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Antisemitismus in der deutschen Presse von 1933-35 und dessen Wahrnehmung in der Bevölkerung.

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 24 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mobilmachung zum Boykott

3. Schritte zur Ausgrenzung

4. „Jüdische Kriminalität“

5. Die Nürnberger Gesetze

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der deutschen Zeitungspresse muss als ein entscheidende Massenkommunikationsmittel ein bedeutender Beitrag zugerechnet werden, wenn es um die Beeinflussung der Leser im Sinne des nationalsozialistischen Regimes geht. Um den Propagandawert der Zeitungen zu erhöhen, wurden zahlreiche Maßnahmen getroffen, die eine optimale Presselenkung gewährleisten sollten. Sie erfolgte auf drei Ebenen: der institutionellen, der ökonomischen und der inhaltlichen Ebene[1].

Unter der Fragestellung, wie der zur Staatsräson gewordenen Antisemitismus, der sich in den Zeitungen darstellen, in seiner alltäglichen Wirkungsweise von der Bevölkerung, speziell den Betroffenen, in der Anfangszeit der Diktatur wahrgenommen wurde, und welcher „Erfolg“ den Zeitungen zuzusprechen ist, müssen die erstgenannten Ebenen in dieser Arbeit zurückstehen. Die strikte Trennung der Ebenen, wie sie durch das vorgeschlagene Schema suggeriert wird, ist so natürlich nicht vorhanden. Wenn beispielsweise die NS-Presseanweisungen herangezogen werden, so findet sich hier neben der inhaltlichen natürlich auch die institutionelle Ebene wieder. Der Schwerpunkt liegt aber dennoch auf der inhaltlichen Ebene der Presselenkung, denn diese nahmen die Leser war und über sie präsentierte sich ihnen die Zeitungsrealität.

Die Zeitung, die für die Untersuchung Verwendung findet, sind die „Dresdner Nachrichten“, ein bereits vor der Machtergreifung konservatives und nationales Blatt, das ohne personelle Veränderungen weiter erschien[2]. Victor Klemperer bezog die Dresdner Nachrichten im Laufe des Jahres 1935, zur Zeit der Nürnberger Rassegesetze, da er „glaubte, man müsste wieder einen Versuch des Zeitungslesen machen“. Doch das Experiment scheiterte: „es ging nicht, mir wird körperlich übel“[3].

Dieser „Chronist der NS-Zeit“ - Victor Klemperer – stellt mit seinen Tagebüchern für die Jahre 1933-1935 die nächste wichtige Grundlage für diese Arbeit, denn er bleibt in seinen Aufzeichnungen nicht auf sein Leben beschränkt, sondern erfasst den Schrecken um ihn herum. Wenn er am 15. Mai 1933, kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten notiert: „Von den Schand- und Wahnsinnstaten der Nationalsozialisten notiere ich bloß, was mich irgendwie persönlich tangiert. Alles andere ist ja in den Zeitungen nachzulesen. Die Stimmung dieser Zeit, die Gehemmtheit in Telefonieren und Korrespondieren, das zwischen den Zeilen der unterdrückten Zeitungen lesen – alles das wäre einmal in Memoiren festzuhalten“[4], so geschieht dies unter der Hoffnung eines baldigen Wechsel der Machtverhältnisse. Bereits eine Woche später hat er aber „alle Hoffnung verloren, das Ende dieses Zustandes zu erleben“[5]. Und so notiert er seine Beobachtungen, erzählt nach, was ihm erzählt wurde und hält Stimmungen fest – beispielsweise der zur Flucht getriebenen Freunde. Mit Hilfe seiner Tagebücher kann die Wirkung der antisemitischen Propaganda nachgezeichnet werden.

Um auch die übrige Bevölkerung nicht aus den Augen zu verlieren, sollen die Deutschland-Berichte der Sopade über deren Verhalten unter Einfluss der Propaganda geben. Wohlwissend, dass zahlreiche Deutsche dem Antisemitismus nicht ablehnend gegenüber standen oder sich schnell beeinflussen ließen, soll dennoch vor allem von solchen berichtet werden, deren „aktive Resistenz“[6] auch Victor Klemperer festhielt.

2. Mobilmachung zum Boykott

Die erste gezielte und konzentrierte antisemitische Aktion der Nationalsozialisten nach der Machtergreifung war der Boykott gegen jüdische Geschäfte, Anwälte und Ärzte am 1.4.1933[7]. Victor Klemperer empfand am 30. März, unter dem Eindruck des Boykott-Aufrufes „Stimmung wie vor einem Pogrom im tiefsten Mittelalter oder im innersten zaristischen Russland. [...]. Wir sind Geiseln. Es herrscht das Gefühl vor [...], dass diese Schreckensherrschaft kaum lange dauern, uns aber im Sturz begraben werde.“[8] Die Nationalsozialisten gaben den Boykott als „Abwehrreaktion gegen den jüdischen Weltverbrecher“[9] aus. So titelten die Dresdner Nachrichten am 31. März 1933 „Immer noch Lügenpropaganda im Ausland“ und „Der Abwehrkampf“ und charakterisierten die von der Partei angeordnete Aktion als „uns aufgezwungene[n] harte[n] Kampf um den Bestand der Nation“, der sich als „Aufwallung des Volkszornes“ zeige.[10]

Dieser Eingriff in den Alltag traf nicht nur die jüdischen Geschäftsleute, Anwälte und Ärzte, die, wie es die nationalsozialistische Presse selbst benannten, „in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht“[11] wurden, sondern auch die Gewohnheiten der übrigen Bevölkerung, die nicht wie üblich einkaufen gehen konnten oder nicht mehr den Arzt oder Anwalt ihre Vertrauens aufsuchen sollten. Die den Boykott begleitende Stimmung wirkte auf die jüdische Minderheit sehr negativ. Klemperer beschrieb am Abend des 31. März die Lage als „immer trostloser“.[12] In der Abendausgabe der Dresdner Nachrichten wurde unter dem Aufmacher „Letzte Vorbereitungen zur Abwehr-Aktion“ darauf hingewiesen, dass die SA-Mannschaften die strikte Anweisung hätten, sich an die Anordnungen des „Zentralkomitees zur Abwehr der Greuelhetze“ zu halten, in der ausdrücklich betont werde, dass den Juden kein Haar gekrümmt werden dürfe.[13] Hierauf bezog sich Klemperer in seinem Überlegungen über die moralische Beurteilung des Boykottes und des angedrohten Existenzentzuges, wenn er feststellte: „Man mordet kalt oder mit >>Verzögerung<<. Es wird >>kein Haar gekrümmt<< - man lässt nur verhungern“[14]. Diese Überlegungen brachten ihn zu der rhetorischen Frage, ob er, wenn er seine Katzen nicht quäle sondern ihnen bloß nichts zu fressen gebe ein Tierquäler sei?[15].

Reaktionen anderer Art erfuhr Victor Klemperer im Oktober im Gespräch mit jüdischen Bekannten. Diese hatten die oft gehörten Ursachen für antisemitische Maßnahmen akzeptiert und hofften auf eine Besserung. „Gerstle [...] sagt, Hitler sei ein Genie, und wenn nur erst einmal der Außenboykott Deutschlands aufhöre, werde man leben können; Blumenfeld meint, man dürfe >>sich nicht von Wunschträumen nähren<< und >>müsse sich auf den Boden der Tatsachen stellen<<; Vater Kaufmann – sein Sohn in Palästina! – spricht ähnlich, und seine Frau, die ewige Gans, hat sich an die Schlagwörter der Presse und des Rundfunks gewöhnt und papageit von dem >>überwundenen System<<, dessen Unhaltbarkeit sich nun einmal erwiesen hätte.“[16]

Er sah die Situation nicht nur angesichts des Boykott-Aufrufes, sondern auch aufgrund anderer weiterer Ereignisse. Hier ist die Erklärung der Dresdener Studentenschaft zu nennen, in der es hieß, es sei gegen die Ehre deutscher Studenten mit Juden in Berührung zu kommen. Man verbot Juden den Zugang zum Studentenhaus. Auch sind jüdische Dozenten am Betreten der Universität gehindert worden. Für ihn persönlich erschien angesichts dessen „die Zukunft [...] ganz ungewiss.[...] Alles ist aussichtslos und sinnlos.“[17]

[...]


[1] Toepser-Ziegert, Gabriele, Die Presselenkung im Nationalsozialismus, in: Bohrmann, Hans [Hrsg.], NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit. Edition und Dokumentation. Bd. 1: 1933, München, New York, London, Paris 1984, S.21.

[2] Fiedler, Helmut, Geschichte der Dresdner Nachrichten (Diss.), Olbernhau i. Sa. 1939, S.270.

[3] Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1935-1936, Bd. II, Berlin 11999, S. 16.

[4] Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1935-1936, Bd. II, Berlin 11999,., Bd. I, S.28.

[5] Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1935-1936, Bd. II, Berlin 11999,, S. 29.

[6] Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1935-1936, Bd. IIi, Berlin 11999, S.18.

[7] Frei, Norbert, Die Juden im NS-Staat, in: Broszat, Martin u. Frei, Norbert [Hrsg.], Das dritte Reich im Überblick, München 61999, S.126.

[8] Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1934 (Bd. I/VII), Berlin 11999, S. 15.

[9] Streicher, Julius, Juda erklärt Deutschland den Krieg, Völkischer Beobachter vom 31.03.1933.

[10] Dresdner Nachrichten vom 31.03.1933, S.1.

[11] Dresdner Nachrichten vom 31.03.1933, S.1.

[12] Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1934 (Bd. I/VII), Berlin 11999, S. 16.

[13] Dresdner Nachrichten, Abendausgabe, vom 31.03.1933, S.1.

[14] Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1934 (Bd. I/VII), Berlin 11999, S. 17.

[15] Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1934 (Bd. I/VII), Berlin 11999,. S.17.

[16] Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1934 (Bd. I/VII), Berlin 11999, S.58.

[17] Klemperer, Victor, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1934 (Bd. I/VII), Berlin 11999, S.17.

Details

Seiten
24
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638197854
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14365
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Historisches Institut
Note
Gut
Schlagworte
Antisemitismus Presse Wahrnehmung Bevölkerung Alltag Nationalsozialismus

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