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Motive und Risikowahrnehmung im Risikosport. Eine Analyse von fünf Risikosportarten

Lizentiatsarbeit 2009 103 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Problemstellung

2 Risikosport
2.1 Definition von Risikosport
2.2 Merkmale des Risikosports
2.3 Merkmale von Risikosportlern

3 Motive im Sport
3.1 Begriffserklärung von Motiv und Motivation
3.2 Vielfalt der Motive im Sport

4 Motive im Risikosport - eine Übersicht der Erklärungsansätze
4.1 Risiko- und Extremsport als Reizsuche - die Revisionstheorie nach Apter
4.2 Risiko- und Extremsport als Angstüberwindung
4.2.1 Angstlust nach Balint
4.2.2 Die Lust an der Angst - Erklärungsansatz nach Semler
4.3 Risiko- und Extremsport als Grenzsuche
4.3.1 Die Lust am Risiko - die Ordaltheorie von Le Breton
4.3.2 Allmer: die Suche nach persönlichen Leistungs- und Risikogrenzen
4.4 Suche nach aussergewöhnlichen Emotionszuständen - Das Flow-Konzept nach Csikszentmihalyi
4.5 Risikosport zur Suche nach Sicherheit: das Sicherheitssuche-Modell von Von Cube
4.6 Risikosport zur Identitätssuche - das Modell von Aufmuth

5 Sensation Seeking
5.1 Das Sensation Seeking-Konzept
5.2 Erfassen des Sensation Seeking-Merkmals
5.2.1 Die Sensation Seeking Scale-V
5.2.2 Die deutschsprachige Version der SSS-V
5.2.3 Kritik an Zuckerman
5.3 Sensation Seeking und Risikosport
5.4 Studien zum Sensation Seeking im Risikosport
5.4.1 Studien zu Risikosport im Allgemeinen
5.4.2 Spezifische Studien zu Bergsteigen
5.4.3 Spezifische Studien zu Fallschirmspringen
5.4.4 Studien zu diversen Risikosportarten

6 Risikowahrnehmung
6.1 Begriffserklärung von Risikowahrnehmung
6.2 Risikoverhalten, Risikobereitschaft und Risikoakzeptanz
6.3 Studien zur Risikowahrnehmung im Risikosport

7 Objektive Gefährlichkeit der fünf Risikosportarten Freeriding, Downhill Biking, Fallschirmspringen, Extrembergsteigen und Base Jumping
7.1 Base Jumping
7.2 Freeriding
7.3 Downhill Biking
7.4 Extrembergsteigen
7.5 Fallschirmspringen

8 Forschungshypothesen und Operationalhypothesen
8.1 Forschungshypothesen
8.2 Operationalhypothesen (OH)
8.2.1 OH zu den FH über die Partizipation am Risikosport
8.2.2 OH zu den FH über das Sensation Seeking-Motiv
8.2.3 OH zu den FH über die Risikowahrnehmung im Risikosport

9 Methode
9.1 Untersuchungsverfahren und -instrumente
9.1.1 Untersuchungsverfahren
9.1.2 Untersuchungsinstrumente
9.2 Stichprobe und Untersuchungsdurchführung
9.3 Untersuchungsplan und -design
9.4 Untersuchungsauswertung und Auswertungsverfahren

10 Darstellung, Interpretation und Diskussion der Ergebnisse
10.1 Motive für die Partizipation am Risikosport
10.1.1 Stellenwert des SS-Motivs im Vergleich zu anderen Motiven
10.1.2 Vergleich des Motivs „Risikosuche“ unter den Risikosportarten
10.1.3 Vergleich der Motive der Risikosportler und der Kontrollgruppe für die Sportpartizipation
10.1.4 Persönliche, zusätzlich erwähnte Motive der Risikosportler
10.2 Sensation Seeking
10.2.1 SS-Niveau der Risikosportsportler und der Kontrollgruppe
10.2.2 Unterschiede im SS-Motiv zwischen Novizen und Experten
10.3 Risikowahrnehmung
10.3.1 Einschätzung des objektiven Risikos in den Sportarten
10.3.2 Unterschied in der Bewertung der Gefährlichkeit der Sportart nach Novizen und Experten
10.3.3 Unterschied zwischen objektivem und subjektivem Risiko
10.3.4 Zusammenhang zwischen der subjektiven Risikowahrnehmung und dem SS-Niveau der Sportler
10.3.5 Unterschied in der Risikowahrnehmung zwischen Risikosportlern und der Kontrollgruppe

11 Schlussfolgerungen, Kritik und Ausblick
11.1 Schlussfolgerungen
11.2 Kritik an der methodischen Vorgehensweise
11.3 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Vorwort

Ich bedanke mich herzlich bei Dr. Stefan Valkanover für die engagierte und sehr hilfreiche Betreuung meiner Lizentiatsarbeit. Dr. Valkanover unterstützte mich sowohl fachlich als auch moralisch.

Ich bedanke mich ebenfalls bei Martin de Bruin, Informatikverantwortlicher am ISPW, für die freundliche Unterstützung bei der Erstellung des Online-Fragebogens und der Datenverwaltung sowie bei Katrin Lehnert, Assistentin am ISPW, für die wertvolle Beratung und Unterstützung bei statistischen Fragen und Problemen.

Abstract

Die vorliegende Arbeit untersucht Motive für die Partizipation am Risikosport und die Risikowahrnehmung der Risikosportler. Die Probanden sind männliche Sportler, die eine oder mehrere Risikosportarten wie Base Jumping, Downhill Biking, Extremberg- steigen, Fallschirmspringen oder Freeriding betreiben. Denen gegenübergestellt wird eine Kontrollgruppe bestehend aus Sportstudenten, die Nicht-Risikosport betreiben. Eine Zusammenstellung von Motiven für die Risikosportpartizipation aus ver- schiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Verhaltenspsychologie oder - biologie, der Psychoanalytik, der Geschichte etc. zeigt eine mögliche Motivlandschaft auf. Das Sensation Seeking-Motiv, welches aus einem Konzept von Marvin Zuckerman (1994) stammt, wird separat und vertieft behandelt und auf dessen Stellenwert in der Motivlandschaft analysiert. Das Sensation Seeking-Motiv be- schreibt ein Persönlichkeitsmerkmal, das durch das Bedürfnis nach Abwechslung und der ständigen Suche nach neuen, intensiven Reizen gekennzeichnet ist.

Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zeigen, dass das Sensation Seeking- Motiv neben den Motiven Bewegungsfreude, Natur und Erholung einen hohen Stellenwert hat. Das Leistungs-, Fitness und Kontakt-Motiv scheint für die Risiko- sportler eine untergeordnete Rolle zu spielen. Dass Risikosportler der untersuchten Risikosportarten hohe Sensation Seeker sind und sich die Risikosportarten gering in ihrem Sensation Seeking-Niveau unterscheiden, sind weitere Erkenntnisse. Kaum Unterschiede im Sensation Seeking-Niveau gibt es zwischen Experten und Novizen, jedoch besteht ein signifikanter Unterschied im Vergleich zu den Sportstudenten.

Die Analyse der subjektiven Risikowahrnehmung der Risikosportler ergibt, dass von allen Sportlern die eigene Sportart nicht als gefährlich sondern als eher mittel- bis wenig gefährlich eingestuft wird. Die Kontrollgruppe schätzt die Gefahr in den Risikosportarten ähnlich ein wie die Risikosportler selbst. Ebenfalls keinen Unterschied gibt es in der subjektiven Risikowahrnehmung zwischen Novizen und Experten. Ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Sensation Seeking-Niveau und der subjektiven Wahrnehmung wird falsifiziert.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Das Drei-Zonen-Modell nach Apter

Abb. 2: Motivkomplex der Grenzsuche

Abb. 3: Modell des Flow-Zustands

Abb. 4: Risikoverhalten als kognitiver Prozess

Abb. 5: Stichprobe (absolute Häufigkeiten)

Abb. 6: Mittelwerte von Alter nach Sportart

Abb. 7: Mittelwerte Motive Base Jumping

Abb. 8: Mittelwerte Motive Downhill Biking

Abb. 9: Mittelwerte Motive Extrembergsteigen

Abb. 10: Mittelwerte Motive Fallschirmspringen

Abb. 11: Mittelwerte Motive Freeriding

Abb. 12: Mittelwerte Motiv „ Risikosuche “

Abb. 13: Mittelwerte Motive Risikosportler und Kontrollgruppe

Abb. 14: SS-Werte der Risikosportarten nach der SS-Skala

Abb. 15: Mittelwerte von den Novizen und Experten auf der Total Score, TAS und ES

Abb. 16: Bewertung der Unfallwahrscheinlichkeit in den Risikosportarten durch die Risikosportler

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Klassifizierung und Vielfalt der Motive im Sport

Tab. 2: Unvorhersehbare (Natur-) Gefahren beim Freeriden

Tab. 3: Gefahren als Folge von Kontrollverlust oder Fehleinschätzung

Tab. 4: Reliabilitätsanalyse Motiv „ Leistung “

Tab. 5: Reliabilitätsanalyse Motiv „ Risikosuche “

Tab. 6: Reliabilitätsanalyse Motiv „ Fitness “

Tab. 7: Reliabilitätsanalyse Motiv „ Kontakt “

Tab. 8: Reliabilitätsanalyse Motiv „ Erholung “

Tab. 9: Reliabilitätsanalyse Motiv „ Bewegungsfreude “

Tab. 10: Reliabilitätsanalyse Motiv „ Natur “

Tab. 11: Mittelwerte der Motiv-Items in den fünf Risikosportarten

Tab. 12: Post-Hoc-Test (Scheff é ) Mittelwertvergleiche des Motivs „ Risikosuche “ unter den erfassten Sportarten

Tab. 13: Mittelwerte aller Motive der Kontrollgruppe/ Risikosportler

Tab. 14: Mittelwerte der SS-Werte in den Risikosportarten

Tab. 15: Mittelwerte der Total Score, der TAS und der ES bei Novizen und Experten

Tab. 16: Geschätzte Unfallwahrscheinlichkeit in den Risikosportarten

Tab. 17: Mittelwerte der Bewertung der Gefahr in der eigenen Sportart

Tab. 18: Produkt-Moment-Korrelation zwischen SS Total Score und geschätzter Unfallwahrscheinlichkeit in den Risikosportarten

Tab. 19: Mittelwerte der Gefährlichkeit nach Sportart von Risikosportlern/ Kontrollgruppe

1 Einleitung und Problemstellung

Menschen springen mit einem Fallschirm von Hochhäusern, befahren einen frisch verschneiten Steilhang einer Bergflanke mit dem Snowboard, rauschen mit atemberaubender Geschwindigkeit auf dem Mountainbike einen Abhang hinunter oder erklettern im Alleingang einen Achttausender im Himalajagebirge. Diese Tätigkeiten lösen bei Laien-Zuschauern Faszination, aber auch Unbehagen aus, denn es macht den Anschein, als würden sich die Sportler für ein wenig „Spass“ einem hohen Todes- oder Unfall-Risiko aussetzen. Es entsteht aber auch der Eindruck, dass der mögliche Gewinn bei diesen sportlichen Aktivitäten sehr gross sein muss für den einzelnen Sportler, sodass er überhaupt die hohen Kosten wie den Tod oder andere physische und psychische Schädigungen in Kauf nimmt.

Sowohl die Frage nach der Wahrnehmung des Risikos durch den Sportler als auch die Frage nach den Motiven, die für ihn von Bedeutung sind, damit er solche risikoreichen Sportarten ausübt, ist von persönlichem Interesse.

Die vorliegende Arbeit untersucht einerseits, welche Motive für die Partizipation am Risikosport zentral sind und andererseits, inwiefern die Sportler ein Risiko wahr- nehmen und einschätzen. Als Risikosport gelten nur diejenigen Sportarten, welche ein hohes Risiko in dem Sinne beinhalten, dass ein Misserfolg - ob durch Selbstver- schulden oder durch äussere Einflüsse verursacht - schwerwiegende Konsequenzen für Leib und Leben mit sich bringt. Base Jumping, Freeriding, Downhill Biking und Extrembergsteigen sind Teil der Risikosportarten. Fallschirmspringen zählt aufgrund des technischen Fortschritts nicht mehr dazu. Trotzdem bezieht sich die Unter- suchung auf diese fünf Sportarten.

Der erste Teil der Arbeit setzt sich mit dem Begriff „Risikosport“ auseinander (Kapitel 2). Da dieser jedoch nicht eindeutig abgrenzbar zum „Extremsport“ ist, wird Letzterer ebenfalls betrachtet. Es wird erklärt, was eine Sportart zu einer Risikosportart macht und die Merkmale eines Risikosportlers werden dargestellt. Zudem wird erläutert, mit welchen zentralen Problematiken zum Risikosport sich die Sportwissenschaft be- schäftigt.

Im zweiten Teil werden zuerst mögliche Motive für eine Sportpartizipation erläutert (Kapitel 3). Anschliessend werden Motive für die Risikosportpartizipation zusammen- gestellt aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Verhaltenspsycho- logie oder -biologie, der Psychoanalytik, der Geschichte etc. (Kapitel 4). Die ver- schiedenen Ansätze werden nicht vertieft behandelt, ausgenommen das Sensation Seeking-Konzept von Marvin Zuckerman (1994) (Kapitel 5). Es ist eines der meist erforschten Konzepte und ein möglicher Erklärungsansatz. Diese Theorie wurde zu Beginn der 1970er-Jahre in den Vereinigten Staaten durch Zuckerman entwickelt und bis heute vielfach verwendet und angepasst. Sensation Seeking ist ein relativ überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal, das sich durch das Bedürfnis nach Ab- wechslung und der ständigen Suche nach neuen Reizen, unter Inkaufnahme von Risiken, auszeichnet. Das Sensation Seeking-Merkmal wird mit der Sensation See- king Scale V, einem psychometrischen Erhebungsinstrument, bestehend aus den vier Subskalen „Thirll and Adventure Seeking“ (TAS), „Experience Seeking“ (ES), „Disinhibition“ (Dis) und „Boredom Susceptibility“, erfasst. Nach der Theorie von Zuckerman (2007) haben Personen mit einer hohen Sensation Seeking-Ausprägung das Bedürfnis nach häufiger Abwechslung und sind ständig auf der Suche nach starken Reizen. Starke Sensation Seeker finden solche starken Reize in riskanten Tätigkeiten wie sehr schnelles Auto- bzw. Motorradfahren, Rauschmittelkonsum, un- geschütztem Geschlechtsverkehr und auch im Risikosport. Eine Vielzahl von Studien (vgl. Zuckerman, 2007) über verschiedene Risikosportarten belegen (Kapitel 5.4), dass sich Risikosportler durch höhere Werte in der Gesamtpunktzahl, auf der TAS und der ES von Breitensportlern abgrenzen. Ebenfalls weisen Experten gegenüber Novizen (im Risikosport) eine höhere Ausprägung im Sensation Seeking-Merkmal auf. Durch die Behandlung dieses Konzepts hat sich eine weitere Forschungsfrage entwickelt:

Welchen Stellenwert hat das Sensation Seeking-Merkmal für die Partizipation am Risikosport im Vergleich zu den anderen Motiven und welche Rolle spielt dabei die subjektive Risikowahrnehmung?

Die sportbezogene Risikowahrnehmung (Kapitel 6) spielt bei der Partizipation am Risikosport eine bedeutende Rolle, denn das subjektiv wahrgenommene Risiko und die wahrgenommenen eigenen Fähigkeiten entscheiden über die Ausübung von riskanten Aktivitäten. So wird bei Risikosportlern bzw. starken Sensation Seekern eine geringe subjektive Risikowahrnehmung vermutet. Nach der Studie von Allmer (1998) gibt es zwei angewandte Strategien, die zur Partizipation am Risikosport führen: die Relativierung (eigene Gefährdung wird im Vergleich zu anderen gefähr- lichen Tätigkeiten als gering eingestuft) und die Unterschätzung des Risikos. Die Studie von Schumacher & Roth (2004) belegt, dass die Risikosportler im Gegensatz zu den Sportlern, die weniger riskante Sportarten ausüben, eine geringere subjektive Risikowahrnehmung und eine erhöhte Selbstwirksamkeit aufweisen. Eine andere Studie von Rossi & Cereatti (1993) berichtet von einem positiven Zusammenhang zwischen der objektiven Gefahr (Unfallzahlen) und der Höhe des Sensation Seeking- Niveaus (Kapitel 6.3). Aufgrund all dieser Studienergebnisse ist die subjektive Risikowahrnehmung bei der Partizipation am Risikosport in den fünf genannten Sportarten Teil der Untersuchung. Es wird zudem überprüft, ob ein Zusammenhang zwischen dem Sensation Seeking-Niveau und der subjektiven Risikowahrnehmung besteht, denn hierzu gibt es noch keine Forschungserkenntnisse.

Im dritten, dem empirischen Teil dieser Arbeit werden zuerst die Forschungs- und Operationalhypothesen, die Methoden und die Erhebungsinstrumente vorgestellt (Kapitel 8 und 9). In der Untersuchung selber werden, neben der Erfassung des Sensation Seeking-Niveaus mittels der Sensation Seeking Skala V, die Motive für die Partizipation an den fünf Risikosportarten Base Jumping, Downhill Biking, Fall- schirmspringen, Extrembergsteigen und Freeriding untersucht. Die Sportarten Base Jumping, Downhill Biking und Freeriding werden erstmals in einer Studie berück- sichtigt. Gabler (2002) untersuchte in einer Studie eine grosse Anzahl von Breiten- sportlern mithilfe eines Motiv-Fragebogens und extrahierte sechs Motivgruppen aus den 24 enthaltenen Motiv-Items, die unterschiedlich stark zur Partizipation am Sport führen. Derselbe Fragebogen wird in dieser Arbeit zur Untersuchung des Stellen- werts von Sensation Seeking in der Motivlandschaft verwendet. Zusätzlich wird die subjektive Risikowahrnehmung der Sportler erfasst: Einschätzen der Gefährlichkeit der Sportarten, geschätzte Unfallwahrscheinlichkeit in den Sportarten und Schätzen der Unfallzahlen.

Im letzten Teil folgt die Darstellung, Interpretation und Diskussion der Ergebnisse der empirischen Studie (Kapitel 10). Die Zusammenfassung der Ergebnisse, die kritische Reflexion der Methoden und der Ausblick bilden den Schluss dieser Arbeit (Kapitel 11).

2 Risikosport

In diesem Kapitel werden unterschiedliche Definitionen von „Risikosport“ vorgestellt. Es wird dabei versucht, den Begriff „Risikosport“ vom Begriff „Extremsport“ abzugrenzen, obwohl diese in der Literatur zum Teil synonym verwendet werden. Ebenfalls Gegenstand dieses Kapitels ist die Beschreibung der Merkmale von „Risikosport“ sowie von „Risikosportlern“.

2.1 Definition von Risikosport

Der Begriff „Risikosport“ wird in der Literatur unterschiedlich ausgelegt. Vielfach werden als Synonyme die Begriffe „Extremsport“ oder „Funsport“ verwendet. Daher ist es schwierig, die Begriffe Extrem- und Risikosport voneinander abzugrenzen. Das sportwissenschaftliche Lexikon definiert „Risiko im Sport“ bzw. „Risikosport“ wie folgt:

Die allgem. Bedeutung des Phänomens, als Wagnis bzw. Gefahr in einer unsicheren/ ungewissen Unternehmung, erfährt unter sportwiss. Sichtweisen eine Reihe von aspektbezogenen Differenzierungen. So bieten → Sport und → Spiel generell die Möglichkeit mit Risiken unter- schiedlichster Art umzugehen, sie sinnvoll zu dosieren und zu kalkulieren. Bereits das Kind muss lernen, im Verhältnis zu den eigenen Fähigkeiten das jeweilige R.abzuschätzen [ sic ] und auf der Basis seines Könnens auch Risikobereitschaft zu entwickeln. Die sog. R.-Sportarten (Klettern, Drachenfliegen, Fallschirmspringen, Wildwasserfahren und dgl.) erfordern ein hohes Mass an Technikbeherrschumg [ sic ], perfekte Ausrüstung und angemessene Sicherungsmassnahmen, um eine ge- wissenhafte R.-Vorsorge zu gewährleisten. (Röthig, 2003, S. 452)

Diese Definition erklärt nicht, was Risiken sowohl im Sport als auch für den Sportler bedeuten können. Sie besagt nur, dass es im Risikosport um eine Abschätzung und um einen speziellen Umgang mit Risiken geht. Röthig zählt jedoch erste Risikosportarten auf und beschreibt Voraussetzungen für dessen Ausübung. Eine Definition, welche den Begriff über die Psyche eines Risikosportlers definiert, liefert der Brockhaus Sport (2007):

Das Ausüben sportlicher Disziplinen, die durch extreme physische und psychische Beanspruchung sowie durch ein objektiv vorhandenes und/oder subjektiv empfundenes Gesundheits- bis Lebensrisiko gekenn- zeichnet sind. Der innere Drang, Risikosport zu betreiben, kann u. a. im Bestreben begründet sein, gefährliche Situationen durch körperliche Ge- schicklichkeit zu meistern, und ist im Allgemeinen von Leidenschaft oder sogar Besessenheit geprägt. Stets wird dabei das mit der sportlichen Aktivität verbundene Risiko bewusst gesucht und als ››Nervenkitzel‹‹ genossen. Zu den Disziplinen des Risikosports zählen z.B. →Canyoning, Free-Solo-Climbing (→ Freeclimbing) und →Rapjumping. Der Übergang zum →Extremsport ist fliessend. (S. 377)

Nebst der Aufzählung weiterer Risikosportarten verweist Brockhaus auf den fliessenden Übergang zum Extremsport. Deshalb soll die Definition von „Extremsport“ zur Klärung des Begriffs „Risikosport“ hinzugezogen werden:

Das Ausüben aussergewöhnlicher, z.T. risikoreicher sportlicher Disziplinen, bei denen der Betreffende höchsten physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt ist. Extrem bezieht sich dabei u. a. - je nach Sportart - auf folgende Faktoren: 1) den für die Ausübung notwendigen Mut (z.B. Bungeejumping, Skysurfing); 2) die hohen technischen Anforderungen, besonders wegen des Verzichts auf er- leichternde Hilfsmittel (z.B. Freeclimbing); 3) die Konfrontation mit z.T. extremen Natur- und Witterungsbedingungen (z.B. Extrembergsteigen); 5) die enormen physischen Belastungen beim Zurücklegen von Ultralangstrecken (z.B. 100km-Lauf, Marathonschwimmen, IronmanTriathlon). Der Übergang von Extremsport zu →Risikosport ist fliessend. Es kann auch Überschneidungen mit Disziplinen des →Trendsports geben. (Der Brockhaus Sport, 2007, S. 149)

Nach dieser Definition gehören nicht alle Extremsportarten zum Risikosport. Die Überschneidung beider Begriffe findet sich in der Auslegung des Begriffes „extrem“. Dieser beinhaltet Faktoren wie Mut, hohe technische Anforderungen, enorme physische Belastungen etc. . Risikosport beinhaltet demnach extreme Faktoren.

Meyers Online-Lexikon liefert eine Definition von Extremsport, welche den Risikosport als Teil dessen integriert:

Extremsport, das Ausüben aussergewöhnlicher sportlicher Disziplinen, wobei der Betreffende höchsten physischen und psychischen Be- lastungen ausgesetzt ist. Ist bei Durchführung der betreffenden Disziplin ein objektiv vorhandenes und/oder subjektiv empfundenes Gesundheits- bis Lebensrisiko vorhanden, spricht man auch vom Risikosport. Dabei wird das mit der sportlichen Aktivität verbundene Risiko bewusst gesucht und als »Nervenkitzel« genossen. (Meyers Lexikon online, 2008, 22. September)

Risikosport gilt nach Meyers Online-Lexikon als Extremsport unter der Bedingung, dass ein zusätzliches Risiko für die Gesundheit oder das Leben besteht.

Opaschowski (2000) macht in seinem Werk über „Extremsport als Zeitphänomen“ keinen Definitionsversuch von Extremsport, obwohl „Extremsport“ im Titel des Buches enthalten ist. Er verwendet den Begriff „Risikosport“ analog zum Begriff „Extremsport“.

Die verschiedenen Definitionen, die jeweils andere Schwerpunkte zur Klärung des Begriffes „Risikosport“ haben, verdeutlichen die Komplexität um den Begriff „Risikosport“. Zur Vertiefung und zum Verständnis des Begriffs soll der folgende Diskussionsschwerpunkt zum Risikosport aus Sichtweise der Sportwissenschaft und der Sportler bzw. der Bevölkerung hinzugezogen werden:

Die Sportwissenschaft legt den Diskussionsschwerpunkt auf die Frage, ab welcher Risikohöhe eine sportliche Aktivität zu den Risikosportarten zählt. Als Risikosport gilt für sie, wenn ein bestimmtes Mass an objektivem Risiko vorhanden ist. Eine Be- urteilung für das Vorhandensein eines bestimmten objektiven Risikos ist jedoch schwierig, denn die Risikosituationen sind individuell und von einzigartigem Charakter: Jede Gefahrensituation erhält durch die unterschiedlichen inneren und äusseren Bedingungen einen eigenen Charakter und ist von den Fähigkeiten des Sportlers abhängig. Währenddem also eine Aktion für einen aussenstehenden Be- trachter sehr riskant erscheinen kann, stuft sie der Sportler wegen seiner Vor- bereitung und seinem Wissen um seine körperlichen und psychischen Fähigkeiten als weniger riskant ein - der Sportler versucht das Risiko auf ein Minimum zu reduzieren. Übrig bleibt das unkalkulierbare Restrisiko, das durch unvorhersehbare Situationen gegeben ist (Allmer, 1998).

Zusammenfassend ist der Risikosport nur bestimmbar, wenn dabei die Wahr- nehmung und die Absicht des handelnden Sportlers berücksichtigt wird. Der Sportler muss die Risiken abschätzen und versucht, diese durch seine sportartspezifische Handlungskompetenz zu minimieren. Der Handlungsausgang und die Folgen von Risikosportsituationen sind daher grundsätzlich offen. Risikosport grenzt sich von Extremsport insofern ab, weil ein zusätzliches Risiko für die Gesundheit oder das Leben besteht - Für den Extremsport sind eher eine extreme Zeitdauer oder eine Distanzsteigerung von konventionellen Sportarten charakteristisch. Trotzdem können Risikosportarten „extrem“ ausgeübt werden, beispielsweise durch eine starke Ver- längerung der Zeitdauer oder der Distanzen (z. B. ein 24 Stunden-Downhill mit dem Mountainbike).

Nach dem Versuch, Risikosport zu definieren, soll im folgenden Kapitel vertieft auf die Frage eingegangen werden, welche Merkmale typisch sind für Risikosport. Dabei werden diejenigen Merkmale behandelt, die den verschiedensten Risikosportarten gemeinsam sind.

2.2 Merkmale des Risikosports

Nach Göring (2006) sind die folgenden Elemente konstitutiv für den Risikosport:

Individualität: Das Risiko in Risikosportarten resultiert aus individuellen Handlungsanforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten. Es ist eine Komponente, die nicht nur individuell unterschiedlich ausfallen kann, sondern auch subjektiv je nach Bedingungen und/ oder der Tagesform anders bewertet wird. Jedes Risiko ist demnach absolut individuell und bezieht sich nur auf eine konkrete Situation zu einem bestimmten Tag und auf die einzelne Person.

Situationsbegrenzung: Das Risiko ist begrenzt auf eine reale Situation, der man sich bewusst stellt, um sie zu bewältigen. Es gibt bei Risikosportarten klar begrenzende Anfangs- und Endpunkte, welche die Kernaktivität der Risikosportart kennzeichnen und somit das Risikomoment der Sportart definieren.

Freiwilligkeit: Risikoaktivitäten und die daraus folgenden Risikosituationen werden freiwillig und bewusst aufgesucht, mit dem Ziel, diese zu meistern. Die Risikoaktivitäten und -situationen werden nicht in Kauf genommen um ein übergeordnetes Ziel zu erreichen (Göring, 2006, S. 50).

Für Semler (1994) ist insbesondere die erhöhte Gefahr charakteristisch für Risikosport. Er schreibt, dass das gemeinsame, verbindende Element der Risikosportarten Situationen sind, welche risikoreich sind und grosse Gefahren in sich bergen, die zu Schaden an Leib und Leben führen (S. 21).

Allmer (1998, S.62-63) nennt in Anlehnung an Aufmuth (1989, S.125), der selbst Bergsteiger ist, fünf wesentliche Merkmale, die für Risikosport (und Extremsport) charakteristisch sind:

Ausserordentliche körperliche Strapazen: Die Anstrengungen der Risiko- und Extremsportaktivitäten strapazieren den Körper - teilweise bis zur totalen Erschöpfung. Körperliche Qualen und nicht selten auch verlorene Gliedmassen müssen als Preis für das Erreichen des Ziels gezahlt werden. Besonders die Konfrontation mit widrigen Naturkräften wie Hitze, Kälte, Regengüsse und schwere Stürme usw. beanspruchen den menschlichen Körper.

Ungewohnte Körperlagen und -zustände: Für viele Risiko- und Extremsportarten bestehen extreme und riskante Anforderungen darin, dass der Körper in ungewohnte Lagen und Zustände gebracht wird. Zu diesen gehören beispielsweise der freie Fall, das Schweben in Luft und Wasser, hohe Geschwindigkeiten und Beschleunigungen, schnelle Rotationsbewegungen und extreme Körperseitenlagen, die völlig neue Körperorientierungen verlangen.

Ungewisser Handlungsausgang: Kennzeichnend für riskante und extreme Situationen ist, dass der Erfolg und der Misserfolg einer Handlung gleich wahrschein- lich sind.

Unvorhersehbare Situationsbedingungen: Im Risiko- und Extremsport treten Situationsbedingungen auf, welche nicht vorhersehbar sind: So weiss der Sportler nur wage, welche Situationsbedingungen auftreten werden, ob eine gegebene Situation bestehen bleibt oder zu welchem Zeitpunkt eine bestimmte Situation ein- treten wird.

Der Grad der Vorhersehbarkeit ist umso geringer, je weniger Informationen über eine bevorstehende Situation eingeholt werden können.

Lebensgefährliche Aktionen: Die Gefahr, das Leben zu verlieren, ist in Risiko- und Extremsportaktivitäten grösser als in allen anderen Sportaktivitäten. Gefährdungen der körperlichen Unversehrtheit können entweder aus Fehlern, Unachtsamkeit und Leichtsinn des Sportlers resultieren oder sich aus einer plötzlichen Verschlechterung der Situationsbedingungen ergeben. Ein Scheitern bzw. ein Misserfolg infolge von Personen- und Situationsfaktoren führt unmittelbar zur Lebensbedrohung. Demgegenüber spiegelt sich der Erfolg unmittelbar im Überleben wider.

Allmer geht davon aus, dass die genannten Merkmale nicht bei allen Risiko- und Extremsportaktivitäten eine gleich hohe Bedeutung haben. Die Kriterien zur Kenn- zeichnung der vielfältigen Risiko- und Extremaktivitäten müssen daher unterschied- lich gewichtet werden. Bei einer Ultra-Ausdauersportart beispielsweise dominieren die ausserordentlichen körperlichen Strapazen, während lebensgefährliche Aktionen weniger typisch sind.

Schneider & Rheinberg (1995) sprechen gar davon, dass Risiko- und Extremsportaktivitäten unter „Ernstfallbedingungen“ stattfinden (S. 424).

Für Hartmann (1996, S. 74) gibt es gemeinsame, spezifische Faktoren für Risikound Extremsportarten, die jedoch in wechselnder Kombination und in variablem Ausmass die einzelnen Aktivitäten der Risikosucher bestimmen. Es sind:

- Körperbetonung, Exponierung des eigenen Körpers
- Körperliche Fitness, Körperbeherrschung, Geschicklichkeit, Technik als Voraus- setzung
- Motorische Bedürfnisse, Bewegungsdrang, Mobilität
- Bedürfnis nach Geschwindigkeit und (Quer-) Beschleunigung
- Aufsuchen von Tiefen- und/ oder Drehschwindel
- Aufsuchen körperlicher und/ oder seelischer Belastungen, teilweise über längere Zeit mit extremen Anforderungen, Dauerleistungsfähigkeit
- Aufsuchen von Risiken und Gefahren - vom einfachen Verletzungsrisiko bis hin zur akuten Todesgefahr
- Aufsuchen von unterschiedlich getönten Erregungszuständen wie Spass, Hoch- gefühl, Angst, Nervenkitzel, Thrill, Angstlust
- Aufsuchen von Trance- und Rauschzuständen
- Voraussetzung und Herausforderung bestimmter Charaktereigenschaften wie Mut, Wagemut, Tollkühnheit, Nervenstärke, Gelassenheit, Coolness, Diszipliniertheit, Unsicherheit, Konzentrationsfähigkeit, Geistesgegenwart, Flexibilität, Durchhaltevermögen
- Implikation des Steigerungsmotivs: höher, tiefer, schneller, weiter, länger, strapaziöser, spektakulärer, tollkühner, eleganter, perfekter
- Bedürfnis nach Überschreitung persönlicher und absoluter Grenzen, Rekord- leistungen und Vorstoss in völlig neue Leistungsdimensionen (das Unmögliche möglich machen).

Für Schleske (1977) ist der Situationsdruck typisch für Risikosportarten. Nach Schleske sind Risikosportarten mehrheitlich mit einem Handlungszwang verbunden, d. h. Handlungsziele müssen kurzfristig abgewandelt und „dem sich ständig ver- ändernden Verlauf der Situation angepasst werden“ (S. 34). Nicht in jeder Risiko- situation ist ein spontaner Abbruch der Aktivität möglich wie z. B. beim Base Jumping.

Stern (2003a, 2003b) grenzt Risikosport vom traditionellen Sport mithilfe einer Kontrastierung ab: Während der Wettkampfsport auf Sieg und Niederlage sowie einer allgemeinen Vergleichslogik basiert, ist der Risikosport durch die „Tendenz der Entformalisierung“ gekennzeichnet, d. h., das Fehlen starrer Regeln und Grenzen ermöglicht dem Einzelnen individuelle Freiheiten der Aktivitätsgestaltung. Das Risiko wird, im Vergleich zum Spitzensport, um seines Selbst willen gesucht (Stern, 2003a,

S. 190).

Folgende Merkmale stehen für Stern im Zentrum des Risikosports:

- Freiwilligkeit: Risiken werden bewusst aufgesucht und nicht bloss in Kauf ge- nommen
- Todesrisiko: Fehlverhalten erreicht die Dimension der vermeintlichen Todes- nähe
- Situationsbegrenzung: Das Risiko ist genau begrenzt auf eine bestimmte Situation, der man sich stellt, und besitzt eine klar abgrenzbare Start- und End- phase
- Individualität: Das Risiko wird bestimmt durch die individuellen Bedürfnisse, Einschätzungen und Fähigkeiten des Sportlers
- Selbstkontrolle: Die Risikosituation ist von den Sportlern ausgewählt und im Bezug auf die Schwierigkeiten und Emotionen sowie durch die Motivation selbst kontrolliert (Stern, 2003a, S. 191).

Ein gesamtheitlicher Vergleich der Merkmale aller erwähnten Autoren zeigt, dass Freiwilligkeit, Selbstkontrolle, Einzigartigkeit und Ernstfallcharakter der Risikosituation, ungewohnte Körperlagen und -zustände, Gefährlichkeit u. a. stets als Merkmale genannt werden. Nun stellt sich unweigerlich die Frage, was denn ein Risikosportler ausmacht. Weisen Risikosportler spezielle Merkmale und Fähigkeiten auf? Was unterscheidet ihn von einem Nicht-Risikosportler?

2.3 Merkmale von Risikosportlern

In diesem Kapitel wird untersucht, mit welchen spezifischen Merkmalen und Fähig- keiten ein Risikosportler ausgestattet sein kann, damit er fähig ist Risikosportarten zu betreiben.

Semler (1994) beschreibt die Risikosportler als risikosuchende Menschen, „die einer gefährlichen Tätigkeit nachgehen, sich ihrer Gefährdung bewusst sind und auf diese Gefährdung ganz normal und vernünftig reagieren, nämlich mit Angst“ (S. 15). Durch die erworbenen Fähigkeiten, mit deren Hilfe die Gefahr kontrolliert werden kann, ver- liert die Angst ihren Schrecken. „Als Risikosucher lebt man besser mit ihr, weil man gelernt hat, mit ihr umzugehen“ (S. 159). Typische Wesenszüge von Risikosuchern sind das „Bedürfnis nach Reizvariation und in der Bereitschaft, auch nach neuen und unüblichen Lösungen zu suchen, wenn die gegebenen Bedingungen ausgeschöpft sind und keine Steigerung der Anforderungen mehr zulassen.“ (Semler, 1994, S. 108).

Balint (1959) bezeichnet in seiner Theorie die „Philobaten“, zu denen auch die Risikosportler gehören, als „robuste, unerschütterliche, kühne Helden, die ihre Unabhängigkeit geniessen, ohne mit der Wimper zu zucken, den Gefahren ins Auge sehen und stolz ihren eigenen Weg gehen“ (S. 37).

Nach Clausen (2003, S. 40) besitzen Risikosportler überdurchschnittliche mentale und bewegungsbezogene Fertigkeiten. Ohne diese Fertigkeiten ist ein Scheitern vor- programmiert.

Aufmuth (1996) schreibt den Risiko- und Extremsportlern besondere Charaktereigenschaften zu, da von diesen eine Vielzahl von Fähigkeiten verlangt wird. Aufmuth betont, dass Risiko- und Extremsportler

- eine starke Willenskraft besitzen
- Energiepotentiale mobilisieren können
- nach den Grenzen des Machbaren und Erlebbaren streben
- Härte nach aussen demonstrieren und doch zu den besonders Sensiblen ge- hören, die sich verletzlich zeigen oder innerlich ausgegrenzt fühlen (zitiert nach Opaschowski, 2000, S. 124).

Opaschowski (2000, S. 126) beschreibt Risiko- und Extremsportler als Grenzgänger und Erfolgsmenschen, die zum grössten Teil jung, ledig und höher gebildet sind. Die Eigenschaft „höher gebildet sein“ ist vor allem relevant, weil eine höhere Bildung zu- meist auch eine höhere soziale Sicherheit einschliesst. Diese höhere soziale Sicher- heit ist nach Cube (1990) ein wichtiger Grund für das Aufsuchen von riskanten Situationen. Zudem ist auch die Ungebundenheit (keine Familie zu haben) ein wichtiger Faktor, weil deshalb keine Rücksicht auf Mitmenschen genommen werden muss, welche dem Protagonisten nahe stehen und sich sorgen oder den Risikosport kritisch hinterfragen könnten.

Szczesny-Friedmann (1982, S. 240-279) weist in ihrer Studie, bestehend aus 30 Probanden verschiedener Risikosportarten, folgende Eigenschaften für die Risiko- sportler nach:

- Die Risikosportler haben ein starkes Bedürfnis nach Reizvariation, welches sie hauptsächlich in der aktiven Auseinandersetzung mit der nicht-sozialen Umwelt befriedigen.

- Risikosportler neigen stärker zu Selbstgenügsamkeit und Eigenständigkeit. Sie glauben, ihre Handlungen und die daraus folgenden Konsequenzen selbst be- stimmen zu können, unbeeinflusst von externen Faktoren.

- Sie verfügen über eine starke Leistungsbereitschaft und Selbstvertrauen in Risikosituationen.

- Sie neigen gleichzeitig zur Akzentuierung der potenziell gefährlichen Elemente einer Reizsituation, ohne jedoch auf bestimmte Kategorien von Angstsituationen besonders anzusprechen.

Alle Autoren scheinen sich einig zu sein, dass Risikosportler besondere Charaktereigenschaften aufweisen (müssen), da von ihnen eine Vielzahl von Fähigkeiten verlangt wird. Genannt werden unter anderem die starke Willenskraft, eine starke Leistungsbereitschaft, das Streben nach den Grenzen des Machbaren, Selbstgenügsamkeit, Eigenständigkeit, eine höhere Bildung und eine höhere soziale Sicherheit - aber auch das Bewusstsein um die Gefährlichkeit und Gefährdung.

Nach der Charakterisierung von „Risikosport“ und „Risikosportlern“ soll im anschliessenden Kapitel geklärt werden, weshalb ein Mensch überhaupt Sport betreibt. Dabei werden die vordergründigen, bedeutsamen Motive untersucht.

3 Motive im Sport

Ein wesentlicher Teil dessen, was wir Persönlichkeit nennen, bezieht sich auf die Motivationsthematik. Für das Handeln des Menschen stellen motivationale Aspekte eine wichtige Teilerklärung dar. (Gabler, 2002, S. 11)

Dieses Zitat von Gabler (2002) impliziert, dass das Betreiben von Sport bzw. Risikosport teilweise motivational begründbar ist. In Kapitel 3.2 wird aufgezeigt, dass diese Gründe sowohl vielfältig als auch individuell sind und nach der Sportart variieren. Zuerst werden jedoch noch die Begriffe „Motiv“ und „Motivation“ geklärt.

3.1 Begriffserklärung von Motiv und Motivation

Die Begriffe „Motiv“ und „Motivation“ bedeuten umgangssprachlich, dass jemand etwas gerne macht oder erklären, warum jemand etwas tut (Gabler, 2002, S. 11). In der Psychologie sind Motive:

Beweggründe für ein Verhalten, unterschieden von seinem konkreten Ziel, d. h. der richtungsgebende, leitende, antreibende seelische Hinter- und Bestimmungsgrund des Handelns. Nach dem stärkeren Motiv richtet sich meist das Geschehen - die schwächeren Motive werden ab- gedrängt. Einer Handlung geht selten ein einzelnes Motiv, meist ein Motivbündel, voraus, das Wahlmöglichkeiten vorstellen hilft und mög- liche Folgen erwägt. Dem Motiv kommt somit auch ein spezialisierendes Moment zu, das affektiv emotional oder intellektuell unterbaut ist. Stark motiv-bildend sind Gewöhnungen, fixierte Einstellungen, Werthaltungen. (Häcker, 2004, S. 652)

Eine ähnliche Definition liefert Nowotny (1982, S. 129): Bei ihm ist das Motiv ein „ bewusstgewordenes Bedürfnis, das zielgerichtete Verhaltensabläufe steuert“. Merkmale von motivbedingten Handlungen beinhalten:

- das Erleben des Antriebs, des Irgend-Etwas-Müssens als kennzeichnend für Innenerleben des Handelns
- die Gerichtetheit bzw. das Abzielen der Handlung auf einen künftigen Zustand, auf ein bestimmtes Ereignis
- den Übergang von einem Zustand der Spannung zur Lösung derselben.

Motive sind demnach nicht direkt beobachtbare Hintergründe für ein Verhalten, das auf einem wahrgenommenen Bedürfnis gründet und zu einem Ziel führt.

Der Begriff Motivation wird nach Häcker (2004) folgendermassen definiert:

Annahmen über aktivierende und richtungsgebende Vorgänge, die für die Auswahl und Stärke der Aktualisierung von Verhaltenstendenzen bestimmend sind. Die intervenierenden Motivationsvariablen sollen erklären, warum ein Mensch oder Tier sich unter bestimmten Umständen gerade so und mit dieser Intensität verhält. Motivationsvariablen sind neben den Stimulus-Bedingungen die wichtigsten Verhaltensdeterminanten. (Häcker, 2004, S. 653)

Nach Nowotny (1982, S. 129) ist Motivation alles, „was das Verhalten in einer ge gebenen Situation bestimmt“. Dabei wirkt die Motivation von zwei gegensätzlichen Polen aus: zum einen vom erlebenden und strebenden Subjekt aus als interner Pol mit den Trieben, Wünschen, Bedürfnissen, Neigungen, Planungen usw. und zum anderen vom auslösenden und angestrebten Objekt her als externer Pol mit dessen Anreizwerten und Aufforderungs- bzw. Vermeidungscharakter.

3.2 Vielfalt der Motive im Sport

Motive für die Partizipation am Sport gibt es viele. Gabler1 (2002) unterscheidet 30 Motive und nimmt eine Klassifizierung vor. Er teilt die Motive in „ichbezogene“ Motive und in Motive „im sozialen Kontext“ ein und unterscheidet damit, ob sich ein Motiv in erster Line direkt auf die eigene Person bezieht oder ob es dabei auch andere Personen einschliesst. Gabler unterzieht die Motive einer weiteren Klassifizierung, welche bezweckt, inwiefern sich die Motive auf das Sporttreiben selbst, auf das Er- gebnis des Sporttreibens oder auf das Sporttreiben als Mittel für weitere Zwecke (vgl. Tab. 1) beziehen.

Tab. 1: Klassifizierung und Vielfalt der Motive im Sport (Gabler, 2002, S.17)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gabler ’ s Studie zu den Motiven im Sport

Gabler führte im Jahre 2001 eine Studie durch, in welcher er mittels Fragebogen 800 Bürger und Bürgerinnen nach den Motiven ihres Sporttreibens untersuchte. Als häufigste Motive wurden Spass und Freude an der Bewegung, Steigerung des Wohlbefindens und Ausgleich zum Alltag sowie Fitness, Gesundheit, Entspannung und Stressabbau genannt.

Mittels der Faktorenanalyse liessen sich die zahlreichen Motive auf sechs Motiv- gruppen reduzieren: Leistung, Kontakt, Fitness, Erholung, Bewegungsfreude und Natur. Gabler fand zudem heraus, dass die Motive geschlechtsspezifisch unter- schiedlich sind und vom Alter abhängen. Für die Männer waren leistungsbezogene Motiv-Items wie „sportliche Ziele verfolgen“, „sich mit anderen messen“, „sportliches Können verbessern“ und „körperliche Anstrengung“ von viel grösserer Bedeutung als für die Frauen. Ebenfalls waren die Motive „Nervenkitzel“ und „Spannendes erleben“ wichtiger für das männliche Geschlecht. Gabler stellte altersspezifische Unterschiede bezüglich einzelner Motive fest: Die leistungsbezogenen Motive (z. B. „sportliche Ziele“, „sportliches Können verbessern“) und der Motivkomplex „Spannung und Nervenkitzel“ schienen mit zunehmenden Alter an Bedeutung zu verlieren. Ebenso trieben Menschen mit zunehmenden Alter Sport aus „Freude an der Bewegung“, „um sich wohl zu fühlen“ und „aus gesundheitlichen Gründen“. Deshalb überraschte es auch nicht, dass das Motiv „jung bleiben“ mit zunehmenden Alter wichtiger wurde (Gabler, 2002, S. 20-21). Interessant war auch, dass die 15 bis 18-jährigen und die über 65-jährigen höhere Werte hinsichtlich des Motivskomplex „soziale Kontakte“ aufwiesen als die Altersgruppe zwischen dem 19. bis 64. Lebensjahr.

Dass das Motiv „Nervenkitzel“ (Risiko, Abenteuer, Spannung) am Ende der Rangliste aufgeführt ist, klärt die Tatsache, dass Gabler 800 Breitensportler und nicht Risikosportler untersuchte. Dieses Motiv, welches laut den Definitionen von Kapitel 2 für die Risikosportler bedeutend ist, kann zusammen mit Gabler’s Motiv „Spannendes erleben“ unter dem Begriff „Sensation Seeking-Motiv“ zusammengefasst werden. Dieses ist Teil der vorliegenden empirischen Arbeit (vgl. Kapitel 8).

Das nachfolgende Kapitel befasst sich mit unterschiedlichen psychologischen Erklärungsansätzen für das Betreiben von Risikosport.

4 Motive im Risikosport - eine Übersicht der Erklärungs- ansätze

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze auf die Frage, weshalb sich Menschen frei- willig lebensbedrohenden Gefahren im Risikosport aussetzen. Je nach Forschungs- disziplin und Perspektive werden dabei andere Ansätze in den Vordergrund gestellt. Es gibt nicht die psychologische Erklärung für die Partizipation am Risikosport. Vielmehr gibt es nebeneinander bestehende Ansätze, die sich zum Teil über- schneiden oder ergänzen. Der gemeinsame Nenner der meisten Ansätze ist, dass die Motive für Risikosport vor allem aus der Suche nach Emotionen, besonderen Zu- ständen, Erlebnissen, Reizen und Grenzen gründen (Allmer, 1995, S. 60-89).

In diesem Kapitel werden verschiedene Erklärungsansätze der aktuellen Literatur dargestellt. Sie beruhen auf verschiedenen Modellen aus der Verhaltensbiologie, der Verhaltenspsychologie, der Psychoanalytik, sind verhaltensorientiert oder nach der Zeitgeschichte begründet. Die verschiedenen Ansätze werden nicht vertieft be- handelt, ausgenommen das Sensation Seeking-Konzept von Zuckerman (2007). Detailliert beschrieben wird es anschliessend in Kapitel 5, da dieses die Kerntheorie der vorliegenden Arbeit bildet.

4.1 Risiko- und Extremsport als Reizsuche - die Revisionstheorie nach Apter

Für die Autoren Apter (1992) und Zuckerman (2007) ist das Eingehen von Risiken mit dem Erfahren von gewissen Reizen verbunden. Beide postulieren, dass die Suche nach dem Reiz in Form von Risiken ein Persönlichkeitsmerkmal ist. Dabei versucht Apter seine Aussagen mit der Revisionstheorie zu belegen, während Zuckerman seine Hypothesen mithilfe seiner Sensation Seeking Scale empirisch zu belegen versucht (vgl. Kapitel 5).

Apter (1992) geht in seinem Buch „Im Rausch der Gefahr“ der Frage nach, weshalb immer mehr Menschen den Nervenkitzel suchen.

Er geht davon aus, dass das Aufsuchen oder die Meidung riskanter Situationen persönlichkeitstypisch ist. Nebst diesen beiden Extremen gibt es einen individuell geprägten Wechsel zwischen der Suche nach starker Erregung (z. B. Nervenkitzel) und der Vermeidung von Erregung (z. B. Angst). Je nach Stimmung strebt der Mensch nach Erregung oder Vermeidung. „Einige Menschen zeigen die Tendenz, über längere Zeit im Zustand der Suche oder der Vermeidung von Erregung zu bleiben, bevor sie wechseln, während andere schon nach kurzer Zeit vom einen zum anderen Bedürfnis übergehen“ (Apter, 1992, S. 101).

Apter (1992) schreibt, dass die verschiedenen Ausprägungen der Suche nach Er- regung oder Vermeidung angeboren sind und auf einer biologischen Basis beruhen.

Dieses Verhalten kann durch Lernen sowie durch entscheidende Erfahrungen ver- stärkt oder gedämpft werden (S. 110). Die Suche nach Erregung ist nicht nur das Ergebnis vom Reizsuche-Bedürfnis, sondern kann gesteuert werden. Der Mensch kann sich beispielsweise Rahmenbedingungen schaffen, in denen er sich sicher fühlt und so die Erregung in seinem Tun als Nervenkitzel und nicht als Angst wahrnimmt. Apter bezeichnet diesen sicheren Rahmen als „schützenden Rahmen“, der absolut notwendig ist, um eine Erregung positiv (als Nervenkitzel) zu erleben. Ein schützender Rahmen können Freunde sein, die in einer gefährlichen Situation auf- passen und im Notfall helfen können, z. B. eine Seilschaft beim Bergsteigen. Ohne diese Seilschaft, des gegenseitigen Absicherns würden die meisten Bergsteiger wohl Angst empfinden anstatt Nervenkitzel und deshalb eine solche Situation vermeiden. Weitere Vermittler für einen schützenden Rahmen können auch bestimmte Situationen, Orte, technische Unterstützung oder die eigene Zuversicht sein.

Für Apter (1992) spielt sich jede Aktivität im Leben innerhalb von drei Zonen ab (vgl. Abb. 1): in der Sicherheitszone, der Gefahrenzone und in der Traumazone. Zwischen der Gefahren- und Traumazone liegt der gefährliche Grat, der bei einer Über- schreitung unweigerlich ins Trauma führt. Die Gefahrenzone ist beispielsweise ein glatter Abhang, auf dem man in einem unglücklichen oder unachtsamen Moment ausrutschen und so über diesen gefährlichen Grat ins Trauma (z. B. eine schwere Verletzung oder Tod) fallen könnte. Die Gefahrenzone stellt eine Art Grauzone zwischen dem Bereich der Sicherheit und dem „Gelände“ des Traumas dar. In der Sicherheitszone wird dieser gefährliche Grat als genug weit entfernt erlebt, was be- deutet, dass sich der Mensch keine Sorgen machen muss. Ausschlaggebend ist jedoch die Entfernung zum gefährlichen Grat, respektive ob man sich in der Sicherheits- oder Gefahrenzone befindet. Diese Entfernung zum gefährlichen Grat wird subjektiv erlebt und ist demzufolge für jedes Individuum verschieden. „In der Sicherheitszone besteht also nach subjektiver Wahrnehmung keine unmittelbare Wahrscheinlichkeit eines Traumas, während diese Möglichkeit in der Gefahrenzone existiert und nach subjektiver Einschätzung wächst, je näher man dem gefährlichen Grat kommt“ (Apter, 1992, S. 43). Jemand, der sich in der Gefahrenzone befindet, ist sich eines möglichen Traumas bewusst. Ob man jetzt in einer Situation die Auf- regung sucht oder die Angst vermeiden will, hängt davon ab, ob dieser den schützenden Rahmen spürt oder nicht.

Abb. 1: Das Drei-Zonen-Modell nach Apter (1992, S. 42)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Apter erkennt, „dass Menschen im Zustand der Suche nach Erregung auf Heraus- forderungen aus sind, weil sie durch den Versuch, diese zu überwinden, erregter werden“ (1992, S. 130). Auf den Sport bezogen bedeutet dies, dass Risikosportler, die sich freiwillig in Gefahr begeben, sich innerhalb eines schützenden Rahmens in der Gefahrenzone bewegen bzw. sich möglichst nahe an diesen gefährlichen Grat herantasten. Die neu gewonnene Sicherheit, die Erfahrungen und Fähigkeiten, welche durch die erfolgreich überstandene Risikosituation entstehen, lassen den Sportler den gefährlichen Grat weiter hinausschieben. Durch das Herstellen eines optimalen schützenden Rahmens mithilfe Hightechausrüstung, erfahrener Team- kollegen, Notfallpläne usw., aber auch durch die eigenen Fähigkeiten ist es möglich, das Risiko auf ein Minimum zu reduzieren und die starke Erregung während der Aktivität als Nervenkitzel wahrzunehmen.

4.2 Risiko- und Extremsport als Angstüberwindung

4.2.1 Angstlust nach Balint

Balint (1959) zeigt das Risikoverhalten anhand eines Jahrmarkts auf. Um beispielsweise die Achterbahn als Vergnügen zu erleben, muss das Individuum eine Angst überwinden und die gewohnte Sicherheit, standfest auf dem Boden zu stehen, kurz aufgeben. Balint erkennt bei allen Vergnügungen und Lustbarkeiten dieser Art drei charakteristische Haltungen:

- einen Beitrag an bewusster Angst oder das Bewusstsein einer wirklichen, äusseren Gefahr
- den Umstand, dass man sich willentlich und absichtlich dieser äusseren Gefahr und der durch sie ausgelösten Furcht aussetzt
- die Hoffnung und Zuversicht, die Furcht werde durchgestanden und beherrscht werden können, die Gefahr werde vorübergehen und das Vertrauen, dass man bald wieder unverletzt zur sicheren Geborgenheit zurückkehren darf. (Balint, 1959, S. 20)

Diese Mischung aus Furcht, Wonne und zuversichtlicher Hoffnung angesichts einer äusseren Gefahr ist das Grundelement der Angstlust und wird von Balint als thrill be- zeichnet.

Er hält fest, dass Menschen auf diese thrill-Situationen unterschiedlich reagieren. Während die einen Vergnügen darin finden, eine Sicherheit aufzugeben und Situationen mit Nervenkitzel und Abenteuer gezielt zu suchen und zu geniessen, sperren sich andere, die Sicherheitszone zu verlassen und reagieren mit Unbehagen und Angst auf gefahrvolle Situationen. Balint führt für diese zwei Persönlichkeiten die Begriffe des risikofreudigen „Philobaten“ und des risikoscheueren „Oknophilen“ ein:

Der Philobat ist ein Mensch, der sich thrill-Situationen freiwillig stellt und diese geniesst. Er ist jedoch kein kühner Draufgänger, der leichtfertig die Gefahr sucht. Die philobatische Welt besteht viel mehr „aus freundlichen Weiten“, die mehr oder weniger dicht mit gefährlichen und unvorhersehbaren Objekten durchsetzt sind. (Balint, 1959, S. 30)

Der Philobat setzt sich mit auftauchenden Gefahrenquellen aktiv auseinander und versucht mit aussengerichteter Aufmerksamkeit, Gefahren auf ein Minimum zu reduzieren. Mit der Zuversicht, die Gefahren meistern zu können und der Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang der Gefahrensituation demonstriert der Philobat seine Objektunabhängigkeit bzw. seine Furchtlosigkeit.

Demgegenüber begegnet der oknophile Mensch thirll-Situationen mit Unwohlsein und/ oder Angst und sucht in solchen Situationen Objekte, an die er sich klammern kann. Der Oknophile versucht so nahe wie möglich an sein Objekt heranzukommen, niederzukauern oder sich zu setzen, auf allen Vieren zu gehen, sich anzulehnen oder den ganzen Körper an das schutzgebende Objekt zu pressen. Gleichzeitig dreht er sein Gesicht weg und schliesst sogar die Augen, um die Gefahr nicht zu sehen. (Balint, 1959, S. 32)

Die oknophile Welt besteht aus Objekten, an denen er sich klammern kann und zwischen denen „furchterregende Leerräume“ bestehen, in welchen er sich nicht länger als nötig aufhält. Die Angst wird nicht von den Objekten selbst ausgelöst, sondern von der Tatsache, die Objekte in einer Gefahrensituation verlassen zu müssen (Objektklammerung als Ausdruck von Verlustangst).

Balint (1959) betont jedoch, dass die beiden unterschiedlichen Charakteren nicht gegensätzlich sind und in der Realität kaum als reine Formen bestehen. Vielmehr sind es „verschiedenartige Mischungen der beiden … Objektbeziehungen“ (S. 74). Nach Balint haben die beiden Haltungen eine gemeinsame Wurzel: Sie lassen sich zurückführen auf das Trauma des Verlusts der frühen Mutter-Kind-Einheit sowie auf die schmerzliche Erfahrung des Existierens der Mutter als ein vom Kind getrenntes Objekt.

4.2.2 Die Lust an der Angst - Erklärungsansatz nach Semler

Einen ähnlichen Erklärungsansatz wie Balint liefert Semler (1994) in seinem autobiografischen Buch „Die Lust an der Angst“. Sein Erklärungsansatz ist verhaltensorientiert und nicht psychoanalytisch.

Nach Semler sind Risikosucher nicht Menschen, die keine Angst haben oder todes- sehnsüchtig sind, sondern Persönlichkeiten, die sich der Gefährlichkeit ihrer Aktivi- täten durchaus bewusst sind und sich mit der Angst auseinandersetzen. Dadurch lernen die Risikosucher vernünftig auf die Angst zu reagieren (anstatt in Panik zu geraten) und diese zu kontrollieren. Sie bleiben im Angesicht der Angst handlungs- fähig.

Risikoverhalten ist nach Semler (1994, S. 159) „ein hervorragendes Mittel gegen die Angst vor der Angst. Durch den Erwerb von Fähigkeiten, die ein Kontrollieren der Gefahr ermöglichen, verliert die Angst ihren Schrecken. Als Risikosucher lebt man besser mit ihr, weil man gelernt hat, mit ihr umzugehen“.

Der Risikosucher lernt die negativen Konsequenzen der Angst zu beherrschen, in kritischen Situationen einen klaren Kopf zu behalten, gefährliche Situationen im Ver- trauen auf die eigenen Kompetenzen zu überstehen und wird so in seinem Verhalten gestärkt. Durch das Aufgeben der Sicherheit zugunsten der Unsicherheit bietet sich dem Risikosucher die Möglichkeit, die eigenen Grenzen auszuloten oder sogar die Grenze nach Aussen zu verschieben. Neben dem Zugewinn an Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Handlungsfähigkeit in Risikosituationen, kommt eine weitere Komponente des Risikoverhaltens hinzu: die intensiven Freude- und Glücks- gefühle, die während der Risikoaktivität erlebt werden. Semler nimmt dazu ausdrück- lich Bezug auf das „Flow-Konzept“ von Csikszentmihalyi (1992), das in Kapitel 4.4 ausführlicher behandelt wird.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen scheuen sich Risikosucher nicht, Veränderungen auf sich zu nehmen, ihr Selbstbild in Frage zu stellen, sich Angst einzugestehen, auch gegenüber anderen und leisten so darüber hinaus einen positiven Beitrag für ihre persönliche Entwicklung. Durch das Verlassen des sicher- heitsgebenden Gewohnten und das Austesten der eigenen Grenzen können un- bekannte Erfahrungsräume erschlossen und Entwicklungschancen eröffnet werden. Dem gegenüber fehlt vielen Nicht-Risikosucher diese „Aufbruchstimmung“. Sie halten an das Vertraute fest, bewegen sich auf sicherem Boden und vermeiden neue Erfahrungen.

Semler stellt auch fest, dass wenn Risikosucher aus ihren ersten Kontakten mit der Gefahr den gewünschten Nutzen ziehen konnten, sie sich ihr immer wieder aus- setzen. „Diese Tendenz mag noch verstärken, dass bei praktisch allen Risikoaktivi- täten eine Steigerung des Risikos und damit auch ein Wachsen an den gesteigerten Anforderungen möglich ist“ (Semler, 1994, S. 107). Sich einer Aufgabe, die den eigenen Möglichkeiten angemessen ist, stellen, an der Herausforderung wachsen und die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten weiterentwickeln, sind laut Semler die eigentlichen Ziele. „Was sie wirklich suchen, ist die Herausforderung - und das Erleben, das mit ihr verbunden ist“ (Semler, 1994, S. 111).

4.3 Risiko- und Extremsport als Grenzsuche

4.3.1 Die Lust am Risiko - die Ordaltheorie von Le Breton

Le Breton (1995) betrachtet in seiner Ordaltheorie2 Risikosport, Extremsport und Grenzgängertum als sportliche Mutprobe, die es unter existenzieller Gefährdung zu überstehen gilt. In seinen riskanten Tätigkeiten wirft der Sportler quasi sein Leben in eine Waagschale, die über Leben oder Tod entscheidet. Das Ordal ist dabei so ge- staltet, dass eine Chance auf einen glücklichen Ausgang besteht. Le Breton be- zeichnet den Risikosport als existenzielle Grenzsuche, die durch die Todesnähe charakterisiert ist: „Die Suche nach der Grenze ist ein Spiel ohne Grenzen. Die Grenze herauszufordern, ist eine Weise, sich dem Tod zu nähern“ (1995, S. 16). Dadurch, dass sich der Sportler dem Tod stellt, wird der Tod selbst gestellt und die Grenzen seiner Macht aufgezeigt. Der Herausforderer wird durch die erfolgreich be- standene Prüfung in seinem Identitätsgefühl gestärkt: „Der Erfolg des Versuchs er- zeugt Begeisterung, schickt einen Hauch Sinn durch die eigene Existenz, der symbolkräftig genug ist, um sie zumindest zeitweilig aufzufrischen. Die Grenze ist indes nie endgültig, hinter ihr lockt immer noch eine andere“ (Le Breton, 1995, S. 16).

Le Breton (1995, S. 19) unterscheidet vier Hauptfiguren des Risikoverhaltens, die als Charakteristika von Risikosportarten gedeutet werden können:

Vertigo: Leitet sich aus der Caillois’schen (1982) Spielkategorien des „Inlinx“ (Schwindel) und „Agon“ (Wettbewerb) ab. Vertigo drückt das Erleben von Schwindel und Taumel aus. Sie entstehen durch die Auseinandersetzung mit den Umweltkräften. Dazu Le Breton (1995, S. 20):

Es äussert sich darin eine spielerische Einstellung zur Welt, die in der Lust gipfelt, dass man teils oder ganz auf eigenes Zutun verzichtet, um zum Spiel der Umweltkräfte zu werden. Es geht darum, die Anhalts- punkte zu verwischen, jene Koordinaten zeitweilig durcheinanderzu- bringen, die im Alltag die Kontrolle der eigenen Existenz innerhalb einer nach genauen Regeln funktionierenden sozialen und kulturellen Umwelt gestatten. Der Akteur gibt sich dem Rausch der Sinne hin.

Konfrontation: Bezeichnet nicht nur den Wettbewerb mit anderen, sondern vor allem die Auseinandersetzung mit sich selbst, die sich aus dem „Sichausschöpfen“ ergibt.

Die umarmende Nähe des Todes geht auf im verzehrenden Nahkampf mit einer alle Sinne bindenden, erfolgreich abzuschliessenden Aufgabe, und zwar nicht des Geldes oder der Geltung wegen, wenn auch beides hinzukommen kann, sondern wegen des Lebensgefühls, um sich selbst zu beweisen, „wozu man fähig ist“, um das Identitätsgefühl zu stärken, das konsistenterer Ortsbestimmungen bedarf. (Le Breton, 1995, S. 25)

Entkörperung: Ist nur bedingt auf riskante sportliche Aktivitäten interpretierbar. Sie kann erfahren werden im Rahmen einer Ersatzsuche nach realen Erlebnissen in Video- und Cyberräumen (Le Breton, 1995, S. 30).

Ü berleben: Hier wird der vorübergehende Ausstieg aus der Überflussgesellschaft geübt. Durch die asketische Lebensweise kann der Sportler Selbsterfahrung erleben. Le Breton (1995, S. 32) schreibt dazu:

Überleben beruht auf der Vorstellung eines totalen Zusammenbruchs gesellschaftlichen Lebens nach irgendeiner Katastrophe. Das Individuum oder eine kleine Gruppe sieht sich allein der Gewalt der Elemente gegenüber. Die Idee des Individualismus findet sich hier aufs Höchste gesteigert. Der soziale Kontext wird auf ein Häuflein entschlossener und im Überlebenskampf fest zusammenstehender Gefährten reduziert. Das Ursprüngliche des Überlebens schlägt unsere Überflussgesellschaften in seinen Bann.

Dabei sind diese vier Hauptfiguren keine in sich geschlossenen Figuren, sondern sie können in einer Handlung gleichzeitig auftreten. Es handelt sich viel mehr um vier Sensibilitätsachsen, die sich im bestimmten Fall auch häufig überschneiden können. Die Ordaltheorie führt also die Entstehung des Risikosports auf die gesellschaftlichen Bedingungen der Moderne zurück.

4.3.2 Allmer: die Suche nach persönlichen Leistungs- und Risiko- grenzen

Nach Allmer (1998) gibt es in Risikoaktivitäten weder lückenlose Informationen über die gegebenen und die künftigen Situationsbedingungen noch den Ausschluss des Risikos des Misslingens der Aktion. Es bleibt daher ungewiss, wie eine Handlung ausgeht, ob eine Handlung kontrollierbar ist und diese sich tatsächlich durch die eigenen Fähigkeiten meistern lässt. Demnach ist Risikosport bzw. die Suche nach Grenzen immer ein „Austesten der persönlichen Leistungsgrenzen“ und ein „Austesten der persönlichen Risikogrenze“ (vgl. Abb. 2).

Abb. 2: Motivkomplex der Grenzsuche (Allmer, 1998, S. 77)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Allmer (1998, S.74) kommt in seiner Studie, in welcher er über 100 Risikosportler interviewte, zum Schluss, dass es drei typische Anreize für die Grenzsuche gibt:

- Ü berwindung der menschlichen Unvollkommenheit: Mittels Hilfsmittel versucht der Sportler die grundlegenden menschlichen Begrenzungen zu überwinden, z. B. wie ein Vogel fliegen oder sich mit hoher Geschwindigkeit fortbewegen zu können.
- Kampf gegen die Naturgewalten: Der Sportler will diese Gewalten bezwingen und Macht über sie erlangen. Der Anreiz besteht nicht unbedingt im Kampf gegen, sondern im Erfahren und vor allem im Bestehen vor den Naturgewalten.
- Kampf gegen sich selbst: Dieser Anreiz bezieht sich auf individuelle Schwächen und Unzulänglichkeiten. Diese Schwächen sollen überwunden und der Beweis erbracht werden, dass körperliche Schmerzen, Strapazen und Entbehrungen er- tragen werden können und die Angst bzw. der „innere Schweinehund“ besiegt werden kann.

Suche nach den persönlichen Leistungsgrenzen

Die zwei Komponenten, die zur Suche nach Leistungsgrenzen führen, sind:

[...]


1 Gabler ist Professor am Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen. Er entwickelte einen in der Sportwissenschaft viel verwendeten Fragebogen zur Erhebung der Motive für das Sporttreiben. Dieser Fragebogen ist ein Bestandteil der empirischen Untersuchung der vorliegenden Arbeit (vgl. Kapitel 9).

2 Das Ordal oder Gottesurteil ist eine Entscheidung in einem Rechtsstreit, die durch ein übernatür- liches Zeichen herbeigeführt wird. Dem Ordal liegt die Vorstellung zugrunde, dass ein übernatürliches Wesen (Gott) in einen Rechtsstreit zugunsten eines Unschuldigen durch ein Wunder eingreift. Diese Praktik zur Rechtsfindung wurde insbesondere im europäischen Frühmittelalter angewendet.

Details

Seiten
103
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640499496
ISBN (Buch)
9783640499625
Dateigröße
4.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v140607
Institution / Hochschule
Universität Bern – Institut für Sportwissenschaft
Note
2
Schlagworte
Motive Risikowahrnehmung Risikosport Eine Analyse Risikosportarten

Autor

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Titel: Motive und Risikowahrnehmung im Risikosport. Eine Analyse von fünf Risikosportarten