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Feministische Sprachkritik: Versuchte Sprachlenkung am Beispiel der geschlechtergerechten Sprache

Seminararbeit 2006 26 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Einleitung

1 Feministische Sprachkritik
1.1 Kurze Einführung in die feministische Sprachkritik
1.2 Die Kritik von Senta Trömel-Plötz
1.3 Die Reaktion von Hartwig Kalverkämper
1.4 Die Antwort von Luise F. Pusch auf Kalverkämper

2. Lösungsvorschläge von Luise F. Pusch
2.1 Neutralisation
2.2 Totale Feminisierung

3. Richtlinien, Handbücher und Ratgeber zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs bzw. zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch
3.1 Geschlechtergerechte Personenbezeichnungen
3.2 Geschlechtergerechter Umgang mit Pronomen
3.3 Das Pronomen " man"

4. Sprache und Gesellschaft

5. Sprachwandel durch Sprachlenkung
5.1 Prozess und Wirkung der sprachpolitisch gelenkten Sprachentwicklung
5.2 Zeugnisse des Sprachwandels

6. Feministische Sprachkritik im Spiegel der Populärwissenschaft am Beispiel Bastian Sick

7. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Vorbemerkung

Ich arbeite als "Bürofrau"[1] beim Verein Frauenkulturzentrum Darmstadt. Immer wieder habe ich dort kleinere und größere, witzigere und ernstere Auseinandersetzungen mit den dort amtierenden "Vorstandsfrauen" zum Thema geschlechtergerechte Sprache. Meistens wird mein "frauennichtmiteinschließender" und deshalb sexistischer Sprachgebrauch kritisiert. So kommt es doch immer mal wieder vor, dass eine von mir geäußerte Aussage der Kategorie: "Ich bin Germanist" von einem choral erklingenden ' –in' begleitet wird.

Zunächst weckte das in mir Befremden, nach und nach habe ich mich aber daran gewöhnt und zwischenzeitlich bereitete es mir sogar Vergnügen, die Sprachkorrekturvorschläge meiner urfeministischen "Mitfrauen"[2] herauszufordern. Als ich im Seminar "Tendenzen deutscher Gegenwartssprache" mit der Übernahme des Referats "Auswirkungen des Feminismus" betraut wurde, sah ich darin einen fast schicksalhaften Wink, endlich den Forderungen meiner Kritikerinnen nachzukommen und mich mit den Ursprüngen, Forderungen und Wirkungen feministischer Sprachkritik ernsthaft und wissenschaftlich auseinander zusetzen. Dies soll hiermit geschehen.

Um vorzubeugen, dass wegen dieser Vorbemerkung der Anschein geweckt wird, ich wäre den Argumenten der Feministinnen gegenüber voreingenommen, muss ich noch erwähnen, dass mich die der Referatsvorbereitung dienende Lektüre der einschlägigen Literatur offen für die feministische Sprachkritik gestimmt hat.

Ich widme diese Arbeit also den Vorstandsfrauen des FKZ Darmstadt, allen voran B. Paschke.

Einleitung

Die vorgelegte Arbeit beschäftigt sich mit feministischer Sprachkritik. Es soll dargelegt werden, dass sprachfeministische Kritik einen durch Sprachlenkung intendierten Sprachwandel herbeiführen und damit auch außersprachliche Veränderungen der Gesellschaft forcieren will.

Zunächst wird ein kurzer Überblick der feministischen Sprachkritik skizziert und die Aufsätze von Senta Tröml-Plötz, Hartwig Kalverkämper und Luise F: Pusch exemplarisch vorgestellt. Daran anschließend werden Lösungsvorschläge für die angesprochenen Probleme aufgezeigt.

Im darauffolgenden Hauptteil der Arbeit soll der Prozess und die angestrebte Wirkung von Sprachlenkung am Beispiel der geschlechtsneutralen Sprache gezeigt werden.

Abschließend bietet sich der Tatsache wegen, dass feministische Sprachkritik vor allem durch "Glossen"[3] verbreitet wurde, eine Auseinandersetzung mit der Kolumne[4] von Bastian Sick an.

Diese Arbeit soll, das ist sie dem Thema schuldig, weitestgehend die Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs berücksichtigen und sich einer geschlechtergerechten Sprache bedienen.

1 Feministische Sprachkritik

1.1 Kurze Einführung in die feministische Sprachkritik

Die Frauenbewegung in Deutschland lässt sich grob in zwei Phasen aufteilen.

In der ersten Phase, die von Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1933 andauerte, kämpften die Frauen um ihre politische, soziale, ökonomische und kulturelle Gleichberechtigung. Während des Nationalsozialismus fand keine Frauenbewegung statt. Nach 1945 schlossen sich die alten Frauenverbände, die vor 1933 gegründet wurden, neu zum „Deutschen Frauenrat“ zusammen. Ende der 1960er Jahre begann die zweite Phase der Frauenbewegung, auch „neue Frauenbewegung“ genannt. Sie stand in engem Zusammenhang mit den Studentenrevolten 1967/68 in den USA und beschäftigte sich erstmals mit der Ungleichbehandlung der Geschlechter durch Sprache.

In Deutschland galt die Aufmerksamkeit der "neuen" Feministinnen zunächst der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Erst gegen Ende der 1970er Jahre geriet auch die Sprache als Mittel der Diskriminierung in Misskredit.

Revolutionär war das Erstlingswerk von Verena Stefan "Häutungen" (Stefan 1975) nicht nur inhaltlich (es beschäftigte sich aus weiblicher Perspektive mit Sexualität), sondern auch, weil hier zum ersten Mal das klein geschriebene Pronomen „frau“ an Stelle von „man“ benutzt wurde:

„Beim schreiben dieses buches, dessen inhalt hierzulande überfällig ist, bin ich wort für wort und begriff um begriff an der vorhandenen sprache angeeckt. Sicher habe ich das zunächst so krass empfunden, weil ich über sexualität schreibe [...] Die sprache versagt, sobald ich über neue erfahrungen berichten will [...] Ich zerstöre vertraute zusammenhänge. ich stelle begriffe, mit denen nichts mehr geklärt werden kann, in frage oder sortiere sie aus [...] Mit dem wörtchen 'man' fängt es an. 'man' hat, 'man' tut, 'man' fühlt [...] Entlarvend sind sätze, die mit, "als frau hat 'man' ja", beginnen. 'man' hat als frau keine identität. frau kann sie nur als frau suchen." (Stefan 1975: 3f.)

Als Senta Trömel-Plötz 1978 ihren Artikel "Linguistik und Frauensprache" veröffentlichte, trat sie auch in der Sprachwissenschaft die Diskussion über feministische Sprachkritik los. Ihr Artikel erschien in den "Linguistischen Berichten" und löste zunächst die harsche Kritik von Hartwig Kalverkämper aus (Kalverkämper 1979) Luise F. Pusch sah sich daraufhin veranlasst, den Standpunkt Trömel-Plötz' zu verteidigen. Diese drei Artikel beinhalten im wesentlichen bereits die Hauptargumente der feministischen Sprachkritik und ihrer Gegner und Gegnerinnen[5]. Im folgenden soll der Argumentationsgang dieser drei kurz dargelegt werden, um dann zu einer Analyse der Sprachlenkungsbemühungen zu führen.

1.2 Die Kritik von Senta Trömel-Plötz

"Seit Frauen sich politisch als Gruppe verstanden und damit in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerieten, seit sie auf ihre Benachteiligung aufmerksam machen, begann auch in der Linguistik ein Interesse, ihrer Benachteiligung in der Sprache und durch Sprecher nachzuspüren. Es ist nur plausibel, daß eine weitreichende gesellschaftliche Diskriminierung sich auch sprachlich niederschlägt und zwar nicht nur als Wiederspiegelung, [...] sondern viel interessanter, weil diskriminierend Akte häufig einfach sprachliche Akte sind oder weil Diskriminierung in einer bestimmten Situation eben auch verbal zum Ausdruck kommt." (Trömel-Plötz 1978:50)

Die von Trömel-Plötz geübte Sprachkritik lässt sich zusammenfassend in drei Hauptpunkte unterteilen.[6]

1. Die Verwendung des generischen Maskulinums[7].

Personenpronomen wie "jeder", "jemand", "wer" und insbesondere "man" sind geschlechtsindefinit und werden dort verwendet, wo das Geschlecht der Referenten bzw. Referentinnen nebensächlich ist oder wo es sich um gemischte Gruppen handelt. Diese 'neutralen' Personalpronomen werden mit dem ebenfalls 'neutralen' Possessivpronomen "sein" wiederaufgenommen. Hierbei fällt auf, dass die verwendeten Formen mit den männlichen identisch sind, was dazu führt, dass oft nur aus dem Kontext, und manchmal auch gar nicht, hervorgeht, ob auf Männer oder Frauen referiert werden soll, ob also Frauen mitgemeint sind oder nicht. Der Mensch, der mit dem geschlechtsabstrahierenden Pronomen "er" wiederaufgenommen wird, scheint, so der Kontext nicht eindeutig auf 'seine' Weiblichkeit schließen lässt, männlichen Geschlechts zu sein. Frauen werden demzufolge, so Trömel-Plötz, durch die Wahl solcher Formulierungen beabsichtigt ausgeschlossen und unsichtbar gemacht. Sogar wenn auf eindeutig weibliche Personen referiert wird, ist die Verwendung des generischen Maskulinums formalgrammatikalisch richtig.

"Man erlebt seine Schwangerschaft und Geburt jedes Mal anders" (Trömel- Plötz 1978:53)

Es erscheint absurd, im Kontext von Schwangerschaft das generische Maskulinum zu verwenden, selbst wenn angenommen wird, Frauen seien mitgemeint, bleibt es fraglich, warum die Geburtserfahrungen von Männern an dieser Stelle implizit ebenfalls mitgemeint sein sollen.[8]

2. Das Fehlen weiblicher Berufsbezeichnungen für "frauenuntypische" Berufe. Noch immer (1978) gibt es keine weibliche Berufsbezeichnungen für General, Kapitän, Dienstherr und Bauherr.

3. Des weiteren wird die Asymmetrie bei der Bildung von geschlechtsspezifischen Berufsbezeichnungen bemängelt. Weibliche Berufsbezeichnungen werden im Deutschen in der Regel durch Suffigierung (-in) von männlichen Berufsbezeichnungen gebildet. Im umgekehrten Fall wird für die männliche Berufsbezeichnung eine neue, nicht von der weiblichen abgeleitete Bezeichnung erfunden.[9]

Amtmann- Amtmännin

Politiker - Politikerin

Hebamme- Geburtshelfer statt Hebammer*

Kindergärtnerin- Erzieher statt Kindergärtner*

[...]


[1] Das mag eigenartig klingen, aber genau das ist meine Funktionsbezeichnung.

[2] So die vereinsinterne Benennung der Vereinsmitglieder.

[3] Pusch.

[4] Sick 2004: Liebe Gläubiginnen und Gläubige.

[5] Kalverkämper bleibt nicht der einzige Kritiker. Weitere kritische Stimmen zum Sprachfeminismus: Gutte, Rolf (1985): "Mannomann – Ist das Deutsche eine Männersprache?" In: Diskussion Deutsch 16, S. 671-681.

Zimmer, Dieter E. (1986): "Die, der, das. Sprache und Sexismus". In: ders.: Redens Arten. Über Trends und Tollheiten im neudeutschen Sprachgebrauch. Zürich (Haffmans). S. 63-79.

Mayer, Reinhard (1989): "Anmerkungen zum feministischen I". In: Der Sprachdienst 33, S. 172-175.

Es würde allerdings den Rahmen meiner Arbeit sprengen, auf die genannten weiter einzugehen.

[6] Trömel-Plötz beschäftigt sich in ihrem Artikel "Linguistik und Frauensprache" auch mit dem unterschiedlichen Gesprächsverhalten von Frauen und Männern. Darauf soll allerdings an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden.

[7] Gebrauch maskuliner/männlicher Personenbezeichnungen und Pronomina zur Referenz auf beide Geschlechter[...] Bußmann 2002:245

[8] Eine ähnliche kuriose Satzkonstruktion kritisiert Pusch in ihrer Glosse" Die Menstruation ist bei jedem ein bißchen anders." ( Pusch 1984:149)

[9] Von dieser neu geschaffenen Berufsbezeichnung könnte dann wieder eine weibliche Form durch Suffix –in gebildet werden.

Details

Seiten
26
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640668021
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v144086
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Sprachwissenschaftliches Institut
Note
2
Schlagworte
Feministische Sprachkritik Versuchte Sprachlenkung Beispiel Sprache

Autor

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Titel: Feministische Sprachkritik: Versuchte Sprachlenkung am Beispiel der geschlechtergerechten Sprache