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Das Okkult-Sakrale und das Rebellisch-Profane bei Gellu Naum, Eugène Ionesco und Alfred Kubin

Essay 2010 17 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Das Okkult-Sakrale und das Rebellisch-Profane bei Gellu Naum, Eugene Ionesco und Alfred Kubin

Vorwort

Der Schritt ist geschafft. Vom Beginn des sagenumwobenen 21. Jahrhunderts hat uns der letzte Jahreswechsel bereits in das zweite Jahrzehnt eines neuen Jahrtausends hineinkatapultiert. Was früher als Symbol für die Zukunft stand, ist heute unsere Gegenwart, unsere Realität. Und die Realität spricht offensichtlich für uns – der Mensch hat erstaunliches geleistet, die Entwicklung des bisher Undenk-baren schreitet immer weiter fort. Wir leben in Zeiten, in denen die Wissenschaft kurz davor steht, Maschinen mit menschenähnlichen Gehirnen zu erschaffen oder direkt mit dem menschlichen Gehirn zu vernetzen. Unser Gencode ist so gut wie entschlüsselt, einzelne Gene lassen sich bereits künstlich nachbauen. In wenigen Jahrzehnten, so wird prophezeit, wird man in der Lage sein, den Menschen durch Züchtung neuer Zellen und Organe immer wieder zu verjüngen und die Lebenserwartung um Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte anzuheben. Der Mensch ist sein eigener Schöpfer geworden; auf das ewige Leben muss er nicht mehr durch göttliche Verheißung hoffen. Wozu sollte man sich unter diesen Umständen also noch mit obskuren Dingen wie Religion und esoterischen Anschauungen befassen, wenn man ganz sein eigener Herr ist? Noch ist kein wissenschaftlich eindeutiger Gottesbeweis erbracht worden – aber muss nicht alles wissenschaftlich erklärbar sein? Und wie könnte man es wagen, in dieser Welt, in der man auf (fast) alles eine Antwort hat, etwas als „profan“ zu bezeichnen, ein Wort mit dem negativen Beiklang von Unwichtigkeit und halber Wahrheit?

Und doch klafft eine Lücke zwischen dem Erreichten und den Tatsachen – irgendetwas scheint doch nicht erreicht zu sein. Die Wirtschaftskrise hat die Welt auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen. Der Gegensatz von sogenannter 1. und 3. Welt scheint durch Hunger, Krankheiten und Armut zu einem unüberwindbaren Abgrund angewachsen zu sein. Und nach wie vor werden die erbittertsten Fehden zwischen den Weltreligionen ausgetragen – man denke an aktuelle Diskussionen um die Auseinandersetzungen zwischen Islam und Christentum. Allein an diesen religiösen Spannungen wird deutlich, dass nach wie vor die Suche nach einer höheren Macht, die unsere Daseinsberechtigung ausstellen soll, das Leben bestimmt. In den so modernen Zeiten, in denen Derartiges überflüssig erscheint, nimmt ein Zitat Heideggers wieder neue Bedeutung an: „Wir müssen erst wieder nach dem rufen, der unserem Dasein einen Schrecken einzujagen vermag.“

Ausgehend von diesem Satz stellt es eine spannende Aufgabe dar, sich mit drei Autoren und drei speziellen Werken zu befassen, die den Gegensatz von Okkult-Sakralem und Profanen aufgegriffen und auf eigene Weise verarbeitet haben. Sie suchten alle einen eigenen Denkansatz in der mensch-lichen Suche nach Lebenssinn und Selbst- bzw. Fremdbestimmung durch eine höhere Sphäre – oder allein dem Wunsch danach. Zugleich wird von ihnen, zum Teil auf schmerzhafteste Weise, die menschliche Existenz mit ihren düsteren Seiten, die Selbstzerstörung und Ausweglosigkeit des Menschen aus seiner Lebenswelt geschildert. Also zwei Aspekte des Menschlichen, allzu Menschlichen.

Eugène Ionesco zählt nach wie vor zu den meistgespieltesten französischen Theaterautoren der Gegenwart. Alfred Kubins Werk rückte im Kubin-Jahr 2009 wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, während der rumänische Dichter Gellu Naum inzwischen in Europa eine Art Wiederentdeckung erlebt. Diesen drei Künstlern wurde ein Forschungsprojekt gewidmet, das sich in theaterpraktischer und –theoretischer Auseinandersetzung mit den literarischen Stoffen beschäftigte und einen tieferen Einblick in die Welt der drei Ausnahmeschriftsteller vermitteln sollte. Dabei soll in dieser Erläuterung weniger auf mögliche und praktizierte Inszenierungsformen der drei ausgewählten Stücke eingegangen werden als auf deren Inhalt und Aufbau in literarischer Hinsicht. Die Inszenierung sowie Bearbeitungen und Veränderungen an den ursprünglichen Texten entspringen stets dem subjektiven Bedürfnis der Mitteilung des jeweiligen Regisseurs bzw. Schauspielers; hier soll allerdings an die Grundaussage und Mitteilung der Autoren unmittelbar angeknüpft werden, die dem Regisseur und Schauspieler auch dazu dienen können, sich inspirieren zu lassen und seine eigene Sicht der Dinge mit der Grundbotschaft des Stückes zu vereinen, sich dieser entgegenzustellen oder eine andere Antwort auf die Fragen des Lebens, die ein Drama aufreißt, zu geben. Hier soll analysiert werden, was aus Sicht eines Theaterschaffenden das Werk der drei Autoren so interessant macht, besonders in Hinsicht auf ihre Behandlung des Okkult-Sakralen und des Rebellisch-Profanen.

Die Autoren und ihre Zeit

Die drei Autoren stellen sich bei näherer Betrachtung als echte „Kinder ihrer Zeit“ heraus, allerdings nicht unter dem Gesichtspunkt des braven und angepassten Bürgers, sondern als kritische Beobachter und Kommentatoren des Zeitgeschehens – auf eigenwillige Art und Weise. Begonnen sei hier mit dem frühesten Vertreter, dem großen Zeichner Alfred Kubin.

Kubin wurde 1877 in Böhmen geboren, bevor die Familie nach Österreich zog. Schon früh machten dem Jungen depressive Zustände und sein Hang zum Pessimismus zu schaffen, gipfelnd in einem glücklicherweise nicht erfolgreichen Selbstmordversuch am Grab der früh verstorbenen Mutter. Den pessimistischen Zug, den auch sein Werk tragen sollte, legte er nie ab, auch nicht, als er schließlich in der Freizeitbeschäftigung des Zeichnens seinen Bestimmung erkannte. Ab 1898 nahm er an mehreren Schulen Kunststudien auf, um diese bald darauf abzubrechen und sich nach mehreren ausgedehnten Reisen als freischaffender Künstler niederzulassen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er vorrangig mit der Buchillustration. Er zeichnete unter anderem für die Werke Poes, Dostojewskis und E.T.A. Hoffmanns, die ihm auch selbst als Inspirationsquelle dienten; seine Weltanschauung wurde zudem geprägt durch die frühe Lektüre von Schopenhauer und Nietzsche. Bis zu seinem Tod 1959 entwickelte Kubin seinen Zeichenstil konsequent, gleichbleibend war dabei sein Hang zum Phantastischen, Dämonischen und Übernatürlichen, von der rauschhaft-ungezügelten Frühphase bis hin zum ausgeklügelten und selbstbeherrschteren Spiel mit der Tusche in seiner späteren, als „surrealistisch“ bezeichneten Periode (Kubin selbst lieferte jedoch die Inspiration für die Künstler des Surrealismus). 1909 wurde der Roman „Die andere Seite“ mit eigenen Illustrationen von Kubin veröffentlicht – das einzige Buch des Zeichners war im Rahmen einer „Malblockade“ entstanden. Im Jahr darauf gründete er zusammen mit Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und weiteren bedeutenden Künstlern die „Neue Künstlervereinigung München“ - den Vorläufer des „Blauen Reiters“ - und trug somit zur Prägung des Expressionismus als Stilrichtung bei. Durch seine Beschäftigung mit Tod, Traum und Phantastischem inspirierte er nachfolgende Künstlergruppen, unter anderem die surrealistische Bewegung und Literaten des Horror-Genres (H.P. Lovecraft), außergewöhnliche Talente wie Franz Kafka und den stilverwandten Gustav Meyrink. Mit diesem teilte er nicht nur die Vorliebe für das Übernatürliche und den Hang zu Spiritismus und Esoterik (beide konvertierten zum Buddhismus) - die Tendenzen in Kubins gesamtem Werk und seinem Roman scheinen eine besondere Erscheinung der Zeit gewesen zu sein, der sich Künstler wie Meyrink, der frühe Kafka und andere anschlossen. Schon bevor der erste Weltkrieg schwere Narben auf der Seele eines empfindsamen Künstlers hinterlassen konnte, schien etwas in der Luft zu liegen; eine Aura von Verfall, Todesahnung, Endzeit. Eventuell eine Nachhauch des Fin-de-Siecle, jener Epoche zwischen Dekadenz und Fortschrittsbeflügelung, oder ein Vorgeschmack auf die schrecklichsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts, weshalb man Kubin oft teils „prophetische“ Begabung zumaß. Was es auch war: er hat es auf beunruhigende Weise eingefangen und der Nachwelt übermittelt.

Eugène Ionesco wurde 1909 in Rumänien geboren und zog mit der Familie im Alter von vier Jahren nach Paris. Erst als 24-Jähriger später kehrte er wieder zu dem von der Familie getrennten Vater in sein Geburtsland zurück, in dem er allerdings erst wie ein Fremder Sprache und Kultur erlernen musste. Hier begann er sein Französischstudium an der Universität Bukarest und unterrichtete dieses Fach danach an verschiedenen Schulen, während er sich inzwischen auch einen Namen als Journalist und Literaturkritiker gemacht hatte. Nach dem Ausbruch des 2. Weltkriegs wechselten Ionesco und seine Frau mehrmals den Wohnort zwischen Rumänien und Frankreich, um der großen Katastrophe zu entgehen. Dieser Krieg hinterließ kollektive Narben, so auch bei Ionesco. In Anbetracht der Gräuel, die Menschen einander anzutun fähig waren, schien es unmöglich, einen Ausdruck für die mensch-liche Existenz, die sich also völlig unethisch erwiesen hatte, zu finden. Durch die Absurdität dieses Krieges wurde auch die Kunst ins Absurde gezwungen. 1950 wurde das erste Stück des inzwischen offiziell französischen Bürgers, „Die kahle Sängerin“ uraufgeführt und von der Kritik äußerst positiv aufgenommen – der Erfolg beim Publikum, das diese Form des Theaters nicht gewohnt war, sollte sich erst später einstellen. Es folgten Stücke wie „Die Unterrichtsstunde“, „Die Stühle“ und „Opfer der Pflicht“, mit denen sich Ionesco als absurd-witziger Dramatiker etablierte. 1957 erschien seine erstes Stück mit eindeutig politischer Tendenz, „Die Nashörner“, was für großen Aufruhr sorgte; danach begann Ionesco allerdings, sich in seinem Werk vermehrt kritisch zu Politik und Zeitgeschehen zu äußern. Seit den 70er Jahren zählte er zu den bedeutendsten Dramatikern Europas, es entstanden laufend neue Stücke und 1973 auch der Roman „Der Einzelgäner“, dessen Stoff Ionesco noch im Erscheinungsjahr im Stück „Welch gigantischer Schwindel!“ wieder aufgriff . Seine Arbeit in den 80er Jahren wurde vor allem durch depressive Erkrankungen beeinträchtigt, denen er sich durch die Malerei zu entwinden versuchte. Ionesco starb 1994 in Paris.

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