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"Die Jungfrau von Orleans" - Klassisches oder romantisches Drama?

Hausarbeit 2009 33 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Beschreibung des Inhalts von Schillers Jungfrau von Orleans

3. Der Versuch einer Interpretation
3.1. Der Anfang des Göttlichen
3.2. Die Erhabene und Heilige
3.3. Talbot und die Begegnung mit Montgomery
3.4. Lionel und die Empfindung des Herzens
3.5. Johannas Zerrissenheit
3.6. Die Verbannung und die Selbstfindung
3.7. Der Tod und die Apotheose

4. Ist Schillers Jungfrau von Orleans ein klassisches oder ein romantisches Drama?
4.1. Warum es ein klassisches Drama ist
4.2. Warum es ein romantisches Drama ist
4.2.1. Zum Begriff des Romantischen
4.2.2. Romantische Elemente und Motive
4.2.3. Die Rechtfertigung des Untertitels „Eine romantische Tragödie“

1. Einleitung

Die „Jungfrau von Orleans von Friedrich Schiller wurde im Jahr 1801 geschrieben und ist mit der Bezeichnung der „romantischen Tragödie“ ein Drama, welches zur Diskussion anregt, zählt doch Friedrich Schiller zu einem der größten klassischen Dichter. Die Jungfrau von Orleans ist ein Drama, das die Fremdheit des Inder-Welt-Seins des Menschen inmitten der unreinen, negativ belastenden Welt und den Versuch der Versöhnung mit der Welt aufzeigt[1]. Des Weiteren stellt dieses Werk von Friedrich Schiller die Differenz zwischen Johannas göttlichem Auftrag, welcher daher übermenschlich, aber unmenschlich ist und ihrem Inneren dar[2].

Die Geschichte löst sich in diesem Drama in Geschichte und Legende auf, wobei es in der Historie sicherlich auch so angelegt ist, verstärkt Schiller den Eindruck noch durch übernatürliche Züge und Symbole, auf die in dieser Hausarbeit noch detaillierter eingegangen wird. Primär ging es Schiller um die Schilderung der Geschichte des Inneren dieser Frauengestalt, die erst mit der Überwindung der Liebe ihre übernatürliche Kraft wieder erhält. Johannas Schicksal überhebt sich über die eigene Natur, verzichtet auf irdisches Sinnglück und bejaht im Glauben ihren Tod. Die Liebe, die Überwindung und die abgeänderte Form der Historie, in der Schiller Johanna nicht auf dem Scheiterhaufen, sondern auf dem Schlachtfeld sterben lässt[3] ist ein Beleg dafür, dass die europäische Geschichte Inhalte zur Verfremdung bot[4].

Der Schicksalskampf Johannas, wobei das Schicksal in diesem Zusammenhang bedeutet, dass der Mensch sich über seine Freiheit bewusst ist, sich in ihr allerdings durch Äußeres beschränkt sieht und der inneren Freiheit somit eine äußerer Naturkraft, wie Macht entgegensetzt wird spielt in diesem Drama eine wesentliche Rolle. Die Antithese von Glaube und Unglaube, welche sich vermutlich in poetischer Anschauung auflöst, bildet das Innere des Stücks[5]. Handelt es sich bei dem Stück, dessen Entstehungs- und Aufführungszeit in das klassische Jahrzehnt fallen, tatsächlich um ein Drama, welches nur der Klassik zu zuordnen ist? Und wir erklärt sich dann, der von Schiller gegebene Untertitel? Dieser Frage soll, nach Beschreibung der Figur Johannas, dem Versuch einer Interpretation und der Erläuterung des Klassischen und Romantischen in dieser Arbeit nachgegangen werden.

2. Die Beschreibung des Inhalts von Schillers Jungfrau von Orleans

Im Prolog erscheint Johanna d’Arc, die Tochter von Thibaut d’Arc als Hirtin. Ein im ersten Moment sehr einfach erscheinendes Mädchen. Der Eindruck des Einfachen verliert sich während des gesamten Dramas nicht[6].

Sie wird von einer Stimme heimgesucht, die ihr den Auftrag auferlegt, Frankreich von den bedrängenden Engländern zu retten und durch diese Befreiung die Königskrönung Karls herbeizuführen. Sie nimmt diesen Auftrag an und ist begeistert, wenn ihr das Göttliche des Himmels offenbart wird. Sie ist Prophetin und der Geist Gottes spricht durch ihren Mund. Im Monolog nimmt sie Abschied von ihrer Heimat, um ihrem göttlichen Auftrag zu folgen.

Johanna erscheint vor dem König und berichtet, dass die Himmelskönigin zu ihr gesprochen habe. Sie erscheint dort mit einer Art des Wunderbaren, dass sie vom König den Befehl über sein Herr bekommt und vom Erbischhof gesegnet wird.

Der heilige Auftrag ist es, der Johanna die irdische Liebe verwehrt und ihr kriegerisches Tun rechtfertigt.

Im Höhepunkt des Dramas, die Begegnung mit Lionel, welcher durch die kriegerische Begegnung mit Montgomery vorbereitet wurde, gelingt es Johanna nicht ihre kriegerischen Taten fortzusetzen, da sie Lionel bei seinem Anblick nicht töten kann.

Diese Liebe und Berührung ihres Herzens, auf dessen Bedeutung im Folgenden noch eingegangen wird, sieht Johanna als einen Bruch, vielmehr noch als einen Verrat ihres Auftrags an. Sie muss ihrem Gegner gegenüber die Existenz ihres Herzens leugnen, welche allerdings das Wesen ihres Menschenseins ausmacht. Das Johanna sich darüber sehr wohl bewusst zeigt sich an folgender Textstelle des Werkes[7].

Muss ich hier, ich muß [!] – mich treibt die Götterstimme, nicht eigenes Gelüsten,- euch zu bitterm [!] Harm, mir nicht zur Freude, ein Gespenst des Schreckens würgend gehen, den Tod verbreiten und sein Opfer sein zuletzt![8]

Dies ist allerdings nicht der einzige Höhepunkt, denn auch die Krönung des Königs ist ein Höhepunkt[9].

Schließlich wird der König in Reims gekrönt und in diesem siegreichen Fahnezug schweigt Johanna gegenüber den Vorwürfen ihres Vaters, der meint, seine Tochter sei mit dem Teufel im Bunde. Die Szenerie, in der ihr diese Vorwürfe gemacht werden, wirkt durch die Beschreibung des Einsetzens von Donnerschlägen noch eindrucksvoller. Johanna steht vor dem Problem, ihren göttlichen Auftrag und ihre selbstbewusste Moralität in Einklang zu bringen und ist gezwungen ihre Zerrissenheit zu überwinden[10]. Johanna wird vom König verbannt, flüchtet sich in den Ardennerwald und findet in der Natur wieder die Rückkehr zu sich selbst und ihren Frieden. Es gibt für Johanna keine Freiheit und Wahl, wie bei anderen Menschen, die dadurch versuchen ihr Ich wiederherzustellen. Die Wiederherstellung Des Ichs von Johanna geschieht allerdings nicht nur Einsicht oder Tat, sondern aus dem Hinnehmen der Prüfung, die sie, weil sie vom Vater auferlegt ist ebenfalls als göttlich ansieht. Viel zu spät erkennt sie die Unmenschlichkeit des Auftrages der Himmelskönigin und so scheint es für Änderung zu spät[11].

Schließlich wird sie von den Engländern in Gefangenschaft genommen. Liegend in Ketten hört sie vom Schicksal ihres Landes, betet zu Gott und befreit sich, wie durch ein Wunder aus den Ketten der Gefangenschaft.

Am Ende des Dramas stirbt sie in Bewusstsein über die Treue und der von Schuld befreiten Erfüllung ihrer Sendung, aufgenommen von König auf dem Schlachtfeld, wo sie mit Fahnen bedeckt wird[12].

3. Der Versuch einer Interpretation

3.1. Der Anfang des Göttlichen

Das Wesen Johannas wird im Prolog mit unbeschreiblicher Poesie geschildert. Diese Poesie ist strebend und bedeutet Hingabe zum Wunderbaren. Die Sehnsucht nach der Poesie wird zu Poesie und zeigt sich in der Sehnsucht nach dem unsichtbaren Gott. Die Poetisierung geschieht durch die Beschreibung der Umgebung und der Abhandlung des Geschehens. Deutlich wird das unter anderem durch die Verwendung von heidnischen und christlichen Motiven, wie dem Druidenbaum, also der Eiche und der Kapelle, in der sich das Bild der Mutter Gottes befindet. Die idyllische Beschreibung dieser ländlich pastoralen Szenerie wirkt auf den Leser unbeschreiblich und kaum fassbar[13]. Hier wird eine Verwandlung des Historischen in das Legendäre dem Leser vor Augen geführt und der historische Stoff in poetischer Gestalt und Wirkung verwandelt.

Johanna ist tief in ihrer Seele ganz eng mit der Natur und ihren Kräften verbunden und hält Zwiesprache mit den Lüften. In ihr sind Kräfte, die wirken, ohne das sie für die menschlichen Maße begreifbar sein könnten und dieses Nichtbegreifen wird durch das Verhalten ihres Vaters, der kein Verständnis für ihr Verhalten zeigen kann besonders deutlich. Seiner Meinung nach, ist das seltsame Verhalten seiner Tochter, unter anderem auch die Abweisung der Liebe zweier Männer nur eine Tracht des Herzen, welches sich seiner Niedrigkeit schämt[14].

Der Helm, den Johanna an sich nimmt steht hier als Symbol von Mut und Sendungskraft. Das Vorspiel lässt es zu, dass man Johanna in einer anderen Welt stehen sieht und nicht in der natürlichen und allgemeinen Erfahrungswelt.

Das es keine krankhafte Vorstellung von ihr ist, dass sie zu Höherem berufen sei, zeigt der Helm und die Überbringung des Selben. Er kündigt eine andere Wirklichkeit als die alltägliche an.

Das Zeichen des Himmels, welches ihr den Auftrag sandte, ist für die Hirtin eine Mission, die für sie eine schicksalsschwere und auch leiderfüllte Prüfung bedeutet. Für andere ist es ein Heil zum Göttlichen berufen zu werden, für sie eine unaussprechlich schwere Aufgabe. Den Auftrag, den Johanna erhält kann als ein Eingreifen von höheren Mächten auf der Erde verstanden werden, welchem sich Johanna selbstlos hingibt. Besonders poetisch beschreibt Schiller den Abschied von Johanna aus ihrer geliebten Heimat[15]. Johannas Rede, als sie ihr Elternhaus und ihre Heimat verlässt, um dem Ruf der höheren Mächte zu gehorchen ist die „herrlichste Offenbarung der Poesie.“[16]

Als die Himmelsgöttin zu Johanna spricht, zeigt sie auf, was des Weibes Pflicht auf Erden ist. Es ist der Gehorsam gegenüber dem Göttlichen und das Erdulden dieser Pflicht. Dieser Gehorsam lässt sich auch als Müssen verstehen. An dieser Stelle des Dramas, nämlich als die Himmelsgöttin das dritte Mal scheltend zu Johanna spricht und sie darauf hin ihre Angst und Zweifel überwindet ist das menschlich-irdische überwunden.

„Für ihren Siegeszug haben Helm, Schwert und Fahne diese Kleinstimmigkeit übertönt und zum Schweigen gebracht“[17].

Es scheint, als habe Johanna ihre Individualität als Mensch mit der Annahme des Auftrags vollkommen ausgeschaltet und ist nun Werkzeug für die Erfüllung des göttlichen Auftrages. Friedrich Oberkogler beschreibt Johanna als „irdischen Arm der Götter“ und versteht, wenn er von Wunder, wunderbaren Ereignissen und Begebenheiten schreibt, darunter jene Begriffe, die aus dem reinen Verstandesdenken nicht greifbar und fassbar sind[18].

Am Anfang erscheint Johanna als schöne Seele. Die schöne Seele bedeutet Harmonie von Sinnlichkeit und Vernunft, von Natur und Geist und wirkt graziös im Ausdruck ihrer Erscheinung. Sie ist allerdings nur eine Idee, nach der es zu streben gilt, welche allerdings nie ganz zu erreichen ist[19]. Die durch gottgegebene Höhe, rechtfertigt die am Anfang stehende Außerordentlichkeit Johannas und ist gleichzeitig an das Liebesverbot gebunden[20].

„Nicht Männerliebe darf dein Herz berühren mit sündgen [!] Flammen eitler Erdenlust.“[21]

An dieser Stelle des Dramas ist deutlich eine Analogie zur Keuschheit Marias zu erkennen, allerdings liegt Kern in der Negation der Neigung und damit auch in der Sinnlichkeit Johannas. Gleichzeitig zeigt sich hier aber auch, dass die Sendung mehr Zwang als selbstgewollter Auftrag ist, welcher die unerberitterliche Forderung des menschlichen Tötungsgebots darlegt.

Mit der Einwilligung zu ihrem Auftrag, die ein Nein zu ihrer Sittlichkeit darstellt, verliert sich nun auch die moralische Autonomie, womit die Chance zur Erhabenheit verwehrt ist. Die Erhabenheit kann nur auf der Grundlage der sittlichen Freiheit verwirklicht werden und durch die unbedingte Hingabe zum göttlichen Auftrag verspielt Johanna die Chance erhaben zu sein.

Es bleibt nichts anderes als der innere Zwiespalt[22]. Dieser Zwiespalt bzw. Johannas innere Gespaltenheit von Sendung und Person ist Thema des Dramas von Friedrich Schiller.

Nach Andreas Siekmann, ist Johanna die Chance erhaben zu sein nun verwehrt, aber erweckt sie nicht doch in diesem Drama den Eindruck erhabene Heilige zu sein?

[...]


[1] Schulz, Gerhard: Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration. Erster Teil 1789-1806. München: C.H.Beck 1993. (Bd.7/1.) S. 734.

[2] Siekmann, Andreas: Drama und sentimentalisches Bewusstsein. Zur klassischen Dramatik Schillers. In: Pommersfeldener Beiträge. Hg von Claus Bussmann / Friedrich A. Uehlein. Sonderband 1. Frankfurt am Main 1980. S. 73.

[3] Sørensen, Beng Algot (Hg.): Geschichte der deutschen Literatur 1. Vom Mittelalter bis zur Romantik. 2. Auflage. München: C.H. Beck 2003. S. 286.

[4] Wiese, Benno von: Die deutsche Tragödie von Lessing bis Hebbel. 5.Auflage. Hamburg: Hoffmann und Campe 1961. S.515.

[5] Klingemann, August: Ueber Schillers Tragödie: Die Jungfrau von Orleans: 1802. Hg. v. Gabriella Balassa. Hannover: Revonnah 1997. S.13.

[6] Ebd. S. 26.

[7] Siekmann, Andreas: Drama und sentimentalisches Bewusstsein. Zur klassischen Dramatik Schillers. In: Pommersfeldener Beiträge. Hg von Claus Bussmann / Friedrich A. Uehlein. Sonderband 1. Frankfurt am Main 1980. S. 88.

[8] Schiller, Friedrich: Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie. Stuttgart: Reclam 2002. S. 63, Z. 1659ff.

[9] Storz, Gerhard: Schiller. Jungfrau von Orleans. In: Das deutsche Drama. Vom Barock bis zur Gegenwart. Interpretationen I. Hg. von Benno Wiese. Düsseldorf: Babel 1967. S. 352.

[10] Siekmann, Andreas: Drama und sentimentalisches Bewusstsein. Zur klassischen Dramatik Schillers. In: Pommersfeldener Beiträge. Hg von Claus Bussmann / Friedrich A. Uehlein. Sonderband 1. Frankfurt am Main 1980. S. 93.

[11] Storz, Gerhard: Schiller. Jungfrau von Orleans. In: Das deutsche Drama. Vom Barock bis zur Gegenwart. Interpretationen I. Hg. von Benno Wiese. Düsseldorf: Babel 1967. S. 360.

[12] Oberkogler, Friedrich (Hg.): Die Jungfrau von Orleans. Eine Werkinterpretation auf geisteswissenschaftlicher Grundlage von Friedrich Oberkogler. Schaffhausen: Novalis 1986. S.7ff.

[13] Oberkogler, Friedrich (Hg.): Die Jungfrau von Orleans. Eine Werkinterpretation auf geisteswissenschaftlicher Grundlage von Friedrich Oberkogler. Schaffhausen: Novalis 1986. S. 23.

[14] Ebd. S. 24.

[15] Ebd. S. 27.

[16] Klingemann, August: Ueber Schillers Tragödie: Die Jungfrau von Orleans: 1802. Hg. v. Gabriella Balassa. Hannover: Revonnah 1997. S. 26.

[17] Oberkogler, Friedrich (Hg.): Die Jungfrau von Orleans. Eine Werkinterpretation auf geisteswissenschaftlicher Grundlage von Friedrich Oberkogler. Schaffhausen: Novalis 1986. S. 75.

[18] Ebd. S. 56.

[19] Ziegler, Klaus: Schiller und das Drama. In: Schiller. Zur Theorie und Praxis der Dramen. Hg von Klaus L.Berghahn / Reinhold Grimm. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1972. S. 120.

[20] Siekmann, Andreas: Drama und sentimentalisches Bewusstsein. Zur klassischen Dramatik Schillers. In: Pommersfeldener Beiträge. Hg von Claus Bussmann / Friedrich A. Uehlein. Sonderband 1. Frankfurt am Main 1980. S. 86

[21] Schiller, Friedrich: Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie. Stuttgart: Reclam 2002. S. 17, Z. 411f.

[22] Siekmann, Andreas: Drama und sentimentalisches Bewusstsein. Zur klassischen Dramatik Schillers. In: Pommersfeldener Beiträge. Hg von Claus Bussmann / Friedrich A. Uehlein. Sonderband 1. Frankfurt am Main 1980. S. 89.

Details

Seiten
33
Jahr
2009
ISBN (Buch)
9783640506743
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v141641
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Schlagworte
Klassisches oder romantisches Drama?

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