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Der Anarchismus im China der frühen Republikzeit am Beispiel Liu Shifus

Hausarbeit 2008 19 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Chinesisch / China

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung - Die Signifikanz des Anarchismus in China

2 Der westliche Einfluss: Peter Kropotkin
2.1 Begriffsklärung Anarchismus
2.2 Befürwortung des Anarcho-Kommunismus
2.3 Menschen als Arbeitskraft
2.4 Das Prinzip der „Gegenseitigen Hilfe“
2.5 Kropotkin und die Gewalt

3 Liu Shifu
3.1 Die Prinzipien der Herzgesellschaft
3.1.1 Genussmittel und Gewaltlosigkeit
3.1.2 Gleichheit und Würde
3.1.3 Ablehnung der Ehe
3.1.4 Absage an die Familie und den Familiennamen
3.1.5 Gegen Autorität und Politik
3.1.6 Antimilitarismus
3.1.7 Ablehnung von Religion
3.2 Beurteilung der Herzgesellschaft
3.3 Shifus Haltung zu Kropotkins Grundsätzen
3.3.1 Anarcho-Kommunismus
3.3.2 Aktivist im Anarcho-Syndikalismus
3.3.3 Gegenseitige Hilfe und gesellschaftlicher Fortschritt

4 Schlussbetrachtung – Das anarchistische Erbe

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung - Die Signifikanz des Anarchismus in China

In der heutigen Gesellschaft wird der Anarchismus oft mit „Chaos“ verbunden und scheint auch mittlerweile aus „ernsthaften“ politischen Dialogen entfernt worden zu sein.[1] Allerdings wird dem Anarchismus als eine wichtige politische Strömung im China des frühen 20. Jahrhunderts mittlerweile von Historikern immer mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Denn er hat nicht nur die Weltanschauung anderer revolutionärer Gruppen während der chinesischen Republikzeit (1911 – 1949) beeinflusst[2], sondern ist auch in unserer heutigen Zeit signifikant: Bekannt wurde zum Beispiel die" Autonome Gruppe Peking", eine von mehreren Organisationen, die den Aufstand 1989 auf dem "Platz des himmlischen Friedens" in Peking organisiert hatten. Das offene, organisatorische Leben der anarchistischen Bewegung in China hat aufgehört, ein Faktor in der chinesischen Politik zu sein, aber der Einfluss aus dem Untergrund ist geblieben. Besonders ausgeprägt in einer illegalen Arbeiterbewegung, die bis in die heutige Zeit reicht. Sie ist mit vielen Streiks und Sabotageaktionen aber auch Attentaten auf Chefs der Fabriken und Funktionäre der kommunistischen Partei aktiv.[3]

Der Anarchismus ist zudem historisch bedeutsam, da er am Anfang des 20. Jahrhunderts für mehr als zwei Jahrzehnte die Ideologie der radikalen Linken in China darstellte. Da dies auch die Zeit war, in dem ein revolutionärer Diskurs entstand, der in den folgenden Jahren die Ideologie der chinesischen Linken in China formen sollte, sollte der anarchistische Beitrag untersucht werden, wenn man den chinesischen Radikalismus verstehen will.[4]

Der Anarchismus war in der Republikzeit in der Tat alles andere als eine belächelte Weltanschauung: Sozialdemokratische Strömungen, so Arif Darlik, haben den Anarchismus als ein gemeinsames Ideal anerkannt[5]. Lange Zeit war es allerdings in China üblich, den Anarchismus als bloßen Verlierer im Wettrennen mit dem Marxismus abzutun. Darlik jedoch argumentiert, dass die meisten führenden Persönlichkeiten der kommunistischen Bewegung durch eine anarchistische Phase gingen, bevor sie Marxisten wurden[6]. Selbst Mao Tse-tung hatte laut Krebs eine kurze „anarchistische Phase“ und es dauerte lange, bis der Konkurrent Anarchismus aus der Arbeiterbewegung vertrieben war[7]. Das heißt, obwohl der Anarchismus von der revolutionären Linken abgelehnt[8] und in den späten 20ern immer mehr durch den Leninismus/Marxismus verdrängt wurde[9], scheint der Kommunismus in China von anarchistischem Gedankengut beeinflusst worden zu sein. Selbst nachdem der Anarchismus Ende der 30er Jahre politisch entmachtet und die Aufzeichnungen zum Anarchismus infolge des Krieges mit Japan und dem folgenden Bürgerkrieg immer mehr verstummten, setzte sich seine Bedeutung im kulturellen Bereich fort: So sind etwa die populären Werke des berühmten chinesischen Autoren Ba Jin 巴金 (1904 – 2005) von anarchistischen Gedanken durchzogen.

In der VR China widmen sich Historiker dem chinesischen Anarchismus allerdings erst seit den 80er Jahren. Bisher hatte es in China nur „Abwehrschriften“ gegeben, die den Anarchismus bekämpfen sollten. Mittlerweile existieren jedoch Materialsammlungen und Bücher chinesischer und internationaler Historiker, die sich mit dem Phänomen eingehend beschäftigt haben.[10]

Dieser Aufsatz konzentriert sich auf die Bewegung des Anarchismus in der chinesischen Republikzeit, als die anarchistische Idee einen Zentralgedanken im revolutionären Diskurs darstellte[11].

Zunächst werden die zentralen Theorien des einflussreichen russischen Anarchisten Kropotkin vorgestellt und dabei seine Definition des Begriffs Anarchismus herausgearbeitet. Darauf basierend, werden die Prinzipien von Liu Shifu, der „Personifikation“ des chinesischen Anarchismus[12] analysiert, die von seiner anarchistischen Organisation, der Herzgesellschaft verabschiedet wurden. Abschließend werden Shifus Gedanken zu einigen grundlegenden Theorien Kropotkins dargestellt. Wie hat Shifu Kropotkins anarchistische Theorien interpretiert? Hat Liu Shifu Kropotkins Thesen ein zu eins umgesetzt oder hat er einen spezifisch „chinesischen“ Anarchismus geprägt? Wie ist die Bedeutung Shifus einzuschätzen? Dies sind die zentralen Fragen, die in der vorliegenden Hausarbeit erörtert werden.[13]

2 Der westliche Einfluss: Peter Kropotkin

Der Anarchismus trat laut Müller als soziale Bewegung erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. Die frühesten chinesischen anarchistischen Gruppen entstanden laut Müller nicht in China, sondern in Tokyo und Paris. So förderten insbesondere japanische Aktivisten die anarchistische Bewegung in China. Sie waren mit den Chinesen durch die Sprache verbunden, da vieles Westliche von den Japanern an die Chinesen gereicht wurden. Hinzu kam der Umstand, dass Chinesen und Japaner persönliche Beziehungen pflegten und die geistig – politische Entwicklung angehender Anarchisten begünstigen konnten.

Der französische Einfluss dagegen war weniger direkt: In Frankreich aktive chinesische Anarchisten schleusten Propaganda nach China und probierten neue Bildungs – und Erziehungsprogramme aus – was sie in Europa, anders als China, ungestört machen konnten.[14]

Vor allem wurden in dieser Zeit die Theorien Peter Kropotkins (1842 – 1921) rezipiert. Er war einer der bedeutendsten anarchistischen Theoretiker des 19. und 20. Jahrhunderts und hatte laut Gotelind Müller den größten Einfluss auf den chinesischen (und japanischen) Anarchismus[15]. Es folgt eine Darstellung seiner Interpretation des Anarchismus.

2.1 Begriffsklärung Anarchismus

Folgend ein Ausschnitt aus Kropotkins Definition des Anarchismus in der Encyclopedia Britannica von 1910:

Anarchismus (von Griechisch an und archos, Gegenteil von Herrschaft): Bezeichnung eines Prinzips oder einer Theorie des Lebens und Verhaltens, dem zufolge die Gesellschaft ohne Regierung gedacht wird. Harmonie wird in solch einer Gesellschaft nicht durch Unterwerfung unter das Gesetz oder durch Gehorsam vor irgendeiner Autorität erreicht, sondern durch freie Vereinbarungen, die zwischen verschiedenen Gruppen getroffen werden.[16]

Kropotkin war für somit für die Dezentralisation und eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Insbesondere lehnte er jegliche Autorität, insbesondere den Staat, die Kirche und Parlamentarismus ab.[17] Revolutionen seien stets gescheitert, da das Volk jedesmal ihre Macht an die revolutionären Regierungen abgegeben hatte. Das Volk dürfe jedoch nie seine Macht verlieren.[18]

Kropotkin war vor allem Verfechter des Anarcho–Kommunismus, auf den im Folgenden eingegangen wird.

2.2 Befürwortung des Anarcho-Kommunismus

Der Anarcho–Kommunismus sagt im Prinzip aus, dass das Privateigentum abgeschafft werden und die Güter neu verteilt werden sollten. Denn die Produktionsmittel, wie Fabriken und Maschinen, die Arbeitskraft und Fachwissen, würden allen Menschen gehören.[19]

Daher solle jede Form von Privateigentum, auch das eines Kollektivs, durch ein „Alles gehört allen“ ersetzt werden, ohne Unterscheidung zwischen Mann und Frau[20].

Letzteres ließ Kropotkin für die Ideen der Enteignung des Volkes und des Kollektivismus eintreten. Nach der Enteignung des Volkes würden sich freie Kommunen als neue Organisationsform (Kommunismus) bilden. Dabei dürfe man sich nicht wie bisher am Familienmodell orientieren und darauf achten, dass das Individuum nicht innerhalb der Kommune untergeht.

Was die zur Verfügung stehenden Ressourcen anging, so war sich Kropotkin sicher, dass die bestehende Gütermenge für die Bevölkerung ausreichen würde und es möglich wäre, aufgrund des Fortschritts in Wissenschaft und Technik mit weniger Aufwand immer mehr zu produzieren. Das Volk könne die Güter völlig eigenständig verteilen, somit würde Ausbeutung der Vergangenheit angehören. Kein Staat oder ein anderes autoritäres Organ würde diese Entwicklungen steuern oder überwachen. Der Anarcho– Kommunismus stand damit konträr zum autoritären Kommunismus im Sinne von Marx. (75) Kropotkin glaubte faktisch, dass ein Kommunismus ohne Anarchismus nicht möglich wäre.[21]

[...]


[1] Dirlik, A. (1993). Anarchism in the Chinese Revolution. Berkeley: University of California Press, S. 1.

[2] Ebd.: S. 2.

[3] Anarchopedia (2008). "Anarchismus in China“. Abgerufen am 20. 03. 2009 von http://deu.anarchopedia.org/Anarchismus_in_China.

[4] Dirlik (1993): S. 3.

[5] Ebd.: S 3.

[6] Ebd.: S 3.

[7] Krebs, E. S. (1998). Shifu, Soul of Chinese Anarchism. Lanham: Rowman & Littlefield Publishers, Inc, S. 158.

[8] Dirlik (1993): S. 2.

[9] Müller, G. (2001). Freiburger Fernöstliche Forschungen. Band 5: China, Kropotkin und der Anarchismus. Eine Kulturbewegung im China des frühen 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss des Westens und japanischer Vorbilder. Wiesbaden: Harrassowitz, S. 10.

[10] Ebd.: S. 10.

[11] Dirlik (1993): S. 1.

[12] Müller (2001): 281.

[13] Als Umschrift des Chinesischen wird der Standard Pinyin verwendet.

[14] Müller (2001): S. 60.

[15] Ebd.: S. 9.

[16] Kropotkin, P. (1910). „Anarchismus“. (Übers. von C. Siefkes), Orig. in Encyclopedia Brittanica 1910. Abgerufen am 24. 03. 2009 von http://www.marx.org/deutsch/referenz/kropotkin/1910/xx/anarchismus.htm.

[17] Müller (2001): S. 62.

[18] Ebd.: S. 79.

[19] Krebs (1998): S. 21.

[20] Ebd.: S. 131.

[21] Müller (2001): S. 74-85.

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640519873
ISBN (Buch)
9783640521777
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v143023
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Ostasienwissenschaften
Note
1.0
Schlagworte
Anarchismus China Republikzeit Liu Shifu Kropotkin Bakunin Esperanto Anarchie Kommunismus Herzgesellschaft

Autor

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