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Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit. Stundenentwurf zu Theodor Storms Novelle "Aquis submersus" (9. Klasse Gymnasium)

Unterrichtsentwurf 2009 32 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Novelle Aquis submersus
2.1 Bedingungsanalyse
2.2 Aufbau der Unterrichtsreihe
2.3 „Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit“ – ein Unterrichtsentwurf (12./13. Unterrichtstunde)
2.3.1 Lernziele
2.3.2 Didaktisch-Methodischer Kommentar

3 Schlussbetrachtung

4 Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Vor mehr als 130 Jahren, im Jahre 1876, erschien Theodor Storms Novelle Aquis submersus als Vorabdruck in der Zeitschrift Deutsche Rundschau. Ist ein Werk aus der Epoche des zweiten deutschen Kaiserreiches heute überhaupt noch für die Jugendlichen von Interesse? Laut Kernlehrplan (KLP) Deutsch NRW G8 sollen die Schüler[1] ein „Spektrum altersangemessener Werke bedeutender Autorinnen und Autoren kennen“ [2], dabei u.a. „Figurenkonstellationen und Handlungsmotive der Figuren herausarbeiten können“ [3], sowie unter „Einbeziehung historischer und gesellschaftlicher Fragestellungen“ [4] zum Beispiel epische Texte analysieren können. Wie kann eine Lehrkraft das Interesse der Schülerinnen und Schüler für ein Werk, das in einer heute nicht mehr gängigen deutschen Sprache geschrieben ist, wecken und einen Gegenwartsbezug des im Unterricht zu behandelnden literarischen Stoffes für die Schüler herstellen?

Die vorliegende Arbeit aus dem Bereich der Fachdidaktik Deutsch beschäftigt sich damit, auf welche Art und Weise die Storm’sche Novelle Aquis submersus im Fach Deutsch in der 9. Klasse auf dem Gymnasium im Einklang mit dem Kernlehrplan Deutsch NRW G8 behandelt werden kann. Dabei sollen sowohl der Aufbau der Unterrichtsreihe als auch exemplarisch ein Unterrichtsentwurf für eine Doppelstunde im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.

Zunächst wird der Aufbau der Unterrichtsreihe näher erläutert und eine Doppelstunde im Detail betrachtet. Für diese Doppelstunde werden sowohl die Lernziele als auch ein didaktisch-methodischer Kommentar formuliert. Die Einordnung in den Bildungsplanzusammenhang des KLP Deutsch NRW G8 steht dabei im Vordergrund und so werden die einzelnen Unterrichtsbausteine immer wieder mit dem Kernlehrplan in Verbindung gesetzt. Exemplarisch wird ein mögliches Verlaufsschema dargelegt, für das sich auch einige Unterrichtsmaterialien im Anhang wieder finden. Ziel ist es, besonders passende, vom KLP Deutsch geforderte Obligatorik und die entsprechenden Kompetenzerwartungen in die Unterrichtsreihe sinnvoll zu integrieren. Den Schülern soll in Folge dessen Methodenvielfalt geboten werden, um ihr Interesse am Stoff immer wieder von Neuem zu wecken. Innerhalb der Unterrichtsreihe werden einige Stunden exemplarisch ausführlicher behandelt unter Bezug auf die gewählte Methode oder auf die didaktischen Erwägungen.

Die fachwissenschaftliche Analyse wird in der vorliegenden Arbeit nicht isoliert behandelt, sondern wird unmittelbar mit dem didaktisch-methodischen Teil verzahnt, da die meisten Didaktiker der Auffassung sind, dass es in der Unterrichtsvorbereitung eine reine Analyse der Sache nicht geben könnte. Stattdessen wird von Wechselwirkungen (Interdependenzen) gesprochen.[5]

An dieser Stelle möchte ich noch darauf aufmerksam machen, dass eine didaktische Vorbereitung nicht optimal geschehen kann, wenn eine Lehrkraft die Klasse und die situativen Schulbedingungen nicht kennt. In der Bedingungsanalyse wird deshalb auf durchschnittliche Standardbedingungen von der 9. Klasse auf einem Gymnasium verwiesen.

2 Die Novelle Aquis submersus

In der 9. Jahrgangsstufe auf dem Gymnasium sollen die Schülerinnen und Schüler laut dem Kernlehrplan Deutsch in NRW (G8) lernen, epische, lyrische und dramatische Texte insbesondere im Hinblick auf Struktur von Handlung, Ort und Zeit mithilfe von Kompositionsskizzen zu erfassen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Erarbeitung von Figurenkonstellationen und Handlungsmotiven der Figuren, sowie der Erarbeitung des zentralen Konflikts. Darüber hinaus sollen die Schüler lernen, an Beispielen den Zusammenhang zwischen Text, Entstehungszeit und Lebensumständen des Autors oder der Autorin untersuchen zu können. Das Beschreiben und Deuten literarischer Texte mit Verfahren der Textanalyse auch unter Einbeziehung historischer und gesellschaftlicher Fragestellungen soll ebenfalls eingeübt werden[6].

Aus zeitlichen Gründen bietet es sich an als epischen Text, eine Novelle im Unterricht der 9. Klasse zu behandeln. Da Novellen[7] relativ kurze literarische Texte sind, eignen sie sich – auch im Hinblick auf die oft beschränkte Zeit für die Behandlung eines Stoffes im Unterricht - als ideale Schullektüre.[8] In dieser Arbeit wird eine Unterrichtsreihe für die Novelle Aquis submersus entworfen. Theodor Storm gehört zu den meistgelesenen und bedeuteten deutschen Autoren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und erfreut sich bis heute einer großen Beliebtheit. Im Folgenden wird nach einer allgemeinen Bedingungsanalyse aufgezeigt, wie die Novelle Aquis submersus erfolgreich und für die Schüler nachhaltig im Unterricht behandelt werden kann.

2.1 Bedingungsanalyse

In diesem Abschnitt werden die Standardbedingungen schultechnischer Art in Bezug auf den zur Verfügung stehenden Zeitrahmen sowie raumbezogene Vorgaben beschrieben. Weiterhin wird auf klassen- und personenbezogene Standardsituationen eingegangen.

In der Regel sind die Zeiträume, die zur Behandlung eines Unterrichtsinhaltes im Fach Deutsch Verfügung zu stehen scheinen, auf einige Reserven hin in der Planung vorsorglich zu kürzen, da eigene Erkrankungen des Lehrers, epidemische Klassenerkrankungen, kurzfristig eingeschobene Sonderveranstaltungen im Schulbetrieb wie Klassenausflüge oder Besichtigungen, Ausfall von Unterricht durch Zeitbeanspruchungen seitens anderer Kollegen für deren Klausuren oder Klassenarbeiten als die geplante Zeit für das Unterrichtsvorhaben einschränkende Gründe eintreten können.

In Bezug auf die räumlichen Vorgaben soll darauf hingewiesen werden, dass die Medienräume (Internet, DVD etc.) sehr begehrt sind und deshalb häufig nicht verfügbar sind.

Darüber hinaus sollten zeittechnische Dinge beachtet werden. Falls die Reclamausgabe von Aquis submersus nicht in der Schülerbibliothek als ausreichender Satz vorrätig ist, müsste diese bestellt werden.

Entscheidend bei der Vorbereitung und schließlich bei der Durchführung der Unterrichtsreihe sind einige Aspekte im Hinblick auf die Psychologie der Schüler: In der 9. Klasse befinden sich viele Schüler am Ende der Pubertätsphase. Der körperliche Aktionismus während des Unterrichts läuft in der Regel bereits aus. Ansonsten könnte man etwa Aktionsspiele auf dem Schulgelände wie die Darstellung der Reise des Protagonisten Johannes mit Hilfe von Wegstreckenzeichen, Landkarten des 17. Jahrhunderts und in Kleingruppen Rollenspiele zum Nacherleben und Diskutieren versuchen.

2.2 Aufbau der Unterrichtsreihe

Die im Folgenden vorgestellte Unterrichtsreihe zur Novelle Aquis submersus gliedert sich in zwei Sequenzen. Die erste Sequenz, für die sechs Unterrichtstunden eingeplant sind, befasst sich mit der Annäherung und Orientierung innerhalb der Novelle. Für die zweite Sequenz sind weitere zehn Stunden geplant, inklusive der Klassenarbeit. Innerhalb der zweiten Sequenz liegt der Schwerpunkt auf der inhaltlichen Analyse ausgewählter Aspekte.

Die Eingangsstunde möchte ich unter ein Motto stellen: „Komm mit auf die große Reise…“, eine Fantasiereise, um für die Schülerinnen und Schülern den Einstieg in die Novelle interessant zu gestalten. Ein wichtiges Ziel ist die Aktivierung der Vorstellungskraft der Schüler. Das Knabenbildnis aus der Drelsdorfer Kirche[9] sowie der übersetzte Titel der Novelle dienen als Impuls für die Fantasiereise. Der Titel der Novelle Aquis submersus bedeutet wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt „in den Wassern untergetaucht“.[10] Mit dieser Einstiegsmethode soll das Interesse der Schülerinnen und Schüler geweckt werden, indem sie Vermutungen über den Inhalt der Novelle äußern.[11] Diese Methode bietet sich zum Einstieg in das neue Thema an, da sich nach großer Wahrscheinlichkeit bei einigen Schülern Schwierigkeiten beim Lesen der ersten Seiten der Novelle einstellen werden, da sich die Sprache Storms vom Sprachgebrauch der Schüler sehr unterscheidet. Damit die Jugendlichen das Interesse an dem neuen Thema nicht verlieren oder sich überfordert fühlen, wird eine Methode gewählt, die jedem Schüler auch ohne Vorkenntnisse im Bereich dieser literarischen Epoche ermöglicht, am Unterrichtsgeschehen teilzunehmen.

Die Problematik der Sprache steht in der darauffolgenden Stunde im Mittelpunkt des Unterrichtsgeschehen. Mithilfe einer Passage eines Originaltextes aus dem 17. Jahrhundert, wie zum Beispiel Grimmelshausen: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch,[12] soll den Schülerinnen und Schülern verdeutlicht werden, dass es sich in der Novelle Aquis submersus verwendeten Sprache nicht um die Originale des 17. Jahrhunderts handelt, sondern um eine Rekonstruktion innerhalb der deutschen Sprache des 19. Jahrhunderts. Lediglich der Schauplatz der Erzählung liegt im Deutschland des 17. Jahrhunderts. Beim Vergleich der Texte wird den Schülern höchstwahrscheinlich auffallen, dass sich sowohl zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert als auch zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert ein Sprachwandel vollzogen hat. Dieses Phänomen können die Schüler exemplarisch an den Texten belegen.[13] Die Auseinandersetzung mit Phänomenen der Sprachveränderung soll eine distanziertere Haltung der Schüler zur deutschen Sprache fördern, die für eine reflektierte und kritische Sprachbetrachtung wichtig ist. Angesichts sich ständig verändernder Wirklichkeitserfahrungen kann Sprache als ein Instrument gesehen werden, das sensibel und effizient auf Veränderungen reagiert und diese verarbeitet.[14] Wenn die Schüler die sprachlichen Veränderungen vom 19. zum 21. Jahrhundert vergleichen, könnte ihnen vielleicht auffallen, dass zum Beispiel zunehmend das Genitivobjekt durch das Dativobjekt nach den Präpositionen wegen oder trotz verwendet wird oder, das Phänomen des verstärkten Eindringens von Fremdwörtern, vor allem aus dem englischen und amerikanischen Sprachbereich.

In der darauf folgenden Stunde sollen die Schülerinnen und Schüler gemeinsam in kleinen Gruppen Lesetechniken und Lesestrategien in Bezug auf eine Ganzschrift entwickeln, die am Ende im Plenum von einigen Schülern vorgestellt werden sollen.[15] Die Schüler erhalten hier die Möglichkeit, voneinander zu lernen und andere Vorgehensweisen und Methoden auszuprobieren. Unterschiedliche Leseprobleme gibt es in verschiedenen Jahrgängen und Schulformen. Wegen der ungewohnten sprachlichen Ausdrücke fällt es manchen Schülern sicherlich schwer, die Novelle Aquis submersus zu lesen. Der Lesefluss des Einzelnen kann dadurch gehemmt werden. Außerdem wird es wohl einige Schülerinnen und Schüler geben, die den Text zwar flüssig lesen können, aber nach der Lektüre kaum angeben können, welche Themen und Sachverhalte in dieser behandelt wurden. Diese Defizite sollen nach Möglichkeit ausgeglichen werden. In diesem Zusammenhang können die Schülerinnen und Schüler von ihren eigenen Leseerfahrungen und Lesestrategien berichten, um sich gegenseitig zu fördern. Mögliche Vorschläge der Schülerinnen und Schüler wären zum Beispiel, dass jeder Sinnabschnitt mit einer Überschrift versehen wird, um den Text grob zu gliedern, dass wichtige Textstellen im Text markiert werden, dass Wörter, die unbekannt sind, in einem Lexikon nachgeschlagen werden oder der Lehrer um Hilfe gebeten wird oder, dass Inhaltsangaben für jedes Kapitel angefertigt werden. Am Ende der Stunde vergibt der Lehrer noch das Gruppenreferat „Die Biografie Theodor Storms“ an eine Schülergruppe. Damit die Gruppe das Referat optimal vorbereiten kann, stellt der Lehrer ihnen noch Material zur Verfügung, damit die Schüler lernen, Informationen aus Monografien zu benutzen und sich nicht nur auf die elektronischen Quellen des Internets und das Verfahren „Cut and paste“ verlassen, um zügig Referate oder Powerpoint-Präsentationen anzufertigen.

Die folgenden drei Unterrichtsstunden dienen dazu, die komplexe Rahmenstruktur des Textes sowie die literarische Form der Novelle zu besprechen. Die Erstellung einer Skizze in Bezug auf die genannten Orte, Jahreszahlen und Geschehnisse wäre hier sehr hilfreich, da diese den Schülern die Möglichkeit gibt, das komplexe Geflecht zu visualisieren und sich damit besser einzuprägen.[16]

In Anlehnung an den gültigen Lehrplan werden die folgenden Stunden dazu genutzt, den Zusammenhang zwischen Text, Entstehungszeit und Lebensumständen des Autors, sowie darüber hinaus den historischen Gegebenheiten des Schauplatzes der Novelle Aquis submersus, also des 17. Jahrhunderts, herzustellen. In der ersten Stunde der zweiten Sequenz wird zunächst das Schülergruppenreferat zur Biografie Storms gehalten. Die Vortragenden bekommen hier die Möglichkeit, die Präsentation eines Kurzvortrages einzuüben. Die Zuhörer können am Ende durch ihr Feedback dazu beitragen, dass gute Dinge des Vortrags beispielhaft hervorgehoben werden und im Hinblick auf die weniger gelungenen Elemente, Verbesserungsvorschläge eingebracht werden. Durch diese Methode lernen die Schüler, die Schlüsselqualifikation des Vortragens zu trainieren, die im Beruf, in Vereinen oder in anderen Organisationen und in der Universität von grundlegender Bedeutung ist. Die noch verbleibende Zeit in dieser Unterrichtstunde dient dazu, das Gehörte zu festigen und zu vertiefen, indem die Schüler die Fragen des Arbeitsblatts „Theodor Storm gibt Rätsel auf“ mit Hilfe des eben Gehörten und des Internets beantworten können.[17] In diesem Kontext können die Schülerinnen und Schüler üben, eine gezielte Recherche im Internet durchzuführen.[18]

Damit die Schüler in der Lage sind, die Novelle auch in Bezug auf historische und gesellschaftliche Fragestellungen, die laut Lehrplan gefordert werden, zu untersuchen, steht in der 8. und 9. Stunde schwerpunktmäßig der Beruf des Malers im 17. Jahrhundert im Mittelpunkt. Der Maler Rembrandt soll hier stellvertretend für die niederländische Malerei im 17. Jahrhundert behandelt werden. Das berühmte Gemälde „Die Nachtwache“ dient als Unterrichtseinstieg.[19] Die Schüler werden zunächst aufgefordert, ihre Eindrücke zu schildern. Als Hausaufgabe sollten die Schülerinnen und Schüler bereits Informationen über Rembrandt recherchieren und stichpunktartig aufschreiben. Ihr Wissen können sie an dieser Stelle mit dem Bild verknüpfen. An geeigneten Stellen gibt der Lehrer den Schülern Hintergrundinformationen in Form eines Lehrervortrags. Die Schüler sollten anhand ihrer eigenen gesammelten Informationen sowie den zusätzlichen Informationen des Lehrers im Laufe der Stunde erfahren, dass die Niederlande im 17. Jahrhundert ein sehr fortschrittliches und entwickeltes Land waren. Im Gegensatz zu den deutschen Territorien und den anderen europäischen Ländern in dieser Zeit wiesen die Niederlande die höchste Urbanisierungsrate, die geringste Zahl an Analphabeten, einen ungewöhnlich großen Kunstbesitz, ein soziales Netz und religiöse Toleranz auf.[20]

Weiterhin ist es wichtig zum Verständnis der sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen, die innerhalb der Novelle Aquis submersus thematisiert werden, dass den Schülern vermittelt wird, dass seit den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts vor allem in den Niederlanden die künstlerische Produktion der Maler für den Markt, der in dieser Epoche durch die gestiegene Nachfrage der durch den Fernhandel mit Ostindien wohlhabend gewordenen Kaufleute der Niederlande eine nie dagewesene Ausweitung erfuhr. Bedingt durch Neuerungen in der Maltechnik wuchsen die malerische Produktion bestimmter Gattungen und damit das Angebot auf dem Kunstmarkt. Originale wurden nun auf einmal auch für Schichten der Bevölkerung erschwinglich.[21] Der Beruf des Malers war im 17. Jahrhundert ein Handwerksberuf, wie zum Beispiel der Beruf des Schreiners oder Maurers.[22] Jedoch spielte in den deutschen Territorien, also dem Hauptschauplatz in der Novelle Aquis submersus, die niederländische Malerimmigration nur eine geringe Rolle. Es war üblich, dass angehende Maler ihre Lehr- und Wanderjahre in den Niederlanden verbrachten, um vom dortigen Technikvorsprung zu profitieren. Die deutschen Fürstenhöfe erwarben seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert dann durch Aufträge oder Ankäufe in größerer Zahl auch niederländische Gemälde.[23] An dieser Stelle können die Schüler in Partnerarbeit Textstellen innerhalb der Novelle benennen, die diese Gegebenheiten bestätigen. Mögliche Antworten der Schüler wären, dass der Protagonist Johannes auch in den Niederlanden das Handwerk der Malerei erlernte und dann in die deutschen Territorien zurückkehrte. Weiterhin könnten die Schüler herausarbeiten, dass auch Johannes, der den Beruf des Malers erlernt hat, Gemälde gegen Geld malt, wie etwa das Bildnis Katharinas[24] für den Junker Wulf oder das Bild für den Bürgermeister oder den Pastor[25]. Darüber hinaus wäre es denkbar, dass die Schüler erkennen, dass Johannes die Niederlande als einen möglichen Zukunftsort für Katharina und sich ansieht, nachdem er nach ihrer gemeinsamen Liebesnacht fliehen muss.[26]

Nach der Sicherung der bisherigen Ergebnisse sollte noch thematisiert werden, in welcher Weise sich die Gesellschaft der Niederlande von der in den deutschen Territorien unterscheidet. Das bereits aus dem Geschichtsunterricht bekannte Modell der Ständeordnung kann hier zur Veranschaulichung benutzt werden. Die Schüler sollen erarbeiten, dass ein wichtiger Unterschied zwischen den Niederlanden und den deutschen Territorien die Ständeordnung ist, die in den deutschen Territorien zu diesem Zeitpunkt immer noch Bestand hatte – und zwar in Resten bis zu den Stein-Hardenbergschen Reformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In Partnerarbeit sollen die Schüler auf ihr bereits bestehendes Wissen in Bezug auf das Ständesystem zurückgreifen und in der Lage sein, dass Modell zu erläutern. Dabei sollte von ihnen gemeinsam erarbeitet werden, dass es sich bei dem Ständesystem um ein gesellschaftliches Ordnungsmodell handelt, in dem die soziale Mobilität sehr gering war. Standesgrenzen bestanden vor allem durch unterschiedliche Herkunft. Das ständische System galt den Menschen des Mittelalters und der frühen Neuzeit als feste, von Gott gegebene Ordnung, in der jeder seinen unveränderlichen Platz hatte. Für den Adel und den dritten Stand galt, dass jeder in seinen Stand hineingeboren wurde. Ein Aufstieg war in der Regel nicht möglich. Verdienst oder Reichtum hatten nur wenig Einfluss darauf, welchem Stand man angehörte. So konnte etwa ein Bürger, der als Kaufmann zu viel Geld gekommen war, wesentlich vermögender sein als ein armer Adliger. Das ständische System ist ein statisches Gesellschaftsmodell.[27] Durch Bewusstmachung dieser Gegebenheiten sollten die Schüler in der Lage sein, die Perspektive des Johannes in Bezug auf eine mögliche Zukunft in den Niederlanden nachvollziehen, denn Johannes gehört dem dritten Stand an während Katharina Adelige ist.

[...]


[1] Der Begriff „Schüler“ wird von mir als generisches Maskulinum verwendet. Er ersetzt in diesem Text die etwas umständliche Formulierung „Schülerinnen und Schüler. Seine Verwendung ist wertfrei.

[2] Zitiert nach Kernlehrplan für den verkürzten Bildungsgang des Gymnasiums – Sekundarstufe I (G8) in Nordrhein-Westfalen. Deutsch, hrsg. vom Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, 1. Auflage, Ferchen 2007, S. 40. Im folgenden Text zitiert als Kernlehrplan Deutsch, Seitenangabe.

[3] Ebd.

[4] Ebd., S. 41.

[5] Der Didaktiker Meyer weist darauf hin, dass die Schwäche von isolierter Fachlichkeit in dem Eintrag von viel Heterogenem in den unmittelbaren Unterrichtszweck besteht. Dadurch besteht die Gefahr, dass sich die Analyse verselbstständigt. Siehe dazu Meyer, Hilbert: Leitfaden Unterrichtsvorbereitung, komplett überarbeitete Auflage, Berlin 2007, hier insbesondere S. 199. Vgl. dazu auch Kämper-van den Boogaart: Unterrichtsplanung, in: ders. (Hrsg.): Deutsch Didaktik. Ein Leitfaden für die Sekundarstufe I und II, völlige Neubearbeitung, Berlin 2008, S. 281-292, hier insbesondere: S. 286ff.

[6] Ebd., S. 40f.

[7] Das 19. Jahrhundert zeichnet sich in Bezug auf den Literaturbetrieb durch eigene gattungsspezifische Besonderheiten aus, wozu vor allem der Trend, in vermehrter Weise von der epischen Gattung Novelle Gebrauch zu machen, gehörte. Dies lag insbesondere daran, dass diese relativ kurzen Texte sich dafür eigneten, in den sogenannten Familienzeitschriften des 19. Jahrhunderts abgedruckt zu werden. Aufgrund der technischen Innovationen, insbesondere der maschinellen Verbesserungen wurde eine effektivere und billigere Produktion von Büchern und Zeitschriften ermöglicht. Das Hauptpublikum der Zeitschriften war das kleine und mittlere Bürgertum. Für die Autoren barg ein Vorabdruck mehrere Vorteile, da zum Beispiel das Honorar für einen Vorabdruck in einer Familienzeitschrift höher war als für den Buchdruck. Darüber hinaus überstieg die Zahl der Zeitschriftenleser die der Buchkäufer. Das hatte zur Folge, dass Werke häufig schon im Planungszustand für den Abdruck in einer Zeitschrift gedacht waren. Auch Theodor Storm nutzte diese Vorteile. Er hat neben seiner Lyrik ausschließlich Novellen geschaffen und war zu seiner Zeit ein bedeutender Novellist in Deutschland. Vgl. dazu ausführlicher Aust, Hugo: Novelle, 4., aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart 2006, S. 123ff. Im folgenden zitiert als Aust: Novelle, Seitenangabe. Vgl. weiterhin ders.: Realismus. Lehrbuch Germanistik, Stuttgart 2006, S. 44ff.

[8] Der Kernlehrplan weist daraufhin, dass die Schülerinnen und Schüler altersangemessene Werke bedeutender Autorinnen und Autoren kennen lernen sollen. Vgl. dazu Kernlehrplan Deutsch, S. 40.

[9] Siehe dazu eine Kopie des Knabenbildnisses im Anhang dieser Arbeit auf Seite 24.

[10] Erläuterung: aquis: Ablativ Plural von aqua,ae f. Das Wasser; submersus: Partizip, Perfekt, aktiv von submergere (submergo, submersi) submersum: untertauchen, versinken.

[11] Intention ist es, dass die Schüler sich eine Fantasiegeschichte ausdenken. Dazu bekommen sie als Fantasieanregenden Impuls den Titel der Geschichte sowie das Bildnis. Nach einer kurzen Besinnungsphase erhalten einige Schüler die Möglichkeit, ihre Version der Geschichte zu erzählen. Zum methodisch-didaktischen Hintergrund von Fantasiegeschichten vgl. ausführlicher Klippert, Heinz: Kommunikationstraining. Übungsbausteine für den Unterricht. 11. Auflage, Weinheim und Basel 2006, S. 100f.

[12] Siehe im Anhang dieser Arbeit auf Seite 25 einen Textauszug aus Grimmelshausen Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch.

[13] In dieser Unterrichtsstunde wird der Baustein Sprachvarianten und Sprachwandel des Kernlehrplans behandelt, der für die 9. gymnasiale Jahrgangsstufe u.a .gefordert ist. Vgl. dazu ausführlicher Kernlehrplan Deutsch, S. 50.

[14] Vgl. dazu ausführlicher Steets, Angelika: Lernbereich Sprache in der Sekundarstufe I, in: Kämper-van den Boogaart (Hrsg.): Deutsch Didaktik. Leitfaden für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2008, S. 216-253, hier insbesondere S. 245ff.

[15] Diese Stunde dient dem Aufgabenschwerpunkt Lesetechniken und Lesestrategien, der laut des Kernlehrplans Teil des Unterrichts sein soll. Vgl. dazu ausführlicher Kernlehrplan Deutsch, S. 36. Siehe weiterhin zur Thematik Leseförderung Rosebrock, Cornelia: Lesesozialisation und Leseförderung, in: Kämper-van den Boogaart (Hrsg.): Deutsch Didaktik. Leitfaden für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2008, S. 163 – 183, hier insbesondere S. 175ff.

[16] Eine mögliche Skizze findet sich etwa bei Krah, Hans: Die `Realität` des Realismus. Grundlegendes am Beispiel von Theodor Storms „Aquis submersus“, in: Wünsch, Marianne (Hrsg.): Realismus (1850-1890). Zugänge zu einer literarischen Epoche. Mit Beiträgen von Jan-Oliver Decker u.a., Kiel 2007. Hier: S. 68. Im folgenden zitiert als Krah: Die ‚Realität‘ des Realismus, Seitenangabe.

[17] Siehe dazu im Anhang dieser Arbeit auf Seite 26 das Arbeitsblatt „Theodor Storm gibt Rätsel auf“.

[18] Zu den methodischen und didaktischen Grundlagen des Arbeitens mit dem Internet siehe ausführlicher Borrmann,Andreas: Arbeiten mit Computer und Internet, in: Kämper-van den Boogaart (Hrsg.): Deutsch Didaktik. Leitfaden für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2008, S. 191-210.

[19] Siehe dazu im Anhang dieser Arbeit auf Seite 27 eine Kopie der Nachtwache. Zu Rembrandts Leben und Werk vgl. weiterhin den Zeitartikel „Rembrandt war kein Maler“ http://www.zeit.de/2006/01/Rembrandt-Greenaway (Stand: 08.05.09); Haverkamp-Begemann, E.: Rembrandt: The Nightwatch, Princeton 1982 sowie Schwartz, Gary: Das Rembrandt Buch. Leben und Werk eines Genies. Aus dem Englischen von Rosali und Saskia Bontjes van Beek, München 2006.

[20] Der Lehrer kann hier an ein Vorwissen der Schüler aus dem Geschichtsunterricht zurückgreifen. Das Zeitalter der frühen Neuzeit wurde bereits im Geschichtsunterricht thematisiert. Begriffe wie Reformation, Humanismus und Renaissance sollten bekannt sein. Vgl. dazu Kernlehrplan Geschichte für den verkürzten Bildungsgang des Gymnasiums – Sekundarstufe I (G8) in Nordrhein-Westfalen. Hrsg. vom Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, 1. Auflage, Ferchen 2007, hier: S. 30.

[21] Siehe dazu ausführlicher North, Michael: Das Goldene Zeitalter. Kunst und Kommerz in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. 2. erw. Auflage, Köln: 2001, S. 98. Im folgenden zitiert als North: Das Goldene Zeitalter, Seitenangabe.

[22] Vgl. dazu Schwartz, Gary: Das Rembrandt Buch. Leben und Werk eines Genies. Aus dem Englischen von Rosali und Saskia Bontjes van Beek, München 2006, S. 148.

[23] Vgl. dazu North: Das Goldene Zeitalter, S. 98ff.

[24] Zitiert nach Storm, Theodor: Aquis submersus, Stuttgart 2003, S. 22. Im folgenden zitiert als Storm: Aquis submersus, Seitenangabe.

[25] Ebd., S. 61.

[26] Ebd., S. 47.

[27] Die Ständeordnung umfasste drei Stände. Der 1. Stand umfasste die Gruppe aller Geistlichen, das heißt Angehörige der hohen Geistlichkeit wie des niederen Klerus. Im 2. Stand wurde der Adel zusammengefasst. Auch hier spielte es keine Rolle, ob man aus einer höheren Adelsschicht oder aus einer niederen kam und etwa dem oft verarmten Landadel angehörte. Der 3. Stand umfasste alle freien Bauern und Bürger. Vgl. dazu ausführlicher Oexle, Otto, Gerhard, Conze, Werner und Walther, Rudolph: Stand, Klasse, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck. Bd. 6, Stuttgart 1990, S. 155–284.

Details

Seiten
32
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668356085
ISBN (Buch)
9783668356092
Dateigröße
875 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v143833
Note
1,3
Schlagworte
Theodor Storm aquis submersus

Autor

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Titel: Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit. Stundenentwurf zu Theodor Storms Novelle "Aquis submersus" (9. Klasse Gymnasium)