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Zivilgesellschaft in Russland?

Freundschaft und gegenseitige Hilfe: soziales Kapital durch 'blat'?

Wissenschaftlicher Aufsatz 2009 7 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

ZIVILGESELLSCHAFT IN RUSSLAND?

FREUNDSCHAFT UND GEGENSEITIGE HILFE: SOZIALES KAPITAL DURCH BLAT?

Markus Huth *

Die nach dem Zerfall der Sowjetunion auf Russland gerichteten Hoffnungen bezüglich einer gesellschaftlichen Demokratisierung und Liberalisierung sind heute weitgehend enttäuscht. Der Regierungswechsel von Präsident Putin zu Präsident Medvedev im März 2008 erfolgte im Zuge undurchsichtiger Absprachen hinter den Mauern des Kremls. Die seit der Präsidentschaftswahl 1996 zur medialen Farce verkommenen Wahlen hatten auf das Ergebnis keinen Einfluss. Am freiesten und demokratischsten war Russland, darüber sind sich Politikwissenschaftler und Osteuropaforscher weitgehend einig, während der späten Perestroika. Zwar gelang im staatlichen Konsolidierungsprozess der Russischen Föderation die Einführung einer kapitalistischen Marktwirtschaft und die formale Etablierung demokratischer Institutionen sowie einer rechtsstaatlichen Verfassung. Aber je stabiler die politischen Verhältnisse wurden und umso mehr der Lebensstandard der Bevölkerung zunahm, desto zentralistischer und autoritärer wurde die Herrschaft des präsidialen Regimes, das unter Putin auf die Formel der „gelenkten Demokratie“ gebracht wurde. Paradoxerweise war Russland somit gerade dann am demokratischsten, als es den Menschen am schlechtesten ging.

Im internationalen Vergleich ist diese Entwicklung keineswegs ein Sonderfall. Von den etwa hundert Staaten der „Dritten Welle“, dem von Samuel P. Huntington beschriebenen Siegeszug der Demokratie,[1][2]sind lediglich zwanzig, wie bspw. die heute zur Europäischen Union gehörigen postsozialistischen Staaten, Chile, Taiwan oder Süd Korea, auf dem Wege zu konsolidierten demokratischen Ordnungen. Der Rest bleibe, so Thomas Carothers, in einer Grauzone zwischen Diktatur und Demokratie gefangen. Gerade am Beispiel Russlands zeigt sich, dass Marktwirtschaft und formale demokratische Institutionen keine Garanten einer freiheitlichen Gesellschaft sind. Der von Jürgen Habermas vertretene Ansatz, dass es hierfür vornehmlich auf die Festschreibung demokratischer Spielregeln in der Verfassung ankäme, ist angesichts des empirischen Befunds problematisch. Mindestens genauso wichtig sind zweifellos die gemeinschaftlichen Lebenserfahrungen der Bürger, die in ihrer Summe gleichsam als kollektive Identität die Einstellung zu Staat und Gesellschaft prägen und einer freiheitlichen Demokratie förderlich oder hinderlich sein können.

Nach diesen allgemeinen Überlegungen soll im Folgenden ein soziales Phänomen beleuchtet werden, das in der politischen Diskussion um Russland bisher wenig Beachtung fand, aber nichtsdestotrotz große Erklärungskraft birgt. Denn blat (dt. Vetternwirtschaft o. „Vitamin B“) war essentieller Bestandteil sowjetischer Lebenserfahrung und trug, wie unten im Detail zu zeigen ist, ebenso zu der großen Kluft zwischen privater und öffentlicher Sphäre bei, wie es deren Ausdruck war. Da hierbei nicht-staatliche soziale Netzwerke ins Blickfeld rücken, die sich zudem mit öffentlichen Belangen befassen konnten, ist nach der Verbindung zwischen blat und der Zivilgesellschaft, bzw. dem sozialen Kapital, zu fragen und damit nach möglichen sozialen Voraussetzungen für die demokratische Entwicklung der russischen Gesellschaft.

Anfang der 1990er Jahre erlebte der Begriff des sozialen Kapitals ein Revival und gilt seitdem, im Sinne einer demokratischen Sozialisierungsfunktion für die Gesellschaft, als Teil des Zivilgesellschaftskonzepts.[3][4]Prominentester Vertreter dieser Theorie ist der amerikanische Soziologe Robert Putnam, der folgende Definition aufstellte:

Im Gegensatz zum physischen und humanen Kapital - Werkzeuge und Training, welche die individuelle Produktivität erweitern - bezieht sich „soziales Kapital“ auf Merkmale der sozialen Organisation, wie Netzwerke, Normen und soziales Vertrauen, welche die Koordination und Kooperation zum gegenseitigen Nutzen fördern.[5]

Putnam meinte mit der „sozialen Organisation“ nach Alexis de Tocqueville ein staatsunabhängiges, nicht-hierarchisches Vereinswesen (u.a. Musik-, Sport oder Hobbyvereine), welches in der Sowjetunion allerdings nicht existierte. Hinsichtlich des Ziels der Putnamschen Definition, nämlich der Generierung sozialen Vertrauens „in Koordination und Kooperation zum gegenseitigen Nutzen“, sollte dennoch die Frage nach der „Produktion“ sozialen Kapitals in nicht-staatlichen sozialen Netzwerken in der UdSSR gestellt werden. Man stößt nämlich heute im Gespräch mit Zeitzeugen vielerorts auf die Meinung, dass Freundschaft und gegenseitige Hilfe tragende Säulen der sowjetischen Gesellschaft gewesen wären.

Die russische Soziologin Anna Ledeneva hat sich in einer Pionierarbeit eingehend mit einer besonderen Form der sowjetischen Freund- und Hilfsbereitschaft beschäftigt und verband diese mit dem russischen, eher negativ behafteten Terminus blat.[6]Zwar ist eine direkte Übersetzung ins Deutsche schwierig, doch kommen ihm Vetternwirtschaft oder Vitamin B recht nahe. Ein von Ledeneva befragter Beamter aus Moskau gab folgendes Beispiel:

Wenn du einen Bekannten hattest, der im Laden arbeitete, konntest du schwer erhältliche Produkte kaufen. Du hast zwar den gleichen Preis bezahlt, aber durch deinen Bekannten wusstest du, wann du zu kommen hast, konntest mehr kaufen oder brauchtest nicht einmal anzustehen.[7]

Im Kern meint blat - ähnlich wie die Korruption, allerdings ohne den Einsatz von Geld - die Ausnutzung öffentlicher Positionen für private Zwecke. Die häufigste Anwendung fand sich in der Beschaffung von Konsumgütern, doch beschränkte sich der Terminus nicht nur darauf. So spielte blat eine Rolle für die Regelung durchaus öffentlicher Belange, wie etwa der Erlangung eines Arbeitsverhältnisses, der Kindererziehung (z.B. einen Platz an der gewünschten Schule oder Universität), der Absolvierung des Militärdienstes (z.B. einen Dienstort in der Nähe des Heimatorts) oder bei der Nutzung staatlicher Vergnügungs- und Erholungseinrichtungen (z.B. durch einen Bekannten an der Theaterkasse oder im Schwimmbad). Zusammenfassend schlug Ledeneva folgende Definition vor:

Blat war ein Austausch von „Zugangsgefälligkeiten“ [favours of access] unter den Bedingungen des Mangels und einem staatlichen System der Privilegien. Eine „Zugangsgefälligkeit“ erfolgte auf öffentliche Kosten.

[...]


[1]Huntington (1991): The Third Wave. Democratization in the late Twentieth Century, London.

[2]Carothers (2002): The End of the Transition Paradigm, in: Journal of Democracy, Bd. 13, Nr. 1.

[3] Habermas (1992): Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt a. M.

[4]Zivilgesellschaft wird im folgenden nach Welzel (1999) als „Formen freiwilligen, gewaltlosen, öffentlichen - mithin zivilen - Bürgerengagements [verstanden,] die in der Sphäre zwischen Privatheit und Staat stattfinden." WELZEL (1999): Humanentwicklung und der Phasenwechsler der Zivilgesellschaft. Ziviles Engagement in 50 Nationen, in: H.-J. Lauth/U. Liebert (Hrsg.), Im Schatten politischer Legitimität. Informelle Institutionen und politische Partizipation im interkulturellen Demokratievergleich, Opladen, S. 210.

[5]Putnam (1995): Bowling Alone: America's Declining Social Capital., in: Journal of Democracy, Bd. 6, Nr. 1, S. 67. Bis dahin war der Terminus vornehmlich durch den französischen Soziologen Piere Bourdieu geprägt worden. Dort bezog sich soziales Kapital allerdings auf die Fähigkeiten eines Individuums, dauerhafte Gruppenzugehörigkeiten zum eigenen Vorteil zu erzeugen. Anders als bei Putnam ergibt sich keine kollektive und soziales Vertrauen schaffende Perspektive, sondern betont im Gegenteil den individuellen und elitären Charakter. Vgl. Bourdieu (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: R. Kreckel (Hrsg.), Soziale Ungleichheiten, Sonderband 2 der Sozialen Welt, Göttingen, S. 190.

[6]Sie führte dazu Interviews mit über fünfzig ehemaligen Sowjetbürgern mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen durch. Außerdem wies sie den populären Gebrauch des Begriffs seit den 30er Jahren über die satirische Zeitschrift Krokodil nach. Vgl. Ledeneva (1998): Russia's Economy of Favours. Blat, Networking and Informal Exchange, Cambridge, S. 1.

[7]Im Engl. zit. bei Ibid., S. 28.

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