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Der Konflikt in Darfur

Erklärungsansätze für seine Entstehung und sein Andauern bis heute

Hausarbeit 2009 38 Seiten

Soziologie - Krieg und Frieden, Militär

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Region Darfur: Naturraum, Wirtschaft, Infrastruktur, Bevölkerung

3. Verlauf des Konflikts seit
3.1. Der Anfang – Wer gegen wen?
3.2. Waffenstillstandsverhandlungen, Friedenstruppen und aktuelle Entwicklungen

4. Erklärungsansätze für den Konflikt
4.1. Ein Zentrum-Peripherie-Konflikt mit suggerierter Ethnisierung
4.2. Darfur als der erste Klimakrieg
4.3. Der inszenierte Konflikt

5. Fazit

Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Im Laufe des Jahres 2003 wurde das Interesse der Weltöffentlichkeit erst sehr langsam, dann jedoch immer stärker auf eine Region gelenkt, die bis dahin in der westlichen Welt weitgehend unbekannt gewesen war: Darfur im Westen des Sudans, dem größten Flächenstaat Afrikas. Dort eskalierte damals gewaltsam ein schon länger schwelender Konflikt, dessen Parteien zunächst nicht ganz einfach auszumachen schienen. Im Frühjahr 2009 erließ schließlich der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag einen Haftbefehl gegen den amtierenden sudanesischen Präsidenten Omar Hassan Ahmad al-Bashir wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen im Rahmen eben dieses Konflikts.

Bereits diese Eckdaten könnten eine Reihe von Fragen auslösen: Handelt es sich in Darfur um ‚typische Stammeskonflikte’, wie sie auf dem afrikanischen Kontinent häufig vorzukommen scheinen? Geht es um knapper werdende Ressourcen? Was hat der Islam, und was die sudanesische Regierung damit zu tun? Warum wird gerade der sudanesische Regierungschef mit einer Anklage belangt, während Andere unberührt - teils im Verborgenen, teils auch von den Medien noch wesentlich detaillierter dokumentiert als die Darfur-Krise - weiter entweder das eigene Volk drangsalieren oder anderswo Kriege anzetteln? Worin besteht die Rolle des Westens? Diese und viele weitere Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit diskutiert und von verschiedenen Seiten beleuchtet werden.

Vor allem aber sollen die Argumente untersucht werden, mit denen sowohl die Entstehung als auch das Fortdauern des Konflikts in Darfur erklärt werden. Des Weiteren werden die Fragen aufgeworfen und erörtert, ob der Konflikt von der Weltöffentlichkeit insgesamt zu viel oder zu wenig oder eventuell auch die falsche Aufmerksamkeit erhält und ob eine Einmischung des Westens sinnvoll, not- oder gar überfällig oder im Gegenteil vielleicht sogar der Situation gänzlich abträglich ist?

Hieraus ergibt sich folgender Aufbau der Arbeit:

Im nachstehenden Kapitel 2 findet sich eine Reihe von Hintergrundinformationen zur Region Darfur, um diese zunächst geographisch, ökologisch, ökonomisch und demographisch einzuordnen.

Kapitel 3 bietet einen Überblick über den Verlauf des Konflikts von 2003 bis heute. Dabei sollen die Ereignisse möglichst neutral und zunächst ohne Wertungen bzw. nähere Erläu-terungen dargestellt werden.

Im vierten und für die vorliegende Arbeit zentralen Kapitel sollen drei Erklärungsansätze für das Entstehen und Andauern der Krise vorgestellt, diskutiert und kritisch betrachtet werden. Hierbei gilt es zu bedenken, dass lediglich einige ausgewählte Autoren und deren jeweilige Ansätze herangezogen werden. Bei der Verwendung anderer Quellen könnten wahrscheinlich verschiedene Akzente gesetzt und möglicherweise sogar noch gänzlich andere Ansätze herausgearbeitet werden. Da die vorliegende Arbeit von der Verfasserin freilich nur aus westlicher Perspektive geschrieben werden kann, werden – auch um den Rahmen nicht zu sprengen – ausschließlich westliche bzw. im Westen lebende und wirkende Autoren heran-gezogen. Die Sichtweisen der sudanesischen Regierung und anderen nichtwestlichen Staaten werden zwar teilweise mit aufgenommen, jedoch jeweils durch die Brille der erwähnten Autoren betrachtet.

Die drei vorliegenden Erklärungsansätze werden in der gängigen Literatur offiziell nicht als solche bezeichnet, sondern lediglich von der Verfasserin in dieser Weise herausgearbeitet. Es sei darauf hingewiesen, dass sowohl der Konflikt an sich als auch die verfügbare Literatur und die Erklärungsansätze sehr komplex sind. Die Informationen bzw. Argumente in den einzelnen Ansätzen ergänzen einander teilweise und bauen zum Teil auch aufeinander auf. Zu anderen Teilen stehen sie in starkem Widerspruch zueinander, weshalb sie letztlich auch als verschiedene Erklärungsansätze gewertet wurden. Aufgrund dieser Komplexität erfolgt die Diskussion der einzelnen Thesen jeweils bereits an Ort und Stelle und nicht in einem gesonderten Kapitel. Ziel ist dabei nicht, ein komplettes Bild des Konflikts zu entwerfen oder letztlich einem der Erklärungsansätze den Vorzug zu geben, sondern die verschiedenen Perspektiven, aus denen der Konflikt betrachtet werden kann, darzustellen.

Im abschließenden Fazit werden die einzelnen Standpunkte nochmals zusammengeführt und gegeneinander abgewogen. Des Weiteren werden Überlegungen für die Zukunft der Region angestellt und es wird versucht den Konflikt in einem globalen Zusammenhang zu betrachten.

2. Die Region Darfur: Naturraum, Wirtschaft, Infrastruktur, Bevölkerung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Der Sudan und seine Bundesstaaten; Quelle: http://www.un.org/Depts/Cartographic/map/profile/sudan.pdf

Darfur umfasst ein Gebiet von etwa einer halben Million Quadratkilometer, wovon zwei Drittel der Sahelzone zuzurechnen sind. (Jöckel 2004: 85) Der Name Darfur bedeutet auf Arabisch ‚Land der Fur’, was auf den dominierenden Stamm zurückgeht, der dort im 14. Jahrhundert ein unabhängiges Sultanat errichtete, das bis 1916 bestand. Seitdem gehört Darfur zum bis 1956 noch unter britischer Herrschaft stehenden Sudan, 1994 wurde die Region in die Bundesstaaten Nord-, West- und Süd-Darfur aufgeteilt. Die nördliche und westliche Provinz grenzen an den Tschad, die südliche grenzt an die Zentralafrikanische Republik. Im sudanesischen Kontext gehörte Darfur immer zur Peripherie, ein ebenso wichtiger wie tragischer Umstand, auf den in Kapitel 4 noch näher eingegangen wird. (vgl. die Karte Abb. 1) (Strube-Edelmann 2006: 9f.)

Darfur ist mit Ausnahme des zentralen vulkanischen Gebirgsmassivs Dschebel Marra, dessen Gipfel bis zu 3000 Meter Höhe erreichen, eine Ebene auf durchschnittlich 900 Metern über dem Meeresspiegel. Der Norden ist die trockenste Zone mit nur 300 Millimetern Niederschlag im Jahr. Dort leben daher vor allem Kamelnomaden, Landwirtschaft wird kaum betrieben. In der zentralen so genannten Qoz[1] -Region um den Dschebel Marra dagegen leben sesshafte Bauern, die aufgrund der höheren Niederschlagsmenge Hirse, Mais, Sesam, Okra, Tomaten und Zwiebeln anbauen. Die Böden sind dort eher sandig, der jährliche Niederschlag beträgt circa 500 Millimeter. Der Dschebel Marra selbst hat ein wesentlich kühleres Klima, wo es sogar zu Nachtfrösten kommen kann. Im Süden und Südwesten herrscht semihumides Klima mit bis zu 900 Millimeter Regen im Jahr. Dort kann noch intensivere Landwirtschaft betrie-ben werden: Es werden vor allem Erdnüsse, teilweise Zitrusfrüchte und Mangos, seltener auch Bananen angebaut. Neben Ackerbauern leben dort vor allem Rinderzüchter. (Prunier 2006: 14f.)

Die Ökonomie Darfurs fußt vor diesem Hintergrund vor allem auf Subsistenzwirtschaft mit Ackerbau und Viehzucht. In vorkolonialer Zeit wurde wesentlich mehr Handel betrieben als in der Gegenwart, vorwiegend mit Sklaven, Elfenbein und Straußenfedern, die inzwischen ihre Bedeutung gänzlich verloren haben. (ebd.: 15f.) Heute ist besonders Gummi Arabicum ein wichtiger Wirtschaftszweig. (Strube-Edelmann 2006: 9) Laut Strube-Edelmann (ebd.) verfügt Darfur über zahlreiche Bodenschätze wie z. B. Gold, Kupfer und Eisen sowie auch über Erdöl, das jedoch noch nicht ganz erschlossen sei. Hierbei sind die Angaben jedoch widersprüchlich, so behauptet bspw. Prunier (2006: 222, Fußnote 54), dass in Darfur bisher weder Öl gefunden noch entsprechenden Untersuchungen durchgeführt worden seien. Diese auch politisch sehr wichtige Frage wird in Kapitel 4 noch weiter erörtert.

Betrachtet man die Infrastruktur in Darfur aus westlicher Sicht, aber auch im Vergleich mit der Nilregion, so fehlte es bereits vor der Eskalation des Konflikts 2003 nahezu an allem[2]. Die westliche Provinz ist bereits seit der britisch-ägyptischen Kolonialzeit fortlaufend vernachlässigt worden. Einige Gebiete vor allem in Nord-Darfur sind bis heute nicht erschlossen und mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten. Es gibt nur sehr wenige Teerstraßen und in der Regenzeit sind vor allem im Süden viele Pisten unpassierbar. Die 1959 fertig gestellte Eisenbahnlinie zwischen Darfur und dem Niltal verkehrt bis heute nur unregelmäßig. Auch das Gesundheits- und Bildungssystem ist völlig unzureichend ausgebaut. Im Vergleich zum zentral gelegenen Niltal existieren in Darfur weit weniger Krankenhäuser und Gesundheitszentren. Langfristige Defizite wie mangelhafte Ernährung und ungünstige hygienische Verhältnisse in Kombination mit der schlechten Gesundheitsversorgung führen dazu, dass viele Menschen an Krankheiten sterben. (Jöckel 2004: 88ff.)

Zwar sind in den Jahren vor 2003 einige neue Schulen gebaut worden, jedoch zumeist in den Städten und weder quantitativ noch qualitativ mit der Niltalregion vergleichbar. Es ist davon auszugehen, dass die Analphabetenrate in Darfur noch höher liegt als im Gesamtsudan (2001 44 % der über 15-jährigen Männer und 56 % der Frauen). Begründet werden kann dies mit der zu geringen Anzahl von Schulen in der Region sowie dem häufigen Unterrichtsausfall aufgrund der unregelmäßigen Bezahlung der Lehrkräfte. Hinzu kommen die materielle Situation der Bevölkerung sowie ihre Einstellung zur Bildung. Zum einen können sich viele einkommensschwache Familien Dinge wie Schuluniformen, Bücher, etc. nicht leisten, zum anderen werden besonders auf dem Land viele Kinder lieber für die Feld- bzw. Hausarbeit herangezogen, als zur Schule geschickt. Von letzterem sind aufgrund geschlechtsspezifischer Rollen besonders Mädchen betroffen.[3] (ebd.: 94ff.)

Was die Bevölkerung betrifft, so ist zunächst zu betonen, dass der Sudan insgesamt in den vergangenen Jahrzehnten ein jährliches Wachstum von 2,6 Prozent aufwies. Im Jahr 1973 hatte er nur 14,8 Millionen Einwohner, 2008 waren es Schätzungen zufolge 36,2 Millionen. (Auswärtiges Amt 2008) Die sudanesische Volkszählung 2009 nannte 39,15 Millionen. (AG Friedensforschung 2009a) Auch in Darfur hat sich die Bevölkerungszahl entsprechend erhöht, heute leben dort circa sechs Millionen Menschen[4]. (Prunier 2006: 15) Die Region wurde im 17. Jahrhundert islamisiert, weshalb heute alle dort lebenden Menschen Muslime sind. (Jöckel 2004: 88; Strube-Edelmann 2006: 11) Wie schon erwähnt, besteht die Bevölkerung vorwiegend aus nomadisierenden Viehzüchtern und sesshaften Ackerbauern. Sie lässt sich sehr grob in vier Gruppen unterteilen: Die als indigen geltenden Fur gehören wie auch die Masalit, die Daju, die Tunjur und die Qimr zu den sesshaften afrikanischstämmigen Ethnien. Sie leben in West-Darfur und betreiben zumeist Ackerbau; die Fur um den Dschebel Marra herum bauen vorwiegend Hirse als Grundnahrungsmittel an. Zu den (halb)nomadischen Afrikanisch-stämmigen gehören im Nordwesten die vollnomadischen Zaghawa und im Nordosten die halbnomadischen Badayat und Meidob, die Schafe und Ziegen halten. Arabischstämmige Sesshafte sind die Messiriya; zu den arabischstämmigen Nomaden gehören die Kamelzüchter der Zaiydiya und die unter dem Namen Baggara zusammengefassten Rinderzüchter. All diese Gruppen hatten zwar bestimmte Territorien, in denen sie vorwiegend lebten, doch gab es historisch viele Begegnungen und Wanderungsbewegungen sowie häufig auch Mischehen. (Khalafalla 2005: 42) Prunier (2006: 16, Fußnote 13) zufolge werden in Darfur 36 bis 150 ‚Stämme’ unterschieden, wobei die jeweiligen Unterscheidungskriterien sogar bei den Betroffenen selbst selten eindeutig sind. Auch die so genannten ‚Araber’ bzw. ‚Afrikaner’ seien nicht wirklich klar voneinander zu unterscheiden. Dies liegt einerseits an der historischen Durchmischung der Völker, so dass nahezu alle Einwohner des Sudans dunkelhäutig sind, andererseits daran dass auch viele afrikanischstämmige Sudanesen bzw. Darfuris teils zwei- und mehrsprachig sind, teils aber auch nur Arabisch als Muttersprache haben. Ein gewisser, teils sehr scharfer kultureller Rassismus existierte im Sudan schon lange und gipfelte in der dichotomen Unterscheidung zwischen ‚Arabern’ und ‚zuruq’ (im klassischen Arabisch eigentlich ‚blau’, im Sudanarabischen für ‚schwarz’ im Sinne von ‚afrikanisch’ gebraucht). Letztere werden auch häufig verächtlich als ‚abid’, Sklaven, bezeichnet. Auch die Bezeichnung ‚Araber’ kann in unterschiedlichen Kontexten verschiedene Bedeutungen tragen: So kann damit die Muttersprache gemeint sein, ein Hinweis auf Abstammung von Bewohnern der arabischen Halbinsel, ein Hinweis auf Nomadentum oder im Gegensatz dazu auch ein Merkmal der Zivilisation.[5] Keinesfalls dürfen die so genannten arabischen Stämme im Westen leichtfertig mit den (meist selbsternannten) Arabern des Niltals gleichgesetzt werden. Khalafalla (2005: 46) schreibt dazu:

„(…) dass zwischen den nomadischen Arabern von Darfur und den sesshaften ara-bischen Eliten, die den Staat kontrollieren, Welten liegen. Sie stehen ihren nicht-arabischen Nachbarn in vielerlei Hinsicht näher, sogar im Arabisch, das sie sprechen.“

Inwieweit die Unterscheidung ‚arabisch’ vs. ‚afrikanisch’ in Darfur möglicherweise von ver-schiedenen Akteuren instrumentalisiert worden ist, wird im Laufe der vorliegenden Arbeit noch eingehender betrachtet. Im Folgenden soll zunächst die Geschichte des Konfliktes in Darfur seit 2003 in groben Zügen dargestellt werden.

3. Verlauf des Konflikts seit 2003

3.1. Der Anfang – Wer gegen wen?

Als der Konflikt eskalierte, hatten gerade die Verhandlungen zum Friedensvertrag [6] zwischen dem Nord- und Südsudan begonnen. Dort herrschte mit einer Unterbrechung von elf Jahren (1972-1983) seit 1955 ein erbitterter Bürgerkrieg. Die Rebellen in Darfur fühlten sich mit dem Süden verbunden und griffen zu den Waffen – möglicherweise um eine zweite Front im Land zu errichten und damit die Regierung zu schwächen[7]. Ende Februar 2003 gründeten sie die so genannte Darfur Liberation Front, die zunächst nur regionale Interessen hatte und deren Mitglieder überwiegend den Fur angehören. (Prunier 2006: 256) Bereits im März nannte sie sich jedoch in Sudanese Liberation Movement (SLM, der politische Arm) bzw. Sudanese Liberation Army (SLA, der militärische Arm) um . Sie verfolgte einen gesamtsudanesischen Anspruch mit Anlehnung an die SPLA im Südsudan, die zuvor auch bereits SLA-Kämpfer ausgebildet haben soll. Ende 2005[8] erfolgte eine (ethnische) Spaltung der SLA in zwei Fraktionen: eine größere unter dem Zaghawa Minni Arkou Minnawi[9], der einen demokratischen ‚Einheitssudan’ forderte, und eine kleinere unter dem Fur Abdelwahid Mohammed El Nur. Eine zweite Rebellengruppe mit dem Namen Justice and Equality Movement (JEM) soll von Präsident Bashirs früherem Partner und heutigem Widersacher Hassan at-Turabi[10] gegründet worden sein, was jedoch von offiziellen Sprechern der Bewegung geleugnet wird. (Strube-Edelmann 2006: 13ff.) Ihr Führer, Khalil Ibrahim, gab an, Autor des im Jahr 2000 anonym herausgegebenen kitab al-aswad (‚Schwarzbuchs’) zu sein, welches das Machtmonopol der Niltalbewohner auf Kosten der übrigen Bevölkerung angeprangert hatte. Mitglieder der JEM sind vor allem Zaghawa. (Prunier 2006: 113, 124, 256)

Ende Februar 2003 griffen die Rebellen der SLA zum ersten Mal in auch für die Regierung, die Unruhen im Westen durchaus gewohnt war[11], bedrohlicher Weise zu den Waffen. Sie griffen die kleine Garnisonsstadt Golu nahe des Dschebel Marra an und töteten dort etwa 200 Soldaten. (Prunier 2006: 122f.) Im April[12] kam es zu einem Angriff auf den Flughafen der Stadt Al-Fasher, der Hauptstadt Nord-Darfurs, ebenfalls durch die SLA. Dabei wurden viele Soldaten getötet und mehrere Kampfflugzeuge gesprengt.[13] In den darauf folgenden Monaten stießen die Rebellen auf weitere Städte vor, wobei jeweils mehrere hundert Soldaten getötet wurden. Am 1. August gelang ihnen die Einnahme der Stadt Kutum in Nord-Darfur. (Prunier 2006: 128) Als Antwort auf die Aufstände in Darfur folgte ab Ende Juli die massive Bombardierung ziviler Ziele in Darfur durch die Regierung. Bald darauf begannen die so genannten Dschandschawid, arabische Reitermilizen, diejenigen Teile der Bevölkerung zu bekämpfen, die die SLA bzw. JEM unterstützten. Der Name Dschandschawid lässt sich aus dem Arabischen ungefähr mit ‚Geisterreiter’ übersetzen. Zur Herkunft dieser durch die Zerstörung von Dörfern, Vertreibungen, Vergewaltigungen und Exekutionen für Entsetzen[14] sorgenden Milizen existieren mindestens zwei Versionen: Die eine besagt, es handle sich um nomadische Kamelzüchter aus dem Tschad und Westafrika in Kooperation mit berittenen Kämpfern der Baggara aus Darfur. Nach der zweiten Version habe der Stamm der Zaghawa im Tschad, der in den 1990er Jahren dort eine Vormachtstellung innehatte, da einer ihrer Angehörigen Präsident war, immer wieder arabischsprachige Stämme überfallen, die dort lebten. Diese seien in den Sudan geflohen und hätten gegen ihre Verfolger, aber auch gegen die im Sudan lebenden Zaghawa, an denen sie Rache nehmen wollten, die Dschandschawid gebildet. (Strube-Edelmann 2006: 15f., Fußnote 40) Mehreren Quellen zufolge (z.B. Khalafalla 2005: 40; Prunier 2006: 129; Suliman 2008: 18) sollen sie bereits in den 1980er Jahren im Zusammenhang mit Spannungen zwischen ‚Arabern’ und Fur ihr Unwesen getrieben haben. Bei dem hier vordergründig betrachteten Konflikt sollte jedoch nicht der Eindruck entstehen, dass alle arabischen’ Stämme auf Seiten der Dschandschawid kämpften, denn dies ist nie der Fall gewesen. Viele waren gegen die Reitermilizen eingestellt bzw. kämpften sogar auf Seiten der ‚afrikanischen’ Rebellen. (United Nations 2005: 32) Von Anfang an wurde indes der sudanesischen Regierung die Bewaffnung bzw. zumindest die Unterstützung eben dieser Dschandschawid vorgeworfen; kam doch bereits die Ende 2004 von den Vereinten Nationen abgestellte Untersuchungskommission zu diesem Ergebnis. (ebd.: 36) Die Regierung indes dementiert diese sowie auch die Vorwürfe des Internationalen Strafgerichtshofes bezüglich der Kriegsverbrechen bis heute. (Sudan Tribune 2009)

[...]


[1] Auch Goz genannt . Laut Jöckel (2004: 86) ist darunter im weiteren Sinne Dünensand zu verstehen.

[2] Die folgenden Angaben basieren auf dem 2004 veröffentlichten Buch von Jöckel, das jedoch offenbar schon 2003 fertig gestellt wurde und den Konflikt nicht thematisiert.

[3] Die Angaben Jöckels decken sich mit den Beobachtungen der Autorin zur Situation der Bildung in ländlichen Gebieten während ihres eigenen Sudanaufenthaltes 2002/03. Ähnlich wie in Darfur verhält es sich also auch in anderen peripheren Gebieten.

[4] Für frühere Jahre lassen sich nur schwerlich Angaben finden, aber es müssen auch dort deutlich weniger gewesen sein. Ibrahim (1980: 106) konzentriert sich auf Nord-Darfur, erwähnt aber eine Schätzung von 1903 über Gesamtdarfur mit nur 270.000 Einwohnern. Für die Nordprovinz in der Zeit von 1956-1973 nennt er ein jährliches Bevölkerungswachstum von 1,8 Prozent. (ebd.: 107)

[5] Die Bemerkungen Pruniers zum sudanesischen kulturellen Rassismus decken sich mit den Beobachtungen der Autorin. In der Hauptstadt Khartum wurde z.B. immer wieder deutlich kommuniziert, dass Ehen zwischen ‚Arabern’, d.h. den Bewohnern des Niltals, und ‚Afrikanern’ bspw. aus dem Westen gesellschaftlich absolut unerwünscht waren. Dabei zeigte sich stets eine gewisse Ungereimtheit. Die Diskurse waren einerseits deutlich rassistisch geprägt, andererseits war immer wieder zu hören, dass Sudanesen doch ‚eigentlich alle Brüder’ seien, wie es auch Prunier (2006: 106) schildert.

[6] Die folgenden Angaben beziehen sich vor allem auf die Darstellung des Deutschen Bundestages von 2006, die sich wiederum auf einschlägige Literatur stützt. In den meisten Quellen findet sich eine sehr ähnliche Darstel-lung der Ereignisse. Vor allem das genaue Ausmaß der Gewalt kann jedoch nicht überprüft werden. Die Autorin selbst hielt sich Anfang 2003 noch in Khartum auf. Doch selbst dort waren damals nur widersprüchliche Infor-mationen über die Vorgänge in Darfur im Umlauf. Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit wie der Deutsche Entwicklungsdienst hatten sich aus Selbstschutz zunächst kurzfristig aus der Region zurückgezogen.

[7] Zu den möglichen Motiven der Rebellen und weiteren Erklärungsansätzen siehe Kapitel 4.

[8] Strube-Edelmann spricht zwar von 2003, doch dabei muss es sich um einen Fehler handeln, denn in sämtlichen anderen Artikeln findet sich für die Spaltung die Angabe 2005.

[9] Laut Prunier (2006: 235, Fußnote 93) verbündete dieser sich später mit den Dschandschawid und wurde 2006 sogar zum Berater des Präsidenten.

[10] Hassan at-Turabi ist Führer der sudanesischen Muslimbrüder und war bis 1999 der zweitmächtigste Mann im Staat. Aufgrund eines Streits um die Machtansprüche und unterschiedlicher Ansichten in Bezug auf den Süden des Landes wurde er 1999 aus der Regierung entlassen. Seit 2004 steht er unter Hausarrest und war auch immer wieder immer Gefängnis, nicht zuletzt wegen der Verbindungen zur JEM.

[11] Siehe dazu Kapitel 4.

[12] Die Angaben zum genauen Datum sind unterschiedlich. Strube-Edelmann bspw. spricht vom 18., Prunier vom 25. April. Prunier (2006: 127) spricht zudem von einer „koordinierten Großaktion“ mit Angriffen auf Al-Fasher und Nyala. So ist zu vermuten, dass auch diese konkreten Aufstände mehrere Tage andauerten.

[13] Die Zahlen unterscheiden sich auch hier wieder. Es handelte sich wahrscheinlich um vier Flugzeuge. Prunier spricht von 32 getöteten Regierungssoldaten und erwähnt die US-Angabe von weiteren 200 getöteten Gefan-genen der Armee, die sich zuvor ergeben hatten. Strube-Edelmann spricht von insgesamt 75 getöteten Soldaten.

[14] Zu einigen den Dschandschawid vorgeworfenen Gräueltaten vgl. z.B. Amnesty International (2004), worauf sich auch Prunier (2006: 133ff.) bezieht.

Details

Seiten
38
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640500680
ISBN (Buch)
9783640500550
Dateigröße
902 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139888
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien
Note
1,0
Schlagworte
Darfur Sudan Konflikt Umweltflucht Klimawandel Erklärungsansätze

Autor

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Titel: Der Konflikt in Darfur