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Zum Dichtungsverständnis in Annette von Droste-Hülshoffs Gedichten "Mein Beruf" (1844) und "Am Turme" (1844)

Hausarbeit 2009 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die „Dichtergedichte“ in der Droste-Forschung

3. Zum Dichtungsverständnis in den Gedichten 'Mein Beruf' und 'Am Turme'

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auf der Grundlage der im Seminar zur Dichterin Annette von Droste-Hülshoff besprochenen Werke und Texte wurden für die vorliegende Hausarbeit zwei Gedichte der Gedichtausgabe des Jahres 1844 ausgewählt. Die Gedichte Mein Beruf und Am Turme sollen zusammen gelesen und im Hinblick auf das darin zum Ausdruck kommende Dichtungsverständnis hin analysiert werden.

Die Auseinandersetzung mit dem Wesen von Dichtung, ihrem Auftrag und der Rolle des Dichters, vor allem im Hinblick auf das dichterische Selbstverständnis, ist ein Thema, welches im Gesamtwerk der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff einen wichtigen Aspekt darstellt. Die Droste hat nie eine systematische literaturtheoretische Abhandlung geschrieben. Auch existieren keine von ihr verfassten ausführlichen Rezensionen zu literarischen Werken. Dennoch belegen zahlreiche briefliche Äußerungen, dass sie sowohl über die Literatur ihrer Zeit als auch über ihre eigene Dichtung reflektiert hat. Darüber hinaus ist eine Bestimmung der Aufgabe von Dichtung und der Rolle des Dichters auch Gegenstand der Drosteschen Lyrik, explizit in den sogenannten „Dichtergedichten“ der Droste. Am Anfang soll daher ein kurzer Überblick über Forschungsmeinungen und Ansichten aus der Sekundärliteratur zu dieser Gruppe von Gedichten stehen. Anschließend sollen die Gedichte Mein Beruf und Am Turme auf das in ihnen zum Ausdruck kommende Dichtungsverständnis hin betrachtet werden. Dabei wird der Schwerpunkt der Analyse auf dem Gedicht Mein Beruf liegen. Zum Abschluss sollen die wichtigsten Aussagen zum dichterischen Selbstverständnis der Droste in den vorliegenden Gedichten noch einmal zusammengefasst werden.

2. Die „Dichtergedichte“ in der Droste-Forschung

Unter dem Topos „Dichtergedicht“ werden in der zugrundeliegenden Sekundärliteratur Gedichte zusammengefasst, in denen über allgemeine Vorstellungen der Dichterexistenz, über andere Dichter sowie über das eigene Dichtersein reflektiert wird. Diese literarische Tradition stellt neben der Literaturtheorie eine besondere Form der poetolo-gischen Auseinandersetzung mit der Dichterexistenz im 19. Jahrhundert dar[1]. Es wird davon ausgegangen, dass der Droste die verschiedenen Aspekte und Bilder zum Wesen von Dichtung und zur Rolle des Dichters, wie sie in diesen Gedichten zum Ausdruck kommen, bekannt waren. Sie hat diese Tradition aufgenommen und sich in ihren Gedichten damit auseinandergesetzt, um daran schließlich ihr eigenes dichterisches Selbstverständnis zu entwickeln.

Zu den „Dichtergedichten“ der Droste zählt man z.B. Mein Beruf, Der Dichter – Dichters Glück, Die rechte Stunde, Der zu früh geborene Dichter u. v. a. Aber auch Texte aus dem geistlichen Jahr wie Am zweiten Pfingstsonntage werden den „Dichtergedichten“ zugerechnet. Meyer verweist mit Recht darauf, dass es sich bei den Drosteschen „Dichtergedichten“ um ein Konstrukt der Forschung handelt, da eine solche von der Dichterin selbst zusammengestellte Gruppe von Texten nicht vorliegt[2]. Tatsächlich basieren die einzelnen Untersuchungen zu den „Dichtergedichten“ der Droste nicht auf einer einheitlichen Textgrundlage. So werden beispielsweise die Gedichte aus dem Geistlichen Jahr in einigen Untersuchungen mit herangezogen, in anderen jedoch ausgeklammert. Die Auswahl der untersuchten Gedichte ist dabei insbesondere abhängig vom jeweiligen Forschungsinteresse und den untersuchungsleitenden Fragestellungen. Die „Dichtergedichte“ der Droste sind u. a. auf eine ihnen eigene spezifische Struktur des „Dichtergedichtes“ hin untersucht worden[3], desweiteren im Hinblick auf die Legitimation und Autorität des lyrischen Ich[4].

Gössmann thematisiert im Zusammenhang mit den „Dichtergedichten“ das Dichtungsverständnis von Annette von Droste-Hülshoff. Dabei setzt er sich mit den möglichen Zugangsweisen zum literarischen Werk der Droste auseinander. Die Erschließung des Werkes über die Biographie der Droste sieht Gössmann kritisch. Für ihn besteht das Problem, dass „dieser Zugang im Biographischen stecken bleiben kann“ und „der dichterische Umwandlungsprozess in seiner spezifisch ästhetischen Aussage nicht erfasst wird“[5]. Damit bringt er zum Ausdruck, dass die Gedichte auch eine von der Person unabhängige Aussage enthalten. Bezogen auf die „Dichtergedichte“ konstatiert er also, dass die poetologischen Aussagen nicht einfach mit der Person der Dichterin gleichzusetzen sind:

Die Droste geht in allen Dichtergedichten von einer vorgegebenen Dichtervorstellung aus, läßt sie auf sich wirken, spielt sie meist bis zur äußersten Form durch, um dann jedoch offen zu lassen, wie sie als Dichterin selbst über sich denkt.[6]

Zum einen betont er damit den diskursiven Charakter der „Dichtergedichte“. Dieser wird unter anderem darin deutlich, dass in den Gedichten, die sich mit der Rolle des Dichters befassen, jeweils andere Aspekte und Fragestellungen leitend werden. Auch werden Gegensätze gestaltend eingesetzt. Zum anderen schreibt er der Subjektivität der Ich-Aussagen die Funktion eines wichtigen Gestaltungsmittels zu. Darin sieht Gössmann letztlich den zentralen Zugang zum Dichtungsverständnis der Droste, welches jedoch nicht einheitlich zu verstehen ist, sondern in ihrem Gesamtwerk durchaus unterschiedliche Ich-Aussagen umfasst.[7]

In der Auseinandersetzung mit dem lyrischen Werk Annette von Droste-Hülshoffs führt die Orientierung an der Chronologie der Texte nicht unbedingt zu einem angemessenen Verständnis. In diesem Sinne hält Schneider eine Zuordnung der Gedichte nach Themenbereichen bzw. Wirkungsabsichten für sinnvoll. Dieses Vorgehen begründet er damit, dass sich in der Drosteschen Lyrik oft verschiedene Gedichttypen sowie Stil- und Bildtypen vermischen. Er charakterisiert die „Dichtergedichte“ demzufolge als Sonderform, da sie sowohl zeitkritisch-didaktische als auch persönliche oder geistliche lyrische Texte umfassen. Nach Schneider stellen sich die „Dichtergedichte“ als rein thematisch bestimmt dar und zeichnen sich durch ihren durchweg reflexiven Charakter, ihre Zeitbezogenheit, durch ihre Allegorik, ihren rhetorischen Gestus und ein strenges Ethos aus. Die Bedeutung, die diese Gedichte für das künstlerische Selbstverständnis der Droste haben, und der Beitrag, den sie damit zum Verständnis ihrer literarischen Texte leisten, rechtfertigen nach Schneider ihre Zusammenordnung.[8]

Zu den „Dichtergedichten“ der Droste werden also im Wesentlichen die Gedichte gezählt, in denen die Dichterin über die Rolle des Dichters reflektiert. Diese Texte bringen keineswegs eine einheitliche Auffassung zum dichterischen Selbstverständnis und zur Kunstauffassung der Dichterin zum Ausdruck. Sie verfügen jedoch über ein gemeinsames Motivrepertoire. Dies gilt es in Hinsicht auf die Analyse eines einzelnen „Dichtergedichtes“ im Blick zu behalten. Für die Einzelanalyse des Gedichtes Mein Beruf heißt es daher, dass hier einzelne Aspekte des Dichtungsverständnisses der Droste zum Ausdruck kommen, die jedoch allein für sich noch kein vollständiges Bild ergeben.

[...]


[1] Vgl. Heinz Schlaffer: Das Dichtergedicht im 19. Jahrhundert. Topos und Ideologie. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 10. (1966), S. 297.

[2] Vgl. Matthias Meyer: Die Dichtergedichte der Anette von Droste-Hülshoff. Probleme einer Identitätsbildung. In: Europäische Literaturen im Mittelalter. Hg. v. Danielle Buschinger und Wolfgang Spiewok. Greifswald 1994 (30), S. 297.

[3] Erwin Rotermund: Die Dichtergedichte der Droste. In: Jahrbuch der Droste-Gesellschaft 4. (1962). S. 53-78.

[4] Silke Arnold-De Simine: Schreiblegitimationen und –strategien in Annette von Droste-Hülshoffs Dichtergedichten und ihrem Versepos Des Arztes Vermächtnis. In: German Life & Letters. 57 (2007), S. 158-169.

[5] Wilhelm Gössmann: Annette von Droste-Hülshoff. Ich und Spiegelbild. Zum Verständnis der Dichterin und ihres Werkes. Düsseldorf 1985, S. 16.

[6] Gössmann, 1985, S. 21 f.

[7] Vgl. Wilhelm Gössmann: Literatur als Lebensnerv. Vermittlung Leselust Schreibimpulse. Düsseldorf 1999, S. 142.

[8] Vgl. Ronald Schneider: Annette von Droste-Hülshoff. Stuttgart 1977, S. 100f.

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640527007
ISBN (Buch)
9783640527168
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v143425
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Dichtungsverständnis Annette Droste-Hülshoffs Gedichten Mein Beruf Turme

Autor

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Titel: Zum Dichtungsverständnis in Annette von Droste-Hülshoffs Gedichten "Mein Beruf" (1844) und "Am Turme" (1844)