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"Leonce und Lena" von Georg Büchner - Ein Lustspiel der Langeweile

Hausarbeit 2007 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leonce und die Langeweile
2.1 Ritualisierte Langeweile in der höfischen Welt
2.2 Liebe aus Langeweile und die Flucht in die Unmittelbarkeit
2.3 Die Suche nach den Idealen und der Weg der Selbstfindung

3. Fazit

Bibliographie
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Einleitung

Büchners Hauptfiguren sind allesamt Außenseiter, die ihren Platz in der Welt suchen und sich dabei selbst zum Problem werden, weil sie sich aus ganz unterschiedlichen Motiven mit gegebenen Verhältnissen nicht zufrieden geben wollen oder können:

Ein Prinz ohne Zeitvertreib kommt vor Langeweile schier um, so ähnlich muss es Gott ergangen sein, bevor er die Welt schuf. Ein Revolutionär findet die Gleichförmigkeit der menschlichen Existenz langweilig ohne Ende, ein Schriftsteller, der in tosenden Wahnsinn gleitet, würde sich umbringen, wenn selbst das zu langweilig wäre. Wo immer man das Werk Georg Büchners aufschlägt: Die Langeweile, das gefräßige Geschwür, lähmt die Seelen der Handelnden, und was für Handelnde das sind![1]

Aus dieser Perspektive betrachtet nimmt die Titelfigur in dem Lustspiel Leonce und Lena diese Außenseiterposition ein, denn in ihm verbindet sich eine Stimmung aus quälender Langeweile und Melancholie angesichts des täglichen Einerlei und der gesellschaftlichen Konventionen. Menschen, die sich langweilen, sind nicht in der Lage, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Bedeutungsmäßig hängt Langeweile demnach eng zusammen mit Eintönigkeit, Interesselosigkeit, Freudlosigkeit, Schwermut, Unlust, Verdrossenheit sowie Überdruss und Trägheit.[2] Steigert sich der Zustand der Langeweile bis hin zu einem Leiden an der Sinnlosigkeit des Daseins, handelt es sich um den krankhaften Zustand der Melancholie. Der Ausdruck des seelischen Leidens offenbart sich demzufolge als starke psychische Sehnsucht nach einem idealen Zustand und einem völlig desillusionierten Erleben der Wirklichkeit.[3]

In Bezug auf Leonce und Lena ist die Thematik der Langeweile aber auch aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Es handelt sich, wie Büchner im Hessischen Landboten klargestellt hat, zunächst einmal um soziale Erscheinungen: „Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag.“ Als augenscheinliches Merkmal der herrschenden Klasse gelten demnach Nichtstun und die daraus resultierende Langeweile als Statussymbol des vornehmen höfischen Lebens.

Vor diesem Hintergrund stellt sich nun die Frage, ob es sich bei der Titelfigur Leonce um einen melancholischen Helden oder einen feudalen Müßiggänger handelt. Als besonderen Schwerpunkt verfolgt deshalb die vorliegende Untersuchung das Ziel, die Situation Leonces herauszuarbeiten bzw. zu analysieren. Dazu bietet es sich an, das Werk chronologisch, stets unter dem Aspekt der Langeweile, zu betrachten, um eventuelle Veränderungen des Prinzen darzustellen bzw. hervorzuheben. Zudem soll aufgezeigt werden, in welchem Kontext das Phänomen der höfischen Langeweile hier eine Rolle spielt und wie sich diese Lebensform auf Leonces Denken und Handeln auswirkt.

Abschließend soll diskutiert werden, ob sich Leonces gelangweilter Zustand während des Stückes verändert bzw. wandelt und welchen Einfluss die anderen Figuren auf ihn ausüben.

2. Leonce und die Langeweile

Schon zu Beginn des Lustspiels erweist sich Leonce als höchst merkwürdige Figur, denn der Prinz isoliert sich regelrecht von den Menschen in seiner Umgebung und setzt sich zudem den Anforderungen des höfischen Lebens zur Wehr.

Das bekommt vor allem der Hofmeister zu spüren, der ihn auf seinen Beruf als künftigen Thronfolger vorbereiten möchte, denn der Prinz will nicht von ihm beansprucht werden. Er sagt nicht, er habe eine bessere Beschäftigung, vielmehr gibt er vor keine Zeit zu haben, weil er „alle Hände voll zu tun“[4] habe. Seine Tätigkeiten entpuppen sich jedoch als sinnlos: Spucken, Sand werfen, mit sich selbst wetten, den Zug der Wolken beobachten und `noch unendlich viel der Art`, dienen Leonce dazu, die Zeit totzuschlagen.[5] Der Prinz ist schlichtweg ein Vertreter der elitären Langeweile.[6] Doch trotz des Privilegs der Untätigkeit ist Leonce nicht zufrieden mit seiner Lebensform, seine abschließende rhetorische Frage des Monologs: „Bin ich ein Müßiggänger?“[7] spiegelt sein tief verwurzeltes Unbehagen wider.

Nachdem der Hofmeister sich von dem Prinzen entfernt hat, bleibt Leonce weiterhin auf der Bank sitzen und beklagt die Situation, die unter den `Leuten` herrscht: „Es krassiert ein entsetzlicher Müßiggang. – Müßiggang ist aller Laster Anfang. – Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! [...]“[8] Im Verlauf des Monologs steigert sich Leonces Ausdruck des Leidens, indem er voller Neid über seinen Hofmeister spricht, der in seinen Augen anscheinend keine Problem mit sich und seinem Handeln hat. Der Prinz drückt seine melancholische Stimmung folgendermaßen aus: „Oh, wer einmal jemand anders sein könnte! Nur ´ne Minute lang.“[9] So wurde der Prinz in dem ersten Teil der Szene in seinen Grundzügen und seiner Lebensart vorgestellt. Büchner hat hier offensichtlich eine Problematik entwickelt, die ihm als wichtig erschien – nämlich die Langeweile mit einem Ausmaß von Melancholie.

Erst mit dem zweiten Teil der Szene, der den Leonce zugeordneten Valerio vorstellt, kommt es zu einem Dialog. „Der erste Wortwechsel zwischen Leonce und Valerio zeigt aber, dass die beiden sich verstehen können: Sie bestätigen einander Aussagen, die nichts aussagen, keinen Sinn enthalten.“[10] Dennoch sind sich beide einig bei der Ablehnung bürgerlicher Arbeitsmoral. Valerio verkörpert den zweiten Müßiggänger des Stückes, jedoch als Gegenstück zu dem melancholischen Prinzen, denn er ist zufrieden mit seiner Situation. Er lobpreist die Narrheit als eine glücklichere Lebensform und begreift sie als Flucht vor der unangenehmen Realität: „So wäre man doch etwas. Ein Narr! Ein Narr! Wer will mir seine Narrheit gegen meine Vernunft verhandeln?“[11]

Valerio ist nicht leidend oder verzweifelt wie Leonce, „[…] sondern er nimmt die Situation des Immer-Gleichen hin.“[12] Der Prinz bewundert ihn für seine Lebensphilosophie, dennoch verfolgt er im Gegensatz zu Valerio seine klaren Zielvorstellungen von seinen Idealen. „Beide tendieren dazu, Endliches unendlich wichtig zu nehmen auf der Flucht vor sich selbst in die unendlich vielen Teilchen einer dinglich orientierten Phantasiewelt. Doch was Leonce nicht erreicht, gelingt Valerio: er ist vergnügt dabei, hat seinen Spaß und fühlt sich wohl.“[13] Die beiden Hauptfiguren des ersten Aktes stellen somit einen Kontrast dar, denn es handelt sich hierbei um zwei verschiedene Typen von Müßiggängern, von denen sich nur der eine langweilt. Valerio bekennt sich offen als Müßiggänger und nimmt die ihm als närrisch erscheinende Welt so hin; Leonce hingegen verfolgt stets den Gedanken, dem Gefühl der Sinnlosigkeit bzw. der Langeweile entgehen zu wollen.[14]

[...]


[1] Von Thadden, Elisabeth, Immer das Hemd zuerst, in: http.://www.diezeit.de (02.09.07)

[2] Vgl. Bellebaum, Alfred, Langeweile – Überdruß und Lebenssinn, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1990, S.15.

[3] Vgl. Kubik, Sabine, Krankheit und Medizin im literarischen Werk Georg Büchners, Stuttgart: M und P Verlag 1991, S. 32ff.

[4] Die folgenden Zitate aus dem Lustspiel Leonce und Lena beziehen sich alle auf die Reclam Ausgabe: Georg Büchner – Woyzeck – Leonce und Lena, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Otto zur Nedden, Stuttgart: 2001, und werden in der weiteren Arbeit mit LuL für Leonce und Lena, Akt, Szene und Seitenzahl angegeben, in diesem Fall: LuL, I, 1, S.37.

[5] Kubik, Sabine, Krankheit und Medizin im literarischen Werk Georg Büchners, S.29f.

[6] Eine Klärung und Präzisierung der elitären Langeweile befindet sich auf Seite 6 der Seminararbeit.

[7] LuL, I, 1, S.37.

[8] LuL, I, 1, S.38.

[9] Ebd.

[10] Niebuhr, Bernd Dieter, Das politische Missverständnis Georg Büchner, Clausthal-Zellerfeld: Bönecke-Druck 1977, S.53f.

[11] LuL, I, 2, S.40.

[12] Niebuhr, Bernd Dieter, Das politische Missverständnis Georg Büchner, S.54.

[13] Schneider, Friedhilde, Selbst-Entfremdung – Die Formen der Verzweiflung in Georg Büchners Werk, Frankfurt am Main: Europäischer Verlag der Wissenschaften 1994, S.110.

[14] Niebuhr, Bernd Dieter, Das politische Missverständnis Georg Büchner, S.54ff.

Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640479733
ISBN (Buch)
9783640479955
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v140471
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Leonce Lena Georg Büchner Lustspiel Langeweile
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Titel: "Leonce und Lena" von Georg Büchner - Ein Lustspiel der Langeweile