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W.G. Sebald - Welche seelischen Auswirkungen hatte das Dritte Reich auf den exilierten Paul Bereyter?

Erinnerungen in W.G. Sebalds „Die Ausgewanderten“

Hausarbeit 2009 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltsangabe „Paul Bereyter“

3. Erinnerungsaspekte in Paul Bereyter
3.1 Paul Bereyter und die katholische Kirche
3.2 Paul Bereyter als Opfer des Rassenwahns
3.3 Die Folgen
3.4 Das Eisenbahnmotiv

4. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thema dieser Seminararbeit ist es, anhand der Erzählung „Paul Bereyter“ aus W.G. Sebalds „Die Ausgewanderten“ zu zeigen, inwieweit das Dritte Reich die seelische Konstitution eines Menschen, der direkt von dem Rassenwahn der Nazis betroffen ist, geändert hat.

Dazu wird zunächst als Hinführung eine kurze Inhaltsangabe gegeben, um anschließend verschiedene Aspekte aus der Erzählung aufzuführen, die zu einer Veränderung Paul Bereyters beitrugen. Hierfür ist es wichtig, mit Zitaten aus der Erzählung zu arbeiten und diese ggf. mit Hilfe von wissenschaftlicher Literatur zu interpretieren. Anschließend wird das zusammengefasste Ergebnis dargestellt.

W.G. Sebalds 1992 veröffentlichte Prosa „Die Ausgewanderten“ handelt von vier Personen, die ihre Heimat verließen. Der Titel „Die Ausgewanderten“ ist die substantivierte Form des Partizip Perfekt von „auswandern“. Diese Form wird im Allgemeinen verwendet, um zu beschreiben, dass ein Geschehen oder Sein vollendet ist, dass aber das Ergebnis noch andauert oder nachwirkt.[1] Folgend daraus heißt es also, dass eine Auswanderung selbst noch andauert, auch wenn sie, wie im Falle Paul Bereyters, revidiert wurde. Genau um diesen Aspekt dreht sich W.G. Sebalds Werk: Um vier Ausgewanderte und ihre persönliche Lebensgeschichte, die vom Erzähler detailiert recherchiert und dokumentiert worden sind. Allen vier Protagonisten der Erzählungen ist gleich, dass ihre Immigration bis in die Gegenwart wirkt und einen inneren Prozess, oftmals den der gefühlten Heimatlosigkeit, auslöste, der vom Erzähler dargestellt wurde.

Der 1944 in Wertach, im Allgäu, geborene und 2001 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommene Autor, Winfried Georg Sebald, lebte nach Beendigung seines Studiums selbst nicht mehr in Deutschland, sondern seit 1966, mit kurzen Unterbrechungen, die ihn in die Schweiz führten, in England, wo er seit 1970 als Dozent an der Universität von Norwich lehrte.

2. Inhaltsangabe „Paul Bereyter“

Das zweite Kapitel handelt vom Leben Paul Bereyters, dem Grundschullehrer des Erzählers.

Nachdem der Erzähler durch Lesen einer Todesanzeige die Nachricht über den Selbstmord Paul Bereyters erhält, betreibt er Nachforschungen über die Ereignisse im Leben Paul Bereyters. So lernt er Lucy Landau kennen, die das Begräbnis Pauls arrangierte und bei der er die letzten 12 Jahre seines Lebens überwiegend in Yverdon, Schweiz, lebte. Mme Landau gibt dem Erzähler viele Details über Pauls Leben preis, die ihm vorher nicht bekannt waren.

Paul lernt Lucy im französischen Salins-les-Bains 1971 kennen. Von 1935 bis 1939 übt Paul in Besançon eine Stelle als Hauslehrer aus, da es ihm als sogenannter „Dreiviertelarier“ aufgrund der Rassengesetze verboten war, in Deutschland weiterhin als Lehrer zu arbeiten. Bereyters Vater, ein Halbjude und Besitzer eines Warengeschäfts, nimmt sich aufgrund des Terrors gegen die jüdische Bevölkerung das Leben.

Trotz dieser Vorfälle kehrt Paul 1939 nach Deutschland zurück und wird in die Wehrmacht eingezogen. Nach dem Krieg arbeitet er erneut als Lehrer und nimmt sich eine Zweitwohnung in dem Dorf S., mit dem er sich verbunden fühlt.

Die letzten Jahre seines Lebens verbringt der, mittlerweile im Sehen stark eingeschränkte, Paul in der Schweiz. Kurz vor seinem Tod kehrt er, zusammen mit Lucy Landau, nach S. zurück. Dort wirft er sich vor einen Zug.

3. Erinnerungsaspekte in Paul Bereyter

Das Kapitel „Paul Bereyter“ beginnt mit einer Fotografie, auf der ein Eisenbahngleis abgebildet ist. Die Eisenbahn ist eines der zentralen Motive der Erzählung, auf das im späteren Verlauf noch genauer eingegangen wird.

Nachdem der Erzähler die Todesnachricht Paul Bereyters erreicht, malt sich dieser aus, wie die letzten Minuten im Leben Paul Bereyters wohl ausgesehen haben könnten: „Ich sah ihn […] hingestreckt auf dem Geleis. Er hatte, in meiner Vorstellung, die Brille abgenommen […]. Zuletzt, als das schlagende Geräusch sich näherte, sah er nurmehr ein dunkel Grau, mitten darin aber, gestochen scharf, das schneeweiße Nachbild des Kratzers, der Trettach und des Himmelsschrofens. Solche Versuche der Vergegenwärtigung brachten mich jedoch, wie ich mir eingestehen musste, dem Paul nicht näher, höchstens augenblickweise, in gewissen Ausuferungen des Gefühls, wie sie mir unzulässig erscheinen und zu deren Vermeidung ich jetzt aufgeschrieben habe, was ich von Paul Bereyter weiß und im Verlauf meiner Erkundigungen über ihn in Erfahrung bringen konnte.“[2]

Für den Erzähler reicht also bloße Empathie nicht aus, um Bereyter verstehen zu können. Aus diesem Grund entscheidet er sich für eine gründliche Recherche, die er dokumentarisch festhält und die auch autobiographische Elemente enthält.[3] Auf diesem Weg lernt er Lucy Landau kennen, die die engste Vertraute Bereyters war. Landau tritt fortan als zweite Erzählinstanz auf. Dadurch wird „einerseits die Suggestion von Authenzität“ verstärkt, „andererseits aber der für Sebalds typische Gestus fiktionaler Distanzierung“.[4]

3.1 Paul Bereyter und die katholische Kirche

Bevor Lucy Landau in Erscheinung tritt, erfährt der Leser, dass der Erzähler 1952 aus dem Dorf W. in die Kleinstadt S. übersiedelte. Dort kam er in die von Paul Bereyter unterrichtete Schulklasse. In den Erinnerungen des Erzählers war Paul ein sehr engagierter Lehrer, der Wert auf Praxis legte und viel mit seinen Schülern in der Natur unterwegs war. Auch erinnert sich der Erzähler an das Verhältnis Paul Bereyters zur katholischen Kirche. Es wird ersichtlich, dass der Bezug Bereyters zur Kirche als gestört interpretiert werden kann. So musste Bereyter unter einem „Kruzifix mit […] Palmwedel“[5] unterrichten, was Paul alles andere als gerne tat. So schreibt der Erzähler: „Der Paul, von dem das mir lange Zeit unverständliche Gerücht ging, dass er gottgläubig sei, wusste es jedesmal so einzurichten, dass er weder zu Beginn noch zu Ende der Religionsstunde dem I-Meier beziehungsweise dem Y-Meyer begegnete, denn nichts war ihm offenbar derart zuwider, wie die katholische Salbaderei.“[6] Paul konnte seinen Unterricht nicht beginnen, ohne die Tafelbilder, die in der Stunde vorher im Religionsunterricht gezeichnet wurden, zu entfernen („ […] diese Kunstwerke mit einer auffälligen Vehemenz und Gründlichkeit wieder abzuputzen. Ein neben der Türe angebrachtes, das flammende Herz Jesu darstellendes Weihwasserbehältnis, wurde von Paul [...] rechtzeitig vor der Religionsstunde mit der sonst zum Gießen der Geranienstöcke verwendeten Gießkanne bis an den Rand gefüllt. Nie ist es darum dem Benefiziaten gelungen, die Weihwasserflasche […] zum Einsatz zu bringen. […] Es hat ihm vor den Stellvertretern Gottes und dem von ihnen ausgehenden Naphtalingeruch tatsächlich gegraust. Am Sonntag ging er nicht in die Kirche, sondern so weit aus dem Ort hinaus und in die Berge hinein, dass er das Glockenläuten nicht mehr hören konnte.“)[7]

[...]


[1] Vgl.: Sill, Oliver: Migration als Gegenstand der Literatur. W.G. Sebalds „Die Ausgenwanderten“ (1992), in: Nassehi, Armin (Hg.): Nation, Ethnie, Minderheit. Beiträge zur Aktualität ethnischer Konflikte. Köln [u.a.]: Böhlau 1997, S. 313.

[2] Sebald, Winfried Georg: Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen. Frankfurt a.M.: Fischer 2008, S. 44f.

[3] Vgl: Ecker, Gisela: „Heimat“ oder Die Grenzen der Bastelei, in: Niehaus, Michael / Öhlschläger, Claudia (Hg.): W.G. Sebald. Politische Archäologie und melancholische Bastelei. Berlin: Erich Schmidt 2006, S.82. Ecker stellt die Recherche als „Vernunftsentscheidung gegen die Versuchung der Erzählphantasie“ dar.

[4] Öhlschläger, Claudia: Beschädigtes Leben. Erzählte Risse. W.G. Sebalds poetische Ordnung des Unglücks. Freiburg i. Br.: Rombach 2006, S. 42.

[5] Sebald, Ausgewanderten, S. 51.

[6] Ebd., S. 53.

[7] a.a.O.

Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640477982
ISBN (Buch)
9783640478163
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v140784
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik II
Note
2,3
Schlagworte
Sebald Welche Auswirkungen Dritte Reich Paul Bereyter Erinnerungen Sebalds Ausgewanderten“

Autor

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