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Quantitative Abschätzung zum sogenannten "Leakage-Problem" in der Klimapolitik

Bachelorarbeit 2009 32 Seiten

VWL - Umweltökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 ÖkonomischeTheorievonLeakage
2.1 Begriffsabgrenzung
2.2 Klimagase und die Tragik der Allmende
2.3 Wirkungsmechanismen von Leakage
2.3.1 Leakage in einer geschlossenen Volkswirtschaft
2.3.2 Leakage in einer offenen Volkswirtschaft mit Weltmärkten
2.3.3 Energiemarktkanal
2.3.4 Technologiekanal
2.4 Wichtige Einflussgrößen
2.5 Pollution-haven- und gains-of-trade-Hypothese

3 Quantifizierung von Leakage
3.1 Die Zielsetzung von Quantifizierungen
3.2 Probleme der Quantifizierung
3.3 Ein einfaches Regressionsmodell
3.4 Ex ante-Simulation
3.4.1 Allgemeine Gleichgewichtsmodelle
3.4.2 Partielle Gleichgewichtsmodelle
3.5 Wesentliche Erkenntnisse
3.5.1 Sektorspezifische Betrachtung
3.5.2 Gesamtwirtschaftliche Betrachtung
3.6 Kritische Beurteilung der Ergebnisse

4 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Vor dem Hintergrund immer deutlicher werdender Evidenz eines anthropogen verur- sachten Klimawandels hat sich in den letzten Jahren ein weitreichendes Bewusstsein für Klimaschutz entwickelt. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass eine Be- grenzung des globalen Klimagasausstoßes dringend notwendig ist, um irreversible Schäden abzuwenden.1 Seit Jahren werden deshalb weltweit Maßnahmen getroffen, um den Ausstoß klimaverändernder Gase zu beschränken. 1997 haben die Vertreter von 158 Vertragsstaaten das Kyoto-Protokoll verabschiedet. Ziel der Vereinbarung ist es, die Emissionen der im Annex A des Protokolls aufgeführten Staaten innerhalb des Verpflichtungszeitraums 2008 - 2012 um fünf Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken.2 Seit der Einführung des EU-weiten Emissionshandelssystems European Union Emission Trading System (EU ETS) im Jahr 2005 besteht ein Instrument, mit dem die Europäische Union ihr im Kyoto-Protokoll festgelegtes Ziel von Treib- hausgasreduktionen um acht Prozent zum Basisjahr 1990 im Zeitraum 2008-2012 erreichen will.3

Eine Optimallösung des Klimaproblems bestünde aus einem weltweiten Abkommen, in welchem sich alle Staaten zu Emissionssenkungen auf Grundlage marktwirtschaft- licher Instrumente verpflichten.4 Allerdings ist es bisher nicht zu einem solchen Ab- kommen gekommen. Stattdessen werden in einigen Ländern/Regionen z.T. intensive Klimaschutzanstrengungen unternommen, während andere Staaten ihre Emissionen nur teilweise oder gar nicht beschränken. In diesem Fall kann es zum Leakageproblem kommen: Die Emissionsminderungen in klimaschützenden Staaten werden dann zu einem bestimmten Anteil kompensiert, indem die Emissionen in andere Staaten ”ab- wandern“.

Die EU-Kommission beschäftigt sich derzeit intensiv mit der Frage, inwieweit EU ETS zu Produktionsverlagerungen besonders kohlenstoffintensiver Industrien in Dritt- länder führen könnte, welche keine Klimaschutzmaßnahmen treffen. Dieser Effekt des Carbon Leakage würde die Effizienz des Emissionshandels einschränken und gleich- zeitig zu einem Verlust von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen in der EU führen. Im Hinblick auf eine geplante Änderung im Zuteilungsmechanismus von CO2- Zerti- fikaten, welche ab 2012 in zunehmenden Maße versteigert und nicht mehr kostenlos zugeteilt werden sollen, stellt sich die Frage, ob Sonderregelungen für besonders lea- kagegefährdete Branchen notwendig sind. Quantitative Daten sind hier notwendig, um die Signifikanz möglicher Leakagegefahren zu bestimmen und gefährdete Bran- chen zu identifizieren, welchen die EU-Kommission weiterhin kostenlos Zertifikate zuteilen möchte.5

In dieser Arbeit wird die Quantifizierung des Leakageeffekts behandelt. Dazu werden in Kapitel 2 die theoretischen Grundlagen beschrieben, die bei einer Betrachtung des Effekts relevant sind. Zunächst wird der Begriff Leakage abgegrenzt und die Maß- zahl Leakagerate eingeführt. In einem weiteren Abschnitt werden die Eigenschaften klimaverändernder Gase beschrieben und es wird auf daraus resultierende Proble- me eingegangen, welche die grundlegenden Ursachen des Leakagemechanismus sind. Der Hauptfokus des Kapitels fällt auf die wichtigsten Wirkungsmechanismen, wel- che zu Emissionsverlagerungen führen können. In der Analyse wird gezeigt, dass es verschiedene Wirkungskanäle gibt, durch die Leakage stattfindet. Wichtige Ein- flussgrößen, die bei der quantitativen Abschätzung eine entscheidende Rolle spielen, werden diskutiert. Die Auswirkungen von Handelsliberalisierung auf den Leakageef- fekt werden ebenfalls als besonders wichtig erachtet und daher in einem separaten Abschnitt aufgezeigt.

In einem dritten Kapitel wird die Messung von Leakage behandelt. Zuerst soll auf- gezeigt werden, warum und in welchem Maße eine Quantifizierung des Effekts not- wendig ist. Im Folgenden werden die grundlegenden Probleme einer Quantifizierung erläutert. Anhand eines einfachen Regressionsmodells wird modellhaft gezeigt, wie eine Quantifizierung des Effekts erfolgen kann, und welche Probleme bei der Analyse historischer Daten bestehen. Anschließend werden allgemeine und partielle Gleich- gewichtsmodelle als Hauptinstrumente zur Messung des Leakageeffekts analysiert. Die Funktionsweise der Modelle wird erläutert und es werden Unterschiede aufge- zeigt. In einem weiteren Schritt werden die wesentlichen Erkenntnisse der Modelle vorgestellt, wobei der Fokus sowohl auf sektorspezifische als auch auf gesamtwirt- schaftliche Betrachtungen fällt. Anschließend werden die Ergebnisse einer kritischen Betrachtung unterworfen.

In Kapitel 5 werden abschließend die wesentlichen Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst und es wird ein kurzer Ausblick gewagt.

2 Ökonomische Theorie von Leakage

2.1 Begriffsabgrenzung

Der Leakageeffekt bezeichnet im Klimaschutzkontext die ”Interdependenzzwischen den Treibhausgasemissionen der zum Klimaschutz verpflichteten Staaten und denen der übrigen Staaten.“6 Im Folgenden sei angenommen, es gebe ein Inland, in wel- chem Klimaschutz betrieben wird, und ein Ausland, in welchem keine Maßnahmen zu Emissionsminderung unternommen werden. Der Leakageeffekt wird meist nicht absolut gemessen, sondern in Form einer Leakagerate (LR). Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) definiert die Leakagerate einer klimapolitischen Maßnahme wie folgt:

Emissionserhöhungen im Ausland Emissionsminderungen im Inland.7

Dabei dürfen natürlich nur solche Emissionsänderungen betrachtet werden, die auf die Klimaschutzmaßnahme zurückzuführen sind. Steigen im Ausland die Emissionen in einem Sektor, der im Inland durch Klimaschutzpolitik reguliert wird, so muss dies nicht zwangsläufig ein Leakageeffekt sein.8 Ein wachsender chinesischer Stahlsektor ist nicht auf Klimaschutzmaßnahmen in Europa, sondern primär auf die stark steigende chinesische Binnennachfrage zurückzuführen. Es liegt hier also kein Leakage vor. Wenn hingegen ein Stahlwerk seine Produktion ins Ausland verlagern muss, da in der EU die Kosten für CO2-Zertifikate so hoch sind, dass nicht mehr kostendeckend produziert werden kann, liegt Leakage vor.9

Wenn nun z. B. die Leakagerate 30 % beträgt, so bedeutet dies, dass die Emissionen im Ausland um 30 % der Emissionsreduktion im Inland ansteigen. Die Leakagerate kann unterschiedliche Größen annehmen, die wie folgt interpretiert werden können:

0 < LR < 1: Im Klimaschutzland werden mehr Emissionen eingespart als durch die Maßnahme im Ausland entstehen.

LR > 1: Die Emissionseinsparungen im Klimaschutzland werden durch zusätzliche Emissionen im Ausland überkompensiert. Das globale Emissionsniveau steigt.

LR < 0: Die Emissionsminderung im Klimaschutzland führt zu einem gleichgerichte- ten Effekt im Ausland. Das globale Emissionsniveau sinkt überproportional stark.10

Theoretisch denkbar sind alle dargestellten Fälle, da positive und negative Leakagemechanismen existieren. Ein negativer Mechanismus lässt die LR ceteris paribus ansteigen, wohingegen ein positiver Mechanismus zu einer niedrigeren Rate führt.11 Klimaschutzmaßnahmen sollten so getroffen werden, dass das formulierte Ziel mit einer möglichst niedrigen LR erreicht wird. Die Leakagerate kann als ein Maß für die Effektivität unilateraler Klimaschutzmaßnahmen gelten.12

2.2 Klimagase und die Tragik der Allmende

Die Tragik der Allmende bezeichnet ein soziales Dilemma, welches erstmals 1968 von Garret Hardin beschrieben wurde.13 Allmendegüter zeichnen sich durch zwei Kriteri- en aus. Das erste Kriterium ist die Nichtexkludierbarkeit - es kann kein Nutzer von dem Konsum des Guts ausgeschlossen werden. Das zweite Kriterium ist die Rivalität im Konsum - ist dieses Kriterium erfüllt, so fühlen sich die Menschen beim Konsum des entsprechenden Gutes als Rivalen, da ihr eigener Nutzen mit dem Konsum weiterer Wirtschaftssubjekte sinkt.14

Beide Kriterien treffen auf die Nutzung der Atmosphäre als Treibhausgassenke zu. Da keine Eigentumsrechte an der Atmosphäre definiert sind, existieren keine wirksamen Mechanismen, um die Allokation effizient vorzunehmen.15 Kein Land kann von der Emission klimaverändernder Gase ausgeschlossen werden. JeglicheÄnderungen im Emissionsverhalten müssen freiwillig erfolgen. Auch das Kriterium der Rivalität im Konsum ist erfüllt: Mit jeder weiteren Einheit an Treibhausgasen, welche in die Atmosphäre emittiert werden, sinkt der Nutzen, den die einzelnen Wirtschaftssubjekte aus der Speicherfähigkeit der Atmosphäre erzielen.

Klimagase sind globale Schadstoffe. Dies bedeutet, dass unabhängig vom Ort des Schadstoffausstoßes die Auswirkungen auf der ganzen Welt zu beobachten sind.16 Ein weiteres Charakteristikum von Klimagasen ist es, dass sich der Nutzen aus Emissionsreduktionen heute erst in vielen Jahren zeigt, während bereits heute Kos- ten anfallen.17 Außerdem besteht, anders als bei anderen Schadstoffen, bei CO2 nicht die Gefahr, dass sich lokale hot spots bilden, in denen ein hohes Emissionsniveau be- sonders hohe Kosten verursacht.18 CO2 ist nicht unmittelbar schädlich, wie etwa Schwefeldioxid oder Feinstaub, sondern in den vorkommenden Konzentrationen für den Menschen vollkommen ungefährlich. Seine schädigende Wirkung tritt nur im Klimakontext auf, wo der Ort der Emissionen keine Rolle spielt. Dies verringert den Anreiz, die Emissionen des Schadstoffs regional zu begrenzen.

Das soziale Dilemma ergibt sich, wenn nun alle Wirtschaftssubjekte versuchen, ihren eigenen Nutzen zu maximieren: Für die Marktteilnehmer gibt es keine angemessenen Anreize, ihr Verhalten so zu steuern, dass ein effizientes Ergebnis erreicht wird.19 Individuell rational ist ein free rider -Verhalten, bei dem keine Klimaschutzmaßnahmen getroffen werden. Die Kosten des Klimaschutzes werden dann von den Staaten getragen werden, in welchen Maßnahmen ergriffen werden. Der Nutzen aus diesen Maßnahmen fällt allerdings auch auf den free rider zurück.

Die Existenz von Leakage ist ein zusätzlicher Anreiz für Staaten, sich als free rider zu betätigen: Die Außenseiterposition wird attraktiver, da der free rider als eine Oase mit wenig Klimaregulierung agiert. Dabei werden aufgrund von niedrigen Umwelt- standards besonders klimaschädliche Industrien angeworben, so dass das Leakage- empfängerland seine Exporte an energieintensiven Produkten steigert.20

Die Abwanderung energieintensiver Industrien in nicht oder nur schwach umwelt- regulierte Staaten wird als pollution haven-Effekt bezeichnet. Bei Vorliegen dieses negativen Leakageeffekts steigen mit dem Effekt einhergehend auch die zu erwar- tenden Kosten, die sich für Klimaschutzstaaten ergeben. Diese Kosten zeigen sich in der Abwanderung energieintensiver Industrien ins schwächer regulierte Ausland, was im Inland zu einem Verlust von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung führt. Auch dies lässt Klimaschutzmaßnahmen unattraktiver werden, wenn Leakageeffekte zu erwarten sind. Zu befürchten ist ein ”racetothebottom“,beidemNationalstaatensich mit niedrigen Umweltstandards gegenseitig unterbieten, um negative Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit eigener Industrien zu vermeiden.21

2.3 Wirkungsmechanismen von Leakage

2.3.1 Leakage in einer geschlossenen Volkswirtschaft

Meist wird bei der Untersuchung von Leakage eine offene Volkswirtschaft mit Faktormobilität angenommen. Allerdings kann Leakage auch durchaus in einer geschlossenen Volkswirtschaft auftreten.

Das paretooptimale Emissionsniveau einer Volkswirtschaft ist dann erreicht, wenn die nationalen Grenzvermeidungskosten dem nationalen Grenznutzen aus Emissi- onsreduktionen entsprechen.22 Die Grenzkosten der Emissionsvermeidung werden in der Regel als steigend angenommen. Jede zusätzliche Einheit vermiedener Schad- stoffausstoße erzeugt somit höhere Zusatzkosten. Gleichzeitig geht man von einem sinkenden Grenznutzen von Klimaschutzmaßnahmen aus, der Nutzenzuwachs aus Emissionsvermeidungen ist also für die zuerst eingesparten Emissionen am höchs- ten.

Aufgrund der globalen Auswirkungen klimaverändernder Gase ist auch eine geschlos- sene Volkswirtschaft von den Emissionen anderer Länder betroffen - somit können Emissionssteigerungen oder -senkungen im Ausland auch Kosten-/Nutzeneffekte für das Inland mit sich bringen. Steigt in einem Land A der CO2-Ausstoß, so werden die Effekte einer Klimaveränderung nicht nur hier, sondern auch in einem Land B zu beobachten sein.

Wenn nun Land A Klimaschutzmaßnahmen ergreift, so sinkt für das Land B auf- grund der internationalen Reaktionsverbundenheit der Grenznutzen eigenen Klima- schutzes. Eine weitere Emissionssenkung würde nun weniger zusätzlichen Nutzen generieren, als dies zuvor der Fall gewesen wäre. Bei gleichbleibenden Grenzkosten des Klimaschutzes führt ein niedrigerer Grenznutzen dazu, dass das paretooptima- le nationale Emissionsniveau steigt. Ein wohlfahrtsmaximierender Planer wird also die Emissionsmenge erhöhen, um wieder ein Emissionsniveau zu erreichen, in dem Grenzvermeidungskosten und Grenznutzen gleich sind. Wenn das Land A Klimaschutz betreibt, wird Land B also sein Emissionsniveau erhöhen - somit liegt hier ein negativer Leakageeffekt vor.23

2.3.2 Leakage in einer offenen Volkswirtschaft mit Weltmärkten

Im Folgenden sei von einer offenen Volkswirtschaft ausgegangen. Um hier die wich- tigsten Wirkungszusammenhänge zu beschreiben, wird ein pollution haven Modell aufgezeigt, dass an Gerlagh/Kuik (2007) anlehnt.24 Es wird eine Welt mit zwei Volkswirtschaften A und B angenommen. Beide Volkswirtschaften haben die gleiche Struktur, unterscheiden sich aber in Hinsicht auf ihre Größe. Die Preise für Arbeit und andere Produktionsfaktoren werden als konstant angenommen.

θ bezeichne den Anteil von Land A an der Weltwirtschaft, folglich ist der Anteil von Land B 1−θ. Es sei angenommen, dass alle Unternehmen im energieintensiven Sektor produzieren, in welchem vollständige Konkurrenz herrscht, so dass die Unternehmen als Preisnehmer operieren.

Führt Land A nun durch eine klimapolitische Maßnahme einen Preis für Klimaschadstoffe wie CO2 ein, so würde dies die Produktionskosten in Land A erhöhen und die gesamte Produktion würde in einer transaktionskostenfreien Welt in Land B abwandern. Gehen wir nun allerdings im Folgenden davon aus, dass ein Substitut für das energieintensive Inputgut besteht. µ beschreibe die Substitutionselastizität zwischen dem energieintensiven Inputgut und anderen Produktionsfaktoren. Es existiere ein Weltmarktpreis q für das Outputgut. Die Markträumungsbedingung sei erfüllt, so dass der weltweite Output Y der Weltnachfrage entspreche. Die Nachfrageelastizität sei in beiden Ländern ϵ. Im Gleichgewicht gilt nun:

θYA + (1 − θ)YB = −ϵq . (2)

Alle verwendeten Variablen sind dabei in logarithmierten ersten Differenzen notiert. So stellt z.B. Yi die relative Änderung im Output von Land i dar. Betrachtet werden also keine absoluten Größenänderungen, sondern nur die relativen Verschiebungen der Emissionen zwischen den beiden Ländern.

Da wir von vollständiger Konkurrenz auf allen Märkten ausgehen, wird das Output- gut zu Grenzkostenpreisen angeboten. Dies impliziert eine proportionale Kostenwei- tergabe bei Änderungen von Inputpreisen und Steuern. Da alle anderen Faktorpreise als konstant angenommen werden, hängt der Outputpreis q somit nur von dem Preis p für das energieintensive Inputgut und der neu eingeführten CO2-Steuer τ in Land

A ab. Es gilt:

q = α(pA + τA) , (3)

q = α(pB) . (4)

α ist der Anteil des energieintensiven Inputguts an der Wertschöpfung, pi bezeichnet die relative Preisänderung des Guts in Land i. Aufgrund der gleichen Struktur beider Länder ist α für A und B identisch.

Die Nachfrage Ei nach dem Inputgut ist proportional zum Output und abhängig von der Substitutionselastizität µ und der Differenz zwischen Output- und Inputpreisen.

EA = YA + µ(q − pA − τA) , (5)

EB = YB + µ(q − pB) . (6)

Die Angebotsmenge des Inputfaktors entspricht der Nachfrage und ist abhängig von der Angebotselastizität ψ und dem Weltmarktpreis für das Inputgut pi

EA = ψpA , (7)

EA = ψpA . (8)

Somit ergeben sich 7 Gleichungen, welche die Variablen YA, YB , q, pA, pB , EA, EB als eine Funktion von τA bestimmen. Aufgrund der Linearitätseigenschaften sind alle Variablen proportional zu τ . Um die Leakagerate zu berechnen, wie wir sie in (1) definiert haben, betrachten wir folgende Gleichung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wir beobachten also die relativen Änderungen in der Nachfrage beider Länder nach dem energieintensiven Inputgut - dies ist eine angemessener Indikator für Emissionen, solange der Output an Klimagasen proportional zum Input ist und keine Rückhaltetechnologien verwendet werden. Im dargestellten Modell kann die Gleichung computergestützt gelöst werden, so dass sich ergibt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhand dieser Gleichung lassen sich grundlegende qualitative Zusammenhänge zwi- schen den verwendeten Parametern und der Leakagerate analysieren. Es zeigt sich, dass die LR von der Größe von Land A abhängt und mit größer werdendem An- teil von A an der Weltwirtschaft sinkt, bis sie bei θ = 1 den Wert 0 annimmt. Der Leakageeffekt wird also kleiner, wenn mehrere Länder auf der Welt Klimaschutz be- treiben. Dieser Zusammenhang ist intuitiv, da der Einfluss des Empfängerlandes von Leakage abnimmt, wenn dessen Anteil an der Weltwirtschaft geringer wird.

Dass der Zusammenhang δLR/δψ > 0 ist zeigt, dass mit steigender Angebotselasti- zität ψ des Inputfaktors die LR zunimmt. Der Grund hierfür liegt im relativ stärker sinkenden Weltmarktpreis für das kohlenstoffintensive Inputgut bei einem Nachfra- gerückgang in Land A, was dazu führt, dass Land B mehr von diesem Gut einsetzen wird.

Der Zusammenhang zwischen Substitutionselastizität µ und LR hat ebenfalls ein negatives Vorzeichen. Eine höhere Substitutionselastizität µ führt dazu, dass es für die Produzenten des Outputguts einfacher ist, vom energieintensiven Inputgut auf das Substitutionsgut umzusteigen: δLR/δµ < 0.25

2.3.3 Energiemarktkanal

Ein wichtiger Kanal, durch welchen Leakage verläuft, ist der Energiemarktkanal. Die Grundannahme ist, dass eine Maßnahme zur Emissionsreduzierung in einem Klima- schutzland dazu führt, dass in dem betroffenen Land die Nachfrage nach kohlenst- offintensiven Energieträgern sinkt, während relativ kohlenstoffarme Energieträger als Substitute eine Nachfragesteigerung erfahren.26 Bei internationalen Rohstoffmärk- ten führt dies ceteris paribus dazu, dass der Weltmarktpreis für kohlenstoffintensive Energieträger sinkt, während jene mit wenig Kohlenstoffemissionen aufgrund der gestiegenen Nachfrage teurer werden. In den Nichtklimaschutzländern werden bei elastischer Nachfrage dann mehr kohlenstoffintensive Energieträger verwendet.

Wie stark dieser Effekt ist hängt allerdings nicht nur von der Nachfrageelastizi- tät sondern auch vom Rohstoffangebot ab: Bieten die Ressourcenbesitzer bei einem Preisverfall auch weniger Energieträger an, so kompensiert die damit verbunde- ne Preissteigerung möglicherweise die vorhergegangene Preissenkung. Sinn (2008) argumentiert jedoch, die Energieanbieter würden auf die niedrigeren Preise nicht mit einer Angebotsverknappung, sondern in der Gegenwart aus Angst vor weite- ren Nachfragerückgängen durch Klimaschutzmaßnahmen in der Zukunft mit einer Ausweitung ihrer Extraktionen reagieren.27 Die Vielzahl an möglichen Reaktionen der Primärenergieanbieter zeigt, wie komplex diese Frage ist. Allerdings ist das An- bieterverhalten eine besonders relevante Variable, welcher bei der Betrachtung von CO2-Minderungspolitik eine wesentliche Rolle beizumessen ist.28 Generell gilt, dass bei Umweltregulierungen immer zwingend sowohl Angebots- als auch Nachfrageseite berücksichtigt werden müssen.29 Eine geringere Nachfrage führt nicht automatisch zu einem Sinken der Emissionen in erwünschtem Maße, wenn die Angebotsfunktion wenig preiselastisch ist.

Ein entscheidender Faktor ist, dass nicht für alle Rohstoffe internationale Märkte bestehen.30 Während für Energieträger wie Erdöl ein globaler Preis besteht, wird z. B. Braunkohle aufgrund der unverhältnismäßig hohen Transportkosten nicht international gehandelt, so dass ein Nachfragerückgang in Klimaschutzländern hier nicht durch höheren Verbrauch im Ausland kompensiert werden würde. Da Kohle mit einem Anteil von beinahe 40 % den größten Beitrag zu den anthropogenen Treibhausgasemissionen leistet31, spielt die Entwicklung des Kohlemarkts eine entscheidende Rolle für den Leakageeffekt. Light/Kolstad/Rutherford (1999) sehen die Gefahr, dass bei einer gleichbleibend starken Entwicklung der internationalen Kohlemärkte die Leakageraten stark ansteigen könnten.32

Ebenfalls zu berücksichtigen ist die Substitutionselastizität zwischen einzelnen Ener- gieträgern.33 Aus technologischen Gründen ist es mitunter unmöglich oder teuer, zwischen verschiedenen Energieträgern zu substituieren. So kann z.B. ein Auto in der Regel nicht mit Kohle und nur nach einer Kapitalinvestition mit Gas betrieben werden. Je höher die Substitutionselastizität ist, desto stärker fällt der Leakageeffekt aus: Wenn die Wirtschaftssubjekte einfach den Energieträger wechseln können, so werden sie den relativ günstiger werdenden kohlenstoffreichen Energieträger stär- ker nutzen. Studien zeigen, dass die Substitutionselastizität zwischen verschiedenen Energieträgern einen maßgeblichen Einfluss auf die Leakagerate einer Klimaschutz- maßnahme haben kann.34

2.3.4 Technologiekanal

Ein positiver Effekt auf die Leakagerate einer Klimaschutzmaßnahme verläuft durch den Technologiekanal. Maßnahmen zur Emissionssenkung führen dazu, dass sich die Relativpreise von Gütern und Faktoren verändern. Dies führt nicht nur zu anderen Gleichgewichtsmengen und -preisen, sondern auch dazu, dass sich Innovationsanreize ändern.35 Für Unternehmen lohnt es sich im Klimaschutzland nun eher in die Er- forschung emissionsarmer Technologien zu investieren. Dieser Effekt des induzierten technologischen Wandels wurde bereits 1932 von Sir John Richard Hicks beschrie- ben:

[...]


1 Vgl. Stern et al. (2007), S. 2f.

2 Vgl. Vereinte Nationen (1997), Art. 3 Abs. 2.

3 Vgl. EU Richtlinie 2003/87/EG, Art. 4.

4 Vgl. Reinaud (2008), S. 16.

5 Vgl. Europäische Kommission (2009), Art. 24.

6 Zwingmann (2007), S. 55.

7 Vgl. Reinaud (2008), S. 30.

8 Vgl. ebenda.

9 Vgl. ebenda, S. 29f.

10 Vgl. Schmidt (1995), S. 35f.

11 Vgl. Reinaud (2008), S.28.

12 Vgl. Barker et al. (2007), S. 6281.

13 Vgl. Hardin (1968).

14 Vgl. Grossekettler/Hadamitzky/Lorenz (2008), S. 271.

15 Vgl. Samuelson/Nordhaus (2005), S. 530.

16 Vgl. Endres (2007), S. 220.

17 Vgl. Samuelson/Nordhaus (2005), S. 540.

18 Vgl. Zwingmann (2007), S. 103.

19 Vgl. Samuelson/Nordhaus (2005), S. 531.

20 Vgl. Frankel/Rose (2005), S. 85.

21 Vgl. Porter (1999), S. 136.

22 Vgl. Schmidt (1995), S. 21.

23 Vgl. Schmidt (1995), S. 22.

24 Vgl. Gerlagh/Kuik (2007), S. 4ff.

25 Vgl. Gerlagh/Kuik (2007), S. 6ff.

26 Vgl. Di Maria/ van der Werf (2008), S. 69.

27 Vgl. Sinn (2008), S. 360.

28 Vgl. Hensing/Pfaffenberger/Ströbele (1998), S. 194.

29 Vgl. Hensing/Pfaffenberger/Ströbele (1998), S. 169.

30 Vgl. Die Maria/van der Werf (2008), S. 69.

31 Vgl. Light/Kolstad/Rutherford (1999), S.1.

32 Vgl. ebenda, S.24.

33 Vgl. Bernstein/Montgommery/Rutherford (1998), S. 410.

34 Vgl. zum Beispiel: Burniaux/Martins (2000), S. 24.

35 Vgl. Di Maria/van der Werf (2008), S. 56.

Details

Seiten
32
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640533725
ISBN (Buch)
9783640533886
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v143232
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Schlagworte
VWL Quantifizierung Leakage Klimaschutz Leakageeffekt Klimapolitik Empirisch Volkswirtschaftslehre

Autor

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