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Jugend- und Studentenprotest der 68'er Jahre - noch aktuell?

Facharbeit (Schule) 2009 59 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhalt

1. Themenfindung und Einführung

2. Die Studentenbewegung in der BRD
2.1 Das Lebensgefühl ändert sich
2.2. Wie äußert sich ein Protest?
2.3. Politische Hintergründe
2.3.1 Ost-West Konflikt
2.3.2 Vietnamkrieg
2.3.3 Die große Koalition
2.3.4 Notstandsgesetze
2.4. Besondere Gruppierungen/Ereignisse in der Politik
2.4.1 Die Außerparlamentarische Opposition
2.4.2 Der Sozialistische Deutsche Studentenbund
2.5. Die Bedeutung der Sexualität in den 60’er Jahren
2.5.1 Die Kommune 1
2.6 Ende?

3. Eigene Gedanken zum Generationswandel/ zu unserer Generation
3.1. Umfrage bei Schülern und Studenten in Braunschweig heute: „Was bewegt euch?“
3.2. Eigene Schlussfolgerung aus der Umfrage

4. Fazit

5. Anhang

6. Literaturverzeichnis

7. Danksagung

8. Zum praktischen Teil: Die Komposition des Protestsongs
8.1. Die Songtextentwürfe I, II, III
8.2. Der Protestsongtext

9. Danksagung

1. Themenfindung und Einführung

Als ich mich daran machte, ein geeignetes Thema für meine Jahresarbeit zu finden, wurde mir sofort klar, dass ich im praktischen Teil etwas mit Gesang machen möchte, da ich seit ungefähr 2 Jahren Gesangsunterricht an der Musikschule nehme und die Stimme für mich das Instrument ist, das ich immer spielen wollte. Also überlegte ich, welche theoretische Arbeit dazu passen könnte, wenn ich einen Song komponiere. Wenig später fielen mir alte, gesammelte Zeitschriften in die Hände, in denen mehrere Artikel über die RAF zu finden waren. Sogleich erinnerte ich mich an mein Referat aus der 10. Klasse; in der Geschichtsepoche versuchte ich damals das Leben von Ulrike Meinhof (sie zählte zu den Gründungsmitgliedern der RAF) meinen Klassenkameraden nahezubringen. Seitdem hatte mich das Thema nicht mehr losgelassen, denn viele Fragen, wie z.B. was die ‚Anhänger’ dazu trieb, schuldigen Menschen das Leben zu nehmen, sie zu bedrohen und warum man sich dazu entschließt, mit Gewalt zu handeln, beschäftigten mich. So beschloss ich, dass mein theoretischer Teil etwas mit der RAF (Rote Armee Fraktion) zu tun haben sollte. Beim Studium von entsprechendem Material entwickelte sich die Überlegung etwas über die Studentenbewegung zu schreiben, zumal sich die RAF erst aus den friedlichen Protesten der Bewegung abspaltete. Besonders bewegte mich die Frage, wie die Angehörigen der Opfer damit umgingen, dass jemand aus ihrer Familie von der RAF ermordet worden war. Mit der Zeit, als ich anfing mich intensiver mit dem praktischen Teil, dem Schreiben und der Komposition eines Protestsongs zu beschäftigen, merkte ich, dass mein Herz eher an dem praktischen Teil der Jahresarbeit hängt Und so beschloss ich, den Schwerpunkt meiner Arbeit auf den praktischen Teil zu verlagern. Dabei merkte ich, dass mir die Bearbeitung des Songs nicht so leicht fiel, wie gedacht, da sich ein guter Songtext, der auch aussagekräftig ist, nicht so einfach schreiben lässt und eine neue Melodie schwierig zu finden ist, weil man von anderen Liedern, die einem im Ohr herum ,schwirren’, beeinflusst wird. Ich beschloss, den theoretischen Teil der Arbeit auf den Bereich der Studentenbewegung zu beschränken.

Die Bearbeitung des Songs rief in mir gemischte Gefühle hervor. So kam in mir die Frage auf, wie es anderen Jugendlichen geht, was sie bewegt und ob sie sich auch für Politik und die Welt interessieren. Ich plante eine Umfrage, die ich an der HBK, der Tu in Braunschweig und an meiner Schule durchführte unter dem Titel: „Was bewegt euch?“. Ich wollte genauer herauszufinden was meine Mitmenschen interessiert und anschließend einen Vergleich ziehen zwischen den Emotionen und Empfindungen in den 60’er Jahren und heute. So hat sich zwar die ursprüngliche Gewichtung im Thema im Laufe der Arbeit verändert, dieser Prozess aber gab mir neue Kraft für die gesamte Arbeit, weil ich mich nun intensiver mit dem Teil, an dem, wie schon erwähnt, mein Herz hing, beschäftigen konnte.

Und was dabei heraus gekommen ist, können Sie nun auf den folgenden Seiten lesen.

2. Studentenbewegung in der BRD

„Jeder hat sein Leben ganz zu leben und zu erleben, es nie schon zu früh aufzugeben.“[1][2]

„Revolution ist nicht ein kurzer Akt, wo mal irgendwas geschieht und dann ist alles anders. Revolution ist ein langer komplizierter Prozess, wo der Mensch anders werden muss.“

Rudi Dutschke[3]

Zu Beginn der 60’er Jahre begann sich in der BRD etwas zu ändern; neue Musik kam aus den USA und vor allem aus England, für die sich die deutschen Jugendlichen schnell interessierten. In immer mehr Haushalten war ein Fernseher zu finden, der vielen Schülern und Studenten das Aussehen der Bands zeigte und sie zum Vorbild machte. Zu dieser Zeit konnte man zunehmend auch auf den Straßen der BRD Männer mit langen Haaren und abgewetzter Kleidung sehen, die durch Westeuropa trampten und Haschisch rauchten. Das private Engagement gegen die bestehende Ordnung griff schnell auf den politischen Bereich über und Eltern und politische Autoritäten sollten nun Rede und Antwort stehen, darüber, was sie persönlich in der Nazi-Zeit getan hatten. 1963 vermittelten die Zeugenaussagen im Frankfurter Auschwitz-Prozess den Studenten einen authentischen Eindruck von dem Grauen in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Bereits ein Jahr zuvor führte die Verhaftung des damaligen Spiegel-Chefs Rudolf Augstein[4], wegen eines von ihm geschriebenen Berichts, („Die Spiegel-Affäre“ 1962) der offenbarte, dass sich auch der demokratische Rechtsstaat über seine eigenen Gesetze hinwegsetzt, erstmals zu spontanen Demonstrationen. Die Kritik am politischen System wuchs so wie auch die Unzufriedenheit über die herrschenden gesellschaftlichen Zustände. Man hatte den Wunsch nach Veränderung. Parallel dazu verloren die Westmächte an Ansehen. Frankreich führte in Algerien Krieg und die USA begannen Mitte der 60’er Jahre den Krieg gegen Nord-Vietnam.

So kam es nicht nur in diesen Ländern, zu verstärkten Protesten und Demonstrationen, sondern auch in der BRD. Protestiert wurde unter anderem gegen die Kriege (die Bundesregierung bejahte nicht nur den Vietnamkrieg an sich, sondern auch die Kampfmethoden der US-Truppen), die „Ausbeutungsmaschinerie“ des Kapitalismus und gegen veraltete Strukturen und Methoden an Schulen und Universitäten.

Als im Februar 1966, auf einer proamerikanischen Veranstaltung des RCDS (Ring christlich demokratischer Studenten), eine Miniaturbombe explodierte und wenige Tage später das Amerikahaus in Charlottenburg während einer Demonstration mit Eiern beworfen wurde, beschloss der Senat der Freien Universität Berlin ein politisches Versammlungsverbot zu verhängen. Hielten die Studenten diesen Beschluss nicht ein, mussten sie die Universität verlassen(Zwangsexmatrikulation). Folglich kam es im Juni gleichen Jahres zu einer Protestmaßnahme, die es so zum ersten Mal gab: Etwa 3000 Studenten demonstrierten bei einer Sitzung des FU-Senats in einem zehnstündigen Sit-in für eine umfassende Studienreform. Mit dieser Aktion erreichte der Konflikt zwischen Uni-Verwaltung und Studentenschaft seinen vorläufigen Höhepunkt und noch während der Demonstration erreichten die Studenten, dass der Senat seinen Richtlinienbeschluss zurück nahm. Zusätzlich versprach man den Studentenvertretern eine öffentliche Diskussion zur gemeinsamen Ausarbeitung einer neuen Hochschulverfassung. Jedoch endete die erste Versammlung dieser Art, die im November 1966 stattfand, ohne Ergebnis.

Die erste spektakuläre Demonstration hatte schon im April 1967 zu dem Besuch des US-amerikanischen Vizepräsidenten stattgefunden.

Am 2. Juni 1967 aber nahmen noch weitaus mehr junge Menschen nahmen an einer Demonstration im Juni teil, die sich gegen die offizielle Einladung der Bundesrepublik an den Schah von Persien (heute Iran), Reza Pahlevi, der Persien seit 1953 –gestützt durch die USA- mittels einer Militärdiktatur regierte richtete. Das war es, was die Studenten in Aufruhr brachte. Die Regierung hingegen unternahm alles, um den Aufenthalt des Staatsbesuches für den Schah möglichst angenehm zu gestalten. Im Vorfeld des Besuches waren oppositionelle Perser ohne Rechtsgrundlage festgenommen worden und am Ankunftstag ließ man die Autobahnen, auf denen der Schah fahren sollte, sperren um ihm ein schnelleres und sichereres Fahren zu bieten. Zudem erteilte man persischen Anhängern Pahlevis die Erlaubnis ihn mit Fähnchen und Jubelrufen am Flughafen willkommen zu heißen. Diese sogenannten „Jubelperser“ halfen später der Polizei, als der Schah mit seiner Frau, Farah Diba, am Schöneberger Rathaus eintraf, das Kaiserpaar vor den Demonstranten abzuschirmen.

Am Abend, vor der Deutschen Oper, erwies sich die Stimmung dann dementsprechend aufgeheizt und jetzt waren es etwa an die tausend Studenten, die den Schah und seine Frau mit Sprechchören, Buhrufen, aber auch mit Tomaten, Farbbeuteln und Rauchkerzen erwarteten. Für den regierenden Bürgermeister Berlins(1966/67), Heinrich Albertz, war diese erneute Krawallszene peinlich, zumal es ihm nicht gelungen war, einen Vortrag von Bahman Nirumand, im Audimax der FU zu verhindern. Bei dieser Veranstaltung berichtete der junge iranische Literaturwissenschaftler über das Folterregime des Schahs, unter dem Titel: „Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder die Diktatur der Freien Welt“. Nirumands Buch war gerade erschienen und nach den Ereignissen der folgenden Stunden entwickelte sich es zum hunderttausendfach verkauften „Handbuch“ der deutschen Schah-Kritik.

Kaum hatte die Vorstellung im Inneren des Opernhauses begonnen, machten sich Einsatzkräfte daran, die Protestierenden auseinanderzutreiben, was mit einer ganz besonderen Taktik geschah. Der Polizeipräsident erläuterte es mit folgendem Satz: „Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, nicht wahr, dann müssen wir in die Mitte hinein stechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt.“[5]. Albertz lauschte noch der „Zauberflöte“, als ihn das Gerücht erreichte, dass ein Student und ein Polizist ums Leben gekommen seien. Draußen wurde derweil das Vorgehen gegen die Demonstranten immer aggressiver, es hieß mittlerweile, wer Bart oder Brille trug, musste mit Prügeln rechnen; auch Frauen bekamen davon etwas zu spüren. Das komplette Viertel wurde abgeriegelt und es gab kein Entkommen. Plötzlich fiel auf einem Parkhof ein Schuss. Die Kugel traf Bernd Ohnesorge (Benno Ohnesorg genannt) in den Hinterkopf, der versucht hatte eine Auseinandersetzung zwischen Polizisten und Studenten zu schlichten. Es war schon Abend und geschossen hatte der Kriminalobermeister in Zivil, Karl-Heinz Kurras.[6] Albertz erklärte noch in der Nacht, dass der Tod Benno Ohnesorgs auf das Konto der Demonstranten gehe, und dass die Geduld der Stadt am Ende sei. Die Todesnachricht erhitzte die Gemüter der anwesenden Studenten in Westberlin, wie kein anderes Ereignis seit dem Mauerbau. Thomas Ramge schreibt in seinen Buch über die großen Polit-Skandale: „Für die Studenten wird der Schuss ein Synonym staatlicher Repression“[7]

Nach kurzer Zeit verwandelten sich Fassungslosigkeit und Schock in Bewegungsenergie. Innerhalb von Stunden schlossen sich immer mehr Sympathisanten den bislang, doch eher kleinen Trägergruppen der Bewegung an. Eilig wurden Flugblätter verteilt, auf denen stand, dass Benno Ohnesorg von einem Polizisten „erschlagen“ worden sei.[8] Der Sozialdemokratische Hochschulbund rief zu einer Schweigeminute vor dem Rathaus auf, doch der Senat verhängte ein generelles Demonstrationsverbot, um eine solche Versammlung für den Toten zu verhindern. Das Ziel der Studenten war es nun, Zeugenberichte über die Vorfälle an der Oper zu sammeln, um die Hinterhältigkeit des Senats aufzudecken, doch eigentlich waren sie sich schon sicher: Die Mörder Benno Ohnesorgs hießen Albertz und Innensenator Büsch. Einige der Demonstranten riefen zu einem Treffen auf: „Da die Mörder und ihre ausführenden Organe jetzt nicht mehr zurückschrecken, weitere Morde zu begehen, und der Platz vor dem Schöneberger Rathaus zum Schauplatz neuer Terror-Exzesse der Polizei werden könnte, versammeln wir uns bei Abriegelung des Platzes um 16:00 Uhr vor dem Henry-Ford-Bau, um den Untersuchungs-Ausschuss ins Leben zu rufen.“[9] Die Springer-Blätter („Bild-Zeitung“) haben schon seit Monaten keine Gelegenheit ausgelassen, die demonstrierenden Studenten zu beschimpfen. Am 3.Juni, einen Tag nach der Demonstration, sprachen die Fotos auf der Titelseite Bände, denn unter dem glanzvollen Porträt des persischen Herrscherpaares bot die Aufnahme eines blutenden Polizisten, der von zwei Kollegen gestützt wurde, die Gelegenheit zur Polemik. Die Zeitung schrieb: „In Berlin gab es Terror bisher nur östlich der Mauer. Gestern haben bösartige und dumme Wirrköpfe zum ersten Mal versucht, den Terror in den freien Teil der Stadt zu tragen.“[10] Nicht nur Studenten merkten, dass Springers Boulevardzeitungen versuchten, die Meinung der Öffentlichkeit zu beeinflussen.

Kai Herrmann schrieb in der „Zeit“ über die Mitarbeiter der „Bild-Zeitung“: „Sie erzeugten Pogromstimmung, sie machten Dahlem zum Ghetto.“[11] Es dauerte keine zwei Wochen mehr und die Parole „Enteignet Springer“ war in der Welt.[12] Mittlerweile konnten die Studenten auch auf die Unterstützung der Professorenschaft zählen. Am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften schlossen sich die Lehrenden einer Resolution ihrer Studenten an. Der Text wirkte geradezu abgewogen, zumal seit dem Tod Benno Ohnesorgs noch keine 48 Stunden vergangen waren: „ Steine, Rauchkörper und Farbbeutel“ seien „in keiner Situation gerechtfertigte Mittel der Auseinandersetzung in einer immer noch demokratischen Gesellschaft“. Die Kritik von Studenten- und Professorenschaft über das Verhalten der Polizei angesichts „terroristischer regierungstreuer Perser“ und die Klage über die Manipulation der Medien folgte.[13] Denn es war die Polizei, die einen Studenten erschoss und die Bild-Zeitung drehte alles um: „Ein Polizist ist von einem Demonstranten erstochen worden“[14]

In einem Punkt waren sich kritische Studenten und ein Teil ihrer akademischen Lehrer immer noch recht einig, nämlich, dass es einer verstärkten Auseinandersetzung mit der unbewältigten Vergangenheit bedürfe; da es gerade in diesen Tagen erneut deutlich wurde, wie präsent der Nationalsozialismus in den Köpfen der Zeitgenossen noch war: in warnender Rede und gesellschaftskritischer Reflexion wie in Bildern und Gegenbildern. Ein halbes Jahrzehnt später, als der Zusammenschluss militanter Gruppen seine mörderische Karriere begann, sollte davon noch ein böser Abglanz im Namen jener „Bewegung 2.Juni“ zu finden sein.

Eins ist jedoch sicher: Nämlich, dass der Tod Benno Ohnesorgs sowohl ein Umschwung der Gefühle hervorrief als auch die Bewegung entfachte. Zugleich begann sich das Interesse an der Studentenbewegung in Westdeutschland mehr und mehr auszubreiten, denn bisher war Berlin (und die FU) der zentrale Punkt gewesen. Auch wurde im öffentlichen Sprachgebrauch nun nicht mehr von den „Unruhen der Studenten“, sondern von der „Studentenbewegung“[15] gesprochen. Das Tempo der Revolte beschleunigte sich immer mehr, es entstanden groteske Vorstellungen darüber, wie viel und wie schnell Geschichte machbar sei (in den Köpfen der Studenten, wie auch in der Darstellung durch die Medien) und die Erwartungen an eine Tat wuchsen.

2.1 Das Lebensgefühl ändert sich

Ein paar Wochen später traf sich der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund, eine Gruppe für aktive Studenten) in Frankfurt zu einer seiner jährlichen Delegiertenkonferenzen. Man debattierte unter anderem über die Gewaltfrage unter der Fahne des Vietkong und immer, wenn Rudi Dutschke das Wort ergriff, richtete sich die ganze Aufmerksamkeit der Anwesenden so wie auch der Presse auf ihn. Der Student aus Luckenwalde verkörperte für sie alle die Rebellion.

Gerade zur Jahreswende 1967/68 reihten sich Ereignisse, Demonstrationen und Aktionen dicht aneinander. Beispielsweise fand im Februar 1968 in West-Berlin der internationale Vietnam-Kongress statt, zu dem die Aktivisten der Bewegung aus der BRD und Westeuropa angereist waren. Am Ende des Kongresses demonstrierte man gemeinsam, unter dem Motto: „Der Kampf für die Vietnamesische Revolution ist Teil des Kampfes für die Befreiung aller Menschen von Unterdrückung und Ausbeutung.“[16] Und Anfang April brannten in Frankfurt Teile zweier Warenhäuser. Zu den Brandstiftern gehörten die späteren Führungsfiguren der RAF, Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Doch die Empörung über den Brand ließ auf sich warten, da am nächsten Tag die Nachricht vom tödlichen Attentat auf Martin Luther King in aller Munde war. Eine Woche später, am 11.April 1968, (dem christlichen Feiertag Gründonnerstag) fuhr der vierundzwanzigjährige Josef Bachmann von München nach Westberlin, um vor dem Büro des SDS am Kurfürstendamm Rudi Dutschke aufzulauern. Bachmann nannte ihn „dreckiges Kommunistenschwein“[17] und schoss ihm in den Kopf. Dutschke überlebte schwerverletzt (jedoch starb er 1979 an den Spätfolgen des Attentats). In der Tasche des Täters fand man einen Ausschnitt einer rechtsextremistischen Zeitung (Deutsche Nationalzeitung) mit der Überschrift: „Stoppt Dutschke jetzt!“[18].

Von da an beteiligten sich viele, die vorher friedlich demonstriert hatten, an Gewaltaktionen und in Berlin flogen die ersten Molotowcocktails. Man kann also sagen, dass durch dieses Attentat das aggressive Denken der Studenten ins Handeln umschlug, denn die bis dahin noch friedliche Bewegung wurde an diesem Zeitpunkt eine Studentenrevolte, die fast alle Universitätsstädte betraf. An der Tagesordnung waren nun Blockaden der Straßenverkehrsmittel durch ,Sit-ins’ und lautstarke Störungen von Universitätsveranstaltungen. Die Auslieferungsfahrzeuge des Springer-Konzerns wurden in Brand gesteckt, da die Studenten die auflagenstarke Springerpresse –sie beherrschte 50 Prozent des westdeutschen Zeitungsmarktes- für die Manipulation der Bevölkerung verantwortlich machten. Weitere große Demonstrationen fanden am 30. Mai 1968 anlässlich der Verabschiedung der Notstandsgesetze statt.

Im Herbst gleichen Jahres verebbte die Studentenbewegung, die Ursache war die Zersplitterung innerhalb der Bewegung. Die Mitglieder des SDS hatten sich zerstritten[19] und somit konnten sie nicht mehr als Ganzes in Erscheinung treten. Ein Teil der Studentenbewegung ging Ende des Jahres 1968 in die neu gegründeten Parteien DKP (Deutsche Kommunistische Partei) und die KPD/ML (Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten Leninisten) über. Ein weiterer Teil hielt den aktiven Kampf mit Waffen und Gewalt für die Lösung der politischen und gesellschaftlichen Missstände. Aus diesem Teil bildeten sich unter anderem terroristische Vereinigungen wie die RAF.

2.2. Wie äußert sich ein Protest?

Wenn man sich mit dem Wort Protest auseinandersetzt, erkennt man, dass dieses Wort ganz unterschiedliche Bedeutungen besitzt und auch verschieden in Erscheinung treten kann. Das Wort ,Protest’ stammt von dem Wort Protestor (spätlateinisch) ab, was soviel bedeutet, wie als Zeuge öffentlich aufzutreten und auszusagen, beweisen und laut zu verkünden. Hört oder ließt man das Wort, so deutet man es häufig als Widerspruch, Einspruch, als eine Demonstration oder Kundgebung (privat, wie auch öffentlich).

Ein Protestierender hat das Ziel, mit seinem Protest, in dem er seine Ansichten kundgibt und öffentlich Einfluss auf die allgemeine Meinung oder Politik ausübt, in direkter Aktion Veränderung zu erzielen. Die Ursachen sind unter anderem Unzufriedenheit mit der Politik, die man dann durch Streiks, Protestmärsche, Demonstrationen und weiteren, unten erläuterten Protestarten, ausdrückt.

Hier die verschiedenen Weisen seine Unzufriedenheit auszudrücken:

- Protestsongs = Sie richten sich meist gegen die Autorität und thematisieren soziale oder auch politische Missstände.
- Flugblattaktionen = Werden zur Werbung für etwas Bestimmtes genutzt. Der Name „Flugblatt“ passt insofern, da sie sich schnell verbreiten.
- Ziviler Ungehorsam = gewaltfreier Verstoß gegen ein Gesetz, beispielsweise durch Sitzblockaden.
- Demonstrationen = Versammlung vieler „Gleichgesinnten“ zur Meinungsäußerung.
- Gewaltloser Widerstand = Man gewinnt den Gegner als Freund, um ihn umzustimmen (z.B. Gandhi)
- Boykottaktionen = Kollektive Verweigerungshaltung, der Boykott an sich dient als soziales, politisches oder wirtschaftliches Druckmittel, der vom Staat aber auch von einem Unternehmen ausgeübt werden kann.
- Streik = Man verweigert jegliche Aktivität gegenüber seinem Vorgesetzten, man legt kollektiv die Arbeit nieder.
- Sabotage = absichtliche Störung zur Erreichung eines Zieles
- Hausbesetzung = Inbesitznahme eines leerstehenden Wohnraums, die dadurch gerechtfertigt wird, dass beispielsweise kein Platz für soziale und kulturelle Veranstaltungen vorhanden ist.
- Rebellentum = Rebell (lat. Kämpfen) der an einer individuellen oder kollektiven Rebellion beteiligt ist
- „Sit-in“(Sitzblockade) = Man setzt sich auf den Boden und verhindert so den regelmäßigen Betrieb; meist wird diese Art des Protestes gewählt, wenn es mit Politik zu tun hat.
- Kommunikationsguerilla = Setzen gezielt Informationen bzw. Desinformationen ein. Es ist eine Form des Aktivismus.
- Hungerstreik = Es ist ein passiver Widerstand, bei dem man die Nahrungsaufnahme mit einem bewussten Risiko verweigert.

[...]


[1] Die Informationen dieses Kapitels habe ich im Wesentlichen entnommen aus: Cohn-Bendit, Daniel/ Dammann, Rüdiger: 1968 Die Revolte; Frei, Norbert: Jugendrevolte und globaler Protest.

[2] Rudi Dutschke war einer der führenden Studenten der Bewegung. Zitat entnommen aus: Dutschke, Rudi: Jeder hat sein Leben ganz zu leben, Köln 2003. S.6

[3] Ebenda, S. 160

[4] Rudolf Augstein ist der Gründer des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, Journalist, Verleger und Publizist

[5] Eine Aussage des Polizeipräsidenten Nevermann die dieser am 2. Juni 1967 anlässlich des Schahbesuchs machte. Zitiert nach, Frei, Norbert: a.a.O., S.114.

[6] Wie sich Mitte Mai 2009 herausstellte, war Kurras Mitglied der Stasi und als Spitzel in Westdeutschland eingesetzt. So wirft jetzt die Vergangenheit dieses in Westberlin tätigen Polizisten ein anderes Licht auf die dann folgende Eskalation in der Studentenbewegung, die durch den Tod Benno Ohnesorgs radikaler wurde.

[7] Ramge, Thomas: Die großen Polit-Skandale, eine andere Geschichte der Bundesrepublik, S.88.

[8] Frei, Norbert, S.115, Mappe des Hamburger Instituts für Sozialforschung (im Folgenden abgekürzt als: HIS Mappe) : Allgemeine Politik, Attentat Benno Ohnesorg, Berlin 1967, Flugblatt, 3.6.1967.

[9] Frei, Norbert, S.115.

[10] Bild-Zeitung (Berlin), 3.6.1967, S.1, zitiert nach Frei, Norbert, S.116.

[11] „Die Studenten und die Obrigkeit“, Sonderdruck in Die Zeit vom 16.6.1967 zitiert nach: Frei, Norbert, S.116.

[12] HIS Mappe: Allgemeine Politik, Attentat Benno Ohnesorg, Berlin 1967; Frei, Norbert, S.71-92.

[13] Frei zitiert hier aus der Resolution des Otto-Suhr-Instituts (OSI) der Freien Universität Berlin vom 4.6.1967. Frei, Norbert, S.117.

[14] Ramge, Thomas, S.95.

[15] Frei, Norbert, S.118.

[16] Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1948 bis 1995, 3 Bde, Hamburg 1998. Zitiert nach: Frei, Norbert, S.129.

[17] Prinz, Alois: Lieber wütend als traurig. Die Lebensgeschichte der Ulrike Meinhof, S.159.

[18] Ebenda, S.159.

[19] Es ging dabei um Machtkampf und verschiedene politische Ziele.

Details

Seiten
59
Jahr
2009
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v140975
Note
2
Schlagworte
Studentenbewegung 1968 jugendbewegung protest

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