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Sprache und Logik in den Analysen von Ernst Hoffmann und Lothar Paul

Wissenschaftlicher Aufsatz 1984 14 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ernst Hoffmann
2.1 Das Prinzip der archaischen Logik
2.1.1 1 Stufe Logos - Epos
2.1.2 2. Stufe physis- nomos
2.1.3 3. Stufe agonaler Logos - maieutischer Logos
2.1.4 Platon
2.1.5 Aristoteles
2.1.6 Die Auflösung der archaischen Logik

3 Lothar Paul
3.1 Gesellschaft als Synthesis
3.2 Die Abfolge der Synthesen
3.3 Die Interpretation der griechischen Philosophie (bis Aristoteles) durch Lothar Paul

4 Vergleich der Auffassungen Ernst Hoffmanns und Lothar Pauls zum Verhältnis von Sprache und Logik

5 Verwendete Literatur

1 Einleitung

Im ersten Teil des Aufsatzes wird das Buch „Die Sprache und die archaische Logik“ von Ernst Hoffmann behandelt. Im ersten Kapitel werden die Grundthesen Hoffmanns referiert, die darauf folgenden Kapitel folgen dem Aufbau des Buches, in denen Hoffmann seine Thesen anhand von Texten der griechischen Philosophie zu belegen versucht und den genauen Ablauf in der Entwicklung der archaischen Logik aufzeigen will. Infolge des dichten Textes des Buches kann hier nicht jede Einzelheit referiert werden; Ziel ist es, die wichtigsten Teile des Inhalts darzustellen, insbesondere die Schlussfolgerungen Hoffmans zur Entwicklung und (im Schlusskapitel) zur Auflösung der archaischen Logik.

Der zweite Teil des Aufsatzes beschäftigt sich dann mit den Auffassungen Lothar Pauls zum Problem des Verhältnisses von Sprache und Logik. In den ersten Kapiteln werden einige wichtige Thesen und Termini Lothar Pauls eingeführt, dann wird auf den Abschnitt in seinem Buch „Geschichte der Grammatik im Grundriss“ eingegangen, der sich mit dem gleichen Zeitraum auseinandersetzt, dem auch Hoffmans Untersuchung gewidmet ist. Auch hier werden nur die wichtigsten Grundthesen aufgeführt, die für den Vergleich der beiden Positionen nutzbar sind.

Im abschließenden dritten Teil des Aufsatzes wird dann ein Vergleich der beiden Auffassungen zum Verhältnis von Sprache und Logik durchgeführt.

2 Ernst Hoffmann

2.1 Das Prinzip der archaischen Logikm

Als archaische Logik wird von Hoffmann eine Denkform gekennzeichnet, die historisch mit den Vorsokratikern begann und mit Platon und Aristoteles endete. Sie nimmt ein Zwischenstadium zwischen dem “primitiven Denken“ und dem “klassischen Denken“ ein, gekennzeichnet durch die beginnende Reflexion über das Verhältnis von Sprache und Erkenntnis. Im primitiven Denken sind das Sein des Dinges, das Haben des Dinges und der Name des Dinges „vermöge der Kenntnis des Namens als identisch“(SAL,15) gesetzt. Die Denkformen sind gekennzeichnet durch Mythik, Mantik und Magie. In der archaischen Sprachphilosophie wird die Frage nach der Aussprechbarkeit der Wahrheit über die Welt gestellt: “Kann menschliche Rede Gefäß für die Wahrheit sein?“ (SAL,VII). Doch ist sie nur Vorform der Logik, ihr fehlt die Problematisierung des Begriffs des Begriffs. Sie bleibt an die Sprache gebunden, ist nicht „vom Stoffe (=Sprache, P.K.) befreit, sondern bleibt in ihm gebunden“ (SAL,VII). In dieser ersten wissenschaftlichen Phase menschlichen Denkens ist die Loslösung dieser Gebundenheit noch nicht gelungen, erst Platon und Aristoteles schaffen es, diesen Archaismus zu überwinden.

Hoffmanns Arbeit ist nun der Versuch, dem Entwicklungsgang dieser archaischen Denkform nachzufolgen, deren Reflexionen über Sprache und das Verhältnis Sprache-Welt aufzuzeigen und deren Grenzen, die durch die Gebundenheit an Sprache gesetzt sind. Seine Arbeit ist in sechs Kapitel gegliedert. Die ersten drei sind mit dialektischen Begriffspaaren (Logos-Epos, Physis-Nomos, agonaler Logos-maieutischer Logos) überschreiben, die anderen zwei beschäftigen sich mit den größten archaischen Philosophen Platon und Aristoteles. Das Schlusskapitel thematisiert die Auflösung dieser archaischen Denkform durch eben diese Philosophen.

Im Folgenden soll versucht werden, diesem Entwicklungsgang anhand der Hoffmanschen Arbeit zu folgen.

2.1.1.1 Stufe Logos - Epos

Die erste Stufe im Entwicklungsgang der archaischen Logik wird durch die zwei Philosophen Heraklit und Parmenides gekennzeichnet. Kern ihrer Philosophie bilden die Begriffe „Logos“ und „Epos“. Für beide Philosophen bedeutet der Logos zugleich das Weltgesetz und die Rede. Er ist „adäquater Ausdruck der kündbaren Wahrheit“ (SAL,14). Demgegenüber steht das Epos, die Vokabel, der das Volk im naiven Denken anhängt:

„An bloßen Namenhaftet ja der Wortzauber; bloße Namen verehrt das leichtgläubige religiöse Gefühl der Menge, Namen sind die Träger des Heiligen im Kultus; und von bloßen Namen handeln die überlieferten Mythen.“ (SAL.,14)

Die Natur des Logos und das Verhältnis Logos-Epos wird von beiden Philosophen verschieden bestimmt.

Für Heraklit ist der Logos vergleichbar mit dem Pendel, dessen rhythmisches Maß das dialektische Gesetz des Werdens (Schlafen-Wachen, Tod-Leben,…) widerspiegelt.“ Der Logos ist etwas Universales, Allbeherrschendes, Uebergegensätzliches“ (SAL,3).Die Rede, die diesen Logos kündet, ist nicht bloße Häufung von Epos, sondern spiegelt in der synthetischen Natur des Satzes den konstanten Rhythmus des Hin und Her des Pendelausschlages wider – deshalb dürfen Rede und Weltgesetz den gleichen Namen „Logos“ tragen.“

„Die „Rede“, da sie Organ für die Erfassung und Umspannung des Ganzen ist …,und das bloße „Wort…,da es – aus dem Zusammenhang des Logos entfernt, also in der gewöhnlichen Verwendung –abgerissen und flüchtig ist wie das Objekt, welche es angeblich benennt, sie beide vertreten bereits bei Heraklit nicht den Gegensatz von Summe und ihren Bestandteilen, sondern diejenige Art von Gegensätzlichkeit, auf der Heraklits Philosophie ruht: die von Synthesis und ihren Gliedern.“(SAL,6)

So stellt Heraklit das Weltgesetz als rhythmisches Maß des Auseinander und Ineinander der Gegensätze, durch Symbole und Gleichnisse wie Strom und Krieg, Leier und Brand dar. Für Heraklit ist es unmöglich, seinen Begriff des Weltgesetztes von diesen Symbolen abzulösen und eine abstrakte Weltformel zu formulieren.

Im Gegensatz dazu bestimmt Parmenides den Logos nicht als Werden, sondern als Sein, als unzerstückelte Totalität, die ewig und unveränderlich ist und durch das reinen Denken erfasst wird – nur hier sind gültige Urteile und Erkenntnisse möglich. Diesem steht die trügerische Sinneserfahrung entgegen: Urteile über diese Sinnenwelt des Werdens sind logisch unhaltbar,

„mit ihnen verstrickt sich das Denken in Werden und Vielheit und verfällt unrettbar dem Verhängnis, für seiend zu halten, was des wahren Seins entbehrt“ (SAL,9)

Im Gegensatz zu Heraklit können die Epen bei Parmenides nicht zum Logos ergänzt werden und in ihm aufgehen, sondern bleiben Fragmente der Totalität des Seins – „Nicht das Ganze ist nach den Stücken, sondern die Stücke sind nachdem Ganzen zu bewerten“(SAL,12). An diesem Abstand zur Totalität gewinnen die Epen ihren relativen Wahrheitsgehalt und die Sinnlichkeit eine relative Berechtigung.

„Wörter bleiben Wörter; aber wer sie so verwendet, daß sie nicht erscheinen, als ob sie von sich aus schon Logos wären, verwendet sie weniger falsch, als es konventionell geschieht“ (SAL,13)

„Die Lehre des Parmenides ,auf die kürzeste Formel gebracht, lautet: Die Wörter sind “falsch“, weil sie Identität mit den Dingen, welche sie zu benennen scheinen, vortäuschen. Identisch ist nur Sein und Gedanke. Nur was ist, kann Gegenstand wahren Denkens sein; nur was denkbar ist, Inhalt „wahrhafter Rede“. Seiendes, Denkbares, Sagbares sind nicht zu trennen.“ (SAL,15)

Die Tatsache, dass Parmenides die vorlogische Identität von Haben, Sein und Namen des Dinges jetzt aus der Welt der Dinge und Wörter in den “Mundus intelligibilis“ versetzt, ist für Hoffmann eine der Voraussetzungen der archaischen Logik.

2.1.2.2. Stufe physis- nomos

Als zweites Moment in der Entwicklung der archaischen Logik tritt im 5.Jahrhundert das Problem der Konventionalität der Sprache auf. Sagen Worte etwas über die Natur der Dinge aus, gleichgültig ob sie von den Menschen, einem Gott oder aus sich selbst entstanden sind, dann sind sie physei. Geben sie dagegen keine Auskunft über das Wesen des Benannten, sind sie konventionelle Übereinkunft von Menschen, dann sind sie nomos. Als Gegner einer physei-Bestimmung der Sprache werden von Hoffmann zwei Richtungen herausgestellt:

- Die Georgianische Sophistik
- Die Philosophie Demokrits

In der Georgianischen Sophistik verschwindet die Unterscheidung Rede-Vokabel, jede sprachliche Mitteilung, jedes Verstehen gilt als unmöglich.

„das gesprochene Wort ist eine durchaus subjektive Reaktion auf einen schon durchaus subjektiven Eindruck; es ist also dem Dinge, welches benannt werden soll, hoffnungslos fern“. (SAL,18)

Wörter sind nicht Benennung von Dingen, sondern sind selber Dinge. Wie soll ein Ding etwas über ein anderes Ding aussagen können? Hier

wird in der archaischen Logik zum ersten Mal „grundsätzlich skeptisch die Frage des “Verstehens“ aufgeworfen“ (SAL,18) und seine Möglichkeit verneint, da die Wörter nicht von Natur aus eine Richtigkeit in sich tragen.

Ganz anders erscheint die Konventionalitätsthese in der Philosophie Demokrits – für ihn gibt es ein Bedürfnis nach Gemeinschaft und damit Verständigung im Menschen; Sprache ist eine Tat der Kultur.

„Wird von Georgias die Sprache nur als Versuch aufgefaßt, um subjektive Eindrücke und Vorstellungen …auszudrücken, so ist sie ein verfehlter Versuch, denn das Wort beraubt den psychischen Vorgang seines subjektiven Charakters, da es eine konventionelle Marke ist; und es reicht auch nicht an das objektive Sein des vorgestellten, den Eindruck verursachenden Dinges heran, denn es wird von einem Subjekt gesprochen; und was sich das Subjekt beim Sprechen denkt, ist dem Worte nicht mit auf den Weg zu geben. Wird andererseits die Sprache mit Demokrit nur als Phänomen der Kultur betrachtet, so führt von dem bloßen „Bedürfnis“ der Menschheit nach Gemeinschaft und Verständigung noch keine Brücke zu einem Wahrheitsgehalt des Ausgesagten“.(SAL,21).

Gegen die Vertreter der nomos-Auffassung hatten die Verteidiger der physei-Konzeption im 5.Jahrhundert einen schweren Stand, hatte ihre Auffassung doch scheinbar eine starke Ähnlichkeit mit dem vorlogischen mythischen Aberglauben (Namenzauber u.ä.) Von Hoffmann werden vier verschiedene Modalitäten einer physei-Anschauung beschrieben, deren Spuren „vereinzelt und zum Teil nur noch schwer kenntlich sind“ (SAL,22) und auf deren detaillierte Diskussion hier verzichtet werden soll:

1. Die Auffassung des Pythagoras, die von Proklos überliefert ist
2. Die der Unbekannten, die nur durch eine Polemik des Pseudo-Hippokrates bekannt sind
3. Eine Theorie, die vermutlich auf Demokrit zurückgeht
4. die von Kratylos im Platonischen Dialog vertretene Position.

Auch auf diese Positionen ist eine Logik nicht begründbar:

„Die Theorie Demokrits hielt sich an die Physis der Laute, nicht des Sinnes. Die von Pseudo-Hippokrates angegriffenen Theorie mußte versagen, sobald sie den Bereich der menschlichen Naturlaute, wie etwa einiger Interjektionen und des rein Onomatopoetischen, überschritt. Die Theorie der Herakliter führte einen Kratylos zu der Konsequenz, daß er schließlich auf das Reden überhaupt verzichtete; denn der menschliche Logos, selbst wenn er nach Heraklit richtig gebaut ist ,führt in seinen unendlich vielen Variationen doch immer nur dahin: den Einen Weltrhythmus auszudrücken, was schließlich auch mit einer Fingerbewegung darzustellen möglich ist. Die von Proklos dem Pythagoras zugeschriebene Auffassung fällte in dem Streit zwischen Zahl und Wort das Urteil ohne Einschränkung zugunsten der Zahl ,und folgerecht baute sich die pythagoreische Logik ausschließlich auf der Kategorie des Quantums auf“. (SAL,28)

Auch hier zeigt sich also wieder die Gebundenheit der archaischen Logik an das Wort.

Details

Seiten
14
Jahr
1984
ISBN (Buch)
9783640533954
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v142248
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
2
Schlagworte
Philosophie Sprachphilosophie Logik Geschichtsphilosophie griechische Philosophie Platon Aristoteles archaische Logik Sophistik

Autor

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