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Geist und Ganzheitlichkeit nach Gregory Bateson

Essay über systemische Sichtweisen des Wissens, der Sprache und der Kunst

Seminararbeit 2008 12 Seiten

Soziologie - Wissen und Information

Leseprobe

Geist und Ganzheitlichkeit nach Gregory Bateson

Essay über systemische Sichtweisen des Wissens, der Sprache und der Kunst

Autor: Michael Sperer

Seminararbeit im Fach „Themen der theoretischen Soziologie II”, Institut für theoretische Soziologie, Johannes Kepler Universität Linz, Sommersemester 2oo8

Abstrakt:

In this essay I'm trying to reconstruct the systemic, epistemologic and ecologic view of knowledge, speech and art by anthropologist Gregory Bateson (19o4−198o(. By comparing with newer (social( systemic approaches, a central idea lies in observing relations instead of substances in nature and mind. Complex areas as the connection between conciousness and unconsciousness and the emergence of speech will be discussed in comparison with primitive forms of art and handcraft.

1. Einleitung

Ein besonderes Merkmal, das die Arbeit Gregory Batesons auszeichnet, ist der Fokus auf Beziehungen. Diese können als zentraler Gegenstand der Soziologie bezeichnet werden, durchdringen aber in ihrer allgemeinsten Bedeutung ebenso die Psychologie, die Kultur, die Ökologie uvm. Bateson könnte eventuell als „Beziehungswissenschafter” gesehen werden und ist so für viele Disziplinen gleichermaßen interessant: kehrt man den „Blick” von einer Realität aus sichtbaren Subjekten ab und bedenkt die vielen unsichtbaren Relationen und Wirkungen zwischen diesen, lassen sich dynamische Beziehungsmuster feststellen, die Subjektbildung sowohl ermöglichen als auch bedingen. Diese Sichtweise unterscheidet sich möglicherweise von jener, die wir alltäglich zur Beschreibung der Realität heranziehen, wo wir Subjekte1 meist nach ihrer offensichtlich wahrnehmbaren manifesten Gegenständlichkeit identifizieren und abgrenzen, ohne dass die mehr oder weniger latenten Verbindungen, aus denen sie im Grunde bestehen, ausreichend berücksichtigt werden. Dies resultiert nach Bateson aus natürlichen Grenzen unseres Bewusstseins und der menschlichen Fähigkeit zur Abstraktion mittels einer digital charakterisierten Sprache2. Eine gewisse „Subjektorientiertheit” unserer Sprache − und vielleicht unseres Bewusstseins im Allgemeinen − wird von Bateson teilweise angesprochen und kritisiert, wenn Gefühle wie z.B. Liebe, Hass, Furcht etc. als isolierte Empfindungen des Individuums gesehen werden, obwohl sie meist auf andere bezogen sind und folglich auch vergleichbare Muster sozialer Sachverhalte (Kontingenzen( sind (vgl. Bateson ,9I6: S. 2I4; ,98,: S.,95(. Da sich die Realität nach Bateson in unzähligen Kausalketten & −kreisläufen (vgl. Bateson ,98,, S. 2o4−2o5( darstellt, sollen hier seine Thesen aus der Perspektive „Geist und Ganzheitlichkeit” diskutiert werden. Eine Grundaussage Bateson's ist die zweckgebundene, selektive Wahrnehmung des Bewusstseins einzelner Kreislaubögen einer vom Unbewussten viel umfangreicher verarbeiteten Realität. So ist „...die bewusste Auffassung des Netzwerks als ein Ganzes eine ungeheuerliche Leugnung der Integration dieses Ganzen.” (1981, S. 2oI(. So bestimmt auch jede wissenschaftliche Sichtweise Realität nach ihrer eigenen Terminologie, während sie andere Sichtweisen ausspart. Dies sollte der Text berücksichtigen, weshalb Bezüge zur Soziologie zugunsten erkenntnistheoretischer Ausführungen weniger im Vordergrund stehen. Dabei sollen sich anschlussfähige Aussagen Niklas Luhmanns wiederfinden, um einer „Ganzheitlichkeit” − wenn schon sprachlich−rational eingeschränkt darstellbar − zumindest in kleinen Absätzen näher zu kommen.

2. Qualitative und quantitative Grenzen des Bewusstseins

Mit der Perspektive einer durch und durch aus Zusammenhängen bestehenden Welt fällt es schwer, einen thematischen Punkt zu setzen, an dem man anfängt, um in weiterer Folge eine gegliederte Beschreibung dieser Sichtweise zu geben. Bateson löst dieses Problem, in dem er in seinem Theorieentwurf über „Stil, Grazie und Information in der primitiven Kunst” auf die Unterscheidung zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein hinweist. Diese beiden Ebenen des Geistes scheinen bei Tieren noch wesentlich stärker integriert zu sein als beim Menschen, der durch Selbstbewusstsein, abstraktem Denken und Kommunizieren (im Gegensatz zu einfacher, „bildlicher” Kommunikation von Tieren( vielen potentiellen Täuschungen ausgeliefert ist. Nicht nur verwendet der Mensch in bewussten d.h. sekundären Denkprozessen mehrheitlich bereits die Logik der Sprache, die von jener der unbewussten, prim ä ren Prozesse abweicht, auch erlaubt uns das Bewusstsein quantitativ wie qualitativ nur sehr beschränkt auf unser Wissen zurückzugreifen.

Müssten wir beispielsweise eine umfassende Beschreibung aller Ereignisse vornehmen, die zur Fertigung eines selbstgemachten (Kunst−(Gegenstandes notwendig waren, könnten wir zum einen nicht mehr die Summe aller Details des Arbeitsverlaufs wiedergeben, geschweige denn die Summe der Tätigkeiten die notwendig waren, um die Arbeit überhaupt beginnen zu können usw. usf.. Die Gesamtheit der „automatisierten” Ereignisse unseres täglichen Schaffens fasst Bateson mit dem Begriff der Gewohnheit zusammen, in der sich das Unbewusstsein zu erkennen gibt (vgl. 1981, S.2oo(. Im Ausblenden gewöhnlicher Tätigkeiten liegt u.a. eine wichtige Ökonomie unseres Denkens − der wir vielleicht im Alter gerne durch unkonventionelles, „bewusstmachendes” Handeln und Erinnern gegensteuern wollen − die aber eine notwendige Voraussetzung zur Bewältigung tatsächlich neuer Aufgaben ist.

Zum anderen wäre eine qualitative Erklärung der Fertigkeiten, d.h. wie oder auf welche Weise wir den Gegenstand zu dem gemacht haben, was er ist, ebenso schwer möglich. Bateson erklärt diese Schwierigkeit anhand folgender Erkenntnisse: Erlerntes Wissen über Denken, Handeln und Wahrnehmung wird nach Samuel Butler durch Übung in unbewusstere Ebenen abgelegt, weshalb bestehende Fertigkeiten mit dem Grad ihrer Ausprägung umso unauffälliger (und schwieriger sprachlich kommunizierbar( angewendet werden. Damit hängt auch ein enormer, unbewusster Bestand mathematischen Wissens (Perspektive, Dynamik, etc.( zusammen, den wir Adalbert Ames' zufolge vielfach anwenden, ohne ihn rational begründen zu können. Zudem ist der Primärprozess anders strukturiert als das Bewusstsein, was Sigmund Freud und andere durch die Traumdeutung herausgefunden haben. Demnach haben Träume als das pure Unbewusste einen relationalen und metaphorischen Charakter, worin Subjekte und ihre Eigenschaften variabel in Beziehung gesetzt werden, die als Metaphern anderer undƒoder umfassenderer Zusammenhänge im Bewusstseinszustand interpretiert werden können. Für Bateson scheint das technische wie ästhetische In− Beziehung−Setzen eines Handwerkers von Form, Material und Farbe in seinem Werk zum Teil dieser unbewussten Logik unterworfen zu sein. Als viertes Hindernis zur Erklärung des „Zustandebringens” eines produzierten Gegenstands ließe sich die Verdrängungstheorie Freuds heranziehen, die das Einsperren unerwünschter Triebe in vom Bewusstsein nicht erreichbare Ebenen des Geistes annimmt (vgl. auch Hofstadler, 2oo6, S. 52(. Bateson teilt zwar diese These nicht vollständig, doch mögen Affekte oder unbewusste Diskrepanzen ebenso eine Rolle dabei spielen, wenn manche Arbeitsschritte auf unnachvollziehbare Weise vorgenommen werden.

Diese Schnittstellen zum Unbewusstsein ermöglichen uns den Rückgriff auf vorhandene Fertigkeiten und Kenntnisse, ohne aber sie meist ausreichend erklären zu können. Den Vorgang des Rückgriffs bezeichnet Bateson auch als Einfühlun g in sich und in den bearbeiteten Gegenstand. Ein versierter Produzent kann − wie umgangssprachlich gerne gesagt − eine „Beziehung zum Werk” herstellen, weil er über umfangreiches Beziehungswissen verfügt, mit dem er Verbindungen zwischen Objekten anders konstruiert und einen innovativen, interessanten, verblüffenden usw. Gegenstand erschafft.

Wir können uns durch kognitives Rekonstruieren eines geschaffenen Werkes nur einen Teilbereich aller darin enthaltenen Wahrheiten bewusst machen, obwohl wir im Unbewusstsein ungleich mehr darüber wissen müssten, sofern wir es selbst gestaltet haben. Doch auch der Beobachter des Werkes kann Rückschlüsse über darin enthaltene Informationen anstellen mittels Einfühlung in seine eigenen unbewussten Wissensbestände. Bateson behandelt diesen Zugriff auf unser Gesamtwissen neben den Möglichkeiten LernenƒÜbung, Drogenkonsum und Traumdeutung vorwiegend anhand der Gestaltung und Rezeption von primitiver, d.h. nonverbaler Kunst. Dort werden ganzheitliche Kenntnisse und Fertigkeiten in ästhetische Formen umgesetzt, die sich wiederum dem Betrachter nach folgender Fragestellung erschließen lassen: „In welchem Ausmaß wurde im Kunstwerk die Integration von bewussten und unbewussten Wissen in entsprechende Formen transformiert?” (vgl. Bateson 1981, S. 183, 194, 2o6(. Diese Frage nach dem Informationsgehalt des Kunstgegenstandes wird zum Teil auch von vielen KunstrezipientInnen gestellt, wenn z.B. nach einem Kino− oder Galleriebesuch eine Diskussion über verschiedene Interpretationen entsteht.

[...]


1 Im Text wird der Begriff Subjekt anstatt Objekt verwendet1 da die Beobachtung der Realität das eigene Selbst beinhaltet.

2 Sprache hier definiert als bildliches undƒoder abstraktes Modell zur Bestimmung der Realität sowie als Kommunikationsform konstituives Element zur Bildung sozialer Realitätskontingenz.

Details

Seiten
12
Jahr
2008
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v140090
Institution / Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz – Institut für Soziologie
Note
1
Schlagworte
Geist Ganzheitlichkeit Gregory Bateson Essay Sichtweisen Wissens Sprache Kunst

Autor

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