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Der Bahnhof als öffentlicher Raum? - Bemerkungen zum Wandel öffentlicher Räume am Beispiel des Innsbrucker Hauptbahnhofs

von Robert Possenig (Autor)

Diplomarbeit 2006 124 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 VORWORT

2 RAUMKONZEPTE UND RAUMVORSTELLUNGEN
2.1 SOZIALWISSENSCHAFTLICHE RAUMVORSTELLUNGEN
2.2 RAUMKONZEPTE IN PHILOSOPHIE UND PHYSIK
2.2.1 Raumvorstellungen in der Antike: Platon und Aristoteles
2.2.2 Der unendliche Raum und die Philosophie der Renaissance
2.2.3 Newton und der absolute Raum
2.2.4 Leibniz und der relationale Raum
2.2.5 Raumvorstellungen bei Kant
2.2.6 Einstein und der relative Raum
2.3 ABSOLUTISTISCHE UND RELATIVISTISCHE RAUMVORSTELLUNGEN
2.4 WEGE ZU EINEM SOZIOLOGISCHEN RAUMVERSTÄNDNIS
2.5 SPACING UND SYNTHESELEISTUNG
2.6 WIEDERERKENNUNGSWERT VON RÄUMEN IM ALLTAG
2.7 RÄUMLICHE STRUKTUREN
2.8 DIE LOKALISIERUNG DER RÄUME AN ORTEN
2.9 RÄUME ALS (AN)ORDNUNGEN VON SOZIALEN GÜTERN UND MENSCHEN AN ORTEN

3 CHARAKTERISTIKA ÖFFENTLICHER RÄUME

4 FUNKTIONSVERLUST ÖFFENTLICHER RÄUME?

5 FUNKTIONSWANDEL ÖFFENTLICHER RÄUME
5.1 MILIEU UND RAUM
5.2 ÖFFENTLICH NUTZBARE RÄUME IN PRIVATER HAND
5.3 EXKURS: TRENDS DER UMGANGSFORMEN IN DER ÖFFENTLICHKEIT

6 ÖBB-ORGANISATIONSSTRUKTUR

7 DER INNSBRUCKER HAUPTBAHNHOF
7.1 GESCHICHTE DER EISENBAHN IN TIROL
7.2 DAS BAHNHOFSOFFENSIVE-PROJEKT
7.3 KULTUR AM BAHNHOF INNSBRUCK

8 DER BAHNHOF INNSBRUCK ALS ÖFFENTLICHER RAUM
8.1 NUTZENFUNKTIONEN EINES BAHHHOFS
8.1.1 Dienstleistungsbetriebe allgemein
8.1.2 Dienstleistungsfunktionen am Innsbrucker Hauptbahnhof
8.2 BAHNHOF UND SOZIALE RANDGRUPPEN

9 KONTROLLE ÖFFENTLICHER RÄUME
9.1 VIDEOÜBERWACHUNG ÖFFENTLICHER RÄUME
9.2 VIDEOÜBERWACHUNG AM INNSBRUCKER HAUPTBAHNHOF

10 SCHLUSSBETRACHTUNG

11 ABBILDUNGSVERZEICHNIS

12 LITERATURVERZEICHNIS

13 ANHANG

1 Vorwort

Der neue Innsbrucker Hauptbahnhof wurde am 19. Mai 2004 nach 2 ½ jähriger Bauzeit offiziell eröffnet.

Das Ende der Bauarbeiten war für mich der Beginn der Recherchen und Überlegungen zu den Möglichkeiten und Grenzen des Innsbrucker Hauptbahnhofs als öffentlicher Raum.

Im ersten Teil wird der Herausarbeitung von verschiedenen Raumvorstellungen und Raumkonzepten breiter Raum gewidmet. Diese erfolgt unter Beschreibung geschichtlicher und physikalischer Eckpfeiler zur Entwicklung von Raumtheorien.

Es folgen Beiträge zur Charakteristika öffentlicher Räume. Dies geschieht mit dem Ziel, ein differenzierteres Problemverständnis und genauere Kenntnisse des Funktionswandels von öffentlich nutzbaren Räumen zu erlangen.

Im Anschluss dazu werden, neben einer Beschreibung des Unternehmens ÖBB und des Bahnhofumbaus, die Ansätze der ÖBB zur Weiterentwicklung des Innsbrucker Hauptbahnhofs als öffentlicher Raum erläutert.

Beobachtungen und Gedanken über die gegenwärtigen Veränderungen von öffentlichen Räumen als mögliche Orte menschlicher Begegnung runden die nachfolgende Arbeit ab.

Unter Bedachtnahme auf die geschlechtliche Gleichbehandlung beim Sprachgebrauch wähle ich in meiner Arbeit je nach Kontext entweder die weibliche oder die männliche Form als Verallgemeinerung.

2 Raumkonzepte und Raumvorstellungen

Menschliches Leben vollzieht sich in Räumen; man betritt sie, hält sich in ihnen auf, verlässt sie und kehrt zu ihnen zurück. Die Dynamik und Zeitlichkeit des Lebens bringt den Wechsel von Räumen mit sich, in denen verschiedene Ereignisse stattfinden, dauerhaftes Verweilen aber nicht möglich ist.

Leben entwickelt sich im Körperraum der Mutter, in Wohnungen, Straßen und Schulen, Dörfern und Städten, in Arbeitsräumen, in der Freizeit und auf Reisen. Raum und Zeit sind Bedingungen des menschlichen Körpers, der selbst räumlich ist und der, wie alle Organismen, dem Gang der Zeit unterliegt. Wir leben in unterschiedlichen Räumen mit unterschiedlichen Anforderungen und Erfahrungen. Die Beschleunigung der Zeit bewirkt nicht nur ein Schrumpfen des Raums; sie führt auch zu seiner Umgestaltung und damit zu neuen Raumerfahrungen (vgl. Liebau/Wulf/Miller 1999, S. 14).

Gesellschaftliches Leben entsteht immer wieder aufs Neue durch Überschneidungen von Anwesendem und Abwesendem im Kontext von Raum (und Zeit).

Die physischen Eigenschaften des Körpers und des Milieus, in dem er sich bewegt, begrenzen den Zugang zu nicht physisch präsenten anderen Menschen (vgl. Giddens 1992, S. 185).

Räume sind durch Grenzen konstituiert, die das Innere eines Raums von dem Außen trennen. Manche Räume haben feste Grenzen, andere sind durch einen Horizont gekennzeichnet, der sich mit dem jeweils eingenommenen Standpunkt verändert. Einige Räume werden dazu geschaffen, Menschen zu beheimaten; andere sind voller Gefahren, so dass man bei ihrem Betreten Hilfe benötigt. Räume unterscheiden sich in Qualität und Struktur; sie entstehen aus Überlagerungen unterschiedlicher Zeichen- und Bedeutungssysteme; sie werden konstruiert. Sie erzeugen, modifizieren und ordnen Beziehungen (vgl. Liebau/Wulf/Miller 1999, S. 9).

„Auf der einen Seite ist der Raum also sehr konkret, da er uns ständig zu umgeben scheint, wir uns ständig in „ihm“ aufhalten. Wir können Raum erfahren, können Räume begehen, betreten und wieder verlassen. Auf der anderen Seite ist er äußerst abstrakt. Können wir uns unter „Lebensraum“ noch etwas Konkretes vorstellen, scheint der „Weltraum“ nicht mehr recht fassbar.“ (Schroer 2006, S. 10)

2.1 Sozialwissenschaftliche Raumvorstellungen

Eine Soziologie des Raumes bildet nicht einfach nur Räume ab, sondern sie konstituiert selbst durch die Auswahl der zu analysierenden sozialen Güter und Menschen Räume. Schon deshalb ist es notwendig zu verdeutlichen, mit welcher Raumvorstellung an das Untersuchungsobjekt herangetreten wird.

Die Debatte um das „richtige“ Verständnis von Raum geht u.a. auf Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz zurück.

Zwei Raumvorstellungen werden in der Regel unterschieden:

- Absolutistische Raumvorstellungen
- Relativistische Raumvorstellungen

Bei dem Versuch, wissenschaftlich Raum zu bestimmen, ist entweder die eine oder die andere Auffassung das Fundament der jeweiligen Theorie.

Die bislang dominante alltagsweltliche Vorstellung „im Raum zu leben“, welche sich auf die Behälterraumvorstellung der griechischen Antike und die jüdisch-christliche Schöpfungsgeschichte zurückführen lässt, harmonisiert mit der absolutistischen Raumvorstellung.

Verfestigt hat sich die Vorstellung, es gäbe einen Raum, der eine von den Körpern unabhängige Realität aufweise. Die Entwicklung der Soziologie des Raums hängt nun von der Entscheidung ab, ob beide Raumbegriffe bewusst zur Erklärung sozialer Phänomene herangezogen werden, wie dies für das Alltagsbewusstsein von Raum zu beobachten ist, oder ob ein Raumbegriff gebildet werden kann, welcher derart formuliert wird, dass die unterschiedlichen gesellschaftlichen Prozesse damit erfasst werden können. Eine nur absolutistische Argumentation, die den Raum als materiell und unbeweglich dem bewegten Handeln gegenüberstellt, kann z.B. die virtuellen Räume nicht mehr erklären und scheidet bereits aus diesem Grund als einziger soziologischer Raumbegriff aus.

Anders verhält es sich mit der relativistischen Annahme, der Raum leite sich aus der (An)Ordnung sozialer Güter und Menschen ab (vgl. Löw 2001, S. 268 f).

„Für ein soziologisches Verständnis von Raum wird wichtig, dass es nicht um schon immer vorhandene Räume geht, sondern dass Räume oft erst hergestellt werden müssen.“ (Schroer 2006, S. 29)

Die sozialwissenschaftliche Stadt- und Regionalforschung kommt über weite Strecken ohne ein theoretisches Verständnis von Raum aus. Raum taucht als Territorialität auf, als natürliche oder von Menschen geschaffene Bereiche bzw. Orte.

Völlig ausgeblendet bleibt in der Regel die Betrachtung der Institutionen und Organisationen, welche die Orte herstellen, prägen, in und außer Kraft setzen.

Auch die Rekonstruktion des Raumes, d.h. die in sozialräumlichen Situationen immer wieder neu erzeugten Bilder von Individuen haben in der sozialwissenschaftlichen Stadt- und Regionalforschung nur selten Platz. Die Verwunderung von Fachleuten bei der Gestaltung von Orten/Territorien ist immer wieder festzustellen, wenn ihre Gestaltungsvorstellungen nur bedingt geteilt werden (vgl. Dangschat 2002, Internettext).

Der Begriff des Raums ist in der soziologischen Theoriebildung bis zum Ende des 20. Jahrhunderts vernachlässigt worden. Nachdem Anfang der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts noch einmal auf die „Raumblindheit“ und „Raumvergessenheit“ der Sozialwissenschaften hingewiesen wurde, ist inzwischen eine rege Publikationstätigkeit zu verzeichnen. In all diesen Publikationen wird die Zentralität des Raumbegriffs für die Sozialwissenschaften diskutiert, wobei unterschiedliche Raumvorstellungen vorgestellt und verschiedene Raumbegriffe entwickelt werden (vgl. Schroer 2006, S. 9).

„Mit welchen Raumbegriffen wir es auch immer zu tun haben, stets gilt, dass wir in Schwierigkeiten geraten würden, wenn wir die ontologische Frage stellten, was der Raum nun tatsächlich ist oder nicht ist - eine Frage, die sich die klassische Physik und die Philosophie seit Jahrtausenden stellt.“ (Schroer 2006, S. 9)

Es stellt sich weiters die Frage nach den Repräsentationen des Raums. Wie werden Räume in einer Gesellschaft repräsentiert? Welche Zuordnungen, Funktionalisierungen, Hierarchisierungen finden statt? Wie begreifen Raumund Stadtplaner, Wissenschaftler und Künstler Räume und wie stellen sie diese dar? (vgl. Liebau/Wulf/Miller 1999, S. 17).

„Es geht also - im Sinne eines wissenssoziologischen Zugangs - weniger um „den“ Raum als vielmehr um verschiedene Möglichkeiten, den Raum zu denken, also um Raumkonzepte und Raumvorstellungen. Es geht nicht um die Beantwortung der Frage, was Raum ist, sondern darum, wie Raum bisher gedacht worden ist.“ (Schroer 2006, S. 10)

„Raum ist politisch. Raum ist kein Gegenstand der Wissenschaft, ist alles andere als ideologie- oder politikfrei; er ist immer politisch und strategisch gewesen […].

Raum? Nein. Sondern: Erkenntnis (und Theorie) der Produktion des Raums.“ (Lefebvre 1987, S. 148 f)

Deshalb stelle ich an den Anfang der Arbeit Überlegungen, die Fragen zur Entstehung von Räumen beantworten sollen. In diesem Zusammenhang ist es nicht das Ziel, einen einzigen richtigen Begriff für Raum zu bestimmen. Vielmehr soll herausgearbeitet werden, wie Raum tatsächlich konstituiert wird und welche Konsequenzen durch die Festlegung auf einen bestimmten Raumbegriff entstehen können.

2.2 Raumkonzepte in Philosophie und Physik

Die etymologische Bedeutung des Wortes Raum leitet sich vom Verb „räumen“ ab, was so viel bedeut wie Platz schaffen, leer-, freimachen; verlassen, fortschaffen (vgl. Schroer 2006, S. 29).

Ich möchte bewusst nicht eine detailierte historische Entwicklung der philosophischen bzw. physikalischen Denktraditionen zur Entstehung von Raumtheorien herausarbeiten. Die zahllosen Erklärungsversuche, was der Raum ist und wie man ihn denken könne, macht es am Anfang schwierig, eine Ordnung in diese Theorienvielfalt zu bringen. Bei näherem Hinsehen wird jedoch klarer, dass die einzelnen Beiträge grundsätzlich 2 gegensätzlichen Polen zugeordnet werden können. Es ist die Unterscheidung zwischen absolutistischen Raumvorstellungen auf der einen und relativistischen Raumvorstellungen auf der anderen Seite (vgl. Schroer 2006, S. 30).

Ein kurzer Abriss der wesentlichen Eckpfeiler der Entwicklungsgeschichte des Raumes erscheint mit als Einstieg deshalb zielführend und hilfreich zu sein.

In der Philosophie war die jeweilige Vorstellung über den Raum (und die Zeit) das Fundament vieler Philosophierichtungen.

Neben der Entwicklung von Raumtheorien aus philosophischer Sicht hat auch die experimentierende und beobachtende Forschung der Physik wesentlichen Anteil an der Entstehung von Raumtheorien.

Daneben gilt es noch theologische Einflüsse zu beachten, die dazu beitragen, dass die Entwicklung von Raumbegriffen sich nicht in einer einzigen ununterbrochenen Linie bewegen (vgl. Jammer 1960, S. 1 f).

2.2.1 Raumvorstellungen in der Antike: Platon und Aristoteles

In der Antike ist beim Weg zu einer Raumvorstellung eine zentrale Frage, in welcher Entfernung die Planeten zueinander stehen. Es herrschte die Ansicht vor, dass die Welt gesamthaft und umfassend eingegrenzt ist.

Platons Idee bei seiner Theorie des Raums besteht darin, dass die beiden Kategorien des Seins und des Werdens nicht ausreichen, um Welt zu beschreiben. Es bedarf einer dritten Gattung, in der alles Werden Aufnahme findet. Diese Gestalt nennt Platon „Raum“, der alles - Geistiges wie Materielles - in sich aufnimmt.

Aristoteles möchte die allgemeinen Erläuterungen Platons präzisieren und unternimmt in seiner Kategorienlehre und in der Physik selbst einen Versuch, eine Theorie des Raums zu entwickeln (vgl. Schroer 2006, S. 31 f).

Ein für uns wesentliches Raumverständnis stammt diesfalls von Aristoteles. Hier wird Raum als Schachtel oder Behälter bezeichnet, der die Dinge und Lebewesen umschließt.

So ist zum Beispiel die Aristotelische Vorstellung die eines endlichen - durch die Fixsterne begrenzten - Raums. Dieser Raum ist überall dicht gefüllt. Sein Zentrum bildet die unbewegliche, kugelförmige Erde. Um sie herum befinden sich bis hin zum Mond die Elemente Wasser, Luft und Feuer, welche in konzentrischen Kreisen angeordnet sind. Jenseits des Mondes bewegen sich die übrigen Planeten im endlichen Raum (vgl. Sturm 1997).

Einstein hat diese Raumvorstellung mit dem Begriff „container“ bildlich dargestellt, was mit „Behälterraum“ übersetzt werden kann (vgl. Einstein 1960, S. XIII).

Diese Vorstellung vom Raum als „leeren oder vollen Behälter“ ist bis heute im Alltagsbewusstsein noch weit verbreitet.

2.2.2 Der unendliche Raum und die Philosophie der Renaissance

Statt nach dem Wesen der Dinge und den Substanzen zu fragen, geht es um die Beziehungen zueinander. Die Behälter-Raumvorstellung weicht einer Vorstellung, dass die Raumverhältnisse als relativ, als abhängig vom Betrachter angesehen werden müssen.

Der Raum bleibt, auch wenn alle Körper aus ihm entfernt werden.

Während sich die Renaissancephilosophie stark in Richtung des relativen Raums entwickelt, kommt es im Zeitalter der Aufklärung durch Newton wiederum zu einer Pendelbewegung in Richtung eines absoluten Raums (vgl. Schroer 2006, S. 34 f).

2.2.3 Newton und der absolute Raum

„Im 17. Jahrhundert setzt sich Sir Isaac Newton (1643 - 1727) mit seinen Vorstellungen vom „absoluten Raum“ und der absoluten, mathematischen Zeit gegenüber den Relativisten Gottfried Wilhelm Leibniz und Christian Huygens durch, die das Konzept des relationalen Ordnungsraumes vertraten.“ (Schroer 2006, S. 35)

Newton geht von einem unendlichen und offenen Raum aus. Die Sonnensysteme und eine Vorstellung von Göttlichkeit ist nicht mehr jenseits des Raums wie in der Antike sondern im Raum selbst enthalten. Der absolute Raum nach Newton bleibt unveränderlich gleich und ist unabhängig von den in ihn enthaltenen Körpern.

Newton kennt in seinem System aber nicht nur den absoluten Raum sondern auch den relativen, beweglichen Raum, der uns dazu verhilft, den „unsichtbaren, aber einzig wahren, absoluten Raum sichtbar zu machen“ (vgl. Schroer 2006. S. 36).

Für die Langlebigkeit des Behälterkonzepts spricht die Annahme, dass die Vorstellung eines absoluten Raum das menschliche Gefühl stark anspricht. Mit dem absoluten Raum wird Klarheit, Genauigkeit und Sicherheit vermittelt. Auch in den Sozialwissenschaften lebt die Vorstellung vom Behälter-Modell als fruchtbare Illusion weiter, auch wenn man in der Lage ist, diese Theorie zu widerlegen (vgl. Schroer 2006, S. 38 f).

2.2.4 Leibniz und der relationale Raum

Gottfried Wilhelm Leibniz wendet sich strikt gegen Newtons Annahme eines absoluten Raums. Dem Raum kommt keinerlei dingliche Existenz zu. Leibniz betont vielmehr Raum als „ideelle Ordnungsformen der Erscheinungen“, die in einer „konstruktiven schöpferischen Kraft des menschlichen Geistes“ liegt.

Zur Bildung einer Raumvorstellung reichen „Lagebeziehungen“ nach Leibniz völlig aus.

„Man beobachtet, dass verschiedene Dinge gleichzeitig existieren und findet in ihnen eine bestimmte Ordnung des Beisammens. Es ist dies ihre wechselseitige Lage oder Entfernung. Entscheidend ist, dass sich die „Lagebeziehung“ eines jeden Dings aus dem „Bezug auf jedes andere“ herleiten lässt. Die Lage eines jeden Körpers ergibt sich aus seiner jeweiligen Relation zu einem anderen, also immer nur „in Relation zu“ und nicht absolut.“ (Schroer 2006, S. 39 f)

Die relativistischen Raumkonzepte von Leibniz haben nach der Überwindung des von Newton begründeten mechanischen Zeitalters gegenwärtig an Bedeutung gewonnen.

2.2.5 Raumvorstellungen bei Kant

„Die Verwendung des Raumbegriffes für Territorien oder im Sinne einer Lokalisierung an Orten erfasst nur einzelne Aspekte der Entstehung von Räumen. Dies gilt auch für die vereinzelte Nutzung des Raumbegriffes im Sinne Kants als ordnendes Prinzip a priori.“ (Löw 2001, S. 12)

Bei Immanuel Kant (1724 - 1804) findet man im Gegensatz zu anderen Philosophen und Wissenschaftlern nicht die Fixierung auf entweder einer absolutistischen oder einer relativistischen Raumvorstellung vor. Bei Kant findet man beide Positionen oft auch in einem Werk vor. Im Zuge seiner wissenschaftlichen Arbeiten betont er wechselseitig einen absoluten, einen relativen und dann wieder einen absoluten Charakter des Raums. Insgesamt verhilft Kant aber dem absoluten Raum zu einer Karriere, die das Wissenschaftsverständnis bis ins 19. Jahrhundert geprägt hat, obwohl das absolutistische Raumverständnis nach Newton längst schon überwunden war (vgl. Schroer 2006, S. 41 f).

In seinem Werk der „Kritik der reinen Vernunft“ argumentiert Kant, dass wir uns nicht vorstellen können, dass es keinen Raum gibt, wohl aber, dass sich darin keine Gegenstände befinden.

- Der Raum ist eine notwendige Vorstellung a priori; denn:

„Man kann sich niemals eine Vorstellung davon machen, dass kein Raum sei, ob man sich gleich ganz wohl denken kann, dass keine Gegenstände darin angetroffen werden. Er wird also als die Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen, und nicht als eine von ihnen abhängende Bestimmung angesehen, und ist eine Vorstellung a priori, die notwendigerweise äußeren Erscheinungen zum Grunde liegt.“ (Kant 1781, S. 39)

Raum ist für Kant eine notwendige Vorstellung (und kein empirischer Begriff), die jeder empirischen Wahrnehmung a priori zugrunde liegt. Wir können die Dinge nur so erfassen, wie sie uns erscheinen und nicht wie sie wirklich sind. Wir können nach Kant niemals klären, ob sich die Dinge tatsächlich im Raum befinden, doch sie erscheinen uns so, als ob sie sich im Raum befinden würden (vgl. Schroer 2006, S. 42).

Raum, so Kant, ist etwas, das Menschen durch ihre Vorstellungen schaffen. Der Begriff der Vorstellung soll zeigen, dass zu jedem Vorstellen die Vorstellung des Raums gehört, obwohl wir uns notfalls einen leeren Raum vorstellen können; d.h. wenn wir uns etwas vorstellen, „stellen“ wir etwas „vor“ - wir unterscheiden etwas von uns und betrachten es als etwas von uns unterschiedenes.

Deshalb bezeichnet Kant den Raum als die „Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen“. Wobei sich die Suche nach Möglichkeitsbedingungen als die fundamentale gedankliche Struktur der Kantischen Transzendentalphilosophie herausstellen sollte.

Es geht also

- nicht um Erkenntnisse darüber, wie die Welt ist,
- sondern es geht um die grundsätzlichen philosophischen Erkenntnisse darüber,
- wie wir denken können,
- dass wir von der Welt denken können, wie sie ist und
- uns in der Erfahrung zugänglich wird.

Den Raum können wir nicht erfahren und wir können ihn nicht vorstellen, aber er ist die Möglichkeitsbedingung dafür, dass wir überhaupt Vorstellungen haben und auf ihrer Grundlage Erfahrungen machen können.

Räumlichkeit ist dabei eine beliebige Konstruktion. Sie folgt festgelegten Prinzipien, welche vor jeglicher Erfahrung bereits angelegt sind:

- nämlich den Prinzipien euklidischer Geometrie. Raum erfüllt für Kant die Funktion, das Wahrgenommene wie mit einer Schablone zu ordnen.

Die Geometrie als eine synthetisch-apriorische Erkenntnis kann nur gelten, wenn der Raum als reine Anschauung a priori aufgefasst wird. Auch hier geht es um die Erkenntnis, dass die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung gleichzeitig die Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung sind (vgl. Römpp 2005, S. 38 f).

Kant zufolge kommt dem Raum also zugleich Realität und Idealität zu.

Realität hat der Raum hier in Bezug auf die Erfahrung - weil nur mit seinem Status als einer reinen Anschauung a priori Erfahrung, also Empirie, möglich ist.

Idealität darf nicht missverstanden werden, insofern dass der Raum Idealität hat, sondern ihm empirische Realität zugesprochen werden muss, insofern er innerhalb dieses Gedankens in die Möglichkeitsbedingungen einer Erfahrung von Objekten gehört.

Jenseits der Erfahrbarkeit von Objekten dagegen können wir überhaupt nicht mehr von Raum reden, weil er gar kein Gegenstand ist - er kann für sich allein nicht etwa als Bestimmendes in dem Dasein der Dinge vorkommen - sondern nur die Form möglicher Gegenstände (vgl. Römpp 2005, S. 44 f).

2.2.6 Einstein und der relative Raum

Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts haben die Erkenntnisse der theoretischen und experimentellen Physik den Raum aus der Philosophie verdrängt. Erst mit Albert Einsteins (1879 - 1955) Relativitätstheorie entsteht ein neuer Diskurs im Raum (vgl. Löw 2001, S. 20).

„Einstein überwindet mit seiner Relativitätstheorie das euklidische Raumverständnis, indem er Raum nicht länger von der Zeit trennt, so als handle es sich um zwei voneinander getrennte Größen. Einstein denkt den Raum als Raum-Zeit-Struktur.

Einstein kritisiert die Behälter-Vorstellung des Raumes dahingehend, dass der Raum und die in ihm befindlichen Körper eben keine getrennten Größen seien. Stattdessen verweist er auf die Relativität des Raumes und die Einheit von Raum und Zeit. Für Einstein ist im Gegensatz zu Newton der Raum nicht ohne Beziehung zu einem anderen Gegenstand stets gleich und unbeweglich. Der Raum wird nicht mehr als „Behälter aller körperlichen Objekte“, sondern als „relationale Ordnung körperlicher Objekte“ verstanden.

Einstein verwirft endgültig die Newtonsche Vorstellung von absoluter Zeit und absolutem Raum. Raum und Zeit sind nicht absolut, sondern nur relativ zum jeweiligen Bezugssystem der Beobachter zu bestimmen.“ (Schroer 2006, S. 43)

Norbert Elias beschreibt sein Verständnis vom in der Relativitätstheorie behaupteten Raum-Zeit-Kontinuum wie folgt:

„Jede Veränderung im Raum ist eine Veränderung in der Zeit, jede Veränderung in der Zeit ist eine Veränderung im Raum. Man lasse sich nicht durch die Annahme irreführen, man könne im Raum stillsitzen, während die Zeit vergeht: man selbst ist es, der dabei älter wird. Das eigene Herz schlägt, man atmet, man verdaut; die eigenen Zellen wachsen und sterben ab. Die Veränderung mag langsam sein, aber man verändert sich kontinuierlich „in Raum und Zeit“ - als ein Mensch, der älter und älter wird, als Teil einer sich verändernden Gesellschaft, als Bewohner der sich rastlos bewegenden Erde.“ (Elias 1997, S. 74 f)

2.3 Absolutistische und relativistische Raumvorstellungen

Die Beschreibung der verschiedenen philosophisch-naturwissenschaftlichen Denkpositionen war notwendig, da die konkurrierenden - absolutistische vs. relativistische - Raumauffassungen auch im sozialwissenschaftlichen Kontext bedeutend sind.

Bei der absolutistischen Vorstellung ist Raum die Hülle für die darin befindlichen Körper - der Raum gleicht einer Schachtel, einem Kasten oder Behälter („container“). Im relativistischen Modell wird Raum durch soziale Festlegungen erst konstituiert (vgl. Schroer 2006, S. 44).

Ein zentrales Problem der Soziologie des Raums ist bislang, dass zwar vereinzelte Prozesse der Organisation des Räumlichen beschrieben oder analysiert werden können, aber keine theoretische Vorstellung über das Zusammenwirken existiert.

„In soziologischen Theorien wird mehrheitlich eine absolutistische Raumvorstellung, d.h. bildlich gesprochen, eine Vorstellung vom Raum als Behälter von Dingen und Menschen, zugrunde gelegt.

Absolutistisch meint hier, dass Raum als eigene Realität nicht als Folge menschlichen Handelns gefasst wird. Raum wird als Synonym für Erdboden, Territorium oder Ort verwendet.

In Abgrenzung dazu wird ein prozessualer Raumbegriff vorgeschlagen. Die These ist, dass nur, wenn nicht länger zwei verschiedene Realitäten - auf der einen Seite der Raum, auf der anderen Seite die sozialen Güter, Menschen und ihr Handeln - unterstellt werden, sondern statt dessen Raum aus der Struktur der Menschen und sozialen Güter heraus abgeleitet wird, nur dann können die Veränderungen der Raumphänomene erfasst werden. Wenn also Raum nicht der starre Hintergrund der Handlungen ist, sondern in den Handlungskontext eingebunden wird, dann kann eine sich verändernde Praxis der Organisation des Nebeneinanders in das Blickfeld gerückt werden. Der Ausgangspunkt des hier entwickelten Raumbegriffs ist demzufolge relativistisch. Die Analyse des Prozesses geht jedoch, da nicht nur die Beziehungsgefüge, sondern auch die angeordneten sozialen Güter und Menschen berücksichtigt werden, über eine relativistische Perspektive hinaus. Das Ergebnis ist ein relationaler Raumbegriff.“ (Löw 2001, S. 263 f)

2.4 Wege zu einem soziologischen Raumverständnis

Der Raum kann, wie in den vorangegangenen Kapiteln beschrieben, entweder als Behälter oder als relationaler Raum gedacht werden. Gegenwärtig gibt es eine Tendenz zum relationalen Raumverständnis hin, welches derzeit auch in der Soziologie mehr Raum einnimmt. Wichtig ist eine Analyse des Raumverständnisses dann, wenn ein Stadtviertel, eine Bahnhofshalle, ein Klassenzimmer als gegebene Plätze des Sozialen vorausgesetzt werden, ohne dass Entstehungsbedingungen dieser Räume mitbetrachtet wurden.

Wenn dieser Denkraum überwunden wird, ist eine Analyse des Raumes wichtig und der jeweilige Raum kann nicht einfach als gegeben angenommen werden (vgl. Schroer 2006, S. 47).

Folgende Frage blieb bis jetzt noch unbeantwortet: Hat man es bei Räumen (nur) mit menschlichen Syntheseleistungen zu tun, oder handelt es sich bei Räumen um sachbezogene Objekte (z.B. Zimmer oder Häuser)?

Und wenn Räume beides sind, wie verhält sich dann die eine Aussage zur anderen?

Viele Theoretikerinnen kämpfen mit dem Problem, dass Räume relationale Anordnungen sind und insofern darauf basieren, dass Menschen über Denk- und Wahrnehmungsprozesse die einzelnen Elemente zu Räumen synthetisieren. Dadurch erscheint die Existenz von Räumen an menschliche Konstruktionsleistungen gebunden zu sein. Daneben gibt es quasi alltagspraktisch die Erfahrung, dass Räume materiell gestaltet sind.

Zwischen dieser Materialität der Räume und dem konstruierten Raum entsteht ein Widerspruch (vgl. Löw 2001, S. 139).

Auch Michel Foucault beschäftigte sich mit Raum und Ort.

In einem Interview zu „Fragen der Geographie“ erklärt Foucault, dass er nur durch die Betrachtung des Räumlichen die Beziehung zwischen Macht und Wissen analysieren könne. Er wendet sich gegen die Vorstellung, Zeit sei Reichtum, Fruchtbarkeit, Leben und Dialektik, wohingegen der Raum als tot und fixiert, undialektisch sowie unbeweglich erklärt werde. In Abgrenzung zu diesem fixierten, unbeweglichen Behälter versteht Foucault Raum als „Ensemble von Relationen“. Wobei mit Relationen als durch vom Menschen herstellte Bezüge gemeint ist. Seine Werke, angefangen mit „Wahnsinn und Gesellschaft“ (1969) über „Überwachen und Strafen“ (1977) mit der Analyse des Panopticon von Jeremy Bentham als Raum der Überwachung und Durchdringung bis hin zu den späten Werken zur „Geschichte und Sexualität“ sind geprägt von einer analytischen Verbindung von Raum und Zeit (vgl. Löw 2001, S. 150 f).

Bei Foucault meint Raum nicht irgendwelche Behälter um den Menschen herum, sondern Raum meint die Relationen zwischen Menschen oder zu Dingen und Handlungen.

Focault hat die Mechanismen der Vergesellschaftung des Körpers in spezifischen sozialen Räumen wie Kliniken, Irrenanstalten, Kasernen, Schulen usw. beschrieben. Die Funktionen dieser Institutionen bestimmen ihre Räume. In institutionalisierten sozialen Räumen besteht die Erwartung, dass die in ihnen tätigen Menschen z.B. Rituale inszenieren, sie aufführen und sich dadurch als Mitglieder der jeweiligen Institutionen darstellen. Die sich dabei vollziehenden Prozesse bleiben partiell unbewußt und wirken daher nachhaltig. Der Schulraum ist dafür ein gutes Beispiel. Dieser in einer Institution geschaffene Raum ist mit spezifischen gesellschaftlichen Funktionen verbunden, deren Erfüllung an diesem Ort verlangt und durchgesetzt wird. Im Schulraum erfolgt das Lernen z.B. in rituellen Inszenierungen. Mit ihrer Hilfe werden neue Verhaltensformen entwickelt und in die Körper der Kinder eingeschrieben (vgl. Liebau/Wulf/Miller 1999, S. 16 f).

Menschen müssen in Bildungsprozessen nicht nur lernen, Orte, Dinge oder Menschen zu Räumen zu verknüpfen, sondern darüber hinaus auch sich widersprechende Relationen oder sich spiegelnde Verknüpfungen als Bestandteile des Raums zu erkennen.

Versteht man Raum in dieser Weise, so ist er nicht mehr ein „Ding an sich“ oder ein Behälter, sondern ein Netzwerk, der Ausdruck ist für Relationen zwischen Lebewesen, Dingen oder Handlungen.

Im Behälterraum-Modell existiert eine Ordnung „im Raum“, im RelationenModell ist der Raum die Ordnung der Plazierungen und Lagerungen. Raum wird zum Spacing. „Spacing“ bezeichnet einen Prozess und verweist, in dem die Aktivität des Raumschaffens betont und Raum nicht einfach vorausgesetzt wird, auf die Wechselwirkung zwischen Plazierenden und Plazierungen (vgl. Liebau/Wulf/Miller 1999, S. 56 f).

Wenn Räume analysiert werden, ist auf die Verknüpfungen und die verknüpften Elemente acht zu geben.

Wenn ein Stadtteil betrachtet wird, kann er als ein eigenständiges Element wahrgenommen werden, obwohl er aus sehr vielfältigen sozialen Gütern und Menschen besteht. Dieser Stadteil bildet als ein Baustein gemeinsam relational mit den anderen Stadteilen verknüpft, den Raum der Stadt.

Der Stadtteil kann aber auch selbst als Raum betrachtet werden. Dieses Prinzip, dass je nach Perspektive ein Mensch oder ein soziales Gut selbst ein Raum oder aber ein Element einer Raumkonstruktion ist, trifft auf alle sozialen Güter und auch auf menschliche Körper zu.

Somit kann eine Stadt, ein Haus, ein Zimmer als ein soziales Gut für die Konstitution des Raumes betrachtet werden. Aber er/es kann auch selbst als Raum gesehen werden (vgl. Löw 2001, S. 157).

Ergänzend gilt es hier Simmel anzuführen, der den Menschen als den Konstrukteur sieht, der den Raum gliedert und zusammenfasst. Nach Simmel basiert die soziale Konstruktion des Raumes im Individuum und seinem Bewusstsein - in der „Seele“.

Hier ist noch anzufügen, dass der sozialen Konstruktion des Raums soziale Muster im Denken und Handeln von Individuen oder Systemen unterliegen. Erst die Wechselwirkung unter Menschen strukturiert nach Simmel den Raum. Erst Wechselwirkung erfüllt ihn mit Leben (vgl. Geenen 2002, S. 225).

2.5 Spacing und Syntheseleistung

Bei der Entstehung von Räumen können grundsätzlich zwei verschiedene Prozesse der Raumkonstitution unterschieden werden.

Erstens konstituiert sich Raum durch das Plazieren/das Anordnen von sozialen Gütern und Menschen. Weiters entstehen Räume durch das Positionieren von symbolischen Markierungen (z.B. Ortseingangs- und -ausgangsschilder).

Dieser Vorgang wird als Spacing bezeichnet.

Spacing bezeichnet also das Errichten, Bauen oder Positionieren. Als Beispiele können hier das Aufstellen von Waren im Supermarkt, das Sich- Positionieren von Menschen gegenüber anderen Menschen, das Bauen von Häusern, das Vermessen von Landesgrenzen genannt werden. Auch hier gilt es zu beachten, dass es ein Positionieren in Relation zu anderen Plazierungen ist. Spacing bezeichnet bei beweglichen Gütern oder bei Menschen sowohl den Moment der Plazierung als auch die Bewegung zur nächsten Plazierung.

Zweitens ist bei der Erzeugung von Räumen aber auch eine Syntheseleistung notwendig, d.h. über Wahrnehmungs-, Vorstellungs- oder Erinnerungsprozesse werden Güter und Menschen zu Räumen zusammengefasst (vgl. Löw 2001, S. 158 f).

„Im alltäglichen Handeln der Konstitution von Raum existiert eine Gleichzeitigkeit der Syntheseleistung und des Spacing, da Handeln immer prozesshaft ist. Die These ist daher, dass Raum eine relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern ist. Raum wird konstituiert durch zwei analytisch zu unterscheidende Prozesse, das Spacing und die Syntheseleistung. Letztere ermöglicht es, Ensembles von Gütern und Menschen zu einem Element zusammenzufassen.

Das Bauen, Errichten oder Plazieren, also das Spacing ist ohne Syntheseleistung, d.h. ohne die gleichzeitige Verknüpfung der umgebenden sozialen Güter und Menschen zu Räumen, nicht möglich.“ (Löw 2001, S. 159)

2.6 Wiedererkennungswert von Räumen im Alltag

An dieser Stelle interessiert der repetitive Charakter von Raumkonstruktionen und die Verallgemeinerbarkeit von Räumen, die als Institutionalisierung der Räume bezeichnet werden soll.

Wer durch verschiedene Städte oder auch durch unterschiedliche Stadtteile flaniert, stößt auf immer gleiche (An)Ordnungen.

Bahnhöfe in ganz Österreich gleichen sich in der Plazierung von Automaten, in der Zusammenführung von Geschäften zu Shopping Malls und in der standardisierten Anordnung von Ruhe-, Info- bzw. Servicezonen auf Bahnsteigen immer mehr an.

Auch in Fußgängerzonen wiederholen sich die immer gleichen (An)Ordnungen. Räume in und um Kirchen herum, Friedhöfe oder Supermärkte sind unabhängig von Ort und Zeitpunkt sehr ähnlich gestaltet. Im Supermarkt z.B. sind die (An)Ordnungen der Regale zueinander, die Plazierung der Güter im Verhältnis zu anderen Gütern, die Wege der Menschen um die Regale herum, die (An)Ordnungen der Kassen, der Einkaufswagen und der Schranken am Eingang institutionalisiert (vgl. Löw 2001, S. 162).

2.7 Räumliche Strukturen

Die Konstitution von Raum geschieht über die Auswahl und Plazierung der sozialen Güter.

Einrichtungen in Wohnungen gleichen den Abbildungen in den Katalogen der Möbelhäuser. Das Wohnzimmer wird zum Raum durch die wiederkehrende Konstellation aus Couchgarnitur, -tisch und Schrankwand. Sie sind demzufolge institutionalisiert. In der immer gleichen Konstitution des Raums „Wohnzimmer“ verwirklichen sich räumliche Strukturen, die Regeln der Anordnung sind abhängig von den Ressourcen. Die Mittelschicht konstituiert Wohnraum im Unterschied zur proletarischen Schicht durch freie Wände, große Bilder, große Pflanzen etc. (vgl. Löw 2001, S. 169 f).

Wenn man also der Annahme folgt, dass Räume im Handeln konstituiert werden, dann kann nun weiter gefolgert werden, „dass dieses im Alltag in Routinen organisierte Handeln gesellschaftliche Strukturen reproduziert und zwar in einem rekursiven Prozess.

Das heißt, gesellschaftliche Strukturen ermöglichen raumkonstituierendes Handeln, welches dann diese Strukturen, die es ermöglichen (und anderes verhindern) wieder reproduziert. Gesellschaftlich organisiert wird diese Reproduktion über Institutionen. In Institutionen sind gesellschaftliche Strukturen als Regeln eingeschrieben und durch Ressourcen abgesichert.“ (Löw 2001, S. 170)

2.8 Die Lokalisierung der Räume an Orten

Die Unterscheidung von Raum und Ort ist wesentlich, da Raum und Ort umgangssprachlich häufig als mehr oder weniger gleichbedeutend aufgefasst werden.

Einen Ort begreift man am besten, wenn man sich an die Vorstellung eines lokalen Schauplatzes hält, wo die geographischen Umgebungsbedingungen von gesellschaftlichen Tätigkeiten im Vordergrund stehen. In vormodernen Gesellschaften fallen Raum und Ort weitgehend zusammen, weil die räumlichen Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens für den größten Teil der Bevölkerung von der physischen Anwesenheit bestimmt waren.

Mit dem Beginn der Moderne wird der Raum immer stärker vom Ort losgelöst, indem Beziehungen mit physisch-abwesenden Menschen leichter möglich wurden, die bisher von einer Interaktionssituation mit persönlichem Kontakt örtlich weit entfernt waren (vgl. Giddens 1995, S. 30).

Die Konstitution von Raum hingegen ist ein Prozess, der - wie beschrieben

- durch zwei analytisch zu trennende Vorgänge geschieht, nämlich in der Syntheseleistung und im Spacing.

Als Spacing wird der Prozess des Plazierens bzw. Plaziert-Werdens bezeichnet.

Die Konstitution von Raum bringt systematisch auch Orte hervor, so wie Orte die Entstehung von Raum erst möglich machen. Das Plazieren kann eine einmalige Handlung sein, sie kann aber auch fixierte Gebilde wie Häuser oder Ortsschilder hervorbringen. Diese entfalten eine symbolische Wirkung. Die Unterscheidung von Raum und Ort ist demnach eine wesentliche Begriffsbestimmung.

Orte entstehen im Spacing, sind konkret benennbar und einzigartig.

Bei der Synthese können grundsätzlich drei Formen unterschieden werden,

- das Synthetisieren in der Wahrnehmung,
- das in der Erinnerung und
- jenes in der abstrahierenden Vorstellung,

wenn auch in der Praxis selten eine dieser Formen für sich allein existiert. In der Abstraktion, das heißt in Synthesen am Reißbrett, im Computer, im wissenschaftlichen Design etc., geht es häufig nur um die sozialen Güter, welche zu Räumen verknüpft werden. Die Orte, also die einzigartigen Plätze, spielen dabei keine Rolle.

Anders verhält es sich in der Wahrnehmung. Da Wahrnehmung meistens auf soziale Güter bzw. Lebewesen in ihrem Arrangement zielt, werden diese zusammen mit den Orten, an denen sie plaziert sind, wahrgenommen. Ort und platziertes Element werden nicht getrennt.

Ähnlich verläuft die Erinnerung. In ihr verschmelzen Objekte und Menschen mit ihren Lokalisierungen an konkreten Orten zu einzelnen Elementen, die dann im Gedächtnis bewahrt werden und auf diese Weise die alltägliche Konstitution von Raum beeinflussen. Maurice Halbwachs (1941) oder Jan Assmann (1997) sprechen daher davon, „dass sich das Gedächtnis an Orten orientiert“. Als Beispiel kann der Raum des „eigenen“ Stadtteils herangezogen werden. Dieser kann hergestellt werden über die Straße, in der man wohnt, die Geschäfte in der Nähe des eigenen Hauses, in denen man einkauft, und das Flussufer, an dem man sich zwar selten aufhält, das aber dem Erleben nach zum eigenen Raum dazugehört.

Weder in der Wahrnehmung noch in der Erinnerung unterscheidet man zwischen dem Ort, an dem das Haus steht, und dem Haus als sozialem Gut. Und doch sind es zwei verschiedene Aspekte eines Kontextes, das Haus könnte schließlich auch an einem anderen Ort gebaut sein.

Bedeutsamer wird die Unterscheidung bei flexiblen sozialen Gütern oder bei Menschen. Plaziert man sein Auto jeden Tag an der gleichen Stelle vor dem Haus, so entsteht dort ein Ort für „mein Auto“. Auch ohne das parkende Auto können alle Einheimischen wahrnehmen, dass dieser Ort nicht anders besetzt werden darf. Die Plazierung des Autos an dieser Stelle bringt einen einmaligen Ort hervor, und gleichzeitig macht der Ort die Plazierung erst möglich. Allerdings können die durch Plazierungen hervorgebrachten Orte auch flüchtig sein. Die Konstitution des Raums, bestehend aus dem Wohnhaus, den Geschäften und dem Flussufer, bringt einen Ort hervor, der entweder einen Namen trägt (z.B. der Stadteil „Saggen“ in Innsbruck) oder persönlich als „Krätzel“ oder als „eigener Stadtteil“ bezeichnet wird. An diesen Ort kann man sich erinnern, ohne die einzelnen Aspekte der Raumkonstruktion voneinander zu trennen (vgl. Löw 2001, S. 198 ff).

2.9 Räume als (An)Ordnungen von sozialen Gütern und Menschen an Orten

„Auf eine Kurzformel gebracht, kann man sagen:

Die Konstitution von Räumen geschieht durch (strukturierte) (An)Ordnungen von sozialen Gütern und Menschen an Orten. Räume werden im Handeln geschaffen, indem Objekte und Menschen synthetisiert und relational angeordnet werden.“ (Löw 2001, S. 204)

Dabei findet der Handlungsvollzug in vorarrangierten Räumen statt und geschieht im alltäglichen Handeln im Rückgriff auf institutionalisierte

(An)Ordnungen und räumliche Strukturen. Aus der Existentialphilosophie Heideggers (z.B. 1985) und den Analysen der Phänomenologen (z.B. Bollnow 1989) ist bekannt, dass Räume „gestimmt“ sind. Wenn eine Fußgängerunterführung angsterregend, ein Arbeitszimmer nüchtern und ein Sonnenuntergang über dem Meer romantisch wirkt, so ist dies auf dessen Gestimmtheit zurückzuführen. Nun könnte man annehmen, dass Gestimmtheit nicht mehr als die Projektion von Gefühlen auf die umgebenden Räume ist, gäbe es nicht das Phänomen des „Umgestimmt- Werdens“ durch Räume. Man betritt z.B. hektisch ein Geschäft, um noch schnell vor Geschäftsschluss die nötigen Einkäufe zu tätigen, und wird z.B. durch ruhige Musik, angenehme Gerüche etc. in eine Stimmung der Gelassenheit versetzt. Räume entwickeln demnach eine eigene Potentialität, die Gefühle beeinflussen kann. Diese Potentialität der Räume wird als „Atmosphäre“ bezeichnet.

Das bedeutet, Atmosphären entstehen durch die Wahrnehmung von Wechselwirkungen zwischen Menschen oder/und aus der Außenwirkung sozialer Güter im Arrangement (vgl. Löw 2001, S. 204 f).

Die Gestimmtheit ist ein Wesenszug schlechthin jedes Raums, wenn sie auch manchmal stärker und manchmal schwächer in Erscheinung treten mag. Weniger missverständlich könnte man vielleicht sagen, dass man den Raum im Hinblick auf seinen Stimmungscharakter betrachtet (vgl. Bollnow 1963, S. 231).

Wichtig bei der Untersuchung von Vorstellungen und Konzepten über den Raum erscheint die Erkenntnis, nicht als Ergebnis den einen „richtigen“ Raumbegriff zu erhalten. Bedeutsamer ist das Verständnis darüber, dass es verschiedene Räume und daraus resultierend auch verschiedene Raumkonzepte gibt.

Anstatt Raumkonzepte dem gegenwärtigen Stand der Forschung bzw. physikalisch-naturwissenschaftlichen Entwicklungen anzupassen, sollte vielmehr der Fokus darauf gelegt werden, die verschiedenen Raumvorstellungen, die je nach Kontext vorhanden sind, zu untersuchen und auf ihre jeweiligen Gültigkeit hin zu überprüfen (vgl. Schroer 2006. S. 179).

3 Charakteristika öffentlicher Räume

„An Orten wie Bahnhöfen und Wartesälen, wo sich tausende von individuellen Reisewegen kreuzen, wo sich die Schritte verlieren, wo zufällige Begegnung stattfinden kann, dort kann man noch flüchtig spüren, das Gefühl, dass man die Dinge nur „kommen lassen“ muss.“ (Auge´ 1994, S. 9)

Der öffentliche Raum in der klassischen europäischen Stadt war nicht einfach nur eine schöne Gelegenheit zum Aufenthalt im Freien und zur Begegnung oder ein Zweckmittel für den Verkehr zwischen Häusern.

Der öffentliche Raum war traditionell ein Bereich, der einer konkreten, vorbestimmten Nutzung entzogen war - und damit eine Voraussetzung dafür, dass städtisches Leben sich überhaupt entfalten konnte. Das beteiligt unbeteiligte Miteinander-Verkehren, die Vertrautheit in der Anonymität, das Dabei sein ohne Rechenschaftspflicht für die Anwesenheit - all das ist das Ergebnis dieser Errungenschaft (vgl. Feldkeller 1995, S. 42 f).

Für öffentliche Räume ist darüber hinaus kennzeichnend, dass sie nicht bestimmten Handlungen vorbehalten sind. Sie sind deshalb in der Regel unmöblierte, nicht eingerichtete Räume, die zunächst nur durch ihre Wände, dann auch durch die privaten Nutzungen hinter diesen Wänden geprägt sind. Die Benutzung des öffentlichen Stadtraums ist weitgehend unvorhersehbar; seine besondere Qualität liegt gerade in der Verfügbarkeit für alle möglichen Zwecke (vgl. Feldkeller 1995, S. 88 f).

Unter öffentlichem Raum versteht man Orte, die für jeden frei und ohne Bezahlung zugänglich und nutzbar sind. Dazu zählen Straßen und öffentliche Plätze ebenso wie Gebäude, die frei zugänglich sind und meist dem Staat gehören. Auch große Teile der Natur können zum öffentlichen Raum gezählt werden.

Ein Einkaufszentrum stellt dagegen nur scheinbar einen öffentlichen Raum dar, da Hausrecht und Entscheidungen über die Nutzung bei den Eigentümern, also im Privaten liegen.

[...]

Details

Seiten
124
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640530359
ISBN (Buch)
9783640530106
Dateigröße
9.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v142571
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1
Schlagworte
Bahnhof Raum Bemerkungen Wandel Räume Beispiel Innsbrucker Hauptbahnhofs

Autor

  • Robert Possenig (Autor)

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Titel: Der Bahnhof als öffentlicher Raum? - Bemerkungen zum Wandel öffentlicher Räume am Beispiel des Innsbrucker Hauptbahnhofs