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Von der handbeschriebenen Rolle zum gedruckten Buch - Zusammenhänge zwischen historischer Entwicklung des Christentums und technischer Entwicklung des Buches

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 18 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Das Phänomen Buchreligion

2. Die technische Entwicklung des Buches in Material, Form und Beschriftung
2.1 Vom Papyrus über das Pergament zum Papier
2.2 Von der Rolle zum Codex
2.3 Von der Handschrift zum Druck

3. Entwicklung des Buches und Entwicklung des Christentums –
eine Wechselwirkung?
3.1 Die Buchkultur der Klöster als Bindeglied zwischen Antike
und Mittelalter
3.2 Die frühen Christen als treibende Kraft bei der Verbreitung
der Codexform

3.3 Die Reformation im Zeichen des Massenmediums Buch

4. Ausblick – E-Book und www.vatican.va

1. Einleitung: Das Phänomen Buchreligion

So spricht der Herr, der Gott Israels:

Schreib dir alle Worte, die ich dir gesagt habe, in ein Buch!

Jer 30,2

Viele Religionen kennen das Phänomen eines heiligen Buches, in dem göttlicher Wille, religiöse Gesetze oder Erfahrungen der Menschen mit ihrer Gottheit festgehalten sind. Als klassische Buchreligionen könnte man die drei großen monotheistischen Religionen bezeichnen. Der Koran als heiliges Buch der Muslime und die Bibel (in ihrer jeweiligen Form) als Heilige Schrift der Juden und Christen stehen für eine Grundannahme dieser Religionen: Gott offenbart sich den Menschen durch Worte, die von bevollmächtigten bzw. inspirierten Personen aufgeschrieben worden sind. Ein Beispiel hierfür ist der oben zitierte göttliche Auftrag, der an Jeremia ergeht.

Die zentrale Bedeutung eines Buches in einer Religionsgemeinschaft findet sich erstmals im Judentum. In Zeiten des babylonischen Exils diente die jüdische Bibel dem versklavten Volk Israel als identitätsstiftende Stütze ihres Glaubens. Eine Funktion eines heiligen Buches ist es demnach, die jeweilige Religion zu stabilisieren bzw. zu sichern. Doch bevor es diese Aufgabe erfüllen kann, muß eine Kanonbildung vollzogen werden, d.h. die endgültige Gestalt muß verbindlich festgelegt werden. Die Schwierigkeiten, die ein solcher Prozeß zeitigt, lassen sich allein daraus ersehen, daß es nicht die eine verbindliche christliche Bibel gibt, da nämlich die katholische Kirche die sog. deuterokanonischen Bücher (z.B. Jesus Sirach) in ihren Kanon aufgenommen hat, während die Protestanten sie nicht anerkennen.

Die reformatorische Bewegung mit ihrem Leitspruch „sola scriptura“ weist auf eine weitere Eigenart der Buchreligionen hin. Die Hinwendung zum verbindlichen Text des heiligen Buches läßt zu jedem Zeitpunkt Rückgriffe auf die Ursprünge der Religion zu. Das Buch ist also Quelle, gleichzeitig aber auch Maßstab einer Erneuerung. Auf der anderen Seite – auch dies eine Eigenheit der Buchreligionen – läßt ein Text immer verschiedene Interpretationen zu, so daß ein Buch nicht nur Basis einer gemeinsamen Identität, sondern aufgrund unterschiedlicher Auslegung auch Ausgangspunkt von Spaltungen sein kann. Hier spielt sicherlich auch die verschiedene Gewichtung von Schrift einerseits und Tradition andererseits eine Rolle.

Ein letzter Aspekt ist die enge Verbindung zwischen Bildung und Religion. Das jeweilige heilige Buch stellt ein bevorzugtes Medium zur Vermittlung von Lesen und Schreiben dar. Beispielhaft sei hier der Gedanke eines deutschen Volksschulwesens erwähnt, der unter anderem durch Luthers Forderung, jeder Christ solle Hauptsätze der Bibel auswendig lernen, gefördert wurde.

Diesen eher grundsätzlichen Vorüberlegungen schließen sich nun die konkreten handwerklich-technischen Voraussetzungen für eine Religion des Buches an. Im folgenden werden die technischen Grundlagen der Buchproduktion und deren Entwicklung anhand von drei Aspekten (Material, Form und Beschriftung) vorgestellt. In einem zweiten Schritt soll dann die Frage bearbeitet werden, inwieweit sich die Entwicklung der Buchproduktion auf der einen und die Geschichte des Christentums als Religion des Buches auf der anderen Seite gegenseitig beeinflußt haben. Danach folgt ein Ausblick, der zunächst ein neues Verfahren beschreibt, das die herkömmliche Buchherstellung – wie zuvor die in Kapitel 2 beschriebenen Umwälzungen – revolutionieren will. Am Schluß steht dann ein Erfahrungsbericht, der die Präsenz der Kirche im Internet als wohl einflußreichstem der neuen Medien untersucht.

2. Die technische Entwicklung der Buches in Material, Form und Beschriftung

2.1 Das Material: Vom Papyrus über das Pergament zum Papier

Vor der Kategorie des Buches steht zunächst der praktische Wunsch des Menschen, sich Notizen zu machen, im Handel, vor Gericht, sozusagen als Gedächtnisstütze. Hierzu benutzte man Tonscherben (sog. Ostraka) und glatte Kalksteine, auf die man die Schrift aufmalte oder einritzte. Der bedeutende und nahezu konkurrenzlose Schreibstoff der gesamten Antike aber wurde zweifellos das aus Ägypten stammende Papyrus. Im Nildelta wächst die Papyrusstaude, eine Pflanze, die auf vielfältige Art genutzt wurde, am meisten jedoch zur Herstellung des gleichnamigen Schreibmaterials. Hierzu wurde das Pflanzenmark in lange Streifen geschnitten und kreuzweise übereinandergelegt, so daß eine geschlossene Fläche entstand. Diese wurde beklopft und gepreßt, so daß durch die austretende Flüssigkeit unter Beigabe von Wasser (bisweilen auch leimartiger Substanzen) eine nur schwer aufzulösende Einheit entstand. Darauf folgte ein Prozeß, in dem das Material getrocknet und geglättet wurde. Das Ergebnis war ein biegsamer, fester, aber auch leicht zerreißbarer Stoff von mattbrauner bis blaßgelber Farbe. In Ägypten schon seit dem 4. Jt. v. Chr. bekannt, gelangte Papyrus im 7./6. Jh. nach Griechenland, von hier dann in die Hände der Römer. Vorher waren dort Baumblätter, Baumbast oder Leinen gebräuchlich, Inschriften hatte man in Stein gehauen. Das gebräuchlichste Schreibmaterial waren lange Zeit mit Gips, später mit Wachs überzogene Holztäfelchen, die man mit einem Metallgriffel beschrieb (siehe 2.2). Doch der vorherrschende Beschreibstoff der Antike wurde für nahezu ein Jahrtausend das Papyrus. Ägypten besaß aufgrund des ausschließlich hier wachsenden Grundstoffes gleichsam das Monopol der Papyrusproduktion; Griechenland und später das gesamte römische Imperium waren so von diesem verhältnismäßig kleinen Land abhängig. Über die Erschwinglichkeit dieses Materials herrscht in der Wissenschaft Uneinigkeit. Es kann jedoch angenommen werden, daß Papyrus nicht eben preiswert war. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die sowohl für Ägypten als auch den griechisch-römischen Raum nachgewiesene Praxis, daß Papyrusrollen abgewaschen und neu beschrieben wurden (sog. Palimpseste), was auf einen relativ hohen Preis und/oder zeitweiligen Mangel an Beschreibstoff hinweist. Besonders gravierend wurde der Papyrusmangel während des Untergangs des römischen Imperiums: die Papyrusproduktion ging zurück und der Handelsweg über das Mittelmeer wurde zunehmend unsicher. In dieser Zeit bahnte sich ein erster bedeutender Wechsel des Materials an: Man wandte sich dem Pergament zu, einer besonders fein verarbeiteten Form des Leders. Die nicht gegerbte Haut von Kalb, Schaf oder Ziege wird in einer Kalklösung von Fleisch, Fett und Haaren gereinigt, getrocknet, geglättet und dann mit Kalk geweißt. Fleisch- und Haarseite haben einen farblichen, aber keinen qualitativen Unterschied.

Im römischen Reich war Pergament schon früh bekannt, aber unüblich für Literatur. Es galt lange Zeit als nur unzureichender Ersatz für Papyrus und als nicht repräsentativ, so daß es meist für Notizen benutzt wurde. Der oben erwähnte Mangel an Papyrus stand am Anfang einer Entwicklung, die das Pergament für die nächsten Jahrhunderte zum vorherrschenden Medium machte. Doch abgesehen davon besaß das Pergament noch andere wesentliche Vorteile: Es war wesentlich haltbarer als das meist nur im ägyptischen Klima erhalten gebliebene Papyrus, außerdem eignete es sich besser für die neue Codexform.

Während des gesamten Mittelalters war das Pergament als Schreibmedium präsent. Dessen Produktion sowie nahezu die gesamte Buchherstellung lag in der Hand der Klöster. Im Zuge eines grundlegenden Wandels zu einem weltlichen Bildungs- und damit auch Buchwesen im 13. Jh. wurden neben dem Klerus auch Gelehrte, Fürsten und Bürger Träger der Buchkultur. Gleichzeitig übernahmen die entstehenden Handwerkszünfte die Arbeitsvorgänge rund ums Buch. In diese Zeit fällt auch der Wechsel vom Pergament zum Papier, das ungefähr im 11. Jh. nach Europa gelangte, während es in China bereits seit dem 2. Jh. v. Chr. bekannt war.[1] Der neue und sehr billige Beschreibstoff Papier hatte einen sprunghaften Anstieg der Handschriften zur Folge. Gleichwohl dauerte es noch einige Zeit, bis das Pergament ganz von ihm verdrängt wurde.

2.2 Die Form: Von der Rolle zum Codex

Umfangreiche literarische Werke standen bei der Erfindung des Papyrus im Hintergrund. Vornehmlich benötigte man ein Medium für Verwaltungsschriftstücke, Protokolle und Gerichtsakten, was nur relativ wenig Platz in Anspruch nahm. Folglich wurden zunächst einzelne Blätter hergestellt. Bei Bedarf, also einem größeren Werk, wurden diese dann zu einer Rolle zusammengeklebt. Dazu wurden die Blätter mit einer Mehlpaste zusammengeleimt und die Nahtstellen geglättet, so daß man bequem darüberschreiben konnte, obwohl es üblicher war, den Papyrus erst zu beschreiben, bevor man die Blätter zusammenfügte. Die Höhe einer solchen Rolle betrug in der Regel 20–30 cm, teilweise sogar bis zu 45 cm, in anderen Fällen nur 15 cm. Durch Leimen konnte man theoretisch unbegrenzte Längen herstellen, als praktisch hat sich jedoch eine Länge von 6–10 Metern herausgestellt.

Die so entstandene Rolle etablierte sich als verbindliche Buchform der gesamten klassischen griechisch-römischen Literatur. Neben dieser Form gab es die bereits in 2.1 erwähnten Holztäfelchen (pugillares – lat. eine Handvoll), die mit Gips oder Wachs überzogen waren. Sie dienten im Gegensatz zur Buchrolle nicht für die eigentliche Literatur, sondern für Notizen, Entwürfe und Schulaufgaben. Um ihren Umfang zu vergrößern, wurden mehrere Tafeln miteinander verbunden, so daß sog. Polyptycha entstanden. Sie bildeten die Grundlage für die Buchform, die in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten mit der Rolle konkurrierte und ihr schließlich nachfolgte: den Codex. Die Bezeichnung leitet sich vom lateinischen caudex (Baumstamm) ab, was auf die ursprünglich verwendeten Holztafeln verweist.[2] Diese wurden durch Papyrusbögen (später Pergament) ersetzt, die übereinandergelegt, gefaltet und gebunden wurden, so daß der unserem heutigen Buch sehr ähnliche Codex entstand.

Die Codexform tritt ab dem 1. Jh. n. Chr. auf, für Gesetzestexte wird sie im 3. Jh. Standard, doch erst im 4. Jh. verdrängt sie die Rollenform nach tausendjähriger Vorherrschaft. Diese lange Zeitspanne zeigt deutlich, daß die Codexform zunächst nicht als ordentliches Buch angesehen wurde. Der entscheidende Vorteil liegt jedoch auf der Hand: Der Codex war viel bequemer zu handhaben; die relativ frühe Nutzung des Codex durch Juristen belegt das wesentlich vereinfachte Nachschlagen einzelner Passagen. Außerdem nahm der Codex durch beidseitige Beschriftung der Seiten ungleich mehr Text auf.

[...]


[1] In Deutschland ist die erste nachweisbare Papiermühle 1390 erwähnt (Kälin, 1665).

[2] Das deutsche Wort Buch ist auf die Buche und somit ebenfalls auf das ursprüngliche Material Holz zurückzuführen. Vgl. Bruckner, 801.

Details

Seiten
18
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638197762
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14351
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für katholische Theologie
Note
1,0
Schlagworte
Rolle Buch Zusammenhänge Entwicklung Christentums Buches Seminar Christentum Buchreligion

Autor

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