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Abgrenzung und Bestimmung des phantasia-Begriffs in Aristoteles´ De anima

Hausarbeit 2009 13 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Protreptik

3. Abgrenzung der Vorstellung (phantasia) von
3.1. Wahrnehmung (aisthesis)
3.2. Meinung (doxa)
3.3. Bewegung (kinesis)

4. Bestimmung der phantasia

5. Reflexion

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Einigen ist Aristoteles als Lehrer Alexanders des Großen[1] bekannt, wogegen er dem Gros als einer der wenigen Urväter der griechischen, antiken Philosophie ein Begriff ist.

Aristoteles (384-324 v. Chr.), Schüler von Platon, war einer der einflussreichsten Denker der Antike. Die Tragweite seines Denkens findet sich in den unterschiedlichsten Modifikationen in verschiedenen Schulen wieder und wird auch in der heutigen Zeit stets nachhaltig von Philosophen ihrer Bedeutung wegen betont. Grundsätzlich ist zu differenzieren zwischen den esoterischen[2] und exoterischen[3] Schriften des Aristoteles. Die esoterischen Schriften, die das Corpus Aristotelicum bilden, sind grob zu unterteilen in Organon (logische Schriften), Metaphysik, Ethik, Poetik und naturwissenschaftliche Werke. In seinem Buch De Anima, das den naturwissenschaftlichen Werken zuzuordnen ist[4], befasst sich Aristoteles mit der Seele als einem Vermögen, welches grob vereinfacht aus verschiedenen Teilen besteht und immateriell ist. Die Seelenlehre des Aristoteles darf trotz der aktuellen, geisteswissenschaftlichen Auffassung nach durchaus mehr dem psychologischen[5] als dem philosophischen Moment zugeordnet werden.

Untersucht man die menschliche Seele, so tauchen in diesem Zusammenhang viele Fragen auf: Unterscheidet sich die menschliche Seele von z.B. der Seele eines Fisches? Was hat die Seele mit anderen Vermögen z.B. dem Gesichtssinn gemeinsam und was ist der Seele eigen, d.h. was grenzt sie von den anderen Vermögen ab und macht sie zu etwas Herausragendem, Speziellem? etc.

Nicht nur Quantität und Qualität der Fragen sind für die Untersuchung von Bedeutung, sondern auch die Reihenfolge, in der sie gestellt und versucht werden zu beantworten. Diese „fragende“, untersuchende Ordnung charakterisiert die systematische Herangehensweise von Aristoteles´ Analyse der Seele. Grob vereinfacht darf man sagen, dass Aristoteles eine Definition der Seele erbringen will, welche er über Eigenschaften festlegen möchte und zwar derart, dass die Definition der Eigenschaften die Form eines induktiven Beweises annimmt. Dies ist das grundsätzliche Ziel, das Aristoteles in seiner Schrift De anima verfolgt und deswegen sei der zum Ziel hinführende Prozess hier knapp nachgezeichnet:

Buch I beginnt mit grundsätzlichen, methodologischen Überlegungen und antizipiert einige, mit der Thematik verschränkte Probleme. In Anlehnung an seinen eigens erhobenen Anspruch, dass Untersuchung und Argumentation anschlussfähig sein müssen, skizziert er die Ansichten früherer Naturphilosophen über die Seele und deren Eigenschaften und übt im Anschluss Kritik an diesen. In Buch II geht Aristoteles zu einer allgemeinen Bestimmung des Wesens der Seele über, u.a. stellt er eine Hierarchie der verschiedenen Stufen der diversen seelischen Vermögen des Lebendigen dar. Im Anschluss daran wird das Wahrnehmungsvermögen anhand der verschiedenen Sinne detailliert exemplifiziert als auch expliziert. Die Theorie der Wahrnehmung ist wiederum fundamental und konstituierend für die in Buch III verhandelte Vorstellungs- und Intellekttheorie. Abschließend erfahren Aristoteles´ Überlegungen in Buch III eine Gesamtschau. Er verquickt hier induktiv seine partikularen Überlegungen und Erkenntnisse zu einem strukturellen Ganzen. Dies realisiert er nicht nur durch gedankliche Verknüpfung der von ihm untersuchten Phänomene[6], sondern auch durch eine sachdienliche Abgrenzung bestimmter Gegenstände von einander. Eine dieser Abgrenzungen findet sich in Buch III, Kapitel 3 wieder, wo er die Abgrenzung zwischen Vorstellung (phantasia) und Wahrnehmung (aisthesis), Meinung (doxa) und Bewegung (kinesis) herausarbeitet, um auf diese Weise die Verschiedenheit von Wahrnehmung und Klugheit (phronesis) begründen zu können. Die Seele ist nach Aristoteles durch zwei Unterschiede bestimmt:[7] Ortsbewegung und vernünftiges Erfassen sowie Unterscheiden und Wahrnehmen. Im Zuge dieser Argumentation unterscheidet er zwischen phantasia, aisthesis und Vernunft (dianoia). Er gelangt zu dem Schluss, dass die Vernunft (to noein) etwas anderes ist als Wahrnehmung und stellt die These in den Raum, dass die Vernunft teils aus Vorstellung, teils aus Annahme (hypolepsis) zu bestehen scheint. Das ist gewissermaßen der Ausgangspunkt der phantasia-Untersuchung: Da die phantasia Bestandteil der Vernunft ist und das vernünftige Erkennen den Großteil der seelischen Operationen darstellt[8], ist deren Untersuchung angebracht und notwendig, um so einen tragfähigen Begriff der einzelnen Bestandteile der Vernunft und deren Zusammenspiel generieren zu können.

Aufgrund der Relevanz dieses Gedankengangs für die Untersuchung der Seele ist dieser Abschnitt Gegenstand dieser Arbeit.

2. Protreptik

Kapitel 3 des Buches III von De Anima beginnt mit Darstellung, sowie Kritik der Auffassung der „Alten“ (Empedokles, Homer) über Einsicht und Wahrnehmung. Diese beiden Phänomene sind dem Verständnis der Alten nach gleich, weil sie sowohl das vernünftige Erfassen als auch das Wahrnehmen als körperliches, materielles ansehen, da „[…]man das Gleiche durch das Gleiche wahrnehme und einsehe[…]“[9]. An dieser Stelle interveniert Aristoteles und macht darauf aufmerksam, dass, wenn diese Ansicht stimmte, es unmöglich wäre, das Phänomen des Irrtums zu erleben geschweige denn zu erklären, denn dieser Auffassung folgend müssten „[…]alle Erscheinungen wahr sein, oder die Berührung mit dem Ungleichen müßte (sic) Täuschung sein;“.[10] Im Zuge dessen liegt es auf der Hand, dass es einige Erscheinungen gibt, die nicht wahr sind und Berührungen mit dem Ungleichen, welche keine Täuschung sind. Aus der Feststellung der Falschheit der Prämissen der Alten und auch ihrer daraus gezogenen Konklusion, nämlich dass Wahrnehmung und Einsicht dasselbe seien, heraus, gelangt Aristoteles zu dem Schluss, dass Wahrnehmung und Einsicht eben nicht dasselbe sein können. An der Wahrnehmung seien alle Lebewesen beteiligt[11], wohingegen an der Einsicht (am Denken) nur wenige teilhaben, da diese nur dort emergieren könne, wo auch Verstand sei[12]. Weiter differenziert er zwischen vernünftigem Erkennen und der Wahrnehmung, da sich im vernünftigen Erkennen das Richtige und Nicht-Richtige zeige.[13] Aristoteles ruft im Zuge dessen auch in Erinnerung, dass Vorstellung etwas anderes sei als Wahrnehmung und Denken, denn „[…]wie sie selbst nicht ohne Wahrnehmung vorkommt, so gibt es ohne Vorstellung keine Annahme.“[14] Betont wird im folgenden, dass die Vorstellung nicht derselbe Vernunftakt sei wie die Annahme[15], da wir die Vorstellung willkürlich generieren können[16], die Annahme hingegen nicht. Dieser Gedanke – konsequent weitergedacht – resultiert in der Feststellung, dass das Vorstellen ein Vermögen ist, das nach individuellem Ermessen aktualisiert und realisiert werden kann, weil es bei uns liege[17] im Gegensatz zum Meinen: Dieses kann wahr oder falsch sein und liegt deshalb nicht bei uns.[18]

3. Abgrenzung der phantasia

Der protreptische Vorbau des Buches III Kapitel 3 von De Anima mündet im Schluss darin, dass die Vernunft etwas anderes als Wahrnehmung sein muss. Die Notwendigkeit der prioritären Bestimmung der phantasia vor anderen Vermögen ergibt sich aus der im Anschluss von Aristoteles aufgestellten These, der nach die Vernunft zum Teil Vorstellung und zum andern Teil Annahme zu sein scheint[19].

3.1. Abgrenzung der phantasia von der Wahrnehmung (aisthesis)

Als Ausgangspunkt dieser Differenzierung erläutert Aristoteles, dass die phantasia ein Vorstellungsbild (phantastikon) erzeugen kann und somit eine Unterscheidung ermöglicht, mit deren Hilfe Wahres und Falsches unterschieden werden kann.[20] Die Wahrnehmung jedoch ist entweder Möglichkeit oder Wirklichkeit[21], als Beispiel führt er analog den Gesichtssinn und das Sehen an. Aristoteles verweist hier auf das Phänomen des Traumes, das diesem Schema nach nichts anderes sein kann als Vorstellung, weil im Schlaf dem Menschen weder sinnliche Möglichkeit noch Wirklichkeit (i.S.v. Aktualität) disponibel seien.

„Sodann ist die Wahrnehmung immer verfügbar, die Vorstellung nicht.“[22] Wären Wahrnehmung und Vorstellung dasselbe, so wären auch alle Tiere im Besitz eines Vorstellungsvermögens, was Aristoteles allerdings einigen (z.B. Würmern) abspricht.

Er folgert hieraus auf die immerwährende Wahrheit der (reinen) Wahrnehmung und auf die sich hauptsächlich als falsch erweisenden Vorstellungen.

Hiermit ist gezeigt, dass Wahrnehmung nicht gleich phantasia ist.

[...]


[1] Vgl. Heckel/Yardly, 2004, S. 35 f.

[2] Vgl. Höffe, 2006, S. 23. Diese Schriften, die Pragmatien, fanden an seiner Schule, dem Lyzeum, Verwendung und sind zum Großteil erhalten geblieben. Adressaten der professionellen Texte waren Schüler und Kollegen.

[3] Vgl. Helferich, 1998, S. 40 f. Fast gänzlich gingen hingegen diese, allgemein verständlichen für ein breites Publikum bestimmten Dialoge und Schriften, welche auch enzyklische Schriften genannt werden, verloren.

[4] Vgl. Höffe, 2006, S. 137. Die Notwendigkeit der Zuordnung des Phänomens Seele zu den naturwissenschaftlichen Schriften ergibt sich für Aristoteles aus dem Faktum, demnach weder die Seele noch deren Affekte getrennt von der Materie der Lebewesen existieren können.

[5] Es darf hier nur von Tendenzen die Rede sein, weil Aristoteles´ Seelenlehre der Haltung der modernen psychologischen Profession nach „nur“ – ganz naturwissenschaftlich – als deskriptive, empirische Wissenschaft mit induktivem Instrumentarium auftritt wohingegen den Gegenstand moderner Psychologie geistige Phänomene (z.B. Bewusstsein, Intentionalität) bilden, welche ganz andere Ansprüche an Methodik und Auffassungen erheben.

[6] Vgl. De an. III, 3. Hier erkennt er aufgrund der in Buch II, Kapitel 4 und 6 – 11, gewonnenen, granularen Erkenntnisse der verschiedenen Sinne die Notwendigkeit eines Gemeinsinns, mithilfe dessen man gemeinsame Sinnesqualitäten (z.B. Bewegung, Gestalt) perzipieren kann, welche mit den einzelnen, von einander autonom funktionierenden Sinnesorganen nicht erfasst werden können.

[7] Vgl. De an. III, 3, 427a30-427a33.

[8] Vgl. Höffe, 2009, S. 179.

[9] De an. III, 3, 427a45 ff.

[10] De an. III, 3, 427b2-427b5.

[11] Vgl. De an. III, 3, 427b17 ff.

[12] Vgl. De an. III, 3, 427b19 ff.

[13] De an. III, 3, 427b12-427b15.

[14] De an. III, 3, 427b22-427b24.

[15] Vgl. De an. III, 3, 427b35-427b39. Aristoteles differenziert auch zwischen verschiedenen Arten der Annahme und exemplifiziert diese: Wissenschaft, Meinung und Einsicht (Klugheit).

[16] De an. III, 3, 427b25 f.

[17] Vgl. De an. III, 3, 427b25 f.

[18] Vgl. De an. III, 3, 427b29 f.

[19] Vgl. De an. III, 3, 427b40 ff.

[20] Vgl. De an. III, 3, 427b42-428a4.

[21] Vgl. De an. III, 3, 428a7 f.

[22] De an. III, 3, 428a11 f.

Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640501113
ISBN (Buch)
9783640501069
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139918
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Aristoteles De Anima phantasia

Autor

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