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Musikalischer Einsatz der Stimme in der Musiktherapie bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen

Diplomarbeit 2009 139 Seiten

Pädagogik - Kunstpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Einleitung

1. Verschiedene Aspekte des Singens und Sprechens
1.1 Bedeutung der Sprache im Leben eines Menschen
1.2 Zur Differenz von Sprechen und Singen
1.3 Begriffsklärung: Definitionen von Sprache, Sprechen, Singen und Sprechgesang
1.4 Phylogenese des Sprechens und Singens
1.4.1 Phylogenese des Sprechens
1.4.2 Phylogenese des Singens
1.4.3 Vergleich der Phylogenese des Sprechens und des Singens
1.5 Ontogenese des Sprechens und Singens
1.5.1 Entwicklung des stimmlichen Ausdrucks – Frühkindliche Vokalisationen
1.5.2 Exkurs zu kindgerichteter Sprache
1.5.3 Entwicklung der Sprache
1.5.4 Vergleich von Phylo- und Ontogenese der Sprachentwicklung
1.5.5 Stimmlich-musikalische Entwicklung
1.5.5.1 Die Kuckucks-Terz als das melodische ‚Urmaterial’
1.5.5.2 Psychoanalytische Sichtweise der Entwicklung des Singens
1.5.6 Singen – damals und heute
1.6 Neurologische Vorgänge beim Sprechen und Singen
1.7 Physiologie des Hörens, Sprechens und Singens
1.8 Schlussfolgerungen der vorangegangenen Kapitel

2. Pathologie - Sprachentwicklungsstörungen
2.1 Begriffsklärung – Definitionen
2.2 Ätiologie
2.2.1 Psychische Faktoren bei Sprachentwicklungsstörungen
2.3 Symptomatik
2.4 Sekundärsymptomatik und Folgen einer Sprachentwicklungsstörung
2.5 Therapie – Zeitpunkt
2.6 Therapie-Ziele und mögliche Aufgaben der Musiktherapie
2.7 Singen - ja, Sprechen - nein

3. Wissenschaftliche Arbeiten und Forschungen zum Einfluss des Singens auf die Sprachentwicklung
3.1 Forschungen allgemein
3.1.1 Aktiv
3.1.2 Rezeptiv
3.2 Neuronale Ebene
3.2.1 Aktiv
3.2.2 Rezeptiv
3.3 Physiologische Ebene
3.4 Endokrinologische Ebene
3.5 Psychologische Ebene
3.6 Die Wirkung vom Singen auf Sekundärsymptomatik
3.7 Schlussfolgerungen der vorangegangenen Kapitel

4. Musiktherapie bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen
4.1 Musikalischer Einsatz der Stimme in der Sprachtherapie
4.2 Musiktherapeutische Elemente in der Sprachtherapie
4.2.1 Das Lied – Verbindung von Sprache und Musik
4.3 Sprachentwicklungsstörungen und die Rolle des musikalischen Einsatzes der Stimme
4.3.1 Indikationen und Interventionen
4.3.2 Stimme in der Musiktherapie
4.3.3 Pilotstudie – Musiktherapie bei Kindern mit Sprachentwicklungsverzögerung
4.3.3.1 Falldarstellung – Tom
4.3.3.2 Falldarstellung – Lisa
4.3.3.3 Ergebnisse der beiden Falldarstellungen
4.3.3.4 Kein ‚in Musik verpacktes Sprachtraining’
4.3.4 Studie mit entwicklungsverzögerten Kindern
4.3.5 "Durch Musik zur Sprache" – ein Projekt
4.4 Musiktherapeutische Methoden bei Kindern mit unspezifischen Sprachentwicklungsstörungen
4.4.1 Quint-Grundtonspannung - eine Methode von Albertine Wesecky
4.4.1.1 Parallelen zu aktuellen Forschungen
4.4.1.2 ‚Lücken-Lieder’ nicht für alle Kinder geeignet
4.4.2 Musiktherapie als Weg zum Spracherwerb – Karin Schumacher
4.4.2.1 Einschätzung der Beziehungsqualität („EBQ“) anhand des stimmlich-vorsprachlichen Ausdrucks
4.4.2.2 VBQ Merkmalliste zur Einschätzung der Beziehungsqualität des stimmlich-vorsprachlichen Ausdrucks
4.5 Beispiele aus Literatur zur Wirkung der Musiktherapie auf die Sprachentwicklung bei unspezifischen Sprachentwicklungsstörungen
4.5.1 Musiktherapie für hörgeschädigte Kinder (Sprachentwicklungsstörung bei Hörstörung)
4.5.2 Musiktherapie bei Blindheit (Sprachentwicklungsstörung bei anderen Sinnesbehinderungen)
4.5.3 Musiktherapie bei Rett-Syndrom (Sprachentwicklungsstörungen in Vergesellschaftung mit Syndromen)
4.5.4 Musiktherapie bei Mutismus (Sprachentwicklungsstörungen bei Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend)
4.6 Zusammenfassung – musiktherapeutische Wirkungsbereiche und Methoden bezüglich Sprachentwicklungsförderung in der Literatur

5. Fragebogen für Musiktherapeuten
5.1 Ergebnisse der Untersuchung
5.2 Zusammenhangshypothesen und Analysen
5.3 Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Danksagung

An dieser Stelle will ich mich sehr herzlich bei all jenen Menschen bedanken, die mir bei der Verwirklichung dieser Diplomarbeit geholfen haben:

Besonderer Dank gilt meinem Ehemann David Siener, der mir während des gesamten Studiums und beim Verfassen der Diplomarbeit eine große Hilfe war.

Bei Dr. Elena Fitzthum will ich mich für ihre wertvollen Anregungen bei der Betreuung dieser Diplomarbeit bedanken.

Einen weiteren Dank spreche ich meinen Studienkollegen Roland Brandtner, Luzia Ehrne und Christiane Seidel sowie meiner Schwester Daiga Linde aus, die mir oft mit Ratschlägen zur Seite standen.

Allen meinen Studienkollegen danke ich für die vier gemeinsamen wunderschönen Studien-Jahre und schließlich danke ich auch meiner Mutter und meinen Schwiegereltern, die mich während des gesamten Studiums unterstützt haben.

Wien, im Oktober 2009

Einleitung

Die Motivation, mich in meiner Diplomarbeit intensiv mit dem Thema Sprachentwicklungsstörungen zu befassen, resultierte aus der persönlichen Erfahrung, in den sprachlichen Kommunikationsmöglichkeiten stark eingeschränkt zu sein. Als ich vor ein paar Jahren meine Heimat Lettland verlassen habe und in kürzester Zeit eine neue Sprache erlernen musste, wurde mir klar, was für eine wichtige Rolle die Sprache und das Sich-durch-die-Sprache-mitteilen-Können im Leben eines Menschen einnimmt. Durch die Erfahrung, dass es nicht mehr eine Selbstverständlichkeit war, mich sprachlich verständigen zu können, wuchs mein Interesse, Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen in der Musiktherapie zu fördern.

Sprachentwicklungsstörungen zählen zu den häufigsten Entwicklungsstörungen im Kindesalter, können weitreichende Folgen haben und die Lebensqualität des Menschen beeinflussen. Die Arbeit mit Menschen, mit denen sprachliche Kommunikation erschwert oder unmöglich ist, gehört zum klassischen musiktherapeutischen Indikationsspektrum. Im Indikationskatalog[1] für Musiktherapie nach I. Frohne-Hagemann und H. Pleß-Adamczyk werden Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache (F80) als ein Schwerpunkt der Kinder- und Jugendlichenmusiktherapie angegeben. Zur Wirksamkeit der Musiktherapie bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen gibt es nur eine Pilotstudie[2], dessen vollständige Ergebnisse noch nicht veröffentlicht sind. In der Literatur wird Sprachentwicklungsförderung in der Musiktherapie nicht oft thematisiert und Hinweise auf methodische Vorgehensweisen sind auch wenige zu finden. Eine Erklärung dafür könnte die Tatsache sein, dass Kinder nicht zur Sprachförderung wegen der zugrunde liegenden Sprachentwicklungsstörung zur Musiktherapie überwiesen werden, da dies in den Bereich der Logopädie fällt. Musiktherapie dient vielmehr als Ergänzung zu übenden Verfahren für die Behandlung der Sekundärproblematik. Nach ICD-10 führen die umschriebenen Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache oft zu Sekundärfolgen[3], die beispielsweise als Auffälligkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen, im emotionalen Bereich sowie in sonstigen Verhaltensstörungen sichtbar werden.

Im Praktikum mit Kindern im Rahmen des Musiktherapie-Studiums beobachtete ich aber einen positiven Einfluss der Musiktherapie direkt auf die Sprachentwicklung und nicht nur auf die Sekundärproblematik. Als Kinderbetreuerin stellte ich zudem fest, dass besonders das Singen sprachfördernd wirkt. So wurde es zum Ziel meiner Arbeit herauszufinden, ob und wie Musiktherapie die Sprachentwicklung fördert und welche Rolle dabei der musikalische Einsatz der Stimme spielt.

Unter dem Begriff ‚musikalischer Einsatz der Stimme’ ist in diesem Fall das Singen im weitesten Sinne zu verstehen: das Singen von Liedern, von Vokalen, spontanes Singen, Sprechgesang, Geräusche und Quatsch-Machen mit der Stimme, Vokalisationen usw.

Diese Übersichtsarbeit wird durch Literatur im deutschen Sprachraum eingegrenzt, und besonders im Bereich der Forschungen wurde der neueste Stand berücksichtigt.

Kapitel 1 beinhaltet Grundlagen, in denen das Singen und das Sprechen unter verschiedenen Aspekten beleuchtet werden. Folgende Fragen werden beantwortet: Wie sieht die phylogenetische und ontogenetische Entwicklung des Singens und des Sprechens aus, und welche Zusammenhänge zwischen beiden sind feststellbar? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede haben das Sprechen und das Singen auf neuronaler und physiologischer Ebene?

Das Kapitel 2 beschäftigt sich mit der Pathologie der Sprachentwicklung. Die Definitionen, Ätiologie, Symptomatik und Therapie bei der Sprachentwicklungsstörung sowie mögliche Aufgabestellungen für Musiktherapie werden beschrieben. Zum Schluss wird auf die Frage geantwortet, ob Singen bei fehlender Sprache möglich ist.

In Kapitel 3 werden wissenschaftliche Arbeiten und Forschungen über den Einfluss des Singens auf die Sprachentwicklung zusammengetragen. Es wird nach Antworten gesucht, wie und weshalb sich das Singen positiv auf die Sprachentwicklung auswirkt. Die Forschungen werden nach verschiedenen Ebenen systematisiert - neuronal, physiologisch, endokrinologisch und psychologisch. Es wird unterschieden zwischen aktivem und rezeptivem Gesang.

Kapitel 4 ist der Musiktherapie bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen und der Rolle des musikalischen Einsatzes der Stimme gewidmet. Folgenden Forschungsfragen wird nachgegangen: Wie setzen Musiktherapeuten ihre Stimme musikalisch bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen ein und welche methodische Ansätze gibt es dazu? Welche konkreten Bereiche der Sprachentwicklung werden durch Musiktherapie positiv beeinflusst? Am Ende des Kapitels werden die bereits beschriebenen Wirkungsbereiche und Methoden hinsichtlich des musikalischen Einsatzes der Stimme in der Literatur zusammengefasst.

Kapitel 5 ist der empirische Teil, in dem durch das Aussenden von Fragebögen an bereits praktizierende Musiktherapeuten meine wissenschaftlich-theoretische Auseinandersetzung im Bereich des musikalischen Einsatzes der Stimme in der Musiktherapie bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen mit den Erfahrungswerten aus der Praxis abgeglichen und ergänzt wird. Die Ergebnisse der Befragung werden vorgestellt und anschließend interpretiert.

Den Abschluss meiner Diplomarbeit bildet das Fazit, in dem die wichtigsten Ergebnisse präsentiert werden und ein Ausblick geboten wird.

Um eine bessere Lesbarkeit zu erreichen, wird in der vorliegenden Arbeit grammatikalisch das Maskulinum verwendet, gemeint sind aber – sofern nicht explizit angegeben – in allen Fällen immer beide Geschlechter.

1. Verschiedene Aspekte des Singens und Sprechens

1.1 Bedeutung der Sprache im Leben eines Menschen

„Die Grenzen meiner Sprache sind

Grenzen meiner Welt.“[4]

(Ludwig Wittgenstein)

Sprache ist das Werkzeug, das uns ermöglicht, sich mit Gegenständen und Ereignissen zu beschäftigen (intrapsychisch oder interpersonal), die nicht hier und jetzt stattfinden bzw. vorhanden sind (Vergangenheit, Zukunft).[5] Intrapsychisch umfasst Denken, Analysieren, Verallgemeinern, Schlussfolgerungen Ziehen, Entscheidungen Treffen und andere geistige Prozesse. Interpersonal meint die Kommunikation zwischen zwei oder mehreren Personen. Sprache ist die wichtigste Schlüsselkompetenz für die Sozialisation des Menschen, sie bedeutet Austausch und Teilhabe. Der Mensch kann mit Hilfe der Sprache neben Wissensinhalten auch seine Gefühle, Einstellungen und Werthaltungen mitteilen.

Man kann also sagen, dass die Sprache zwei Zwecke hat: Zum einen Repräsentationsfunktion – Wissen über die Welt zum Ausdruck zu bringen – und zum anderen Kommunikationsfunktion – dieses Wissen auch anderen Menschen mitzuteilen.[6]

Der Erwerb der Sprache ist nicht nur ein wichtiger Schritt in Richtung Separation und Individuation, sondern ist auch für das Erleben des Vereinigungserlebnisses und der Verbundenheit von Bedeutung.[7] Daniel Stern schreibt:

„Der Spracherwerb kann Zusammengehörigkeit und Nähe ungemein stärken. Tatsächlich stellt jedes neu erlernte Wort ein Nebenprodukt der Vereinigung zweier Subjektivitäten in einem gemeinsamen Symbolsystem dar, eine Erschaffung gemeinsamer Bedeutung. Mit jedem Wort stärken die Kinder ihre innere Gemeinsamkeit mit der Mutter und später mit den anderen Mitgliedern der Sprachgemeinschaft, wenn sie entdecken, dass ihr persönliches Erfahrungswissen Teil eines größeren Wissenszusammenhangs ist und sie durch eine gemeinsame kulturelle Basis mit anderen Menschen verbunden sind.“[8]

Die Komplexität des Sprachsystems bietet allerdings auch eine große Vielfalt an Störungsmöglichkeiten: Sprachentwicklungsstörungen zählen somit zu den häufigsten Entwicklungsstörungen im Kindesalter und können weitreichende Folgen haben und die Lebensqualität des Menschen beeinflussen.

1.2 Zur Differenz von Sprechen und Singen

Bevor detailliert das Sprechen und Singen auf verschiedenen Ebenen beschrieben wird, werden einige allgemeine Zusammenhänge zwischen beiden Lautäußerungen dargestellt.

Nur Menschen können ihre Stimme in einer doppelten Funktion einsetzen – als Laute für Gedanken und Töne für Melodien. Die Grenze zwischen Sprechen und Singen ist nicht leicht zu ziehen, sie ist fließend. Gesprochene Sprache hat immer einen musikalischen Anteil und Gesang ist in seiner elementaren Form mit einem sprachlichen Text verknüpft.

Die Gemeinsamkeiten, die das Singen und Sprechen haben, zeigen sich in ihrem akustischen Material: Beide Lautproduktionen verfügen über Zeitstruktur (Rhythmus und Sprachrhythmus), Tonhöhen (Melodie und Prosodie) und Aussageeinheiten (Phrasen, Strophen und Sätze). Singen und Sprechen haben gemeinsam, dass sie die orale-aurale[9] Schleife mit Einbeziehung des Vokaltraktes und des Hörsystems benötigen. In beiden Fällen setzt der Mensch seinen Vokaltrakt absichtlich ein, um Laut- oder Tonfolgen zu produzieren.[10]

Die Sprache enthält in erster Linie Botschaften, die über den Verstand ausgewertet werden. Die Singstimme enthält ebenfalls Botschaften, die jedoch nicht unbedingt über den Verstand laufen - sie sprechen in erster Linie Emotionen und Gefühle an. Wäre es so vorgesehen, dass wir unsere Stimmorgane nur zum Sprechen benutzen sollten, dann wären sie sehr viel einfacher ausgebildet, denn zum Sprechen benötigen wir nur einen kleinen Teil der Stimmorgane.[11]

Die Grenzen zwischen Sprechen und Singen sind folgende:

„Typisches Sprechen ist Einzelaktivität. Ihr Rhythmus ist frei, die Tonhöhenübergänge beim Sprechen sind fließend, und die sprachliche Form folgt dem gedanklichen Inhalt. Typisches Singen ist eine Gruppenaktivität. Ihr Rhythmus ist festgelegt, die Tonhöhenabstände sind fixiert, und die Form (Gesangsmelodie) hat Vorrang gegenüber dem Inhalt (Text).“[12]

Es gibt Zwischenformen, bei denen sich die Grenze zwischen Sprechen und Singen verschiebt : „ Bei der Rezitation eines Gedichtes ist der Rhythmus gebunden, und bei einem Rapgesang werden die Tonhöhenabstände so gering wie möglich gehalten.“[13]

1.3 Begriffsklärung: Definitionen von Sprache, Sprechen, Singen und Sprechgesang

Eine Definition von Sprechen – den expressiven Teil der Sprache - liefert Bühler:

„Das Sprechen ist – physikalisch betrachtet – ein Vorgang der Modulation der ausströmenden Atemluft. Es ist - psychologisch-neurologisch gesehen – ein hochkomplexer Prozess der Lauterzeugung. Es ist – in linguistischer Hinsicht – ein Prozess der Phonemerzeugung und überhaupt die „Verwirklichung“ einer Einzelsprache im Individuum“.[14]

Eine weit gefasste Definition zur Sprache von Holste:

„Sprache ist prinzipiell jedes Zeichensystem, das Realität in besonderer (semiotischer) Weise widerzuspiegeln vermag; ein Zeichensystem ist ein gesellschaftlich-historisch entwickeltes System von Symbolen, der Zeichenträger ist von sekundärer Bedeutung, sein wesentliches Kriterium ist die optimale Modulationsmöglichkeit“[15]

Die Sprache der Menschen ist durch einige Charakteristika gekennzeichnet, die sie entscheidend von den Kommunikationssystemen anderer Tiere, vom Schreien der menschlichen Babys und vom Emotionsausdruck (Gesichtsausdruck, Gestik) unterscheiden. Diese Merkmale werden von Gisela Szagun wie folgt zusammengefasst:

- „Sprache ist ein Symbolsystem, das willkürliche Symbole benutzt;
- Sprache ist kontextfrei;
- Sprache wird kulturell vermittelt;
- Sprache ist ein kombinatorisches System in dem Sinne, dass sich Symbole regelhaft immer neu miteinander kombinieren lassen.“[16]

Der übergeordnete Rahmen, in dem Sprache steht, ist der Dialog. Sprache ist ein spezifisches Werkzeug des Dialogs. Die Wurzeln des Dialogs liegen in der frühkindlichen Entwicklung.[17] Spitz definiert ihn folgendermaßen:

„Der Dialog ist der sequenziell ablaufende Zyklus von Aktion – Reaktion – Aktion innerhalb der Mutter-Kind-Beziehung… Dieser Zyklus ist es, der das Kleinkind befähigt, Schritt für Schritt bedeutungslose Reize in Bedeutungserfüllte Signale umzuwandeln.“[18]

Um die verschiedenen Formen des stimmlichen Ausdrucks voneinander klar zu trennen, kläre ich die Begriffe anhand der Definitionen nach Stefanie Stadler-Elmer:[19]

Sprechen: „ Hier sind Silben kurz, und die Sprachmelodie hat einen geringen Tonhöhenumfang.“[20]

Sprechgesang:

Zwar ist auch hier der Tonhöhenumfang gering, aber die einzelnen Silben und vor allem deren Vokale sind im Vergleich zum Sprechen verlängert. Der wohl wichtigste Unterschied zum Sprechen ist das Vorkommen von Skandieren, d.h. das Betonen der metrischen Merkmale von Versen, z.B. der Hebungen und Senkungen.“[21]

Singen:

Ein einfaches Kriterium, Singen von Sprechen zu unterscheiden, ist folgendes: Wenn man im stimmlichen Ausdruck die Vokale verlängert, so entsteht der Eindruck von Singen. Dadurch tritt die Eigenschaft der Tonhöhe hervor, und sie kann zu einer Melodie gestaltet werden. Während also die Verlängerungen von Vokalen ein Merkmal von Sprechgesang und zugleich das einfachste Merkmal von Singen ist, meinen wir meistens mit der Bezeichnung Singen sehr viel mehr: Der Tonhöhenumfang ist größer als beim Sprechen und beim Sprechgesang. Der zeitliche Verlauf wird in einer regelmäßigen Form gestaltet, der sich durch die Silben und Melodie ergibt. Eine gesungene Melodie ist, einfach gesagt, ein Verlauf von Tonhöhenveränderungen, der in Verbindung mit einem Vokal oder klingenden Konsonanten erzeugt wird.“[22]

Lieder-Singen: „ Hier ist eine Melodie in deutlicher Weise mit sprachlichen Elementen (Silben, Worten, Text, Vers) verbunden.“[23]

Präkonventionelles Singen:

Bevor sich kindliches Singen erkennbar der einfachen Liedform nähert, existieren bereits Vor-Formen. (…) Dieses Singen ist aber nicht wirklich formlos, denn es erhält meist Teile, die aufgrund ihrer Ähnlichkeiten als Wiederholungen gelten können. Präkonventionell bedeutet, dass die Übereinkunft oder Regeln, wie man in unserer Kultur Lieder singt, vom Kind noch kaum berücksichtigt werden.“[24]

Spontanes Singen: „Singen ohne formellen Rahmen und ohne Aufforderung (…). Es kann sich auf das Reproduzieren von bestehenden Lieder beziehen wie auch auf das Erfinden von neuen Liedern oder auf eine Mischform.“[25]

Karl Adamek erklärt den Unterschied zwischen Singen und Gesang: Singen bewegt sich auf einer umgangssprachlichen Kommunikationsebene und unterscheidet sich damit vom Gesang. Diese zeichnet sich durch die Kriterien kunstspezifischer Interpretation und Hinwendung an ein Publikum aus.[26]

Da keine Definition von Vokalisationen auffindbar war, wird sie in Anlehnung an Sylka Uhlig[27] und Uwe Jürgens[28] so zusammengestellt: Vokalisationen sind emotionale Lautäußerungen die genetisch determiniert sind und nicht erlernt werden müssen. Seufzen, Weinen, Schreien, Stöhnen, Summen, Lachen und Klagen sind aussagekräftige Formen der Vokalisierung.

1.4 Phylogenese des Sprechens und Singens

1.4.1 Phylogenese des Sprechens

Es gibt zwei sich widersprechende Thesen über die Entstehung der Sprache. Die eine sagt: Sprache ist ein Geschenk, das dem Homo sapiens in den Schoß fiel – vor gerade einmal 50.000 bis höchstens 200.000 Jahren. Die andere sagt: Die Anfänge der Sprache liegen zehnmal so weit zurück, nämlich etwa zwei Millionen Jahre – in der Zeit, als aus aufrecht gehenden Menschenaffen die ersten frühen Urmenschen wurden. Die Beweislage hat sich in den letzten Jahren entscheidend verändert – zugunsten der letzteren These.[29]

Nach derzeitigem Wissensstand hatte der sprachliche Weg der Menschheit bei den ersten echten Urmenschen, den Homo ergaster, vor 1,8 Millionen Jahren bereits begonnen.[30] Es gibt mehrere Erklärungsansätze darüber, warum und wie die Sprache entstand.

In der Evolution gab es immer wieder soziale und neurologische Revolutionen, die einer Richtung folgten, nämlich mehr Flexibilität, mehr willkürliche Kontrolle und Planung.[31] Eine Erklärung über den Ursprung der Sprache von Ruth Berger:

„Die Kinder wurden lästig: unfähig, sich im spärlich werdenden Fell der Mütter selbst festzuhalten, unreifer und pflegebedürftiger. Viele glauben, zwischen den hilflosen Babys und ihren Müttern hätten sich in dieser für die Mutter-Kind-Beziehung schwierigen Zeit lautliche Bindungsrituale entwickelt, die den Ursprung der Sprache bildeten.“[32]

Uwe Jürgens vertritt folgende Meinung:

„Eine der Wurzeln, aus denen menschliche Sprache hervorgegangen ist, besteht in den nicht-verbalen stimmlichen Lautäußerungen nicht-menschlicher Primaten (Vokalisationen). Diese haben mit der gesprochenen Sprache gemeinsam, dass es sich um akustische Kommunikationssignale handelt, deren Produktion mit dem gleichen Stimmapparat erfolgt, wie er dem Sprechvorgang zugrunde liegt.“[33]

Diese Lautäußerungen sind in ihrer akustischen Struktur weitgehend genetisch determiniert im Unterschied zu Wörtern, die erlernte motorische Muster darstellen. Sie finden sich beim Menschen noch in Form von Lachen, Weinen, Jauchzen, Stöhnen und den die verbale Komponente modulierenden emotionalen Intonationen.[34]

Nach Jürgens Vermutungen hat sich die Entwicklung zu den modernen Sprachen über folgende Stufen vollzogen:[35]

1) Phase der lautlichen Abbildung: Bedingt durch eine teilweise Umorganisation zentralnervöser Verbindungen kommt es zu einer verbesserten Willkürkontrolle über die Sprechwerkzeuge, durch die vokale Imitationen innerhalb der vom Vokaltrakt vorgegebenen Grenzen möglich werden. „Die ersten willkürlich produzierten neuen Laute mögen Imitationen von Tierstimmen zum Anlocken von Jagdwild oder Imitationen von Umweltgeräuschen, um Gruppengenossen auf bestimmte Gegebenheiten hinzuweisen, gewesen sein.“[36]
2) Phase der lautlichen Standardisierung: Es kommt zu einer Anpassung der Lautäußerungen verschiedener Individuen einer Gruppe in dem Sinn, dass für einen konkreten Sachverhalt der gleiche Laut verwendet wird. Jede Lautäußerung drückt einen komplexen Sachverhalt aus und entspricht somit dem Einwortsatz-Stadium des Kleinkindes.
3) Phase der asyntaktischen Mehrwortsätze: Das Lexikon wird langsam erweitert und es setzt die Tendenz ein, zwei bis drei unterschiedliche Lautäußerungen aneinanderzureihen (nicht nach syntaktischen Regeln), um die Aussage zu spezifizieren.
4) Phase der syntaktischen Mehrwortsätze: Durch Einführung syntaktischer Regeln wird die Mehrdeutigkeit asyntaktischer Mehrwortsätze vermindert.
5) Phase der Phonematisierung: Die als „Wörter“ verwendeten ganzheitlichen Lautgestalten werden in standardisierte Untereinheiten (Phoneme) zergliedert, die es erlauben, aus einer relativ geringen Anzahl von Untereinheiten eine große Zahl von Wörtern zu bilden. Dementsprechend kommt es zu einer starken Zunahme des Wortschatzes.
6) Phase der Grammatisierung: Die Spezifität der Aussage wird erhöht durch Einführung grammatischer Regeln, was die sprechbegleitende Gestik weitgehend überflüssig macht. Es kommt zur Erweiterung der Aussagen über gegenwärtige Sachverhalte hinaus, wie Vergangenheit und Zukunft.

Friedhart Klix[37] vermutet, dass es die früheste Struktur einer Protosprache bei der zwischenmenschlichen Koordination von Aktivitäten während einer Großwildjagd gegeben haben muss. Die Großwildjagd erforderte Verständigung und keine andere Kundgabeform ermöglichte dieses Volumen an übertragbarer Information wie Lautbildung. Die Wurzeln einer späteren Hochsprache waren „(...) eine Art S-V-O-Sprache, bestehend aus Handlungsträger (als späterem Subjekt), aus einem semantischen Kern (dem späteren Verb) und einem Rezipienten oder (begrifflichen) Objekt als (grammatischem) Objekt. Wer macht was mit wem.“[38]

Interessant erscheint, dass die einfachsten Situations-Lieder in der Musiktherapie, in denen der Musiktherapeut die Tätigkeit des Kindes singend kommentiert, wie die ‚Ursprache’ aufgebaut werden: „Luise spielt Klavier“, „Leo spielt die Trommel“ usw.

Wir tragen in uns einen angeborenen Sprachinstinkt als Erbe mit:

„Es ist die Tatsache, dass wir emotional auf Sprache eingestellt sind. Angeborenerweise sind wir auf den Austausch unserer Gedanken und Empfindungen getrimmt, auf dialogische Riten, auf Gleichklang und wohl auch auf verbale Angeberei. Weil wir Menschen unbedingt kommunizieren wollen, gibt es überall dort Sprache, wo es Menschen gibt. Alles andere, was wir an ererbten Anpassungen in uns tragen, ist demgegenüber fast sekundär.“[39]

Man kann also mit einiger Überzeugung sagen, dass die Sprache am Anfang und nicht am Ende der menschlichen Evolution stand. Und damit hat das Sprechen eine enorme Bedeutung für unsere Entwicklung gewonnen. Der Mensch ist kontaktsüchtig und benötigt Bindung.[40]

Es folgen hier einige Vermutungen zum Klang der Sprache der frühesten Menschen. Dazu äußert sich Ruth Berger:

„Vielleicht beherrschten die frühesten Menschen noch nicht alle Feinheiten der Artikulation (…) sodass nur wenige, grobe artikulatorische Unterscheidungen möglich waren. Vielleicht interessierten sie sich am Anfang nicht einmal für Konsonanten. Möglich, dass ihre gelernten Laute und lautliche Rituale zunächst mehr mit Vokalen und Melodien arbeiteten (…).“[41]

Annete Cramer schreibt folgendes: „Die Sprache war zunächst eine singende, bei der der Vokal durch Dehnung zum Klang wurde.“[42] Hanus Papousek hat eine ähnliche Meinung: „Obwohl dies schwer zu beweisen ist, war vermutlich die Tonhöhe vokalähnlicher Laute früher als Kommunikationsmittel wirksam als Silben und rasche Lautsequenzen.“[43] Die Evolutionsspezialisten Charles Darwin und Urs Boeschensteil vertreten die Position, dass die menschliche Sprache aus dem Singen entstanden ist.[44]

1.4.2 Phylogenese des Singens

Welche Rolle hat die Musik - konkret das Singen - in der Evolution gehabt? Welche Vorteile und welcher evolutionäre Nutzen brachte die Musik? Jaak Panksepp vertritt die Meinung, dass die Musik ihren Ursprung in den Trennungsrufen der frühen Hominiden[45] (Menschenaffen) hat. Trennungsrufe hatten das Ziel, den Kontakt zwischen Mutter und Kind und innerhalb der Gruppe zu verstärken. Die vegetativen Reaktionen, die das Musikhören auslösen, z.B. die Gänsehaut bei einer besonders ergreifenden melodischen Wendung, interpretiert er als ursprünglich biologisch nutzbringenden Atavismus.[46] Wenn die Mutter das Baby ruft, stellen sich dessen Haare auf und wärmen das Kind. Ein weiterer evolutionärer Vorteil mögen das Gemeinschaft Stiftende der Musik, die Arbeitslieder und Kriegslieder gewesen sein.[47]

„Möglicherweise war die Musik bereits vor der Sprache obligatorischer Bestandteil der Kommunikation früher Hominiden, vielleicht entwickelten sich auch die lautlichen Kommunikationssysteme zunächst gemeinsam, um sich dann später in zwei Richtungen – nämlich in Sprache und in Musik – zu differenzieren.“[48]

Wolfgang Bossinger beschreibt den evolutionären Nutzen von Singen als Stärkung von sozialen Bindungen, um Stimmungen und Gefühle zu regulieren und Spannungen und Konflikte zu besänftigen, um handlungs- und überlebensfähiger zu sein. Singen und Musizieren sind sehr machtvolle Möglichkeiten, um diese Wirkung zu erreichen, auch Dank der starken physiologischen Wirkung der Musik (z.B. vegetative Veränderungen wie Entspannung, Reduktion von Stresshormonen). „Der so genannte ‚Homo habilis’ – ein Vorläufer der Menschen, entwickelte höchstwahrscheinlich vor über zwei Millionen Jahren eine Gesangskunst als notwendige Voraussetzung für die spätere Entwicklung der menschlichen Sprache.“[49]

Robert Jourdain vertritt die Gegenmeinung, dass die Sprache vor der Musik entstand, da die erste weitaus nützlicher sei.[50] Steven Pinker behauptet, Musik sei eher der „Käsekuchen fürs Ohr“.[51] Manfred Spitzer argumentiert aber gegen die Annahme, dass „Musik (…) ein nutzloses Überbleibsel aus früheren Zeiten (sei).“[52] Eine andere Position zur Entstehung und zum Zweck der Musik vertritt Evolutionspsychologe Geoffrey F. Miller[53], nämlich, dass Musik den Paarungspartner beeindruckte. Sie war also ein Faktor bei der sexuellen Selektion des Menschen, ein Fitness-Indikator.

1.4.3 Vergleich der Phylogenese des Sprechens und des Singens

Die Beispiele belegen, dass sich die Wissenschaftler noch nicht einig darüber sind, ob in der Evolution des Menschen das Sprechen dem Singen oder das Singen dem Sprechen vorausgegangen ist. Vielleicht entwickelten sich auch die lautlichen Kommunikationssysteme zunächst gemeinsam, um sich dann später in zwei Richtungen zu differenzieren. Es ist auch eine Frage der Definition, ab wann Sprache als Sprache definiert wird, ob unter Singen der kunstvolle Gesang gemeint ist, ob dazu auch spontanes, unkonventionelles Singen oder sogar Vokalisationen gehören. Die Begriffe Sprechen und Singen werden nicht einheitlich benutzt.

Einig sind allerdings die Meinungen zum Klang der Sprache der frühesten Menschen: Die Sprache war zunächst eine singende, mit mehr Vokalen und Melodien.

Folgende Tabelle bietet eine Zusammenfassung der beiden vorigen Kapitel über den evolutionären Ursprung und Sinn des Sprechens und Singens.

Tab. 1: Ursprung und Sinn des Sprechens und des Singens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die gemeinsamen Ziele, denen beide Lautäußerungen – sowohl das Singen als auch das Sprechen - gedient zu haben scheinen, waren einerseits die Stärkung von Bindungen, anderseits die Verständigung der Gemeinschaft, was einen Überlebensvorteil mit sich brachte.

1.5 Ontogenese des Sprechens und Singens

Die Datenlage zur ontogenetischen Entwicklung des Sprechens und Singens sieht günstiger aus als die phylogenetische.

1.5.1 Entwicklung des stimmlichen Ausdrucks – Frühkindliche Vokalisationen

Sprechen und Singen haben in der ontogenetischen Entwicklung des Kindes einen gemeinsamen Ursprung, nämlich in der frühkindlichen Vokalisation, den Lautierungsexplorationen. Doch die Entwicklungslinie der Sprache beginnt schon früher. Das Gehör ist vorgeburtlich etwa ab der 20. Woche ausgebildet. Aus der vorgeburtlichen Perzeption und dem auditiven Gedächtnis, aus dem sich der Klang-Code bildet, wird der Grundstein zur späteren Sprache des Kindes, der Muttersprache gelegt.[54] Mit Hilfe von psychologischen Untersuchungen stellte man fest, dass das Frequenzspektrum der menschlichen Stimme im intrauterinen Klanguniversum beim Fötus zu Höreindrucken führt: Der kontinuierliche Lautstrom der menschlichen Stimme wird in kategorial verschiedene Laute gegliedert. Die Wahrnehmung ist in der Entwicklung zunächst holistisch (ganzheitlich) ausgerichtet:[55]

„Sie orientiert sich an den melodischen Konturen der menschlichen Stimme, d.h. den musikalischen Parametern des Sprechens und Singens, bevor der Höreindruck analytisch aufgebaut wird. Genau analog, wenn auch zeitlich versetzt, entwickelt sich der Ausdruck der eigenen Sprechstimme, nämlich vom (holistischen) Schreien zum (analytischen) Babbeln, in dem Laute (Silben) repetitiv miteinander verbunden werden. Der vorgeburtliche stimmliche Eindruck und der nachgeburtliche stimmliche Ausdruck sind noch weit entfernt von dem, was menschliche Sprache letztendlich auszeichnet: ihrem Bedeutungsgehalt, ihrer grammatischen Struktur und ihrem kommunikativen Verkehrswert.“[56]

Die Stimme der Mutter in der vorgeburtlichen Zeit bezeichnen Monika Nöcker-Ribaupierre und Marie-Luise Zimmer als ein Element der Verbindung. Sie ist die Grundlage für die Beziehung von Mutter und ungeborenem Kind, sie ist körpernah und beinhaltet den gesamten Entwurf der späteren verbalen Kommunikation.[57]

Der erste Laut eines Säuglings ist der Schrei – ein angeborenes Ausdrucksverhalten auf Unwohlsein, ein wirksames Distanz- und Alarmsignal, das zwar über den Grad des Unbehagens, nicht aber über dessen Ursachen verlässliche Information vermittelt. Während der nächsten Wochen gähnt es auch, niest, rülpst, seufzt, schmatzt und hustet, was hauptsächlich durch physiologische Abläufe gesteuert wird. Nach dem Säuglingsforscherpaar Hanus und Mechtild Papousek wird die Vokalisationsentwicklung bei Säuglingen, die den Weg zu Sprache und Musik bahnt, in drei Stufen eingeteilt:[58]

- Vorsilbenstadium – Einübung universeller artikulatorischer Merkmale.
Die erste Stufe ist erreicht, wenn Babys von anfänglichen Grundlauten, die beim Ausatmen als zufällige Begleitprodukte vorkommen, wohlklingende und verlängerte Gurrlaute entwickelt haben. Dies geschieht um die achte Woche. Nun ist es dem Säugling möglich, die Tonhöhe zu modulieren, wodurch die ersten kleinen Melodien produziert werden. Die Stimme wird für den Säugling zu einer Art Spielzeug. Der Säugling entdeckt das stimmliche Potenzial in Bezug auf Stimmregister, Lautstärke, Dynamik, Klangfarbe, Geräusch, Dauer und Rhythmus. Vokalisationen drücken zum einen den emotionalen Zustand des Kindes aus, zum anderen sind sie wichtige Grundbausteine der Kommunikation und der kognitiven Entwicklung. Intuitiv leiten Eltern die Vokalisationen des Säuglings zu melodischen Modulation hin, indem sie in einer an ihr Baby gerichteten Sprechweise diese melodischen Modelle präsentieren.
- Silbenstadium - Einübung der universellen Grundeinheiten der Sprachen.
In der zweiten Entwicklungsstufe erlernt der Säugling, Konsonanten zu produzieren und den Strom der Lautbildung während der Ausatmung in Silben zu unterteilen. Mit den regulären Silben beginnen zwei Drittel der Säuglinge zwischen fünf und sieben Monaten. Diese Periode endet mit der Verdoppelung von Silben. Um diese Entwicklung zu erleichtern, stimulieren Mütter ihre Säuglinge mit rhythmischen Spielen, die oft mit rhythmischen Melodien verbunden sind. Diese intuitive Intervention kann sowohl den Spracherwerb wie auch die Musikalität beeinflussen.
- Einwortstadium – Einübung der Phonologie der Muttersprache.
In der dritten Stufe der stimmlichen Entwicklung geht es um Einübung und Nachahmung der muttersprachspezifischen Phonologie und um das Erlernen von Verknüpfungen zwischen spezifischen Lautmustern und Bedeutungsinhalten. Die Doppelsilben, die die Säuglinge produzieren, werden von Eltern als potentielle Protowörter verstanden und sie beginnen, ihnen Bedeutung zuzuschreiben. Die ersten Protowörter und Wörter treten zwischen fünf und 15 Monaten auf, und zwar mit einer sehr großen Variabilität.

Von hier aus beginnen sprachliche und musikalische Entwicklung getrennte Wege zu gehen. Melodie und Rhythmus bleiben Träger der Musik, die symbolische Bedeutung von einzelnen Wörtern und von grammatisch verbundenen Wortketten wird zum Träger der Sprache.

Die frühkindlichen Vokalisationen kennen noch keine Grenzen zwischen sprachlicher und musikalischer Betätigung. Weiterhin entwickelt sich das Sprechen quasi von selbst – es wird zu einem Selbstläufer. Die Singstimme kann aber verstummen, wenn sie nicht verwendet wird. Das Singen ähnelt einem Zweitspracherwerb: Die Kinder, die von Geburt an zweisprachig aufwachsen, beherrschen zwei Sprachen. Kinder, mit denen viel gesungen wird, benutzen ihre Stimme ganz natürlich für beide Lautäußerungen - Singen und Sprechen - genauso wie Kinder, mit denen nicht gesungen bzw. denen nicht vorgesungen wird, das nicht tun.

Auch der ontogenetische Zielzustand von Sprechen und Singen ist verschieden: Fast jeder wird zum „native speaker“, aber nur Wenige werden zum „nativ musician“. Die Betätigung mit Musik, vor allem das Singen, hält sich bei ausgewachsenen Individuen in unserer Kultur in Grenzen, während Sprechen eine Grundvoraussetzung für den sozialen Verkehr ist.[59]

1.5.2 Exkurs zu kindgerichteter Sprache

Die typische Sprechweise mit dem Säugling wird ‚Ammensprache’, ‚motherese’ oder kindgerichtete Sprache (KGS) genannt. KGS schließt Änderungen auf allen Ebenen der Sprache ein: prosodische, pragmatische, phonologische, semantische und syntaktisch-grammatikalische, die eine feine Abstimmung auf die Wahrnehmungs- und Vokalisationsfähigkeiten des Kindes darstellen. Eindrücklichstes Merkmal der KGS ist die Sprachmelodie, die eine im Durchschnitt zwar nur um drei Halbtöne erhöhte Stimmlage ist, jedoch mit einem auf 24 Halbtöne erweiterten Stimmumfang. Eltern benutzen steigende Melodien, um die kindliche Erregung zu steigern und zum Dialog anzuregen. Steigend-fallende Melodien werden eingesetzt, um für einen Beitrag zu belohnen oder ein Verhalten aufrecht zu erhalten, tieffrequente fallende Melodien zur Beruhigung, hochfrequente fallende Melodien, um die Aufmerksamkeit auf etwas Interessantes zu lenken. Dem Kuckucksruf vergleichbare Rufmelodien werden benutzt, um Blickkontakt zu erreichen. Die Studien haben gezeigt, dass vier Monate alte Säuglinge diese Grundmuster differenzieren können und darauf auch adäquat reagieren.[60]

Hier einige Beispiele von Wegener[61] für die typischen mütterlichen Kommunikations-Angebote:

Steigend = „Nah?“

Steigend-fallend = „Guck!“, „oh“

Fallend-steigend = „Ja, was denn?“, „Oooooh“

Flach = „Nnnn“

Fallend = „Nnn“, „Oooh“, „Ist ja gut“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Beispiele, wie kindgerichtete Sprache klingen kann.

Nach Garnica erfüllt der Gebrauch von KGS zwei Funktionen. Eine ist die „analytische“: Die Prosodie der KGS bewirkt die bessere Analyse in Segmente und dadurch auch besseres Verstehen von Wörtern, Satzteilen und Sätzen. Die zweite Funktion ist die „soziale“: Die KGS-Prosodie bringt das Kind dazu, seine Aufmerksamkeit auf die Sprache zu lenken und zuzuhören, wodurch die Kommunikation aufrechterhalten wird. Die kindgerichtete Sprache ist eine Hilfe beim Erlernen einer Sprache, aber keine Notwendigkeit. Es gibt nämlich Kulturen, in denen KGS nicht vorhanden ist.[62]

Diese Merkmale der intuitiven Dialoggestaltung der Eltern - steigende Melodien um Erregung zu erzeugen, oder tieffrequente, fallende Melodien zur Beruhigung - beinhaltet auch die musikalische Struktur ergotroper (aktivierender) oder trophotroper (beruhigender) Musik. Diese Musikstrukturmerkmale[63] werden auch in der Musiktherapie und Musik-Medizin gezielt eingesetzt.

1.5.3 Entwicklung der Sprache

Das Haupt-Verbindungsglied zwischen vorsprachlichem Austausch (frühen Eltern-Kind Interaktionen) und späteren Dialogen sprachlicher Art stellt das „Turn-Taking“ dar. Diese Struktur „ich bin dran – du bist dran“ wird als eine der wichtigsten Voraussetzungen für die spätere sprachliche Kommunikation genannt. Die Regelhaftigkeit und der Rhythmus solcher Strukturen können direkt mit Konversation unter Erwachsenen verglichen werden.[64]

Grundsätzlich werden drei große Gruppen von Spracherwerbstheorien unterschieden, die als inside-out, outside-in und die radikale Mitte gekennzeichnet werden:[65]

- Inside-out-Theorien beschreiben den Spracherwerb überwiegend als Ausdruck einer angeborenen Prädisposition. Ein Minimum an sprachlichem Input, der nicht einmal vollkommen sein muss, löst das bereits vorhandene Sprachlernprogramm aus.
- Outside-in-Theorie dagegen sieht den Hauptmotor des Spracherwerbs in den sozialen Interaktionen der sprechenden Umgebung. Beide Auffassungen können den Spracherwerb nicht vollständig erklären.
- Die rational-konstruktivistische oder die „radikale Mitte“ vereint beide Auffassungen. Das Kind bringt Veranlagung zum Erwerb der Sprache mit und konstruiert sie in Wechselwirkung mit den Angeboten seiner Umgebung.

Bei der Sprachentwicklung wird zwischen rezeptiver und expressiver Ebene unterschieden.

Rezeptive Fähigkeiten: Im ersten Lebensjahr entwickelt das Kind eine differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit, wobei jedoch nur Rhythmus und Intonation von Bedeutung sind. Die eigentliche lexikalisch grammatische ‚Transportschicht’ der Sprache wird vom Kind noch nicht benutzt. Im zweiten Lebensjahr erwirbt das Kind die Fähigkeit, eine Verbindung zwischen dem Laut und seiner Bedeutung herzustellen, die immer konkreter wird. Es wird angenommen, dass sich die Fähigkeit zum Begreifen innerhalb der ersten vier Jahre in Wechselwirkung mit den expressiven Fähigkeiten entwickelt, wobei die rezeptiven den expressiven leicht vorausgehen.[66]

Expressive Fähigkeiten: Zeitliche Angaben zu Spracherwerbsphasen von verschiedenen Forschern gehen weit auseinander. Das erste Lebensjahr wird als vorsprachliches Stadium bezeichnet. Das Kind fängt an, die ersten Wörter um die Zeit einige Monate vor oder nach dem ersten Geburtstag zu produzieren. In dieser Phase der Sprachentwicklung stehen nach D. Stern die einzelnen Wörter noch nicht für spezifische Begriffe, sondern für komplexe Sachverhalte. Man spricht deshalb von Einwortsätzen, die durch die Kürze des ‚Satzes’ entsprechend mehrdeutig sind. Diese Phase kann zwischen zwei und zwölf Monaten dauern und geht etwa um die Mitte des zweiten Lebensjahres in die Phase der Zweiwortsätze über. So wird die Aussage spezifischer. Der Wortschatz nimmt stark zu, wobei der passive dem aktiven Wortschatz vorauseilt. Im Laufe des dritten Lebensjahres kommt es dann zur Bildung von Mehrwortsätzen. Damit wird auch die Grammatik erworben. Im dritten Lebensjahr entwickelt sich ein Verständnis für abstrakte Begriffe. Mit der Zunahme des Abstraktionsvermögens werden im vierten Lebensjahr auch die Aussagen über Vergangenes und Zukünftiges verstanden. Die Lautentwicklung ist mit vier Jahren abgeschlossen.[67]

Die rezeptive und expressive Sprache bzw. das Sprachverstehen und die Sprachproduktion müssen nicht unbedingt in Zusammenhang stehen. Ein bestimmtes Sprachverständnis ist zwar eine Voraussetzung für Sprachproduktion, aber offenbar reicht diese Voraussetzung alleine nicht aus, um Sprachproduktion in Gang zu setzen.[68]

Brunner geht von einem Spracherwerbs-Hilfssystem aus, das in Interaktionsmustern zwischen Erwachsenem und Kind abläuft: 1.) ein sprachliches Ziel - dem Kind wird gezeigt, dass die sprachliche Äußerung für etwas steht; 2.) ein pragmatisches Ziel - zeigt, dass der Gebrauch der Sprache bestimmten Zwecken dient. Genau diese Formate sind die Basis für die Sprachakte.[69]

Die Fähigkeit zu Sprechen ist nicht isoliert zu sehen und setzt gewisse Fähigkeiten und Fertigkeiten in anderen Entwicklungsbereichen voraus. Darauf wird jedoch an dieser Stelle nicht näher eingegangen.

1.5.4 Vergleich von Phylo- und Ontogenese der Sprachentwicklung

Ist die ontogenetische Sprachentwicklung Phylogenese im Zeitraffer? Es können viele Parallelen zwischen onto- und phylogenetischer Sprachentwicklung gezogen werden.

Die gesprochene Sprache nahm laut Uwe Jürgens[70] ihren Ausgang von den nicht-verbalen emotionalen stimmlichen Lautäußerungen (Vokalisationen) nicht-menschlicher Primaten. Die ontogenetische Sprachentwicklung hat ihren Ursprung in frühkindlichen Vokalisationen. Beide haben gemeinsam, dass es um genetisch determinierte Lautäußerungen und nicht um erlernte Muster geht.

Der Klang der Sprache in ihren Ursprüngen war eher singend, mit mehr Vokalen und Melodien. Auch der Säugling formt sprachliche Laute zunächst im Lallen mit einer schon singenden Stimmeinstellung.[71]

Die Abfolge stammesgeschichtlicher Sprachentwicklungsstadien wie auch die Sprachentwicklung des Kindes hat unterschiedliche Komplexitätsebenen. Es wird nicht behauptet, dass ontogenetische und evolutionsgeschichtliche Sprachentwicklung einander schrittweise zugeordnet werden können, gewisse Ähnlichkeiten sind jedoch vorhanden. Die möglichen Verwandtschaften und Ähnlichkeiten beider Verläufe, liegen, laut Friedhart Klix, wesentlich tiefer. Sie liegen darin begründet, dass

„(…) jeder organismische evolutionäre Prozess in seinen Stufen oder Abschnitten am erreichten Niveau ansetzen muss und nicht überspringen kann. Das gilt (…) für den anatomischen Bereich wie für den funktionellen. Die Evolution zu differenzierteren Strukturen hin beruht auf der schrittweise Ausformung der einfacheren und zugleich geschichtlich früheren Basisstufen.“[72]

Je komplexer die kognitiven Hintergründe in der Sprachverwendung sind, umso später werden sie in der ontogenetischen Sprachentwicklung des Kindes beobachtet. Friedhart Klix vertritt die Meinung, dass das gleiche Prinzip auch der Evolutionsgeschichte des Spracherwerbs zugrunde liegt. Untersuchungen zeigen, dass es der aktive sprachlich-kommunikative Umgang ist, der die Entwicklung der Verfügbarkeit von Sprachbildungen fördert.[73]

1.5.5 Stimmlich-musikalische Entwicklung

„Unter dem Begriff der musikalischen Entwicklung werden auf das Lebensalter bezogene Veränderungen in produktiven, reproduktiven und rezeptiven musikalischen Fähigkeiten, musikalischen Interessen und Einstellungen verstanden, die sich als Gewinne oder auch als Verluste darstellen können“.[74]

Kinder unterscheiden sich sehr stark in ihren musikalischen Fähigkeiten, daher sind die weiteren Altersangaben nur als grobe Anhaltspunkte zu sehen. Musikalisches Alter und chronologisches Alter müssen nicht übereinstimmen. Die individuellen Unterschiede hängen sehr stark von der Initiative der Eltern, vom musikalischen Anregungsgehalt des engsten sozialen Umfeldes sowie von der jeweiligen Musikkultur ab.[75]

Bevor ich auf die Entwicklung der Stimme und das Singen näher eingehe, möchte ich einen Überblick über die Hörfähigkeit, musikalische Erkennung und Differenzierung im Kindesalter darstellen:

Tab. 2: Entwicklung musikalischer Fähigkeiten im Kindesalter nach Gembris (1998)[76]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ab dem Alter von 10 bis 14 Monaten ist zu beobachten, dass das Kind entscheiden kann, seine Stimme sprechend oder singend zu verwenden.[77] Das spontane Vokalspiel des Säuglings als Vorläufer des späteren spontanen Singens ist ein elementares Mittel, emotional positiv besetzte Stimmungen, Wohlbefinden und symbolische Bedeutungen auszudrücken. Zudem ist dieses Vokalspiel ein kreativer Vorgang, wo das Kind etwas Neues schafft und die lautlichen Möglichkeiten ausprobiert.[78]

Es gibt verschiedene Theorien zum Entwicklungs-Verlauf des Singens, z.B. die sprachdominante Sequenztheorie, die Theorie der Intervallreihenfolge (auch Intervallerwerbsabfolgetheorie genannt) und die Melodie-Kontur-Theorie. Da diese Theorien zu allgemein gehalten und unzureichend belegt sind, werde ich hier nicht näher darauf eingehen. Im Folgenden stelle ich den stimmlich-musikalischen Entwicklungsverlauf in 6 Stufen nach Stefanie Stadler Elmer vor:[79]

1. Stufe: Die frühen Anfänge. Von der Geburt an ist es zunehmend möglich, das Hören, das Vokalisieren und Bewegungen miteinander zu koordinieren.

2. Stufe: Verschobene Nachahmung, entstehende Rituale und ausgedehntes Vokalspiel. Eltern-Kind-Dialoge stimulieren gleichermaßen die Entwicklung von vorsprachlichen wie auch von vormusikalischen Kommunikationsfähigkeiten des Säuglings. Die gemeinsam erschaffenen Kommunikationsregeln betreffen auch den zeitlichen Ablauf: Das Abwechseln des Vokalisierens ist für dialogisches Sprechen

charakteristisch, das gleichzeitige, aufeinander abgestimmte Vokalisieren ist mehr für das Singen charakteristisch. Die vokalen Muster werden in Monologen wie auch Dialogen wiederholt. Normalerweise fängt bei Kindern im Alter zwischen 10 und 14 Monaten eine Differenzierung der eher sprech-ähnlichen von den eher sing-ähnlichen Lautbildungen an.

3. Stufe: Nachahmen oder Verständnis von Regeln und Erfinden nach beliebigen Regeln. Wie und was ein Kind auf dieser Stufe zur Nachahmung auswählt kann man nicht allgemein sagen. Dennoch gibt es für das Kind bei den auf Musik bezogenen Erfahrungen solche, die anregender und eingängiger sind als andere. Dazu gehören vertraute Muster, kleine Einheiten mit repetitiven Silben und Tönen sowie Merkmale an wichtigen Stellen (Anfang, Schlussbildung durch Endreim und Grundton, metrische Akzente). Schwieriger dagegen sind lange und variationsreiche sprachliche, melodische und rhythmische Phrasen (unübliche Lautmuster, Tonartwechsel, Taktwechsel, Synkopen, usw). Obwohl das Kind die Bausteine oder die Gliederung seiner Handlung noch nicht versteht, ist es dennoch fähig, durch Hören und stimmliches Umsetzen des Gehörten so gut zu singen, dass beim Mitsingen und alleine Singen klar erkennbare Lieder entstehen können. Diese Leistung ist typisch für eine Nachahmungsfähigkeit, der die geistigen Dimensionen noch fehlen. Abgesehen von Nachahmung, kann das Kind auf dieser Stufe phantasievoll und ausdauernd spontan singen und Lieder erfinden. Die Lautbildungen sind noch reichhaltig und erst wenig durch die herrschenden Ausdrucks-Normen und konventionellen Lautsymbole gefiltert.

4. Stufe: Verallgemeinern von Beispielen. Die Erinnerungen und Vorstellungen werden durch vermehrte Erfahrungen angereichert und in die Richtung der herrschenden Normen verfestigt. Sprachlich wie musikalisch hat das Kind noch zu wenig verinnerlichte konventionelle Strukturen, mit denen es flexibel und sicher umgehen könnte.

5. Stufe: Konventionelle Regeln werden implizit in die Handlungen integriert. Es entstehen allmählich Regeln, die verallgemeinerbar werden. Musizieren ist zum Regelspiel geworden. Die wachsende Kontrolle über das Singen durch innere Vorstellungen über die Normen führt dazu, dass das spontane, spielerische und unkonventionell kreative Singen gehemmt wird.

6. Stufe: Beginnende Reflexion der Handlungen, Mittel, Symbole und Begriffe. Die vorher implizierten Vorstellungen, wie Inhalte und Regeln im Lieder-Singen und ähnlichen Handlungen (Gedichte rezitieren, Musizieren) gemäß soziokulturellen Normen zu strukturieren sind, werden nun als Vorstellungen selbst Gegenstand der Aufmerksamkeit.

Mit welchem musikalischen Material kommen Kinder in Kontakt? Das sind vor allem Lieder, im Idealfall von Eltern gesungen und nicht vom Tonband abgespielt. Das Singen für und mit den Kindern ist mit emotionaler Zuwendung gleich zu setzen[80] und es dient unter anderem auch kommunikativen Zwecken.

Die Lieder für die ganz Kleinen sind in zwei Kategorien einteilbar: Schlaflieder und Spiellieder. Die beiden Liedtypen der beruhigenden und aktivierenden Lieder sind in jeder Kultur dieser Welt nachweisbar. Die Merkmale sind musikalische Universalien: Schlaflieder besitzen tendenziell eine einfache, fallende Liedkontur. Kulturübergreifend ähneln sie sich und wirken gleichermaßen beruhigend auf Säuglinge. Spiellieder sollen dagegen anregen, deshalb werden sie rhythmisch betont und schneller vorgetragen. Erwachsene können Schlaf- und Spiellieder in fremder Sprache identifizieren.[81]

Einen differenzierten Überblick über die Entwicklung der Singfähigkeit bietet Heiner Gembris:

Tab. 3: Entwicklung der Singfähigkeiten bis zum Schulalter nach Gembris (1998)[82]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.5.5.1 Die Kuckucks-Terz als das melodische ‚Urmaterial’

Auf die Fragen, ob die kleine fallende Terz das ‚Urmotiv’ ist und ob eine Urmelodie existiert, gibt es zwei gegensätzliche Meinungen.

[...]


[1] Siehe Kapitel 4.3.1

[2] Siehe Kapitel 4.3.3

[3] Siehe Kapitel 2.4

[4] Ludwig Wittgenstein, zitiert nach Hirler 2009: 7

[5] E. Berger 2003: 87

[6] Lass 2001: 95

[7] Stern 1992: 244

[8] Stern 1992: 244

[9] oral = durch den Mund; aural = lat. Auris - Ohr

[10] Altenmüller 1999: 25

[11] Cramer 1998: 7-8

[12] Deutsch/ Sommer/ Pischel 2003: 466

[13] Deutsch/ Sommer/ Pischel 2003: 466

[14] Bühler, zitiert nach Hermann/ Grabowski 1994: 18

[15] Holste, zitiert nach E.Berger 2003: 86

[16] Szagun 2006: 17

[17] E.Berger 2003: 85

[18] R.Spitz, zitiert nach E.Berger 2003: 86

[19] Die hier aufgelisteten Definitionen von Sprechen, Sprechgesang, Singen, Lieder-Singen, Präkonventionellem Singen und Spontanem Singen stammen aus: Stadler Elmer 2000: 88-89

[20] Stadler Elmer 2000: 88-89

[21] Stadler Elmer 2000: 88-89

[22] Stadler Elmer 2000: 88-89

[23] Stadler Elmer 2000: 88-89

[24] Stadler Elmer 2000: 88-89

[25] Stadler Elmer 2000: 88-89

[26] Adamek 1996: 50

[27] Uhlig 2008: 248

[28] Jürgens 2003: 43-44

[29] R.Berger 2008: 237

[30] R.Berger 2008: 244

[31] R.Berger 2008: 254

[32] R.Berger 2008: 246

[33] Jürgens 2003: 43

[34] Jürgens 2003: 52

[35] Die hier aufgelisteten sechs Entwicklungsphasen der Sprache stammen aus: Jürgens 2003: 52-53

[36] Jürgens 2003: 52

[37] Klix 2003: 762-765

[38] Klix 2003: 763

[39] R.Berger 2008: 255

[40] R.Berger 2008: 259

[41] R.Berger 2008: 249

[42] Cramer 1998: 59

[43] Papousek 1997: 571-572

[44] Bossinger 2006: 51 und Thiel 2008 o.S.

[45] Als Hominiden werden Menschenaffen genannt die vor 20 Millionen Jahre entstanden.

[46] Atavismus = [lat. Atavus - Vater des Großvaters] plötzliches Wiederauftreten stammesgeschichtlich früherer Merkmale.

[47] Altenmüller 1999: 23-24

[48] Altenmüller 1999: 23-24

[49] Bossinger 2006: 50

[50] Jourdain 1998: 334

[51] Weinberger 2005: 31

[52] Spitzer 2007: 372

[53] Weinberger 2005: 31

[54] Maiello 2003: 88

[55] Deutsch u.a. 2003: 461

[56] Deutsch u.a. 2003: 461

[57] Nöcker-Ribaupierre/ Zimmer 2004: 52-53

[58] Die hier aufgelisteten drei Entwicklungsstufen der Vokalisation stammen aus: H.Papousek 1997: 576-579 u. M.Paposek u. H.Papousek 1997: 544-548

[59] Deutsch u. a. 2003: 459

[60] M.Paposek u. H.Papousek 1997: 549-550

[61] Reimann 2003: 782

[62] Szagun 2006: 176, 180

[63] Mehr dazu kann man bei Decker-Voigt: „Aus der Seele gespielt“ S. 55-74 und Decker-Voigt/ Oberegelsbacher/ Timmermann:„Lehrbuch Musiktherapie“ S. 57 nachlesen.

[64] Zollinger 2004: 43

[65] Die hier aufgelisteten drei Spracherwerbstheorien stammen aus: Nußbeck 2007: 13

[66] Bialluch 2004: 214

[67] Jürgens 2003: 51

[68] Szagun 2006: 124

[69] Reimann 2003: 784

[70] Jürgens 2003: 43

[71] Klausmeier 1978:45

[72] Klix 2003:770

[73] Klix 2003: 770

[74] Gembris 1998: 51

[75] Gembris 1998: 53

[76] Gembris 1998: 293-294

[77] Stadler Elmer 2008: 154-158

[78] Stadler Elmer 2000: 56

[79] Die hier aufgelisteten 6 Entwicklungsstufen stammen aus: Stadler Elmer 2000: 144-150

[80] Hirler 2003: o.S.

[81] Hannon/ Schellenberg 2008: 133

[82] Gembris 1998: 315-316

Details

Seiten
139
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640544585
ISBN (Buch)
9783640545032
Dateigröße
987 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v142588
Institution / Hochschule
Universität für Musik und darstellende Kunst Wien – Institut für Musik- und Bewegungserziehung sowie Musiktherapie
Note
1
Schlagworte
Musiktherapie Stimme Singen Sprachentwicklung Sprachentwicklungsstörungen Sprachentwicklungsförderung

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Titel: Musikalischer Einsatz der Stimme in der Musiktherapie bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen