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Grammatikalisierung durch expressiven Sprachwandel am Beispiel des Französischen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 22 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Kreislaufmodell nach Helmut Lüdtke

3. Expressiver Sprachwandel
3.1 Beispiel: Lexikalisierung von frz. beaucoup ‚viel’
3.2 Modell des expressiven Sprachwandels
3.3 „Trabantenwort“ und Normalwort

4. Grammatikalisierung durch expressiven Sprachwandel
4.1 Beispiele aus dem Französischen
4.1.1 Grammatikalisierung des Negationspartikels pas
4.1.2 Grammatikalisierung des Futurmarkers aller
4.2 Grammatikalisierung als Spezialfall expressiven Wandels
4.3 Expressivität als Grund für die Unidirektionalität von Grammatikalisierungsprozessen

5. Zusammenfassung

6. Bibliographie

1. Einleitung

Sprachwandel ist ein Phänomen, das eine lebendige Sprache von einer toten, eine natürliche von einer künstlichen unterscheidet. Jede lebendige und natürliche Sprache, die als Muttersprache erlernt und gesprochen wird, verändert sich, und zwar gerade deshalb, weil sie gesprochen wird. Natürliche Kommunikation führt zu natürlichem, d.h. nicht von den Sprechern intendiertem Wandel. Daneben existiert auch beabsichtigter Wandel, der durch staatliche Eingriffe angeschoben wird: Sprachnormierung, Sprachplanung und Sprachpolitik entstehen nicht durch natürliche Kommunikation, sondern sind das Produkt außersprachlicher gesellschaftlicher Bedürfnisse (vgl. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Sprachwandeltypen (adaptiert nach Wurzel 1994: 99)

Innerhalb des natürlichen, nicht intendierten Sprachwandels lassen sich drei Typen unterscheiden: system-initiierter, außersprachlich initiierter sowie sprachkontakt-initiierter Wandel. Für diese Arbeit ist jedoch nur der system-initiierte Wandel relevant, d.h. Wandel, der durch das Sprachsystem selbst angestoßen und möglich wird. Grammatikalisierung und Lexikalisierung (in Abb. 1 als „’natürlicher’ lexikalisch-semantischer Wandel“ bezeichnet) sind damit unbeabsichtigte, durch das Sprachsystem angestoßene und auf semantischen Komponenten beruhende Formen des Sprachwandels. Lexikalisierung soll als „Übergang sprachlicher Einheiten ins Lexikon“ (Lehmann 1989: 12) verstanden werden, Grammatikalisierung als „Übergang sprachlicher Einheiten in die Grammatik“ (Lehmann 1989: 11) bzw. als diachroner „Prozess, in dessen Verlauf neue grammatische Formen aus ehemals autonomen lexikalischen Einheiten entstehen“ (Klump 2007: 24).

In dieser Arbeit interessieren vor allem die Fragen nach dem Warum und dem Wie: Warum können grammatische Elemente aus lexikalischen entstehen? Wie, d.h. in welchen Etappen läuft ein solcher Prozess ab und welche kognitiven Mechanismen stehen dahinter? Die Theorie des expressiven Sprachwandels kann Antworten auf diese Fragen geben. Sie soll zunächst, ausgehend von Lüdtkes Kreislaufmodell und illustriert an einem Lexikalisierungsbeispiel, erläutert werden. Anschließend werden zwei Grammatikalisierungsbeispiele aus dem Französischen vorgestellt und durch das Modell des expressiven Sprachwandels erklärt. Lexikalisierung und Grammatikalisierung liegen ähnliche kognitive Sprecherstrategien zugrunde, weshalb die Theorie des expressiven Sprachwandels auf beide Phänomene angewandt werden kann. Da das Endergebnis beider Prozesse jedoch unterschiedlich ist, muss die Grammatikalisierung als „Spezialfall“ expressiven Wandels betrachtet werden. Schließlich kann das Modell des expressiven Sprachwandels auch hinzugenommen werden, um die Unumkehrbarkeit von Grammatikalisierungsprozessen zu erklären.

2. Kreislaufmodell nach Helmut Lüdtke

Helmut Lüdtkes Sprachwandeltheorie kann als Ausgangspunkt für eine Theorie expressiven Sprachwandels herangezogen werden. Lüdtke beschreibt Sprachwandel als einen unbeabsichtigt eintretenden Kreislauf (s. Abb. 2), der durch sprecher- und hörerseitige Bedürfnisse nach „Optimierung des Kommunikationsverfahrens“ (Lüdtke 1980a: 5) angetrieben wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Kreislaufmodell nach Helmut Lüdtke (Keller 1994: 150)

Auf der einen Seite steht das sprecherfreundliche Ökonomieprinzip, das dafür Sorge trägt, dass Sprecher nur gerade so viel artikulatorischen Aufwand betreiben, wie für einen erfolgreichen Kommunikationsakt notwendig ist. Dieses Prinzip kann jedoch im Laufe der Zeit zu Verschmelzung zweier oder mehrerer benachbarter Wörter sowie zur Schrumpfung des Lautkörpers führen. Dann greift das hörerfreundliche Redundanzprinzip, nach dem Sprecher ihre Aussagen semantaktisch anreichern, um weiterhin Verständlichkeit beim Hörer zu sichern. Solche lexikalischen Anreicherungen können periphrastische Neubildungen oder fakultative Erweiterungen sein (vgl. Lüdtke 1980b: 208, 211). Als Beispiel führt Lüdtke das französische Zeitadverb aujourd’hui an (vgl. Lüdtke 1980b: 208): Aus dem lateinischen hoc die (‚an diesem Tag’), verschmolzen zu lat. hodie (‚heute’), entsteht das lautlich geschrumpfte altfranzösische hui (‚heute’). Diese minimale Ausdrucksform wurde zur Verständnissicherung durch die Periphrasen le jour d’hui, du jour d’hui und au jour d’hui (‚am heutigen Tag’) ersetzt, wobei letztere am häufigsten gebraucht wurde und allmählich zur neuen „Normalform“ (Lüdtke 1980b: 209) wurde. Die getrennten Einheiten au jour d’hui verschmelzen aufgrund von frequentem Auftreten zum heutigen aujourd’hui (‚heute’), das Sprecher wiederum fakultativ zu au jour d’aujourd’hui (‚am heutigen Tag’) erweitern können, um ihrer Aussage besondere Klarheit zu verleihen.

Problematisch an Lüdtkes Kreislaufmodell ist die lexikalische Anreicherung: Durch Periphrasen und fakultative Erweiterungen des „alten“ Sprachmaterials tritt völlig neues Material in den Kreislauf ein, von dem nicht gesagt wird, woher es kommt (vgl. Koch/Oesterreicher 1996: 76). Lüdtke beschreibt lediglich die Tatsache, dass Sprecher lexikalische Anreicherungen vornehmen, um verständlich(er) zu sein, er untersucht jedoch nicht die Frage, warum Sprecher durch lexikalisch angereichertes Sprachmaterial erfolgreicher kommunizieren als zuvor. Diese Frage kann durch die Suche nach dem Ursprung des neuen Sprachmaterials beantwortet werden: Koch und Oesterreicher gehen davon aus, dass die expressive Mündlichkeit immer wieder neue mögliche Ausdrucksformen bereithält, mit denen „altes“ Sprachmaterial „aufgebessert“ werden kann (vgl. Koch/Oesterreicher 1996: 77). Sie schlagen deshalb ein abgeändertes Sprachwandelmodell vor, das unter 3.2 vorgestellt und beschrieben wird. Im Folgenden soll jedoch zunächst anhand eines Beispiels der durch expressive Mündlichkeit induzierte Sprachwandel erläutert werden.

3. Expressiver Sprachwandel

3.1 Beispiel: Lexikalisierung von frz. beaucoup‚viel’

Der Ablauf eines lexikalischen Bedeutungswandels lässt sich im Großen und Ganzen in vier Etappen einteilen, was hier am Beispiel der Ersetzung von afrz./ mfrz. molt / moult ‚viel’ durch afrz. / mfrz. bel cop / beaucoup ‚ein schöner Schlag’ dargestellt werden soll (vgl. Detges 2001: 31 ff.).

1. Innovation:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Innovation (Detges 2001: 32).

Der Sprachwandel beginnt mit einer subjektiven, spontanen Assoziation und einer semantischen Innovation eines einzelnen Sprechers: Das altfranzösische bel cop, das normalerweise das Konzept ‚schöner Schlag’ bezeichnet, erscheint einem Sprecher als äußerst expressives, weil besonders informatives Mittel zur Darstellung des Konzepts ‚viel’. Er überträgt[1] diesen Ausdruck also auf ein anderes Designat und verwendet ihn infolgedessen zum ersten Mal, spontan und sozusagen „ausnahmsweise“ anstelle des lexikalisierten Begriffs afrz. molt. Wichtig hierbei ist, dass bel cop in der Bedeutung ‚schöner Schlag’ bereits existiert, jedoch nicht als Ausdrucksform für große Quantitäten. Es besteht jedoch zwischen den Konzepten ‚viel’ und ‚schöner Schlag’ eine semantische Beziehung (Metonymie aufgrund inhaltlicher Kontiguität), welche die Grundlage für die Assoziation des Sprechers darstellt. Nur aufgrund dieser semantischen Relation kann eine derartige Innovation stattfinden und vom Hörer richtig reanalysiert werden.

Das Ziel des Sprechers ist pragmatisch motiviert: Durch die höhere Anschaulichkeit des innovativen Ausdrucks verspricht er sich kommunikativen Gewinn und sprachliche Effizienz bei möglichst geringem Aufwand. Da dies universelle Absichten eines jeden Sprechers sind, können expressive Bildungen als Produkt von „Alltagsrhetorik“ (vgl. Stempel 1983) bezeichnet werden: Täglich entstehen anschauliche Ausdrucksformen, von denen das damals in diesem Kontext neue bel cop nur eine von verschiedenen Möglichkeiten, d.h. eines von mehreren „Trabantenwörtern“ um das „Normalwort“molt war (vgl. 3.3).

2. Lexikalisierung:

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Abb. 4: Lexikalisierung (Detges 2001: 34).

Hat der Sprecher mit seiner Innovation Erfolg, so dass auch andere Sprecher den neuen Ausdruck aufgrund seiner Anschaulichkeit und seines kommunikativen Erfolgs übernehmen, so wird dieser zunächst nur in bestimmten Sprechergruppen, dann in mündlichen Varietäten der Einzelsprache gebräuchlich. Schließlich wird das Zeichen bel cop zur Konvention und als ein weiterer Ausdruck für ‚viel’ lexikalisiert (schriftlich belegt um 1300). Erst bei diesem zweiten Schritt kann man von Bedeutungswandel sprechen. Bel cop behält allerdings weiterhin die Bedeutung ‚schöner Schlag’ und ist damit polysem.

Bel cop existiert bis ins 16. Jahrhundert neben afrz. molt, das sich zu mfrz. moult weiterentwickelt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die beiden Zeichen auf gleicher diaphasischer oder stilistischer Ebene lagen; molt war weiterhin das „Normalwort“, bel cop war eines von mehreren markierten Alternativen. Dass sich diese Variante letztlich lexikalisieren konnte, lässt sich nur durch das Phänomen der unsichtbaren Hand (vgl. Keller 1994) und nicht etwa durch Sprecherabsichten zur „Verbesserung“ ihrer Sprache erklären, denn normalerweise „bietet die Expressivität keine Erfolgsgarantie; bekanntlich gehen unzählige expressive Innovationen leer aus, da die für den Sprachwandel nötige allgemeine Adoption ausbleibt“ (Hunnius 2003, zitiert aus Koch 2004: 610). Einen Erklärungsansatz dafür, weshalb bestimmte Innovationen von der Allgemeinheit adoptiert werden, liefert das Konzept der unsichtbaren Hand (invisible-hand -Theorie, vgl. Keller 21994): Da mehrere Sprecher die selbe Intention verfolgen (durch expressives Sprachmaterial erfolgreich, d.h. überzeugend kommunizieren möchten), bedienen sie sich der selben Strategien und somit auch häufig des selben innovativen Ausdrucks. Dies führt als Konsequenz der häufigen Verwendung zu Sprachwandel, auch wenn dies ganz und gar nicht die Absicht eines jeden einzelnen Sprechers war. Sprachwandel wird demnach von „unsichtbarer Hand“ geleitet.

[...]


[1] Detges/Waltereit (2002: 189) sprechen hierbei von „meaning shift“.

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640530816
ISBN (Buch)
9783640531172
Dateigröße
713 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144118
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Romanische Philologie
Note
1,7
Schlagworte
Grammatikalisierung Expressivität Sprachwandel Kreislaufmodell Lexikalisierung Detges Negation Französisch Futur proche unidirektionell Unidirektionalität expressiv

Autor

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