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Multikulturalismus

Eine theoretische und praktische Betrachtung

Hausarbeit 2006 18 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Multikulturalismus in der theoretischen Überlegung
2.1. Der konservative Multikulturalismus
2.2. Der liberale Multikulturalismus
2.3. Der kritische Multikulturalismus

3. Multikulturalismus in der praktischen Umsetzung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Mit dem Begriff der multikulturellen Gesellschaft ist nach Miksch – einem der

maßgeblichsten Vertreter und Befürworter dieser Vorstellung – eine Gesellschaft gemeint, in der „Menschen mit verschiedener Abstammung, Sprache, Herkunft und Religionszugehörigkeit so zusammenleben, da[ss] sie deswegen weder benachteiligt noch bevorzugt werden. Zwischen den meist eingewanderten Menschen und den Einheimischen wird eine ständige Kommunikation angestrebt“ (Schulte 1990)

In den letzten Jahren wurde der Begriff des Multikulturalismus oder der multikulturel­len Gesellschaft häufig in öffentlichen Debatten verwendet. Von den einen als Segen für die globalisierte Welt angesehen, wird er von den Gegnern als Auslöser für Ter­roranschläge und Gewalt in der Welt verantwortlich gemacht. In Deutschland wird er von den Parteien häufig als Aufhänger zum Gewinn potentieller Wählergruppen ver­wendet, anstatt konzeptionelle Pläne aufzustellen, um dem herr­schenden Problem entgegenzutreten. Ich werde mich in meiner Arbeit auf die Um­setzung theoretischer Definitionen einer multikulturellen Gesellschaft konzentrieren und diese unter kriti­schen Gesichtspunkt beleuchten. Anschließend gehe ich noch auf die praktische Verwirklichung ein. Dabei konzentriere ich mich auf die Frage nach der Gestaltung des Zusammenlebens zwischen den Einheimischen und den Immi­granten und wel­che politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und kulturellen Aspekte beachtet werden müssen.

2. Multikulturalismus in der theoretischen Überlegung

In der öffentlichen Diskussion gibt es viele Stimmen die behaupten wir leben schon lange in einer multikulturellen Gesellschaft. Nach Rommelspacher muss daher das Hauptziel des Multikulturalismus sein, die verschiedenen Aspekte des Zusammenle­bens unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen innerhalb eines Staates zu ermögli­chen. Sie beschreibt drei theoretische Hauptrichtungen. Der konservative Multikultu­ralismus zeichnet sich durch eine strikte Trennung der Gruppierungen aus, der libe­rale Multikulturalismus konzentriert sich auf den Schutz nationaler Minderheiten und ermöglicht ihnen eine Integration in die Mehrheitsgesellschaft und der kritischen Mul­tikulturalismus hinterfragt die Einteilung der Individuen in kulturelle Kategorien. In der Literatur werden auch oftmals andere Einteilungen vorgenommen. Da diese Mo­delle einen rein fiktiven Charakter besitzen wird man diese in der Realität nicht exakt in dieser Form vorfinden.

Ich werde die drei Typen nun näher vorstellen und kritisch beleuchten. Hierzu be­ziehe ich mich des Weiteren auf Rommelspacher, verwende aber auch einige Zitate und Meinung anderer Autoren.

2.1 Der konservative Multikulturalismus

Dieses Modell sieht jede ethnische Gruppe als geschlossenes System, das durch ihren kulturellen Hintergrund streng definierbare Verhaltensmuster hat. Sie leben räumlich und auch sozial voneinander getrennt unter einer zentralen Regierung, die ihnen meist intern eine eigene Verwaltung gewährt. Bei diesem Modell ist eine An­näherung der Kulturen sowohl vonseiten der Regierung als auch von den ethnischen Gruppen nicht erwünscht, da davon ausgegangen wird, dass die unterschiedlichen Gruppierungen aufgrund ihrer Verschiedenheit nicht gemeinsam leben können. Diese strikte Kategorisierung hegt die Gefahr, dass die Ungleichheiten der Gruppen dadurch verstärkt und die kulturellen Unterschiede als unüberwindbare Kluft hervor­gehoben werden[1].

Meines Erachtens nach forciert die Separation von kulturellen Gruppen die Differen­zen und erstickt eine Annäherung im Keim. Durch die rigorose Trennung bestärkt die Regierung die fortwährende Abschottung der Gruppen gegenüber der „Außenwelt“. Wie auch Rommelspacher beschreibt, ist eine Gruppen übergreifende Hochzeit un­denkbar[2]. Meiner Auffassung nach ist eine Vermischung der einzelnen Kulturen von allen Seiten nicht erwünscht, da man seine Kultur „rein“ erhalten möchte. Von Seiten der Zentralmacht würde eine Vermischung einen erheblichen politischen Aufwand bedeuten, da dann auf die Differenzen eingegangen werden müsste und Lösungen für mögliche Konfliktsituationen erarbeitet werden müssten. Bereiche wie Schulwe­sen und Sprachpolitik müssten eindeutig geregelt werden, wenn die verschiedenen Gruppierungen sich austauschen würden. Von der politischen Ausrichtung des kon­servativen Multikulturalismus ist dies aber nicht erwünscht. Da keinerlei kultureller Austausch untereinander stattfindet, werden die anderen Kulturen immer als unwürdig und auch als Feind angesehen. Dies kann man aber nicht den ethnischen Gruppen anlasten, da die Zentralmacht die Aufgabe hätte hier eine Annäherung zu initiieren.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei diesem Modell ist die Reduzierung des Individuums auf seine kulturelle Herkunft. Es wird davon ausgegangen, dass jeder anhand seiner Wurzeln seine Werte und Einstellungen erworben hat und diese auch nicht ändern kann. Daher wird in diesem Modell die politische und wirtschaftliche Orientierung durch die ethnische Zugehörigkeit definiert[3]. Eine Zuschreibung von Eigenschaften oder gar weltanschaulichen Orientierungen aufgrund der kulturellen Herkunft halte ich für sehr fragwürdig. Wenn man z.B. die Mentalität der Deutschen beschreiben möchte, dann wird man schnell merken, dass es durch das gesamte Land sehr unterschiedlich ist. Man kann nicht DEN Deutschen charakterisieren. Sprichwörtlich gibt es den fleißigen Schwaben genauso wie den kühlen Norddeutschen und den gemütlichen Bayern. Und genauso gibt es bei der politischen Ausrichtung innerhalb eines Landes ganz unterschiedliche Meinungen. Dieses Modell bedeutet für die Zentralmacht weniger Aufwand. Sie schottet sich nicht gegen den Multikulturalismus ab, sondern gewährt anderen Bevölkerungsgruppen einen Platz in ihrer Gesellschaft. Allerdings bestärkt sie nicht eine Annäherung und Integration der Minderheiten, son­dern gewährt ihnen lediglich einen Unterschlupf unter ihren Bedingungen. Ich sehe bei diesem Modell kein pluralistisches Miteinanderleben, sondern eher ein gegenseitiges Dulden unter einer Mehrheitsgesellschaft. Wenn zwei oder mehrere Kulturen nebeneinander in einem Land leben, aber es zu keinerlei Austausch oder Kontakt kommt, dann nennt Amartya Sen dies einen pluralen Monokulturalismus. Sie kritisiert, dass häufig die Wahrung der kulturellen Traditionen als Merkmal für eine multikulturelle Gesellschaft definiert wird. Hierzu gibt Sen das Bespiel einer konser­vativen Einwandererfamilie, die ihrer Tochter verboten hat mit einem einheimischen Jungen auszugehen. Viele vermeintliche Anhänger der Multikulturalität würden dies als wichtigen Schritt für den Multikulturalismus sehen, da die Traditionen gewahrt und respektiert werden sollten. Aber dies ist eher ein großer Schritt zum pluralen Monokulturalismus, welche ein eindeutiges Merkmal der konservativen Politik darstellt. Wenn das Mädchen aus freien Stücken diese traditionelle Lebensart ge­wählt hätte, dann wäre dies als eine „Ausübung kultureller Freiheit“ (SEN 2006, S. 105) anzusehen, vorausgesetzt sie hatte die Möglichkeiten sich über alternative kul­turelle Einstellungen zu informieren. Die Autorin hält es für einen wichtigen Aspekt, dass allen Kindern die Möglichkeit gegeben wird, in einem Integrationsland aufzu­wachsen, das ihnen die Aussicht auf ein selbstbestimmtes Leben bietet[4]. Denn als Erwachsener für sich abzuwägen, welche Einstellungen und Werte man, abgelöst von seinen traditionellen Wurzeln, verfolgen möchte, halte ich für einen wichtigen Gesichtspunkt für eine erfolgreiche Integration. Dies ist aber nur möglich, wenn von keiner Seite Druck ausgeübt wird und wenn, wie Sen bereits erwähnte, die Informa­tionen über andere Kulturkreise jedem zugänglich sind. Weiterhin ist die Akzeptanz jeder kulturellen Ausrichtung, vorausgesetzt sie widerspricht keinen rechtlichen As­pekten, grundlegende Voraussetzung für eine freie Entfaltung.

Ein weiteres großes Problem sehe ich in der Separation der Gruppen in dieser politi­schen Variante des Multikulturalismus. Da die Differenzen der einzelnen Kulturen nicht aufgegriffen und diskutiert werden, können faschistische Tendenzen entstehen. Auch Rommelspacher sieht hier sogar einen Nährboden "rechtsextremen Kollekti­vismus" (ROMMELSPACHER 2002, S. 180). Die Mehrheitskultur wird darin bestärkt die anderen Gruppen zu unterdrücken und als minderwertig anzusehen. Die Minderkultu­ren haben in diesem System keine Möglichkeit Einfluss auf die politische Entwicklung zu nehmen, da Ihnen diese Positionen verwehrt bleiben. Sie können „nur innerhalb der Gruppen Machtpositionen[…]festigen“ (ROMMELSPACHER 2002, S. 181)[5]. Ich sehe hierin auch einen Grundlage für terroristische Zusammenschlüsse. Durch die massive Unterdrückung durch die Mehrheitsgesellschaft werden Groll und Hass ge­schürt und verstärkt, da sie ihren Unmut nicht öffentlich äußern dürfen. Sie haben nur die Möglichkeit sich in ihrer Gruppe eine Position zu erarbeiten, um Gehör zu finden. Da sie der Mehrheitskultur ihre Bedürfnisse nicht auf politischer Ebene äußern kön­nen, sehen sie in diesen Ausschreitungen wahrscheinlich die einzige Möglichkeit Gehör in der Öffentlichkeit zu finden.

[...]


[1] Vgl. Rommelspacher 2002, S. 181f.

[2] Vgl. ROMMELSPACHER 2002: S. 181

[3] Vgl. ROMMELSPACHER 2002: S. 181

[4] Vgl. SEN 2006 ,S. 104f.

[5] Vgl. ROMMELSPACHER 2002, S. 180f.

Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640547210
ISBN (Buch)
9783640550722
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v143582
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2
Schlagworte
Multikulturalismus Kultur Multikulti

Autor

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Titel: Multikulturalismus