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Nationalsozialistische Propaganda in Nordwestdeutschland am Beispiel der Reden Hitlers zu den Wahlkämpfen 1929 - 1933

Eine Untersuchung zu den Formen der nationalsozialistischen Propaganda im nordwestdeutschen Raum in der letzten Phase vor der Machtergreifung.

Examensarbeit 2006 99 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

INHALT

Vorwort

1. Die Reden Adolf Hitlers im Zeitraum 1929 bis 1933 im Raum Nordwestdeutschland
1.1 Die Region Nordwestdeutschland
1.2 Hitlers Reden in den Jahren 1929 - 1933
1.3 Inhalt der Reden Hitlers

2. Stilistische Mittel der nationalsozialistischen Rhetorik
2.1 Ursprünge der Rhetorik Hitlers
2.2 Praktische Ausprägungen der rhetorischen Stilmittel in Hitlers Reden
2.3 Die Emotionalität in den Reden Hitlers

3. Der Umfang der nationalsozialistischen Wahlpropaganda am Anfang der dreißiger Jahre
3.1 Formen der NS-Wahlpropaganda am Beispiel Nordwestdeutschland
3.2 Nationalsozialistische Wahlpropaganda am Beispiel einer Rede Hitlers zur oldenburgischen Landtagswahl
3.2.1 Geladene Gäste
3.2.2 Der Gesamtumfang der Wahlveranstaltung
3.2.3 Der Beginn und Verlauf der Wahlkampfrede

4. Die NS-Propaganda im Kontrast zu anderen Parteien der Weimarer Republik

5. Die Bevölkerung der Region Nordwestdeutschland / Theorien zu Ursachen des Wählerverhaltens in der nordwestdeutschen Region

6. Die nationalsozialistische Wahlpropaganda in Nordwestdeutschland im Kontext der frühen dreißiger Jahre / Gesamtzusammenhang /

Definition und Resümee

Literaturliste / Quellen

Vorwort

Der Inhalt dieser Arbeit beschäftigt sich mit der nationalsozialistischen Propaganda, wie sie im Zeitraum 1929 -1933 in der Region Nordwestdeutschland ihren Ausdruck gefunden hat. Hierbei wird auf verschiedene Faktoren, die zu unterschiedlichen Teilgebieten der Propaganda gezählt werden, eingegangen.

Bestandteil dieser Arbeit sollen sowohl die Reden Hitlers im angegebenen Zeitraum sein, was die einzelnen Daten, Standorte und Inhalte betrifft, als auch die charakteristischen rhetorischen Mittel seiner Form der Rede. Dies wird sowohl auf der Ebene der Theorie einer effektiven Rhetorik, als auch auf jener der praktischen Ausprägung ebendieser stattfinden. Ferner werden Inhalt der Arbeit eine Erläuterung des Propagandaumfangs am Beispiel einer repräsentativen Rede im angegebenen Zeitraum in der nordwestdeutschen Region sein, sowie auch eine Kontrastierung der nationalsozialistischen Wahlpropaganda zu jener anderer Parteien.

Des Weiteren soll eine Charakterisierung der Bevölkerung Nordwestdeutschlands dazu beitragen, die speziellen Propagandamethoden der NSDAP in dieser Region zu erfassen und den enormen Wählerzuwachs der NSDAP am Ende der Weimarer Republik zu verstehen.

1. Die Reden Adolf Hitlers im Zeitraum 1929 bis 1933 im Raum Nordwestdeutschland

1.1 Die Region Nordwestdeutschland

Für die Region Nordwestdeutschland gibt in den unterschiedlichen Quellen keine einheitliche, festgesetzte Definition. Nach Lage der verschiedenen Länder der Weimarer Republik habe ich mich dazu entschieden, die Länder Hamburg, Oldenburg, Braunschweig, Bremen, Lübeck und Schaumburg-Lippe, sowie die westlichen preußischen Provinzen Hannover und Schleswig-Holstein, als auch alle westlich der Nord-Süd-Achse Flensburg-Kiel-Braunschweig und nördlich der Ost-West- Achse Braunschweig-Lemgo-Münster gelegenen Städte, in denen Hitler zu dieser Zeit gesprochen hat, hinzuzuziehen.

Die enormen Wahlerfolge der NSDAP innerhalb der Weimarer Republik ab dem Ende der zwanziger Jahre sind zwar in der gesamten Republik zu verzeichnen, dennoch gibt es Differenzen zwischen den Ergebnissen der verschiedenen Länder innerhalb des Reiches. Bestandteil der in Bezug auf die Wahlpropaganda der Nationalsozialisten untersuchten Gebiete in dem Zeitraum 1929 bis 1933 ist unter anderem der Freistaat Oldenburg, der als erstes Land innerhalb des Reiches eine nationalsozialistische Regierung wählte1.

1.2 Hitlers Reden in den Jahren 1929 bis 1933

Das Auflisten der Reden Adolf Hitlers in den Jahren 1929 bis 1933 erfolgt nach der Reihe „Hitler - Reden, Schriften, Anordnungen. Februar 1925 bis Januar 1933.“, die vom Institut für Zeitgeschichte herausgegeben wurde. Die Anzahl der hier genannten Reden beinhaltet sowohl die Reden auf Versammlungen der NSDAP, welche im Rahmen dieser Arbeit in erster Linie behandelt werden, als auch Reden auf Versammlungen des NSDStB (Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund), sowie Reden vor der NSDAP-Landtagsfraktion in Berlin, Reden auf SA- oder SS-Tagungen und andere Gelegenheiten, zu denen Adolf Hitler gesprochen hat, beispielsweise auf einer SA- Standartenweihe in Nürnberg oder der Beerdigung von Erich Jost in Lorsch.

Die in dem Zeitraum 1929 bis 1933 gehaltenen Reden weisen in ihrer räumlichen Ausdehnung und Häufigkeit prägnante Merkmale auf. So hält Adolf Hitler im Jahr 1929 lediglich 31 Reden in 13 Städten im Deutschen Reich, wobei der Schwerpunkt im Süden und Osten Deutschlands liegt. In München beispielsweise redet er allein 13-mal, in Nürnberg 4-mal. Der nördlichste Punkt, neben Königsberg, sind Berlin und Hannover. In Nordwestdeutschland findet somit, geht man von der oben erklärten Definition aus, gerade mal eine Rede statt.

1930 ist die Zahl von 66 Reden in 39 Städten ein deutlicher Kontrast zum Vorjahr, wobei die Region Nordwestdeutschland wesentlich häufiger von Hitler besucht wird. So hält er Reden in Rendsburg, Kiel, Oldenburg, Hamburg, Bremen, Braunschweig und Bielefeld.

Jedoch bleibt auch zu dieser Zeit der offensichtliche geografische Schwerpunkt seiner Reden in Süd- und Ostdeutschland, sowie Süd-Ost- Deutschland, wo er in München 16 Reden hält, in Berlin 4 und in mehreren Städten 2 bis 3. Allerdings hält er auch in Oldenburg zu diesem Zeitpunkt 3 Reden, wenn auch an einem Tag2.

Das Jahr 1931 bringt bezüglich des Engagements in Nordwestdeutschland keine großen Änderungen. Adolf Hitler hält in dieser Zeit 62 Reden in 28 Städten. Mit Eutin, Jever, Delmenhorst, Hamburg, Braunschweig, Cloppenburg und Oldenburg sind es wieder gerade mehr als ein halbes Dutzend Städte, die Hitler das Jahr hindurch besucht. In Braunschweig redet er 3-mal, in Hamburg 2-mal. München ist mit 24 gehaltenen Reden erneut die von ihm meistbesuchte Stadt. Nächst kleinere Anzahl sind derer 5 in Weimar.

Das Jahr 1932 ist mit keinem der eben erwähnten Vorjahre vergleichbar. In diesem letzten Jahr vor seiner Ernennung zum Reichskanzler durch Hindenburg hält Hitler die unglaubliche Anzahl von 234 Reden in 156 Städten im gesamten Gebiet des deutschen Reiches. Auch seine Präsenz in Nordwestdeutschland ist zu dieser Zeit wesentlich größer als in den Jahren zuvor. Hitler hat im Verlauf des Jahres 1932 in 21 Städten in der nordwestdeutschen Region Reden gehalten, in einigen dieser Städte, so wie Hamburg, Kiel oder Hannover, auch mehrfach.

Den längsten oder, im ersten Fall, intensivsten Aufenthalt im Jahr 1932 hat Adolf Hitler zum einen am 23.04, wo er in vier verschiedenen Ortschaften, Winsen an der Luhe, Lokstedt, Kiel und Flensburg Reden hält. Ab dem 22.05., als er, in Oldenburg beginnend, eine 6-tägige Reise durch die nordwestdeutsche Region antritt und die Städte Oldenburg, Rüstringen, Rodenkirchen, Delmenhorst, Cloppenburg und am 27.05. Bad Zwischenahn anläuft, hat er den längsten seiner durchgängigen Aufenthalte in dieser Region.

Zu dieser Zeit stehen die oldenburgischen Landtagswahlen vom 29.05. unmittelbar bevor. Das Resultat dieser Wahl mit 48,4% der Stimmen für die Nationalsozialisten ist das bis zu diesem Zeitpunkt beste der in Oldenburg je erzielten Ergebnisse und ebenfalls der Beginn einer neuen Regierung, in der die NSDAP die absolute Mehrheit hat. Dazu an späterer Stelle mehr.

Was aber genau waren die Inhalte seiner Reden? Um einen derartigen Wahlerfolg zu erzielen, im Mai 1931 hatte die NSDAP bereits 37,2% der Stimmen erhalten, müssen seine Reden Inhalte gehabt haben, die, auf welche Weise auch immer, die Bevölkerung angesprochen haben. In den folgenden Kapiteln soll näher darauf eingegangen werden, welche Inhalte Adolf Hitler in seinen Reden zu dieser Zeit vermittelt hat und wie er dies getan hat.

1.3 Inhalt der Reden Hitlers

Die erste Rede, die Adolf Hitler in den Jahren 1929 bis 1933 in der Region Nordwestdeutschland hält, ist jene in Hannover am 26.01.1929. Hitler spricht hier vor rund 4.000 Menschen3 in der Stadthalle4. Der Inhalt dieser Rede, die rund eineinhalb Stunden andauert, ist zunächst einmal der von ihm als ungeheuer bezeichnete Zusammenbruch des Volkes. In mehreren Ausführungen beschreibt er, dass es wiederum ungeheurer und unermesslicher Gegenmaßnahmen bedarf, um eine Wende herbeizuführen. Auffällig hierbei sind die Wiederholungen bestimmter Worte:

„ Ungeheuer ist der Zusammenbruch unseres Volkes. [...]. Und weil dieser Niederbruch so unermesslich, so kaum fassbar erscheint, deshalb müssen auch die Mittel unermesslich sein, die dieses Volk wieder emporzureißen vermögen. [...]. Weil dieser Zusammenbruch so unermesslich ist, müssen auch unermesslich großsein die Anstrengungen und unermesslich großsein die Mittel und unermesslich großsein der Wille, dieses Volk wieder aus der Not herauszuziehen. Und weil dieser Zusammenbruch so ungeheuerlich ist, [...]. “ 5

Nachdem er mit Nachdruck auf die Situation des Volkes eingegangen ist, geht er über zu den Ursachen für den Zusammenbruch, indem er beschreibt, welche verschiedenen Formen der Inkompetenzen der derzeitigen Regierung bzw. der regierenden Männer dazu geführt haben, dass es zu jenem Zusammenbruch kommen konnte. Den Schwerpunkt seiner Analyse legt Hitler hierbei auf die Stärke, die Größe und den Willen der Männer, die den Staat regieren.

„ [...]. Wer einst Deutschlands Gr öß e nicht wollte, kann auch seinen Wiederaufstieg nicht wünschen. Und wer einst zu schwach war, seinen Zusammenbruch zu verhindern, hat auch nicht die Kraft, die Wiederauferstehung vorzubereiten, es wieder aufzurichten.[...]. “ 6

Durch die von Hitler gewählten Worte und seine Vorgehensweise, die vermeintlich Schuldigen für den Zusammenbruch zu charakterisieren, vermittelt er der Zuhörerschaft von vornherein, dass das gesamte Konzept der aktuellen Regierung nicht funktionieren kann. Mit den Worten „Wer einst Deutschlands Größe nicht wollte“ sind vermutlich die von ihm so oft als Landesverrat betitelten Aktionen der sogenannten Novemberverbrecher7 gemeint. Die Kriegsschuld Deutschlands ist in seinen Augen eine Lüge, die völlige Entwaffnung Deutschlands zum Herstellen des Friedens eine Maßnahme. Seiner Meinung nach hätte der Weg, den die deutsche Regierung am Ende des ersten Weltkriegs eingeschlagen hat, ein anderer sein müssen und in diesem Teil der Rede geht er mit diesem Punkt und einem Resümee zu den Nachkriegsjahren bis zum aktuellen Jahr 1929 darauf ein, dass sowohl der Ansatz im Jahr 1918, als auch die dementsprechende Politik der Folgejahre das bewirkt hat, was er und seine Partei nun als offensichtlich katastrophalen Zustand des Volkes bezeichnen.

Mit dem durch die Worte „ Deshalb muss aus diesem Volke eine neue Bewegung erstehen “ 8 leitet er zum nächsten Punkt, der nationalsozialistischen Bewegung, über. Er beschreibt in diesem Zusammenhang, dass weder Mandate, noch Parlamente, somit keine Wahl, keine der Parteien irgendwas retten könnten.9 Mit diesen Aussagen spricht er sich eindeutig gegen die demokratische Regierung der Weimarer Republik aus. Um dies zu untermauern führt er weiter aus, dass das 10-jährige Bestehen eines Regierungssystems nichts über dessen Funktionalität aussagt und dass die aktuelle Regierung im Prinzip von der Vorarbeit der alten Regierungen lebe. Das, was Deutschland noch retten könne, sei eine Volksbewegung.10

Mit dieser Aussage spricht er eine Sichtweise an, die er sowohl in den Vorjahren, als auch in den Folgejahren immer wieder auf seinen Reden vertreten hat. Diese Sicht beinhaltet, dass es in Deutschland keine unterschiedlichen Stände mehr geben dürfe, dass die Einzelinteressen dem Interesse der Gesamtheit weichen müssten, da, seiner Ansicht nach, das Gesamtschicksal des Volkes die Einzelschicksale bestimme, nicht aber umgekehrt.

„ [...]. Ein Menschenschicksal ist unbedeutend, das Volksschicksal ist alles. Und zweitens, auch dasörtliche Schicksal ist ohne jede Bedeutung für das Schicksal des ganzen Reiches.[...]. “ 11

Mit dieser und anderen Beschreibungen setzt er den Schwerpunkt zum Wohle eines Volkes auf den gemeinschaftlichen Willen und das Gemeinschaftsgefühl. Anschließend leitet er, auf Basis dieser Darstellung des Volkes dazu über, die seiner Ansicht nach wesentlichen Dinge des Lebens zu beschreiben, indem er ästhetische Belange in den Hintergrund rückt und das Problem der Ernährung in den Vordergrund. Hierbei geht er darauf ein, dass, bei einer normalen Vermehrung eines Volkes es automatisch dazu kommen muss, dass die geografischen Kapazitäten eines Tages ausgeschöpft wären und das Volk demzufolge in Ernährungsnot geraten müsse. Die Lösung dafür sei die Vergrößerung des Lebensraums.

„ [...]. Der erste Weg [gemeint ist die Lösung zum Problem der Ernährungsnot aufgrund von Raumknappheit, bzw. des Missverhältnisses zwischen Bevölkerungszahl und verfügbarem Boden], das ist der primäre, urgesunde, den jedes Volk einschlägt, wenn ihm sein Lebensraum eng geworden ist, das ist der Weg nach der Suche um neuen Grund und Boden.[...]. “ 12

Im Folgenden führt er verschiedene, vermutlich zu jener Zeit populäre Gründe an, wieso man davon absehen sollte. Einen dieser Gründe schreibt er den Grundideen des Marxismus auf die Flagge, dessen nach der Nahrungsknappheit mit einer Geburtenbeschränkung entgegnet werden sollte. Zu dieser Möglichkeit äußert Hitler, dass Geburtenbeschränkung einer Lebensbeschränkung gleich käme. Auch die Auswanderung als Maßnahme gegen Ernährungsnot sein ein alternativer Weg.13 Abgesehen davon, dass er sowohl den ersten, als auch den zweiten Alternativvorschlag als schwach bezeichnet, äußert er zu der Möglichkeit der Auswanderung, dass diese das Volk in zweierlei Hinsicht schwäche. Einerseits wanderten ausschließlich die Starken und Gesunden aus, da seiner Aussage nach nur diese von der amerikanischen Union aufgenommen würden, so dass sie im eigenen Land fehlten und andererseits blieben somit nur die nicht einwandfreien Gene zurück und damit wäre ein Volk geschwächt und auf Dauer nicht lebensfähig.14

Eine sehr schwarz-weiße Darstellung.

Als einer der Demokratie typisch innewohnende Methode zur Sicherung der Ernährung eines Volkes ohne den Grund, auf dem es lebt, vergrößern zu müssen, bezeichnet er die Teilnahme an der Weltwirtschaft. Er definiert diese Variante als keine adäquate Lösung zum Ernährungsproblem, da die Teilnahme an der Weltwirtschaft das Land abhängige mache von internationalen Faktoren und es somit versklave. Seiner Ansicht nach könne der internationale Wirtschaftskampf nur in einem erneuten Krieg enden, da der Wettbewerb automatisch auch Existenzkampf für die Bevölkerung des jeweiligen Landes bedeute15. In diesem Zusammenhang geht Hitler auch auf England ein, welches er als jenes Land darstellt, das aus wirtschaftlichen Gründen Krieg gegen Deutschland geführt hätte und auch wieder führen würde, wenn Deutschland erneut zu einer zu großen wirtschaftlichen Konkurrenz werden würde.16

Auf diese Weise zeichnet er zwar ein eindeutiges Feindbild, beschreibt aber auch auf eine andere Art, dass es der Wille sei, bis zum äußersten zu gehen, der darüber entscheide, ob ein Volk zugrunde gehe oder auf Dauer bestehe.

Mit dieser Brücke leitet er den letzten großen Punkt seiner Rede ein, nämlich dass es der Volkswille ist, der über die Zukunft eines Volkes entscheidet, und nicht die Waffen. Er stellt die Entschlossenheit zum Handeln und den festen Willen und Zusammenhalt eines Volkes an diesem Punkt über alles andere und schreibt dieser inneren Haltung, sowohl des einzelnen Menschen, als auch der gesamten Volksgemeinschaft die Perspektive zu, das Volk auf Dauer bestehen zu lassen.

Der Tenor dieser Rede, wenn ich die Grundaussage so bezeichnen darf, ist somit grundsätzlich, dass es im Prinzip keinen anderen Weg für das Überleben des deutschen Volkes gibt, als zunächst mal zu erkennen, dass die Regierung grundsätzlich nicht auf die in den letzten 10 Jahren praktisch angewandte Weise funktionieren kann, was bedeutet, dass eine völlig neue Regierungsform vonnöten ist, und dass des Weiteren in erster Linie ein Volk an sich selbst denken muss, da Rücksichtnahme auf dem internationalen Sektor nicht zu erwarten sei. Er kanalisiert die Interessen eines Volkes wie des deutschen somit auf und nur auf sich selbst und rechtfertigt jegliche Maßnahmen, die das Überleben eines Volkes in der Zukunft sichern. Dies unter anderem mit den Begründungen, dass das Ausland, in diesem Fall England, ebenfalls diese Prinzip vertrete.

Etwa eineinhalb Jahre später, am 10.08.1930, hält Hitler eine Rede in der Deutschen Wacht in Kiel vor etwa 2.500 Personen (laut VB 4.000).17 Teile des Inhalts dieser Rede entsprechen im Prinzip dem gesamten Redetext der Rede, die er im Januar 1929 in Hannover gehalten hat, doch beinhaltet diese Rede auch Elemente, die im Vorjahr nicht angesprochen wurden. Hinzu kommt, dass Hitler einige seiner Thesen ausführlich darstellt als im Vorjahr.

Zum Anfang der Rede spricht Hitler zunächst die anderen Parteien an und vergewissert den Anwesenden, dass diese Parteien weder auf vollbrachte Leistungen, noch auf Versprechen sich berufen könnten im kommenden Wahlkampf und somit nur Lügen propagieren könnten.18 Dadurch nimmt er den Parteien von vornherein ihre Glaubwürdigkeit.

Während dieser Rede geht Hitler wesentlich mehr auf die Nachkriegsbedingungen ein als im Vorjahr und beschriebt all die Verträge, die Deutschland nach dem Krieg unterschrieben hat, als eine zusätzliche Schwächung des Landes. Er stellt diesen vermeintlichen Sachverhalt zudem auf eine Weise dar, die suggeriert, dass jeder gute Wille des Landes vom Ausland schamlos mit den Verträgen ausgenutzt wurde und gleichzeitig auch, dass jene Männer, die diese Verträge unterschrieben haben, naiv gewesen sein müssten zu glauben, den Frieden und die Sicherheit damit wieder hergestellt zu haben.

[...]. Damals hießes, dass die Welt nur darauf warte, dass das deutsche Volk sich selbst entwaffne, dass das deutsche Volk damit das sichtbare Zeichen einer inneren Gesinnungsumwandlung gäbe, [...]. Und wir gingen denn auch voran [soll bedeuten, man sei den Wünschen nachgekommen]. [...]. Man erklärte, dass der Waffenstillstand die Einleitung zu einem Frieden der Versöhnung und Verständigung sein würde [...]. Und man unterschrieb den Waffenstillstand, der eine Entwaffnung war, eine Kapitulation. Und kaum war der Vertrag unterzeichnet, da kamen weitere Verträge, [...]. Man erklärte, das sei notwendig [gemeint ist Auslieferung der Handels- und Kriegsschiffe], [...].Man könne überzeugt sein, dass eines Tages tatsächlich durch diesen freiwilligen Akt Deutschlands die Verständigung in die Wege geleitet werden würde. Und dann kam [...] der Vertrag von Versailles [...]. Man erklärte, das wäre nicht schlimm. Was heißt Schuld am Kriege? [...] eine Geste - eine grandiose Geste allerdings. [...] Man unterschrieb.[...]. Dann begann die Periode der Schuldendeckung. [...]. Als die ersten Methoden [...] scheiterten, da unterzeichnete man den Dawes-Vertrag. [...]. Dann ging es nicht mehr. [...]. Und man modellierte einen neuen Plan, den Young-Plan. [...]. Und das deutsche Volk wurde mürbe und es unterschrieb.[...]. “ 19

Als Quintessenz zu diesem Abschnitt der Rede stellt Hitler heraus, dass die NSDAP mit ihrer Einstellung diesbezüglich Recht behalten habe.20 Er bezeichnet ferner die Verhandlungen nach dem Krieg als Illusion, da seiner Meinung nach nur eine Verhandlung stattfinde, wenn beide Verhandelnden die Möglichkeit hätten, abzulehnen. Dies sei bei Deutschland nach dem Krieg nicht der Fall gewesen, was einem Diktat gleich gekommen wäre.21 Ähnlich wie in der oben aufgeführten Rede leitet Hitler anhand dieser Beispiele ein, dass das deutsche Denken sich ändern müsse, um das Volk wieder emporzuheben. Die Gedanken, die zu dem augenblicklichen Zustand geführt hätten, müssten überwunden werden. Durch diese Aussage übt er ein weiteres Mal eine Kritik an der Demokratie selbst.

Als er zu dem Punkt kommt, an dem er den mangelnden Boden als Existenzgrundlage beschreibt, geht er bildhafter als in der ersten hannoverschen Rede darauf ein und beschreibt urnatürliche Zustände, derernach der Mensch sich auch seinen Lebensraum gegenüber den Tieren sichere und der Kampf um Lebensraum seit Jahrmillionen andauere und nun nicht aufgrund einer fixen Idee beendet sein könne. Er rechtfertigt den Kampf um Lebensraum mit der Vorstellung einer Vorsehung, nach welcher es Naturgesetz sei, dass der Stärkere sich durchsetze.22

Wieder geht er dann auf die Möglichkeiten einer Weltwirtschaftsbeteiligung ein und erklärt diese für inakzeptabel, da sie einen ständigen Kampf um die Existenz bedeuteten.

Ein neues Element seiner Rede im Gegensatz zu jener aus dem Vorjahr ist der Jude als störendes Element im deutschen Reich. Hitler beschreibt an dieser Stelle, dass die Deutschen stark wären und in der Lage seien, einen positiven Wandel herbeizuführen, und dass höchstens Juden daran zweifelten und versuchten, dies zu vereiteln.23 Als er an anderer Stelle auf die Pflicht eines jeden anspielt, sein Äußerstes zum Wohl des Landes zutun und diejenigen, die dies nicht tun, als Schurken betitelt, spielt er auf die vermeintliche Bevorzugung Wehrpflichtiger jüdischen Glaubens an, die zur Erfüllung kriegswichtiger Aufgaben vom Wehrdienst zurückgestellt waren.24

Eine weitere Neuerung ist die Darstellung der Deutschen als eine qualitativ hochwertige Rasse aufgrund zahlreicher dichterischer und erfinderischer Geschenke an die Welt, ohne welche diese um vieles ärmer wäre, was wiederum rechtfertige, dass die Deutschen höchste Ansprüche an die Welt stellten. Er stellt die Deutschen in den Kontrast zu anderen globalen Völkern und benutzt bei seinen Vergleichen Begriffe wie „Hottentotten“, „Buschmänner“ und „Arier“.25

Auch an anderen Stellen geht er auf die Juden als „Nicht-Deutsche“ ein und beschreibt den Deutschen als von Gott so gewollt und geschaffen und bezeichnet es in diesem Zusammenhang als den Willen Gottes, dass die Deutschen nicht zu Juden würden!26

Hier fasst er am Ende der Rede erneut die Grundgedanken der Nationalsozialisten zusammen und macht deutlich, dass die alte Regierung keine Daseinsberechtigung mehr habe. Die letzten Sätze gelten wieder, wie auch am Anfang seiner Rede, den Parteien selbst, indem er sie auffordert, sich gegen den bevorstehenden Angriff der NSDAP zu verteidigen.27

Die Nationalsozialisten stellt er als Mitglieder einer Bewegung dar, die keine Stände kenne und erzeugt so ein Gefühl einer neuen, starken Gemeinschaft, die bisher so noch nie da gewesen wäre und daher, so dürfte die Wahrnehmung der Anwesenden sich gestaltet haben, eher in der Lage sich befinde, Deutschland wieder auf den rechten Weg zu bringen.

„ [...]. Wenn Sie einen fragen: „ Junge was bist du? Bürger? Prolet? “ Er wird lachen: „ Ich bin Deutscher! Ich kämpfe in meinem Braunhemd.[...]. “ 28

Wiederum ein gutes Jahr später, am 24.09.1931, hält Hitler eine Rede in den Sagebielsälen [sic!] in Hamburg vor etwa 10.000 bis 12.000 Menschen.29

In dieser Ansprache bezieht sich Hitler abermals auf die nationalsozialistische Bewegung, auf die Unfähigkeit der Regierung und der regierenden Männer und auch auf das von ihm immer wieder angesprochene Lebensraumproblem des deutschen Reiches. Ebenso spricht er sich gegen zuviel außenpolitische Beziehungen und Kompromisse aus, betont im Gegenteil, dass Deutschlands Kraft aus Deutschland selbst stamme und keine Koalitionen internationaler Art benötige.

Was bei dieser Rede im Vergleich zu den beiden vorher behandelten auffällt ist, dass er sich hier sehr viel kürzer fast. Zwar schneidet er die meisten der üblichen Themen an, tut dies aber nur sehr kurz und verwischt die in den anderen beiden Ansprachen noch recht deutlich sichtbare Struktur der Themenverknüpfung und Überleitungen. Ganz anders scheint Hitler bei dieser Rede viel mehr mit Schlagworten und Parolen zu arbeiten. Schnell fügt er, hat er mit einem oder zwei Sätzen einen Sachverhalt angesprochen, einen Kraftausdruck oder eine Parole ein, um dann seine Ausführungen knapp und auf das Wesentliche beschränkt, jedoch nicht detailtief, fortzusetzen.

„ [...]. Dann kommt der freie Wettbewerb mit den Völkern. Einer muss Sieger sein, und das wird Deutschland sein. (Stürmischer Beifall.) [...]. Jedes Volk hat seinen und kann nur großwerden durch seinen eigenen Wert. Wehe ihm, wenn ein Volk in seiner Seele vergeht. (Große Bewegung.). Das Volk wird sich am besten halten, das seinen Hauptwert in seine besten Hirne und Fäuste legt. (Gewaltiger Beifall.) [...]. Sei nur ein Mann und schaffe dir selbst dein Glück, ein anderes gibt es nicht. [...]. Unser ganzes Volk ist unglücklich; Unfriede überall. Millionen laufen dem internationalen Phantom nach. Seht ihr Glück auf ihren Gesichtern? [...]. Uns nützt kein Völkerbund. Was wir sind, das sind wir aus uns selbst, das halten wir fest. (Stürmischer, minutenlanger Beifall.)[...]. “ 30

Die Grundaussage dieser und anderer Abschnitte in seiner Kundgebung in Hamburg ist, wenn man versucht, tatsächliche stichhaltige Argumente zu entdecken, praktisch gleich null. Im Gegensatz zu den anderen beiden Ansprachen, in denen er ausführlich seine Ansichten zu der Situation Deutschlands, des Auslands, der Wirtschaft, dem vermeintlich auf Raumknappheit begründeten Ernährungsproblem, dem Problem der Ständeeinteilung, den Juden in Deutschland und der nationalsozialistischen Idee beschreibt, scheint diese Hamburger Rede geradezu den Charakter einer Hetzrede zu haben, die form- und inhaltslos, anhand der Reaktionen des Publikums (daher oben miteingefügt) offensichtlich aber nicht effektlos, ihren Lauf nimmt und ohne logische oder belegbar sinnvolle Inhalte eher ein Gefühl als einen Gedanken vermittelt.

Ähnlich verlaufen auch andere Reden zu dieser Zeit in anderen Teilen Deutschlands, so zum Beispiel in Gießen am 09.11.1931. Da gibt es zu dieser Zeit jedoch auch Reden, so zum Beispiel in Stuttgart am 24.04.1931, auf denen er zu den üblichen Themen seine Ansichten wieder eher auf der argumentativen Ebene vertritt, wenn auch nicht ganz ohne den Einsatz von Schlagworten oder Parolen wie „[...] zwangsläufig die Vernichtung der deutschen Nation“31 in Bezug auf die internationalen Bestrebungen der demokratischen Regierung, oder „Wir müssen wieder ein Volk werden“32 in Zusammenhang mit den nationalsozialistischen Grundideen.

Betrachtet man sich nun verschiedene Reden aus dem Jahr 1932, wobei es in Bezug auf das Folgende relativ egal ist, ob diese im März vor der Landtagswahl am 13.03. in Mecklenburg-Strelitz und der Landesratswahl im Saargebiet33 gehalten wurden, so zum Beispiel am 01.03. in Hamburg oder am 03.03. in Breslau, oder ob sie im Mai vor der Wahl am 29.05., wie in Oldenburg am 22.05., in Rodenkrichen am 24.05. oder in Bad Zwischenahn am 27.05., stattgefunden haben, dann fällt auf, dass der Inhalt der Reden, der in den Vorjahren noch mit solch einer Fülle von Thesen Hitlers zu innen- und außenpolitischen Zuständen, politischen Richtungen und Störfaktoren im Deutschen Reich, wie tatsächlich richtig diese auch immer gewesen sein mögen, gekennzeichnet war, mehr und mehr zu schrumpfen scheint. Der beherzte Aufruf, die Zustände in Deutschland durch die richtige Entscheidung bei der jeweils anstehenden Wahl zum Positiven zu wenden, besteht weiter, ja hat sich eher verstärkt, doch der Verlauf der Reden, der dahin führt, die anwesende Menge zu überzeugen, sich für die Nationalsozialisten zu entscheiden, scheint wesentlich trivialer und direkter geworden zu sein.

Hat Hitler in den Jahren davor von dem Trugschluss des Marxismus, von der Falle der Weltwirtschaft, dem Störfaktor Jude im deutschen Reich und dem Problem der Raumknappheit in Bezug auf die Ernährungssituation gesprochen, so geht es im Jahr 1932 mehr denn je darum zu beschreiben, dass die Regierenden ihre Chance vertan hätten und abgesetzt werden müssten. Dies beschreibt er relativ ausführlich, mal aggressiver, „ [...]. Heute hat sich nicht wie 1918 der Abschaum des Volkes eine Organisation geschaffen, sondern heute haben sich die besten Kräfte des Volkes, [...] unter der Fahne des Nationalsozialismus vereint. “ 34 [04.03.

Leipzig] mal schon fast objektiv bewertend „ [...]. Denn die Männer, [...] besitzen überhaupt keine Gr öß e, weder im Guten noch im Schlechten, sie sind Durchschnittsmenschen, Zwerge des politischen Geschehens, Zwerge des geschichtlichen Lebens unseres Volkes und der Gegenwart.[...]. “ 35 [24.05. Rodenkirchen i.O.].

Das Erläutern der nationalsozialistischen Bewegung scheint im Jahr 1932 sich nur noch auf wesentliche, direkte Aussagen zu den Zielen der Nationalsozialisten zu beschränken, ohne aber die verschiedenen Ansichten, die zu dieser Bewegung geführt haben, näher zu beschreiben.

Speziell an den Kundgebungen in Nordwestdeutschland fällt auf, dass Hitler in seinen Reden im Mai, die in den Wahlkampf der oldenburgischen Landtagswahl am 29.05. fallen, immer wieder von der Idee des Nationalismus und der des Sozialismus spricht. Er erläutert in diesem Punkt einleitend, dass ein Volk als hauptsächliche Existenzgrundlage einen Idealismus, eine große Idee benötige, da es sich sonst auf Zeit nicht behaupten könne und zugrunde gehe. An mancher Stelle bringt er Bismarck und die Ausrufung des Deutschen Reiches 1871 als Beispiel für eine große Idee, die er in dem Fall 18.01.1871 in der Vereinigung der Deutschen sieht. Ferner führt er aus, dass es in Deutschland zu der aktuellen Zeit gleich zwei Grundideale gäbe, den Nationalismus und den Sozialismus, welche beide nebeneinander existierten, alleine für sich genommen aber nicht ihren Zweck erfüllen könnten. An diesem Punkt bringt er nun sich und die NSDAP ein, welche als Partei den Sinn und die Möglichkeiten eines Nationalsozialismus erkannt habe und diese nutzen möchte, um zwei große Ideen, die angeblich im gesamten deutschen Volk vorherrschten, zu vereinen. Dies beinhaltet selbstverständlich, dass er eine Vielzahl Menschen anspricht, da sowohl Nationalismus, als auch Sozialismus bekannte Begriffe sind und deren Inhalt sehr weit gefasst ist, belässt man es bei dem Begriff selbst als Kriterium eines Grundideals, was Hitler tut.

„ [...]. Jede Zeit hat ihre bestimmende und regierende Idee. Ein Staatsmann, der auf Jahrhunderte bauen will, muss irgendwie seinem Werk eine tragende Idee zugrunde legen. [...]. Bismarck hätte das Reich nicht gründen können, wenn nicht im Augenblick dieses geschichtlichen Geschehens eine Idee, nämlich eine Vorstellung der nationalen Einigung, praktisch in der Luft gelegen hätte. [...]. Heute liegt wieder eine Idee in der Zeit. [...]. Wir sehen heute wieder zwei Ideen [...]. Die Idee des Nationalismus, [...] und die Idee des Sozialismus. [...]. Kein Volk kann aber zwei Ideen zu gleicher Zeit dienen. [...]. Als ich vor 13 Jahren die nationalsozialistische Bewegung mit diesem Ziel [gemeint ist die Vereinigung der gegenseitigen Ideale und Interessen] mit sieben Mann gründete, [...]. “ 36

Die Variationen zwischen Reden in unterschiedlichen Teilen des deutschen Reiches mögen verschiedene Ursachen haben. In dem nordwestdeutschen Gebiet hält Hitler Reden im Juli 1932, die sich, vergleicht man beispielsweise die in Kiel vom 20.07. mit der in Hamburg am 20.07. oder auch mit der am gleichen Tag stattfindenden Kundgebung in Lüneburg, so kann man feststellen, dass Hitler hier vor allem den Bauernstand in den Vordergrund hebt.

[...]. Wir müssen erkennen, dass es ohne eigenen Boden, ohne eigenen Bauernstand kein wirtschaftliches Blühen in Deutschland geben kann, dass alle die Auffassungen von Export und Import und von Weltwirtschaft uns nichts sind als Begriffe, die nützlich sein können, die aber niemals ersetzen können den eigenen Lebensraum und den eigenen Bauernstand.[...]. “ 37

Tatsächlich war ein großer Teil der in dieser Region ansässigen Bevölkerung nach einer Volkszählung aus dem Jahr 1925 entweder selbst Landwirt oder aber Angestellter in der Landwirtschaft.38

Betrachtet man nunden Inhalt seiner Reden, die er praktisch zur selben Zeit in Hannover (21.07), Braunschweig (21.07) oder Göttingen (21.07) gehalten hat, so ist der Tenor ein leicht anderer.

Mittelpunkt dieser Ansprachen ist das Vernichten der Vielparteienlandschaft39 zum Zwecke des großdeutschen Gefühls, welches jenseits jeglicher Ständevorstellungen zu stehen habe. Ein erneuter Blick auf die Daten der in 1925 erfolgten Volkszählung ergibt, dass im Großraum Hannover alle Stände vertreten waren. Hier gab es relativ gleiche Anteile an Landwirten, Angestellten in der Landwirtschaft und Arbeitern in Industrie und Handwerk.

Durch seine Kontraposition zu den einzelnen, bestimmte Interessen diverser Gruppierungen vertretender Parteien vermag Hitler es, jedem der Anwesenden, welcher dieser Gruppierungen auch immer angehörend, die vermeintliche Tatsache zu verdeutlichen, dass es nur eine Rettung aus den Missständen gäbe, auf welche individuelle Weise sie sich auch immer bei den Angehörigen der unterschiedlichen Stände und Berufsgruppen äußern mögen, wenn einer Partei die Führung des Reiches überlassen würde, die oberhalb der einzelnen Stände das gesamtdeutsche Wohl verfolge und, so suggeriert er durch die Wahl seiner Worte, sich nicht mit den engstirnigen und kurzsichtigen, nicht im Interesse des Reiches und Volkes agierenden Einzelabsichten, die auf einen bestimmten Stand zugeschnitten sein sollten, befasste. Dass die NSDAP dieses Ziel zur Rettung und Sanierung der Republik verfolgt, ist jedem Anwesenden einleuchtend.

Ein weiteres Indiz für dieses Kriterium, den Redestoff für eine bestimmte Region zusammenzustellen, liefert J. P. Stern. „ [...]. Was diese Rede [gemeint ist eine Rede vor „ Industrieführern “ im Düsseldorfer Club am 27.01.1932] jedoch mit Hitlers weniger zurückhaltenden Auslassungen gemein hat, ist der Umstand, dass sie dem Publikum all das sagt, was es hören will, und kaum etwas, was es nicht schon gewusst hätte.[...]. “ 40

Die Cloppenburger MT vom 27.05.1932 schreibt ebenfalls, dieses Phänomen aufgreifend, zu dem südoldenburgischen Wahlkampf zu den Landtagswahlen am 29.05.1932:

„ Hitler will alles, was alle wollen, mögen die Willensrichtungen der einzelnen auch noch so konträr sein. Er vertritt bei gewissen Gelegenheiten alle Forderungen der Arbeiter und nimmt sich gleichzeitig auch aller Forderungen der Kapitalisten und Industriellen liebevoll an. [...] “ 41

Was nun ist der Grundtenor seiner Reden?

Formulierte man, der Grundtenor setze sich zusammen aus einer inhaltlichen Grundaussage in jeder Ansprache und einem grundsätzlichen Ziel, das mit dem Mittel jeder Ansprache des behandelten Zeitraums verfolgt würde, so lässt sich sicher sagen, dass die inhaltlichen Grundaussagen jene sind, die auf den vorherigen Seiten angeführt wurden. Das System funktioniert nicht auf die in den seit 1918 verstrichenen Jahren präsentierte Art und Weise, das Volk benötigt eine grundsätzliche Änderung seiner inneren Einstellung bezüglich Nationalstolz, Internationalität und Deutschtum, benötigt eine Bewegung, so wie jene der Nationalsozialisten. Diese sprechen dem Volk aus tiefster Seele. Es gibt Störfaktoren, wie beispielsweise den Bolschewismus, den Juden etc., Lebensraum wird knapp und Autarkie (bezogen auf die Negierung der Beteiligung am internationalen Wirtschaftskampf. Keine Weltwirtschaft!) ist die Zukunft.

Das grundsätzliche Ziel jeder Ansprache scheint mir aber ein anderes. Um das tatsächliche Interesse des Volkes kann es Hitler nicht gegangen sein, wenn er seine Ziele in den letzten Jahren vor der Machtübernahme am 30.01.1933 so variiert, ja teilweise konträr präsentiert hat. Die Tatsache, dass er seine Reden je nach Zuhörerschaft variiert hat, lässt den Schluss zu, dass es in der Hauptsache darum ging, möglichst viele Anhänger aus allen Ständen (die er ja abschaffen wollte) zu sammeln. Das wiederum sieht aber eher nach einer Instrumentalisierung der Menschen aus. Seine Vorstellung von Propaganda kann nicht jene gewesen sein, die in der Propaganda ein Mittel sieht, Menschen von der Ehrlichkeit und Zweckmäßigkeit einer guten Idee zu überzeugen. Seine Propaganda hatte den Sinn und das Ziel, Anhänger zu sammeln für die Bewegung der Nationalsozialisten. Zu welchem Zweck, das soll nicht Inhalt dieser Arbeit sein.

Die Propaganda als solche definiert sich aber nicht bloß aus den Inhalten seiner Ansprachen. Gerade in der Situation, in der Hitler agierte, war es enorm wichtig, Gedanken und Ziele, die keinesfalls konform mit dem damaligen Regierungssystem waren, auf eine Art an den Zuhörer heranzutragen, die auf fruchtbaren Boden bei diesem stößt. Im Folgenden soll näher erläutert werden, welcher Methoden Adolf Hitler sich bediente, um eine möglichst effektive Propaganda betreiben zu können. Hierbei soll sowohl auf die Ursprünge seiner Methoden, als auch auf die tatsächliche Ausprägung eingegangen werden.

2. Stilistische Mittel der nationalsozialistischen Rhetorik

Wenn heute die Reden Adolf Hitlers in sonstigen Zusammenhängen erwähnt werden, so wird dieser nicht selten als ein Schreihals dargestellt, der rhetorisch gesehen sehr schwach agierte und auf der Wissensebene rein argumentativ wenig zu bieten hatte.

Im vorherigen Kapitel ist deutlich geworden, dass seine Reden auf der rein inhaltlichen Ebene häufig nicht schlüssig oder frei von Widersprüchen waren. Dennoch, in den letzten 4 Jahren verzeichnete die NSDAP einen enormen Anstieg des Wählerzustroms.

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1 Bei der Landtagswahl in Oldenburg am 29.05.1932 erzielte die NSDAP 48,4% der Stimmen und erhielt 24 von 46 Mandaten, stellte somit die absolute Mehrheit im Landtag. Quelle: Falter, J./ Autorengruppe (1986): Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik. München: Beck, S. 100 ff.

2 Am 02. 11. 1930 hält Adolf Hitler sowohl im Ziegelhof, als auch in den Gaststätten „Lindenhof“ und „Astoria“ Reden. Quelle: Hitler (1994) = Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Februar 1925 bis Januar 1933. Band IV, Oktober 1930 bis März 1932. Teil 1: Oktober 1930 bis Juni 1931. München: Institut für Zeitgeschichte, S. 46 ff.

3 Information nach „Völkischer Beobachter“ In: Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Band III, Teil I, S. 398.

4 Vgl. Mit Ebd. S. 398.

5 Ebd. S. 398 ff.

6 Ebd. S. 399.

7 Novemberverbrecher als Schimpfwort für die demokratischen Politiker der Weimarer Republik. Angeblich eine absichtlich initiierte Revolution in 1918, mit der man, zusammen mit dem Waffenstillstandsgesuch dem deutschen Heer in den Rücken gefallen ist. In diesem Zusammenhang auch der Begriff „Dolchstoßlegende“.

8 Ebd. S. 399.

9 Vgl. Mit Ebd. S. 399 ff.

10 Vgl. Mit Ebd. S. 400 ff.

11 Ebd. S. 400.

12 Ebd. S. 404.

13 Vgl. Mit Ebd. S. 404 ff.

14 Hitler beschreibt, dass nach Aussage der amerikanischen Union 80.000 Einwandere pro Jahr aufgenommen werden, die aber geistig und körperlichgesund und frei von Erbkrankheiten sein müssen. Vgl. Ebd. S. 406.

15 Vgl. Mit Ebd. S. 407 ff.

16 Vgl. Mit Ebd. S. 409.

17 Vgl. Mit Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Band III, Teil III, S. 304.

18 Vgl. Mit Ebd. S. 304.

19 Ebd. S. 304 ff.

20 Vgl. Mit Ebd. S. 307.

21 Vgl. Mit Ebd. S. 309.

22 Vgl. Mit Ebd. S. 312.

23 Vgl. Mit Ebd. S. 316.

24 Vgl. Mit Ebd. S. 316/317. Interpretation der Aussage nach Fußnote 51 auf S. 317.

25 Vgl. Mit Ebd. S. 317 ff.

26 Vgl. Mit Ebd. S. 319.

27 Vgl. Mit Ebd. S. 322.

28 Ebd. S. 322.

29 Vgl. Mit Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Band IV, Teil II, S. 111.

30 Ebd. S. 115.

31 Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Band IV, Teil I, S. 332.

32 Ebd. S. 334.

33 „Durch Art. 49 des Versailler Vertrages wurde das Saargebiet für die Dauer von fünfzehn Jahren dem Völkerbund als Treuhänder unterstellt; es blieb aber weiterhin Eigentum des Deutschen Reiches.“ Falter, J. / Autorengruppe (1986): Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik. München: Beck, S. 99/116.

34 Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Band IV, Teil III, S. 173.

35 Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Band V, Teil I, S. 124.

36 Ebd. S. 134 ff.

37 Ebd. S. 243.

38 Vgl. Mit Falter, S. 234 ff.

39 „[...]. Ich kann nur sagen, jawohl, es ist mein Lebensziel, diese 30 Parteien zu vernichten und auszurotten.“ Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Band V, Teil I, S. 249.

40 Stern, J. P. (1978): Der Führer und das Volk. München: Hanser, S. 125.

41 Quelle: Cloppenburger MT vom 27.05.1932. In: Gelhaus, Hubert (2001): Das politisch-soziale Milieu in Südoldenburg von 1803 bis 1936. 3. Band: Die Endphase der Weimarer Republik von 1928 bis 1932/33. Oldenburg: Bibliotheks- und Informationssystem der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, S. 84.

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Titel: Nationalsozialistische Propaganda in Nordwestdeutschland am Beispiel der Reden Hitlers zu den Wahlkämpfen 1929 - 1933