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Die doppelte Ankunft: Von Metaphorizität oder die Metaphysik der Sprache

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 38 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die Idee der Differenz: Die verrückte Mitte
2.1. Die Schriftspur
2.2. Ecrire la différance : Praxis der différance
2.3. Metaphorizität der Schrift

3. Die weiße Mythologie
3.1. Die Kritik als Supplement und Vollendung der Literarizität

4. Materialität der Sprache
4.1 und jetzt die Architektur

5. Schlussbetrachtung

6. Bibliographie

1. Einleitung

Ganz allgemein gesprochen geht es in der vorliegenden Arbeit um die Dimensionen und Deutungen Jacques Derridas hinsichtlich metaphorischer Kraft, welche, hier schon vorwegnehmend, im Verlauf dieser Ausführungen als die unbeherrschbare Kraft der Schrift charakterisiert wird. Da die Metapher jenseits der traditionellen Vorstellungen von der Schrift wesentliches über das Funktionieren der Sprache aussagt, und dies nicht nur im als fiktional definierten Diskurs der Literatur, ist es zunächst notwendig, durch einen einführenden Abschnitt auf die Problematik der Schrift und Sprache sowie auf deren unhinterfragten Prämissen und logischen Folgerungen einzugehen, was Derridas Gesamtwerk wie ein roter Faden durchzieht und an dem es sich abzuarbeiten gilt. So befasst sich das erste Kapitel mit dem Sprachmodell des Saussurschen Strukturalismus sowie mit dessen Übergang und den Perspektivänderungen durch die sogenannte Postmoderne. Denn erst diese richtet ihren Blick auf die eigene Brille und insbesondere auf das, was ihrem Blick entweicht, die uneingestandenen Voraussetzungen, was speziell am Beispiel des Metapherndiskurses deutlich wird. Nach diesem formal-historischen Einstieg, welcher verkürzt als eine Überführung von der Differenz in die diff é rance zusammengefasst werden kann, geht es im Weiteren explizit um die Derridaschen Modifikationen des Schrifttopos. Da diese Anreicherungen und Verkomplizierung der sprachlichen Strukturen in der Derridaschen Inszenierung seiner Texte insbesondere durch ihren performativen Aspekt eine sozial- politische Ausdehnung haben, verlangt ein semiotischer Textbegriff nicht nur Konsequenzziehung innerhalb der Literaturwissenschaft und Linguistik, sondern auch über diese hinaus. Infolgedessen sollen am Ende dieses ersten Teils die Vorbedingungen für eine Interpretation des Aufsatzes Die weiße Mythologie noch einmal zusammenfassend formuliert werden, um eine durch Querverbindungen erleichternde Lektüre zu versuchen, welche dabei jenseits der klassischen Unterteilung in philosophisch-argumentativen vs. literarisch-fiktiven Diskurs explizit zur Problematik der Intentionalität des Autors führt. Aufgrund dessen befasst sich der dann nachfolgende Gesichtspunkt mit den diskursiven Konfigurationen der Autorfunktion insbesondere während der Frühromantik, welche zudem die eben angesprochenen ausdifferenzierten Textklassen (argumentativ vs. fiktiv) ins Schwanken bringt.[1]

Derridas Kritik an der Metaphysik sowie an der in dieser Tradition konzipierten Sprache mit Hilfe des Platonischen Entwurfs einer gedanklichen Welt in Abgrenzung zu einer sinnlichen manifestiert sich ergänzend auch außerhalb der klassischen Buchstabensprache, so beispielsweise im Werk des schweizerischen Architekten Bernard Tschumi. Da die Welt als Text lesbar ist, ihre Normen und Hierarchien durch die verschiedenen Schriftmodi vorangetrieben und verschoben werden können, soll in einer dritten Etappe das Beispiel der Architektur und Architektonik erörtert werden, gerade weil ihr hartes und stabiles Material als letzte Bastion der Metaphysik die Derridasche Dezentrierung der Strukturen auf sinnliche Art und Weise zum Ausdruck bringen kann.

Letztlich muss in einer wissenschaftlichen Arbeit ihre formale Struktur eingehalten werden, so dass im Anschluss an die Lektüre und Auseinandersetzung mit den Derridaschen Texten und jenseits von diesen, Form und Inhalt der Eigenleistung reflektiert und diese in Zusammenhang zu dem sogenannten poststrukturalistischen Schreib- und Lesekonzept gesetzt werden.

2. Einführung in die Idee der Differenz: Die verrückte Mitte

Eine Voraussetzung für die Idee der Differenz ist der Auftritt des Signifikanten auf der akademisch-theoretischen Bühne im Zuge des Linguistic turn (Begriff geprägt durch den Philosophen Richard Rorty) zu Beginn des zwanzigsten Jh., was (bisher) sowohl für die Sozial- als auch die Geisteswissenschaften vielfältige Konsequenzen nach sich zog, insbesondere die Derridasche Dezentrierung der Strukturen und die der Interdisziplinarität. Dies bedeutet, dass das nun nachzuskizzierende sprachliche Zeichensystem des Strukturalismus und (im fließenden Übergang) des sogenannten Poststrukturalismus auf alle anderen akademischen Disziplinen ausgeweitet und als Analysemethode angewendet wird, so dass ein Paradigmenwechsel festgestellt werden kann. Die Naturwissenschaften hingegen richten ihren Blick (noch) nicht auf ihre eigenen Kodierungslogiken, um diese ständig zu hinterfragen, sondern formalisieren und funktionieren weiterhin nach binär strukturierten Denkmustern und dem Hegelschen dialektischen Argumentationsmodell (These, Antithese, Synthese), verharren hierbei in der Sehnsucht nach vermeintlich unikaler, nachweisbarer Wahrheit und Objektivität. Die Grammatologie von Jacques Derrida hingegen „[diskutiert] im Modus einer Vervielfältigung der Ursprünge (...) verschiedene historische (Antike, 18. Jh., Moderne) und epistemologische (Philosophie, Linguistik, Anthropologie/ Ethnologie, Grammatologie) Urszenen der Schrift, in denen es um eine Reflexion jener verborgenen Bewegungen geht, die der Entstehung und Fixierung von bedeutungskonstituierenden Differenzen vorausgehen.“[2]

Es sei zunächst bemerkt, dass bereits mit Aristoteles die Unterscheidung der Schrift in gute Schrift, d.h. „natürliche“ Schrift (so auch beispielsweise später die Kartesische Metapher vom „Studieren des Buchs der Welt“[3] ), die eine vermeintlich natürliche Beziehung zum Signifikanten haben würde, und schlechte Schrift, welche als künstlich, technisch, akzidentell und als abgeleitet abgewertet wird, beginnt. Deutlich hervorzuheben an dieser Annahme ist die den Diskurs bestimmende Differenz in zwei Seiten, in eine binär strukturierte Logik von Oppositionspaaren.

Nach dem eben genannten Denksystem ist die schriftliche Schrift eine Verdoppelung der Technik, eine Verdoppelung des Signifikanten, welcher bereits die sekundäre und materielle Seite des Signifikats, der ideellen Bedeutung, im Saussurschen Zeichen darstellt. In diesem System ist jedoch, wie bereits aufgezeigt, die Differenz alles. Sie ist, verknappt formuliert, der Ursprung. Allerdings ist dieser Beginn eine rhizomatische Linie und kein finiter Punkt, da sich ein Sinnkonzept nur in Bezugnahme zu einem bzw. zu allen anderen Sinnkonzepten annähernd erschließt. Infolgedessen ist Sprache als ein differentielles System zu denken, weil es kein transzendentales Signifikat gibt, welches auf alle anderen verweisen könnte. Der Diskurs des nicht vorstellbaren ersten Signifikats mündet zumeist in metaphysischen Bildern, wie beispielsweise des eines Gottes[4] oder in der Analogie eines vermeintlich weltimmanenten Weltgeistes bei Hegel. (Daher bleibt auch die im Folgenden noch zu erläuternde Derridasche diff é rance, „dieses Unbenennbare, (…) Spiel, (…)“[5] „ein metaphysischer Name.“[6] )

Der Sockel der philosophischen Konzepte, den die Metaphysik scheinbar immer bereithält und welcher als erstes, unmöglich zu hinterfragendes Axiom definiert ist, um die Welt der Gedankensysteme zu analysieren, hat allerdings in Folge der gefühlskalten Morde, die in der ganzen Welt begangen werden und welche bekanntlich im Namen der kartesischen Vernunft und Zivilisation im 20. Jh. in Mitteleuropa und Südostasien in sogenannten Höhepunkten kulminieren, dem abendländischen Glauben an bestehende Konzepte des Sinns, des Guten im Menschen („L´homme est né bon“; Jean Jacques Rousseau) oder eines Gottes eine Absage erteilt. Während Adorno und Horkheimer in ihrem Konzept der negativen Teleologie die Ursprünge des Untergangs der Menschheit in die Anfänge der menschlichen Vernunft verlegen, spricht die Sartresche Philosophie den Menschen absolut frei; eine Freiheit, die in ihrem (ideologischen) Absolutheitsanspruch nicht als Geschenk zu verstehen ist, aber als absolute Verantwortung, denn diese Freiheit bedeutet, dass es nichts mehr gibt, woran man sich festhalten könnte, keinen Gott, keine ewig gültigen Werte und Wahrheiten.

Somit erfährt auch die Auffassung von Sprache als Repräsentation oder als Bild eines Gegenstandes mit dem Paradigmenwechsel des Linguistic turn und dem daraufhin in der Philosophie und Literatur entstehenden Einschnitt eine folgenreiche Modifikation. Dieser sich öffnende Zwischenraum in Anreihung an die Ereignisse (Kolonialismus, Imperialismus, Shoah, Hiroshima, Nagasaki und der Vietnamkrieg) ist mitnichten plötzlich und unabsehbar: Er ist nicht in einem Vakuum entstanden, sondern entsteht, um in Foucaultschen Termini zu sprechen, in sich (sowohl diachron als auch synchron) überlappenden Systemen. Daher muss hervorgehoben werden, dass philosophische Texte immer Bezug auf alle anderen Texte nehmen, diese in Frage stellen, problematisieren und ihre möglichen Lesarten modifizieren. Dazu muss auch der direkter Vorläufer, Friedrich Nietzsche, erwähnt werden, welcher bereits in einem seiner ersten Texte Ü ber Wahrheit und L ü ge im aussermoralischen Sinne die okzidentale Metaphysik und deren drei große Ideen Gott, Wahrheit und Sein zerstört. Durch seine dekonstruierende Analyse der bestehenden, normierten Denkmuster eröffnet er außerdem neue Wege, die Schriftthematik zu denken.

Die Hauptfrage in Nietzsches Werk ist der Sinn und die Stellung des Menschen in der Welt. Während er den Menschen als rätselhaftes Fragment charakterisiert („Das ist meinem Auge das fürchterliche, dass ich den Menschen zertrümmert finde und zerstreut wie über ein Schlacht- und Schlächterfeld hin.“[7] ), existiert ihm zufolge die Gesamtheit der Welt von Natur aus. Im Resultat ist die Wahrheit Textur, welche Nietzsche als eine bewegliche Armee von Metaphern qualifiziert.[8] Diese Ausführungen bringen nicht nur die Linguistik und die analytische, strukturelle und semiotische Konzeption der kodierten Welt hervor, sondern beeinflussen darüber hinaus die Philosophie.

Nietzsche entwickelt die Idee, welcher zufolge der Intellekt das Produkt eines selbsterhaltenden Reaktionsinstinktes ist. Gleichzeitig stellt dieses Phänomen die absolute Illusion dar, da es den überflüssigen und sinnlosen Charakter der Welt verschleiert.[9] In der Folge basiert die ‚Wahrheit’ auf einer sozialen und strukturellen Semiotik. Der Mensch braucht folglich aus Überlebenstrieb eine Wahrheit, um seiner Existenz Sinn und Wert zu geben.[10] Nietzsche deklariert, gleich Saussure, dass die Signifikanten auf sozialen Konventionen basieren, welche die menschlichen Beziehungen in der Welt fixieren. Derart etablieren sich also die Werte zwischen wahr und falsch, so dass die ‚Wahrheit’ immer durch Sprache vermittelt ist. Diese Werte sind anthropomorph, da sie die Summe der menschlichen Beziehungen sind, aber keine Wahrheit jenseits dieser Welt.[11] Somit besteht die Verführung der Sprache in der Tatsache, dass ihre logischen, grammatikalischen Beziehungen die (vielleicht notwendige) Illusion aufkommen lassen, dass es eine natürliche Korrelation zwischen der Idee, den Worten und den Dingen gibt, was in Roland Barthes Buch Mythologies (1957) ebenfalls energisch problematisiert wird und für die hier nachfolgende Analyse der weißen Mythologie sowie der Architektur Tschumis bedeutsam ist.

In diesem Sinne gehört es zur Suggestion der Sprache, dass sie eine Analogie zwischen den Dingen und dem Abbild ihrer grammatikalischen Relationen vorgibt, so dass die Struktur des Satzes auf die Struktur der Realität verweist. In den Fiktionen der Sprache (und in einem semiotischen Konzept ist alles Sprache!) verschwindet die Wahrheit, so dass die Relation zwischen Wahrheit und Repräsentation dekonstruiert ist und nur mehr zu einem chaotischen Haufen von Metaphern, Metonymien und Anthropomorphismen wird.[12]

Ferdinand de Saussure wiederum beschreibt das Prinzip der Sprache als ein reguliertes System, wodurch die Sprache nicht mehr substanziell ist, sondern zur Form wird, welche die Stellungsdifferenzen im System kennzeichnet. Dies stellt sich im Saussurschen System als eine oppositionell gegliederte und potentiell abschließbare Zeichenordnung dar. „Die Elemente des Bedeutens funktionieren nicht durch die kompakte Kraft von Kernpunkten, sondern durch das Netz von Oppositionen, die sie voneinander unterscheiden und aufeinander beziehen.“[13]

Die differentiellen Wertunterschiede, welche sich lediglich in relationalen Beziehungen konstituieren, ziehen die Konsequenz nach sich, dass der Sinn eines Zeichens niemals im Zeichen selber präsent ist. Daher ist alles, was ist, nur etwas, dadurch dass es sich auf etwas bezieht:

„Wie auch immer die Sprache erworben wird, die Sprachelemente mussten in ihrer Gesamtheit vorgegeben sein, auf einen Schlag, da sie unabhängig von ihren möglichen differentiellen Beziehungen nicht existieren. Die Signifikanten-Serie organisiert eine vorgängige Totalität, während die Signifikats-Serie hergestellte Totalitäten ordnet.“[14]

Wille zur (Wert-)Macht und nicht als ewige, stiftungsfreie Wahrheiten. Die Geschichte der Ideen wird als eine Geschichte der Werte erkannt und ihr radikales, ihr ursächlichstes Prinzip ist der Wille zur Macht. (Vgl.: Günzel, Stephan: Nietzsche in Heideggers Schriften. In: Nietzsche - Text - Kontext. Weimar: Universitätsverlag 2000. S. 121)

Gilles Deleuze bezeichnet dies als das „Robinsonsche Paradox“, und er, Robinson, kann so auf der vereinsamten Insel etwas einer Gesellschaft gemäßes nur herstellen, indem er sich alle Regeln und Gesetze auf einen Schlag vorgibt, auch wenn noch kein Ding vorhanden ist.[15]

2.1. Die Schriftspur

Das Zeichen bestimmt sich also durch die Abwesenheit des Sinns. Aus diesem Grunde kommt es zum Begriff der Derridaschen „lautlosen Spur“[16], welche nur innerhalb des (metaphysischen) sprachlichen Systems funktionieren kann und die Derrida folgendermaßen erläutert:

„Ohne in der minimalen Einheit der zeitlichen Erfahrung festgehalten zu werden, ohne eine Spur, die das Andere als anderes im Gleichen festhält, könnte keine Differenz ihre Arbeit verrichten und kein Sinn in Erscheinung treten. Es geht hier nicht um eine bereits konstituierte Differenz, sondern, vor aller inhaltlichen Bestimmung, um eine reine Bewegung, welche die Differenz hervorbringt. Die (reine) Spur ist die Differenz.“[17]

Diese Spur und das hierzu in Korrespondenz stehende Kunstwort diff é rance, welche nebenbei bemerkt dem Deleuzeschen Begriff der Deterritorialisierung oder der Fluchtlinie nahe stehen, charakterisieren eine neue Form von ‚Begriffen’. Diese Ausdrücke bezeichnen die Effekte durch Differenzierung, die an keinem bestimmten Punkt mehr halt machen und insofern einer Art Ortlosigkeit oder einem Umherirren gleichkommen. Dazu führen sie eine andere Zeitkonzeption ein, welche sichtbar als nach vorne- zurückgerichtete Spur in den Worten simultan rück- und vorwärts fließt. Dass das beschriebene differentielle System sowohl für die schriftliche als auch mündliche Sprache gilt, ohne einer der beiden Seiten eine Hegemonialstellung zukommen zulassen, wird an dem nachfolgenden Zitat hervorgehoben. Dieses ist in der Lage die scheinbare Selbstpräsenz eines sinnhaften Subjekts durch die Stimme auszuhebeln:

“Einer Spur, die nicht mehr zum Horizont des Seins gehört, sondern deren Spiel den Sinn des Seins trägt und säumt: das Spiel der Spur oder der diff é rance, die keinen Sinn hat und die nicht ist. Die nicht angehört. Keine Jetztheit, keine Tiefe für dieses bodenlose Schachbrett, auf dem das Sein ins Spiel gebracht ist.“[18]

Notiert werden sollte dementsprechend schon jetzt der vorbegriffliche „Begriff“ der Bewegung, der Spur, welche in Deleuzes Forschung als stetige Verminderung, als ein Verlassen des Platzes bis hin zu einem Verschwinden konzipiert ist. Hierfür benutzt Deleuze das Bild der Wüste. Er und Félix Guatarri beschreiben den dem Foucaultschen Dispositiv immanenten, oder wie es Foucault selbst bezeichnet, den heterologischen Räumen inhärenten Ort der Wüste als einen grenzenlosen, glatten Raum. Ein Raum ohne jede Einkerbung oder Raster, den keine Verkehrssysteme durchziehen, in dem keine Städte wachsen, die Spuren der ziehenden Karawane vom Wind verwischt, bis sie entweichen, verbildlicht in LeClézios Désert, so dass die Fläche der Wüste als unstrukturierbar erscheint.[19] Es gibt nur Oasen, welche unversehens in der Wüste auftauchen, üppig bewachsene Inseln in der öden Wildnis. Der Boden befindet sich in einem ständigen Fluss, der Sand wandert umher, unmöglich auf ihm eine Ordnung ein- und festzuschreiben. Jedoch bedeutet glatt nicht homogen, sondern „c´est une collection amorphe de morceaux juxtaposés, dont le raccordement peut se faire d´une infinité de manières.“[20] Diesen Raum durchziehen allein die Nomaden mit ihren Karawanen, aber ohne sich wirklich fortzubewegen. Es erscheint wie eine „voyage sur place.“[21] Der Weg des Nomaden führt demnach nicht von A nach B; fern von gegenwärtigen Mobilitätsvorstellungen kennt der Nomade keinen Ziel-Ort, denn es ist allein der Weg, der sein Ziel ist. Diese bildhafte Beschreibung der Denk- und Schreibprozesse der sogenannten Poststrukturalisten (insbesondere Barthes, Derrida, Deleuze und Judith Butler) (nämlich immerfort wieder alles infrage zu stellen,) soll nun und insbesondere im nachfolgenden Abschnitt aufgrund ihrer sozial-politischen Konsequenzen noch eingehender erläutert werden. Dessen ungeachtet liegt der Sinn, wie bereits durch das Robinsonsche Paradox erläutert, immer vor einer Äußerung und „ich trete [durch das Sprechen und Schreiben] in eine endlose Folge von Regressionen des Vorausgesetzten ein. Diese Regression zeugt gleichzeitig von der völligen Machtlosigkeit des Sprechenden und der vollkommenden Macht der Sprache.“[22] Diese Reflexion über die Macht der Sprache und Ohnmacht des Sprechenden, welcher der unendlichen Wucherung ausgeliefert ist, wird mit der These einer möglichen Verschiebung der Sprachbewegung verknüpft. Gegen Saussures Behauptung, dass Sprache als geordnetes Ganzes nicht durch den Sprechenden veränderbar sei und eben auf Konventionalisierung der Sprachgemeinschaft beruhe (sowohl hinsichtlich der Synchronie als auch der Diachronie), legen die sogenannten Poststrukturalisten ihr Augenmerk auf die generativen Bedeutungsprozesse in einem unabschließbaren Ganzen, wodurch nicht mehr länger nur Konstanten des linguistischen Systems untersucht werden, sondern die Variabilität der sprachlichen Bedeutungen analysiert und im Schreibprozess performativ vorgeführt wird. Dies zeigt sich typographisch und materiell im Text in der Inszenierung einer Alinearität.

Derrida inkorporiert die Schriftlichkeit des Denkens in den Schreibvorgang, wodurch er die Möglichkeiten von Verweisen zwischen Sätzen und bereits binnen dieser bis aufs Äußerste erschöpft. Gelegentlich verweist, wie schon angedeutet, das Schriftbild selbst auf die Form seiner Schriftlichkeit oder eben genereller auf seine Medialität. Der Text wird obendrein von anderen Texten durchkreuzt, mit diesen parallelisiert oder durch Leerstellen unterbrochen und dies sowohl hinsichtlich seiner materiellen Struktur als auch hinsichtlich des Verhandlungsgegenstands. Derrida denkt von Beginn seiner Arbeit an immer mit anderen Texten, denn ohne diese wären seine Texte, seine Gedanken, gar nicht möglich. Darüber hinaus haben Homophone für Derrida besondere Bedeutungen, da sie ihr Unterschieden-Sein, ihre Differenz nur durch die Schrift (im gewöhnlichen Sinne: durch das Schriftbild) erlangen. Durch diese Art der Textinszenierung und Schriftbildausschöpfung verkümmert die signification, die Bedeutung, der Sinn eines Ausdrucks, während der Bedeutungsprozess (signifiance) aufkeimt, pluralisiert und radikalisiert wird, was durch den Derridaschen Begriff der Diss é mination, der Streuung oder Wucherung von Sinn, seine begriffliche Verräumlichung erfährt.

Vermittels dieser Präzision, welche im Folgenden noch weiter ausgeführt werden soll, ergibt sich ein Horizont vor dem Jacques Derridas Denken und Schreiben angesiedelt ist bzw. dieses sich auf eine nomadische und somit ziellose Reise begibt, wodurch es sich den klassischen Denkkategorien zu entziehen sucht, wie zum Beispiel dem metaphysischen Ursprungsglauben. Dieses Neu-, Um-, Wieder- Schreiben der traditionellen Theoreme und klassischen Diskurse geschieht dabei vermutlich in der Absicht, die starren Strukturen zu verflüssigen, indem diese während des Schreibprozesses umstrukturiert werden, da der Text eher „eine signifikante Praxis, (...) [als] eine Menge geschlossener, mit freizulegendem Sinn versehener Zeichen [darstellt], (...) ein Volumen sich verschiebender Spuren.“[23]

2.2. Ecrire la différance : Praxis der différance

Da die Schrift die autonome Seite der Sprache darstellt, welche nicht von der klassisch- hierarchisch überbewerteten Gegenwart/Präsenz beherrscht ist, erscheint der oben vorsichtig formulierte Wunsch des Derridaschen Schreibens als alleinige Handlungsmöglichkeit, um einerseits die Ohmacht des Sprechenden, welcher durch die machtvollen Diskurse der Sprache geformt ist, zu verschieben und in Bewegung zu bringen. Dies deutet er beispielsweise durch die „stumme Markierung“[24] an, „die unhörbare Verschobenheit“[25], welche „die Ebene des Verstandes übersteigt“[26].

Dabei kann der rein graphische Unterschied zwischen den zwei Vokalen der diff é rence (Saussure)/ diff é rance (Derrida), nur innerhalb des sprachlichen Systems funktionieren, so dass „die mündlichen Präzisierungen, (…) unumgänglich auf einen geschriebenen Text verweisen, der meine Rede überwacht (…).“[27]

Andererseits und in der direkten Konsequenz kann sein Schreiben mit Hilfe dieser Denkstrategie und sprachlichen Performanz, dieser doppelten Bewegung, der subtilen List der Macht des Foucaultschen Machtdispositivs entkommen, ohne als bloßer Widerstand zur Macht verstanden zu werden. In Rekurs auf Michel Foucaults verschiedene Machtdefinitionen erscheint zentral, dass er der traditionellen Vorstellung einer binär strukturierten und repressiven Macht im Sinne von Unterdrücker und Unterdrücktem eine Absage erteilt. In seinen Überlegungen zur Macht und dem Dispositiv der Sexualität globalisiert und dezentralisiert er diese, wenn er von einer Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen spricht, welche in Relation zu einander stehen.[28]

Die subtile List der Macht von der Judith Butler in ihrem Vorwort zu ihrer Auseinandersetzung Das Unbehagen der Geschlechter spricht, spiegelt sich anschaulich in dem nachstehenden Gedankengang Foucaults wider:

„Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Und doch oder vielmehr gerade deswegen liegt der Widerstand niemals außerhalb der Macht. (...) Die Widerstände rühren nicht von irgendwelchen ganz anderen Prinzipien her (...). Sie sind in den Machtbeziehungen die andere Seite, das nicht wegzudenkende Gegenüber.“[29]

So ist sich Derrida der Problematik bewusst, dass es unmöglich ist, an den Konzepten der Metaphysik zu rütteln, ohne diese selbst anzuwenden und dabei zu analysieren, um vielleicht an ihnen vorbeizukommen, denn „celui qui critique ou repousse le jeu, est déjà entré dans le jeu.“[30]

„ (…) Nous ne disposons d´aucun langage - d´aucun symbole et d´aucun lexique - qui soit étranger à cette histoire; nous ne pouvons énoncer aucune proposition destructrice qui n´ait déjà dû se glisser dans la forme, dans la logique et dans les postulations implicites de cela même qu´elle voudrait contester (…) comme ces concepts ne sont pas des éléments, des atomes, comme ils sont pris dans une syntaxe et un système, chaque emprunt déterminé fait venir à lui toute la métaphysique. Ce qui permet à ses destructeurs de se détruire réciproquement.“ [31]

[...]


[1] Wir weisen darauf hin, dass wir das „Wort“diff é rance in Derridascher Manier bewusst kleinschreiben: „Dieses „Wort“ hat nichts Kerygmatisches mehr, wenn man nur die Kleinschreibung (émajusculation) wahrnimmt. Den Namen des Namens in Frage stellen.“ (Derrida, Jacques: DIE DIFF É RANCE. In: Randgänge der Philosophie. Wien: Passagen Verlag 1988. S. 56)

[2] Weigel, Sigrid: Schrift-Ged ä chtnis-Differenz. Einleitung. In: Poststrukturalismus. Herausforderung der Literaturwissenschaft. Germanistisches Symposium der DFG XVIII. Hg. v. Gerhard Naumann. Stuttgart: Metzler Verlag 1997. S. 18

[3] Vgl.: Descartes, René: Abhandlung ü ber die Methode, die Vernunft richtig zu f ü hren und die Wahrheit in den Wissenschaften zu erforschen. Stuttgart: Reclam 2001. S. 25

[4] „Damit diese Erklärung einen Sinn hat und einen Effekt hat, bedarf es einer letzten Instanz. Gott ist der Name, der beste Name für diese letzte Instanz, diese letzte Unterschrift:“ (Derrida, Jacques: Nietzsche- Politik des Eigennamens. Berlin: Merve Verlag 2000. S.17)

[5] Derrida, Jacques: DIE DIFF É RANCE. S. 55

[6] Ebd.

[7] Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Leipzig: Alfred Kröner Verlag 1930. S. 152

[8] Vgl.: Nietzsche, Friedrich: Ü ber Wahrheit und L ü ge im aussermoralischen Sinne. In: Nietzsche Werke. Kritische Gesamtausgabe III/2. Berlin: Walter de Gruyter & Co 1973. S. 373

[9] Vgl.: Ebd. S. 370

[10] Durch Platon wird die okzidentale Philosophie, ihrer eigenen Gesetzlichkeit nach, implizit als eine Metaphysik der Werte konstruiert. Die höchste Idee als Idee des Guten (AGATHOS), worauf im Nachfolgenden noch ausführlicher eingegangen wird, ist bereits von Platon als das bestimmt, was tauglich macht. Die Idee der Ideen bestimmt dementsprechend die Aufgabe der Ideen darin, tauglich zu sein. Nietzsche, wie schon erwähnt, betrachtet diesen höchsten Wert, bzw. dass überhaupt etwas Wert hat, wieder unter dem Gesichtspunkt der Wertschätzung und daher als Wert.

[11] Vgl.: Nietzsche, Friedrich: Ü ber Wahrheit und L ü ge im aussermoralischen Sinne. S. 373

[12] Vgl.: Ebd. S. 374

[13] Derrida, Jacques: DIE DIFF É RANCE. S. 39

[14] Deleuze; Gilles: Logik des Sinns. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1993. S. 71

[15] Vgl.: Ott, Michaela: Vom Mimen zum Nomaden. Lekt ü ren des Literarischen im Werk von Gilles Deleuze. Wien: Passagen Verlag 1998. S. 43

[16] Derrida, Jacques: DIE DIFF É RANCE. S. 51

[17] Derrida, Jacques: Grammatologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1974. S. 109

[18] Ebd. S. 51

[19] Vgl.: Deleuze, Gilles: mit Guatarri, Félix: Mille Plateaux. Paris: Les Éditions de Minuit 1980. S. 593 ff.

[20] Ebd.: S. 595

[21] Ebd.: S. 602

[22] Deleuze, Gilles: Differenz und Wiederholung. München: Fink Verlag 1992. S. 48

[23] Barthes, Roland: Das semiologische Abenteuer. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1988. S.11

[24] Derrida, Jacques: DIE DIFF É RANCE. S. 32

[25] Ebd. S. 31

[26] Ebd. S. 32

[27] Ebd. S. 33

[28] Vgl.: Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualit ä t und Wahrheit 1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1977. S. 93 ff.

[29] Ebd. S. 96

[30] Blanchot, Maurice: L ´É criture du d é sastre. Paris: Gallimard 1980. S. 21

[31] Derrida, Jacques: L ´É criture et la diff é rence. Paris: Éditions de Seuil 1967. S. 412/413

Details

Seiten
38
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640493364
ISBN (Buch)
9783640493098
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v141379
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Architektur Sprache Schrift Metapher différance die weiße Mythologie Derrida de Saussure L´absolu littéraire. Théorie de la littérature du romantisme allemand Lacoue-Labarthe Nancy Tschumi le parc de la Villette les folies

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