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Die Garfinkelschen Leitsätze als soziologische Handlungstheorie für die Entwicklung von Social-TV-Konzepten

Forschungsarbeit 2009 10 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

1. Einleitung: Von realen und virtuellen Interaktionen

Die soziale Ordnung ist keine statische Struktur, sondern wird von den Gesellschaftsakteuren permanent durch deren Interpretationsleistungen und wechselseitige Abstimmung konstruiert. Diese These beschreibt den Grundgedanken der von Harold Garfinkel entwickelten Ethnomethodologie, eines handlungstheoretischen Ansatzes,

„der die grundlegenden formalen Methoden (Basisregeln) aufzudecken versucht, die die Gesellschaftsmitglieder bei ihren alltäglichen Handlungen anwenden, um Ereignisse und Handlungen zu interpretieren, d.h. ihnen Sinn zu verleihen.“[1]

Der Garfinkelsche Ansatz ist äußerst dienlich für die Untersuchung der Strukturen des menschlichen Interagierens und ihrer Wirklichkeitskonstitution in der sozialen Umwelt. Was ist aber der heuristische Wert dieser soziologischen Handlungstheorie, wenn die Interaktion aus dem weltlichen sozialen Raum in den virtuellen sozialen Raum verlagert wird? Greifen die für die Realwelt entwickelten „Basisregeln“[2] auch für eine elektronisch vermittelte Kommunikation oder wie müssen sie entsprechend modifiziert werden? Diese Fragen werden in dem hiesigen Essay, im Rahmen des Forschungsprojekts SocialTV – Fernsehen im Wandel des interdisziplinären Masterstudiengangs Medien und Gesellschaft, eruiert. Zu prüfen ist, ob die Garfinkelschen Leitsätze hilfreiche Implikationen für die Kreierung von SocialTV-Formaten, d.h. von Formaten, die wie der Name impliziert ein Interagieren im Sinne der soziologischen Interaktion, also „die Beziehung zwischen zwei oder mehr Personen, die sich in ihrem Verhalten aneinander orientieren“[3], ermöglichen.

2. Interaktion massenmedial realisiert?

Die Begriffe Interaktion und technisch vermittelte Kommunikation, die hier wie selbstverständlich in Verbindung zueinander gebracht werden, weisen bei näherer Betrachtung ihrer Begriffsgeschichte durchaus Kompatibilitätsprobleme auf. Daher soll im Vorfeld der weiteren Analyse die grundsätzliche Frage erörtert werden, ob elektronisch gestütztes Interagieren von Menschen mit Berechtigung als Interaktion bezeichnet werden darf. Interaktion bezeichnet im soziologischen Duktus „das persönliche und alle Sinne erfassende vis-à-vis, welches in seiner direkten Unmittelbarkeit Rückkoppelungs- und Reflexionspotentiale, d.h. soziale und identitätsstiftende Funktionen, soziale Orientierungen, Anerkennung, Reputation usw. integriert.“[4]. Grundsätzlich offeriert das eigentliche Massenmedium Fernsehen in seiner neuen Gestalt des IPTVs die Möglichkeit, via teilnehmerbeschränkter Channells die Kommunikation zwischen zwei oder wenigen Akteuren, ergo den Dialog, zu unterstützen. Dies allein ist jedoch nicht hinreichende Voraussetzung. Wie Michael Jäckel und Gerhard Maletzke zu Recht postulieren, ist elektronisches Interagieren in der Regel auf Schrift reduziert und um den visuellen und akustischen Ausdruck beraubt. Selbst eine Videoübertragung kann lediglich die physische Präsenz des Gegenübers imitieren und entbehrt infolgedessen ein signifikantes Moment sozialer Interaktion, das vis-à-is.[5] Dieser Logik folgend erscheint die Betitelung einer elektronischen Kommunikation als Interaktion vermessen. Was also tun, die Idee der Interaktion im SocialTV verwerfen? Eher anzuraten wäre, an diese heikle Situation pragmatisch anzuknüpfen und wie Jäckel empfiehlt „den Begriff der Anwesenheiten in bezug auf elektronische Medien neu zu durchdenken“[6]. Die internetgestützte Chat-Kommunikation kann hier als Vorbild für SocialTV-Konzepte dienen, denn sie veranschaulicht, wie Anwesenheit digital realisiert wird, indem zum Beispiel nonverbale Elemente der Kommunikation nachgebildet werden. Die Chat-Kommunikation ist es schließlich auch, die unter all den zahlreichen Features des interaktiven Fernsehens den alleinigen Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit bildet, zumal nur sie realitere Parallelen zu einer Face-to-Face-Kommunikation aufweist. Die weiteren Funktionen, die interaktivem Fernsehen in der einschlägigen Literatur zugeschrieben werden[7], wie die Erstellung eines individuellen Fernsehprogramms, die Modifikation des Programms (z.B. mittels Televotums), die Personalisierung von Inhalten nach den Wünschen des Nutzers, erfahren in dieser soziologisch verorteten Arbeit keine Betrachtung. In diesem Sinne wird in dieser Schrift unter Vorbehalt des Mankos an empirischer Überprüfung der Interaktionsbegriff auf die Chat-Kommunikation in SocialTV-Konzepte angewendet; wohlwissend, dass die Strukturen einer Face-to-Face-Kommuni-kation von denen einer mediengestützten Kommunikation divergieren.

3. Die Routinegrundlagen des Alltagshandelns

Um elektronische Konversationsregeln und Strukturen des Alltagshandelns in der technischgestützten Kommunikation zu bestimmen, lohnt es den Blick auf das Werk Harold Garfinkels zu richten. Mit seiner Ethnomethodologie hat der Soziologe eine empirische Methode zur Interaktionsforschung geschaffen, mit der sich jene Strukturen und Regeln in Bezug auf die soziale Umwelt der Realwelt erforschen lassen.[8] Die dokumentarische Methode, bestehend aus den Elementen Krisenexperimente, Dokumentation der Äußerungen sowie die Dokumentation der Wechselbeziehung zwischen Kontext und Äußerung, bildet das empirische Instrument, mittels welchem die vorformulierten Thesen erprobt werden. Als äußerst relevant für das Erforschen der gewohnheitsmäßigen Herstellung und Aufrechterhaltung der Strukturen des Alltagshandelns gilt für Garfinkel die Indexikalität, welche die Relation von Äußerungen zu dem dahinterliegenden Kontext beschreibt. Um diese zu erörtern, wird dem Originaltext einer Interaktionssequenz jeweils ein erläuternder Kommentartext gegenübergestellt. Dieser Methode verdankt Garfinkel mannigfache grundsätzliche Erkenntnisse über alltägliche Handlungssituationen, wie er in „Studien über die Routinegrundlagen von Alltagshandeln“[9] ausführt: In einer Kommunikation werden nicht alle Themen, über die kommuniziert wird, explizit ausgesprochen; indessen sind die Kommunizierenden fähig, Andeutungen und Verweise zu verstehen.[10] Zeichen besitzen keine objektive Bedeutung sowie Verständnis auch nicht einfach übertragen werden kann, sondern prozessual erworben wird, indem beispielsweise Äußerungen durch vorhergehende und nachfolgende Äußerungen näher spezifiziert werden. Im Falle von bestimmten Ausdrücken ist es für das Verständnis unabdingbar, Kenntnis über die Biographie und Absichten des Sprechers zu besitzen sowie über den Kontext der Äußerungen. In diesen Eigenschaften menschlichen Interagierens erkennt Garfinkel Konstanten des Alltagshandelns:

„Die Erwartung, daß die Leute schon verstehen werden, die Situationsgebundenheit von Ausdrücken, die spezifische Ungenauigkeit der Bezüge, der retrospektiv-prospektive Sinn gegenwärtiger Ereignisse, das Warten auf Späteres, um zu sehen, was vorher gemeint war, sind anerkannte Eigenschaften alltäglichen Miteinander-Redens.“[11]

[...]


[1] Schäfers, Kopp & Lehmnan 2006 S.279

[2] Ebd.

[3] Jäckel 1995 S.463

[4] Rörig 2006 S.5

[5] Vgl. Jäckel 1995/4 S.473, Maletzke 1963 S.22

[6] Jäckel 1995/4 S.474

[7] Vgl. u.a. Goertz 2004

[8] Miebach 2006 S.162-181

[9] Garfinkel 1973

[10] Vgl. Garfinkel 1973 S.281f.

[11] Garfinkel 1973 S.283

Details

Seiten
10
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640517992
ISBN (Buch)
9783640517725
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v141574
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Schlagworte
Garfinkel Harold interaktives Fernsehen Handlungstheorien Ethnomethodologie Studien über die Routinegrundlagen von Alltagshandeln Interaktion

Autor

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Titel: Die Garfinkelschen Leitsätze als soziologische Handlungstheorie für die Entwicklung von Social-TV-Konzepten