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Diagnose ADHS: Mit Bewegung gegen Hyperaktivität!

Hilfe durch spezifische Bewegungsangebote in Tageseinrichtungen für Kinder

Diplomarbeit 2007 144 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

TEIL I - EINFÜHRUNG IN DAS THEMA
1. Einleitung
1.1 Motivation zur Themenwahl
1.2 Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit
1.3 Aufbau und Gliederung der Arbeit
1.4 Abgrenzung der verwendeten Begriffe

TEIL II - DIAGNOSE ADHS: EIN ÜBERBLICK ÜBER DEN DERZEITIGEN WISSENSSTAND DER FORSCHUNG UND DIE DERZEITIGE FACHLICHE DISKUSSION
2. Darstellung der Verhaltensvariante ADHS
2.1 Symptomatik
2.2 Diagnostik nach DSM-IV und ICD-
2.3 Ursachenhypothesen von ADHS
2.3.1 Das medizinische Paradigma
2.3.2 Das psychologische Paradigma
2.4 Verschiedene Therapieansätze von ADHS
2.4.1 Medikamentöse Therapie
2.4.2 Verhaltenstherapie
2.4.3 Multimodale Therapie
2.5 Neuere Erkenntnisse aus der ADHS- Forschung
2.6 Abschließende Bemerkungen

TEIL III - ADHS UND BEWEGUNG
3. Zusammenhang ADHS und Bewegung
3.1 Exkurs: Einfluss von Bewegung auf die kindliche Entwicklung
- Kinder lernen in und durch Bewegung
3.2 Einfluss von ADHS auf Bewegungsabläufe
3.3 Einfluss von Bewegung auf ADHS
3.3.1 Psychomotorische Therapie
3.4 Vorstellung bereits vorhandener Bewegungsprogramme für Kinder mit der Diagnose ADHS
3.4.1 Das Bewegungs- und Verhaltenstraining nach Kiphard
3.4.2 Die Ballschule Heidelberg als Integrationskonzept - das ABC des Spielenlernens für hyperaktive Kinder
3.5 Abschließende Bemerkungen

TEIL IV - DIE BEDEUTUNG DER TAGESEINRICHTUNGEN FÜR KINDER IM KONTEXT VON PRÄVENTION UND UNTERSTÜZUNG DER BEHANDLUNG VON ADHS
4. ADHS in Tageseinrichtungen für Kinder
4.1 Auftrag und Ziele von Tageseinrichtungen für Kinder
4.1.1 Rolle der Bewegung und Bewegungsförderung in den Tageseinrichtungen für Kinder
4.2 Die Notwendigkeit der Prävention von ADHS unter dem Aspekt des PCS Models nach Thompson
4.3 Möglichkeiten und Mitwirkung der Tageseinrichtungen für Kinder bei der Prävention und der Behandlung von ADHS
4.3.1 Pädagogische Handlungsgrundsätze im Umgang mit Kindern mit der Diagnose ADHS
4.3.2 Die Frankfurter Präventionsstudie 76 4.4 Abschließende Bemerkungen

TEIL V - DER EMPIRISCHE TEIL IN THEORIE UND PRAXIS
5. Die Methode der qualitativen Sozialforschung
5.1 Darstellung und Begründung der Forschungsmethode
5.1.1 Die Methode des leitfaden-orientierten Experteninterviews
5.2 Planung, Gestaltung und Durchführung der Interviews
5.3 Aufbereitung des Materials
5.4 Auswertung der Interviews
5.4.1 Methodische Vorgehensweise bei der Auswertung der Interviews
5.4.2 Kategorie 1: Angaben zu den Experten
5.4.3 Kategorie 2: Details Bewegungsprojekte
5.4.4 Kategorie 3: Vorteile von Bewegungsangeboten
5.4.5 Kategorie 4: Schwierigkeiten und Grenzen von Bewegungsangeboten
5.4.6 Kategorie 5: Auswirkungen auf die Symptomatik von ADHS und auf die Gesamtentwicklung der Kinder
5.4.7 Kategorie 6: Planung eines Bewegungsprojekts
5.4.8 Kategorie 7: Grundsätzliche Bemerkungen zu Bewegungs- angeboten für Kinder mit der Diagnose ADHS in Tages-einrichtungen für Kinder
5.4.9 Schlussfolgerungen

TEIL VI - EMPFEHLUNG FÜR EIN SPEZIFISCHES BEWEGUNGS- PROJEKT FÜR KINDER MIT DER DIAGNOSE ADHS IN TAGESEINRICHTUNGEN FÜR KINDER
6. Empfehlungen für die Praxis

TEIL VII - SCHLUSS
7. Fazit
7.1 Zusammenfassung und Ausblick
7.2 Schlusswort

TEIL VIII - LITERATURVERZEICHNIS

TEIL IX - ANHANG
Anhang 1: Einverständniserklärung für Interviewpartner
Anhang 2: Leitfäden für Experteninterviews

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Menschen bedanken, die zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen haben:

- Bei meinem Betreuungsdozenten Prof. Dr. Bernd Seibel für wertvolle Anregun- gen, sowie für die fachliche und persönliche Begleitung
- Bei meinen Interviewpartnern für ihre Bereitschaft mit mir zu sprechen
- Bei meinen Freunden und meiner Familie, die die ganze Zeit über an mich ge- glaubt haben und für deren positive Unterstützung und Rücksichtnahme in jegli- cher Hinsicht während der Dauer meines Studiums und meiner Diplomarbeit
- Bei Dr. Stefanie Behringer und meiner Schwester Martina Neininger für das Kor- rekturlesen dieser Arbeit und ihre hilfreichen Anmerkungen
- Bei den Kindern der Hamstergruppe, die bei meiner Doppelbelastung durch Be- rufstätigkeit und Studium, jeden Tag aufs Neue mit ihrem unbeschwerten kindli- chen Gemüt dazu beigetragen haben, dass ich diese Entscheidung nie bereut habe

Der größte Dank gilt schließlich meiner Familie, die mir immer helfend mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat, und mich immer wieder seelisch und moralisch aufgebaut und unterstützt hat.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Teufelskreis

Abb. 2: Biopsychosoziales Modell der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstö- rung

Abb. 3: Inhalte von THOP

Abb. 4: Ganzheitliche Psychomotorik

Abb. 5: Die Heidelberger Ballschule

Abb. 6: Spielen und Üben in der Ballschule

Abb. 7: Der Weg hinaus aus dem Teufelskreis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

TEIL I - EINFÜHRUNG IN DAS THEMA

1. Einleitung

„ADHS“- ein Schlagwort das innerhalb der letzten Jahre zunehmend im Leben unse- rer Gesellschaft auftaucht, sei es in Form von Zeitungsartikeln, TV- Berichten oder sogar als unmittelbar Betroffener dieser Diagnose - als Elternteil, Lehrer, Erzieher oder sonstige Bezugsperson von Kindern bei denen ADHS diagnostiziert wurde. Zahlreiche Bücher und wissenschaftliche Artikel sind innerhalb des letzten Jahr- zehnts zu diesem Thema veröffentlicht worden und trotz der großen Bemühungen der internationalen Forschung erscheint ADHS immer noch als ein Mythos, der wei- terhin viele unbeantwortete Fragen aufwirft. Während sich die Wissenschaftler weit- gehend über die Kernsymptome von ADHS einig sind, herrscht immer noch Unsi- cherheit und Uneinigkeit im Hinblick auf die Terminologie, der Abgrenzung zwischen Normalität und Auffälligkeit, der Verursachungsfaktoren sowie der jeweiligen Inter- ventionsmöglichkeiten (BEUDELS 2000). Derzeit gibt es viele Theorien über mögliche Ursachen von ADHS, die noch weiter erforscht werden müssen und ein vielfältiges Angebot an Therapieansätzen. Die Verabreichung von stimulierenden Medikamenten wie z.B. Ritalin scheint jedoch die derzeit gängigste Behandlung von ADHS zu sein, obwohl zunehmend alternative Maßnahmen von Wissenschaftlern getestet und emp- fohlen werden.

„Mit Bewegung gegen Hyperaktivität“ - ein therapeutischer Ansatz in der Behandlung von Kindern mit ADHS als Alternative oder Ergänzung zu einer medikamentösen Be- handlung ist der Schwerpunkt, mit dem sich diese Arbeit auseinandersetzen wird.

1.1 Motivation zur Themenwahl

Die Idee zum vorliegenden Thema entstand aus meinem persönlichen Interesse heraus, mehr Klarheit und Sicherheit im Umgang mit Kindern, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, sowie neue Anregungen in der Arbeit mit diesen Kindern zu gewinnen. Seit fast einem Jahrzehnt beschäftige ich mit dem Thema ADHS, ein Jahrzehnt, indem unglaublich viele Fortschritte in der Forschung gemacht wurden, und ADHS zunehmend in den gesellschaftlichen Blickwinkel geraten ist.

Durch meine Berufstätigkeit als Erzieherin in verschiedenen Bereichen der Kinderund Jugendhilfe (Kindertagesstätte, Sozialtherapeutische Jugendarbeit, Heilpädagogischer Hort) verfüge ich selbst über Erfahrungen im Umgang mit Kindern mit der Diagnose ADHS und weiß, wie wichtig es für die alltägliche Arbeit mit diesen Kindern ist, über ein umfassendes Wissen über ADHS zu verfügen, damit man ihnen und ihren Bedürfnissen gerecht werden kann.

Bereits seit geraumer Zeit beschäftige ich mich mit der Frage, welche zusätzlichen Möglichkeiten Tageseinrichtungen für Kinder zur Verfügung stehen, um diese Kinder und ihre Familien besser unterstützen zu können. Als ich dann im letzten Jahr im Rahmen einer Fortbildung von dem bewegungsorien- tierten Therapieprogramm für Kinder mit der Diagnose ADHS der Ballschule Heidel- berg erfuhr, entstand die Idee, dass Tageseinrichtungen für Kinder durch das Anbie- ten von spezifischen Bewegungsangeboten in Form von einem kontinuierlichen Be- wegungsprojekt die Behandlung von Kindern mit der Diagnose ADHS unterstützen könnten.

1.2 Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Thema Diagnose ADHS: Hilfe durch spezifische Bewegungsangebote in Tageseinrichtungen für Kinder. Die konkrete Fra- gestellung lautet: „Inwieweit kann die Behandlung von Kindern mit der Diagnose ADHS durch spezifische Bewegungsangebote in Tageseinrichtungen für Kin- der unterstützt werden?“ Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll auf der Beantwortung dieser Frage liegen. Neben dem Basiswissen über ADHS soll der Zusammenhang zwischen ADHS und Bewegung sowie die Effektivität von bewegungsorientierten Maßnahmen in der Behandlung von ADHS erforscht werden. Des Weiteren soll die Bedeutung von Tageseinrichtungen für Kinder im Kontext von Prävention und der Unterstützung bei der Behandlung von Kindern mit der Diagnose ADHS erläutert werden. Ein weiteres Ziel dieser Arbeit ist es, aufgrund der gewonnenen Informatio- nen aus dem theoretischen Teil in Verbindung mit den Ergebnissen von Expertenin- terviews, die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführt werden, eine Empfehlung für die Planung und Durchführung eines spezifischen Bewegungsprojekts für Kinder mit der Diagnose ADHS in Tageseinrichtungen für Kinder zu entwerfen.

1.3 Aufbau und Gliederung der Arbeit

Der zweite Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit Symptomen, Diagnostik, Ursachenhypothesen und Therapieansätzen von ADHS mit dem Ziel, einen Überblick über den derzeitigen Stand der Forschung über ADHS zu erhalten.

Im darauf folgenden Teil der Arbeit wird der Zusammenhang zwischen ADHS und Bewegung dargestellt. Dabei geht es einerseits darum, wie sich ADHS auf Bewe- gungsabläufe auswirken kann, andererseits wird aber auch darauf eingegangen, in- wieweit bewegungsorientierte Interventionen sich in der Behandlung von Kindern mit der Diagnose ADHS auswirken können. Als praktische Beispiele werden dafür zwei Bewegungsprogramme für Kinder mit der Diagnose ADHS vorgestellt. Globale Aus- sagen zum gesundheitlichen Wert der Bewegung werden in dieser Arbeit nicht ge- macht, da dies zum einen den Umfang dieser Arbeit sprengen würde und, laut HAHN von der Sportuniversität Heidelberg, solche Aussagen im Bereich der gezielten Prä- vention (hier im Bezug auf ADHS) wenig brauchbar sind (HAHN, UHLIG & KALLUS 1998).

Der vierte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit ADHS in Tageseinrichtungen für Kinder und den Möglichkeiten der Prävention und Unterstützung bei der Behandlung von Kindern mit der Diagnose ADHS innerhalb dieser Einrichtungen. Die Notwendigkeit der Prävention von ADHS wird anhand der „Anti- Discriminatory Practice“ für Sozial- arbeiter nach Thompson erläutert.1 Die Darstellung der Ziele und Aufgaben von Ta- geseinrichtungen für Kinder in dieser Arbeit erhebt keinen Anspruch auf Vollständig- keit sondern bezieht sich überwiegend auf den Bereich der Bewegung, da eine aus- führliche Darstellung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. In diesem Teil der Arbeit werden auch persönliche Erfahrungen der Autorin im Umgang mit Kindern mit der Diagnose ADHS miteinbezogen, die sich vor allem in dem Abschnitt „pädagogi- sche Handlungsgrundsätze im Umgang mit Kindern mit der Diagnose ADHS“ wider- spiegeln.

Der fünfte Teil umfasst den empirischen Teil dieser Arbeit. Zunächst wird die angewandte Forschungsmethode und das methodische Vorgehen erläutert und begründet. Es folgt die Analyse und Auswertung der verschriftlichten Interviews, bei der versucht wird, die gewonnenen Erkenntnisse aus dem theoretischen Teil dieser Arbeit mit den Interviewaussagen zu verknüpfen und gegebenenfalls zu ergänzen. Im vorletzten Teil der Arbeit wird eine Empfehlung für die Planung und Durchführung eines spezifischen Bewegungsprojekts für Kinder mit der Diagnose ADHS in Tageseinrichtungen für Kinder gegeben, welche auf den gewonnenen Erkenntnissen aus dem theoretischen und dem empirischenTeil basiert.

Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der im Rahmen der vorliegenden Ar- beit erarbeiteten Ergebnisse. Daran schließen sich ein Ausblick bezüglich der Um- setzung von spezifischen Bewegungsangeboten für Kinder mit der Diagnose ADHS in Tageseinrichtungen für Kinder und ein persönliches Schlusswort an. Jeder Teil der Arbeit endet mit einer abschließenden Bemerkung, in der die Inhalte der vorangegangenen Ausführungen und Erkenntnisse nochmals zusammenfassend dargestellt werden.

Da es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist, alle angesprochenen Punkte ausführlich zu beschreiben, finden sich an entsprechender Stelle Verweise auf weiterführende Literatur.

1.4 Abgrenzung der verwendeten Begriffe

In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff ADHS stellvertretend für alle anderen Synonyme dieses Begriffs wie z. B. HKS, POS und ADHD zugunsten der besseren Lesbarkeit verwendet.2 In den folgenden Ausführungen wird auf den Unterschied von ADS (ADD) und ADHS nicht näher eingegangen und generell der Begriff ADHS verwendet werden.

Den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (DGKJP) (2003) ist folgende Definition für ADHS zu entnehmen:

„Hyperkinetische Störungen sind durch ein durchgehendes Muster von Unaufmerksam- keit, Überaktivität und Impulsivität gekennzeichnet, das in einem für den Entwicklungs- stand des Betroffenen abnormen Ausmaß situationsübergreifend auftritt. Die Störung be- ginnt vor dem Alter von 6 Jahren und sollte in mindestens zwei Lebensberei- chen/Situationen (z.B. in der Schule, in der Familie, in der Untersuchungssituation) kon- stant auftreten.“

Da nach meiner persönlicher Auffassung ADHS nicht grundsätzlich eine Krankheit darstellt, sondern vielmehr „eine besondere Art zu leben“ ist (NEUY-BARTMANN 2005,S. 24), wird in dieser Arbeit der Begriff „Diagnose ADHS“ verwendet, welcher sich auf eine Verhaltensvariante bezieht, und nicht von der „Krankheit ADHS“ oder „ADHSKinder“ gesprochen3. Dies soll jedoch nicht das Ausmaß von ADHS beschönigen oder etwa herunterspielen, vielmehr geht es darum, eine anti- diskriminierende Haltung diesen Kindern gegenüber zu bewahren.

In dieser Arbeit wird der Name Ritalin stellvertretend für alle Medikamente, die den Wirkstoff Methylphenidat beinhalten, benutzt, ohne Ritalin als Handelsname zu kenn- zeichnen. Diese Entscheidung bezieht sich auf die gegenwärtige öffentliche Diskus- sion, die sich überwiegend dem Begriff Ritalin und nicht Methylphenidat bedient. Der Begriff „Bewegung“ wird in dieser Arbeit „sowohl als ein zentraler Baustein der menschlichen bzw. kindlichen Entwicklung verstanden, ohne dessen umfassenden ‚Gebrauch’ durch das Kind selbst Entwicklung langsamer oder ungünstig verlaufen kann, als auch als inszeniertes Medium, um in pädagogischen wie therapeutischen Zusammenhängen auf (kognitive) Entwicklung positiv einzuwirken“ (BEUDELS 2007,S. 160).

Tageseinrichtungen für Kinder werden gemäß § 22 Abs. 1 SGB VIII als Einrichtun- gen definiert, in denen sich Kinder (d.h. unter 14 Jahren, vgl. § 7 Abs. 1 Nr. 1 SGB VIII) entweder für einen Teil des Tages (meist vormittags oder nachmittags) oder ganztags (nicht über Nacht) aufhalten, wobei als typische Beispiele („und andere Ein- richtungen“ (STASCHEIT 2004, Kapitel 110, S. 9)) Kindergärten und Horte aufgeführt sind. Unter der Rubrik andere Einrichtungen wären zum Beispiel noch Krippen, Krabbelstuben und Kinderhäuser zu nennen. Wenn in dieser Arbeit von Tageseinrichtungen für Kinder gesprochen wird, bezieht sich das ausschließlich auf Kindergärten und Horte.

Für die bessere Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit auf die doppelte Nennung von Pädagoge und Pädagogin/ Lehrer und Lehrerin/ Wissenschaftler und Wissenschaftlerin (etc.) zugunsten der weiblichen Form verzichtet.

Des Weiteren wird der Begriff Pädagogin stellvertretend für alle in Tageseinrichtungen für Kinder tätigen Berufsgruppen verwendet.

TEIL II - DIAGNOSE ADHS: EIN ÜBERBLICK ÜBER DEN DERZEITIGEN WISSENSSTAND DER FORSCHUNG UND DIE DERZEITIGE FACHLICHE DISKUSSION

In diesem Teil der Arbeit soll ein Überblick über den derzeitigen Wissenstand der Forschung und die derzeitige fachliche Diskussion um ADHS vermittelt werden. Ne- ben der Beschreibung der Verhaltensvariante ADHS und des Vorgehens bei der Diagnostik werden die beiden konkurrierenden Paradigmen, auf der einen Seite das medizinische und auf der anderen Seite das psychologische Paradigma, vorgestellt und hinterfragt. Im Anschluss daran werden die drei in Deutschland gängigsten The- rapieansätze - die medikamentöse Therapie, die Verhaltenstherapie und die multi- modale Therapie - dargestellt. Das darauf folgende Teilkapitel ist den neueren For- schungsergebnissen und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen für den Umgang mit der Diagnose ADHS gewidmet.

2. Darstellung der Verhaltensvariante ADHS

„Vieles ist klar, manches ist bewiesen, zu vieles ist noch unklar“

(DRÜE 2007, S. 48)

ADHS gehört derzeit zu den am häufigsten diagnostizierten kinder- und jugendpsychiatrischen Störungen (AHRBECK 2007). In Abhängigkeit von diagnostischen Kriterien und der Auswahl der Stichproben schwanken die Angaben der Häufigkeit von ADHS zwischen 3% und 15% der Bevölkerung, wobei Jungen häufiger davon betroffen sind als Mädchen; in den verschiedenen Studien wird ein Verhältnis von 3-9 : 1 angegeben (HEINEMANN & HOPF 2006). Es werden zwar mehrere Ursachen für dieses Missverhältnis diskutiert, gegenwärtig erklärt jedoch keine dieser Theorien das Missverhältnis zwischen Jungen und Mädchen hinreichend.

Aktuellen Schätzungen nach werden derzeit weltweit 80 Millionen Kinder mit Amphe- taminen behandelt weil sie an ADHS leiden (LEUZINGER-BOHLEBER 2006). Im Hinblick auf die stetig steigenden Fallzahlen von Kindern, bei denen ADHS diagnostiziert wird, taucht die berechtigte Frage auf, ob ADHS nur eine Modediagnose unserer heutigen Gesellschaft ist und ob jedes Kind, das hyperaktive Verhaltensweisen auf- zeigt, auch behandlungsbedürftig ist. Den Medien zufolge halten manche Erzie- hungsfehler für die Ursache von ADHS, andere behaupten, ADHS werde als Ausre- de für Lernfaulheit benutzt und sei lediglich eine Charakterschwäche; und einige Wissenschaftler können anhand von Studien belegen, dass ADHS genetisch bedingt ist. Doch was bedeutet die Diagnose ADHS? Unterscheiden sich Kinder mit der Di- agnose ADHS wirklich von anderen Kindern? Wenn ja, worin?

2.1 Symptomatik

„Kinder mit eine[m] ADHS werden allgemein als Zappelphilippe beschrieben, denn ihre äußerlich sichtbare und nervende motorische Unruhe fällt recht bald auf. Die motorische Unruhe ist das, was man zuerst wahrnimmt, jedoch bildet sie nicht, wie viele meinen, das eigentliche Problem, sondern sie gibt ‚nur’ die im Kopf und im Körper herrschende Unruhe nach außen wieder.“ (DRÜE 2007, S. 46)

Nach MATTNER (2004, S. 62) handelt es sich bei der Diagnose ADHS „nicht um ein einheitliches Störungsbild in Sinne der medizinischen Krankheitslehre, sondern lediglich um eine Verhaltensbeschreibung, wobei dieses Verhalten sehr unterschiedliche Ursachen besitzen kann“. ADHS ist ein sehr komplexes Erscheinungsbild. Es wird als Syndrom bezeichnet, das bedeutet, dass es als Sammelbecken für verschiedene Symptome dient (KÖCKENBERGER 2007). Aus dem Grundsatz der Syndromatologie4 heraus ergibt sich das zentrale Problem bei der Diagnostik von ADHS: es kann nicht von den äußeren Symptomen her - durch das Messen und Beobachten von Verhalten - auf die zugrunde liegende Ursache geschlossen werden.

Detaillierte Beschreibungen des typischen Verhaltens von Kindern, welches auf die Diagnose ADHS hinweist, sind im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, denn:

„Die Liste der Auffälligkeiten [ist] im Verlauf der letzten Jahre immer länger geworden [und] umfasst inzwischen nahezu alles, was am Verhalten eines Kindes auffallen kann.“ (HÜTHER & BONNEY 2005, S. 21)

Deshalb werde ich mich im Folgenden nur auf die Beschreibung der drei wesentlichen Hauptsymptome des ADHS beziehen, woran sich auch die Diagnostik von ADHS orientiert: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Die drei Symptombereiche können gemeinsam oder getrennt voneinander auftreten. Bei einzelnen Kindern kann beispielsweise die Unaufmerksamkeit überwiegen, ohne dass eine motorische Unruhe oder Impulsivität festzustellen ist. Andere Kinder hingegen zeigen eine ausgeprägte motorische Unruhe und Impulsivität, ohne dass die typischen Symptome von Unaufmerksamkeit beobachtet werden. Folglich sind bei der Diagnostik verschiedene Subtypen zu unterscheiden (siehe Kapitel 2.2).

Unaufmerksamkeit

Der Begriff Unaufmerksamkeit umschreibt die mangelnde Aufmerksamkeitsorientierung und Zielgerichtetheit des Verhaltens. Die Kinder haben bspw. Schwierigkeiten, Einzelhei- ten zu beachten und können nur kurze Zeit bei einer Sache verweilen. Sie verlieren rasch das Interesse an den Sachen, mit denen sie augenblicklich beschäftigt sind, und wenden sich schnell neuen, vermeintlich interessanteren Dingen zu. Aufgaben bringen sie häufig nicht zu Ende; sie wirken deshalb sprunghaft, unstet und ablenkbar. Die Kin- der können ihre Aktivitäten nur schlecht organisieren; beim Lösen von Aufgaben verlie- ren sie häufig ihr Ziel aus den Augen und vergessen, was sie eigentlich tun wollten. Da- durch erscheinen sie schnell als unordentlich, unzuverlässig und vergesslich. Sie entwi- ckeln Abneigungen gegen länger andauernde geistige Anstrengungen.

Hyperaktivität

Der Begriff Hyperaktivität weist auf die motorische Unruhe der Kinder hin. Hierzu gehört, dass sie beispielsweise nicht ruhig sitzen und sich selten ruhig beschäftigen können. Sie zappeln, rutschen auf dem Stuhl hin und her, laufen in der Klasse umher und tollen über- mäßig herum. Die Kinder erscheinen deshalb zumeist als umtriebig, ungesteuert und „wie aufgezogen“. Sie zeichnen sich durch eine geradezu eskalierende Unruhe sowie übermä- ßigen Rededrang aus.

Impulsivität

Mit Impulsivität wird das vorschnelle und unbedachte Verhalten angesprochen. So platzen die Kinder oft mit einer Antwort heraus, bevor eine Frage vollständig gestellt wurde. So- wohl in sozialen Situationen als auch beim Bearbeiten von Aufgaben reagieren sie oft vor- eilig, so dass ihnen gehäuft Fehler unterlaufen und sie Misserfolge erleben. Bei Gruppen- aktivitäten können sie nur schwer abwarten bis sie an der Reihe sind; durch ihr impulsives Verhalten unterbrechen oder stören sie andere. Infolgedessen verstoßen sie auch oft ge- gen Regeln, was ihnen besonders in „standardisierten Situationen“ (etwa Unterricht, Grup- penspiele, Essen, Familienbesuche) Missbilligung und Ablehnung einbringt. Ferner neigen sie zu gefährlichen und unbedachten Aktivitäten, was mit beträchtlichen Gefahren verbun- den sein kann (z.B. riskante Klettereien, Spiel mit Feuer, risikoreiches Verhalten im Stra- ßenverkehr).

(LAUTH & SCHLOTTKE 2002, S. 4f.)

Neben den eben genannten Hauptsymptomen von ADHS können auch eine Reihe von Begleiterscheinungen und zusätzliche Störungen auftreten, die sehr starke Ähn- lichkeit mit anderen Verhaltensauffälligkeiten aufweisen, bzw. mit ihnen identisch sind, und deren Erscheinen häufig die Ursache sind, dass überhaupt ein Arzt oder Psychologe konsultiert wird. Diese Störungen werden auch komorbide Störungen5 genannt und betreffen: Lernstörungen/ Teilleistungsstörungen (Rechen- und Lese- schwäche), oppositionelle Störungen, Depressionen, Ängste, Anfallsleiden (Tics), Störungen im Sozialverhalten, Suchtentwicklung, Schlafstörungen, Sprachentwick- lungsstörungen, Einnässen (NEUY-BARTMANN 2005; RUF & ARTHEN 2006; REUNER & OBERLE 2000; HENNING 2004; NERAAL 2007; BENECKE et al 2007; DÖPFNER, SCHÜRMANN & FRÖLICH 2002).

„Es ist bisher noch ungeklärt, ob die Begleiterkrankungen unmittelbar aus dem AD[H]S heraus entstehen oder daraus resultieren, dass der Betroffene eine problematische Ent- wicklung nimmt und viele Misserfolge hinnehmen muss (…). Bei 40 % aller AD[H]S- ler finden sich (…) Störungen, die gegebenenfalls einer umfangreichen Behandlung bedür- fen. Einige dieser gesundheitlichen Beeinträchtigungen bessern sich erst, wenn auch das AD[H]S behandelt wird. Diese Begleiterscheinungen treten jedoch nicht bei jedem Betrof- fenen auf, und die Störungen können unterschiedlich ausgeprägt sein.“ (NEUY-BARTMANN 2005, S. 67)

Symptome von mindestens zwei verschiedenen Störungsbildern (Syndromen) treten gemeinsam auf. Diese Syndrome können völlig unabhängig voneinander auftreten, dann spricht man eher von ‚Koinzidenz’. Von ‚Komorbidität’ ist dann die Rede, wenn es Annahmen darüber gibt, warum diese verschiedenen Störungen gemeinsam auftreten. Wichtig ist dementsprechend auch, dass zwischen den Syndromen ein zeitlicher Zusammenhang besteht. Sie können gleichzeitig oder aber auch in einer (bestimmten) Reihenfolge auftreten. Das gemeinsame Auftreten von verschiedenen Störungsbildern stellt eine besondere Herausforderung für die Differentialdiagnostik und auch für die Therapieplanung und Behandlung dar (REUNER & OBERLE 2000, S. 140).

Kinder mit den genannten Symptomen, die auf ein ADHS hinweisen, befinden sich sehr schnell in einer Art Teufelskreis, indem sich zunächst die Familie den zuneh- menden Belastungen durch das Verhalten ihres Kindes nicht gewachsen sieht. Ent- täuschung und Schuldgefühle stellen sich oftmals bei den Eltern ein und das Kind er- fährt zunehmend negative Rückmeldungen, Restriktionen, Bestrafungen und Ableh- nung durch sein Umfeld. Dies wiederum führt dazu, dass das Kind wenig Selbstwert- gefühl entwickeln kann, sich als Störenfried und/ oder Versager fühlt, durch sein Ver- halten oftmals zum Außenseiter wird und darauf enttäuscht mit Rückzug oder auch mit Aggressionen reagiert. Automatisch nehmen Misserfolge zu und die schulischen Leistungen nehmen (meistens) ab (PANTEN 2007; KÖCKENBERGER 2007).

„Sie fühlen sich missverstanden und alleingelassen, nicht mehr geliebt und als vollständi- ger Mensch akzeptiert. Sie verlieren das Vertrauen in sich und ihre Umwelt. Das auffälli- ge Verhalten kann als Hilfeschrei, als heftiges Aufbäumen, als Mobilisierung letzter Über- lebenskräfte angesehen werden, bevor die Kinder in der Teufelsspirale endgültig resig- nieren. Es gibt keine Auffälligkeiten ohne Grund!“ (KÖCKENBERGER 2007, S. 251)

Abb.1: Teufelskreis (KÖCKENBERGER 2007, S. 251)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Diagnose ADHS besteht immer die Gefahr einer dauerhaften Störung bzw. Entwicklungsgefährdung, die mit zum Teil „weitreichenden negativen, individuellen, gesundheitspolitischen und gesellschaftlichen Folgen bzw. Auswirkungen (z.B. hin- sichtlich Schulabschlüssen, Sozialkontakten, Selektionsmaßnahmen…)“ verbunden ist (BEUDELS 2000, S. 92; vgl. auch LAUTH, SCHLOTTKE & NAUMANN 2007). Nach der- zeitigem Stand der Forschung tritt ADHS oftmals mit Beginn der Pubertät in den Hin- tergrund, verschwindet jedoch nicht gänzlich im Zuge von Reifungs- und Entwick- lungsprozessen und begleitet die Betroffenen ihr Leben lang. Bleibt ADHS unerkannt und unbehandelt, erleben sie vom Kindes- bis hin ins Erwachsenenalter ständig neue Enttäuschungen und Niederlagen und produzieren täglich neu ihr Chaos, dass sie sich selbst nicht erklären können (NEUY-BARTMANN 2005).

„AD[H]S ist für Betroffene und deren Angehörige immer eine Herausforderung, an der al- le wachsen können, wenn sie bereit sind, sich ernsthaft und wertschätzend mit dem AD[H]S auseinanderzusetzen und neue Sichtweisen einzunehmen.“ (NEUY-BARTMANN 2005, S. 81)

An dieser Stelle ist es mir ein großes Anliegen, darauf aufmerksam zu machen, dass die Diagnose ADHS nicht nur mit negativen Seiten verbunden ist, sondern auch viele positive Aspekte, wie zum Beispiel die vielfältigen kreativen Fähigkeiten, welche Menschen mit der Diagnose ADHS oftmals haben, in sich birgt. Wenn es ihnen ge- lingt, ihr Leben zu organisieren und ihre Gefühle in den Griff zu bekommen, können „Menschen mit AD[H]S […] unsere Welt mit ihrer Originalität und ihrer unkonventio- nellen Art sehr bereichern“ (NEUY-BARTMANN 2005, S. 14f.). Als typische Eigenschaf- ten von Menschen mit der Diagnose ADHS zählt DRÜE (2007, S. 48) „die Offenheit für Neues, die Suche nach neuen Reizen, der Pioniergeist, der Wagemut sich einzu- setzen, auch unter hohen (zu hohen) persönlichen Risiken, die ihnen erst später -wenn überhaupt- bewusst werden“, auf. Weitere in verschiedenen Studien dargestellte positive Eigenschaften von Menschen mit ADHS sind: ihr stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, das Vermögen unglaublich einfühlsam und mitfühlend zu sein, ihre Fähigkeit mehrere Sachen gleichzeitig zu erledigen, ihre mitreißende Begeisterungsfähigkeit und nicht nachtragend zu sein. Da sie oftmals schon seit frühester Kindheit lernen mussten, ihre Wahrnehmungsstörungen zu kompensieren, werden sie später oft originelle Problemlöser (THIERSTEIN 1998).

„Manche Menschen mit ADHS sind als weltberühmte Persönlichkeiten in die Geschichte eingegangen: Albert Einstein, Thomas A. Edison, Wolfgang Amadeus Mozart, Hermann Hesse, Hans Christian Andersen, Whoopi Goldberg, Dustin Hoffmann und Bill Gates sei- en hier nur stellvertretend genannt für die vielen Menschen unserer Zeit, die ihren Weg trotz oder vielleicht auch wegen ihrer ADHS so erfolgreich beschreiten. Spitzensportler, Künstler oder Stars, Spitzenpolitiker und Wirtschaftsbosse - viele von ihnen verfügen ü- ber jene Kraft, jene schier unendliche Energie, die sie ihre Spitzenleistungen oder ihr e- normes Tagespensum bei wenig Schlafbedürfnis schaffen lässt. Da im Gehirn ständig neue Ideen entstehen, ist Kreativität eine der hervorragenden Eigenschaften vieler ADHS-Betroffener, gepaart mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz, und oft die Grundlage ihres Berufs z. B. als Erfinder, Autor, Künstler oder Komiker. Oft mündet der Hang zur Selbstdarstellung in den Drang zu Theater, Film und Fernsehen.“ (DRÜE 2007, S. 47f.)

2.2 Diagnostik nach DSM-IV und ICD-10

„Diagnostik ist die Kunst des Puzzles,

da jede Situation oder Übung stets

komplex, mehrdeutig und ganzheitlich bewältigt wird.

Verhalten kann nur in diesem Zusammenhang interpretiert werden.“ (KÖCKENBERGER 2001, S. 24)

Um feststellen zu können, ob bei einem Kind ADHS vorliegt, ist es unumgänglich und von besonderer Notwendigkeit, eine differenzierte Diagnose zu stellen, um darauf aufbauend mögliche Therapieansätze bestimmen zu können. Derzeit gibt es noch keine Untersuchungsverfahren oder Tests, über die man mit Zuverlässigkeit Aussa- gen zu ADHS treffen kann, die Diagnose ADHS basiert demnach nicht auf einem or- ganischen Befund und ist nicht nachweisbar (HÜTHER & BONNEY 2005; SKRODZKI 2005; RASCHENDORFER 2003).

„Sie wird ausschließlich über die Feststellung von Symptomen gestellt, die sich im Ver- halten zeigen und die als Indiz einer organischen Ursache interpretiert werden. Damit wird dem AD[H]S der Status einer Krankheit beigemessen.“ (RASCHENDORFER 2003, S. 46)

Trotzdem wird nach derzeitigem Wissenstand die Diagnostik als unerlässliches Mittel befunden, geeignete individuelle Maßnahmen einzuleiten, um somit die Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten der betroffenen Kinder zu optimieren (HENNING 2004). Ei- ne umfassende und sorgfältige Diagnose zur Erfassung des gesamten Bildes eines ADHS ist daher von grundsätzlicher Bedeutung. Dabei sollen nach HÜTHER & BONNEY (2005, S. 104; vgl. auch PANTEN 2007) folgende Bereiche überprüft werden:

1. psychiatrische Symptomatik
2. körperliche Gesundheit (u. a. Stoffwechselstörungen, Allergien, Unverträglichkei- ten gegenüber Nahrungsmitteln usw.)
3. intellektuelle Leistungen
4. motorische, sensorische und kognitive Leistungsschwächen
5. familiäre und Umfeldbedingungen

Nach den Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter (DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR KINDER- UND JUGENDPSYCHIATRIE UND -PSYCHOTHERAPIE 2003) wird verlangt, dass eine Differentialdiagnostik durchgeführt wird, „die sich auf mehrere Informationsquellen (Eltern, Lehrer, Erzieher, Kind, Beobachtung durch den Untersuchenden) stützt, die Fähigkeiten des Kindes und seine Lebensbedingungen abklärt sowie das gesamte Problemspektrum erhellt“ (LAUTH, SCHLOTTKE & NAUMANN 2007, S. 124).

„Die Differentialdiagnostik - also die Abgrenzung von anderen Störungen - ist bei ADHS sehr wichtig. Zunächst muss geklärt werden, ob das Problemverhalten tatsächlich am besten als ADHS verstanden wird. Es gibt andere Störungsbilder, die zum Teil ähnliches Verhalten aufweisen, sich jedoch in ihrer Ursache und somit ihrem Behandlungsgrundsatz deutlich unterscheiden.“ (KROWATSCHEK 2004, S. 31)

Die Diagnostik von ADHS orientiert sich gegenwärtig an den internationalen Klassifi- kationskriterien für psychische Störungen gemäß ICD-10, einem weltweit angewand- ten Internationalen Klassifikationsschema der WHO (DILLING, MOMBOUR, SCHMIDT & SCHULTE-MARKWORT 2006), und DSM-IV, dem Diagnostischen und Statistischen Ma- nual Psychischer Störungen der American- Psychiatric- Association (SAß 2003). „Die beiden Klassifikationsschemata sind nicht vollkommen gleich, stimmen aber in den grundsätzlichen Aspekten überein“ (RUF 2006, S. 12). So wird zum Beispiel im DSM- IV der Begriff der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung gewählt, während im ICD-10 die Symptomatik als hyperkinetische Störung bzw. als einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung bezeichnet wird. Nach dem ICD-10 müssen sowohl Störungen der Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle und der Aktivität für die Diagno- se einer hyperkinetische Störung vorhanden sein (DILLING et al. 2006, S. 187ff.). Je nach Ausmaß der festzustellenden Beeinträchtigungen werden vier Suptypen unter- schieden: einfache Aktivitäts- und Hyperaktivitätsstörung, hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens, sonstige hyperkinetische Störungen und nicht näher bezeich- nete hyperkinetische Störung.

Im DSM-IV hingegen wird grundsätzlich zwischen drei unterschiedlichen Subtypen unterschieden, dem gemischten Subtypus, bei dem vergleichbar zum ICD-10 alle Kernsymptome auftreten, dem vorherrschend unaufmerksamen Subtypus und dem vorherrschend hyperaktiv-impulsiven Subtypus (DÖPFNER, FRÖLICH, QUAST & SCHÜRMANN 2000; BENECKE et al 2007; DÖPFNER, SCHÜRMANN & FRÖLICH 2002). Folgende Symptomkriterien für die Diagnose ADHS wurden nach DSM-IV definiert:

Diagnostische Kriterien der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung nach DSM-IV

Die Klassifikationssysteme psychischer Störungen definieren das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom als eine Störung mit Beginn im Kleinkindalter, der Kindheit und Adoleszenz. Für eine ADHS- Diagnose nach DSM IV müssen entweder A1 und/oder A2 sowie B, C, D & E zutreffen.

A1 Unaufmerksamkeit

Sechs (oder mehr) der folgenden Symptome von Unaufmerksamkeit sind während der letzten sechs Monate in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessen Ausmaß vorhanden gewesen:

(1) beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten
(2) hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten
(3) scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn/sie ansprechen
(4) führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen (nicht aufgrund oppositionellem Verhaltens oder Verständi- gungsschwierigkeiten)
(5) hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren
(6) vermeidet häufig, oder hat eine Abneigung gegen oder beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger dauernde geistige Anstrengungen erfordern (wie Mitarbeit im Unterricht oder Hausaufgaben)
(7) verliert häufig Gegenstände, die für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt werden (z.B. Spielsachen, Hausaufga- benhefte, Stifte, Bücher oder Werkzeug)
(8) lässt sich oft durch äußere Reize leicht ablenken
(9) ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich

A2 Hyperaktivität und Impulsivität

Sechs (oder mehr) der folgenden Symptome der Hyperaktivität und Impulsivität sind während der letzten sechs Monate beständig in einem mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessenen Ausmaß vorhanden gewesen:

Hyperaktivität

(1) zappelt häufig mit Händen oder Füssen oder rutscht auf dem Stuhl herum
(2) steht in der Klasse oder in Situationen, in denen Sitzen bleiben erwartet wird, häufig auf
(3) läuft herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwach- senen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben)
(4) hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen
(5) ist häufig "auf Achse" oder handelt oftmals, als wäre er/sie "getrieben"
(6) redet häufig übermäßig viel Impulsivität
(7) platzt häufig mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist
(8) kann nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist
(9) unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein)

B Einige Symptome der Hyperaktivität- Impulsivität oder Unaufmerksamkeit, die Beeinträchtigungen ver- ursachen, treten bereits vor dem Alter von sieben Jahren auf
C Beeinträchtigungen durch diese Symptome zeigen sich in zwei oder mehr Bereichen (z.B. in der Schu- le bzw. am Arbeitsplatz und zu Hause)
D Es müssen deutliche Hinweise auf klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen vorhanden sein
E Die Symptome treten nicht ausschließlich im Verlauf einer sogenannten tiefgreifenden Entwicklungs- störung, einer Schizophrenie oder einer anderen psychotischen Störung auf und können auch nicht durch eine andere psychische Störung besser erklärt werden (z.B. Affektive Störung, Angststörung, Dissoziative Störung oder eine Persönlichkeitsstörung)

(http://www.adhs.ch/adhs/diagnostik/dsm-IV.htm)

In letzter Zeit werden verstärkt Stimmen laut, die die Manuale ICD-10 und DSM-IV kritisieren. GIBELLO (2005) bezeichnet das DSM-IV als eine „Antiklinik“, eine „Karika- tur der klinischen Methode, bei der elementare Regeln wissenschaftlicher Überprü- fung ignoriert werden“ (GIBELLO zitiert in AHRBECK 2007, S. 37) und RAFFY (2007, S. 123) spricht im Hinblick auf ICD-10 und DSM-IV sogar von „einer ausgewachsenen Entwicklungsstörung im psychiatrischen Denken Europas“. Diese Kritik beruht auf der Tatsache, dass es, obwohl sowohl DSM-IV und ICD-10 eindeutige Kriterien bei der Diagnose vorgeben und eine Differentialdiagnose fordern, in der Praxis häufig zu unstimmigen Diagnosen kommt.

„Die extreme Zunahme der ADHS ist in der Regel nicht auf bessere, sondern ungenauere Diagnosen zurückzuführen, in welchen, oft nach kurzer Symptombeschreibung, undiffe- renzierte Bewegungsunruhe und ADHS gleichgesetzt wird, so als wäre jede Angst bereits eine Angstneurose. (…) Was heute als ADHS diagnostiziert wird, ist darum in der Regel eine Sammeldiagnose zu Störungsbildern mit unterschiedlichen Ursachen.“ (HEINEMANN & HOPF 2006, S. 18)

Dies ist darauf zurückzuführen, dass beide Manuale lediglich Phänomene und keine Ursachen erfassen und zudem zu ungenau sind (KROWATSCHEK 2004). Wenn man strikt der ICD-10 folgt, liegt eine hyperkinetische Störung nur dann vor, wenn zuvor ausgeschlossen worden ist, dass es sich dabei um eine „Störung des Sozialverhal- tens bei fehlenden sozialen Bindungen“, um eine „agierte Depression“ oder „Angst- zustände“ handelt (DILLING et al 2006, S. 294f.). Somit ist die hyperkinetische Stö-rung „eine diagnostische Residualkategorie, die erst dann in Betracht kommt, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschlossen sind“ (PERNER 2007, S. 74f.). Würden bei einer Differentialdiagnostik alle sonstigen Störungen (tief greifende Ent- wicklungsstörungen, Störung des Sozialverhaltens, Anpassungsreaktionen auf au- ßerordentlich belastende familiäre Verhältnisse oder schulische Überforderung, etc.) sorgfältig ausgesondert werden, so dürfte nach HEINEMANN & HOPF (2006, S. 102) die von NISSEN (2005) geschätzte Zahl von 1-2 %, welche er als „hirnorganische Kern- gruppe“ bezeichnet, realistisch sein. Auch FAKTE-MÜLLER von der Tübinger Universi- tätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie gab an, dass lediglich bei einem Prozent der Kinder, die ihr wegen hyperkinetischem Verhalten vorgestellt wurden, diese Di- agnose wirklich zutraf (PERNER 2007, S. 75).

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Vorgehensweise, auf denen die Diagnostik von ADHS beruht. Meistens beruht die Diagnostizierung von ADHS vor allem auf den Ergebnissen von Fragebögen, die von den Eltern, Lehrern und sonstigen Bezugspersonen der Kinder ausgefüllt werden und sich ausschließlich an den Kriterien des DSM-IV o- rientieren6. Somit ist die Diagnostizierung eines ADHS auch stark von den jeweiligen Beobachtern und deren Wahrnehmung des Kindes abhängig7.

Was kann passieren, wenn die Diagnose falsch gestellt worden ist und die wirklichen Probleme der Kinder nicht erkannt worden sind? Die falsche Diagnose führt logischerweise zu einer falschen Behandlung, was gravierende Folgen haben kann. Wenn zum Beispiel ein Kind mit der fälschlicherweise gestellten Diagnose ADHS ü- ber Jahre hinweg mit Ritalin behandelt wird und auch ein Verhaltenstraining nicht zum gewünschten Erfolg führt, kann es sein, dass es als Jugendlicher immer noch die gleichen, bzw. manchmal sogar noch verschlimmerten Verhaltensweisen aufzeigt, was nicht selten zu delinquentem Verhalten führt.

Abschließend zu diesem Teilkapitel erscheint es mir an dieser Stelle wichtig darauf hinzuweisen, dass die Diagnose ADHS als beschreibender und nicht als erklärender Begriff verstanden werden sollte, um dem „Krankheitsbegriff“ ADHS entgegenzuwir- ken.

„[ADHS bedeutet], dass ein Kind sich unaufmerksam, manchmal auch hyperaktiv und im- pulsiv zeigt. Das sind Verhaltensweisen, die sozial unerwünscht sind. Eine Erklärung, wa- rum es sich so verhält, ist damit noch nicht gegeben. Nach ihr muss weitergefragt wer- Durch die Fixierung auf die Kriterien nach DSM-V und ICD-10 bleiben meines Erach- tens die Botschaften, die diese Kinder mit ihrem Verhalten zum Ausdruck bringen, ungehört und unverstanden. Vielleicht wollen viele Erwachsene sie auch nicht hören, denn wenn sie sich die nahe liegenden Fragen stellen würden: „Welche Ängste und Konflikte lenken die Aufmerksamkeit dieser Kinder ab, wenn sie z.B. schulische Auf- gaben lösen sollen? Woher kommen die inneren Spannungen, die durch motorische Unruhe sichtbar und abreagiert werden? Und woher rührt die Impulsivität, die kurze Strecke zwischen Impuls und Handlung, bei diesen Kinder?“ (NERAAL 2007, S. 108), müssten sie auch ihr eigenes Verhalten reflektieren und zu der Erkenntnis stehen, dass sie selbst und die Gesellschaft einen wesentlichen Anteil zu den Problemen dieser Kinder beitragen.

2.3 Ursachenhypothesen von ADHS

Bei dem derzeitigen Wissenstand der Forschung gilt als gesichert, dass es sich bei ADHS um eine Störung bzw. Normvariante des Frontalhirns handelt.8

„Dies bewirkt, dass ADHS- Betroffene besondere Schwierigkeiten damit haben, Reize zu filtern, zu selektieren und die aufgenommenen Informationen zu verarbeiten und mit an- deren zu koordinieren. Die Steuerung der Aufmerksamkeit, insbesondere der Dauerauf- merksamkeit, gelingt ihnen nur schwer. Auch die Selbststeuerung ist betroffen, Gefühle entladen sich deshalb impulsiv, überschießend und unkontrolliert. Die Vigilanz (Wach- heit), die Motivation und die Konzentration sind dadurch ebenfalls betroffen. Die motori- schen Fähigkeiten und Aktivitäten, insbesondere bei der Koordination der Grob- und Feinmotorik sowie bei der Kraftdosierung, sind häufig ebenfalls in Mitleidenschaft gezo- gen.“ (RUF & ARTHEN 2006, S. 9)

Die Ursache von ADHS ist jedoch bislang trotz umfangreicher internationaler For- schungstätigkeit nicht geklärt; es existieren derzeit verschiedene Ursachenhypothe- sen, die sich voneinander abgrenzen und miteinander „konkurrieren“(BEUDELS 2000; BRUNSTIG 2006).

„In die Heterogenität des Forschungsfeldes lassen sich idealtypisch zwei polare Ansätze identifizieren: Einerseits, als Mainstream, die medizinische und andererseits die psychologische Sichtweise. Die Vertreter der beiden konkurrierenden Paradigmen favorisieren in einem unversöhnlichen Gegenüber ihre jeweiligen Ursachenhypothesen und klammern andere Erkenntnisse weitgehend aus.“ (HENNING 2004, S. 1)

Die Anhänger des medizinischen Paradigmas vertreten eine Ursachenhypothese, die sich auf ein komplexes Geflecht aus neurobiologischen, neurochemischen, immuno- logischen sowie genetischen Faktoren stützt, bei dem psychosozialen Faktoren zwar keine primäre verursachende Wirkung zugeschrieben wird, man aber davon ausgeht, dass diese den Ausprägungsgrad und Verlauf des ADHS wesentlich beeinflussen können (BEUDELS 2000; DÖPFNER, FRÖLICH, QUAST, & SCHÜRMANN 2000). Dem gegenüber stehen die Vertreter des psychologischen Paradigmas, die überwiegend psychosoziale Faktoren für die Entstehung von ADHS verantwortlich machen und gesellschaftskritische Überlegungen in den Vordergrund rücken (BRUNSTIG 2006). Im Folgenden werden die Sichtweisen beider Paradigmen vorgestellt.

2.3.1 Das medizinische Paradigma

Dem medizinischen Paradigma, dem der derzeitige Mainstream der ADHSForschung folgt, werden all jene Ursachenthesen und Erklärungsmodelle zugeordnet, die u. a. hirnorganische, genetische oder ökologische Faktoren für die Entstehung von ADHS verantwortlich machen.

Im Wesentlichen halten Befürworter des medizinischen Paradigmas den Mangel des Botenstoffes Dopamin als Ursache für die Entstehung von ADHS. Die Dopaminman- gel- Hypothese geht von einer biochemischen Störung der synaptischen Überträger- substanzen des Gehirns aus und gilt derzeit als Grundlage der medikamentösen Be- handlung von ADHS (HEINEMANN & HOPF 2006)9. Was die Ursache dieser Störung im Gehirn betrifft, verweist der Mainstream auf zwei wesentliche Faktoren: das Vorlie- gen einer genetische Disposition oder Schädigungen des Gehirns vor oder nach der

„Das menschliche Gehirn ist von einem Netz untereinander mittels Fortsätze verknüpfter Nerven- zellen durchzogen. Reize (Informationen), die ein Individuum von außen erhält, erregen die Ner- venzellen. Diese Erregung breitet sich als elektrischer Impuls über die gesamte Oberfläche der Nervenzelle bis ans Ende ihrer Fortsätze aus. Die Erregungsleitung erhält eine ‚natürlichen Stop’ an den Nervenzellendigungen, den so genannten Synapsen. Dort ist sie durch einen minimalen Spalt, den synaptischen Spalt, unterbrochen. Neurotransmitter sind chemische Botenstoffe des Gehirns, die in den Synapsen, den Kontaktstellen zweier Nervenzellen, eingelagert sind. Ihre Auf- gabe ist es, den synaptischen Spalt zwischen den Nervenzellen zu überbrücken und den einge- gangen Reiz der Folgezelle zu übermitteln. Die durch diesen Reiz enervierte Nervenzelle leitet die Erregung in die entsprechende Zielregion weiter. Für das Funktionieren eines solchen Vorgangs sind verschiedene Botenstoffe (vor allem Dopamin und Nordadrenalin) verantwortlich. Eine Störung oder Fehlregulation im Neurotransmittersystem führt, verkürzt gesagt, zu einer gestörten zentral- nervösen Reizweiterleitung. Dadurch ist die Informationsübertragung und -verarbeitung und damit eine adäquate Reaktion auf der Handlungsebene nicht möglich. Es wird davon ausgegangen, dass die gestörte bzw. verhinderte Informationsübertragung im dopaminergen System die Regulation (al- so Fokussierung) von Aufmerksamkeit und Verhaltenssteuerung nicht zulässt. Diese Fehlregulation wird verursacht durch zu wenig aktives Dopamin im synaptischen Spalt (…) Der Grund für diese mangelhafte Freisetzung wird entweder in einem insgesamt zu niedrigen Dopaminspiegel oder ei- ner zu hohen Anzahl an Dopamin- Wiederaufnahmetransportern (Transporterdefekte) oder aber in zu wenig empfindlichen Rezeptoren (Rezeptordefekte) gesehen. Man nimmt an, dass ein vermehr- tes Vorkommen an Transportern zu einem übermäßig schnellen Rücktransport des in den synapti- schen Spalt ausgeschütteten Dopamins in den präsynaptischen Endkopf führe bzw. die beeinträch- tigte Ansprechbarkeit der Rezeptoren für den Neurotransmitter das Signal schwächer werden las- se.“ (HENNING 2004, S. 14f.)

Geburt10. Bei einer genetischen Disposition wird davon ausgegangen, „dass die Veränderung eines oder mehrer Gene zu den speziellen Veränderungen im Stoff- wechsel des Gehirns führen“ (RASCHENDORFER 2003, S. 13). Beide Erklärungsmodel- le gehen davon aus, dass die Ursachen unveränderbar sind, was folglich eine Hei- lung ausschließt.

In wissenschaftlichen Studien konnte nachgewiesen werden, dass meist mehrere Mitglieder einer Familie von ADHS betroffen sind (HOLINSKI-FEDER 2002; DÖPFNER, SCHÜRMANN & FRÖLICH 2002). Diese Feststellung führte zu der Schlussfolgerung, dass genetische Faktoren bei der Entstehung von ADHS eine bedeutende Rolle spielen und „vermutlich der wichtigste Einzelfaktor im Rahmen der multifaktoriellen Verursachung der Störung“ darstellt (DÖPFNER, SCHÜRMANN & FRÖLICH 2002, S. 27). Aus verschiedenen internationalen Studien geht hervor, dass Menschen mit ADHS möglicherweise einen defekten Gencode für Dopaminrezeptoren (D2- und D4- Rezeptoren) haben (RUF & ARTHEN 2006; HARTMANN 2004).

Neben den genetischen Faktoren könnten auch ökologische Faktoren bei der Ent- stehung von ADHS eine Rolle spielen. Theorien über die Verursachung von ADHS durch von außen in den Organismus eingedrungene Stoffe oder auf ihn wirkende ex- terne Ereignisse beziehen sich zum Beispiel auf Virusinfektionen des Zentralen Ner- vensystems oder toxische Einflüsse, wie Alkohol- beziehungsweise Tabakkonsum der Mutter während der Schwangerschaft sowie Komplikationen während der Geburt. Einige Wissenschaftler weisen darauf hin, dass auch eine hohe Bleiexposition in der frühen Kindheit den Gehirnstoffwechsel beeinträchtigen und zu hyperaktivem Verhal- ten führen könnte (HENNING 2004)11. Eine weitere weit verbreitete Hypothese zur Verursachung von ADHS sind Störungen des Immunsystems (DÖPFNER, SCHÜRMANN & FRÖLICH 2002).

[Eine] gestörte Immunregulation (Allergie) bedeutet eine veränderte, überflüssige Reaktion des Körpers auf eigentlich unschädliche Stoffe. (…) Allergische Reaktionen können eine unmittelbare Auswirkung auf die zentralnervöse Aktivitätsregulation mit sich führen [und] Nahrungsmittelzusatzunverträglichkeiten bzw. - Allergien - [ADHS] typische Verhaltensweisen auslösen.“ (HENNING 2004, S. 16)

Erst kürzlich ist in der Badischen Zeitung ein Artikel erschienen, der darauf hinweist, dass Zusatzstoffe im Essen ADHS- Symptome auslösen könnten. Der Autor beruft sich dabei auf die Erkenntnisse einer neuen Studie aus Großbritannien, deren Er- gebnisse in der Fachzeitschrift für Ärzte Lancet in diesem Jahr veröffentlicht worden sind. Diese deuten darauf hin, dass der Kontakt mit bestimmten Lebensmittelzusatz- stoffen (Azo- Lebensmittelfarbstoffe und der Konservierungsstoff Benzoesäure) selbst die Aufmerksamkeit von gesunden Kindern nicht unbeeindruckt lässt12.

Mittlerweile besteht auch bei den meisten Vertretern des Mainstreams der Konsens, dass keine einzelne Ursache eindeutig isolierbar ist. Durchgesetzt hat sich, als Zu- geständnis an diese Erkenntnis, das so genannte biopsychosoziale Modell als Erklä- rungsansatz zur Entstehung, Ausprägung und Aufrechterhaltung der Symptomatik von ADHS.

Abb. 2: Biopsychosoziales Modell der Aufmerksam- keitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (aus DÖPFNER et al. 2000 in LEHMKUHL & DÖPFNER 2006, S. 121)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aber auch in diesem Modell wird ausdrücklich zwischen Faktoren zur Entstehung und solchen zur Aufrechterhaltung der Symptomatik unterschieden:

„Insgesamt überwiegt [die] Vorstellung, daß biologische und konstitutionelle Merkmale eine entscheidende Rolle bei der Genese der Störung spielen und psychosoziale Faktoren dessen Verlauf wesentlich beeinflussen können. (…)

Die neurophysiologische und neurobiologische Störungsgrundlage gilt als gesichert und bleibt zentral, während psychosozialen Variablen eine Randbedeutung zugeschrieben wird. So werden bspw. gestörte Eltern- bzw. Lehrer-Kind-Interaktion eher als Folge der Störung begriffen, denn als deren Ursache, welche die Verhaltensauffälligkeit verschlim- mern kann. Hinsichtlich einer primären Verursachung von ADHD wird den psychosozia- len Faktoren von Seiten des medizinischen Paradigmas grundsätzlich eine geringere Rol- le beigemessen.“ (HENNING 2004, S. 9f., 19; vgl. auch BENECKE et al 2007, S. 234)

Die Annahmen des medizinischen Paradigmas stehen schon seit einiger Zeit in einer starken Kritik, die nicht nur von Anhängern des psychologischen Paradigmas geäu- ßert wird. Zu einem wurde die Dopaminmangel- Hypothese, die allgemein seit den 1970er Jahren als Ursache für ADHS angesehen wird, in den letzten Jahren ver-mehrt von renommierten Wissenschaftlern auf diesem Gebiet angegriffen. Verschie- dene Wissenschaftler weisen immer wieder daraufhin, dass die Dopaminmangel- Hypothese eine Theorie ist, für die bislang der empirische Beleg fehlt (AMPFT 2004; MATTNER 2004; BRANDL 2007; HEINEMANN & ZOPF 2006). Das bedeutet, dass der an- gebliche Dopaminmangel in bestimmten Hirnregionen von Personen mit der Diagno- se ADHS bisher nicht nachgewiesen werden konnte und damit auch keine Erklärung oder gar Ursache liefert, sondern nach wie vor lediglich eine Hypothese ist.

In nur wenigen Fachliteraturbeiträgen wird darauf hingewiesen, dass die Dopamin- mangel- Hypothese vor allem auf der paradoxen Wirkung von Ritalin aufbaut. In ver- schiedenen Studien wurde festgestellt, dass unter der Medikamentengabe eine spontane Verminderung der Hyperaktivität eintrat. Des Weiteren wurde eine Verbes- serung hinsichtlich der Aufmerksamkeit und Impulskontrolle festgestellt. Da Ritalin die Freisetzung von Dopamin aus den Dopaminspeichern im Gehirn stimuliert und „die Wiederaufnahme von Dopamin in die Präsynapse hemmt und den enzymati- schen Abbau verhindert, wurde die Vermutung abgeleitet, dass im Gehirn von ADHD- Betroffenen zu wenig Dopamin freigesetzt wird“ (HENNING 2004, S. 114f.).

„Die Diagnose wird in einem ähnlichen Umkehrschluss weiterhin allzu häufig ex juvanti- bus gestellt. Das heißt: Weil ein Präparat, das zu einer höheren Dopaminkonzentration in den betroffenen Gebieten des Gehirn führt, zur Verbesserung der Symptomatik beiträgt, erfolgt die Diagnose ADHS, die innerhalb dieser Logik gleichzeitig als Dopaminman- gelstörung bezeichnet wird. Im Falle von Kopfschmerzen käme es vergleichsweise ab- surd vor, nur weil Aspirin den Schmerz beseitigt hat, von einer Aspirinmangelstörung zu sprechen.“ (BRANDL 2007, S. 111; vgl. auch DEGRANDPRE 2002 und RASCHENDORFER, 2003)

Allerdings zeigen einige Untersuchungen auch, dass die Wirkung von Ritalin auf Kinder mit der Diagnose ADHS nicht unbedingt paradox ist, denn diese „beruhigende“ Wirkung tritt auch bei den meisten Kindern und Erwachsenen ein, bei denen kein ADHS diagnostiziert wurde (DEGRANDPRE 2002, S. 161).

HÜTHER wiederum schließt die Vermutung, dass die Entstehung von ADHS mit dem Botenstoff Dopamin zusammenhängt, nicht völlig aus. Er geht jedoch nicht von einer Dopaminmangel- sondern von einer Dopaminüberschuss- Hypothese aus. Dies be- gründet er durch die Annahme, dass Dopaminmangel eher zu einem ruhigen, unauf- fälligen Verhalten führt. Nach HÜTHER (2004) könnte „die festgestellte Erhöhung der Dopamin- Transporterdichte im Striatum Ausdruck einer verstärkten Ausprägung des dopaminergen Projektionsraumes und einer größeren Dichte dopaminerger Präsy- napsen in den betreffenden Zielgebieten sein“ (HEINEMANN & ZOPF 2006, S. 14f.). Wenn die Dopaminüberschuss- These nach HÜTHER sich als richtig erweisen würde, wäre die Behandlung mit Ritalin fatal, da das Medikament die schon erhöhte Dopa- minfreisetzung noch steigert.

Ein weiterer Kritikpunkt an dem medizinischen Paradigma bezieht sich auf die Annahme, dass die Entwicklung von ADHS häufig auf einer genetischen Disposition beruht. RUF UND ARTHEN (2006, S. 9) gehen davon aus, dass „das Vorliegen einer ererbten Disposition bedeutet, dass die entsprechenden Kinder ein erhöhtes Risiko haben, eine ADHS zu entwickeln. Ob die Symptome jedoch so auffällig werden, dass von einer wirklichen Störung gesprochen werden muss und wie diese im Weiteren verläuft, wird wesentlich dadurch beeinflusst, auf welche Lern- und Umweltbedingungen diese Kinder treffen und ob auf ihre „Besonderheit“ angemessen eingegangen wird. Ebenso spielt der Ausprägungsgrad der Disposition eine wichtige Rolle“.

Im Bezug auf neuste Berichte mehrerer Genforscher weist LEUZINGER-BOHLEBER (2006, S. 28) darauf hin, dass „sogar eine genetische Anlage nicht ‚linear’ einen Phänotyp von Verhalten hervorbringt, sondern erst bestimmte Umweltbedingungen und spezifische Situationen (…in der Regel komplexe, frühe Beziehungserfahrungen) bestimmte Genkonstellationen ‚triggern’ und dadurch aktivieren“.

„Eine primär genetische Ursache erscheint auch deshalb fragwürdig, weil in diesem Falle die genetische Veranlagung angesichts der exponentiellen Zunahme der Störung in wenigen Jahren eine geradezu epidemische Verbreitung gefunden haben müsste.“ (BENECKE et al 2007, S. 244)

Allgemein steht das medizinische Paradigma oftmals in der Kritik, störende Verhal- tensweisen auf Ursachen festzulegen, die ausschließlich im Kind zu suchen sind. Dabei wird häufig von eindimensionalen und in eine starre Richtung verlaufenden Ursache- Wirkungs- Ketten ausgegangen (RASCHENDORFER 2003). MATTNER (2004,S. 12) spricht sogar von einer „biologistischen Blickbeschränkung“, die sich in der Überschätzung der Ursachenfaktoren vor allem auf hirnorganischer Ebene offenbart. Es darf aber nicht übersehen werden, welche gesellschaftliche Funktion ein medizi- nisches Ursachenmodell erfüllt, denn wenn die Diagnose ADHS als Krankheitsstatus anerkannt wird, bedeutet es zugleich auch, dass niemand Schuld am Verhalten der Kinder hat:

„Alle Personen, die einen Erziehungsauftrag haben, können dem Problem, dass sich das Verhalten des Kindes durch pädagogisches Handeln nicht ändert, mit dem Krankheitsbild AD[H]S eine gesellschaftlich anerkannte Erklärung abgeben. (...) Dadurch, dass die Ur- sache des Verhaltens allein im Kind oder gar in seinem Gehirn vermutet wird, erscheint es unnötig, nach möglichen Ursachen in sozialen Systemen zu suchen.“ (RASCHENDORFER 2003, S. 8)

2.3.2 Das psychologische Paradigma

„Das menschliche Gehirn braucht eine ausreichend gute psychosoziale Umwelt, sonst kommt es zu schwersten Entwicklungsstörungen oder das Kind stirbt sogar.“ (AMPFT 2004, S. 63)

Im Gegensatz zum medizinischen Paradigma verdeutlichen psychologische Ansätze, dass Fehlverhaltensweisen von Kindern von personalen und sozialen Entstehungs- zusammenhängen nicht loszulösen sind. Das psychologische Paradigma zeichnet sich durch die Annahme aus, dass überwiegend psychosoziale Faktoren eine primä- re Funktion bei der Entstehung von ADHS übernehmen. Fehler in der Erziehung des Kindes, Probleme im zwischenmenschlichen Bereich der Eltern, starke Vernachläs-sigung des Kindes, Deprivation und traumatische Erlebnisse im frühkindlichen Alter wurden in den vergangenen Jahren von dieser Seite häufig als Ursache für die Entstehung von ADHS benannt.

In diesem Zusammenhang ist es auch erwähnenswert, dass Hyperaktivität, ein Hauptmerkmal von ADHS, aus Sicht der Psychoanalyse „das Ergebnis einer unbe- wussten Abwehr [ist], die dazu dient, vor inneren Ängsten, schmerzhaften Konflikten oder vernichtenden Phantasien zu schützen“ (HEINEMANN & ZOPF 2006, S. 131). In diesem Sinne kann ADHS als natürliches Abwehrverhalten des Kindes verstanden werden, als Gegenreaktion auf die Ablehnung durch die Umwelt, um das unbewusste Trauma einer fehlenden beziehungsweise gestörten Bindung zu unterdrücken (HENNING 2004). Diese Annahme wird von Praktikerinnen wie STAUFENBERG gestützt, die feststellte, dass sich in all den ihr bekannten Fallgeschichten „so genannter ADHS- Kinder Hinweise auf Störungen in der frühen Mutter-Kind-Beziehung“ finden (STAUFENBERG 2007, S. 94). Nach NERAAL (2007, S. 116f.) können ambivalente Be- ziehungserfahrungen des Kindes in der Eltern-Kind- Interaktion Aufmerksamkeitsstö- rungen und Hyperaktivität zur Folge haben, wenn:

1. sie wegen fehlender Abgrenzung von der Mutter wichtige Schritte in ihrer Auto- nomieentwicklung nicht machen konnten,
2. sie nur ungenügend Erfahrungen mit Abgrenzung und Trennung sammeln konn- ten und in Trennungssituationen mit Panik reagieren,
3. sie eine Art Ich- Schwäche entwickeln, bei der der „innere Raum“, in dem Impulse auf ihre Konsequenzen überprüft werden, ungenügend entwickelt wird,
4. sie Gefühle von Unzulänglichkeit nicht ertragen können, weil diese der omnipo- tenten Rollenerwartung als Ersatzpartner zuwiderlaufen, sie gar zum Einsturz bringen würden,
5. sie ständig bemüht sind, auf sich aufmerksam zu machen, so, wie sie es gewohnt sind, in der Beziehung zur Mutter im Mittelpunkt zu stehen.

Auch HANS VON LÜPKE sieht das ADHS- Verhalten vieler Kinder unter anderem als Folgeproblem nicht gelungener dialogischer Erfahrungen:

„Das von sozialer Wechselseitigkeit abgekoppelte und durch hyperaktive Selbstbestäti- gung charakterisierte Verhalten vieler Kinde mit der Diagnose ‚AD(H)S’ kann als Hinweis auf einen entgleisten Dialog verstanden werden. Hyperaktivität wäre ein verzweifelter Versuch, den Stillstand nach dem Entgleiten durch Bewegung aufzuheben.“ (VON LÜPKE 2006, S. 184f.)

VERNOOIJ (1992) schließt sich diesen psychoanalytischen Erkenntnissen an und sieht die Hauptsymptome von ADHS Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität nicht als Primärsymptome, „sondern als Folgeerscheinungen (…) von Selbstwertproblemen, eingeschränkter Gemeinschaftsfähigkeit und verzerrten Wahrnehmungsmustern“ (HENNING 2004, S. 26f.).

Aus Sicht des psychologischen Paradigmas tragen vor allem die veränderten Le- bensbedingungen für Kinder in der modernen Gesellschaft zu der Entstehung von ADHS bei, die auch für den enormen Anstieg der Prävelanz von ADHS verantwortlich sind. Soziologische Untersuchungen bestätigen, dass die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen einem größeren sozioökonomischen und gesellschaftlichen Wandel unterliegen.

„Heranwachsende müssen unter den Bedingungen geänderter gesellschaftlicher Verhält- nisse einer zunehmenden „Risikogesellschaft“ (Beck 1986) jenseits von tradierten Nor- men und Werten, die im vergänglichen Wertefluss postmoderner Beliebigkeit keine Ori- entierungssicherheiten mehr bieten, ihre biographischen Orientierungen individuell für sich selbst bearbeiten und im Sinne einer „Patchworkidentität“ flexibel dem jeweiligen ge- sellschaftsökonomischen Anforderungsprofil anpassen.“ (MATTNER 2004, S. 43)

Vor allem in den westlichen Industriegesellschaften hat sich die Lebens- und Bewe- gungswelt von Kindern und Jugendlichen grundlegend verändert. Im Folgenden wer- den Kennzeichen dieses sozialen Wandels nach MÜLLER (2007, S. 141) verkürzt dar- gestellt13:

- veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen (Zunahme der sozialen Un- gleichheit)
- Wandel der Familienstruktur (unter anderem Tendenz zu alleinerziehenden Eltern und Einzelkindern)
- Verlust an Bewegungsräumen (Einschränkung von unkontrollierten Spiel- und Bewegungsgelegenheiten)
- Mediatisierung (der mediale Einfluss führt zu einer verstärkten Reizüberflutung, wodurch Kinder immer mehr Erfahrungen aus ‚zweiter Hand’ machen)
- Verhäuslichung (die Straßenkindheit löst sich zunehmend auf und Kindern wer- den geschützte, abgeschlossene und umbaute Räume zugewiesen)

Es liegt auf der Hand, dass Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen in einer Zeit zunehmen, in der sich die Lebensverhältnisse immer stärker beschleunigen.

„Zeitverknappung und Reizüberflutung, die das Alltagsleben inzwischen bestimmen, erfordern ein Erleben und Verhalten, das bei übersteigertem Auftreten als krankhaft gilt. Gefordert ist ein möglichst schneller Wechsel von einem Reiz zum nächsten, von einer Person zur anderen. Dies soll geschehen, ohne dass es nachhaltige Spuren im Individuum hinterlässt.“ (HENNING 2004, S. 1)

DEGRANDPRE (2002) spricht in diesem Zusammenhang von einer „beschleunigten Gesellschaft“ und ermahnt diese, über die Gestaltung unserer gesellschaftlichen Bedingungen nachzudenken. In seinem Buch Die Ritalin-Gesellschaft bezeichnet er die Gesellschaft als eine „Schnellfeuer - Kultur“, die süchtig ist nach Abwechslung, Sinnesreizen und Erregung (DEGRANDPRE 2002, S. 11):

„Die Sucht nach Sinnesreizen, ob von Kindern oder Erwachsenen, bedeutet eine Störung des bewussten Erlebens, bei der die betroffene Person unfähig ist, mit Langsamkeit um- zugehen. Indem die Schnellfeuer-Kultur ein Schnellfeuer-Bewusstsein prägt - und bei Kindern die Unfähigkeit, ihr eigenes Verhalten zu kontrollieren-, entwickeln sich Reizab- hängigkeiten, die unser Verhalten animieren, nach mehr Stimuli zu suchen. Im Zentrum dieses Entwicklungsproblems befindet sich die phänomenologische Erfahrung der Unbe- haustheit, die durch Gefühle innerer Ruhelosigkeit, Angst und Impulsivität charakterisiert ist. Hyperaktivität und die Unfähigkeit, sich auf nüchtern-sachliche Aktivitäten einzulas- sen, stellen die Art von Fluchtverhalten dar, die „reizsüchtige“ Kinder oder Erwachsene zeigen, um ihren benötigten Stimulationsstrom aufrechtzuerhalten.“ (DEGRANDPRE 2002,S. 37)

Ein weiterer entscheidender sozialer Faktor, der zur Unruhe vieler Kinder beiträgt, sind nach HÜTHER und BONNEY die „modernen“ Unterrichtsformen. Damit kritisieren sie unter anderem den „offenen Unterricht ohne klare Führung“, welcher viel Freiarbeit beinhaltet, und weisen darauf hin, dass insbesondere Kinder mit Symptomen der Diagnose ADHS durch diese moderne Unterrichtsform besonders anfällig für störende Verhaltensweisen sind, während dieselben Kinder bei „konventionellen Lehrern, die gut strukturiert unterrichten und klar anleiten, oft ruhiger und konzentrierter arbeiten können“ (HÜTHER & BONNEY 2005, S. 53).

Trotz einiger Reformen in den Schulen hat man aber offensichtlich noch nicht verstanden, dass in der heutigen Zeit - in der viele Kinder mit Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen zu kämpfen haben - noch dringender wie früher Bewegung in der Schule und im Unterricht eine zentrale Rolle spielen muss.

„Immer noch werden in vielen (Grund-) Schulen Bewegung und Lernen als nicht zu vereinbarende Gegensätze angesehen. Lernen hat im Sitzen stattzufinden, jegliche Regungen der Schüler werden als Störung und mögliche Behinderung des Wissenserwerbs gewertet. Wie effektiv ein Lernen mit allen Sinnen und ein Unterricht, der bewegt, Bewegung zulässt und unterschiedliche Lerntypen berücksichtigt, sind, hat sich noch nicht ü- berall herumgesprochen.“ (BEUDELS 2007, S. 160)

RENATE ZIMMER (2007) fordert schon seit Jahren zum Nachdenken über eine „Lernkultur der Sitzenbleiber“ auf und provoziert mit Thesen und Forderungen wie z. B. „Schafft die Stühle ab!“ oder „Toben macht schlau!“. Eine Möglichkeit die motorische Unruhe der Kinder zu reduzieren wäre zum Beispiel das Sitzen auf einem Sitzball. Sitzen Kinder während dem Unterricht auf einem Sitzball, erfahren sie eine ständige vestibuläre Stimulation die sie benötigen; dadurch nimmt die motorische Unruhe ab und die Aufmerksamkeit zu (HOTTINGER & KESPER 1996).

Mittlerweile gibt es zahlreiche Beispiele „guter Praxis“ im Sinne der „Bewegten Schu- le“, von denen es aber derzeit noch viel zu wenig gibt, und die sich erst noch bun- desweit etablieren müssen. Da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, kann an dieser Stelle nicht weiter auf den Bewegungsaspekt in der Schule eingegangen werden14.

AMPFT (2004) nimmt die Schule noch stärker in die Kritik. Für ihn ist die Hauptursa- che für das Entstehen von ADHS (welches er als „Gespenst“ bezeichnet, „das heute

„Diesem institutionellen Anliegen sind wie zu allen Zeiten pädagogischer Disziplinie- rungsbemühungen „natürliche“ Grenzen gesetzt, wobei der kindliche „Eigen-Sinn“ ge- genüber früheren Zeiten heute einem modernen normativen Bewertungsunterschied un- terliegt, wie Becker betont (…): ‚Früher hat man das Verhalten derjenigen, die sich mit den unterrichtlichen Bedingungen schwerer taten als die anderen, als Flegelei, Vorwitz, Aufmüpfigkeit, Rüpelei bezeichnet. Heute hat sich die Semantik der pädagogischen Nor- malitätskontrolle gewandelt. Einbezogen sind Begriffe wie Verhaltensstörung, Schulpho- bie, Problemschüler, Schulstress, Kontaktstörung, psychische Labilität usw. Wer die insti- tutionellen Regeln nicht gleich akzeptiert, scheint nicht normal zu sein. Er ist Opfer eines hyperkinetischen Syndroms (HKS) bzw. einer Minimalen cerebralen Dysfunktion (MCD)’.“ (BECKER 1999, S. 38, zitiert in MATTNER 2004, S. 32)

Welches Verhalten als „normal“15 angesehen wird, definiert bei Schulkindern das pädagogische System. Eltern und/oder Lehrerinnen „beobachten“ eine Aufmerksam- keitsstörung im Sinnes eines unerwünschten Schulverhaltens des Kindes (AMPFT 2004, S. 124). Nach ROLF HAUBL, Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, wären im Bezug auf die rasante Zunahme von Kindern mit der Diagnose ADHS als erstes Schulreformen fällig. In einem Vortrag im Oktober 2007 stellte er jedoch fest, dass eine solche Forderung im öffentlichen ADHS- Diskurs nicht mit dem gleichen Nachdruck vorgebracht wird wie die Forderung, ADHS als monokausale Organpatho- logie anzuerkennen: „Entweder sehen die Protagonisten der Ritalin- Politik den Zu- sammenhang von ADHS und schulgerechten Kindern nicht oder sie halten die Schu- le für nicht reformierbar“ (HAUBL 2007).

Bei meinen Recherchen zu dieser Arbeit bin ich in neueren Schriften mehrmals auf die provokante Aussage gestoßen, dass ADHS als Krankheit der heutigen Gesell- schaft zu verstehen ist, als das „Symptom einer kranken Gesellschaft“ (AMPFT 2006,S. 70; vgl. auch BRANDL 2007):

„Als mangelnde Identifizierungsfähigkeit mit Kindern und deren Anpassungsambivalenz innerhalb ihrer Entwicklung in die erwachsene Gesellschaft, jedoch auch als mangelnde Identifizierung mit den Eltern dieser Kinder.“ (BRANDL 2007, S. 118)

Nach AMPFT (2004, S. 147) ist ADHS der „Ausdruck einer misslingenden kindlichen Entwicklung, deren allgemeinen Ursache in einer Diskrepanz zwischen menschlicher Natur und dem Gesellschaftssystem liegt.“

Die Vertreter dieser Sichtweise (AMPFT 2004; MATTNER 2004; DEGRANDPRE 2002; BRANDL 2007) verstehen die Symptome von ADHS nicht als Störung, sondern als „unspezifische Bewältigungsstrategie bei unterschiedlichen Beeinträchtigungen, deren Gemeinsamkeit sich in Angst, Unsicherheit und Verwirrung als Auslösefaktoren finden lässt - es gehe dabei eher um ein Problem mit der Umwelt, um ein Kommunikationsproblem, dem nicht die gebührende Aufmerksamkeit zukommt, eben eine Aufmerksamkeitsstörung“ (BRANDL 2007, S. 118).

„Könnte es sein (…), dass die allseits beklagte epidemische Zunahme von kindlichen Auffälligkeiten gewissermaßen seismographisch die Nöte von Kindern in Zeiten postmoderner Lebensumstände signalisiert?“ (MATTNER 2004, S. 46)

Diese Gedanken weiter zu verfolgen wäre höchst interessant, doch sprengt leider den vorgegeben Rahmen dieser Arbeit16.

2.4 Verschiedene Therapieansätze von ADHS

Im vorhergehenden Abschnitt wurde deutlich, dass die Forschung bezüglich der Ursache für die Entstehung von ADHS nach wie vor keine allgemeingültige Erklärung bieten kann, diese Störung jedoch ungeachtet ihrer Ursache immer weit reichende Folgen für alle Beteiligte hat.

„Bei frühzeitiger Diagnose, einem guten Selbstmanagement und einer angemessenen Behandlung muss AD[H]S aber keine Schicksalsdiagnose sein.“ (NEUY-BARTMANN 2005,S. 14)

Für Kinder mit der Diagnose ADHS und ihren Familien stehen derzeit eine unüberschaubare Vielfalt an Hilfsangeboten und Fördermaßnahmen zur Auswahl. Auch hier lassen sich vor allem zwei Ansätze unterscheiden:

1. die medikamentöse Behandlung vor allem im Sinne einer Stimulantien- The- rapie
2. psychologisch - pädagogische Hilfs-, Beratungs- und Therapieangebote, wie zum Beispiel Familientherapie, Beschäftigungs- und Spieltherapie, Verhaltens- therapie, Selbstinstruktionsprogramme etc.

Daneben existieren zahlreiche weitere Interventionen, deren Wirksamkeit aber oftmals auf einzelne individuelle Erfolge zurückzuführen ist, wie zum Beispiel Maßnahmen zur Verbesserung der Wahrnehmung und der Konzentration sowie zur Reduktion der motorischen Unruhe (Ergotherapie, Sensorische Integrationsbehandlung, Musiktherapie, Heileurhythmie, Hippotherapie, Kinesiologie, Klang- und Horchtherapie). Auch diätetische Maßnahmen (zum Beispiel Feingold- und Hafer-Diät) sollen in manchen Fällen zum Abbau beziehungsweise zur Heilung der Symptome von ADHS beitragen (BEUDELS 2000). Weitere hilfreiche Maßnahmen im Bereich der Bewegung werden im nächsten Teil dieser Arbeit detailliert ausgeführt.

Dieses breite Angebot an Hilfen und Fördermaßnahmen „ist letztlich auch ein Resul- tat der Unsicherheit und der immer noch weitgehenden Unkenntnis hinsichtlich der Verursachungsfaktoren und der Bedingungen, die das Problem aufrechterhalten“ (ebd., S. 93).

Seit einigen Jahren hat sich in Deutschland auch das Konzept einer multimodalen Therapie durchgesetzt, welche verschiedene Ansätze umfasst, die je nach Symptomen und der Lebenssituation des einzelnen Kindes unterschiedlich gewichtet und kombiniert werden.

Im Folgenden werden die drei derzeit in Deutschland gängigsten Therapieansätze - die medikamentöse Therapie, die Verhaltenstherapie und die multimodale Therapie - die bei Kindern mit der Diagnose ADHS vorzugsweise angewendet werden, vorge- stellt.

2.4.1 Medikamentöse Therapie

Viele Wissenschaftler und vor allem Mediziner sind der Meinung, dass eine medikamentöse Therapie bei einer gesicherten Diagnose von ADHS unbedingt zu rechtfertigen und zu verantworten ist.

„Eine angemessene Pharmakotherapie vermindert die Primärsymptomatik einer ADHS in der Regel rasch. Diese Verbesserung schlägt sich zunächst in einer Reihe von leistungsund verhaltensbezogenen Effekten nieder, u. a. in

- einer größeren Fähigkeit zur Daueraufmerksamkeit,
- einer besseren Konzentrationsleistung (z.B. Abnahme von Flüchtigkeitsfehlern, größe- rer Produktivität),
- einer größeren Anstrengungsbereitschaft (effort control),
- einer verbesserten Selbstkontrolle (z. B. Selbstmotivierung, Widerstand gegen Versu- chungen),
- einer größeren Zielbezogenheit des Verhaltens (z.B. in geringerer Ablenkbarkeit, grö- ßerer Beharrlichkeit),
- der Abnahme von störendem und regelwidrigem Sozialverhalten (z.B. weniger Regel- verstöße, weniger aggressives Verhalten).“ (LAUTH & SCHLOTKE 2002, S. 380)

Nach ELLESAT (2007, S. 155) kann ein Medikament in der Eltern-Kind-Beziehung der von ADHS betroffenen Kindern mehrere Funktionen haben:

- Ersatz für eine lebendige Beziehung, für Halt und bezogene Versorgung;
- Mittel zur Sanktionierung unerwünschten Verhaltens;
- Mittel zur Rückgewinnung von Kontrolle in der Beziehung;
- Mittel um eine unüberschaubare Situation in etwas Überschaubares, Handhabba- res verwandeln zu können;
- Mittel zum Ausbalancieren von (Schuld-) Gefühlen und Spannungen;
- Es schafft etwas Drittes, einen Abstand zwischen Mutter und Kind, hat eine trian- gulierende Funktion.

Am häufigsten werden Kinder mit der Diagnose ADHS mit dem Wirkstoff Methylphe- nidat behandelt, das zu der Gruppe der Psychopharmaka gehört. Dies sind „Sub- stanzen, die auf das Zentralnervensystem wirken und damit Einfluss auf Emotionen und Verhalten haben“ (RASCHENDORFER 2003, S. 25). Meistens wird jedoch nicht von Methylphenidat, sondern von Ritalin und Medikinet gesprochen, obwohl Ritalin ledig- lich ein Produktname der Firma Novartis und Medikinet der Produktname der Firma Medice ist. Um Verwirrungen zu vermeiden wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit von Ritalin17gesprochen. Im Folgenden werden einige Zahlen und Fakten genannt, um eine Vorstellung davon zu erhalten, welches Ausmaß die Abgabe von Ritalin mitt- lerweile angenommen hat:

- 2005 gab es weltweit schätzungsweise 10 Millionen Kinder, bei denen die Diagno- se ADHS gestellt worden ist und mit Ritalin oder einem anderen Amphetamin- Präparat behandelt werden (diese Kinder leben hauptsächlich in Nordamerika und Europa!) (HÜTHER & BONNEY 2005, S. 23).
- In den USA nehmen täglich zwischen sechs und acht Millionen Kinder und Ju- gendliche mit der Diagnose AD(H)S und eine Million Erwachsene täglich Ritalin ein (DAMMANN 2007, S. 190).
- In Deutschland stieg der Absatz von Ritalin- Tabletten von 1995 bis 1999 um das 40fache (1995: 0,7 Millionen, 1999: 31 Millionen) (HÜTHER & BONNEY 2005, S. 13).
- Weltweit ist im vergangenen Jahrzehnt der Konsum von Ritalin um 700 % gestie- gen, 90 % davon fallen in den USA an (AMPFT 2004, S. 99).
- Eine Ritalin- Therapie ist vergleichsweise preiswert. Sie kostet in Deutschland pro Jahr ca. € 230,- bis € 600,-. Im Vergleich dazu: Eine einzige Psychotherapiestun- de kostet ca. € 74,- (ebd., S. 102f.).
- Kein anderes Medikament, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, verzeichnet derartige Zuwachsraten (HÜTHER & BONNEY 2005, S. 12).

Wenn sich die Verschreibungshäufigkeit eines Medikaments binnen eines Jahrzehnt verdreißigfacht, so kann das medizinisch gesehen nur zwei Ursachen haben: „Ent- weder ist der Wirkstoff besonders gut, oder die damit therapierte Krankheit breitet sich wie eine Epidemie aus“ (HÜTHER & BONNEY 2005, S. 13; vgl. auch HAUBL 2007). Da es sich aber bei ADHS nicht um eine Epidemie handelt und sich auch an den dia- gnostischen Kriterien in den letzten zehn Jahren nichts verändert hat, stellt sich die Frage nach weiteren Erklärungen für diese enormen Zuwachsraten von Ritalin (HÜTHER & BONNEY 2005; AMPFT 2004). Für HÜTHER und BONNEY kommen zwei plau- sible Erklärungen in Frage:

„Möglicherweise haben sich die Lebens - und Entwicklungsbedingungen von Kindern und Jugendlichen in den letzten zehn Jahren so dramatisch verändert, daß Kinder mit der Anlage zur Ausbildung einer derartigen Verhaltensstörung diese inzwischen dreißigmal häufiger ausbilden. Oder die Bereitschaft der Ärzte, zum Rezeptblock zu greifen und Ritalin zu verordnen, hat sich in den letzten zehn Jahren verdreißigfacht. Beides wäre gleichermaßen alarmierend.“ (HÜTHER & BONNEY 2005, S. 14)

Auch AMPFT hat eine einfache plausible Erklärung für den überdimensionalen Anstieg der Verordnungshäufigkeit von Ritalin:

„Die Ritalin- Behandlung muss geeignet sein, den gewünschten Erfolg zu gewährleisten. Wozu eine aufwendige Diagnostik, warum aufwendige und teure Psychotherapien, wenn es mit Ritalin billiger und besser geht. Wenn die Pille den Effekt bringt, warum dann Än- derung des Erziehungsverhaltens oder gar Schulreformen?“ (AMPFT 2004, S. 94)

HÖLTER (2004) kann sich den dramatischen Anstieg der Fallzahlen seit Mitte der Neunziger Jahre nur so erklären, dass „einfach viele Verlegenheitsdiagnosen darunter sein“ müssen (in HECKER 2004, S. 79). Außerdem sei die Verabreichung von Medikamenten einfacher und vor allem billiger als Bewegungstherapie oder die noch kostenträchtigere Psychotherapie für Kinder.

Der im Jahr 1993 in der Zeitschrift Exceptional Children publizierte Artikel über die Wirkung stimulierender Medikamente auf Kinder mit Aufmerksamkeitsstörung von JAMES M. SWANSON und seinen Kollegen erregte großes Aufsehen. Der Artikel be- zieht sich auf die Ergebnisse einer umfassenden Studie, die Untersuchungen über ADHS von 1937 bis 1993 überprüfte - die daraus resultierenden Schlussfolgerungen erscheinen mir sehr interessant und werden deshalb im Detail aufgeführt.

Bezüglich dessen, welche Wirkungen einer Ritalin- Behandlung von Kindern mit der Diagnose ADHS zu erwarten und welche nicht zu erwarten sind, werden im Artikel nur zwei Bereiche genannt, in denen es Verbesserungen gibt (nach DEGRANDPRE 2002, S. 169f.):

1. Die temporäre Beherrschung diagnostischer Symptome, darunter Überaktivität (verbesserte Fähigkeit, das motorische Verhalten zu regulieren), Unaufmerksam- keit (erhöhte Konzentration oder Anstrengung bei Aufgaben) und Impulsivität (verbesserte Selbstbeherrschung).
2. Die temporäre Verbesserung damit zusammenhängender Verhaltenseigenschaf- ten, darunter Betragen (erhöhte Folgsamkeit und Fleiß) und Aggressivität (Ver- ringerung physischer und verbaler Feindseligkeit).

Dies sind die beiden einzigen Bereiche, in denen die Autoren eine übereinstimmende Verbesserung in der Literatur fanden. Bezüglich dessen was nicht erwartet werden kann, nennen die Autoren fünf Bereiche:

1. Paradoxe Reaktion, stattdessen: „Reaktionen von normalen Kindern und nor- malen Erwachsenen sind gleichgerichtet, und Reaktionen von betroffenen Er- wachsenen und Kindern sind sich ähnlich.“
2. Voraussagbarkeit, stattdessen: keine Voraussagbarkeit der Reaktion, ob durch neurologische oder physiologische Messungen oder durch biochemi- sche Marker.
3. Keine Nebenwirkungen, stattdessen: seltenes Auftreten beziehungsweise sel- tene Zunahme von Ticks, häufig Ess- und Schlafstörungen sowie mögliche psychologische Wirkungen auf Kognition und Attribution.
4. Positive Auswirkungen auf Fähigkeiten, stattdessen: keine signifikante Ver- besserung der Lesefähigkeit, keine signifikante Verbesserung sportlicher Leis- tungsfähigkeit, keine signifikante Verbesserung positiver sozialer Fähigkeiten [und] weniger Verbesserungen bei Lernen/Leistungen als Verbesserungen bei Verhalten/Aufmerksamkeit.
5. Langfristige Anpassung, stattdessen: keine Verbesserung bei schulischen Leistungen und keine Verminderung antisozialen Verhaltens oder der Bestra- fungshäufigkeit.

Die medikamentöse Therapie bei ADHS ist umstritten. Sie zeigt zwar meist schnelle Wirkung, jedoch fürchten viele Eltern die Nebenwirkungen der starken Medikamente. Bei den verschriebenen Medikamenten handelt es sich um Psychopharmaka - meist Stimulanzien - die das Gehirn, die Psyche und Emotionen des Kindes stark beein- flussen und deren genaue Wirkungsweise noch nicht eindeutig geklärt ist (RA- SCHENDORFER 2003). Steht die Diagnose ADS unzweifelhaft fest, hat die medikamen- töse Therapie ihre Berechtigung, besonders in schweren Fällen und wenn schulische Leistungen und das häusliche Zusammenleben darunter sehr leiden. Die medika- mentöse Therapie kann die Krankheit jedoch nicht heilen, sie lindert ausschließlich die Symptome. Bei Absetzung der Medikamente treten die Symptome erneut auf, unabhängig davon, wie lange die Medikamente eingenommen wurden.

„Das gilt insbesondere, wenn andere Interventionsformen ignoriert wurden. Erstaunlich ist das nicht. Wie soll ein Kind lernen, sein eigenes Verhalten zu steuern, wenn ihm die Steuerung durch die Wirkung des Medikaments abgenommen wird?“ (Raschendorfer 2003, S. 36)

Auch DEGRANDPRE merkt in seinem Buch „Die Ritalin- Gesellschaft“ kritisch an (2002, S. 223):

[...]


1 Diese Theorie lernte ich während meines Auslandsstudiums „BA in European Social Work“ in Dänemark und England kennen. Anti- Discriminatory Practice ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit im pädagogischen und sozialarbeiterischen Bereich in beiden Ländern.

2 Begriffserläuterung siehe Abkürzungsverzeichnis

3 Auch Ampft (2004, S. 58) weist darauf hin, dass ADHS keine Krankheit und auch keine Krankheitseinheit ist, sondern „eine behaviorale Beschreibung eines sozial unerwünschten Verhaltens“.

4 Grundsatz der Syndromatologie: „Gleichen Syndromen können unterschiedliche Ursachen zugrun- de liegen, gleiche Ursachen können unterschiedliche Syndrome zur Folge haben.“ (KÖCKENBERGER 2007, S. 250)

5 Exkurs: Was versteht man unter Komorbidität?

6 Ich selbst musste schon mehrfach solche Erfassungsbögen für Kinder in unserer Einrichtung ausfül- len. Ich halte diese Fragebögen für sehr ungenau und lege diesen Fragbögen immer einen detaillier- ten Bericht bei, der sowohl auf die Stärken und auf die uns auffallenden Schwierigkeiten des Kindes eingeht.

7 „Wie Erkenntnisse des Konstruktivismus jedoch zeigen, ist das menschliche Wahrnehmungsge- schehen mehr als reine Datenerfassung einer objektiv gegebenen Realität bzw. bloße Rezeption von Sinnesdaten. Vielmehr konstituiert der Mensch im Wahrnehmungsprozess gewissermaßen selbst, was er wahrzunehmen beabsichtigt. Allgemein formuliert heißt das: Die vom Betrachter visuell wahrgenommene Welt ist immer eine dem Wesen nach subjektiv konstruierte Welt. Demnach entscheidet der Wahrnehmende mehr oder weniger bewusst darüber, was für ihn im Wahrzunehmenden zum ‚Wahren’ wird.“ (MATTNER 2004, S. 25) den, um dem Kind sinnvoll zu helfen. Mit anderen Worten: Wurde bei einem Kind ADHS diagnostiziert, darf das Fragen nicht aufhören, sondern hier fängt es erst richtig an.“ (RASCHENDORFER 2003, S. 22)

8 „Das Frontalhirn steuert die Informationsverarbeitung aller Reize, die ständig auf jeden Menscheneinströmen. Es muss diese Reize filtern, sortieren, ablegen, löschen und weiterleiten.“ (RUF & ARTHEN 2006, S. 9)

9 Exkurs: Erklärung der Dopaminmangelhypothese

10 Nach Barkley trifft die zweite Ursache nur für eine sehr kleine Gruppe zu (BARKLEY 1999, S. 32).

11 Im Grunde wird hiermit die Idee eines Hirnschaden (MCD) weiterverfolgt.

12 Michael Brendler: „Lebensmittelfarbstoffe schaffen Unruhe“ in Badische Zeitung, erschienen am 17.09.07, S. 24)

13 Eine ausführlichere Darstellung der veränderten Lebensbedingungen für Kinder in der modernen Gesellschaft findet sich in AMPFT 2004 (S. 127 f. und 140 f.).

14 Weiterführende Literatur: Hunger, I. & Zimmer, R. (Hrsg.) (2007). Bewegung. Bildung. Gesundheit. Entwicklung fördern von Anfang an. Schorndorf: Hofmann.in den Schulen der westlichen Welt umhergeistert“ (S. 80)), ein „Misfit“ zwischen Schule und dem Kind, der dann entsteht, wenn die Schule nicht ausreichend kindge- recht und das Kind nicht ausreichend schulgerecht ist. Aus der Perspektive des insti- tutionellen Interesses kollidiert das normwidrige Verhalten eines Kindes mit der Di- agnose ADHS mit den schulischen Erwartungen an ein eingeschultes Kind.

15 Dem erwünschten Normbereich wird ein davon abzugrenzender unerwünschter, „irrsinniger“, letzt- lich verhaltens- „behinderter“ Seinsbereich gegenübergestellt, der differentialdiagnostisch verifiziert, terminologisch etikettiert und verwaltungstechnisch verortet wird. Unter dieser Perspektive bedeutet Normalität das uneingeschränkte Funktionieren im jeweiligen Sozial- bzw. Gesellschaftssystem. Eine solche Normalität, verstanden als unreflektierter gesellschaftlicher Konformismus, geht von der Prämisse aus, dass Menschen, die sich im gesellschaftlichen Rahmen mehr oder weniger ähn- lich verhalten, normal bzw. gesund sind; womit mit diesem Normalitätsbegriff eine Normalitäts- An- spruchshaltung verknüpft ist, mit der „normal“ genannt wird, was die Bedeutung von „wünschens- wert“ hat und die Forderung nach Normerfüllung beinhaltet. Normal ist in der biologistisch konstitu- ierten Normalität demnach, wer sich den herrschenden Normen anpasst (MATTNER 2004, S. 26).

16 Weiterführende Literatur:
- Ampft, H., Gerspach, M. & Mattner, D. (Hrsg.) (2004). Kinder mit gestörter Aufmerksamkeit. ADS als Herausforderung für Pädagogik und Therapie. Stuttgart: Kohlhammer.
- Brandl, Y.S. (2007). Einmal bitte Öl wechseln und die Schaltung reparieren. Sprache und me- taphorische Wahrnehmungen zur kindlichen Verhaltensbeschreibung. In: Ahrbeck, B. (Hrsg.). Hyperaktivität. Kulturtheorie, Pädagogik, Therapie (S. 107-122). Stuttgart: Kohlhammer.

17 Ritalin wurde 1963 in den USA und 1971 in Deutschland eingeführt. Es ist ein Methylphenidat und gehört zu den Amphetamin-Derivaten. Seine Wirkung erklärt sich mit der Stimulierung und Freiset- zung von Dopamin und Noradrenalin im synaptischen Spalt. Ritalin hemmt den Dopamintransport und damit die Wiederaufnahme von Dopamin in den Nervenendungen. Durch die erhöhte Verfüg- barkeit im synaptischen Spalt soll der Patient sein Verhalten besser kontrollieren können. Als Nebenwirkungen werden Blutdruckanstieg, Inappetenz, eingeschränktes Größenwachstum, gastrointestinale Störungen, Stimmungslabilität, Kopfschmerzen, Ticsymptomatik und Schlafstö- rungen beschrieben. Als Kurzzeiteffekt (bis 6 Monate) werden positive Wirkungen auf die Motorik, das Sozialverhalten und die Kognition beschrieben. Eine Langzeittherapie wird nur unter sorgfälti- ger Überwachung gerade auch der Nebenwirkungen und der fraglichen Suchtgefahr wegen emp- fohlen (HEINEMANN & HOPF 2006, S. 145).

Details

Seiten
144
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640530274
ISBN (Buch)
9783640529940
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v140009
Institution / Hochschule
Evangelische Fachhochschule Freiburg
Note
1,0
Schlagworte
Bewegung Hyperaktivität Diagnose ADHS Hilfe Bewegungsangebote Tageseinrichtungen Kinder

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Titel: Diagnose ADHS: Mit Bewegung gegen Hyperaktivität!