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La razón de la sinrazón - Wahnsinn und Geisteskrankheit in Don Quijote

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 24 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2.1 Die Geschichte des Wahnsinns vom Mittelalter zur Barockzeit
2.2 Don Quijote – ein Fall für die Psychiatrie?
2.3 Pathologische Diagnose des Patienten Don Quijote
2.4 Wahnsinn als Metapher
2.5 Wahnsinn und Idealismus
2.6 Quijote, Sancho und der Rest der Welt
2.7 Wahnsinn und Fiktion

3. La razón de la sinrazón

Bibliographie

1. Einleitung

Was treibt einen alten Mann dazu, von einem Tag zum anderen Haus und Hof zu verlassen, sein Pferd zu satteln und sich als Ritter kostümiert in unbequemer Rüstung unter größten Strapazen auf die Suche nach Abenteuern zu machen? Wer sich durch die hunderte von Seiten haarsträubender Geschichten liest, die Cervantes Roman Don Quijote ausmachen, dem stellt sich diese Frage unweigerlich immer wieder von Neuem. Wer ist dieser Ritter von der traurigen Gestalt? Ein Philosoph, gar ein Prophet oder ein einfacher hirnverbrannter Spinner? Ob Prophet oder Spinner, eine gehörige Prise Wahnsinn gehört in jedem Fall dazu, sich auf derlei Abenteuer einzulassen. Und so scheint mir die Frage nach Quijotes Geisteszustand geradezu unerläßlich zum Verständnis eines der bemerkenswertesten Werke der spanischen Literatur, einem der Meilensteine der Weltliteratur.

Bis vor etwa zehn bis zwanzig Jahren beschäftigte sich die Literaturwissenschaft, die reichlich Untersuchungen zu verschiedensten Aspekten des Quijote hervorbrachte, kaum mit dem Thema des Wahnsinns – einem Aspekt, der, wie ich meine, untrennbar mit der Person und Charakterzeichnung des Ritters von der traurigen Gestalt verknüpft ist. Vor allem in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren wurden jedoch Untersuchungen veröffentlicht, die Cervantes Roman unter psychoanalytischen Gesichtspunkten beleuchten und so eine weitere Dimension in der Interpretation des Werkes eröffnen.

In der folgenden Arbeit habe ich mich entschieden, den Aspekt des Wahnsinns bei Quijote unter unterschiedlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Beginnen möchte ich mit einer Zusammenfassung der veränderten Einstellung zu Geisteskrankheiten vom Mittelalter bis zur Barockzeit, die Aufschluß über den kulturellen Kontext, in dem Don Quijote entstand, geben soll und über die epochenspezifische Auffassung von Verrücktheit. Ist Quijote geistesgestört oder bewußt verrückt? – diese Frage steht im Mittelpunkt des nächsten Kapitels. Im Anschluß wird der Geisteszustand Quijotes einer Analyse unter psychologischen bzw. psychopathologischen Aspekten unterzogen, um desweiteren auf seine literarisch-metaphorische Qualität hin untersucht zu werden. Die Verbindung zwischen Verrücktheit und Idealismus soll im fogenden unter die Lupe genommen werden. Sancho Panza als Gegenpol zu Quijote und sein Verhältnis zu Realität und Wahn gehen schließlich einer Analyse des metafiktionalen Charakters des Werkes voraus.

2.1 Geschichte des Wahnsinns vom Mittelalter zur Barockzeit

[1] Während des Mittelalters waren Geisteskrankheiten oder psychische Anomalitäten mit großer Angst besetzt. Man setzte sie gleich mit Dämonen- oder Teufelsbesessenheit. Inquisition und Hexenverbrennung taten ihr Übriges, Geisteskrankheiten zu dämonisieren und zu bestrafen. Die Spitäler des Mittelalters hatten meist Betten bzw. käfigartige Abteile, um Tobsüchtige im Zaum zu halten. Medizinische oder gar therapeutische Hilfe war für Menschen mit psychischen Problemen jedoch nicht zu erhalten. Sie wurden in der Regel lediglich dämonisiert bzw. aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt und/oder düsteren Exorzierungsmethoden unterzogen.

Hand in Hand mit der Furcht vor dem Wahnsinn ging in der Zeit der Gotik die Angst vor dem Tod, die in zahlreichen Darstellungen des Totentanzes künstlerischen Ausdruck fand.

Erst die Renaissance entdeckte die Sprache des Wahnsinns und machte sie sich zunutze. Traditionelle Werte und Tabus wurden hinterfragt. Das 16. Jahrhundert erlebte die Umkehrung vieler Werte. Verunsichernde Fragen nach Vernunft und Unvernunft, Diesseits und Jenseits stellten die bisher festgefügte Welt des Mittelalters in Frage. Der Wahnsinn gewann neue Dimensionen und wurde zum Teil als Zustand der Freiheit und Ungehemmtheit erlebt. Geisteskrankheiten wurden menschlicher wahrgenommen und zumindest in Intellektuellenkreisen von der mittelalterlichen Stigmatisierung befreit. Man erkannte im Wahnsinn die einzigartige Kapazität, sich zwischen Wirklichkeit und Einbildung zu bewegen und so Dinge zu sehen und auszusprechen, die vom Standpunkt der Normalität aus unmöglich waren.

Zum Ausdruck der Stimmung dieser Zeit wurden die Narrenfeste, die in vielen Städten Europas zum alljährlichen Vergnügen der Bürger eingeführt wurden. Inspiriert von italienischen Karnevalsbräuchen feierte man einmal jährlich ausgelassen und ließ alle gesellschaftlichen Vorschriften hinter sich. Während einer begrenzten Zeit des Jahres ließ man so die Welt Kopf stehen und brach mit den Werten und Moralvorstellungen des Mittelalters. Auch bildende Kunst und Literatur spielten mit dem Thema des Narrenfestes. Ihm entwuchsen die phantastisch-surrealen Bilder von Hieronymos Bosch und Peter Breughel. Vom Geist seiner Zeit inspiriert schrieb Erasmus von Rotterdam das Lob der Torheit.

Im elisabethanischen und französischen Theater gehörten neben Wahnsinnsszenen auch Träume zu den wichtigsten dramatischen Elementen der Stücke. Insbesondere Shakespeare machte Träume und Wahnsinnsszenen zum zentralen Element vieler seiner Dramen, wie zum Beispiel in Ein Sommernachtstraum/ Macbeth/ König Lear.

Gegen Mitte des 17. Jahrhunderts schlug die Stimmung wieder um. Das aufstrebende Bürgertum definierte eine neue Moral, die Moral der Arbeit und Produktivität in Vorbereitung des technischen Zeitalters. Diese neue Moral hatte tiefgreifende Folgen für den Umgang mit Wahnsinn, Geisteskrankheiten und sämtlichen dem Bürgertum unerwünschten Erscheinungen der Gesellschaft. In großen Internierungshäusern wurden sowohl psychisch Kranke als auch Bettler, alte Leute, Libertins und alle, die gegen die Ordnung von Vernunft und Moral verstießen, weggesperrt. Eine von der Norm abweichende geistige (und körperliche) Konstitution wurde als krankhaft bezeichnet und mit Sanktionen belegt. Der Wahnsinn wurde seiner Sprache beraubt.

Erst mit Sigmund Freud beginnt etwa 250 Jahre später ein neuer Versuch, den Dialog zwischen Vernunft und Unvernunft aufzunehmen. Mit der Entwicklung der Psychoanlalyse schuf Freud eine Methode, die die Sprache des Irrationalen ernst nimmt und als Quelle zum Verständnis des menschlichen Geistes benutzt. Den kurz zuvor noch peinlich versteckten okkulten Seiten der menschlichen Psyche verhelfen Freud und seine Schüler und Mitstreiter zu sprachlichem Ausdruck.

Die Entwicklung des Don Quijote ist in enger Verbindung mit seiner Entstehungszeit zu sehen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war das goldene Zeitalter längst begraben. Die Renaissance als Zeit des Aufbruchs wurde allmählich von reaktionären Strömungen abgelöst. Cervantes schrieb das Werk an der Grenze zwischen Renaissance und Barockzeitalter, zwischen der Akzeptanz und der Ausgrenzung des Irrationalen. In der Figur des Don Quijote wiederum spiegelt sich eine andere Zeit des Umbruchs wider – die des Wandels vom Mittelalter zur Renaissance. In einer Epoche, die die Werte und Normen des Mittelalters längst begraben hat, läßt Quijote die Welt der Ritter – wenn auch aus Büchern idealisiert – wieder aufleben und stellt so die rationale Weltsicht der Renaissance einer von magischen Interpretationen der Welt geprägten mittelalterlichen Sicht gegenüber.

2.2. Don Quijote – ein Fall für die Psychiatrie?

Ist Don Quijote tatsächlich Opfer einer Geisteskrankheit und seine Eigenarten und Weltverdrehungen deshalb unbewußt oder lebt Quijote seine Verrücktheit bewußt, um der Welt der Vernunft zu trotzen? Diese Frage beschäftigte Gelehrte und Leser seit Entstehung des Buches. Von ihrer Beantwortung hängt die gesamte Interpretation des Romans ab. Cervantes gab keine eindeutige Antwort. Er läßt den Leser im Dunkeln tappen, löst die Ambiguität nicht auf. Ob er selbst für sich zu jedem Zeitpunkt der Entstehung des Quijote eine Antwort im Hinterkopf hatte, ist zu bezweifeln, zumal das Werk sich etappenweise weiterentwickelte und zu Anfang lediglich als kurze Novelle gedacht war.

An Quijotes Verrücktheit scheiden sich die Geister. Eine Fraktion von Wissenschaftlern vertritt beispielsweise die Meinung, daß es sich dabei um einen von der Realität kopierten Wahnsinn handelt, den Quijote bewußt als Spiel betreibt.

Zweifel an Quijotes Geistesgestörtheit kommen vor allem, wenn man ließt, wie bewußt sich Alonso Quijano auf seine neue 'Rolle' als fahrender Ritter vorbereitet: er wählt ein Pseudonym, sowohl für sich als auch für seinen Gaul, und legt sich somit gezielt eine neue Identität zu. Man fragt sich, ob er nicht vielleicht seinem tristen Leben als armer Landadeliger entkommen möchte. Und man fragt sich, ob er nicht vielleicht, weil er den Tod im Nacken spürt, noch einmal einen 'adventure trip' unternimmt, um den Abenteurer in sich wiederzuentdecken, der in der drögen Provinz unter Konventionen verborgen war. Um diese These zu unterstreichen, läßt sich ein Zitat aus dem 31. Kapitel des zweiten Teils anfügen, in dem über Quijote gesagt wird: "...y aquel fue el primer dia que de todo en todo conoció y creyó ser caballero andante verdadero y no fantastico"[2] . Und es entsteht der Verdacht, daß Quijote sich selbst bis zu diesem Moment nicht unverbrüchlich sicher war, ein fahrender Ritter zu sein und daß es ihn womöglich einige Anstrengung kostete, an seine selbstgewählte Identität zu glauben.

An anderer Stelle bemerkt Quijote, er habe seit Kindertagen Spaß an allerlei Schabernack und läßt damit den Schluß zu, daß es sich bei seinem Ritterdasein auch um eine Art bewußte Maskerade handelt, die er zu einem Großteil aus purem Vergnügen am Rollenspiel unternimmt.

Gründe genug, um an seiner Verrücktheit festzuhalten hätte Quijote im Übrigen auch ohne an Geisteskrankheit zu leiden. Als offiziell Verrückter genießt er buchstäblich Narrenfreiheit, zahlt keine Zeche und zieht sich in brenzligen Situationen mit fadenscheinigen Argumenten aus der Affäre. Mit dem Stempel des Verrückten bedacht, wird er nicht haftbar für sein Tun gemacht, seine Erklärungen und Ausflüchte werden seiner Verrücktheit zugeschrieben und deshalb, wenn auch nicht ernst genommen, so doch akzeptiert. So schiebt er, als Sancho bei der 'venta' ausgepeitscht wird, plötzlich seine Ritterehre vor, um nicht für seinen Knappen in die Bresche springen zu müssen und selbst Schläge zu kassieren. Als Ritter sei es ihm nur erlaubt, gegen Seinesgleichen Gewalt anzuwenden, nicht gegen Mitglieder des gemeinen Volkes:

„...que te lo juro por la fe de quien soy, que si pudiera subir o apearme, que yo te hiciera vengado de manera que aqellos [follones] y malandrines se acordaran de la burla para siempre, aunque en ello supiera contravenir a las leyes de la caballería, que, como ya muchas veces te he dicho, no conscienten que caballero ponga mano contra quien no lo sea, si no fuere en defensa de su propia vida y persona, en caso de urgente y gran necesidad.” [3]

In anderen Situationen bilden Quijotes Verrücktheit und sein Glaube an Verzauberung eine Art Schutzschild gegen die Boshaftigkeit und Schadenfreude derjenigen, die ihm immer wieder Streiche spielen. Sein Ritterideal läßt ihn das teilweise brutale, erbarmungslose gesellschaftliche Leben 'from the sunny side' sehen und gibt ihm nicht zuletzt die Möglichkeit, ein anderer zu sein und seinem eingefahrenen Leben als verarmter Landadeliger eine neue Richtung zu geben, wie er selbst sagt: "De mi se decir, que despues que soy caballero andante, soy valiente, comedido, liberal, bien criado, generoso, cortes, atrevido, blando, paciente, sufridor de trabajos, de prisiones y de encantos..."[4]

Indem er einen eigenen Regelkodex für sein Leben aufstellt, setzt Quijote die Regeln der Gesellschaft für sich und teilweise auch für die Menschen seiner Umgebung bis zu einem gewissen Punkt außer Kraft. Die Ernsthaftigkeit, mit der er seine Phantasie lebt, eröffnet ihm Freiräume, die er in einer konventionellen Existenz niemals betreten hätte.

Eine andere Gruppe von Literaturwissenschaftlern unterstützt die These von Quijotes tatsächlicher Geistesgestörtheit. Betrachtet man den Text genau, finden sich ebenfalls Indizien, die diese Hypothese unterstützen. So schreibt der Erzähler die Ursache von Quijotes Verrücktheit einem physischen Defekt zu, der durch die Lektüre von Ritterromanen wenn schon nicht ausgelöst, so doch verstärkt wird. Das Hirn ist ihm ausgetrocknet – "de poco dormir y del mucho leer se le secó el cerebro..."[5] – eine typische pseudo-medizinische Erklärung, auf den Säfte-Lehren des Mittelalters beruhend, die zu Cervantes Zeit durchaus in Mode war. Mit der Körpersäftelehre wurden unterschiedliche Gemütszustände erklärt. Jede psychische Verfassung wurde ihnen zufolge auf ein Übermaß oder eine zu kleine Menge einer bestimmten Körperflüssigkeit zurückgeführt. So wird Quijote in Teil I bereits als Melancholiker beschrieben in Verbindung mit einer Schilderung seines mageren, ausgemergelten Körpers.

Eine Theorie, die sich an die Charakterisierung Don Quijotes als Melancholiker anschließt, bietet Michael D. Hasbrouck in seinem Artikel Posesión demoníaca, locura y exorcismo en el ‚Quijote’[6]. Hasbrouck stellt die These auf, daß im mittelalterlichen Denken Melancholie oftmals mit Teufelsbesessenheit in Verbindung gebracht wurde. Daraus folgend interpretiert er Quijotes Reisen wie einen allmählichen Exorzierungsprozeß, der sein erfolgreiches Ende kurz vor Quijotes Tod nimmt. Als Belege für seine These fügt Hasbrouck dessen Angriffe auf den Geistlichen und die Tatsache, daß Quijote Dulcinea über Gott stellt an, neben einigen sehr freigeistigen Bemerkungen des Ritters. Weitere Indizien für Hasbrouks These: Als Don Quijote und Sancho Barcelona erreichen, werden gerade Johannesfeuer abgebrannt, die auch dem Zwecke der Vertreibung böser Geister dienen. Als Quijote am nächsten Tag beim Tanz ohnmächtig wird und ihn die geladenen Gäste vom Boden aufheben wollen, ruft er ihnen zu: „!Fugite, partes adversae!“[7], eine Formel, die auch bei der Teufelsaustreibung benutzt wird. Bevor er in sein Heimatdorf zurückkehrt, begegnet ihm schließlich eine Schweineherde, die Hasbrouck als Anspielung auf die Episode des Besessenen von Gerasa aus dem Neuen Testament sieht, in der Jesus Christus einen Besessenen heilt, indem er dessen böse Geister in eine Schweineherde fahren läßt. All diese Beispiele scheinen eine mögliche Exorzismus-These zu belegen, auf die ich an dieser Stelle jedoch nicht weiter eingehen werde, da sie für mich nicht zu den wesentlichsten Aspekten von Quijotes Wahnsinn gehört.

[...]


[1] Die Kulturgeschichtlichen Angaben sind Michel Foucaults Analyse Psychologie und Geisteskrankheit (Frankfurt a. M.: 1968) entnommen.

[2] Cervantes, Miguel de, Don Quijote de la Mancha, (Madrid: Cátedra, 1998), Bd. II, Kap. 31.

[3] Quijote I, S. 226.

[4] Quijote I, S. 50.

[5] Quijote I, S. 100.

[6] Hasbrouck, Michael D., Posesión demoníaca, locura y exorcismo en el Quijote, in: Cervantes, Vol.12 (1992).

[7] Quijote II, S. 498.

Details

Seiten
24
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638196635
ISBN (Buch)
9783638867016
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14195
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Wahnsinn Geisteskrankheit Quijote Quijote-Lektüren

Autor

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Titel: La razón de la sinrazón - Wahnsinn und Geisteskrankheit in Don Quijote