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Intertextualität bei Juan Goytisolo: Las virtudes del pajaro solitario - Einflüsse San Juans de la Cruz und des islamischen Mystizismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 25 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. San Juan de la Cruz
2.1 Biographische Bezüge
2.2 Zitate auf inhaltlicher Ebene
2.3 Textzitate aus San Juans Werk
2.4 San Juan und die islamische Mystik

3. Die Mystik des Islam
3.1 Sufismus – Philosophie der Außenseiter
3.2 Al Attar und ‚Das Gespräch der Vögel’
3.3 Al Farid

4. Der freie Flug

Bibliographie

1. Einleitung

Wie in seinen Werken La reivindicación del Conde Don Julian, Paisajes después de la batalla und Makbara spielt Goytisolo in seinem Roman Las virtudes del pájaro solitário mit der Struktur des Palimpsests. Während er in Paisajes después de la batalla unterschiedlichste Textarten – Briefe, Reklame, Anzeigen etc. - miteinander kombiniert, verschmilzt er in seinem 1988 erschienenen Roman Texte und Ideen unterschiedlicher Autoren, deren Fixpunkt die Auseinandersetzung mit christlicher und islamischer Mystik darstellt. Der Roman ist folglich ohne die Kenntnis einer Vielzahl anderer Werke nicht zu verstehen.

Mit Las virtudes del pájaro solitario habe Goytisolo "ein Werk geschaffen, dem ohne die Hinzunahme seiner nährenden Textwurzeln die wesentliche Sinnschicht fehlt." stellt Frederike Heitsch im Rahmen ihrer Analyse Imagologie des Islam in der neueren und neuesten spanischen Literatur fest.[1] Der Reiz und das Geheimnis des Werkes beruhen vielmehr aus dem Netz an Subtexten und Intertexten, die auf spielerisch-assoziative Weise miteinander kombiniert werden, bis sie sich zu einem feinen, nahezu unauflösbaren Gewebe verdichten, von dem der Autor selbst sagt:

"Enfrentando al lenguaje sufi, al de San Juan y al del Pájaro pienso honestamente que la tarea de buscar sus raíces es, como dijo no se quien, otra manera de andarse por las ramas. Se puede glosar Don Julian como se puede glosar su modelo Las Soledades de Don Luis de Góngora. Pero no creo que con el Cántico espiritual ni su modesta secuela ello sea totalmente posible."[2]

In den Reconocimientos am Ende des Romans gibt Goytisolo selbst Hinweise auf seine Inspirationsquellen. Er nennt einen Kanon von Werken, auf die der sich im Roman auf unterschiedlichen Textebenen bezieht und gibt seinem Leser somit Anhaltspunkte auf dem Weg durch das von ihm geschaffene Labyrinth aus intertextuellen Bezügen.

Die vorliegende Arbeit macht es sich zur Aufgabe, aus der Vielzahl der Bezüge, die Einflüsse San Juan de la Cruz und der islamischen Mystiker herauszufiltern und ihrer Bedeutung für den Roman näher zu kommen. Dabei ergeben sich Schnittstellen zwischen beiden Inspirationsquellen, die einen gewissen roten Faden durch den Text erkennen lassen.

2. San Juan de la Cruz

An keiner Stelle des Romans nennt Goytisolo den Namen des spanischen Mystikers San Juan de la Cruz, von dem er in seinen Reconocimientos schreibt: "A San Juan de la Cruz, cuya Obra Completa vertebra la estructura de la novela".[3]

Dagegen umschreibt er den Mystiker, dessen Einfluß auf Las virtudes del pájaro solitário nicht zu übersehen ist, an mehreren Stellen beispielsweise als "el autor del Cántico"[4] .

Im Anhang seines Romans listet Goytisolo explizit vier Werke auf, die sich mit Leben und Werk San Juans beschäftigen: die von dem Jesuiten-Pater Crisogono de Jesus verfaßte umfassende Biographie des Mystikers Vida de San Juan de la Cruz[5], die Arbeit des britischen Hispanisten Colin Peter Thompson El poeta y el místico. Un estudio sobre 'El Cantico Espiritual' de San Juan de la Cruz[6], die Analyse San Juan de la Cruz y el Islam[7] der Islamwissenschaftlerin Luce Lopez-Barralt und schließlich eine Ausgabe der gesammelten Texte San Juans[8], die nach Goytisolos Worten die Wirbelsäule der Romanstruktur bilden.

Wie aus den oben genannten Titeln ersichtlich, nimmt Goytisolo auf drei unterschiedlichen Ebenen bezug auf San Juan de la Cruz. Er bezieht sich sowohl auf die Biographie des Mystikers, als auch auf sein eigenes Werk und Sekundärliteratur, die sich mit den Texten San Juans beschäftigt und verleibt sich so buchstäblich den ganzen San Juan ein, mit Haut und Haar, Leben und Werk aus unterschiedlichen Perspektiven und Stadien von Nähe und Distanz.

Beginnend mit den biographischen Bezügen möchte ich im Folgenden die verschiedenen Ebenen, auf denen sich Goytisolo auf Leben und Werk San Juans bezieht und die Art und Weise, wie er diese mit seinem eigenen Text verschmilzt, beleuchten.

2.1 Biographische Bezüge

Um biographische Zitate aus dem Leben des Mystikers zu erkennen und zu verstehen, ist es unerläßlich, sich zumindest überblicksartig den Lebenslauf von San Juan de la Cruz zu vergegenwärtigen.

[9] San Juan de la Cruz wurde 1542 als Sohn eines Landadeligen bei Avila geboren. 1563 trat er dem Karmeliter-Orden bei und begann auf Kosten des Ordens ein Studium der Philosophie und Theologie an der Universität von Salamanca. Nach Abschluß des Studiums wurde er gemeinsam mit Santa Teresa de Avila als Reformator seines Ordens tätig. Er kritisierte die Verwässerung der Ordensregeln und setzte sich für eine Rückkehr zum ursprünglich vorgesehenen kontemplativen, zurückgezogenen Ordensleben der Karmeliter ein. Infolge großer Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Ordens, spalteten sich dessen Mitglieder in zwei Gruppen auf. Die Anhänger San Juans und Teresa de Avilas – die Befürworter der vita contemplativa, nannten sich fortan ' descalzos ' (die Unbeschuhten), während ihre Gegner die Bezeichnung ' calzados ' (die Beschuhten) trugen. In den ersten Versammlungen beider Gruppen, sprachen sich die Vertreter der ' calzados ' für die Gefangennahme San Juans aus, um dem Reformgeist Einhalt zu gebieten. Der unbequeme Reformer wurde daraufhin am 3. Dezember 1577 von Bewaffneten im Auftrag des Priors der ' calzados ' überrascht und festgenommen.

In einem unbeobachteten Moment soll er angeblich aus der Obhut seiner Wächter geflohen sein, um wichtige Papiere in seiner Zelle zu beseitigen. Als man ihn erneut festnehmen wollte, aß er – so geht die Legende – kurzentschlossen die wichtigsten Aufzeichnungen auf, um zu vermeiden, daß sie in die Hände seiner Verfolger fielen. Darunter soll sich auch der Entwurf zu einer Abhandlung 'Tratado de las propiedades del pájaro solitario ' befunden haben.

Die folgenden acht Monate verbrachte San Juan unter unmenschlichen Bedingungen und körperlicher Mißhandlung in einem fensterlosen Verschlag im Inquisitionsgefängnis von Toledo. Angaben von Zeitzeugen zufolge soll ein Großteil des Cántico espiritual, das er möglicherweise ganz im Gedächtnis entwarf und erst nach seiner Freilassung niederschrieb, in der Zeit seiner Gefangenschaft entstanden sein. Im August 1578 gelang ihm schließlich unter abenteuerlichsten Umständen die Flucht. An zusammengeknoteten Decken ließ er sich über die Außenmauer des Gefängnisses hinab und fand Unterschlupf im Nonnen-Konvent der Unbeschuhten, wo er seine Gedichte aufzeichnete und den Nonnen vortrug, die nach seinem Tod Zeugnis über die Geschehnisse ablegten.

In den folgenden Jahren brachte er zwei weitere Werke Noche oscura und Llama de amor viva zu Papier, während er sich weiter an der Verbreitung der Reformideen beteiligte. Als er dem Domkapitel von Segovia, das ihn kurz zuvor zum Prälaten ernannt hatte, zu unbequem wurde, enthob man ihn schließlich all seiner Ämter und verbannte ihn in ein Kloster in der Sierra Morena. Einem Verleumdungsprozeß gegen ihn fielen weitere seiner Papiere, darunter vermutlich einige literarische Werke, zum Opfer. Vom Orden vernachlässigt starb San Juan de la Cruz 1591 an den Folgen einer Fiebererkrankung, die nicht ausreichend behandelt worden war, in einer ärmlichen Klosterzelle in Ubeda.

Von der spanischen Literaturwissenschaft wurde San Juan de la Cruz jahrhundertelang ignoriert. Mit seiner vor erotischen Metaphern strotzenden mystischen Lyrik konnte kaum jemand etwas anfangen. Sie war wie die Person San Juans selbst schwer einzuordnen in die allgemeinen Strömungen ihrer Zeit und fiel aus dem Rahmen des Gewohnten.

So ist es nicht erstaunlich, daß Juan Goytisolo, der in zahlreichen Äußerungen bekannte, sich seit jeher von jeglicher Art von Außenseitern angezogen zu fühlen, Interesse an Figur und Werk des ungewöhnlichen Mystikers bekundet. Auf den ersten Blick treffen dabei zwei krasse Gegensätze aufeinander: der kontemplative Karmelitermönch und der, wie Lopez-Baralt ihn bezeichnet "a menudo violento iconoclasta novelista contemporaneo"[10] . Auf den zweiten Blick lassen sich zahlreiche Gemeinsamkeiten finden, die die beiden über vier Jahrhunderte hinweg verbinden:

Sowohl San Juan de la Cruz als auch Juan Goytisolo standen und stehen mit ihrem literarischen Werk im Kreuzfeuer der Kritik. Beide nahmen und nehmen eine ideologische und literarische Außenseiterposition in der literarischen Szene ihrer Zeit ein. So wurde San Juans Werk zu seinen Lebzeiten kaum bekannt. Da er sich mit seiner mystischen Dichtung, seiner stark erotischen Metaphorik nicht einer bestimmten existierenden Strömung zuordnen ließ und sich selbst weitgehend vom Einfluß allgemeiner Moden fernhielt, wurde die offizielle Literaturwissenschaft kaum auf seine Texte aufmerksam. Seine Außenseiterrolle innerhalb des Karmeliterordens, seine Revolte gegen die Auffassungen des 'mainstream' und seine Konfrontation mit den einflußreichen Institutionen der Inquisition lassen ihn als Identifikationsfigur für Juan Goytisolo geradezu prädestiniert erscheinen. Goytisolo, dessen Werk vor allem in der Anfangszeit seines literarischen Schaffens nur im Ausland veröffentlicht wurde und dessen assoziativ-kritischer Stil in bestimmten literarischen Kreisen auf harsche Kritik stieß, fühlt sich angezogen von der Metaphorik San Juans, deren ambigue Erotik er im eigenen Werk zum Vorbild nimmt. Daß er sich in der Pose des literarischen Märtyrers gar zu wohl fühlt, wird ihm deshalb von verschiedenen Seiten vorgeworfen. So kritisiert Frederike Heitsch, Goytisolos Vergleich mit San Juan de la Cruz sei selbstgefällig und etwas übertrieben, könne doch bei Goytisolo nicht die Rede davon sein, daß er für seine Literatur und Überzeugung ähnliche Martern hinnehmen mußte wie San Juan de la Cruz.[11]

2.2 Zitate auf inhaltlicher Ebene

Goytisolo versucht, in Dialog mit San Juan zu treten. Mittel dazu sind zahlreiche Zitate aus Leben und Werk des Mystikers, die der Autor in den eigenen Text einfließen läßt und damit untrennbar verschmilzt. Auf inhaltlicher Ebene lassen sich unter anderem folgende Elemente, die in Beziehung zu Biographie und Werk San Juans stehen, herausfiltern:

Einer der möglicherweise wechselnden Protagonisten des Pajaro solitario betätigt sich als investigador, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das verschollene Werk des San Juan de la Cruz Las propiedades del pájaro solitario intuitiv zu rekonstruieren. Nach einem mysteriösen Sturz identifiziert er sich zunehmend mit dem Mystiker und wird zum Psychopathen, der sich immer mehr als "autor de la obra de tantos amores y penas" sieht[12]. Die Krankenzelle verwandelt sich in die Gefängniszelle San Juans im Inquisitionsgefängnis von Toledo. Im Fieberwahn des Protagonisten ist wiederholt die Rede von einer Zelle und von Brüdern der Calzados, die den Gefangenen bewachen.

[...]


[1] Heitsch, S. 116.

[2] Goytisolos Vorwort zu Escritos sobre Juan Goytisolo, II Seminario Internacional sobre 'Las virtudes del pájaro solitario' (Almería, Instituto de Estudios Almerienses, 1990), S.11.

[3] Pájaro, S. 238.

[4] Pájaro, S. 221.

[5] Jesús, Crisogono de; Niño Jesús, Matías; Ruano, Lucinio (Hrsg.), Vida y Obras de San Juan de la Cruz (Madrid, Biblioteca de Autores Cristianos, 1972).

[6] Thompson, Colin P., The Poet and the Mystic – A Study of the Cantico Espiritual of San Juan de la Cruz (Oxford University Press, 1977).

[7] López-Baralt, Luce, Islam in Spanish Literature, From the Middle Ages to the Present (Leiden, New York, Köln: 1992).

[8] Cruz, Juan de, Obras Completas, Lucinio Ruano de la Iglesia (Hrsg.), (Madrid, Biblioteca de Autores Cristianos, 1982).

[9] Sämtliche biographische Angaben sind nachzulesen bei: Jesús, Crisogono de; Niño Jesús, Matías; Ruano, Lucinio (Hrsg.), Vida y Obras de San Juan de la Cruz (Madrid, Biblioteca de Autores Cristianos, 1972).

[10] López-Baralt, Luce, Inesperado encuentro entre dos Juanes de la literatura española: Juan Goytisolo y San Juan de la Cruz, in: Escritos sobre Juan Goytisolo, II Seminario Internacional sobre 'Las virtudes del pájaro solitario' (Almería, Instituto de Estudios Almerienses, 1990), S.135.

[11] Heitsch, Frederike, S. 163.

[12] Pájaro, S.127.

Details

Seiten
25
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638196642
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14196
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Romanistik
Note
1,7
Schlagworte
Intertextualität Juan Goytisolo Einflüsse Juans Cruz Mystizismus Alterität Interkulturalität Romane

Autor

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