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Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar

Heinrich Kaufringer

Hausarbeit 2009 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

2. Analyse des öffentlichen und privaten Raumes

2.1 Promythion

Die spätmittelalterliche Kurzerzählung beginnt mit einem Promythion, welches die ideale Einigkeit des Ehepaares thematisiert. Die volkssprachliche Übersetzung und Interpretation des göttlichen Gebots[1]:

ain man und auch sein eweib

zwuo sel und ainen leib

süllen mit ainander haun.

was ir ainem wirt getaun,

es seie guot oder pein,

das sol in baiden gschehen sein.

si süllen also sein veraint,

was ir ains mit willen maint

und im ain wolgefallen ist,

so sol das ander ze der frist

auch sein gunst dazuo geben(V. 3-13)[2],

stellt sich jedoch im Ehealltag als schwer realisierbar dar, da die unterschiedlichen Eigenschaften des Menschen Stoff für Konflikte schaffen, welche die Harmonie in einer Partnerschaft stören können. Voraussetzung für ein mittelalterliches Eheglück ist beidseitige Friedfertigkeit sowie gegenseitige Liebe, was nur durch einen Partner erreicht werden konnte, der das zweite Ich des anderen darstellte. Der Eine sollte das Bestreben des Anderen kennen und gleichermaßen verfolgen, um ein harmonisches Miteinander zu gewährleisten. Doch war dies eher ein Ziel, als wirkliche Realität, was bereits in der einleitenden Rahmenerzählung zu erkennen ist. Innereheliche Harmonie und eheliche Reproduktion waren gleichermaßen oberste Maxime einer Ehe.[3]

2.2 Rahmenerzählung

Die Rahmenerzählung beginnt zunächst mit einer Beschreibung der Hauptfiguren und deren Lebenssituation bzw. Eheleben, welche die Basis für den weiteren Handlungsverlauf bilden. Der Held der Märe, ein reicher Bürger, wird uneingeschränkt positiv beschrieben:

er was milt und hochgemuot

und was von geslächt gar gout.

er was frumm und tugentlich

und darzuo gar erentrich.(V. 19-21)

Auch die Ehefrau des reichen Bürgers scheint zunächst frei von Makel:

er hett gar ain säligs weib;

die was im lieb sam sein leib.

er und frumkait hett si vil

und tugent oun endes zil.

si was wol in dem willen sein(V. 29-33).

Die Beschreibung des Ehepaares entspricht dem Ideal der christlichen Ehevorstellung des Promythion vollkommen. Dieser Eindruck wird jedoch mit den folgenden Zeilen revidiert:

doch muost der man gar vil pein

leiden von der frawen guot,

darumb das er hochgemuot

und in dem haus gesellig was;

darum was si im gehas,

wann si vil karkheit an ir het.(V. 34-39)

Durch die konträre ökonomische Einstellung des Paares kommt es häufig zu innerehelichen Konflikten, welche den reichen Bürger belasten:

wenn ir der man ze wissen tet,

das er wolt haben wirtschaft,

so ward er von ir gestraft.

das betruobt den man vil sehr.

er zoch hin, so zoch si her.(V. 40-44)

Das in dieser Märe männliche Prinzip dermiltekollidiert mit dem weiblichen Prinzip derkarge.[4]Miltestellt im eigentlichen Sinne eine höfische Tugend dar, “die sozial als Verpflichtung aus der privilegierten Stellung des adeligen Herrn folgt und zugleich Glanz und Charisma des Adels vor Augen zu führen hat.”[5]Demgegenüber steht dieKarge, welche als Geiz bzw. Sparsamkeit bezeichnet wird. Die Ehefrau ist, im Gegensatz zu ihrem Mann der als stellvertretender Repräsentant der Ehe in der Außenwelt (öffentlicher Raum) agiert, für den privaten Raum der Hauswirtschaft verantwortlich. Oberste Priorität stellt die familienorientierte Haushaltsführung dar, welche sparsamen Umgang mit dem zur Verfügung stehenden Vermögen verlangt. Großzügigkeit und Sparsamkeit stellen einen gravierenden Konfliktstoff für diese Ehe dar. Kaufringer verbindet in der Ehefrau zwei gegensätzliche Stereotypen, welche in unzähligen anderen Mären entweder als „übles wîp“ oder als „tugendhafte Frau“ vorkommen.[6]Der Charakter der Frau macht den von Kaufringer eingeschlagenen Ehediskurs deutlich, der anders als der Frauendiskurs auch komplexe Frauentypen zulässt.[7]Der Widerspruch zwischen privatem und öffentlichem Raum der Ehe wird durch die Gedanken des Ehemannes deutlich:

[...]


[1]Vgl. Groitl, „Er ist ze milte, sie ist ze karc“, (wie Anm. 1), S.159

[2]Klaus Grubmüller (Hg.),Novellistik des Mittelalters: Märendichtung, Frankfurt am Main: Dt. Klassiker Verlag, 1. Aufl. 1996, S. 768-797, hier S. 768

[3]Vgl. Rüdiger Schnell,Sexualität und Emotionalitätin der vormodernen Ehe, Köln [u.a.] : Böhlau, 2002,

S.200/161

[4]Vgl. Groitl, „Er ist ze milte, sie ist ze karc“, (wie Anm. 1), S.162

[5]Grubmüller,Novellistik des Mittelalters, (wie Anm. 2), S. 1281f. mit Verweis auf Bumke S. 369, 434f.,481f.

[6]Vgl. Marga Stede,Schreiben in der Krise. Die Texte des Heinrich Kaufringers, Trier: Literatur-Imagination- Realität 5, 1994, S.73

[7]Vgl. Rüdiger Schnell,Frauendiskurs, Männerdiskurs, Ehediskurs: Textsorten und Geschlechterkonzepte in Mittelalter und Früher Neuzeit, Bd. 23, Frankfurt am Main; New York: Campus Verlag, 1998, S. 274

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640502424
ISBN (Buch)
9783640502349
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v140040
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Märe Kaufringer Ehe privater Raum öffentlicher Raum Mittelalter

Autor

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