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"Ze niwen froden" (MF LIX)

Ein Lied Reinmars des Alten?

Seminararbeit 2007 20 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Prinzipien und Leitbilder der Hohen Minne

3 Reinmars Ideal der Hohen Minne
3.1 Reinmar der Alte
3.2 Reinmars Ideal der Hohen Minne
3.3 Überlieferungen Reinmars des Alten

4 MF LIX - ein Lied Reinmars?
4.1 Überlieferungstradition
4.2 Parallelen zu Reinmar
4.3 Reinmar - Ja oder Nein?

5 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 EINLEITUNG

Wenn man davon ausgeht, dass der Minnesang - wie es Helmut TERVOOREN einst in Worte fasste - „die erste namentlich verantwortete weltliche Lyrik in der deutschen Sprache“1 ist, so verwundert es nicht, dass der Zuordnungs- und Echtheitsfrage in der mittelalterlichen Philologie eine besondere Rolle zugesprochen wird. Viele Texte sind in mehreren Handschriften überliefert und weisen dort entweder recht homogene und klare Autorenbezüge auf, oder aber die Autorschaft bleibt zunächst weitgehend ungeklärt.

Im Falle des reinmarschen Minneliedes „ Ze niwen vr den “2 (CB 143a), welches die vorliegende Arbeit zum Gegenstand hat, scheint sich die Wissenschaft recht einig zu sein: Es wird deklariert als „mit Grund Reinmar allgemein abgesprochen“3. Jedoch sind die Gründe, für die ihm zugestanden Unechtheit, nicht sehr detailliert herausgearbeitet, sodass wirklich ausführliche Belege und Abhandlungen schwerlich zu finden sind.

Somit gilt es zu klären, woraus diese Sicherheit und Übereinstimmung der Aberkennung resultiert und welche Ansätze bereits vorliegen, um die Echtheitsfrage genauer spezifizieren zu können.

Welche Rolle spielen dabei die unterschiedlichen Überlieferungen? Die Textgrundlage, auf welcher diese Arbeit aufbaut, bildet die Überlieferung in der Ausgabe Minnesangs Frühling (203,10 - 27), in welcher zu diesem Lied zwei Strophen mit gekennzeichneter Zugehörigkeit zu den Texten Reinmars des Alten überliefert sind. Eine Besonderheit bildet die Überlieferung einer der Strophen in der Sammlung der Carmina Burana, auf welche im Folgenden ebenfalls Bezug genommen wird.

Des Weiteren wird zu klären sein, welche Prinzipien im Besonderen der Minnelyrik Reinmars des Alten zugrunde gelegt werden. Was kann man heute überhaupt sicher über Reinmar sagen, der als einer der drei großen Namen des Minnesangs (neben Walther von der Vogelweide und Heinrich von Morungen) in die Literaturgeschichte eingegangen ist?

Diese Fragen werden im Folgenden eine wesentliche Rolle spielen. Jedoch ist es von

Nöten, zunächst einige Grundlagen herauszuarbeiten, um ein allgemeines Verständnis des Minnesanges - speziell der Hohen Minne - zu schaffen, auf welchem im Weiteren aufgebaut werden kann.

2 PRINZIPIEN UND LEITBILDER DER HOHEN MINNE

Betrachtet man den Begriff ‚Minne’ allein vom althochdeutschen Wortstamm her, dann verheißt er uns ein freundliches und liebvolles Gedenken. Zudem gibt Rudolf SCHÜTZEICHEL in seinem Althochdeutschen W ö rterbuch die Übersetzungsvarianten „Liebe, Zuneigung; Eifer, Verlangen [sowie] (Liebes)Gemeinschaft“4 an, womit zum Aspekt des bloßen Gedenkens, auch jener des (erfüllenden) Liebens hinzutritt. Im Mhd. gewinnt zudem die erotische Komponente zusehends an Bedeutung. Minnesang bezeichnet hier eine Bindung auf emotionaler Ebene, die sowie durch „liep“ als auch durch „leit“ geprägt ist5.

Daraus ergeben sich die Grundauffassungen vom Hohen Minnesang:

Einerseits gilt er als Liebesgesang, in dem Frauenpreis - das Werben des Ritters um seine Dame - die größte Rolle spielt. Andererseits gilt er als Leidgesang , da Abweisung und Abschied von großer Bedeutung sind.

Minnesang ist öffentlicher Gesang und ist vor allem in der adligen Gesellschaftsschicht anzusiedeln. Somit wirken auf dessen Geschehen und auch auf die Beziehung zwischen Mann und Frau verschiedene gesellschaftliche Hemmnisse ein. Von besonderem Einfluss ist dabei die ‚h uote’, welche die die Liebenden umgebende Gesellschaft widerspiegelt. Sie birgt ein besonders hohes Konfliktpotential in sich, da die Minnesänger und deren besungene adlige Frauen sich beständig im Blickfeld der Gesellschaft bewegten und in ihr eine feste Position innehaben: Der Ritter gehörte dem Berufsstand an und war Zeit seines Lebens seinem Lehensherrn zu treuem Dienst verpflichtet. Frauen gegenüber hatte er ritterliche Achtung zu erweisen, die sich unter anderem in seinen umwerbenden Worten im Minnesang widerspiegelt. Seine Dame war ebenfalls der adligen Gesellschaftsschicht angehörig und zudem in den meisten Fällen noch ehelich gebunden.

Diese gesellschaftlichen Hindernisse des Hohen Minnesangs lassen sich - im Gegensatz zur Form der Niederen Minne oder der Pastorellenform - nicht überwinden. Somit bildet die Erfüllbarkeit der Liebe einen Aspekt, indem sich Liebeskonzepte grundlegend unterscheiden. Der Wunsch zur Erfüllung der Liebe steht zwar grundsätzlich bei allen Konzepten als Ziel, aber deren Umsetzung bzw. die Bedeutung, die erfüllte Liebe innehat, ist jeweils eine andere.

Laut Friedrich NEUMANN lassen sich die Kennzeichen der Hohen Minne am leichtesten dadurch aufzeichnen, indem man jenes Konzept von weiteren „Bekundungen der Liebe“6 abgrenzt. Solcherlei Bekundungen sind die Form der seelis ch bedi n gt en Liebe sowie die der bereits erwähnten niederen Minne.

Erstere wird auch als die ‚echte Liebe’ bezeichnet, da sie sich dadurch auszeichnet, dass sich beide Partner gegenseitig ehren und in ihrem ganzen, individuellen Sein akzeptieren. Ihre Seelen sind eng verbunden und deren Trieb nicht ausschlaggebend für die Beständigkeit der Liebe. Diese findet im Bund der Ehe ihre Erfüllung7. Die seelisch bedingt Liebe beeinflusst die eigene Persönlichkeit, indem sie dem eigenen Leben und dem Leben des Partners eine Sinnerfüllung offenbart.

Anders ist dies in der Form der niederen Minne. NEUMANN bezeichnet sie daher auch als „rohe Triebminne“8 oder „den ungeistigen Ausbruch der Sexualität“8. Sie ist an keinen Stand gebunden und trotzt somit jeglichen sozialen und gesellschaftlichen Hindernissen. Sie ist bestimmt durch Trieb und Verlangen, der nur so lange währt, bis jenes seine Erfüllung gefunden hat.

In diesem Punkt unterscheidet sich also die Hohe Minne von den anderen beiden Konzepten: Sie ist nicht auf die Erfüllung der Liebe ausgelegt, sondern erfährt ihren Reiz in einem beständigen Werben und Entsagen.

Zwar besingt und umwirbt der ‚ritt er‘ seine ‚fro uwe’, aber es wird keine Erfüllung der Liebe geben. Der Ritter verhält sich tugendhaft, wenn er der Dame seine Zuneigung verkündet. Er ist aber im gleichen Zuge von ihrer Entsagung abhängig, da andernfalls das Niveau seines Minnesangs in den Bereich der niederen Minne herabsinken würde.

Die Dame wirkt in ihrem Handeln erzieherisch, indem sie ihrem Ritter - nicht ohne Klage über Versagung der Liebe - treu entsagt. Dieser schmale Grat bildet folglich die Grenze zwischen niederer und hoher Minne.

Eher selten legen sich Sänger auf eine bestimmte ‚fro uwe‘ fest, der sie ihren Sang widmen. Aber immer ist diese besungene Dame die einzig Wahre, Schönste, Gutmütigste und Edelste unter allen Frauen, denn sie zeichnet sich im Besonderen durch ihre ‚wib es t ri we‘ - die weibliche Treue der beständigen Zurückweisung des Sängers

- aus. In jeder Hinsicht erweist sie sich als Idealbild.

Somit findet eine Verallgemeinerung statt, der es zuzuschreiben ist, dass die Minnesänger nicht zwanghaft einer Frau treu bleiben müssen. Sie lieben ein Ideal, dass sie bald in dieser und bald in jener Frau entdecken. Diese Idealisierung bewahrt zudem des Sängers moralische Reinheit in der Gesellschaft, die als ‚h uot e’ immer ein besonderes Augenmerk auf die Partizipanten des Minnesanges wirft und wohl das größte Hemmnis entgegen der Erfüllung der Liebe darstellt.

Oft sind die Damen des Hohen Minnesanges bereits ehelich gebunden, sodass dem Sänger die größte Ehre zufällt, wenn ihn seine Dame abweist. Auch scheint ihm diese Ehre wesentlicher zu sein, als sein eigenes Liebesglück, denn sein ganzes Werben ist auf jene Zurückweisung und die eigene Selbstbeherrschung ausgelegt. Friedrich NEUMANN beschreibt dies mit den Worten:

„Die geborenen Minnesänger beglücken sich, indem sie dauernd unglücklich lieben“9

[...]


1 TERVOOREN, Reinmar-Studien, S. 21.

2 Zitiert nach ‚Carmina Burana’, hrsg. von Alfons HILKA. Es sind noch weitere Textvarianten überliefert, auf welche an späterer Stelle noch genauer eingegangen wird.

3 Kommentare zu Minnesangs Frühling III/2. Hrsg. von HELMUT TERVOOREN U. HUGO MOSER. 1981. S. 505.

4 SCHÜTZEICHEL, Althochdeutsches Wörterbuch, S. 213.

5 SCHWEIKLE, Minnesang, S. 169.

6 NEUMANN, Hohe Minne, S. 184.

7 ebd., S 185.

8 ebd.

9 NEUMANN, Hohe Minne, S. 188.

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640508655
ISBN (Buch)
9783640508853
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v141335
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Reinmar Reinmar der Alte Preudoreinmare Hohe Minne Minnesang Minnesangs Frühling Carmina Burana Ze niwen froden

Autor

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