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Das bürgerliche Familienleitbild der Aufklärung und sein Reflex in Lessings Emilia Galotti

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die bürgerliche Familie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
1. Bedeutung der Familie für das Bürgertum
2. Entstehung und Struktur der Kleinfamilie
3. Bürgerliches Familienleitbild
a) Liebe und Ehe
b) Erziehung
c) Tugend

II. Der Reflex des bürgerlichen Familienleitbilds in Lessings Emilia Galotti
1. Der tugendhafte Schutzraum Familie
a) Odoardo und Appiani als Vertreter des bürgerlichen familialen Wertsystems
b) Claudia und Emilia als Opfer des patriarchalischen Tugendrigorismus
2. Der gewaltsame Einbruch des Hofes in den Schutzraum Familie

III. Die Dialektik des bürgerlichen familialen Wertsystems

Schluss

Literatur

Einleitung

Aufgabe der vorliegenden Arbeit ist darzustellen, welche Aspekte das bürgerliche Familienleitbild der Aufklärung kennzeichnen, und zu analysieren, inwiefern Lessing es in seinem Drama Emilia Galotti abbildet beziehungsweise kritisch hinterfragt.

Zu Beginn der Arbeit wird die historisch-soziale Position der bürgerlichen Familie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und ihre Bedeutung für das Bürgertum erläutert, um zu verdeutlichen, warum der familiäre Binnenraum für die Autoren der Aufklärung als Ort des literarischen Geschehens von besonderem Interesse war. Im Anschluss wird auf die Struktur der bürgerlichen Familie im Unterschied zur traditionellen Familienform des „Ganzen Hauses“ und auf das insbesondere durch die Moralischen Wochenschriften popularisierte und für den neuen Familientypus grundlegende aufgeklärte Familienleitbild eingegangen. Von primärem Interesse sind dabei die Konzeption von Liebe und Ehe, die Kindererziehung und der in der Familie kultivierte bürgerliche Moralkodex.

Im sich anschließenden zweiten Teil der Arbeit wird untersucht, in welcher Hinsicht die Repräsentation der Familie in Lessings Emilia Galotti Aspekte der bürgerlichen Familienideologie beinhaltet. Hierbei kommt der Erziehung Emilias und dem Verhalten ihres Vaters im Privaten und in der Öffentlichkeit besondere Beachtung zu. Da der Schwerpunkt der Arbeit auf der Darstellung der bürgerlichen Familie Galotti liegt, wird auf die Repräsentanten des Hofes nicht näher eingegangen.

Der abschließende dritte Teil der Arbeit widmet sich der Fragestellung, inwiefern Lessings Drama nicht nur als Reflex, sondern auch als kritischer Kommentar des bürgerlichen Familienideals gelesen werden kann. Von zentraler Bedeutung für die Argumentation wird dabei die vieldiskutierte Frage nach der Ursache von Emilias Tod sein.

I. Die bürgerliche Familie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

1. Bedeutung der Familie für das Bürgertum

Als Hauptträger des wirtschaftlichen und technischen Fortschritts hatte das Bürgertum in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entscheidende ökonomische Bedeutung erlangt, blieb jedoch innerhalb der feudal-ständisch geprägten Gesellschaft des Absolutismus politisch machtlos und sozial nicht fest verortet.[1] Aufgrund seiner mangelnden gesellschaftlichen Integration zog es sich in bewusster Abgrenzung von der öffentlich-politischen Sphäre des Adels ins Private, in die Familie zurück.[2] Innerhalb dieses Binnenraums wurde versucht, sich nicht nur räumlich, sondern durch die Kultivierung bestimmter Wertvorstellungen auch moralisch dezidiert vom als unsittlich empfundenen höfischen Leben zu distanzieren.[3] Als Basis des bürgerlichen Moralkodexes können die auf Leibniz und Wolff zurückgehenden Vernunftprinzipien der Aufklärung[4] und die auf Pietismus, Sensualismus und Moral-Sense-Theorie basierenden empfindsamen Ideale gesehen werden.[5] Diese Werte wurden insbesondere durch die Moralischen Wochenschriften verbreitet[6] und auch von den Angehörigen anderer Schichten übernommen und weiterentwickelt[7], so dass nicht Stand, Herkunft oder Beruf zum „bürgerlich sein“ qualifizierten, sondern eine auf einem aufgeklärten und empfindsamen Moralkodex basierende Lebensweise.[8] Als Sozialisationsstätte der bürgerlichen Ethik erlangte die Familie zentrale Bedeutung.[9] In ihr sollten die gegen die adelige Lebensweise gewandten Wert- und Moralvorstellungen kultiviert werden, um idealiter langfristig auch außerhalb des sozialen Raums der Familie Verbreitung zu finden und so Einfluss auf die Gesamtgesellschaft, insbesondere auf die als lasterhaft empfundene öffentlich-politische Sphäre des Hofes, auszuüben.[10]

Da sich die bürgerliche Familie fundamental von der traditionellen Familienform der übrigen Schichten unterschied, sollen im Folgenden, bevor auf das auf dem bürgerlichen Wertekanon basierende Familienleitbild eingegangen wird, zunächst Entstehung und Struktur der bürgerlichen Familie näher erläutert werden.

2. Entstehung und Struktur der Kleinfamilie

Während Adel, Bauernschaft und niederer Bürgerstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Regel weiterhin in der traditionellen Familienstruktur des „Ganzen Hauses“ lebten, wurde für große Teile des Bürgertums die Kleinfamilie die dominierende Familienform. Nachdem sie im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts auch für andere soziale Schichten an Attraktivität gewann, stellt sie heute den meist verbreiteten Familientyp dar.[11] Was die Kleinfamilie in erster Linie vom „Ganzen Haus“ unterschied, war die aufgrund ökonomischer und politischer Veränderungen üblich gewordene Ausgliederung des Arbeitsplatzes aus der Familie.[12] Aufgrund der Trennung von beruflicher und häuslicher Sphäre nahmen die Aufgaben des Gesindes ab oder entfielen völlig und die Bewohner eines Hauses reduzierten sich auf einen kleineren, zwei oder drei Generationen umfassenden Personenkreis.[13] Somit war die Kleinfamilie im Gegensatz zur traditionellen Familienform des „Ganzen Hauses“, die sich aufgrund der Einbeziehung von Gesinde und die enge Einbindung in Dorfgemeinde und Nachbarschaft durch ein hohes Maß an Offenheit nach außen hin auszeichnete, ein nur den engsten Familienkreis umfassendes, in sich geschlossenes soziales Gebilde.[14]

Abkapselung und Privatisierung hatten zahlreiche Konsequenzen für die neue Familienform. Die Struktur der Kleinfamilie blieb wie die des „Ganzen Hauses“ patriarchalisch, jedoch war die Autorität des Vaters nun auf eine geringere Personenanzahl beschränkt.[15] Aufgrund der beruflich bedingten Abwesenheit des Vaters veränderte sich zudem insbesondere die Rolle der Mutter. Auch wenn sie weiterhin dem Mann untergeordnet war, oblag ihr nun die Führung des gesamten Haushalts und ein Großteil der Kindererziehung.[16] Dieser kam, da in der Kleinfamilie die gemeinschaftlichen Aufgaben des „Ganzen Hauses“ als Basis der Ehe entfielen und die Erziehung der Kinder als einzige gemeinsame Angelegenheit der Ehegatten wahrgenommen wurde, eine zentrale Rolle zu. Zudem war einer der wichtigsten aufklärerischen Grundgedanken, dass jeder Mensch als ursprüngliche tabula rasa formbar und bildungsfähig[17] und der menschliche Charakter das Produkt der Erziehung sei, weshalb der Nachwuchs in den Mittelpunkt des elterlichen Interesses rückte.[18]

Die für die Kleinfamilie charakteristische Privatisierung und die Neubewertung der Erziehung hatten eine Intensivierung und Intimisierung der Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern zur Folge, was insgesamt zu einer bislang nicht gekannten Emotionalisierung des familiären Binnenraums führte.[19] Die Familie war nicht mehr wie das „Ganze Haus“ Produktions-, sondern Erziehungs- und Gefühlsgemeinschaft.[20] Zusammenfassend lassen sich die wichtigsten Unterschiede zwischen „Ganzem Haus“ und bürgerlicher Kleinfamilie folgendermaßen skizzieren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dem abgekapselten und emotionalen Bereich der Familie wurde als „soziales Zuhause“ des Bürgertums und der Sozialisationsstätte der aufgeklärten und empfindsamen Ideale vor allem in der Literatur und den Moralischen Wochenschriften besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Ziel war die Verbreitung eines in bewusster Abgrenzung zur adeligen Lebensart entworfenen bürgerlichen Familienleitbildes. Besondere Beachtung kam dabei den Bereichen Liebe und Ehe, der Kindererziehung und dem bürgerlichen Moralkodex, insbesondere der Tugendkonzeption, zu.

[...]


[1] Vgl. Barner, Wilfried et al.: Lessing. Epoche – Werk – Wirkung. München 1998, S. 56.

[2] Vgl. Rosenbaum, Heidi: Formen der Familie. Untersuchungen zum Zusammenhang von Familienverhältnissen, Sozialstruktur und sozialem Wandel in der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Frankfurt a. M. 1982, S. 260.

[3] Vgl. Kiesel, Helmuth/Münch, Peter: Gesellschaft und Literatur im 18. Jahrhundert. Voraussetzungen und Entstehung des literarischen Markts in Deutschland. München 1977, S. 55.

[4] Vgl. Vonhausen, Astrid: Rolle und Individualität: zur Funktion der Familie in Lessings Dramen. Bern 1993, S. 20.

[5] Vgl. Wurst, Karin: Familiale Liebe ist die ‚Wahre Gewalt’. Die Repräsentation der Familie in G. E. Lessings dramatischem Werk. Amsterdam 1988, S. 11.

[6] Vgl. Gaus, Marianne: Das Idealbild der Familie in den Moralischen Wochenschriften und seine Auswirkungen in der deutschen Literatur des 18. Jahrhundert. Dissertation. Rostock 1937, S. 16.

[7] Vgl. Schmitt-Sasse, Joachim: Das Opfer der Tugend. Zu Lessings „Emilia Galotti“ und einer Literaturgeschichte der Vorstellungskomplexe im 18. Jahrhundert. Bonn 1983, S. 105f.

[8] Vgl. Kiesel/Münch, Gesellschaft, S. 54.

[9] Vgl. Takahashi, Teruaki: „Antagonismus zwischen bürgerlichem Ideal und höfischer Realität. Problematik des bürgerlichen Bewusstseins in Lessings ‚Emilia Galotti’“, in: „Sei mir Dichter, willkommen!“ Studien zur deutschen Literatur von Lessing bis Jünger. Köln 1995, S. 18.

[10] Vgl. Wurst, Familiale Liebe, S. 31.

[11] Vgl. Rosenbaum, Formen, S. 251.

[12] Vgl. Kiesel/Münch, Gesellschaft, S. 65.

[13] Vgl. Kiesel/Münch, Gesellschaft, S. 64f.

[14] Vgl. Rosenbaum, Formen, S. 276.

[15] Vgl. Kiesel/Münch, Gesellschaft, S. 65.

[16] Vgl. Rosenbaum, Formen, S. 278.

[17] Vgl. Rosenbaum, Formen, S. 269.

[18] Vgl. Saße, Günter: Die aufgeklärte Familie. Untersuchungen zur Genese, Funktion und Realitätsbezogenheit des familialen Wertsystems im Drama der Aufklärung. Tübingen 1988, S. 212.

[19] Vgl. Rosenbaum, Formen, S. 278.

[20] Vgl. Rosenbaum, Formen, S. 271.

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640529438
ISBN (Buch)
9783640529254
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v143905
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Lessing Emilia Galotti Familie bürgerlich Familienbild Familienleitbild

Autor

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Titel: Das bürgerliche Familienleitbild der Aufklärung und sein Reflex in Lessings Emilia Galotti