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Analyse der Kulturdimensionen von Geert Hofstede

Hausarbeit 2009 22 Seiten

BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kultur: Begriffliche Herleitung und Erläuterungen

3. Das Kulturmodell von Geert Hofstede
3.1. Machtdistanz
3.2. Unsicherheitsvermeidung
3.3. Individualismus vs. Kollektivismus
3.4. M . 1askulinität vs. Feminität
3.5. Lang- vs. Kurzzeitorientierung

4. Interkulturelle Kompetenz

5. Kritik und Würdigung der Arbeit von Hofstede

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ebenen der Einzigartigkeit in der mentalen Programmierung des Menschen

Abbildung 2: PDI

Abbildung 3: UAI

Abbildung 4: IDV

Abbildung 5: MAS

Abbildung 6: Lang-vs. Kurzzeitorientierung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Hauptunterschiede zwischen Gesellschaften mit geringer und hoher Machtdistanz

Tabelle 2: Hauptunterschiede zwischen Gesellschaften mit schwacher und starker Unsicherheitsvermeidung

Tabelle 3: Hauptunterschiede zwischen kollektivistischen und individualistischen Gesellschaften

Tabelle 4: Maskulinität vs. Feminität.

1. Einleitung

Die Interkulturelle Kompetenz umfasst Wissen, Einstellungen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die zu einer angemessenen und erfolgreichen Kommunikation und Interaktion zwischen Mitgliedern verschiedener Kulturen führen. Erst die Bewusstheit der kulturellen Bedingtheit des eigenen Erlebens und Verhaltens ermöglicht die Wahrnehmung der Unterschiedlichkeiten1.

Zur Untersuchung dieser weltweiten kulturellen Unterschiede gibt es zahlreiche Studien, Modelle und Forschungen. Eine der bekanntesten Forschungen im Bereich der Kulturwissenschaften ist die des niederländischen Kulturwissenschaftlers Geert Hofstede. Er führte die bislang umfangreichste und am häufigsten zitierte Untersuchung zum interkulturellen Management in einem multinationalen Konzern, dem Computerhardware- und Softwarehersteller IBM, durch. Hofstedes Arbeit beruht auf Daten die zwischen 1969 und 1973 weltweit unter IBM Mitarbeitern erhoben wurden. Insgesamt wurden ca. 117.00 Fragebögen aus mehr als 70 Ländern, in 20 verschiedenen Sprachen in die endgültige Datenbank aufgenommen. Insgesamt fand die Erhebung in zwei Wellen statt (1967-1969 und 1971-1973), um eine Prüfung der Reliabilität der Ergebnisse zu ermöglichen; allerdings nahmen nur 30.000 Mitarbeiter an beiden Wellen teil. Die Fragebögen waren ursprünglich in Englisch verfasst und wurden dann von IBM-Mitarbeitern in die jeweilige Landessprache übersetzt2. Das Ergebnis fasste er in fünf Kulturdimensionen zusammen und lieferte viele Erkenntnisse über zahlreiche Bereiche des menschlichen Zusammenlebens.

Im Rahmen dieser Arbeit werde ich mich vertieft mit Hofstedes Theorien und Studie befassen. Hierbei soll der Fokus auf der direkten Analyse seiner Studien und deren praktischen Implikationen liegen.

2. Kultur: Begriffliche Herleitung und Erläuterungen

Die Kulturwissenschaften befassen sich mit Kultur als den Inbegriff aller menschlichen Arbeit und Lebensformen, einschließlich naturwissenschaftlicher Entwicklungen, und beschreiben, analysieren, deuten und erklären dadurch die kulturelle Form der Welt.

Das Wort Kultur enthält die lateinischen Wurzeln der Wörter colere, cultus, cultor, cultura, colonia, etc. Übersetzt sind damit Einrichtungen, Handlungen, Prozesse und symbolischen Formen gemeint, welche mithilfe von planmäßigen Techniken die bestehende Natur in einen sozialen Lebensraum transformiert, diesen erhält und fortlaufend verbessert3. In den meisten westlichen Sprachen bedeutet Kultur, Zivilisation oder Verfeinerung des Geistes und insbesondere die Resultate dieser Verfeinerung durch Bildung, Kunst und Literatur4. Der Begriff der Kultur gehört zu den erfolgreichsten, aber auch gleichzeitig schwierigsten Begriffen der gegenwärtigen Weltbeschreibung. Kultur ist die Kontingenzformel der modernen Gesellschaft. Im Begriff der Kultur reflektiert die Gesellschaft ihre Verhältnisse. Sie pflegt ihre Unterscheidungen, vergleicht ihre Zustände und bewertet ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie macht sich verständlich und unverständlich im Umgang mit sich selbst und gewinnt so einen Blick für Identität und Kontrolle, Tradition und Innovation, Konsens und Dissens.

Entscheidend für Hofstedes empirische Forschung ist seine Definition von Kultur und Werten. Kultur ist für ihn die „kollektive mentale Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder einer Kategorie von einer anderen unterscheidet“5. Kultur ist für ihn nicht ererbt, sondern leitet sich aus unserem sozialen Umfeld ab. Der Kern einer jeden Kultur bilden für Hofstede Werte, die er von den praktischen Bestandteilen von Kultur - Symbolen, Helden und Ritualen - unterscheidet und die für ihn „die allgemeine Neigung darstellen, bestimmte Umstände anderen vorzuziehen,[ .] also Gefühle mit einem Plus oder Minuspol“6. Das Grundgerüst dieser Werte ist bei den meisten Kindern im Alter von zehn Jahren fest verankert. Deshalb ist es für Hofstede sinnvoll, die Ausprägung einer Kultur über die Werteinstellung ihrer Mitglieder zu messen. Prinzipiell geht Hofstede von der Existenz von nationalen Kulturen aus, also von einer Kultur, die klar definiert und stabil für eine ganze Nation ist. Hofstede vergleicht die kulturelle Prägung des Menschen mit der Art und Weise, wie Computer programmiert sind. So bezeichnet er die Denk-, Fühl- und Handlungsmuster, die sich im Kopf eines jeden Menschen gefestigt haben, als „mentale Programmierung“. Kultur ist erlernt und angeeignet, aber nicht angeboren. Sie leitet sich aus unserem sozialen Umfeld ab, nicht aus unseren Genen. Man sollte die Kultur unterscheiden von der menschlichen Natur einerseits und von der Persönlichkeit andererseits. Wie dies zu verstehen ist, kann man auch an folgender Abbildung 1 sehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ebenen der mentalen Programmierung des Menschen

Diese kulturellen Prägungen bzw. mentalen Programmierungen sind immer kollektive Phänomene, da sie von Menschen geteilt werden, die im selben sozialen Umfeld leben oder lebten, d.h. dort, wo die Kultur erlernt wurde. Sie unterscheidet Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie7. Eine Gruppe wird in diesem Fall eine Reihe von Menschen bezeichnet, die in Kontakt miteinander stehen.

Eine Kategorie demgegenüber besteht aus Menschen, die, ohne zwingend Kontakt miteinander zu haben, eine Gemeinsamkeit aufweisen, wie z.B. den gleichen Wohnort oder das gleiche Geburtsjahr8. Neben Einflüssen wie Erziehung, schulischer Bildung oder sozialer Umgebung sind es kollektive kulturelle Einflüsse, welche die individuelle Persönlichkeit eines jeden Menschen prägen. Mit Hilfe dieser kulturellen Charakterzüge lassen sich die verschiedenen Völker auf der Erde beschreiben und miteinander vergleichen. Bei diesen Vergleichen treten häufig Vorurteile auf. Nach dem Motto „Kennst du einen- kennst du alle?“ werden im abwertenden wie aber auch im aufwertenden Sinne Menschen verschiedener Kulturgruppen miteinander verglichen. So werden Russen gerne als trinkfest bezeichnet, während die Polen oftmals als ein Volk mit vielen Dieben bezeichnet werden. Auch wird häufig behauptet, dass sich Briten nur allzu gerne in eine Warteschlange stellen. Der Deutsche wird international gerne als humorlos und überpünktlich dargestellt. Diese weltweiten unterschiedlichen kulturellen Identitäten sind nicht einfach gegeben. Sie sind ein kollektives Konstrukt auf der Basis von Erfahrung, Gedächtnis, Tradition (die ihrerseits ebenfalls konstruiert und erfunden sein kann) und einer ungeheuren Vielfalt von kulturellen, politischen und sozialen Praktiken und Formen.

Auch die zeitliche Dimension von Kultur spielt bei der Entstehung verschiedener kultureller Eigenschaften eine bedeutende Rolle. Auch wenn viele Gesellschaften noch heute Jahrhunderte alte kulturelle Merkmale und Attribute aufweisen, reproduziert sich das kulturelle Bild einer jeden Gesellschaft immer wieder neu und lässt dadurch im Laufe der Jahre zeitliche Kulturunterschiede erkennbar werden. Dies wird als Kulturwandel bezeichnet. Ein Beispiel für kulturellen Wandel ist z.B. die Gleichberechtigung der Geschlechter. Waren Frauen vor 100 Jahren noch nahezu unmündig, sind sie mittlerweile zumindest vor dem deutschen Grundgesetz gleichberechtigt. Vor allem in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert wurden Frauen in einem langwierigen Prozess immer weiter den Männern gleichgestellt. Ein anderes Beispiel, und ebenfalls ein Grund für kulturellen Wandel, ist vor allem die technologische Entwicklung. Zahlreiche Erfindungen wie z.B. das Internet haben die Lebensgewohnheiten der Menschen und damit auch deren kulturelles Verständnis immer wieder geändert.

Demgegenüber ändern sich zahlreiche soziale Gegebenheiten kaum. Es gelten ähnliche ungeschriebene Spielregeln für Erfolg, Misserfolg, Zugehörigkeit und andere wesentliche Aspekte unseres Lebens. Wir müssen uns einfügen und für die Gruppe oder Kategorie, zu der wir gehören, akzeptable Verhaltensweisen an den Tag legen, um im Alltag akzeptiert und anerkannt zu werden.

Als interdisziplinäre Wissenschaft befasst sich die Kulturwissenschaft dabei mit einer Vielfalt kultureller Äußerungen: Sprache, Literatur, Musik, Bildende Kunst, soziale Gesellungsformen, Werkzeug und Gerät, Gebräuche und Umgangsformen, Theologie, Psychologie, Politkbewusstsein, Soziologie, usw.

3. Das Kulturmodell von Geert Hofstede

Hofstede verstand sich nicht nur als Kulturwissenschaftler, sondern eher als Kulturforscher. Er hat in seinem Werk mit Hilfe der von ihm entwickelten fünf verschiedenen Kulturdimensionen ein Modell geschaffen, um eine Sprache zu finden, in der Kultur ohne Missverständnisse wissenschaftlich bearbeitet werden kann. Die kulturellen Unterschiede beschreibt er mit:

- Machtdistanz
- Unsicherheitsvermeidung
- Individualismus gegenüber Kollektivismus
- Maskulinität gegenüber Feminität
- Lang- oder kurzfristige Ausrichtung

Mit Hilfe dieses Rasters ist es möglich geworden, Kulturen miteinander zu vergleichen und kulturspezifische Besonderheiten herauszukristallisieren9. Hofstedes Untersuchungen sind heute noch in der interkulturellen Forschung sehr relevant, da zum ersten Mal der Anspruch eingelöst wurde, Unterschiede in verschiedenen Ländern auf empirisch ermittelte statt intuitiv erfühlte Dimensionen zurückzuführen und darüber hinaus auch noch Daten von rund 60 Ländern geliefert wurden. Zu jeder einzelnen Dimension hat Hofstede dabei auch jeweils die Bedeutung für viele Bereiche der Gesellschaft, wie u. a. Beruf, Familie, Schule, Staat und Religion herausgestellt und damit eine Grundlage geschaffen, wie sein Kulturmodell auch für das berufliche Leben bedeutsam sein kann.

3.1. Power Distance (PDI) - Machtdistanz

Ungleichheit im Zusammenleben wird sichtbar durch das Bestehen von verschiedenen sozialen Schichten, Klassen und Milieus, in denen die Menschen mit ähnlichen sozioökonomischen Lagen und Herkünften zusammengefasst werden.

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde von Karl Marx das Klassenkonzept zu einer soziologischen Grundkategorie10. Hofstede hat den Begriff für eine seiner fünf Kulturdimensionen übernommen, um einen internationalen Vergleich anzustreben11. Machtdistanz kann definiert werden als das Ausmaß, bis zu welchem die weniger mächtigen Mitglieder von Institutionen bzw. Organisationen eines Landes erwarten und akzeptieren, dass Macht ungleich verteilt ist12. Der Beschreibung von Machtdistanz liegt also das Wertesystem der weniger mächtigen Mitglieder einer Gesellschaft zugrunde. Die Art und Weise, wie Macht verteilt ist, wird normalerweise aus dem Verhalten der mächtigen Mitglieder heraus erklärt, also aus der Sicht derer, die führen, bestimmen und entscheiden und nicht aus Sicht derer, die geführt werden und die Entscheidungen anderer akzeptieren und tragen müssen13. Hierarchieebenen, die in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben allgegenwärtig sind, haben also einen großen Einfluss auf die menschlichen Umgangsformen. Das ganze Verhalten im Sinne von Auftreten, Benehmen, Lebensstil und Sprache des Menschen, in der Soziologie auch als Habitus bezeichnet, ist ein Spiegel von Machtbalancen14.

In Ländern, in denen Arbeitnehmer, als selbstbewusst gelten und die Vorgesetzten weder autokratisch noch patriarchalisch auftreten, wird ein konsultativer, beratender Führungsstil zur Entscheidungsfindung bevorzugt15. In der Betriebswirtschaftslehre wird der Führungsstil als das Verhaltensmuster eines Vorgesetzten gegenüber Mitarbeitern bezeichnet16. Ist dieser Stil eher partizipativ oder demokratisch, spricht man von geringer Machtdistanz. Vorgesetzte haben die Weisungs- und Kontrollbefugnis gegenüber den zu ihrer Arbeitsteilung gehörenden Stelleninhabern17. In diesem Zusammenhang ist die Beziehung zwischen Vorgesetzten und Weisungsgebundenen zu beobachten. Z. B. ist bei einem demokratischen Führungsstil die Einflussmöglichkeit von Gruppenmitgliedern aus tieferen Hierarchiestufen auf die zu treffenden Führungsentscheidungen sehr groß. Im Betrieb können die Entscheidungen auf Produktions- oder Preisebene sein. Je mehr die einzelnen Mitglieder einer Organisation oder Institution an der Entscheidungsfindung beteiligt sind, desto geringer ist die Machtdistanz. Ist die Kultur von höherer Machtdistanz gekennzeichnet, werden von Entscheidungsträgern autoritäre und patriarchalische Führungsstile bevorzugt. Verordnungen und Beschlüsse werden in diesen Fällen von den Entscheidungsträgern in der Regel alleine getroffen und angeordnet. Entscheidungsempfänger, Arbeitnehmer, widersprechen nur ungern ihren Vorgesetzten.

In einer Kulturlandschaft mit großer Machtdistanz werden von Weisungsgebundenen allerdings auch klare Anweisungen und Befehle erwartet. Große Beteiligung an Entscheidungsfindungsprozessen wird gar nicht erst gewünscht18. Das spielt vor allem in Hinblick auf die berufliche Handlungskompetenz eine große Rolle. Deutschland weist in Hofstedes Untersuchungen im internationalen Vergleich eine geringere Machtdistanz auf19

In Kulturen mit geringer Machtdistanz betrachten sich Mitarbeiter und Vorgesetzte von Natur aus als gleichberechtigt. Die vorhandenen Hierarchiestufen sind lediglich aus praktischen Überlegungen vorgenommen worden20. Hier ist Kommunikations- und

Innovationsbereitschaft gefordert, ein jeder Mitarbeiter ist stets aufgefordert, Arbeitsabläufe nicht nur durchzuführen, sondern sie im Idealfall auch zu verbessern und effizienter zu gestalten. Dies wird mit von den Unternehmen gefördert, indem sie ihre Mitarbeiter mit finanziellen Beteiligungen bei Kostenersparnissen oder Produktionserweiterungen motivieren, wenn diese maßgeblich an den Veränderungen mitgewirkt haben21. Menschen mit erhöhter Machtdistanz wagen es allerdings kaum, ihre Vorgesetzten anzusprechen oder gar deren Vorgehensweisen verbessern zu wollen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Hauptunterschiede zwischen Gesellschaften mit geringer und hoher Machtdistanz

Abbildung 2 zeigt unternehmensbezogene Interpretationsmöglichkeiten der Dimension auf. So sind beispielsweise Unternehmen in Ländern mit hohem PDI nicht selten durch eine starke hierarchische Abstufung gekennzeichnet, wobei Mitarbeiter Hierarchiestufen streng einhalten und respektieren. Entscheidungen werden zumeist zentral getroffen und Delegationen nach dem „top-down“-Prinzip durchgeführt. Machtunterschiede werden insbesondere durch spezielle Aufgaben, Rollenverteilungen, Privilegien und Statussymbole unterstrichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: PDI

3.2. Uncertainty Avoidance (UAI) - Unsicherheitsvermeidung

Uncertainty avoidance oder Unsicherheitsvermeidung steht für „die Art und Weise, mit Ungewissheit umzugehen, und zwar in Bezug auf die Kontrolle von Aggressionen und das Ausdrücken von Emotionen“. Unsicherheit ist der Grad, in dem die Mitglieder einer Kultur sich durch ungewisse oder unbekannte Situationen bedroht fühlen. Dieses Gefühl drückt sich u. a. durch nervösen Stress und einem Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit aus, da jede Unsicherheit Angst schafft22. Das Wesen der Unsicherheit oder Ungewissheit liegt darin, dass sie eine subjektive Erfahrung, ein Gefühl, darstellt. In jeder Institution und in jedem Land wird in der einen oder anderen Weise mit Unsicherheit umgegangen. Ein jeder Mensch muss sich damit abfinden, dass er nicht genau weiß, was Morgen oder in einem Monat geschieht, da die Zukunft stets ungewiss ist23. Manche Gesellschaften sozialisieren ihre Mitglieder so, dass sie jeden Tag so nehmen, wie er kommt. Risikosituationen werden eher einfach hingenommen und akzeptiert, da sie zum Leben dazugehören. In anderen Gesellschaften und Kulturen versuchen die Mitglieder stets, der Zukunft einen Schritt voraus zu sein. Die mit dem Leben einhergehende Unsicherheit wird als ständige Bedrohung empfunden, die es zu bekämpfen gilt. Der Grad der Ängstlichkeit ist in diesen Gesellschaften höher, was sich durch allgemeine Nervosität, Emotionalität und auch Aggressivität zeigt24.

Unsicherheitsvermeidung hat in vielen Bereichen auch mit Machtdistanz zu tun, da die Überschreitung von Hierarchien und Statusdenken oftmals einhergeht mit (Un-) Sicherheitsdenken.

Menschen, die in Kulturen mit gro ß er Unsicherheitsvermeidung arbeiten, bevorzugen nach Hofstede auf Fragen in der Regel präzise Antworten und Anweisungen, eindeutige Kompetenzzuordnungen, detaillierte Jobbeschreibungen und insgesamt klare Regeln. Vorgesetzte sollten auf jede Frage eine möglichst genaue Antwort parat haben. Solche Kulturen, die auch als ängstliche Kulturen bezeichnet werden, benötigen zumeist ein Höchstmaß an Präzision und Formalisierung. Ängstliche Kulturen sind in der Regel ausdruckstarke Kulturen. Es wird viel mit den Händen gesprochen und es ist sozial akzeptabel, dass man laut spricht und seine Gefühle zeigt. Aggression, destruktives Verhalten und Angst können bei geeigneten Gelegenheiten gezeigt werden.

Demgegenüber ist das Leben in Gesellschaften mit niedriger Unsicherheitsvermeidung weniger durch Kategorien, Regeln und Gesetze bestimmt. Unsicherheit und Ungewissheit werden als normale Erscheinungen im Leben hingenommen. Die Menschen neigen weniger zu Stress und Ängstlichkeit. Unbekannte Phänomene werden mehr als seltsam, denn als gefährlich bezeichnet25. Bei Aufgabenverteilungen besteht weniger die Angst vor dem Versagen, sondern mehr die Hoffnung auf Erfolg. Das wirkt sich auch positiv auf die Innovationsbereitschaft aus, da die Menschen unbekannten Phänomenen offen gegenüberstehen und sie bereit sind, fremde Dinge auszuprobieren26. Durch das niedrige Unsicherheitsgefühl sind die Menschen allgemein entspannter und neigen weniger zu Differenzen und Streit.

Neben Großbritannien stuft Hofstede vor allem Schweden, Dänemark oder China als Länder ein, in denen die Kultur durch geringe Unsicherheitsvermeidung geprägt ist.

[...]


1 vgl. Over & Mienert 2006, S. 48

2 vgl. Podsiadlowski 2004, S. 10 ff.

3 vgl. Böhme 2001, S. 1 f.

4 vgl. Hofstede 2006, S. 3

5 vgl. Hofstede 2006, S. 3

6 vgl. Hofstede 2006, S. 3

7 vgl. Hofstede 2006, S. 4 ff.

8 vgl. Hofstede 2006, S. 47

9 vgl. Thissen 2004, S. 8

10 vgl. Geißler 2006, S. 93 ff.

11 vgl. Hofstede 2006, S. 62

12 vgl. Hofstede 2006, S. 59

13 vgl. Hofstede 2006, S. 59 ff.

14 vgl. Nettelmann 2001

15 vgl. Hofstede 2006, S. 58

16 vgl. Wöhe 2008, S. 163

17 vgl. Wöhe 2008, S. 164 ff.

18 vgl. Hofstede 2006, S. 58 ff.

19 vgl. Hofstede 2006, S. 56 ff.

20 vgl. Hofstede 2006, S. 74

21 vgl. Wöhe 2008, S. 160 ff.

22 vgl. Hofstede 2006, S. 133 ff.

23 vgl. Hofstede 2006, S. 230

24 vgl. Hofstede 1996, S. 252 f.

25 vgl. Hofstede 2006, S 242 ff.

26 vgl. Rothlauf 2006, S. 33

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783668673366
ISBN (Buch)
9783668673373
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v141156
Note
1,7
Schlagworte
Kulturdimensionen Gert Hofstede Kommunikation Verhalten

Autor

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