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Mutter-Kind-Bindung und ihr Einfluss auf die partnerschaftlichen Beziehungen im Erwachsenenalter

Seminararbeit 2007 19 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen der Bindungstheorie
2.1 Bindung und Bindungsverhalten
2.2 Entwicklungsphasen der Bindung

3 Frühe Bindung des Kleinkindes
3.1 Internale Arbeitsmodelle
3.2 Bindungsqualitäten
3.3 Feinfühligkeit der Mutter

4 Bindung und Partnerschaft im Erwachsenenalter
4.1 Bindungsrepräsentation im Erwachsenenalter
4.2 Bindung in Partnerschaften

5 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Bindungen gehören zur Natur des Menschen. Vom ersten Tag seines Lebens an ist das Verhalten eines Neugeborenen auf die Bindung zu einer erwachsenen Person ausgerichtet. Für seine Entwicklung ist die Bindung lebenswichtig, denn sie gibt dem Kind die Sicherheit, auf die es bei der Erkundung der Welt angewiesen ist. Eine sichere Bindung kann nur durch Nähe, Zuneigung und Zuverlässigkeit, die seine Bindungsperson ihm gibt, wachsen. Bindungsgefühle und Bindungsverhalten sind eng mit der gesamten Entwicklung verbunden. Sie haben einen direkten Einfluss auf die Entwicklung der sozialen Fähigkeiten, die unter anderem für eine gesunde partnerschaftliche Beziehung wichtig sind.

Das Ziel meiner Arbeit ist einen Überblick über die aktuellen Erkenntnisse der Bindungsforschung zu geben und die Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung für die Entwicklung einer glücklichen Partnerschaft zu erläutern, denn die Erkenntnisse der Bindungsforschung haben gezeigt, dass partnerschaftliches Glück und Beständigkeit von einer sicheren Bindung im Kindesalter abhängig sind, da sie auf der Basis von Elterbeziehungen entstehen. Dazu muss die Frage geklärt werden, wie Bindungen organisiert sind und warum sie uns so sehr in unserem Fühlen, Denken und Tun beeinflussen.

Diese Arbeit gliedert sich neben dieser Einleitung in vier weitere Kapitel. Im zweiten Teil wird zunächst auf die theoretischen Grundlagen der Bindungstheorie eingegangen. Besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Beschreibung der allgemeinen Phasen der Bindungsentwicklung. Im weiteren Abschnitt wird die frühe Bindung des Kleinkindes beschrieben, dabei wird besonders auf die Bedeutung der internalen Arbeitsmodelle und der Feinfühligkeit der Mutter bei der Entwicklung des Kindes eingegangen. Im nächsten Abschnitt stelle ich zunächst die Entwicklung der Bindungsrepräsentationen im Erwachsenenalter dar. Im letzten Abschnitt wird die Bindung Erwachsener in partnerschaftlichen Liebesbeziehungen diskutiert. Die Arbeit wird durch einen Schlussteil abgeschlossen.

Die Klärung dieser Fragen soll dazu beiragen die Bedeutung der kindlichen Entwicklung für spätere psychische Gesundheit besser zu erfassen und zu verstehen und gegen die Nachlässigkeit im sozialen Miteinander und für einen rücksichtsvollen, verantwortungsbewussten und behutsamen Umgang mit Kindern zu werben, damit aus ihnen gesunde, ausgeglichene und selbstsichere Menschen heranwachsen.

2 Grundlagen der Bindungstheorie

Bindungstheorie ist ein umfassendes Konzept für die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen als Folge seiner frühkindlichen Erfahrungen, in dem klinisch- psychoanalytisches Wissen mit dem evolutionsbiologischen Denken verbunden wird. Bindungstheorie befasst sich mit der emotionalen Entwicklung des Menschen, mit seinen lebensnotwendigen soziokulturellen Erfahrungen und vor allem mit den emotionalen Folgen, die sich aus den Bindungserfahrungen ergeben können. Sie erklärt also, warum negative Gefühle wie Angst, Wut, Hass, später auch Depressionen durch unfreiwillige Trennung und Verlust von Bindungsperson verursacht werden können. Bindungstheorie wurde vom englischen Psychoanalytiker John Bowlby formuliert, sie entstand aus seiner klinischen Arbeit mit kriminell auffälligen Kindern, die Bowlby als Kinderpsychiater behandelte.

Im Folgenden werden die wesentlichen Merkmale der Bindungstheorie beschrieben.

2.1 Bindung und Bindungsverhalten

Evolutionsbiologisch wird das Streben nach emotionalen Bindungen als ein spezifisch menschliches Grundelement gesehen, das schon beim Neugeborenen angelegt ist und bis ins hohe Alter vorhanden bleibt. Bindung wird dabei als eine besondere Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern oder Personen, die es ständig betreuen, verstanden. Sie ist ein imaginäres Band zwischen zwei Personen, das in Emotionen verankert ist und das Individuum mit der anderen Person über Raum und Zeit hinweg verbindet. Eine schwache Person bindet sich an eine andere Person, die ein häufiger Interaktionspartner ist und von der erwartet wird, dass sie Schutz und Fürsorge geben kann (vgl. Grossmann/Grossmann 2006, S 29f.).

Eine Bindung besteht noch nicht bei der Geburt, sondern entwickelt sich im Laufe des 1. Lebensjahres. Sie entsteht aus den Verhaltensweisen eines Säuglings die Nähe und den Kontakt zu einem Erwachsenen herzustellen und zu erhalten. Diese Verhaltensweisen gewährleisten, dass der Säugling von Anfang an durch seine Bewegungen, sein Schreien, seine Mimik, sogar durch seine Hautfarbe signalisieren kann, was er braucht. Die Bindungsperson, in den meisten Fällen ist es die Mutter, erkennt diese Zeichen und sorgt dafür, dass die Bedürfnisse des Kindes befriedigt werden. Durch ihr führsorgliches Verhalten wird die Mutter zur Bindungsperson.

Bindungsverhaltensweisen behalten ihre Aufgabe ein Leben lang. Durch sie wird der Säugling genetisch auf seine Umwelt vorbereitet. Sie werden jedoch nur unter Belastung gezeigt. Je mehr das Kind die Nähe seiner Bindungsperson braucht, wenn es zum Beispiel krank, erschöpft oder hungrig ist, oder wenn eine Trennung droht, desto stärker werden die Bindungsverhaltensweisen gezeigt. Ansonsten gibt es keinen Grund Bindungsverhalten zu zeigen, die Bindung besteht jedoch trotzdem kontinuierlich über Raum und Zeit hinweg.

2.2 Entwicklungsphasen der Bindung

Nach Bowlby durchläuft die Bindungsentwicklung vier Phasen. Die Übergänge zwischen den Phasen sind fließend, es gibt keine Abgrenzungen und der Beginn und die Dauer der einzelnen Phase sind vom Kind zu Kind unterschiedlich. In der ersten Phase, der Phase der unspezifischen sozialen Reaktionen, die von der Geburt bis zum Alter von 2 bis 3 Monaten andauert, reagieren Säuglinge bevorzugt auf soziale Reize. Sozialen Reaktionsweisen des Säuglings wie Anschauen, Schreien, Festsaugen und Umklammern erfolgen noch unspezifisch, ohne Unterscheidung von bevorzugten Personen. In dieser Phase ist nach Bowlby eindeutig noch keine Bindung vorhanden. Jedoch werden diese Bindungsverhaltensweisen von der Mutter als an sie gerichtet interpretiert. Sie erhöhen damit die Wahrscheinlichkeit die Nähe zu einer anderen Person herzustellen. Bereits in dieser Phase werden von den Säuglingen Erwartungen aufgebaut, wie sich Menschen in ihrer Umwelt verhalten, wer diese Menschen sind und was sie tun sollten. Damit ist der Übergang zur Phase zwei vollzogen (vgl. Bovenschen 2006, S. 13).

Die zweite Phase, die Phase der unterschiedlichen sozialen Reaktionsbereitschaft oder auch zielorientierte Phase genannt, beginnt im Alter von 2 bis 3 Monaten und dauert etwa bis zum Alter von 6 bis 9 Monaten an. In dieser Phase reagiert der Säugling deutlich besser und schneller auf die Äußerungen und Verhaltensweisen der Mutter, seine Signale werden bevorzugt an die Mutter gerichtet. In dieser Phase weiß das Kind bereits, wer seine Bindungspersonen sind und wie sie sich verhalten. Der Säugling übernimmt mehr Kontrolle über das eigene Verhalten durch verbesserte sensomotorische Fähigkeiten. Er greift gezielt nach der Mutter und sucht Blickkontakt mit der Bindungsperson, vokalisiert oder zeigt motorische Aktivitäten. Bereits mit 2 bis 4 Monaten entwickeln Säuglinge durch Interaktionserfahrungen mit der Bindungsperson Erwartungen darüber wie Interaktionen strukturell aufgebaut sind. Wenn Interaktionsmuster, die sie in Sequenzen abgespeichert haben, ihren Erwartungen entsprechen, reagieren Säuglinge besonders positiv darauf (vgl. Grossmann, S. 73).

Die dritte Phase wird als Phase des aktiven und initiierten zielkorrigierten Bindungsverhaltens bezeichnet. In dieser Phase, die vom 6. bis zum 9. Monat beginnt, festigt sich die Bindung zwischen dem Kind und seinen wichtigsten Bindungspersonen. Durch selbständige Fortbewegung, das gezielte Greifen und eine geistige Vorstellung von seiner Mutter als Quelle von Schutz, Tost und Wohlbefinden kann der Säugling jetzt aktiver als vorher die Nähe zur Bindungsperson bestimmen. Er kann die Mutter verfolgen, wenn sie fortgeht, sie rufen oder suchen und durch Mimik und Grußlaute seine Freude zeigen, wenn die Mutter zurückkehrt. Das Kind versucht auf der Basis der bisherigen Erfahrungen vorherzusagen, wie die Bindungsperson handeln wird, um seine eigenen Handlungen dementsprechend anzupassen. In der Nähe der Mutter fühlt sich das Kind wohl und kann von ihr aus seine Umgebung sicher explorieren. Die Umgebung wirkt nicht mehr so beängstigend, weil die Mutter eine Sicherheitsbasis darstellt, wohin das Kind jederzeit flüchten kann, wenn es Angst hat oder verunsichert ist.

Wenn die Mutter fortgeht, protestiert das Kind, es sucht die Mutter, vermisst sie, wenn sie nicht zurückkommt, und freut sich bei ihrer Rückkehr. Orientierung des Kindes an der Mutter als einer Sicherheitsbasis, Trennungsleid, Suche und Freude sind Zeichen für eine Bindung. Werden diese Verhaltensweisen nicht gezeigt, muss man davon ausgehen, dass keine Bindung zwischen dem Kind und der Mutter besteht. Wenn ein Kind müde, krank, bedroht oder verletzt ist und kein Bindungsverhalten zeigt und bei seiner Bindungsperson Schutz sucht, dann kann es sein, dass das Kind zu oft leidvoll erfahren musste, dass die Bindungsperson es nicht beruhigen wird, dass sie ihre Schutzfunktion zu selten oder gar nicht ausübt.

In dieser Phase ist die Mutter zum Zentrum der Welt des Kindes geworden. Jedoch haben die Kinder in dieser Phase noch keine Vorstellungen über die Bedürfnisse, Ziele und Wahrnehmungen der Bindungsperson, diese Fähigkeiten werden erst in Phase 4 entwickelt (vgl. ebd., S. 73ff.).

In Phase 4, der Phase der zielkorrigierten Partnerschaft, die ab dem 3. Lebensjahr beginnt, wenn das Kind sprechen und die Absichten der Mutter verstehen kann, lernt das Kid, dass die Bindungsperson eigene Ziele, Motive und Gefühle hat, die sich von denen des Kindes unterscheiden können. Diese Fähigkeit ist die Grundlage für die zielkorrigierte Partnerschaft, sie entwickelt sich im Vorschulalter und führt dazu, dass das Kind die Absichten und Ziele der Bindungsperson in sein Denken und Planen integriert. Im Vorschulalter beginnen die Kinder zu verstehen, was die momentanen Ziele der Mutter sind und worin mögliche Interessenkonflikte zwischen den Wünschen des Kindes und der Mutter bestehen können. Durch die Kommunikation versuchen sie Absichten der Bindungsperson zu beeinflussen.

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Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640540846
ISBN (Buch)
9783640540587
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v142851
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Schlagworte
Mutter-Kind-Bindung Einfluss Beziehungen Erwachsenenalter

Autor

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Titel: Mutter-Kind-Bindung und ihr Einfluss auf die partnerschaftlichen Beziehungen im Erwachsenenalter