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Die Gesellschaft als Geschichte

Ein Beitrag zu Luhmanns ,,Realität der Massenmedien''

Hausarbeit 2009 17 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Massenmedial garantierte Gesellschaftskommunikation

2 Das soziale Gedächtnis: Keine Fahrt ohne Fahrplan

3 Themen als ,,lokale Module‘‘

4 ,,Die Gesellschaft als Geschichte‘‘

Literaturverzeichnis

1 Massenmedial garantierte Gesellschaftskommunikation

Kommunikation ,,verführt‘‘ dazu, überall über ganz bestimmte Dinge zu reden. In unserer beschleunigten Welt kommen wir schlicht nicht dazu, auch noch über das zu kommunizieren, was unsere jeweilige Kommunikation ermöglicht. Ohnehin gibt es ,,Probleme genug‘‘.

Gesellschaftliche Systeme bilden Kreise, in denen die Teilnehmer unter demselben Code kommunizieren, selegieren und so Komplexität reduzieren. Dass man ,,gleiche Unterschiede zieht‘‘ ist erst die Grundlage dafür, Probleme auszubilden, sich eins oder uneins zu sein, Gedanken auszutauschen. Themen sind dabei massenmedial durchgesetzte Kommunikationsmuster, die allerorts und zu jeder Zeit eingesetzt werden können. Wie kann man sich den Vorgang der Themen wahl vorstellen?

1. Es wird angenommen, dass der andere von dem, worüber kommuniziert werden soll, ,,gehört hat‘‘ und
2. dass er damit auch etwas ,,anfangen‘‘ kann, dass er darunter etwas versteht.[1]

Dabei ist (zunächst) unerheblich, was der andere mit dem, worüber kommuniziert werden soll, anfängt; es spielt keine Rolle, ob verstehend oder missverstehend selegiert wird. Auch ein Aneinander-Vorbeireden kann demnach Kommunikation sein, solange denn der jeweils andere durch das eigene Selegieren zur Selektion motiviert wird, solange also feststeht, dass über dasselbe geredet, kommuniziert wird. Kommunikation kommt, so Niklas Luhmann, zustande, ,,wenn zunächst einmal eine Differenz von Mitteilung und Information verstanden wird. Das unterscheidet sie von bloßer Wahrnehmung des Verhaltens anderer. Im Verstehen erfasst die Kommunikation einen Unterschied zwischen dem Informationswert ihres Inhalts und den Gründen, aus denen der Inhalt mitgeteilt wird. Sie kann dabei die eine oder die andere Seite betonen, also mehr auf die Information selbst oder auf das expressive Verhalten achten. Sie ist aber immer darauf angewiesen, dass beides als Selektion erfahren und dadurch unterschieden wird. Es muss, mit anderen Worten, vorausgesetzt werden können, dass die Information sich nicht von selbst versteht und dass zu ihrer Mitteilung ein besonderer Entschluss erforderlich ist. Und das gilt natürlich auch, wenn der Mitteilende etwas über sich selbst mitteilt. Wenn und soweit diese Trennung der Selektionen nicht vollzogen wird, liegt eine bloße Wahrnehmung vor.‘‘[2]

Es geht also darum, dass der andere auf das, was gesagt wird, etwas erwidern kann, anschließen kann. Ob der andere anschließen will oder nicht will, ist (zunächst) nebensächlich. Bei der (expliziten) Verweigerung von Kommunikation handelt es sich deshalb nur um einen ,,ablehnenden Anschluss‘‘[3] hinsichtlich des ,,Worüber‘‘ kommuniziert werden soll. Damit können wir die erste Funktion der Massenmedien bestimmen: Es gilt, Kommunikationsgegenstände bereitzustellen, an die in der oben definierten Kommunikationssituation entweder selegierend ablehnend oder annehmend angeschlossen werden kann.

Für gesellschaftliche Kommunikation, also Kommunikation, die zu zeitgleichem gemeinsamen Erleben bzw. identischem Selegieren anregt, reichen solche Kommunikationsgegenstände allein nicht aus. Es reicht nicht aus zu wissen, dass der andere verstehend oder missverstehend selegiert; es muss vielmehr vermutet werden können, wie der andere versteht, was in einer bestimmten Situation für ihn den Unterschied ausmachen wird. (Es ist dabei natürlich nicht notwendig, dass Alter auch so selegiert wie Ego. Wenn Ego berechnen will, wie Alter auf sein Verhalten reagiert, reicht es zu prüfen, welchen Unterschied Alter ziehen wird[4].)

In einer (oder neutraler: im Sinne einer) funktional ausdifferenzierten Gesellschaft besteht die eigentliche Funktion der Massenmedien also nicht darin, Themen, Kommunikationsgegenstände bereitzustellen, sondern diese zeitlich (und räumlich) zu situieren[5] und sie – gesamtgesellschaftlich betrachtet – aufeinander abzustimmen. Das, damit man dann und dann sagen kann, dass es ,,jetzt darum geht‘‘: Die massenmedial konstruierten Kommunikationsgegenstände sind jetzt nicht mehr nur punktuelle Ereignisse (z.B. in Form von Meldungen – diese gab es ja auch schon vor tausend Jahren); die Massemedien als moderne Institutionen können vielmehr jederzeit einmal konstruierte Plätze mit Informationen versorgen, artikulieren. Insofern kann man sagen, dass die Massenmedien Gesellschaft unter halten: Wenn Oma kommunizieren will, ruft sie nicht ihren Enkel an, sondern schaltet den Fernseher an und vermeidet so: Interaktion.

Für massenmedial garantierte Gesellschaftskommunikation ist so letztlich weniger die Option des ,,ablehnenden Anschluss‘‘ (vgl. oben) sondern die Option der ,,anschließenden Ablehnung‘‘ interessant: Das medial erzeugte soziale Gedächtnis[6] sorgt in Form von Irritationen für reibungslose Teilsystemwechsel und bildet damit sozialen Sinn.

2 Das soziale Gedächtnis: Keine Fahrt ohne Fahrplan

(1)

Was es heißt, sozialisiert zu sein, machen wir oft an gewissen Merkmalen fest. Danach unterscheiden wir z.B. ,,Fehlverhalten‘‘ von ,,angemessenem Verhalten‘‘. Die Frage, wie es denn zu angemessenem Verhalten selbst (also dem Positivwert dieser Unterscheidung) kommt, wird selten gestellt[7]. Wir verhalten uns, sofern unser soziales Gedächtnis aktiviert ist, entweder angemessen oder unangemessen aber selten: ,,nicht angemessen‘‘[8].

Das soziale Gedächtnis wird von den Massenmedien bereitgestellt: ,,Die gesellschaftliche Funktion der Massenmedien findet man deshalb nicht in der Gesamtheit der jeweils aktualisierten Informationen (also nicht auf der positiv bewerteten Seite ihres Codes), sondern in dem dadurch erzeugten Gedächtnis. Für das Gesellschaftssystem besteht das Gedächtnis darin, dass man bei jeder Kommunikation bestimmte Realitätsannahmen als bekannt voraussetzen kann, ohne sie eigens in der Kommunikation einführen und begründen zu müssen. Dies Gedächtnis wirkt an allen Operationen des Gesellschaftssystems also an allen Kommunikationen mit, dient der laufenden Konsistenzkontrolle im Seitenblick auf die bekannte Welt und schaltet allzu gewagte Informationen als unwahrscheinlich aus. Die jeweils behandelten Realitätsausschnitte (Themen) werden so durch eine zweite, nicht konsenspflichtige Realität überlagert.‘‘[9] Beim sozialen Gedächtnis ,,in Aktion‘‘ handelt es sich also um ein Beobachten zweiter Ordnung, das gewissermaßen kontrollierend jegliche Operationen des Systems begleitet. Der kognitive Prozess gleicht so einer Eisenbahn, die alle paar Kilometer anhält – nur um zu kontrollieren, wie weit sie sich seit der letzten Kontrolle fortbewegt hat.

[...]


[1] Der ,,Überschuss an Kommunikationsmöglichkeiten‘‘, der in der interaktionslosen Massenkommunikation entsteht – wenn also alle etwas hören, darunter jedoch Verschiedenes verstehen, wird durch eigene Realitätskonstruktionen, durch Standardisierung, durch Programmierung aufgefangen (vgl. Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien S. 11,12).

[2] Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? in: Oliver Jahraus (Hrsg.): Aufsätze und Politik S.97

[3] Hier dehne ich die Semantik der luhmannschen Begrifflichkeit etwas aus, wie hoffentlich im Folgenden klar werden wird. Korrespondierend ist an dieser Stelle in jedem Fall das luhmannsche Konfliktkonzept (für Interaktion!) zu erwähnen: ,,Von Konflikt wollen wir immer dann sprechen, wenn ein Teilnehmer an Interaktionen es ablehnt, Selektionsvorschläge zu übernehmen und diese Ablehnung mitteilt (Interaktion, Organisation, Gesellschaft S.16).

[4] Programmierung wird so erreicht, indem infolge von Unterstellungen,,neue Zusammenhänge‘‘ hergestellt werden: Da der Sender Annahmen darüber hat, was seinen Empfänger ,,motiviert‘‘, kann er auch auf Inhalte Bezug nehmen, denen der Empfänger von sich aus eigentlich gar nicht ,,nachgehen‘‘ würde, sodass dieser letztlich – im Falle von Werbung – ,,von sich aus will, was er eigentlich gar nicht wollte‘‘ (Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien S.87). Dies setzt natürlich voraus, dass der Empfänger etwas vom Sender erwartet. Auch er arbeitet mit Unterstellungen, nur, dass sich diese nicht immer an der Codierung des Senders orientieren müssen, sondern oft bloß an seinem Programm.

[5] In Kapitel 3 entwickle ich einen schärferen Situations-Begriff.

[6] Dieser Begriff wird im Folgenden näher erläutert.

[7] In der Rhetorik als wissenschaftlicher Richtung und Vertreter eines gesellschaftlichen Teilsystems muss beides geschehen: Das Hinterfragen von Angemessenheit ist einerseits seine Funktion. Nur unter dieser Voraussetzung – dass nämlich Rhetoriker sich auf Angemessenheit als Leitschema konzentrieren – sind Handlungsanleitungen, wie man was wo sagt, als Leistungen gefragt. Mit Blick auf die Reflexion von Rhetorik als wissenschaftliche Richtung wird klar, warum sie heutzutage unter Wissenschaftlern selten als wissenschaftliche Richtung anerkannt wird: Sein disziplinäres Diktum der prinzipiell unerreichbaren – und damit uninteressanten – Wahrheit wendet sich gegen seine heutige wissenschaftliche Codierung, (welche, im antiken Sinne, philosophische Wurzeln hat).

[8] George Spencer Brown spricht von einem ,,unmarked space‘‘, den es natürlich im soziologischen Sinne nicht geben kann. Spencer Brown wird von Luhmann z.B. in: Einführung in die Systemtheorie auf S.231 zitiert.

[9] Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien S.121

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640514519
ISBN (Buch)
9783640511594
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v142257
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Die Realität der Massenmedien Niklas Luhmann Gesellschaft Massenmedien

Autor

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Titel: Die Gesellschaft als Geschichte