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Die strukturalistische Märchenanalyse nach Vladimir Propp- "Kinder- und Hausmärchen" im Vergleich

Seminararbeit 2003 14 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Märchen und deren Erforschung

2. Der strukturalistische Ansatz von Vladimir Propp
2.1 Darstellung
2.2 Sämtliche Funktionen der handelnden Personen

3. Zwei Märchen der Gebrüder Grimm im Vergleich
3.1 Kurze Zusammenfassung der Inhalte
3.1.1 Hänsel und Gretel
3.1.2 Das Waldhaus
3.2 Vergleich der Märchenstrukturen

4 Weiterführende Überlegungen zum Ansatz Propps – Schlußbetrachtung

Verzeichnis der verwendeten Literatur

1. Einleitung – Märchen und deren Erforschung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der literarischen Gattung Märchen.

Zunächst soll diese Gattung anhand ihres Ursprungs, ihres Verständnisses und ihrer Theorien kurz erläutert werden. Dies geschieht zur Einführung in die Thematik. Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt allerdings auf Vladimir Propp, genauer: auf dessen Ansatz zur strukturalistischen Märchenforschung. In diesem Teil geht es um Inhalte seines Ansatzes und um ursprüngliche Anwendungsgebiete. Daraufhin soll diese Form der Analyse auf ihre generelle Anwendbarkeit geprüft werden. Zu diesem Zweck werden zwei Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm anhand der strukturalistischen Merkmale analysiert und miteinander verglichen. Abschließend werden noch weitere Forschungsansätze zur Analyse von Märchen vorgestellt.

Märchen gehören, ebenso wie Fabeln und Novellen, zu den phantastischen Erzählungen in kurzer Form. Die märchenhafte Erzählung beinhaltet bedeutungsvolle Augenblicke, in denen unendliche Zusammenhänge der alltäglichen Welt offenbart werden. Märchen sind im Volk entstanden, frei erfunden und mündlich überliefert. Sie zeigen keinerlei räumliche oder zeitliche Festlegung. Die in ihnen beschriebenen Begebenheiten und Gestalten sind phantastisch in dem Sinne, daß sie im Widerspruch zu natürlichen Gegebenheiten stehen.

Die auffälligsten Eigenschaften von Kunst- und Volksmärchen sind das Vorhandensein von Helden und widersprüchlichen Charakteren: die einen sind gut und schön, die Gegner böse und häßlich. Häufig beinhalten diese Märchen Lehren oder Lebensweisheiten und sie sind grausam, da Elemente wie Mord, Raub, Entführung (um nur einige zu nennen) stets vorkommen.

Historisch einordnen lassen sich Märchen in die Epoche der Romantik (1795-1830), deren bedeutsamste Märchensammlung ( die „Kinder- und Hausmärchen“) durch die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm aufgezeichnet wurde. Angeregt wurden sie dazu u.a. von Achim von Arnim und Clemens Brentano, die die Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ zusammenstellten. Ursprünglich wurden Märchen als Unterhaltungsmittel an Adelshöfen eingesetzt, heutzutage werden sie vorwiegend Kindern als ‚Gute-Nacht-Geschichten’ erzählt.

Die wissenschaftliche Erforschung von Märchen verläuft in unterschiedliche Richtungen. Die Gebrüder Grimm bemühten sich intensiv um eine entstehungsgeschichtliche Darstellung der Märchen, die auf Heldensagen und Mythen basiert. Auch tiefenpsychologische Untersuchungen gab es, beispielsweise von Carl Gustav Jung, der versuchte, auf diese Art und Weise Einblicke in die menschliche Gefühlswelt zu erlangen. André Jolles beschäftigte sich mit Formen und Stil von Märchen und anderen Erscheinungsformen phantastischer Erzählungen.[1] Die Erscheinungsformen von Märchen waren Gegenstand der Arbeit von Max Lüthi.[2] Die strukturalistische Analyse von Vladimir Propp, um die es im folgenden gehen soll, beschäftigt sich mit morphologischen Kriterien innerhalb einer geschlossenen Märchenstruktur.

2. Der strukturalistische Ansatz von Vladimir Propp

2.1 Darstellung

Der russische Märchenforscher Vladimir Propp beschreitet in seinem Werk „Morphologie des Märchens“, welches 1969 in russischer Sprache erschienen ist (hier aber in deutscher Sprache aus dem Jahr 1972 vorliegt) und seine 1928 entstandene Studie zur Märchenforschung enthält, einen neuen, eigenen Weg zur Erforschung von Märchen.[3] Er wählt einen Ansatz, der sich von anderen Forschungsmethoden insofern abgrenzt als er sich mit strukturellen Gesetzmäßigkeiten innerhalb von Märchen beschäftigt. Propp bemängelt an vorangegangenen Ansätzen hauptsächlich die äußere Betrachtungsweise:

„Obwohl jeder Forschung eine bestimmte Klassifizierung zugrunde liegt, muß diese selbst doch das Ergebnis gewisser Vorarbeiten sein. Bisher können wir aber gerade das Gegenteil beobachten. Die Mehrzahl der Forscher beginnt mit der Klassifizierung. Sie übertragen ihr System von außen auf die betreffenden Märchen, anstatt den umgekehrten Weg zu gehen. Wie wir noch feststellen werden, verstoßen sie dabei außerdem häufig gegen die elementarsten Unterscheidungsregeln.“[4]

Eine Klassifizierung nimmt Propp erst nach der Analyse von Strukturmerkmalen vor, erst dann kann man mit Sicherheit feststellen, um welche Form des Märchens es sich handelt.[5]

Wichtigste Aufgabe so scheint es, ist eine Art revolutionärer Neuerungen innerhalb des Forschungsbereiches. Propp formuliert es wie folgt: „Die Erforschung der Struktur sämtlicher Märchenarten ist die wichtigste Voraussetzung für eine historische Erforschung des Märchens und die Analyse formaler Gesetzmäßigkeiten eine Voraussetzung für die Erforschung historischer Gesetzmäßigkeiten.“[6] Als Grundlage für seine Untersuchungen nutzt der Autor eine Sammlung russischer Zaubermärchen, die von Alexander Afanasev zusammengestellt worden ist.[7] Zur Eingrenzung des Arbeitsumfanges reichen laut Propp 100 Märchen aus.[8]

Einen Anhaltspunkt zur Entwicklung einer eigenen Methode findet Propp schließlich in der Arbeit der sogenannten finnischen Schule, dabei greift er auf die Theorie von Antti Aarnes zurück, der eine Einteilung in Tiermärchen, eigentliche Märchen und Schwänke vorgenommen hat. Allerdings scheint ihm diese Art der Unterteilung noch zu ungenau, deshalb formuliert er an dieser Stelle seinen Forschungsansatz: „Im Verlauf unserer Arbeit werden wir nachzuweisen versuchen, daß eine Analyse nach einzelnen Bestandteilen die richtige Methode der Erforschung ist.“[9]

Der Hauptbestandteil der Arbeit Propps liegt in der Untersuchung von „31 Funktionen der handelnden Personen“, ihnen widmet er ein ganzes Kapitel (Kapitel 3) und definiert sie dort klar: die im folgenden genannten Funktionen basieren auf vier „Feststellungen“, die Propp zuvor nennt: 1. haben Märchen „konstante“ (dies sind die Funktionen) und variable (dies sind die Personen) „Elemente“; 2. sind die Funktionen begrenzt; 3. folgen die Funktionen dem Gesetz der Reihe und 4. bilden alle „Zaubermärchen“ strukturell betrachtet nur einen Typ.[10] Natürlich hat Propp auch andere Kriterien zur genauen Klassifizierung entwickelt und in seinem Werk beschrieben, diese sind jedoch als ergänzende Hilfsmittel zu betrachten und sollen in dieser Arbeit nicht weiter berücksichtigt werden, da es hier speziell um einen Strukturvergleich geht.

2.2 Sämtliche Funktionen der handelnden Personen

Vladimir Propp benennt 31 Funktionen der handelnden Personen in einem Märchen, sie kommen nicht immer alle vor, jedoch bleibt die Reihenfolge grundsätzlich dieselbe.[11]

Diese 31 Funktionen werden nun kurz dargestellt:[12]

Einleitend beginnt ein Märchen immer mit der Ausgangssituation, in der die beteiligten Personen beschrieben werden (Lebenslage, Anzahl, Charaktereigenschaften). Dabei handelt es sich laut Propp stets um eine Familie.[13]

Ein Familienmitglied verläßt das Haus für eine Zeit. Gründe können sein: Arbeit, Reisen, Kriege (ältere Generation); Spaziergänge oder andere Freizeitbeschäftigungen (jüngere Generation)

[...]


[1] Vgl. Jolles, André (1999): Einfache Formen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.

[2] Vgl. Lüthi, Max (1997): „Strukturalistische Märchenforschung (Würdigung der Leistung V.J.Propps)“. In: Das europäische Volksmärchen: Form und Wesen. 10. Auflage. Tübingen/Basel: Fran>

[3] Vgl. Lachmann (1978: 46)

[4] Vladimir Propp (1972: 13).

[5] Vgl. Propp (1972: 98ff.).

[6] Propp (1972: 22).

[7] Vgl. Propp (1972: 29).

[8] Ebd.

[9] Propp (1972: 18f.).

[10] Vgl. Propp (1972: 27ff.).

[11] Vgl. Propp (1972: 28).

[12] Anm.: Propps Definitionen sind fett hervorgehoben und werden durch kurze eigene Erläuterungen präzisiert.

[13] Vgl. Propp (1972: 85)

Details

Seiten
14
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638195515
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v14048
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Lehrstuhl für Westeuropäische Literaturen
Note
2,0
Schlagworte
Märchenanalyse Vladimir Propp- Kinder- Hausmärchen Vergleich Grimms Märchen

Autor

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Titel: Die strukturalistische Märchenanalyse nach Vladimir Propp- "Kinder- und Hausmärchen" im Vergleich