vergessens und Nicht-Transitivität der Identität nach (TPI)

3. Präzisierung der Lesart von Lockescher (TPI) in der neueren Sekundäliteratur
3.1 Das Bewusstsein als unmittelbarer Selbstbezug und die Unterscheidung zwischen Mensch, Person und Seele (Udo Thiel)
3.2 Kein faktisches Erinnern, sondern die Möglichkeit sich an eigene Handlungen zu erinnern (Paul Helm und Jens Kulenkampff)
3.3 Die Person als normativer Ausdruck und die affektive Selbstsorge (Reinhard Brandt)
3.4 Die Psychologie der Lockeschen Personalität und die Zueignung (Raymond Martin)

4. Die Komplette Lesart der (TPI) und eine Verteidigung dieser gegen Butler und Reids Kritik
4.1 Die komplette Lesart (TPI)kompl
4.2 Verteidigung Locke gegen Butler und Reid anhand von (TPI)kompl
4.2.1 Der Zirkularitätsvorwurf gegen (TPI)kompl
4.2.2 Die Notwendige Abhängigkeit der personalen Identität von der Seelensubstanz
4.2.3 Das Problem der Sukzessivität des Bewusstseins
4.2.4 Das Problem des Vergessens und Nicht-Transitivität der Identität nach (TPI)kompl

Schlussfolgerung

Einführung

Das Thema der personalen Identität ist immer aktuell, weil eine Konzeption der Personalität in vielerlei Weise unsere praktischen Überlegungen beeinflusst. Die Anziehungskraft dieses Themas steigt noch dadurch, dass es jeden Menschen betrifft. In der Philosophie tobt dementsprechend schon Jahrzehnte und Jahrhunderte eine aufregende Diskussion um das Thema. Wenn man nach den Wurzeln dieser Diskussion sucht, stößt man auf das Lockesche Identitätskapitel. Dieses stellt die erste neuzeitliche systematische Behandlung des Themas dar, die, die bis heute lebendig ist.

Lockes Identitätskapitel könnte man als Reaktion auf die traditionelle Auffassung der Personalität werten, die zu seiner Zeit stillschweigend vorausgesetzt wurde – eine Auffassung, die niemals selbständig und abgesondert herausgearbeitet wurde, da sie unproblematisch schien. Gemeint ist die Konzeption der Personalität, die sich hinter der Cartesischen Definition des menschlichen Ichs als res cogitans verbirgt. Diese postuliert, dass die menschliche Person in einer immateriellen Substanz besteht, die mit einem Körper verbunden ist. Dank der immateriellen Natur unterliege die res cogitans keiner Veränderung und könne daher scheinbar problemlos das Bestehen der Personalität eines menschlichen Individuums garantieren.

Locke bestreitet jedoch mit seiner Erkenntnistheorie unsere Fähigkeit die realen Essenzen der Dinge zu erkennen und stellt somit in Frage, ob wir tatsächlich berechtigt sind, das Denken als die wahre Beschaffenheit einer immateriellen Substanz anzuerkennen. Die Cartesische Definition der Seele als einer wesentlich denkenden Entität bietet seiner Ansicht nach nur scheinbar eine unproblematische Lösung. Unter diesen Umständen erscheint die Frage nach der personalen Identität als eine, die dringend nach einer Beantwortung verlangt. Deshalb reagiert Locke auf Molyneuxs Anliegen, sich mit dem Individuationsprinzip zu beschäftigen und schreibt das Identitätskapitel, das 1964 in der zweiten Auflage des Essay concerning Human Understanding tatsächlich erschienen ist. Hier formuliert er die These, dass die personale Identität allein im Bewusstsein besteht und provoziert dadurch seine Zeitgenossen.

Diese scheinen im Allgemeinen nur wenig Verständnis für seine Identitätskonzeption zu haben. Auch die wenigen Sympathisanten, die Locke mit seiner Theorie gewinnt, (gemeint sind v.a. die Vertreter des Materialismus) scheinen Locke nicht richtig zu verstehen. Noch weniger Verständnis findet Lockes Theorie bei den Kritikern und Vertretern der klassischen (im Kern Cartesischen) Konzeption der Personalität, d.h. bei den Immaterialisten.[1] Es bilden sich also zwei Lager, die noch heute aktuell zu sein scheinen, ob in einer entwickelten Form der Gegenpositionen des Reduktionismus und Nicht-Reduktionismus oder in Form der entgegen gesetzten Thesen von Vertretern des physikalischen und des psychischen Identitätskriteriums. In der gesamten Diskussion wird jedoch eine geschichtlich genaue Interpretation der Lockeschen Identitätstheorie der Person ziemlich vernachlässigt, was zur Folge hat, dass man nicht erkannt hat, dass sich die Diskussion zwischen den zwei Lagern, gar nicht ausgehend von dem entwickelt hat, was Locke tatsächlich schreibt, sondern ausgehend von einer Fehlinterpretation des Lockeschen Identitätskapitels. Locke hat nämlich versucht, eine Konzeption der personalen Identität zu liefern, welche die diskutierte Frage unbeantwortet lässt.

In der vorliegenden Arbeit soll daher unter anderem der Frage nachgegangen werden, wie man das Identitätskapitel historisch genau interpretieren sollte. Ich möchte hier eine vollständige Lesart der Lockeschen Theorie der personalen Identität vorschlagen, die meines Erachtens alle Stellen des Identitätskapitels in Einklang bringt und viele im Zusammenhang mit der Lockeschen Identitätstheorie diskutierten Probleme als gar nicht bestehend auflösen kann. Es gibt jedoch schon eine Menge an Sekundärliteratur, in welcher verschiedene Lesarten vorgeschlagen werden, wobei der Umstand, welche Lesart hier jeweils angeboten wird im wesentlichen davon abhängt, gegen welche Thesen Locke verteidigt wird, oder welche der Lockeschen Behauptungen bestritten werden sollen. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen zu versuchen, in Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur zu einer vollständigen Lesart der Lockeschen These zu gelangen, derzufolge Identität allein im Bewusstsein besteht. Dadurch soll gleichzeitig zum einen ein Überblick über die innerhalb der Sekundärliteratur vertretenden Positionen gegeben und zum anderen meine eigene Position verdeutlicht werden.

Eine vollständige Interpretation der Lockeschen These, personale Identität bestehe allein im Bewusstsein, liefern zu wollen, ist dadurch motiviert, dass ich mir vorgenommen habe, in dieser Arbeit Lockes Theorie gegen die Frühkritik von Joseph Butler und Thomas Reid zu verteidigen. Butlers und Reids Ausführungen sind meiner Meinung nach einerseits repräsentativ für die Einwände, die von verschiedenen Autoren während des 18. und 19. Jahrhunderts immer wieder in verschiedenen Variationen gegen Lockes Theorie erhoben wurden und diese beiden Kritiker Lockes stellen andererseits, wie ich finde, typische Vertreter der traditionellen, im Kern Cartesischen, Auffassung der Personalität dar. Betrachtet man daher ihre Kritik, gewinnt man eine genaue Vorstellung davon, warum die Lockesche Konzeption von den Immaterialisten seiner Zeit so widerspruchsvoll aufgenommen wurde.

Meine Vorgehensweise lässt sich wie folgt beschreiben: Im ersten Kapitel werde ich Lockes Identitätskapitel und dessen Zusammenhang mit Lockes Philosophie im Allgemeinen wiedergeben und die Lockesche These der personalen Identität (TPI) ausformulieren. Im zweiten Kapitel werde ich die Kritik von Butler und Reid darstellen, gegliedert in vier Haupteinwände. Im dritten Kapitel werde ich mich dann mit ausgewählter neuerer Sekundärliteratur und darin enthaltenen Präzisierungsvorschlägen von (TPI), die dazu dienen sollen, Locke zu verteidigen, auseinandersetzten. Ausgehend von dieser Auseinandersetzung werde ich dann im vierten Kapitel eine komplette Lesart der (TPI) vorschlagen. Abschließend werde ich imselben Kapitel wieder auf die Kritik von Butler und Reid eingehen und ihre Einwände mithilfe der rekonstruierten kompletten Lesart erwidern.

So soll aufgezeigt werden, dass die Kritik von Butler und Reid (bzw. dieser ähnliche Kritiken) an der Lockeschen Konzeption der Personalität nicht angemessen ist und grundsätzlich in einem Missverstehen seines Bewusstseinsbegriffes, der ungenügenden Aufmerksamkeit bezüglich seiner Unterscheidung zwischen Mensch, Seele und Person und der Missachtung seines epistemologischen Skeptizismus besteht. Gleichzeitig glaube ich damit nachzuweisen, dass die Lockesche Identitätstheorie eine richtige Art von Konzeption der personalen Identität liefert. Auch wenn sie vielleicht nicht alle Fragen, die im Bereich der Personalität auftauchen könnten, beantworten kann, stellt sie meiner Ansicht nach einen Schritt in die richtige Richtung dar und kann als viel versprechender Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen dienen.

1. Lockes Identitätskapitel (Essay II, 27)

Das Kapitel ‚ Über die Identität und Verschiedenheit ’ hat Locke (1632 – 1704) erst in der zweiten Auflage seines ‚ Essay Concerning Human Understanding[2] (1694) hinzufügt.[3] Es handelt sich um die erste systematische Behandlung der Identitätsproblematik in der Neuzeit überhaupt.[4] Locke hat hier nicht nur die traditionelle Identitätsauffassung[5] in Frage gestellt, sondern auch eigene originäre Lehre entwickelt, die in den folgenden Jahrhunderten eine besondere Aufmerksamkeit auf sich zog[6] und bis heute diskutiert und kritisiert wird.

Diese Arbeit hat die kontroverseste These des Identitätskapitels zum Thema, deshalb beginne ich mir einer Zusammenfassung dieses Kapitels aus Essay II. Lockes Thesen aus dem Identitätskapitels werde ich dabei in den breiteren Kontext seiner Philosophie einbetten, so dass der Leser die erste Vorstellung von dem Zusammenhang seiner Identitätskonzeption, Korpuskeltheorie, epistemologischem Skeptizismus, Unterscheidung zwischen realer und nominaler Essenz, sowie seiner Ablehnung des Realismus gewinnen kann. Die These der personalen Identität, um die es in dieser Arbeit vor allem geht wird hier zunächst ohne weitere interpretative Erläuterungen wiedergegeben.

1.1 Die Frage nach dem Individuationsprinzip

Locke vertritt eine korpuskulare Philosophie[7] - eine Philosophie, in der die Gedanken des griechischen Atomismus[8] in Verknüpfung mit der neuzeitlichen Naturwissenschaft erneut wurden. Locke hat angenommen, dass alle materiellen Körper aus kleinen, sinnlich nicht wahrnehmbaren Teilchen (Atomen bzw. Korpuskeln) bestehen. Allen Körpern liegt also eine gemeinsame einheitliche Materie zu Grunde und man kann alle natürlichen Phänomene durch die Bezugnahme auf so verstandene Materie und ihre Eigenschaften erklären.[9]

Eine solche Korpuskeltheorie erlaubt folglich die Identität eines Gegenstandes zu behandeln, ohne sie auf metaphysische Entitäten wie allgemeine Wesenheiten oder Formen zurückführen zu müssen.[10] Die atomistische Hypothese führt somit Locke zur Ablehnung des traditionellen Realismus bzw. der These, dass die Universalien[11] eine eigenständige Realität haben).[12] Die Frage nach der Individuation eines Einzeldinges (d.h. die Frage, wodurch ein konkretes Individuum seine Individualität innerhalb einer Art, die durch das Universale bestimmt ist, gewinnt) stellt dann weiter kein echtes Problem für sein Denken dar.[13]

Trotzdem geht es zu Beginn des Identitätskapitels gerade um das sog. Individuationsprinzip:

„Wenn wir sehen, daß sich ein Ding in einen bestimmten Augenblick an einem bestimmten Ort befindet, sind wir sicher (...), daß es eben dieses Ding ist und nicht ein anderes, das zu derselben Zeit an einer anderen Stelle existiert, wie ähnlich und ununterscheidbar beide Dinge in jeder anderen Hinsicht auch sein mögen.(...) Wir können nämlich nie beobachten, noch für möglich halten, daß zwei Dinge derselben Art am selben Ort zur selben Zeit existieren; darum schließen wir mit Recht, daß alles, was irgendwo zu irgendeiner Zeit existiert, alles andere derselben Art ausschließt und sich selbst dort allein befindet.“ (Essay II, 27, 1)

[...]


[1] Vgl. Thiel 1998a.

[2] Wie üblich wird dreistellig nach Buch, Kapitel und Paragraphen auf den Text von Locke verweist - z.B. bezieht sich ‚Essay II, 27, 9’ auf den 9 Paragraphen im 27. Kapitel des zweiten Buches des Essay. Für Zitate ist die Meiner Ausgabe - Hamburg 2006 benutzt.

[3] S. Fox 1988, S. 27 - 28.

[4] Vgl. Thiel 2008, S.151

[5] Zur traditionellen Auffassung der Personalität s. Unterkapitel 2.2 unter (trad.TPI) und vgl. mit Thiel 1998 a, S. 62 oder Kulenkampff 2001, S. 67.

[6] Vgl. Thiel 1998a, S.59.

[7] Zum Begriff der Korpuskeltheorie s. Hist.W., Bd. IV, s. 1138ff.

[8] S. Hist.W., Bd. I – Stichwort „Atomismus“, S. 603ff. und „Atomtheorie“, S. 606ff.

[9] Locke hat sich in dieser Hinsicht von Robert Boyle inspiriert gelassen und hat seine atomistischen Überzeugungen übernommen - vgl. Thiel 2008, S. 152 ff.

[10] Man muss also nicht mehr eine aristotelische Form oder platonische Idee hinter den wahrnehmbaren Eigenschaften eines Dinges annehmen.

[11] Zum Begriff der Universalien s. Hist.W., Bd. XXI, S. 179 – 204.

[12] Vgl. Thiel 2008, S.152

[13] Zum Unproblematischen der Individuation, vgl. Thiel 1983, S.20. Allgemeines zur Unterscheidung zwischen Realismus und Nominalismus und zum Problem der Individuation im Realismus, s. in Thiel 2008, S.149 - 150. Zu Realismus und Nominalismus allgemein S. Hist.Wört, Bd. VI, S. 874 – 888 und Bd. VIII, S.148 – 178.

Details

Seiten
77
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640548118
ISBN (Buch)
9783640551811
Dateigröße
953 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144373
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Fachbereich Philosophie
Note
1,1
Schlagworte
Identität Lockes Essay Concerning Human Understanding Eine Verteidigung Kritik Joseph Butler Thomas Reid

Autor

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