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Nation Building und die Bürde des weissen Mannes in Afghanistan und Irak

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 19 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Regionalgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das koloniale Erbe im Irak und in Afghanistan
2.1 Die Bürde des weißen Mannes
2.2 Irak und Afghanistan im Zeitalter des Kolonialismus
2.3 Hinterlassene Konflikte

3. Imaginative Geographien

4. Nation Building
4.1 „Liberaler Imperialismus“ und Nation Building
4.2 Das Konzept des Nation Building
4.3 Nation Building Eine Auswertung von Fallstudien
4.3.1 Afghanistan
4.3.2 Irak

5. Fazit: Die postkoloniale Prägung des Nation Building

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die „Postkoloniale Theorie“ ist ein konzeptioneller Ansatz innerhalb der Politischen Geogra- phie. Sie sucht nach persistenten kolonialen Strukturen in heute formal dekolonisierten Ge- sellschaften. Es geht also darum, nach Spuren zu suchen, welche die koloniale Vergangenheit eines Raumes bis in die Gegenwart hinterlassen haben. Der Geograph Derek Gregory spricht deshalb von einer „Colonial Present“ seiner Untersuchungsräume. Zu diesen gehören dem- nach aber nicht nur die ehemals kolonisierten Räume, sondern auch die ehemals kolonisieren- den Gesellschaften. Das Kolonialzeitalter hinterließ also seine Spuren nicht nur in den von den europäischen Mächten kontrollierten Räumen. Die Europäer selbst erfuhren ebenfalls aufgrund ihrer selbst auferlegten Rolle als „Kolonialherren“ Prägungen durch die Handlungen und die Umstände in jener Zeit. Rollen nämlich generieren sich nicht nur aus Weltbildern, sie produzieren sie auch neu oder pflegen sie.

Die Geographie als Wissenschaftsdisziplin widmet sich nicht nur der Darstellung der Welt an sich und sie beschreibt nicht nur die Raumwirksamkeit von naturbedingten, gesellschaftlichen, sowie wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen. Sondern sie untersucht auch die Genese und Raumwirksamkeit von Weltbildern. Gregory fasst diese Phänomene unter dem Begriff der „imaginative geographies“ zusammen. Es soll untersucht werden, inwieweit die koloniale Vergangenheit von Okkupierten und Okkupanten bis heute Weltbilder erhält, aufgrund derer sich die Beteiligten zu etwaigen Handlungen motivieren lassen. Als Nebeneffekt kann hierbei auch angenommen werden, dass diese Motivation nicht nur in den Gesellschaften besteht, sondern auch innerhalb der einschlägigen politischen Eliten als Legitimation zu Interventionen aus ganz anderen Beweggründen herangezogen wird.

Das multinationale militärische Engagement im Irak und in Afghanistan ist inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden und es bleibt vermutlich noch auf unbestimmte Zeit bestehen. Nach Afghanistan haben über 40 Nationen unter einem UN-Mandat im Rahmen der „International Security Assistance Force“ (ISAF) Truppen entsandt. Im Irak kämpft die „Coalition of the willing“ um die Sicherheit im Land und verteidigt die Kontrolle über Ressourcen. Die jeweils größten Kontingente stellen die USA und Großbritannien.

Die Präsenz, oder zumindest die direkte Einflussnahme dieser beiden westlichen Staaten, (in der Vergangenheit auch durch Russland und dem Osmanischen Reich) hat eine lange Tradition im Nahen und Mittleren Osten. Irak und Afghanistan blicken auf eine lange koloniale Vergangenheit zurück. Damals wie heute sind diese Räume einem hohen Maß an Fremdbestimmung von außen ausgesetzt.

Daraus ergibt sich Frage, inwieweit hinsichtlich der Motive, der Legitimation und der Aus- prägung dieser Fremdbestimmung Parallelen zwischen der damaligen Zeit und der Gegenwart bestehen. Die Verantwortlichen für das Engagement in Irak und Afghanistan sprechen von „Nation Building“. Demnach sei man vor Ort engagiert, um die Konflikte in den instabilen Räumen zu lösen und selbstständig funktionierende Staatengebilde zu hinterlassen. Zweifellos haben die früheren Kolonialherren viele dieser Konflikte hinterlassen. Die Suche nach Zusammenhängen zwischen den entsprechenden kolonialen und den gegenwärtigen Auffassungen hinsichtlich der kolonialen „white mens burden“ sind Gegenstand dieser Arbeit.

Dazu muss ein kurzer Abriss der Kolonialgeschichte Afghanistans und Iraks erfolgen, zumindest insoweit sie Gegebenheiten schuf, welche die großen heute noch relevanten Konflikte verursachten. Im Anschluss daran erfolgt die Auseinandersetzung mit der Konstruktion von imaginativen Geographien als theoretisches Bindeglied von der kolonialen Vergangenheit in die postkoloniale Gegenwart. Gefragt wird nach dem Weltbild der ehemals Kolonisierenden auf die ehemals Kolonisierten. In einem dritten Schritt widmet sich diese Arbeit dem Konzept des „Nation Building“ und daran anschließend anhand Fallstudien einer Spurensuche für die Frage, wie viel „white mens burden“ im „Nation Building“ steckt.

2. Das koloniale Erbe im Irak und in Afghanistan

2.1 Die „Bürde des weißen Mannes“

„The white mens burden“ ist der Titel eines Gedichtes von Rudyard Kippling aus dem Jahr 1899. Es handelt davon, dass der „weiße Mann“ die Aufgabe habe, sich den „unzivilisierten“, nicht staatlich organisierten „Völkern“ anzunehmen. Es stellt den Kolonialismus dieser Zeit nicht vordergründig als profitables Geschäft und Ausübung von Weltmacht im Wettlauf mit Konkurrenten dar, sondern vielmehr als eine Aufgabe, eben als Bürde. Man sei demnach ver- pflichtet, den Menschen in den Kolonien zu helfen, indem man ihnen als Vorbild voransteht, ihnen den eigenen Stolz vorlebt und sie in die zivilisierte Welt führt. Man müsse sie vor grau- samen Kriegen schützen und sie ernähren. Bemerkenswert ist, dass in diesem Gedicht auch die Rede von der Abschirmung einer Terrorbedrohung ist (EASTERLY 2006: 3). Für die Kolonialherren galt das aus ihrer Sicht unzivilisierte, allerdings „bereits seit Jahrtau- senden bewohnte eroberte Land als […] leer und auch jungfräulich, […] hier gleichbedeutend mit verfügbar, menschenleer, geschichtslos und mithin ausbeutbar“ (VALERA et. al. 2005: 312).

Die zivilisatorische Rückständigkeit einer kulturfremden Bevölkerung in Räumen, die aus ihrer Sicht ein Machtvakuum zwischen sich und den Konkurrenten darstellten, wurde als Be- drohung empfunden (BABEROWSKY 2007: 24). Das Gedicht „the white mens burden“ bringt die damalige Haltung der Großmächte zum Ausdruck, nach welcher man der Heils- bringer der Kolonisierten sei. Briten und Franzosen rechtfertigen ihre Okkupationen im Mitt- leren Osten, indem sie darauf verwiesen, dass die dort lebenden Menschen „zur Selbstverwal- tung nicht in der Lage“ (FÜRTIG 2003: 20) seien. Die Zaren in Moskau sahen Russland in der Rolle, „die wilden Völker Asiens“ (BABEROWSKY 2007: 23) zu „zivilisieren“. Die eu- ropäischen Großmächte präsentierten sich auch als Befreier der Araber von der Unterdrü- ckung durch das Osmanische Reich.

2.2 Irak und Afghanistan im Zeitalter des Kolonialismus

Obige Argumente führten die Verantwortlichen in den Kolonialmächten als Legitimation für ihr „Great Game“ an (BABEROWSKY 2007: 26). Dieser Begriff steht für den Wettlauf des British Empire mit Russland um die Räume Zentralasiens im 19. Jahrhundert. Die russischen Expansionsbestrebungen hatten seit jeher zum Ziel, endlich eine Küste für einen ganzjährig eisfreien Hafen zu erreichen. Dies war auch die Motivation für die Stoßrichtung von kasachi- schen Gebieten aus in den Süden - nach Afghanistan. Ebendies mussten die Briten als Bedro- hung ihrer Kronkolonie Indien empfinden, weswegen sie versuchten, den Russen entgegenzu- kommen und sie in jener Region zu blockieren, auf der die heutigen Staaten Afghanistan und Pakistan liegen. Zu beachten ist hier der Unterschied in den Regimen in jener Zeit. Im zaristi- schen, monarchisch geprägten Russland konnten Erfolge bei militärischen Expansionen dazu dienen, die Zufriedenheit der russischen Untertanen mit ihren Herren zu festigen. Die Regie- rungen in London mussten sich mit einer parlamentarischen Opposition und mit der Stim- mung unter weitgehend emanzipierten Bürgern auseinandersetzen (BABEROWSKY 2007: 25). Das Vorleben einer „white mens burden“ musste deshalb auch auf den Nationalstolz der britischen Bevölkerung abzielen.

Briten und Franzosen präsentierten sich als Freunde der Araber und instrumentalisierten diese im Ersten Weltkrieg gegen das Osmanische Reich,1 indem man ihnen einen freien arabischen Staat als Belohnung versprach, wie beispielsweise Kurdistan (FÜRTIG 2003: 26). Nach dem Krieg allerdings wurde das Gebiet des heutigen Irak unter den Siegern als Beute aus der ErbMasse des Osmanischen Reiches“ (FÜRTIG 2003: 21) aufgeteilt.

In der Zwischenkriegszeit und nach dem Zweiten Weltkrieg zogen die ehemaligen Kolonial- mächte nach und nach die endgültigen Grenzen,2 die bis heute Konflikte hinterlassen haben. Die Afghanen und die Iraker konnten in diese]r Phase schrittweise ihre vordergründige Selbst- bestimmung ausbauen. Woodrow Wilsons 14 Punkte zur Beilegung des Ersten Weltkrieges beendeten formal den Kolonialismus, indem nach diesen auf die Selbstbestimmung freier Völker Rücksicht genommen werden solle. „Kolonien“ und „Protektorate“ wurden in „Man- date“ geändert, die direkte Macht der Kolonialherren wurde aufgegeben. Auch die formale Unabhängigkeit vom Irak und von Afghanistan wurde nach dem Ersten Weltkrieg offiziell. Massive Fremdeinwirkungen blieben jedoch bestehen. Zwar wurde Russland von der kom- munistischen Sowjetunion und Großbritannien von den USA abgelöst. Das „Great Game“ wich dem Kalten Krieg. Dem Kolonialismus folgte der Imperialismus, wobei diese beiden Begriffe folgendermaßen unterschieden werden können:

Versteht man unter Ersterem jede Form von Besiedlung, die immer Landan- eignung und Herrschaft beinhaltet, so könnten unter Imperialismus alle ande- ren Formen der Appropriation und Ausbeutung, die auf asymmetrische Machtbeziehungen beruhen, verstanden werden (VALERA et. al. 2005: 312).

Die Großmächte steuerten weiterhin die Eliten dieser Länder, konnten über den Grad ihrer nationalen Souveränität entscheidend mitbestimmen und erhielten sich politischen und wirtschaftlichen Einfluss, was im nächsten Kapitel gezeigt werden soll.

2.3 Hinterlassene Konflikte

Für die Darstellung der hinterlassenen Konflikte in dieser Arbeit ist es zunächst sinnvoll zu zeigen, inwiefern Afghanistan und Irak künstliche Gebilde durch Fremdbestimmung sind, konkret, welche Gestalt die beiden Länder durch die Oktroyierung3 ihrer Staatsgrenzen erhal- ten haben. Auf diese Weise Konflikte aufzuzeigen, umgeht den diskutablen Einwand, Ge- schichte könne niemals vollendete Objektivität liefern.4 Denn Staatsgrenzen gehen auf offi-zielle und zweifelsfrei objektiv auswertbare Verträge zurück. Die Lage von Siedlungsgebieten bestimmter ethnischer Gruppen wird für diese Arbeit als das Ergebnis empirischer Erfassung und der Auswertung von historischen Dokumenten vorausgesetzt.

Die Regionen um Irak und Afghanistan sind bereits seit dem Mittelalter multireligiös und ihre Multiethnizität ist noch älter. Die einerseits durch Nomadentum und andererseits durch regio- nale Stammeskrieger geprägte Besiedlungsstruktur dieses Raumes ist seit Jahrhunderten hochkomplex (BABEROWSKY 2007: 24). Die heutigen Grenzen dieser Staaten tragen die- sen Umständen aber kaum Rechnung. Große ethnische Gruppen wurden durch die installier- ten Nationalstaaten aufgespalten. Im Falle des Irak gilt dies allen voran für die Kurden. Karte 1 stellt den kurdischen Sprachraum dar, ein Gebiet, welches als „historische kurdische Kernregion“ (o.A.: ATL. GLOB. 2007: 158) angesehen werden kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karte 1: Historische kurdische Kernregion. Quelle: ATLAS DER GLOBALISIERUNG (BARTZ 2007: 159).

Das Kurdengebiet wurde im Wesentlichen auf die nach dem Ersten Weltkrieg neuen Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien aufgeteilt. Die auf diese Weise nun schon seit langer Zeit von- einander getrennten etwa 30 Millionen Kurden zeigen heute, insbesondere seit der Entmach- tung des Regimes unter Saddam Hussein, ein hohes Maß an Solidarität füreinander und ein großes Interesse an einem Kurdenstaat, dessen gewünschte Gestalt sich im Wesentlichen an der obigen Darstellung des kurdischen Sprachraums auf der Karte orientiert (EBD.: 158).

[...]


1 Die frühere „Provinz Bagdad“ galt seit dem Mittelalter für die Osmanen als eine Pufferzone gegen Persien an der „Peripherie des Staates“ (FÜRTIG 2003: 13).

2 Der Grenzverlauf zwischen dem heutigen Pakistan und Afghanistan, die sog. „Durand-Linie“, ist allerdings älter. Sie stellte ab dem Jahr 1893 die Demarkationslinie Britisch-Indiens dar (BABEROWSKY 2007: 28).

3 Afghanen wie auch Iraker waren diesbezüglich gegenüber den Kolonialmächten nie gleiche Verhandlungspartner. (BABEROWSKY 2007: 22-30, bzw. FÜRTIG 2003: 17-36).

4 Wie im dazugehörigen Geographie-Hauptseminar „Geopolitische Konflikte im Nahen und Mittleren Osten“ diskutiert.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640527052
ISBN (Buch)
9783640527182
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v143407
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Geographie
Note
1,3
Schlagworte
Nation Building Bürde Mannes Afghanistan Irak

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