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Über Martin Heideggers VerSuch(e) einer Fundamentalontologie und die Poesie

Hausarbeit 2000 11 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Martin Heideggers Versuch einer Fundamentalontologie

Ein anderer Versuch. Die Poesie

Literaturverzeichnis

Martin Heideggers Versuch einer Fundamentalontologie

Der Begriff Ontologie bedeutet allgemein „Lehre vom Seienden als solchem“ oder Seinslehre, wobei Seiendes sowohl Dinge als auch Begriffe meint.

Martin Heideggers schwer verständliches aber einflußreiches Werk Sein und Zeit aus dem Jahre 1926 stand im Zeichen der Frage nach dem Sinn von Sein. Zur Beantwortung der Seinsfrage analysierte Heidegger die Grundstrukturen des menschlichen Daseins. Dieses Sein des Menschen zu befragen, zu untersuchen, sollte der Weg sein, denn der Mensch ist unter allem Seienden dasjenige, das das Sein immer schon, wenn auch undeutlich, versteht. Hei-degger nennt diese Untersuchung Fundamentalanalyse des Daseins und bildet als Fundamentalontologie den Hauptinhalt von Sein und Zeit, wobei er sich von der bisherigen Philosophie als Ganzes distanzieren möchte, indem er seine Grundbestimmungen der Seinsstrukturen nicht Kategorien nennt wie Aristoteles und Kant, sondern Existenzialien. Als ersten Teil des Buches schreibt Heidegger eine vorbereitende Fundamentalanalyse des Daseins, um nach dem zweiten Teil, in dem Dasein als Zeitlichkeit in der Zeit verstanden werden soll, im dritten und letzten Teil Zeit und Sein das Dasein endgültig mit der Zeit zusammenfallen zu lassen.[1] Erschienen als Sein und Zeit ist jedoch nur der erste und zweite Teil. Rückblickend erachtete Heidegger das Denken am Ende des zweiten Teils schlechterdings für unzureichend, da sich im dritten Teil das Ganze umkehrt. Im Jahre 1946, also genau zwanzig Jahre nach Sein und Zeit, als Brief verfaßten Werk Über den Humanismus schreibt er dazu:

Der fragliche [dritte] Abschnitt wurde zurückgehalten, weil das Denken im zureich-enden Sagen dieser Kehre versagte und mit Hilfe der Sprache der Metaphysik nicht durchkam. (...) Diese Kehre ist nicht eine Änderung des Standpunktes von ‘Sein und Zeit’, sondern in ihr gelangt das versuchte erst in die Ortschaft der Dimension, aus der ‘Sein und Zeit’ erfahren ist, und zwar erfahren aus der Grunderfahrung der Seinsvergessenheit.[2]

Am Ende des ersten Abschnitts von Sein und Zeit stellt Heidegger die Frage, was die bisherige Fundamentalanalyse des Daseins für die Beantwortung der Frage nach dem Sinn von Sein bereitgestellt hat; ob mit der Sorge als ursprünglicher Seins-verfassung der Sinn von Sein umgrenzt ist:

Gibt die im Phänomen der Sorge liegende Strukturmannigfaltigkeit die ursprüng-lichste Ganzheit des Seins des faktischen Daseins? Hat die bisherige Untersuchung überhaupt das Dasein als Ganzes in den Blick bekommen?[3]

Mit dem zweiten Abschnitt beginnt Heidegger wie schon im Vorwort von Neuem, die wesentlichen Existenzialien und Struktureigenschaften von be-stimmten Befindlichkeiten herauszustellen. Die von ihm im ersten Teil als bestimmende Seinsweisen definierten Existenzialien Befindlichkeit, Geworfen-heit, Verfallenheit, Sein zum Tode, Gewissen und Geschicklichkeit erachtet er in § 45 einer noch-maligen Erörterung für würdig. Die Grundverfassung des Daseins ist das des In-der-Welt-seins. Bei der genaueren Auslegung dieses In-der-Welt-Seins als Existenz sieht Heidegger das Dasein als nicht bei sich selbst, sondern zwar verfallen an die Alltäglichkeit des Man, aber:

Gefunden haben wir die Grundverfassung des thematisch Seienden, das In-der-Welt-sein, dessen wesenhafte Strukturen in der Erschlossenheit zentrieren. Die Ganzheit dieses Strukturganzen enthüllte sich als Sorge. In ihr liegt das Sein des Daseins beschlossen.[4]

Die Gestimmtheit dieses Daseins wurde verstanden als die Grundstimmung der Angst. 1929, zwei Jahre nach erscheinen von Sein und Zeit, beschrieb Heidegger in Was ist Metaphysik das Dasein als das Gehaltensein in das Nichts gar noch bedrohlicher. Es transzendiert sich selbst in der Angst. Als das Nichts wird das Sein zum Schleier zwischen Dasein und sein. Diese Angst konfrontiert das Dasein, dem in seinem Sein um dieses als das eigene geht, mit der Gewißheit des eigenen Todes und der Vergänglichkeit. Erst dadurch jedoch wird für das Dasein der wahre Sinn des Seins erfahrbar als je eigentlich-mögliche und ganzseinkönnende Existenz; kurz als Freiheit in der Lichtung des Da:

Mit der Aufweisung eines eigentlichen Ganzseinkönnens des Daseins versichert sich die existenziale Analytik der Verfassung des ursprünglichen Seins des Daseins, das eigentliche Ganzseinkönnen aber wird zugleich als Modus der Sorge sichtbar. Damit ist denn auch der phänomenale Boden für eine ursprüngliche Interpretation des Seinssinnes des Daseins gesichert.[5]

Formelhaft faßt Heidegger im Humanismusbrief die Sorgestruktur als Fazit von Sein und Zeit zusammen, wobei Heiliges als von Gott deutlich Verschie-denes verstanden wird:

Der Mensch ist der Hirt des Seins. Darauf allein denkt Sein und Zeit hinaus, wenn die ekstatische Existenz als die Sorge erfahren ist. Doch das Sein - was ist Sein? Es ist Es selbst. Dies zu erfahren und zu sagen, muß das künftige Denken lernen. Das Sein - Das ist nicht Gott und nicht ein Weltgrund. Das Sein ist weiter denn alles Seiende und ist gleichwohl dem Menschen näher als jedes Seiende. […] Doch die Nähe bleibt dem Menschen am weitesten.[6]

Dem Ganzseinkönnen jedoch wirkt beständig ein Hang zum verfallenden Absturz im Man entgegen. Die Bewegtheit dieses Verfallens hat die Struktur eines Wirbels, in den das Dasein sich entwerfend wirft und gleichzeitig versucht sich aus ihm loszureißen. Es stürzt in die Bodenlosigkeit der Nichtigkeit der uneigentlichen Alltäglichkeit. In der Erfahrung einer ureigenen Angst als existenziale Grundstimmung der Sorge jedoch reißt sich das Dasein für einen Augenblick los, um dann wieder in die Uneigentlichkeit des Man hineingewirbelt zu werden.[7] In dieser sich als Modus der Zeitlichkeit enthüllenden Alltäglichkeit sieht Heidegger den ursprünglichen ontologischen Grund der Existenzialität des Daseins als die Zeitlichkeit und rechtfertigt damit die Wiederholung der vorbereitenden Fundamentalanalyse des Dasein als vor dem Hintergrund der Zeitlichkeit überhaupt zu Interpretierendes:

Der ursprüngliche ontologische Grund der Existenzialität des Daseins aber ist die Zeitlichkeit. Die gegliederte Strukturganzheit des Seins des Daseins als Sorge wird erst aus ihr existenzial verständlich.(...) Durch diese Wiederholung (...) wird aber zugleich das Phänomen der Zeitlichkeit selbst durchsichtiger. Aus ihr wird sodann verständlich, warum das Dasein im Grunde seines Seins geschichtlich ist und sein kann und als geschichtliches Historie auszubilden vermag.[8]

Dieses Vorhaben beschreibt einen perfekten Kreis, einen hermeneutischen Zirkel, der versucht das Dasein als Strukturganzes und die Zeitlichkeit gegenseitig als petitio principii einkreisend zu deuten[9]. Heidegger selbst fragt sich mit Blick auf diese hermeneutische Situation gegen ende seines Buches, ob das aufgerollte fundamentalontologische Problem so überhaupt erfaßt ist, ob es sich selbst nicht in einem Zirkel bewegt[10]. Und muß sich schließlich eingestehen, daß eine deutend-interpretierende Diskussion über das Sein als seine Zeitlichkeit noch nicht einmal entfacht ist, sondern seine zurückliegende Untersuchung ein Unterwegssein darstellt, das wohl noch weiter unterwegs sein wird.[11]

[...]


[1] Vgl. Heidegger 1984, 39.

[2] Heidegger 1981, 19.

[3] Heidegger 1984, 230.

[4] Heidegger 1984, 231.

[5] Heidegger 1984, 234.

[6] Heidegger 1981, 22.

[7] Heidegger 1984, 178f.

[8] Heidegger 1984, 234f.

[9] Heidegger 1984, 7.

[10] Heidegger 1984, 314.

[11] Heidegger 1984, 437.

Details

Seiten
11
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783640513192
ISBN (Buch)
9783640514854
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v140817
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Kulturwissenschaft/Ästhetik
Note
1.0
Schlagworte
Ontologie Heidegger Poetologie

Autor

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