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Symptome und Bewältigung von Zwangsstörungen

Hausarbeit 2009 13 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2. Beschreibung der Störung
2.1. Erscheinungsbild und Definitionskriterien
2.2. Epidemiologische Daten
2.3. Verlauf der Störung

3. Störungsmodelle
3.1. Das lerntheoretische Modell
3.2. Das kognitive Modell

4. Behandlungsmöglichkeiten

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Thematik der Zwangsstörungen nimmt in unserer Gesellschaft eine bedeutende Rolle ein. Selbst schon William Shakespeare schreibt in seinem Werk “Macbeth” über zwanghaftes Verhalten.

“Arzt: Was macht sie nun? Schaut, wie sie sich die Hände reibt.

Kammerfrau: Das ist ihre gewöhnliche Gebärde, dass sie tut, als wüsche sie sich die Hände; ich habe wohl gesehen, dass sie es eine Viertelstunde hintereinander tat.

Lady Macbeth: Da ist noch ein Fleck… Fort, verdammter Fleck! Fort, sag ich!… Wie, wollen diese Hände denn nie rein werden?…

Arzt: Diese Krankheit liegt außer dem Gebiete meiner Kunst…

Lady Macbeth: Wasch deine Hände, leg dein Nachtkleid an; sieh doch nicht so blaß aus. - Ich sage es dir noch einmal, Banquo ist begraben, er kann aus seiner Gruft nicht herauskommen.” [1]

Viele Menschen leiden unter einer Zwangsstörung, doch nur wenige nehmen tatsächlich Hilfe in Anspruch. Dies mag womöglich daran liegen, dass jedem gesundem Menschen zwanghaftes und ritualisiertes Verhalten vertraut ist, ohne dass er darunter leidet. Im Gegenteil, Rituale helfen den Alltag zu gestalten und Routinetätigkeiten zu automatisieren. Das beginnt schon beim morgendlichen Gang zur Kaffeemaschine und endet mit dem immer gleich bleibenden allabendlichen Hausrundgang. Letztlich wird der Alltag leichter, indem über viele automatisierte Abläufe nicht mehr nachgedacht werden muss.

Doch was ist normal und wann beginnt ein Zwang? Den meisten Menschen ist das nicht klar, denn viele Zwangssymptome finden sich in milder Form auch im täglichen Leben wieder. Aus diesem Grund soll in dieser Arbeit diesem Defizit an Auseinandersetzung entgegengewirkt werden.

Um über Zwangsstörungen zu schreiben, muss bekannt sein, wie sich Zwang definieren lässt, welche Epidemiologie zu Grunde liegt und wie der Verlauf der psychischen Störung von statten geht. Dies wird im zweiten Kapitel ausführlich beschrieben. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit verschiedenen Störungsmodellen, wobei sich hier auf das lerntheoretische und das kognitive Modell bezogen wird. Behandlungsmöglichkeiten und Therapieformen erhalten im vierten Kapitel nähere Betrachtung. Das fünfte und letzte Kapitel gibt einen abschließenden Ausblick auf das Thema und zeigt die Bedeutung der Zwangsstörung für die soziale Arbeit auf.

Zu beachten ist, dass es sich bei Zwangsstörungen um ein riesiges Themengebiet handelt und demzufolge nicht alles in dieser Arbeit untergebracht werden kann, was eigentlich noch Erwähnung finden müsste. So werden in dieser Hausarbeit nur zwei der vielen Störungsmodelle betrachtet und auch die Behandlungsmöglichkeiten in verkürzter Form dargestellt. Trotzdem soll diese Arbeit einen ersten Einblick in die Thematik vermitteln, interessante Aspekte aufzeigen und die Neugier gegenüber Zwangsstörungen wecken.

2. Beschreibung der Störung

2.1. Erscheinungsbild und Definitionskriterien

Zwänge sind für Außenstehende nur schwer nachzuvollziehen. Warum macht jemand etwas immer wieder, von dem er selbst weiß, dass es Unsinn ist? Wieso hört er nicht einfach damit auf? Leider einfacher gesagt, als getan. Markantestes Merkmal einer Zwangsstörung ist, dass der Betroffene genau weiß, dass das, was er tut, keinen Sinn hat, er es aber nicht unterlassen kann und demzufolge auch darunter leidet. Zwänge sind dann auch keine lieb gewonnenen Gewohnheiten, Wertvorstellungen oder persönliche Eigenheiten mehr.[2] Eher spricht man von “komplexen klinischen Zustandsbildern”[3], die in vielen verschiedenen Erscheinungsformen auftreten und vom Grad der Beeinträchtigung und Symptomatik individuell sind. Hans S. Reinecker definiert das folgendermaßen:

“Zwangsstörungen sind komplexe klinische Zustandsbilder, die einen Patienten (und dessen soziale Umgebung) zumeist massiv beeinträchtigen. Die in der Zwangsproblematik zentralen Vorstellungen, Handlungen und Rituale schränken den Lebensvollzug einer Person und ihren Spielraum in höchstem Maße ein.” [4]

Außerdem ist eine Zwangsstörung immer durch Zwangsgedanken und Zwangshandlungen gekennzeichnet. Zwangsgedanken sind wiederkehrende Gedanken, Ideen, Impulse oder Bilder, die immer Angst und Beschwerden verursachen. Gegen diese versucht der Betroffene Widerstand zu leisten. Ebenso ist ihm bewusst, dass der Zwang nur ein Produkt seines eigenen Geistes ist und somit unangebracht und unangemessen ist. Zwangsgedanken führen in der Regel zu der Beeinträchtigung des sozialen Lebens und der Bewältigung des Alltags.

Als Zwangshandlung bezeichnet man wiederholte Verhaltensweisen, die übertrieben und sinnlos sind und oft in bestimmter Reihenfolge ablaufen müssen. Sie haben immer die Vermeidung oder Reduzierung von Anspannung oder gefürchteten Ereignissen und Situationen zum Ziel. Das das Verhalten nicht effektiv ist wird selbst erkannt, kann aber nicht eingeschränkt werden.[5]

Man unterscheidet in der Regel zwischen sehr vielen verschiedenen Zwängen. Die folgende Abbildung zeigt die häufigsten Zwangshandlungen.[6]

Hier wird deutlich, dass der größte Teil sich im Bereich der Kontrollzwänge mit 42 % befindet, dicht gefolgt von den Waschzwängen mit 21 %. Ebenso leiden viele Betroffene unter mehreren Zwängen gleichzeitig - z.B. Wasch- und Kontrollzwang - in der Grafik mit 25 % vertreten.

Eine Klassifikation der Zwangsstörungen erfolgt entweder nach dem amerikanischen “Diagnostic and Statistical Manual Disorders, fourth Edition” (DSM-IV; APA, 1994) oder nach der “International Classification of Diseases, tenth Revision” ( ICD-10; WHO, 1993).

Obwohl die Kriterien der ICD-10 grundsätzlich mit den im DSM-IV verwendeten Kriterien übereinstimmen, gibt es doch einige Unterschiede. So ist die …

“…Zwangsstörung in DSM-IV genauer beschrieben Im DSM-IV kein Unterschied zwischen Zwangsgedanken und -handlungen Ausschlusskriterien im DSM-IV besser umschrieben als bei der ICD-10 Kriterien für die Diagnose der Zwangsstörung im DSM-IV höher als bei der ICD-10.” [7]

2.2. Epidemiologische Daten

Bis vor wenigen Jahren wurden Zwänge noch als eine sehr seltene Störungsform angesehen. Mittlerweile zeigen epidemiologische Studien, dass die Verbreitung von Zwängen deutlich höher ist als gedacht. So liegen die aktuellen Lebenszeitprävalenzen zwischen 2 und 3 % und die 6 - Monatsprävalenzen gehen von 1 bis 2 % aus. Damit ist die Zwangsstörung die vierthäufigste Störung nach den Phobien, den Depressionen, den Suchterkrankungen und den Schizophrenien.

Eine Zwangsstörung bricht in der Regel sehr früh aus. Bei den meisten Menschen bricht die Krankheit in der Pubertät aus, doch bereits ein Fünftel ist schon in der Kindheit davon betroffen. Bis zum Alter von 30 Jahren haben ca. drei Viertel aller Klienten Zwänge, wobei der Ausbruch nach dem 40. Lebensjahr sehr selten ist. Im Durchschnitt liegt der Beginn der Störung bei 22 Jahren.[8]

Männer und Frauen sind in etwa gleich häufig betroffen. Jedoch leiden Frauen in der Regel deutlich mehr an Waschzwängen, wo hingegen Männer eher Zwangsgedanken haben. Ebenso sind Männer im Schnitt 5 Jahre früher von einer Zwangsstörung verfolgt. Dies könnte damit zusammenhängen, dass deutlich mehr Jungen in der frühen Kindheit Zwänge bekommen als Mädchen. Und diese dann bis ins Erwachsenenalter beibehalten werden.[9]

2.3. Verlauf der Störung

Der Verlauf einer Zwangsstörung ist ohne entsprechende Behandlung sehr ungünstig. Nur selten kommt es zu einer Spontanheilung. Lediglich die Schwere der Symptome kann über größere Zeiträume schwanken und in Stressphasen zu einer sehr schlimmen Belastung werden. Bei den meisten Menschen jedoch nimmt die Intensität der Symptomatik im Laufe der Jahre zu. Im schlimmsten Falle kommt es zu einer chronischen Erkrankung. Zwänge treten häufig zusammen mit anderen Störungen auf. Das können Depressionen, andere Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen oder Alkoholabhängigkeit sein.[10] Man spricht hier von einer “Komorbidität”[11].

Oelkers nennt abschließend einige Faktoren, die den Verlauf einer Zwangsstörung positiv oder negativ prägen können.

Günstig:

- “Kurze Zeitspanne zwischen Krankheitsbeginn und Beginn einer adäquaten Behandlung,
- Erkennbare Eigenmotivation des Patienten,
- Geringe Verheimlichungstendenzen” [12]

- Ungünstig:

- “Lange Krankheitsdauer,
- Fehlbehandlungen,
- Komorbide Störungen, insbesondere Persönlichkeitsstörungen” [13]

3. Störungsmodelle

3.1. Das lerntheoretische Modell

Die Entstehung und Aufrechterhaltung von Zwangsstörungen lässt sich anhand von verschiedener Modelle darstellen.Ein einheitliches Modell, welches der Erklärung der Entstehung von Zwängen allein gerecht wird, existiert noch nicht. Jedes für sich ist in sich schlüssig und gibt interessante Aspekte.[14] In diesem Kapitel wird deshalb allein das lerntheoretische Modell näher betrachtet.

Das lerntheoretische Modell zählt zu den ältesten Theorien und beruht auf Mowrers Zwei-Faktoren-Modell der Angst und Vermeidung. Hierbei wird die Entstehung und Aufrechterhaltung der Zwangssymptomatik als zweistufiger Lernprozess betrachtet.[15] [16]

In der ersten Stufe wird durch klassische Konditionierung eine Angstreaktion ausgebildet. Ein zunächst neutraler Reiz (z.B. Schmutz) wird durch die Koppelung mit einem traumatischem Ereignis zu einem Angstreiz (z.B. Tod eines Bekannten durch Infektionskrankheit). Da Angst immer ein unangenehmer Zustand ist bewirkt die Ausführung bestimmter Verhaltensweisen (z.B. Waschen) eine Reduktion der Angst oder das Ausbleiben der erwarteten Angstreaktion. Dadurch wird das Verhalten negativ verstärkt, was man als operantes Konditionieren bezeichnet. Das heißt also, dass das Vermeidungsverhalten sich bewährt hat, sich stabilisiert und im Laufe der Zeit zunehmen wird. Besonders ungünstig an dem ganzen ist, dass das Vermeidungsverhalten extrem stabil bleibt. Dies liegt unter anderem daran, dass das Individuum nie die Erfahrung machen kann, dass die von im befürchteten Konsequenzen auch ohne die Ausführung des Verhaltens nicht eintreten würden. Dadurch entsteht psychologisch betrachtet ein Teufelskreis, dessen Durchbrechung ohne Hilfe fast unmöglich ist.[17]

Zusammenfassend kann man sagen, dass die klassische Konditionierung verantwortlich für das Erlernen von Angst ist und operantes Konditionieren verantwortlich für das Erlernen von Vermeidungsverhalten ist. Oder anders ausgedrückt klassisches Konditionieren lässt den Zwang entstehen und operantes Konditionieren lässt aufgrund der Vermeidung den Zwang fortbestehen.[18]

[...]


[1] Reinecker 1994, S. 1

[2] Vgl. Rufer 2008, S. 12

[3] Lakatos 2007, S. 13

[4] Reinecker 1994, S. 4

[5] Vgl. Emmelkamp 2000, S. 2 ff.

[6] Lakatos 2007, S. 18

[7] Emmelkamp 2000, S. 5

[8] Vgl. Lakatos 2007, S. 18

[9] Vgl. Lakatos 2007, S. 18

[10] Vgl. Emmelkamp 2000, S. 12 ff.

[11] Als Komorbidität wird in der Medizin ein zusätzlich zu einer Grunderkrankung vorliegendes, diagnostisch abgrenzbares Krankheits- oder Störungsbild bezeichnet.

[12] Oelkers 2007, S. 8

[13] Oelkers 2007, S. 8

[14] Vgl. Oelkers 2007 , S. 15

[15] Vgl. Reinecker 1994, S. 47

[16] Oelkers 2007, S. 178

[17] Vgl. Reinecker 1994, S. 47 ff.

[18] Vgl. Emmelkamp 2000. S. 17

Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668304796
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v141599
Institution / Hochschule
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
Note
1.3
Schlagworte
psychisch Störung Zwang Symptome Verlauf Epidemiologie Störungsmodelle Behandlungsmöglichkeiten Zwangsstörung

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