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Jugendorganisationen und Schule im Nationalsozialismus unter besonderer Berücksichtigung Österreichs. Theorie und Unterrichtsentwurf

Diplomarbeit 2003 118 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Vorgeschichte
1.1 Die Zeit des Austrofaschismus
1.1.1 Jugendorganisationen im Austrofaschismus
1.1.2 Schule im Austrofaschismus
1.2 Der Anschluss

2 Jugendorganisationen im Nationalsozialismus
2.1 Ideologie der ausserschulischen Jugenderziehung
2.2 Organisation der Hitler-Jugend
2.3 Ausbildung und Inhalte in der Hitler-Jugend
2.3.1 Jungenerziehung
2.3.2 Mädchenerziehung
2.4 Aktionen und Veranstaltungen

3 Schule im Nationalsozialismus
3.1 Ideologie der schulischen Erziehung – Erziehungsmaximen
3.2 Schulorganisation
3.3 Lehrziele und Schulbücher
3.3.1 Lehrziele und der Lehrplan
3.3.2 Schulbücher und Unterrichtsmaterialien
3.4 Schulveranstaltungen, Feste und Feiern
3.5 Die Lehrer
3.6 Jüdische Schüler
3.7 Einfluss der Hitler-Jugend auf die Schule

4 Praktischer Teil
4.1 Didaktische Überlegungen
4.1.1 Sachanalyse
4.1.2 Offenes Lernen
4.2 Arbeitsmaterialien für Offenes Lernen
4.2.1 Arbeitsplan
4.2.2 Organisation der Hitler-Jugend
4.2.3 „Sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben...“
4.2.4 Alltag in der Hitler-Jugend
4.2.5 „Das Kleid des Führers“ – Uniform der HJ
4.2.6 Das HJ-Lager
4.2.7 Schule unter Adolf Hitler
4.2.8 Die “Befleckten” von Salzburg
4.2.9 Schulaufgaben im Nationalsozialismus
4.2.10 „ Begeistert – Gedrillt – Betrogen. Die Hitlerjugend“

Schlussbemerkung

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

Da ich mich gerne mit der historischen Epoche der Zeitgeschichte, im Besonderen mit dem Nationalsozialismus beschäftige, war ich von Anfang an auf der Suche nach einem Themengebiet aus dieser Zeit. Nachdem ich im vierten Semester den Wahlgegenstand Soziologie der Kindheit belegt hatte und mich die Lebenswelt von Kindern sehr interessiert, ergab sich daraus die Kombinationsmöglichkeit „Kindheit im Nationalsozialismus“. Um das Thema noch etwas einzugrenzen, beschloss ich, mich auf zwei wichtige Lebensbereiche zu konzentrieren, auf die Jugendorganisationen und auf die Schule. Gerade als zukünftige Lehrerin habe ich doch auch einen Einblick in unser Schulsystem, in den Schulalltag und in Lehrplaninhalte und kann dadurch auch gut Vergleiche zwischen damals und heute ziehen.

Außerdem möchte ich das Thema vor allem aus österreichischer Sicht behandeln.

Ich erwarte mir von der Arbeit an dieser Thematik neben Wissenszuwachs auch eine starke persönliche Bindung und Betroffenheit. Mir ist klar, dass ich ein sensibles Thema gewählt habe, das man nicht ohne Emotionen bearbeiten kann. Ich werde vieles erfahren, das berührend, bestürzend oder vielleicht unfassbar sein wird, doch gerade diese Herausforderung reizt mich auch.

Die Suche nach Literatur war nicht allzu schwierig. Es gibt eine ganze Reihe von Büchern, die von Kindheit und Erziehung im Nationalsozialismus handeln. Einige Autoren haben ebenfalls Schwerpunkte auf Jugendorganisationen oder Schule gesetzt, andere wiederum behandelten diese Themenbereiche nur überblicksmäßig.

Auf folgende Fragen möchte ich in meiner Arbeit näher eingehen:

- Wie war die Situation der organisierten Jugend und der Schule in Österreich vor dem Anschluss an Deutschland, in der Zeit des Austrofaschismus?
- Welche Entwicklungen und Änderungen brachte der Anschluss mit sich?
- Wie waren die Jugendorganisationen organisiert, welche Ziele verfolgten sie und mit welchen Mitteln versuchten sie diese zu erreichen?
- Was charakterisiert das Schulwesen des Dritten Reiches?
- Was lernten die Kinder in den Schulen, welche Punkte beinhaltete der Lehrplan und wie sah es mit Schulaufgaben und Büchern aus?
- Wie kann in einer Schulklasse an das Thema am besten herangegangen werden?

Um die ersten fünf Punkte eingehender zu behandeln, habe ich vor, auf einige Bücher zum Thema genauer einzugehen und diese dann mit Hilfe verschiedenartiger weiterer Literatur zu ergänzen und zu vervollständigen. Dabei möchte ich viele Quellen einbauen, wie zum Beispiel Zeitzeugenberichte, Erlässe und Richtlinien der Schulbehörde, Schulbuchauszüge oder konkrete Aufgaben, die den Schülern vorgesetzt wurden.

Der letzte Punkt bezieht sich auf den praktischen Teil meiner Diplomarbeit, der einen eigenen Abschnitt bilden sollte. Ich habe mich dazu entschieden, die Thematik in Form einer Materialzusammenstellung für Offenes Lernen aufzuarbeiten. Dazu werde ich auch noch einen kurzen Einblick geben, was Offenes Lernen ist und wie man es durchführt. Da ich idealerweise in der Schulpraxis in diesem Semester in einer vierten Klasse Hauptschule unterrichte und sich meine Besuchschullehrerin damit einverstanden erklärte, möchte ich diese Lernkartei gleich praktisch testen. Mit Hilfe dieser damit gewonnenen Erfahrungen werde ich die Materialien gegebenenfalls noch verändern können und jeden einzelnen Auftrag in meiner Arbeit kommentieren. Ich bin auch schon sehr neugierig, wie die Schülerinnen und Schüler dieses Thema aufnehmen werden. Allerdings werde ich die Arbeit der Klasse nicht genauer erläutern oder bewerten, das sollte nicht der Gegenstand meines praktischen Teiles sein.

1 Vorgeschichte

1.1 Die Zeit des Austrofaschismus

Unter Austrofaschismus versteht man den spezifisch österreichischen Faschismus in den Jahren 1934-1938. Nach der so genannten „Selbstausschaltung“ des Parlaments der Ersten Republik im März 1933 wurde Österreich im Mai 1934 zu einem autoritären Ständestaat. Vorbild war dabei das faschistische Italien unter Mussolini.

Der Austrofaschismus wird manchmal im Gegensatz zum „braunen“ nationalsozialistischen Faschismus auch „grüner“ Faschismus genannt.

1.1.1 Jugendorganisationen im Austrofaschismus

Vor der Phase des Austrofaschismus in Österreich waren viele Kinder und Jugendliche Mitglieder in Jugendgruppen. Hinter diesen Organisationen standen zum Teil politische Parteien, andere betonten wiederum ihre politische Unabhängigkeit. Einige Beispiele:

- Kinderfreunde, Rote Falken, Sozialistische Arbeiterjugend ® Sozialdemokratische Partei
- Reichsbund der katholischen deutschen Jugend, Reichsverband der katholischen Mädchenvereine Österreichs ® Christlichsoziale Partei
- Österreichischer Pfadfinderbund, Österreichische Wandervögel ® bürgerlich-unabhängig
- Jugendgruppen der nationalsozialistischen Partei

Dann setzte sich aber mit dem Ständestaat ein neues politisches System durch, die Parteien wurden verboten, und mit ihnen auch ihre Jugendorganisationen beziehungsweise die, die ihnen nahe standen. (vgl. Achs, Tesar 1988: 14)

Das Österreichische Jungvolk

„Der autoritäre Ständestaat veränderte die politische Jugendarbeit entscheidend. Ab 1936 baute er eine Staatsjugendorganisation auf, deren Vorbild die Jugendorganisationen des faschistischen Italien (Ballila) und des nationalsozialistischen Deutschland (Hitler-Jugend) waren. Das Österreichische Jungvolk, so wurde die Staatsjugendorganisation genannt, sollte auf freiwilliger Basis alle Kinder und Jugendlichen Österreichs erfassen und zu guten Staatsbürgern erziehen.“ (Achs, Tesar 1988: 14)

Gesetzlich geregelt wurde diese außerschulische Jugendarbeit im „Bundesgesetz über die vaterländische Erziehung der Jugend außerhalb der Schule“ von 1936. (vgl. Dachs 1988a: 192)

Innerhalb des Österreichischen Jungvolkes gab es getrennte Gruppen für Mädchen und Jungen. Die einzelnen Gruppen wurden streng und autoritär von oben her geleitet und waren einer zentralen Kontrolle unterstellt.

Eine sehr wichtige Rolle in der außerschulischen Erziehung des Austrofaschismus spielten die Vermittlung von religiösen Werten und Weltanschauungen und die vaterländische Erziehung. In den Burschengruppen standen auch vormilitärische Übungen auf dem Programm. Dazu kamen vaterländische Feiern und Treuekundgebungen, Veranstaltungen verschiedenster Art, Vorträge, Appelle und Aufmärsche.

Andere Jugendorganisationen im Austrofaschismus

Neben diesen Staatsjugendorganisationen waren nur noch die katholischen Jugendgruppen erlaubt, da diese mit dem Österreichischen Jungvolk im hohen Stellenwert, den die religiöse Erziehung einnahm, übereinstimmten.

Eine der oben schon erwähnten Gruppen schaffte es trotz Verbot, während der gesamten Zeit in der Illegalität weiter zu bestehen: die Jugendorganisationen der Nationalsozialisten. Sie wurden 1927 in Österreich gegründet und zählten, als sie 1933 verboten wurden, etwa 25 000 Mitglieder. Obwohl sie offiziell nicht bestehen durften, waren die Organisationen Hitler-Jugend und Bund deutscher Mädel und alle anderen nationalsozialistisch gesinnten Jugendgruppen sehr aktiv. Zu dieser Zeit war das nationalsozialistische Regime in Deutschland schon an der Macht und arbeitete emsig am Ausbau ihrer Jugendorganisationen.

So wurden die österreichischen Gruppen auch immer von der deutschen Reichsjugendführung unterstützt und vielfältig ideologisch geschult. (vgl. Dachs 1988b: 230-232)

Die Jungen und Mädchen, deren Zugehörigkeit zu diesen nationalsozialistischen Jugendorganisationen entdeckt wurde, hatten zum Teil schweren Strafen zu befürchten. Viele mussten die Schule wechseln oder verloren ihre Lehrstellen. Dennoch war die Mitgliederzahl bis 1938 auf 35 000 Mitglieder angewachsen. (vgl. Dachs 1988b: 232)

Die katholischen Organisationen blieben während der ganzen Zeit über die größte Jugendgruppe in Österreich. 1938 waren 300 000 Kinder und Jugendliche Mitglieder bei einer der katholischen Gruppen und nur 130 000 beim Österreichischen Jungvolk.

Man kann zu Recht sagen, dass sich die ständestaatliche Jugendorganisation nie wirklich durchsetzen konnte. (vgl. Achs, Tesar 1988: 14)

1.1.2 Schule im Austrofaschismus

„Die Schule ist ein ,politicum’“ – dieser viel zitierte Satz von Maria Theresia trifft ganz besonders auch im Austrofaschismus zu. Schulpolitik war Gesellschaftspolitik und wurde vom Staat dementsprechend nachhaltig betrieben. Er sah sich dazu verpflichtet, „aus göttlichem Recht und in göttlichem Auftrag, die Jugenderziehung zu ordnen und ihr im Rahmen der eigenen geistigen Grundlagen die Richtlinien vorzuschreiben.“ (Achs, Tesar 1985: 45)

So wurde bereits kurze Zeit nach der „Selbstausschaltung“ des Parlaments alles unternommen, um die demokratischen Schulreformen der Zwischenkriegszeit wieder rückgängig zu machen und die eigenen autoritären Erziehungsziele durchzusetzen. Mit einer Vielzahl von Erlässen und Maßnahmen sollten vor allem drei Dinge durchgesetzt werden:

- „Die Wiederherstellung früherer Machtverhältnisse“
- „Die Disziplinierung mißliebiger Lehrer und Schülergruppen“
- „Die Beschaffung von Legitimation für das neu etablierte System“ (Dachs 1988: 180)

Ideologie der autoritären Schulpolitik

Die Erziehungsmaxime des österreichischen Ständestaates sahen eine sittlich-religiöse und vaterländische Erziehung der Jugend vor – die „Erziehung zur Hingabe an ein christliches, deutsches, freies Österreich“ (Dachs 1988: 185)

Einen sehr großen Stellenwert nahm die Religion und damit auch die katholische Kirche ein. Neben der Vermittlung der vaterländischen Gedanken waren es vor allem religiöse Werte und das Welt- und Gesellschaftsbild der katholischen Kirche, die den Schülern beigebracht werden sollten. Der Religionsunterricht wurde wieder verpflichtend und auch an religiösen Übungen wie Gebeten oder Gottesdiensten mussten die Schüler teilnehmen. Die Lehrer, auch wenn sie nicht katholisch waren, hatten dabei Aufsichtspflicht. Was die Lehrinhalte betraf, ging der Einfluss der Kirche sogar so weit, dass der naturwissenschaftliche Unterricht stark gekürzt wurde, um mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild nicht jenes der Religion zu „gefährden“. (vgl. Achs, Tesar 1988: 15-16)

Schulorganisation

Im Bereich der Organisation des Schul- und Bildungswesens wurden gleich zu Beginn umfassende personelle Änderungen durchgeführt. Der sozialistische Wiener Stadtschulratspräsident Otto Glöckel wurde verhaftet. Seine Mitarbeiter und alle sozialdemokratischen Schulinspektoren und Schulleiter durften ihr Amt nicht mehr ausüben.

Zudem wurde die gesamte Schulorganisation stärker zentralisiert. Alle Ämter wurden von höherer Stelle besetzt und nicht mehr gewählt. Das sicherte den unmittelbaren Zugriff des Bundesministeriums für Unterricht auf die Schule.

Unterrichtsminister war Dr. Anton Rintele. Richard Schmitz wurde zum Bundeskommissär ernannt und hatte in dieser Funktion auch die Schulangelegenheiten unter sich. (vgl. Dachs 1988: 180-184)

Die äußere Schulorganisation betreffend sollte vor allem der Auslesecharakter der Mittelschulen stärker betont werden. Das bedeutete in der Praxis, dass Hauptschule und Unterstufe des Gymnasiums wieder stark getrennt wurden. „Die Hauptschule sollte nur noch „auf das praktische Leben“ vorbereiten, der 2. Klassenzug wurde aufgelassen. Der Übertritt in die Unterstufe der Mittelschule wurde durch die Beseitigung der Lehrplangleichheit und die Einführung von Aufnahmsprüfungen praktisch unmöglich gemacht.“ (Achs, Tesar 1988: 15) Schüler, die den Anforderungen der Hauptschule nicht entsprachen, besuchten so genannte Abschlussklassen der Volksschule.

Neu geregelt wurden auch die Stellung und die Rechte der Katholischen Kirche im Bereich der Schulorganisation:

„Die katholischen Privatschulen erhalten staatliche Zuschüsse, wenn sie durch ihre Schülerzahl den öffentlichen Schulerhalter entlasten. Durch diese Maßnahmen soll das katholische Schulwesen Österreichs gefördert und damit auch die Voraussetzung für die Entwicklung zu öffentlichen katholischen konfessionellen Schulen geschaffen werden.“ (Scheipl, Seel 1985: 102)

Es wurde also immer wieder der hohe Stellenwert der Religion und der katholischen Kirche bemerkbar.

Lehrinhalte und Bildungsziele

Das Ideal und oberstes Bildungsziel war die Erziehung der Schüler zu Sittlichkeit und Religiosität. Die zu vermittelnden Werte wurden mit den Eigenschaftswörtern religiös-sittlich, vaterländisch-österreichisch und sozial-volkstreu beschrieben. Die Schüler sollten vor allem lernen, ihre Pflichten zu erfüllen und sich ohne zu fragen in ein System einzuordnen. Diese grundsätzlichen Ziele sollten in allen Fächern Einzug finden.

Zu den wichtigsten Unterrichtsgegenständen zählte neben Religion auch das Fach Vaterlandskunde, das in den Abschlussklassen der Mittelschulen neu eingeführt wurde. Darin sollten Wissen über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft des neuen österreichischen Staates sowie Liebe und Treue zum Vaterland vermittelt werden.

Einen großen Stellenwert in der schulischen Erziehung des Austrofaschismus nahm auch die vormilitärische Ausbildung ein. Sie erfolgte vor allem im Zuge des Turnunterrichtes, aber auch in Form von Schießübungen und Wandertagen. (vgl. Dachs 1988: 185)

Diese Veränderungen der Lehrziele zogen natürlich auch Änderungswünsche in den Schulbüchern nach sich.

„Vor allem die bisher verwendeten, überwiegend großdeutsch gefärbten, am Anschluss orientierten und daher Österreich und den katholischen Gedanken nicht besonders hervorstreichenden Geschichtslehrbücher schienen den geänderten Erziehungsbemühungen nicht mehr zu genügen. (…) Der tatsächliche Austausch zog sich dann aus verschiedenen praktischen Gründen noch einige Zeit hin. Erst nach und nach erschienen entsprechende Lehrmaterialien, die den neuen politischen Erziehungszielen entsprachen.“ (Dachs 1988a: 185)

„Im Schulalltag setzte sich ein Stil durch, der stark auf das Emotionale abgestellt war: Neue Gemeinschaftsformen wie Feiern, Treuekundgebungen und Gedenkgottesdienste spielten dabei eine bedeutende Rolle. Sie sollten die Identifikation mit dem austrofaschistischen System steigern, das Gemeinschaftsgefühl stärken und den Gegner beeindrucken.“

(Achs, Tesar 1988: 16)

Die Lehrer

Ein Verordnungsblatt des Wiener Stadtschulrates aus dem Jahr 1934 macht klar, was von den Lehrern erwartet beziehungsweise verlangt wurde:

„Das Bundesministerium für Unterricht hat die sittlich-religiöse und die vaterländische Erziehung der schulbesuchenden Jugend der Lehrerschaft zur besonderen Pflicht gemacht. Ich erwarte daher, daß der Beitritt zur Vaterländischen Front und das Tragen von Abzeichen in Staatsfarben seitens der Lehrpersonen, und zwar besonders auch in der Schule, nicht nur keinen Widerstand bei den Schulbehörden, sondern jedwede Förderung durch sie erfährt. Eine grundsätzliche Ablehnung der Vaterländischen Front müßte als Weigerung aufgefaßt werden, sich zum österreichischen Vaterlande zu bekennen und die Ausübung des Lehrberufes in diesem Sinne zu gestalten!“ (Achs, Tesar 1985: 44)

Es kam zu vielen Kündigungen und eingestellt wurden nur noch Lehrer und Lehrerinnen mit katholischer Gesinnung. Ein neu eingeführter Diensteid verpflichtete sie, bei „Gott, dem Allmächtigen“ zu schwören, den Erziehungszielen der Vaterländischen Front sowie Dollfuß und seiner Politik zuzustimmen und diese zu unterstützen.

Wie bereits erwähnt, wurden „missliebige“ Lehrer diszipliniert. Damit waren vor allem sozialdemokratische und nationalsozialistische Lehrpersonen gemeint. Gewerkschaften und Lehrervereine wurden verboten und wer sich weigerte, der Vaterländischen Front beizutreten und die autoritäre Regierung anzuerkennen, musste mit zum Teil schwerwiegenden Folgen bis hin zum Dienstausschluss rechnen.

Gegeben hat es sie natürlich dennoch – die deutschnational, sozialdemokratisch oder nationalsozialistisch eingestellten Lehrer, die nur scheinbar und wenn unbedingt nötig Zugeständnisse machten, aber ihrer Gesinnung treu blieben, was häufig durch Zweideutigkeiten und Doppelbödigkeiten im Unterricht bemerkbar wurde.

(vgl. Dachs 1988: 187-191)

Auch mit wirtschaftlichen Problemen hatten die Lehrer der Dreißiger Jahre in Österreich zu kämpfen. Einsparungsmaßnahmen im Schulbereich hatten schwerwiegende Folgen für die Lehrerschaft:

- Verdiensteinbußen und Kürzungen der Pensionen
- höhere Lehrverpflichtung bei gleich bleibendem Gehalt
- Erhöhung der Klassenschülerhöchstzahl
- frühzeitige Pensionierung und Zwangsabbau
- Aufhebung der Pragmatisierung … (vgl. Dachs 1988: 187-191)

All das trug nicht unwesentlich dazu bei, dass viele Lehrer dem Anschluss an das nationalsozialistischen Deutschland gar nicht abgeneigt waren.

„Der ideologische und materielle Druck, der auf Schule und Lehrerschaft ausgeübt wurde, löste große Unzufriedenheit und Verbitterung aus. Viele, vor allem junge Lehrer, setzten ihre Hoffnungen auf die Nationalsozialisten, von denen sie sich eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation erhofften.“ (Weissensteiner 1990: 139)

Die Schüler

Um „missliebige“ Schüler zu disziplinieren, wurden Schülergruppen aus dem sozialdemokratischen und nationalsozialistischen Lager verboten. Weitere Verbote galten für politische Demonstrationen und Zugehörigkeit zu Vereinen. Ausgenommen waren davon nur die bereits erwähnten Jugendorganisationen des Ständestaates und der katholischen Kirche. (vgl. Dachs 1988: 182-183)

Jede unerwünschte, also oppositionelle politische Betätigung von Schülern sollte verhindert werden.

„Um nun das zu erreichen, wurde im Laufe der Jahre 33 und 34 das Disziplinarinstrumentarium drastisch ausgeweitet und verschärft. Die angedrohten Strafen reichten bis hin zum Schulausschluß im ganzen Bundesgebiet. Ab 1934 gab es auch für die Reifezeugnisse wieder Betragensnoten.“ (Dachs 1988a: 191)

Wer eine schlechte Betragensnote wegen oppositioneller politischer Betätigung erhielt, dem wurde es untersagt, an einer Universität zu studieren.

Nicht nur die politische Einstellung der Schüler sondern auch die ihrer Eltern war von Bedeutung. Der Stadtschulrat Wien gab 1934 per Verordnung bekannt:

„Das Bundesministerium für Unterricht hat mit Erlaß angeordnet, daß bei der Zuerkennung oder Belassung von Schulgeldbegünstigungen an den Bundesmittelschulen die Feststellung der Würdigkeit sich auch auf die Frage der vaterländischen Einstellung der betreffenden Schüler und ihrer Eltern zu erstrecken hat.“ (Achs, Tesar 1985: 45)

1.2 Der Anschluss

Anfang 1938 wollte Hitler durch gewaltsames Vorgehen gegen den österreichischen Staat verhindern, dass sich die Bevölkerung in einer geplanten Volksabstimmung für die Unabhängigkeit Österreichs ausspräche. Bundeskanzler Kurt Schuschnigg wurde zum Rücktritt gedrängt, an seine Stelle trat am 11. März der Nationalsozialist Arthur Seyß-Inquart. Die österreichischen Nationalsozialisten übernahmen die Macht. Am 12. März überschritten die deutschen Truppen die österreichische Grenze und schon am nächsten Tag verkündete Hitler in Linz das Gesetz über den "Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich“.

Jugendorganisationen

Schon in der Zeit vor dem Anschluss waren deutliche Veränderungen in Österreich bemerkbar. Obwohl die NSDAP noch verboten war, traten die vorher illegal bestehenden nationalsozialistischen Jugendorganisationen nun offen auf. Die Mitglieder bekannten sich zu ihrer Zugehörigkeit zur Hitlerjugend und grüßten in der Öffentlichkeit mit dem deutschen Gruß (Hitlergruß). Der Anschluss am 12. März wurde von diesen Gruppen natürlich groß gefeiert, es wurden Versammlungen, Feiern, Aufmärsche und Appelle organisiert. Gleichzeitig startete die Hitlerjugend sofort eine groß angelegte Mitgliederwerbeaktion, die auch innerhalb kürzester Zeit sehr erfolgreich war.

Aufgrund organisatorischer und personeller Änderungen, im Zuge derer viele Stellen in Österreich mit Funktionären aus dem Deutschen Reich besetzt wurden, kam es zu Widerständen der österreichischen Hitlerjugend. Viele Jugendführer hatten in der Illegalität ihren eigenen „Stil“ entwickelt und waren nun enttäuscht, weil sie sich an strikte Anweisungen der Reichsjugendführung halten mussten oder sogar „ausgetauscht“ wurden. Besonders in Wien führten diese Bevormundungen und vor allem die Art und Weise, wie die Änderungen durchgezogen wurden, zu einer starken Opposition, die allerdings kaum Erfolge verzeichnen konnte.

Die Jugendorganisationen des Ständestaates, Österreichisches Jungvolk und katholische Gruppen, wurden mit großer Härte aufgelöst. Führende Funktionäre wurden verhaftet, viele von ihnen in Konzentrationslager gebracht, und ihre Vereinsheime wurden von der Hitlerjugend beschlagnahmt.

(vgl. Dachs 1988b: 233-235)

Schule

„Die nationalsozialistische Machtergreifung in Österreich brachte auch für das österreichische Schulwesen eine Fülle von ungemein tiefgreifenden Veränderungen mit sich. Zu nennen sind dabei zu allererst die politisch motivierten personellen Säuberungen und Umbesetzungen. Diese begannen schon in den ersten Tagen nach dem 12. März und hatten vor allem profilierte katholische Lehrer und Professoren – zunächst von der Ebene der Schulleiter aufwärts – zum Ziel.“ (Dachs 1988b: 221)

Praktisch alle Direktoren mussten ihr Amt niederlegen und wurden durch nationalsozialistisch gesinnte Direktoren ersetzt. Dasselbe geschah mit den Ämtern der Schulbürokratie und der Verwaltung. In einem nächsten Schritt gingen die Nationalsozialisten daran, sich einiger Lehrpersonen zu „entledigen“. Jüdische Lehrer und solche mit unerwünschter politischer Gesinnung wurden entlassen oder in den Ruhestand geschickt. Viele wurden auch ganz einfach versetzt, um politische Verbindungen und Kontakte zwischen Lehrern abzubrechen und zu verhindern.

Alle anderen Lehrer sollten auf schnellstem Wege umerzogen werden. (vgl. Dachs 1988b: 221-222)

„Bereits um den 20. März herum hatten die Lehrer – in größeren Orten und Städten meist im Rahmen groß angelegter Veranstaltungen – ihren Eid auf Adolf Hitler abgelegt, und während der folgenden Wochen und Monate gab es in ganz Österreich eine dichte Abfolge von Appellen, Vorträgen, Kundgebungen, Treuegelöbnissen, Kursen und vor allem lagerähnlichen Schulungen, in deren Rahmen die wesentlichsten Inhalte der nationalsozialistischen Ideologie vermittelt worden sind.“ (Dachs 1988b: 222)

Was den Schulbetrieb betraf, so ging es in der Zeit des Anschlusses sehr turbulent zu. Am 12. März und auch an den darauf folgenden Tagen, fand an den österreichischen Schulen kein Unterricht statt. Erst am 21. März besuchten die Kinder wieder die Schule und der Schulalltag begann sich zu „normalisieren“.

2 Jugendorganisationen im Nationalsozialismus

2.1 Ideologie der ausserschulischen Jugenderziehung

„Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn diese Knaben mit zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen und dort zum erstenmal überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitler-Jugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre. Und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standes-Erzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter. Und wenn sie dort zwei Jahre oder anderthalb Jahre sind und noch nicht ganz Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs und sieben Monate geschliffen, alles mit dem Symbol, dem deutschen Spaten. Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassenbewußtsein oder Standesdünkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das übernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre, und wenn sie nach zwei, drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter, und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“ (Krüger 1987: 15)

Dieses Zitat von Adolf Hitler zeigt meiner Meinung nach sehr gut, welche Ziele die nationalsozialistische Jugenderziehung hatte: Das Leben eines jeden einzelnen total zu beherrschen und zu vereinnahmen. Die jungen Menschen sollten gar keine Chance mehr haben, anders zu denken oder anders zu handeln, als dies von Adolf Hitler und seiner NSDAP gewünscht wurde.

Die Staatsjugendorganisation sollte als dritter Lebensbereich neben Familie und Schule das Leben der Jugendlichen im nationalsozialistischen Sinne bestimmen und beeinflussen.

Die obersten Erziehungsmaximen der außerschulischen Erziehung im Nationalsozialismus waren, den Kindern und Jugendlichen vorrangig zwei Dinge beizubringen:

„1. Das Kriegshandwerk (als da sind: marschieren, schießen, reiten, fliegen, etc.)

2. Die psychische Bereitschaft zur Ausübung des Kriegshandwerks (als da sind: Vergottung des „Führers“ als des obersten Kriegsherrn, - Verherrlichung Deutschlands als des heiligen Bodens, zu dessen Bestem der Krieg entfesselt werden soll, - Verherrlichung der eigenen, „nordischen“ Rasse als der einzigen, die würdig ist, nach gewonnenem Krieg den Erdball zu beherrschen).“ (Mann 2002: 136-137)

Diese zwei Pfeiler der Ideologie der Staatsjugend, vormilitärische Erziehung und Vermittlung des nationalsozialistischen, militärischen Weltbildes, sollten auf alle Fälle erreicht werden. Die Mittel zur Durchsetzung waren häufig Drill und Zwang.

Dennoch war aber eines immer wichtig: „Alle Bemühungen liefen darauf hinaus, der Jugend ein günstiges Bild und einen positiven Eindruck von der Welt des Nationalsozialismus und von seinen Zielen zu vermitteln, die Jugend zu gewinnen.“ (Richter 1975: 123) So war es vor allem in den ersten Jahren, als die Mitgliedschaft noch freiwillig war, wichtig, die Jugend anzusprechen und zu faszinieren. Vielfältige Aktionen wie Sportveranstaltungen, Heimabende, Fahrten, Lagerfeuer, Zeltromantik und gemeinsames Singen und Musizieren zielten auf die Aktivitätsbedürfnisse der Jugendlichen ab. Abenteuer und das Erlebnis der Gruppe sprachen die Gefühle an und machten die Hitler-Jugend für viele so attraktiv.

Dazu kam noch, dass sich die Jungen und Mädchen als Mitglieder der Staatsjugend auch als Teilhaber an der Macht sahen, was ihnen größere Wichtigkeit und Selbstsicherheit gab.

Die Nationalsozialisten hatten eine genaue Vorstellung vom „idealen“ deutschen Jungen und deutschen Mädchen.

Der „deutsche Junge“ war aktiv, sportlich, diszipliniert, hart und tüchtig. Er sollte glauben, gehorchen und kämpfen und Befehle befolgen ohne zu widersprechen.

Das „deutsche Mädel“ war fleißig, gehorsam, einsatzwillig und selbstbewusst und legte keinen Wert auf Mode, Schminken oder Luxus. Sie richtete bereits in jungen Jahren alles auf ihr zukünftiges Leben als Mutter aus. (vgl. Knopp 2002: 2-3)

Adolf Hitler sprach in seinen Gesprächen und Reden immer wieder von diesem Idealbild der deutschen Jugend:

„Meine Erziehung ist hart. Das Schwache muß weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muß das alles sein. Schmerzen muß sie ertragen können. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muß wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und schön will ich meine Jugend. Ich werde sie in allen Leibesübungen ausbilden lassen. Ich will eine athletische Jugend. Das ist das Erste und Wichtigste. Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich mir die Jugend. Beherrschung muß sie lernen. Eine neue Jugend will ich; zäh wie Leder, flink wie Windhunde, hart wie Kruppstahl.“ (Ferschmann, Hitz, Kuschnigg 1995: 19)

Und all diese Dinge sollten in den Jugendorganisationen gelehrt und gelernt werden.

Die oberste Tugend in der HJ war der Gehorsam. Es gab ein eigenes Disziplinarrecht der Hitler-Jugend, in dem das Gehorchen ohne Widerspruch als wichtigste Bestimmung festgehalten war: „Befehle sind ohne Wenn und Aber durchzuführen. Disziplin und Ordnung sind nationalsozialistische Grundtugenden.“ (Focke, Reimer 1979: 49)

Eine große Rolle in der Ideologie der nationalsozialistischen Jugendorganisationen spielte die Verherrlichung des Todes und der Totenkult.

„Es gab kaum ein Lied, das nicht vom Tod, vom Sterben in Morgenrot, vom Fallen, vom Heldentum oder von der Selbstaufopferung handelte. Es gab kaum eine Feierstunde, in der nicht der Toten gedacht wurde – in Liedern, Zitaten und Sprechchören. Sie waren mystisch und erregend, in Langemarkfeiern, die Totengedenkstunden zum 9. November, die Feiern zum Gedenken an die Toten der Feldherrnhalle, des Weltkrieges oder der Märtyrer der SA (...). Fackeln, Feuerstöße, dumpfe Trommelwirbel, gesenkte Fahnen und Lieder sollten dem Sterben einen Sinn geben. Der Mythos von Blut und Fahnen bei den jährlichen Fahnenweihen steigerte noch die Todessehnsucht. So entstand eine neue Pseudoreligion, neue Heiligtümer und ein neuer Glaube. Alles war daraus ausgerichtet, das Sterben für das Vaterland als erstrebenswertes Ziel zu sehen.“ (Ringler 1977: 87)

2.2 Organisation der Hitler-Jugend

Straff, festgefügt, vollkommen unbeweglich, streng hierarchisch und mit konsequenter Härte reglementiert – so könnte man die Organisationsstrukturen der Hitler-Jugend charakterisieren.

Die Jugendorganisation des Nationalsozialismus wird meist mit dem Überbegriff Hitler-Jugend bezeichnet. Eigentlich stand der Begriff Hitler-Jugend aber nur für einen Teil der Staatsjugend. Insgesamt war sie untergliedert in vier Gruppen:

- Deutsches Jungvolk (Jungen von 10 bis 14 Jahren) ® DJ.
- Hitler-Jugend (Jungen von 14 bis 18 Jahren) ® HJ.
- Jungmädel (Mädchen von 10 bis 14 Jahren) ® JM.
- Bund deutscher Mädel (Mädchen von 14 bis 18 Jahren) ® BdM.

Später wurden die Mädchen bis zum Alter von 21 Jahren im Bund deutscher Mädel behalten. Die 17- bis 21-Jährigen wurden in einem eigenen Werk mit der Bezeichnung „Glaube und Schönheit“ zusammengefasst.

Die Gliederung innerhalb dieser Unterorganisationen sah, von unten nach oben, folgendermaßen aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jeweils mehrere Jungbanne und Banne wurden zu Gebieten zusammengefasst. Bei den Mädchen nannte man diese nächsten Überorganisationen, die circa 150 000 Mitglieder zählten, Obergaue.

Die oberste Organisation schließlich war die Reichsjugendführung (RJF.), der alle diese Gruppierungen unterstanden. (vgl. Richter 1975: 122)

Der oberste Mann in diesem System war Baldur von Schirach, der Reichsleiter für die Jugenderziehung. Er unterstand direkt Adolf Hitler.

Kurze Zeit nach dem Anschluss, im März 1938, wurde im österreichischen Gebiet, nun Ostmark genannt, die Hitler-Jugend in sieben Gebiete unterteilt:

Wien, Niederdonau, Oberdonau, Steiermark, Kärnten, Salzburg, Tirol-Vorarlberg.

Wie diese Gebiete in der Ostmark dann weiter untergliedert waren, möchte ich am Beispiel Wien zeigen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Gliederung der HJ Wien

(Ringler 1977: 77)

„Der Führungsaufbau der HJ war völlig hierarchisch: eine formelle Verantwortlichkeit der Führerschaft war nur nach oben hin gezogen. Orientiert an dem von Hitler formulierten Grundsatz „Jugend soll von Jugend geführt werden“, hatten sämtliche Einheiten der HJ in ihrer vertikalen Staffelung Einheitsführer und –führerinnen, deren Durchschnittsalter jeweils nur gering über dem Alter der von ihnen Geführten lag.“ (Krüger 1987: 16)

Diese jungen Hitler-Jugend-Führer wurden in eigenen Schulen ausgebildet.

Das angestrebte Ziel der HJ-Führung war von Anfang an, die gesamte deutsche Jugend zu erfassen. Am 25. März 1939 wurde schließlich die Jugenddienstpflicht eingeführt. Es wurde eine Jugenddienstverordnung erlassen, die die Bestimmungen aus dem „Gesetz über die Hitlerjugend“ von 1938 zur Pflicht machte. Diese Bestimmungen lauteten folgendermaßen:

„ § 1. Die gesamte deutsche Jugend ist in der Hitler-Jugend zusammengefasst.

§2. Die gesamte deutsche Jugend ist außer in Elternhaus und Schule in der Hitler-Jugend körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft zu erziehen.“

(Krüger 1987: 13)

Der Dienst in der Hitler-Jugend war nun also ebenso verpflichtend wie Wehrdienst und Arbeitsdienst. So mussten alle Jungen und Mädchen zwischen 10 und 18 Jahren den Jugendorganisationen des Dritten Reiches angehören. Wer sich nicht daran hielt, wurde mit schweren Strafen bedroht. (vgl. Krüger 1987: 14)

Jedes Jahr wurde ein neuer Geburtsjahrgang „angelobt“. Am 20. April, das war der Geburtstag des Führers, forderte Reichsjugendführer Baldur von Schirach die Zehnjährigen auf, ihre Pflicht zu tun und den Dienst in der Hitler-Jugend anzutreten. Vor dem Eintritt musste jeder neue Pimpf einen Schwur ablegen:

„Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid. Ich werde meinem Führer Adolf Hitler allzeit treu und gehorsam sein. Ich will als Parteigenosse im Dienst der Gemeinschaft des deutschen Volkes gewissenhaft und opferbereit meine Pflicht erfüllen für die Größe und Ehre der deutschen Nation. So wahr mir Gott helfe.“ (Mann 2002: 140)

Der Begriff Gott ist dabei, wie immer im Nationalsozialismus, nicht religiös zu sehen, sondern steht für die Person des Führers Adolf Hitler. (vgl. Mann 2002: 139-140)

Die straffe Organisation der Hitler-Jugend zeigte sich nicht zuletzt auch in der einheitlichen Uniformierung der Mitglieder. Die Jugendorganisationen hatten ihre eigenen Uniformen. Bei den Jungen bestand sie aus Hemd, kurzer Hose, Kniestrümpfen und einem geknoteten Halstuch. Auch die Uniform der Mädchenorganisationen war betont sportlich mit Kletterweste, knielangen Röcken, Socken und Bundschuhen. Im Disziplinarrecht der Hitler-Jugend war festgehalten, dass es die Pflicht der Mitglieder war, diese Uniform bei allen Aktionen zu tragen. Für viele galt es aber sowieso als Ehre, das „Kleid des Führers“ zu tragen. (vgl. Achs, Tesar 1988: 41)

2.3 Ausbildung und Inhalte in der Hitler-Jugend

2.3.1 Jungenerziehung

Was die Erziehung der männlichen Kinder und Jugendlichen in der Staatsjugend betraf, so gab es zwei große Aufgaben, die sich die Hitler-Jugend zum Ziel setzte:

Die vormilitärische Erziehung und die weltanschauliche Schulung.

Vormilitärische Erziehung:

Die körperliche Ausbildung war immer darauf ausgerichtet, die Jungen auf den Krieg vorzubereiten, ihre Körper zu stählen und sie hart zu machen.

Folgende Auflistung über Aktivitäten in diesem Bereich zeigen diese Ausrichtung auf den Fronteinsatz sehr gut:

- Drill in offenen und geschlossenen Formationen
- Kartenlesen, Richtung-Finden, Pfad-Finden
- Zielübungen und Schätzen von Entfernungen
- Deckung-Suchen, Camouflage
- Zelt-Aufschlagen und Spatentechnik
- Sturzübungen; Boxen
- Schwimmen; Land- und Dauerlauf
- Marschieren in voller Ausrüstung
- Kleinkaliber-Gewehr-Übungen; Schießunterricht (vgl. Mann 2002: 143-144)

„Und die nun folgenden Vorschriften für das „Marschieren in voller Ausrüstung“ ergänzen das kriegerische Bild:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Mann 2002: 144)

Die gesamte körperliche Erziehung war streng militärisch und kannte keine Gnade. Es musste jeder an den Übungen teilnehmen, Ausreden oder „Sich-Drücken“ funktionierten nicht. Ganz besonders für nicht so sportliche Jungen bedeutete diese körperliche Ertüchtigung schlimme Qualen.

Ein ehemaliger Hitlerjunge erinnert sich an den Drill:

„Waldläufe und (…) Turnen wurden bis zur völligen Erschöpfung betrieben. Wenn uns schon schwarz vor den Augen war, begann erst der solide Schliff. (…) Stundenlang mußten wir laufen, durch Dreck robben, hüpfen, Liegestütze machen und alle Schikanen auskosten, die unter militärischem Drill verstanden wurden. (…) Denn nur derjenige, dessen Wille gebrochen war, würde widerstandslos gehorchen. Wir glaubten an den Sinn.“ (Ringler 1977: 78)

Das war das erklärte Ziel: Den Willen zu brechen. Denn erst dann „funktionierten“ die Kinder und jungen Männer so, wie der Führer es wünschte: Blind, bedingungslos und ohne Widerrede. Totaler Gehorsam – bereit für den Krieg.

Weltanschauliche Schulung

Die weltanschauliche Schulung, also die Vermittlung des Weltbildes und der Ideologie des Nationalsozialismus, wurde vor allem in Gestalt der Heimabende durchgeführt. Sie fanden meist einmal wöchentlich in eigenen HJ-Heimen statt. Auch bei den Heimabenden herrschten strenge Regeln. Zu Beginn und am Ende wurde mit dem Hitlergruß gegrüßt, die Uniformpflicht galt auch hier, und jegliche Anweisung der Gruppenführer musste strengstens befolgt werden.

Es gab einen eigenen Schulungsplan, der verschiedene Themen vorgab und der von allen Gruppen der Staatsjugend durchgenommen werden musste. Diese Themen waren zum Beispiel germanische Helden, das arische Volk und die Rassenlehre, der Judenhass, der Führer und natürlich immer wieder Krieg, Kampf und Sterben für das Vaterland. (vgl. Krüger 1987: 16)

An den Heimabenden wurden auch Radiosendungen gehört, Propagandafilme angeschaut und Kriegsbücher gelesen.

Eine wichtige Rolle in der Vermittlung der nationalsozialistischen Werte in der HJ spielte auch das gemeinsame Singen von Liedern. Zu diesem Zweck gab es eine Menge von eigens für die Hitler-Jugend herausgegebenen Liederbüchern. Dazu zählten zum Beispiel das „Schutz- und Trutz-Liederbuch für die deutsche Jugend“, „Uns geht die Sonne nicht unter“, „Blut und Ehre“, das Baldur von Schirach selbst herausgegeben hatte, und so weiter. Die Texte der Lieder handelten vom Führer Adolf Hitler, von der nationalsozialistischen Jugend, vom Krieg, von Soldaten und vom Tod sowie vom Hass gegen die Juden. (vgl. Mann 2002: 157) Folgende Textzeilen aus verschiedenen HJ-Liedern bedürfen wohl keiner genaueren Erklärung mehr:

„ ,Fallen wir Haupt bei Haupt ... Du sollst bleiben, Land, wir vergehn.’; ,Vom Schlachtfeld kehren wir nicht heim ... für Adolf Hitler sterben wir.’; ,Ein Feigling, wer an sich noch denkt, wo rings der Heimat Feinde drohen.’; ,Dann ziehen wir beim Morgenrot, ja rot, für Hitlers Fahne in den Tod.’; ,Hier unsre Leiber, hier unser Leben, alles für Deutschland zum Opfer zu geben.’; ,Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg ... Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt.’; ,Herr, laß uns stark sein im Streiten, dann ist unser Leben vollbracht.’; ,Deutsche, ihr zogt singend zur Schlacht, in dem Herzen flammt euch Todes Macht.’; ,Wir geloben Hitler Treue bis ins Grab.’...“ (Platner 1984: 242-244)

Neben den Liederbüchern der Hitler-Jugend gab es auch noch eine Reihe von Jugendzeitschriften, die zur weltanschaulichen Schulung beitragen sollten. Die wichtigste Zeitschrift hieß „Die HJ – Das Kampfblatt der Hitlerjugend“, dann erschienen noch „Das junge Deutschland“, „Wille und Macht“, „Die Trommel der Deutschen Jugend“, „Hilf mit!“ oder „Das Jungvolk“. Auch diese Zeitschriften hatten alle nur die eine Aufgabe, die Jugend für Krieg und Kampf zu begeistern. (vgl. Mann 2002: 141)

2.3.2 Mädchenerziehung

In der Mädchenerziehung gab es viele Parallelen zur Erziehung der männlichen Jugendlichen. Die Organisationsstruktur war gleich aufgebaut, die grundsätzlichen nationalsozialistischen Werte waren die gleichen und es wurde dasselbe Weltbild vermittelt. Wie bei den Jungen nahm auch bei den Mädchen der Sport einen hohen Stellenwert ein. Anstatt der militärischen Erziehung und Ausbildung standen bei den Mädchen die Vorbereitung auf die Mutterrolle und die Ausübung sozialer Dienste im Vordergrund.

Die Rolle der Frau in der nationalsozialistischen Gesellschaft war ideologisch klar definiert: Sie sollte dem Führer möglichst viele Kinder gebären – natürlich um den militärischen Nachwuchs zu sichern. Dann sollte sie zu Hause bleiben, die Kinder erziehen und den Haushalt führen. Das war nicht nur erwünscht, sondern wurde durch verschiedene Maßnahmen immer mehr durchgesetzt: So wurde den Frauen ihr passives Wahlrecht entzogen und der Studentinnenanteil auf zehn Prozent beschränkt. Nur wenn eine Frau viele Kinder zur Welt brachte, wurde sie vom Staat finanziell unterstützt und bekam das so genannte Mutterkreuz, eine Art Orden, verliehen, weil sie ihren „Dienst am Volk“ damit erfüllt hatte. Ledige und kinderlose Frauen sollten sich sozial engagieren, den Lehrberuf ergreifen und zum Beispiel auch im Krieg als Pflegerin arbeiten.

Diese Werte, allen voran die Erziehung der Mädchen zu fleißigen Müttern, sollten vor allem in den Mädchenorganisationen der HJ vermittelt werden. Die Mädchen wurden regelrecht in diese Rolle hineingedrängt. Sie lernten im BdM über Ehe und Familie, über Erbgesundheit und wurden biologisch aufgeklärt. (vgl. Achs, Tesar 1988: 39-40)

Daneben

„lagen die Schwerpunkte des BdM auf kultureller und sportlicher Tätigkeit ohne militärische Erziehung und in der Ausübung verschiedener Dienste. Einmal wöchentlich gab es einen Heimabend, und meist Samstagnachmittag wurde Sport betrieben. Die Heimabende dienten speziell beim BdM der weltanschaulichen Schulung, wöchentliche Radiosendungen mit dem Titel „Die Stunde der jungen Nation“, die über alle deutschen Sender ausgestrahlt wurden, hörte die Mädelschaft im HJ-Heim gemeinsam.

Die kulturelle Arbeit bestand in der Pflege von Volkskultur: Singen, Musizieren, Bastel- und Werkarbeiten.“ (Achs, Tesar 1988: 40)

Der Sport hatte eine ganz besondere Aufgabe: Er sollte zur Gesundheit und Fitness der Mädchen beitragen – und gesunde Mädchen waren wichtig, um später gesunde Kinder zur Welt zu bringen.

Reichsjugendführer Baldur von Schirach forderte die Mädchen daher immer wieder dazu auf, Sport zu treiben: „Treibt Sport, trainiert eure Körper, werdet gesund und widerstandsfähig und wachst so zu gesunden, einsatzwilligen, selbstbewussten Frauen heran.“ (Mann 2002: 164)

Um im Krieg einsetzbar zu sein, wurden im BdM auch Kenntnisse in Unfalldienst und Krankenpflege, in Erster Hilfe, Luft- und Gasschutz und auch in Hauswirtschaft vermittelt. (vgl. Mann 2002: 165)

Eine Frau beschreibt im Bericht über ihre Jugendzeit vor allem das Zusammenhörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl im BdM:

„Ich fand dann im „Bund deutscher Mädel“, in den ich mit zehn Jahren aufgenommen wurde, endlich eine emotionale Heimat, einen Hort der Geborgenheit und bald auch eine Stätte der Anerkennung. (...) „Wir“ Jungmädel aus der Hitlerjugend gehörten zusammen, waren eine Elite innerhalb der deutschen „Volksgemeinschaft“. So empfand ich es damals. Und deshalb machte ich auch alles mit, was mir weniger Spaß brachte. Wie etwa die anstrengenden Wanderungen mit dem Rucksack. Ich nahm mir einfach vor alles schön zu finden – und ich habe mich in dieses Gefühl hineingesteigert, bis ich es selbst glaubte.“ (Hinrichs, Müller, Stehling 1998: 100-101)

2.4 Aktionen und Veranstaltungen

Die Aktionen, die von der Hitler-Jugend durchgeführt wurden, waren vielfältig und zahlreich. Da gab es neben den Heimabenden, Sport und Wanderungen noch jede Menge andere Veranstaltungen, wie Aufmärsche und Kundgebungen, Fahrten und Lager, groß angelegte Sportwettbewerbe, Feiern zu allen möglichen Anlässen sowie Hilfsdienste.

Auf die wichtigsten Aktionen, die von den Jugendorganisationen durchgeführt wurden, möchte ich nun etwas genauer eingehen.

Das Lager

Das Lager war ein wichtiger Bestandteil der Erziehung in den Jugendorganisationen. Alle Organisationen, auch die Mädchen, fuhren auf Lager und alle Mitglieder mussten teilnehmen. Das Lager war vor allem deshalb als Erziehungsmittel so wichtig und wirksam, weil die Führer die Kinder fernab von zu Hause den ganzen Tag unter ihrer Aufsicht hatten. Sie konnten die Kinder rund um die Uhr im nationalsozialistischen Sinne erziehen.

„Jugendliche (…) sollten im Lager nicht nationalsozialistisch denken, sondern leben lernen. Im Lager sollte die faschistische Ideologie gleichsam als Lebensstil eingeübt und unbewußt verinnerlicht werden. (…) Unter dem Vorwand einer völkischen Gemeinschaftserziehung werden persönlichkeitsbildende und wahre soziale Erziehungsziele verhindert. Die Kasernierung bot eine günstige Gelegenheit, die vom Faschismus geforderten Verhaltensweisen wie Einsatzbereitschaft und kritiklose Unterordnung zu vermitteln.“ (Achs, Tesar 1988: 42)

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Details

Seiten
118
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638196314
ISBN (Buch)
9783638721042
Dateigröße
978 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14152
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Salzburg – Hauptschulausbildung
Note
Sehr gut
Schlagworte
Jugendorganisationen Schule Nationalsozialismus Berücksichtigung Theorie Unterrichtsentwurf

Autor

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Titel: Jugendorganisationen und Schule im Nationalsozialismus unter besonderer Berücksichtigung Österreichs. Theorie und Unterrichtsentwurf