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Formate der Geschichtsdarstellung im Fernsehen: Historische Dokumentation am Beispiel von "Der Jahrhundertkrieg - Feuersturm"

Seminararbeit 2002 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhalt

1. Die ZDF-Dokumentation »Der Jahrhundertkrieg – Feuersturm«
1.1 Macher
1.2 Grunddaten
1.3 Gestaltungselemente
1.4 Inhaltlich-historische Einordnung

2. Fragestellung, Problemlage und Arbeitsmethode

3. Zur Semantik der Schlüsselbegriffe
3.1 Authentizität
3.2 Emotionalität

4. Einführende Überlegungen

5. Authentizität oder Emotionalität? Untersuchung von Bildsprache, Ton und Auswahl der Zeitzeugen
5.1 Authentizität und Emotionalität in Bildsprache und Ton
5.1.1 Authentizität
5.1.2 Emotionalität
5.2 Authentizität und Emotionalität in der Auswahl der Zeitzeugen
5.2.1 Authentizität
5.2.2 Emotionalität

6. Fazit der Untersuchung

7. Literaturangaben

1. Die ZDF-Dokumentation »Der Jahrhundertkrieg – Feuersturm«

1.1 Macher

Idee und Konzept zur Sendereihe Der Jahrhundertkrieg stammen vom Leiter der »Redaktion Zeitgeschichte« beim ZDF, Guido Knopp. Er war es auch, der als Aufsicht und letzte Instanz bei den Arbeiten zum Feuersturm fungierte. Für Buch und Regie zeichnen Peter Hartl und Annette Tewes verantwortlich.

1.2 Grunddaten

Der Feuersturm wurde erstmals am 26. Februar 2002 um 20.15 im ZDF ausgestrahlt. Die Länge der Dokumentation betrug wie bei den insgesamt 20 anderen Folgen der Sendereihe 45 Minuten.

1.3 Gestaltungselemente

Im Verlauf des Feuersturm kommt eine ganze Reihe von Gestaltungselementen zum Einsatz, die sich grob in historisch-verbürgt, fiktiv und unterhaltend-auflockernd einteilen lassen. Was den prozentualen Anteil an der Gesamtsendezeit betrifft, so überwiegt die erste Gruppe deutlich, wie es für Dokumentationen mit zeitgeschichtlicher Thematik kennzeichnend ist. Als historisch-verbürgte Gestaltungselemente zu nennen sind prinzipiell alle Archivbilder[1], Originaltöne, Aufnahmen an Originalschauplätzen und Zeitzeugeninterviews. Zu den fiktiven wäre nebst kleineren Überbrückungssequenzen etwa die kameratechnisch nachgestellte Szene im Luftschutzkeller eines Berliner Hauses zu zählen. Die unterhaltend-auflockernden schließlich kommen zum Einsatz, wenn die Verse eines alten Schlagers ertönen oder Szenen einer Zirkusvorstellung in Dresden gezeigt werden.

1.4 Inhaltlich-historische Einordnung

Thematisch geht es im Feuersturm um die Großangriffe alliierter Bomberverbände auf deutsche Städte in der Schlussphase des Krieges, das damit verbundene Leid der Einwohner sowie individuelle Schicksale in einem Chaos zwischen Bränden und Trümmern. Der strategische Luftkrieg von Royal und US Air Force hatte zwei Ziele: Schwächung der Wirtschaftskraft des Reiches sowie Demoralisierung der Zivilbevölkerung. Beide wurden verfehlt: Die industrielle, kriegswichtige Produktion konnte rechtzeitig ausgelagert oder unterirdisch weiterbetrieben werden, während der Durchhaltewille der Bevölkerung durch die NS-Propaganda gegen die menschenverachtende Taktik der Alliierten eher noch gesteigert wurde. Die ZDF-Dokumentation versucht aus mehreren Perspektiven, der Frage nach Sinn und Unsinn der Flächenbombardements auf den Grund zu gehen.

2. Fragestellung, Problemlage und Arbeitsmethode

Authentizität ist, wie die Filmhistorikerin Uta Berg-Ganschow richtig schreibt, »kein produktionsästhetischer Begriff, problemlos zu beschreiben, sondern die Bezeichnung eines Rezeptionseffekts.«[2] Anders ausgedrückt: Den authentischen Dokumentarfilm als solchen gibt es nicht. »Denn über Realismus kann immer nur jeder einzelne Zuschauer [...] für sich alleine entscheiden.«[3] Ob die etwas endgültige These, es sei »letztlich nicht möglich oder trügerisch, einem Dokumentarfilm direkt die Gründe ablesen zu wollen, die beim Zuschauer diesen Effekt, den Glauben, die Evidenz erzeugen.«[4] so stimmt, sei dahingestellt. Eines lässt sich zumindest mit einiger Sicherheit behaupten: Es handelt sich bei jenen Gründen um ein Ensemble von Faktoren, die nicht im einzelnen rekonstruierbar sein müssen.

Ein subjektfreies, direktes und neutrales Bild der Realität kann der Dokumentarfilm, wie weiter unten erläutert, nicht liefern. Es sind die Bruchstücke und Einzelteile dieser Realität, durch die persönliche Sicht des Autors zueinander in Beziehung gesetzt, die ihn ausmachen. Diese Einzelteile ergeben, werden sie auch noch so gekonnt aufbereitet, doch kein authentisches Abbild der Lebenswirklichkeit. Dennoch bleiben sie für sich betrachtet, eben als Teile dieser Lebenswirklichkeit, authentische Dokumente – stets bedingt durch den temporalen und lokalen Hintergrund ihrer Entstehung. Die bewusste oder unbewusste Wahrnehmung solcher Einzeldokumente im Gesamtfilm erzeugt beim Zuschauer den oben angesprochenen Rezeptionseffekt der Authentizität. Folgerichtig müsste die Analyse der Einzeldokumente zumindest teilweise die Rekonstruktion dieses Rezeptionseffekts leisten können.

Die vorliegende Arbeit versucht, eine solche Analyse an einem konkreten Beispiel zu leisten. Die zugrundeliegende Intention besteht darin, das definitorisch schwierige Sachfeld der Authentizität im Dokumentarfilm abzustecken und möglichst zu einem genaueren Begriffsverständnis zu gelangen. Dabei werden drei Hauptelemente des klassischen (historischen) Dokumentarfilms besonders untersucht: Bildsprache, Ton und Zeitzeugen. Die beiden erstgenannten sind aufgrund ihrer unmittelbaren Verknüpftheit unter einem Punkt zusammengefasst, während die Zeitzeugen gesondert behandelt werden.

Analog dazu wird sich die Arbeit mit der Frage befassen, welche Rolle der Faktor Emotionalität gegenüber dem der Authentizität einnimmt und was sich aus einer Interaktion der beiden für den Dokumentarfilm ergibt. Auch Emotionalität wird hierbei vornehmlich als Rezeptionseffekt beim Zuschauer aufgefasst und behandelt. Im Verlauf der Untersuchung soll ermittelt werden, woran sich Emotionalität im Allgemeinen festmachen lässt und worin sich ihre Wirkung auf den Zuschauer äußert. Am gleichen Beispiel werden dabei Momente der Emotion festgemacht und mit den gleichen Vorgaben wie zuvor bei der Authentizität analysiert. Abschließend wird ein Resümee die ermittelten Thesen der Arbeit zusammenfassen.

3. Zur Semantik der Schlüsselbegriffe

3.1 Authentizität

‚Authentisch’ kommt vom griechischen Wort authentikos und heißt soviel wie ‚gültig, echt, glaubwürdig’[5]. ‚Authentizität’ in Bezug auf den Film bezeichnet also die verbürgte und zuverlässige Echtheit von Informationen im weitesten Sinne, darunter auch von Bildern und Tonaufnahmen.

3.2 Emotionalität

Das Wort ‚Emotion’ hat seinen Ursprung im Lateinischen movere, zu deutsch ‚bewegen’, aber auch: ‚rühren, begeistern, erschüttern’. Émotion bezeichnet im Französischen ‚Erregung, Rührung’[6]. Eine ‚emotionale’ Darstellung vermag also beim Zuschauer Gefühls- und Gemütsbewegungen zu erzeugen – entweder durch einen gezielten Einsatz von Bild und Ton oder eben durch die Visualisierung von Emotionen der im Film handelnden oder sprechenden Personen.

4. Einführende Überlegungen

Der Dokumentarfilmer Peter Krieg polemisierte noch 1986: »Der Dokumentarfilm wird aus dem Fernsehen verschwinden – zur allgemeinen Erleichterung des Publikums«, denn er sei das »einzige Schlafmittel, das man durch die Augen einnehmen kann.«[7] Die Prophezeiung lief nachweislich ins Leere: Der Dokumentarfilm hat in den 90er Jahren eine Renaissance erlebt und ist heute zu einem festen Bestandteil der Programmlandschaft geworden. Er ist weder von Unterhaltungsformaten verdrängt worden, noch dem Regime der Einschaltquoten oder der allgemeinen Rationalisierung von Produktionsabläufen zum Opfer gefallen, wie noch vor einiger Zeit in vielfachen Analysen prognostiziert.

Aktuell sind es vor allem historische, meist zeitgeschichtliche Themen, die den Dokumentarfilm bestimmen – nicht nur, weil sie die Resonanz der Zuschauer finden, sondern auch, weil sie den strukturellen Eigenheiten dieses Genres am besten entsprechen. Denn der moderne Dokumentarfilm lebt von Originalaufnahmen in Bild und Ton, von Zeitzeugen-Interviews, von neuen Forschungsergebnissen und anderen aktuellen Bezügen. Diese Postulate können aus nachvollziehbaren Gründen von keinem anderen Gegenstand so vollständig erfüllt werden, wie von der Zeitgeschichte.

In den Diskussionen, die in den 80er Jahren den Untergang des Dokumentarfilms thematisierten, wurde ein Aspekt besonders beklagt: der zunehmende Verlust an Wirklichkeit im Fernsehen. Implizit kam darin ein »geradezu urwüchsiges Vertrauen in die Realitätsmächtigkeit des Dokumentarfilms« zum Ausdruck, »die offenkundig keiner anderen Produktionsform in diesem Maße beigemessen wird«[8]. Aus der »Kritik an den deformierenden und entstellenden Bilderwelten des Fernsehens« sprach zugleich die »ungebrochene Überzeugung von einer zu errettenden filmischen Unmittelbarkeit und Authentizität, in der die Wirklichkeit selbstevident zur Erscheinung kommen müsse.«[9] In dieser Erwartungshaltung lässt sich unschwer ein Mythos vom Filmisch-Dokumentarischen ausmachen, der seinen mediengeschichtlichen Ursprung in der Entwicklung der Photographie hat: Der Dokumentarfilm als faktengetreue Reproduktion der Lebenswirklichkeit. Kann er diesem Anspruch aber wirklich gerecht werden?

Die Geschichte des Films beginnt, wenn man es genau nimmt, mit dokumentarischen Streifen, u.a. mit denen der Brüder Lumière. Aber schon bald langweilte sich das Publikum angesichts von Zügen, die in den Bahnhof einfuhren oder von Arbeitern, die die Fabrik verließen und verlangte »Sensationen und Eindrücke, die ihm zuvor ältere Medien vermittelt hatten: Geschichten und Dramen, eingespannt zwischen expositorischem Anfang, Verwicklung, Höhepunkt und einem lösenden Ende.«[10] Diese Forderung besitzt auch heute uneingeschränkt Gültigkeit – nicht etwa nur für den Spielfilm, sondern eben auch (wenn auch in etwas modifizierter Weise) für dokumentarische Formate. Um es vereinfacht zu sagen, reicht hier Authentizität allein längst nicht mehr aus – der erfolgreiche Dokumentarfilm zeichnet sich durch Emotionen und dramaturgische Erzählstrukturen aus. Diese ästhetische Formgebung hat noch eine andere wesentliche Funktion: Sie stellt dem Fremden, Unbekannten und Exotischen ein dem Zuschauer vertrautes Wahrnehmungs- und Sinnstiftungsmuster vor und macht es dadurch (subjektiv) authentischer und glaubwürdiger.

Zu solchen vertrauten Wahrnehmungsmustern zählt mit Sicherheit auch die Emotionalität. Emotionen sind, unabhängig von Lebenssituation und -erfahrung, auf der ganzen Welt gleich und werden, anders als etwa die Sprache, von allen Menschen gleichermaßen verstanden. Das macht sie unentbehrlich auch für den Dokumentarfilm, der ja fremde Lebenswirklichkeiten abbildet und dabei verstanden werden möchte. Zu untersuchen bleibt jedoch, ob Emotionalität dem Postulat der dokumentarischen Authentizität entgegenstehen kann.

[...]


[1] Im Feuersturm sind das vor allem private Filmaufnahmen und Photographien, von den Alliierten und Nazis gedrehtes Dokumentations- und Propagandamaterial und Wochenschau-Ausschnitte.

[2] Uta Berg-Ganschow, Das Problem der Authentizität im Dokumentarfilm, in: Heller / Zimmermann 1990, S. 85

[3] Peter Krieg, WYSIWYG oder das Ende der Wahrheit, in: Heller / Zimmermann 1990, S. 91

[4] Uta Berg-Ganschow, Das Problem der Authentizität im Dokumentarfilm, in: Heller / Zimmermann 1990, S. 85

[5] Wahrig Deutsches Wörterbuch, 6. Auflage, Bertelsmann Lexikon Verlag

[6] Wahrig Deutsches Wörterbuch

[7] Peter Krieg, Der Dokumentarfilm – ein Schlafmittel, in: Weiterbildung und Medien 5/1986, S. 35 f.

[8] Heinz-B. Heller, Dokumentarfilm und Fernsehen, in: Heinz-B. Heller und Peter Zimmermann (Hg.), Bilderwelten – Weltbilder: Dokumentarfilm und Fernsehen, S. 18

[9] Heinz-B. Heller, Dokumentarfilm und Fernsehen, ebd., S. 19

[10] Heinz-B. Heller, Dokumentarfilm und Fernsehen, ebd., S. 19

Details

Seiten
19
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638196246
ISBN (Buch)
9783656698081
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14140
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Journalistik
Note
1
Schlagworte
Formate Geschichtsdarstellung Fernsehen Historische Dokumentation Jahrhundertkrieg Feuersturm Geschichtsdoku Guido Knopp ZDF Authentizität Dokumentarfilm Bildsprache Ton Zeitzeugen Emotionalität Rezeption TV-Doku Zeitzeugen-Interview NS-Zeit Nationalsozialismus Zweiter Weltkrieg Geschichtsdidaktik Fachjournalismus Bombenkrieg Dresden Bombardement Geschichte

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