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Wetteifer und Wettkampf im Sportunterricht

von Johannes Vees (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 20 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Allgemeines zum Thema Wetteifer und Wettkampf

1.1 Klärung der Begrifflichkeiten
1.2 Funktionen sportlicher Wettkämpfe
1.3 Leistung und Wettkampf
1.4 Wertewandel
1.5 Einige Positionen zu Wetteifer und Wettkampf

2. Wettkampf in der Schule
2.1 Schwierigkeiten von Wettkämpfen
2.2 Argumente gegen Wettkämpfen in der Schule
2.3 Argumente für Wettkämpfen in der Schule
2.4 Probleme des Wettkämpfens in der Schule
2.5 Alternative Wettkampfformen
2.6 Was ist „gutes Wettkämpfen“?
2.7 Ist Wettkämpfen Jungensache? Probleme, die sich in
der Koedukation ergeben können

3. Literaturverzeichnis

1. Allgemeines zum Thema Wetteifer und Wettkampf

1.1 Klärung der Begrifflichkeiten

Zunächst einmal möchten wir zwei Definitionen zum Begriff „Wettkampf“ vorstellen. Hierzu ist es vorab allerdings notwendig, sich kurz über den Ursprung des Wettbewerbs klar zu werden. Dieser wird folgendermaßen beschrieben:

Der Wettbewerb auf der Basis von Körperübungen ist eine Erscheinung der Menschheitsgeschichte von den Anfängen körperlicher Wettkämpfe (Ringen, Ballspiele) und der Tanzkunst in der voll entfalteten Urgesellschaft (5000-2000 v. u. Z.) bis zu den mannigfaltigen Wettkampfsystemen vieler Sportarten an der Schwelle zum 21.Jahrhundert.[1]

Hierin wird schnell deutlich, welch feste Verankerung der Wettbewerb in der Gesellschaft schon immer hatte und natürlich auch heute noch hat. Nun aber zur ersten Definition des etwas abweichenden Wortes „Wettkampf“:

Leistungsvergleich, der auf der Grundlage der Wettkampfordnung und der Wettkampfbestimmungen einer Sportart zwischen Sportlern/Sportlerinnen bzw. Mannschaften mit dem Ziel ausgetragen wird, höchste sportliche Leistungen bzw. den Sieg zu erreichen und einer Ranfolge der Platzierten zu ermitteln.[2]

Schaut man sich diese Definition etwas genauer an und berücksichtigt dabei, in welchem Werk sie zu finden ist (Trainingswissenschaft), so stellt man fest, dass der Fokus auf den Begriffen Leistung und Sieg liegt. Dies ist keinesfalls in jeder Definition der Fall, was ein Blick in das Sportwissenschaftliche Lexikon beweist:

W. bezeichnet im Sport eine unter der Maxime der Chancengleichheit vorab geregelte Auseinadersetzung zwischen Individuen [...] oder Nationen um einen ideellen symbolischen oder materiellen Wert, den in der Regel nur eine der wettkämpfenden Parteien gewinnen kann. Der Begriff W. (aus Wette: ‚Pfand, Einsatz, Ersatz’ und Kampf ‚Zweikampf, Kampfspiel, Wettstreit’, aus lat. campus ‚Schlachtfeld’ entlehnt) begegnet in allen Bereichen des öffentl. und privaten Lebens, wenn es um Leistungsvergleich und Gewinn [...] geht.[3]

Zwar sind oben genannte Begriffe in dieser Definition ebenso oder in ähnlicher Weise vorzufinden, jedoch ist eine Erweiterung ersichtlich, welche Wörter wie die Chancengleichheit und den Wert beinhaltet. Es geht folglich um mehr als nur das reine Erringen eines Sieges. Dies wird vor allem von Bedeutung sein, wenn wir uns dem Wettkampf im Sportunterricht zuwenden und sportpädagogische Aspekte zu integrieren sind.

Weiterhin gilt es, sich mit der Bezeichnung „Wetteifer“ auseinander zu setzen. Hierfür liegen keine allgemeingültigen Definitionen vor, so dass wir versuchen müssen, den Sinngehalt zu umschreiben. Man weiß, dass die intrinsische Motivation eines jeden Menschen dafür verantwortlich und natürlich auch unabdingbar ist, wenn es um die Vollbringung einer Leistung geht. Dabei ist das Bemühen von zentraler Wichtigkeit, schließlich kann es für die Verbesserung sportlicher Fertigkeiten sorgen und somit mit Vergnügen am Sport einhergehen. Man könnte sagen, dass der Wetteifer quasi eine Grundvoraussetzung für den Wettkampf ist. Der Reformpädagoge Herman Nohl drückte es noch weitaus prägnanter aus, denn er redet vom Wetteifer als wichtigstes Erziehungsmittel. In seinem Vortrag auf dem Internationalen Sportkongress im Jahre 1951 lässt sich Nohls pädagogische Einstellung zum Wetteifer erkennen:

Der Wetteifer ist merkwürdigerweise in der Theorie der Erziehung immer wieder schlecht beurteilt worden, weil man ihn als Schrittmacher des Egoismus ansah, und man hat seit Rousseau und eigentlich schon seit dem frühen Christentum versucht, ihn möglichst auszuschalten. Nun ist er aber die eigentliche Seele des Sports, führt die jungen Menschen Tag für Tag gegeneinander, erregt schon die kleinsten und hält bei den Olympischen Spielen die ganze Welt in Atem. Er ist der große Motor des Lebens.[4]

Gerade der letzte Satz, aber auch die Metapher vom Wetteifer als der eigentlichen Seele des Sports veranschaulichen das Gewicht des Begriffs. Allerdings gilt es auch, sich der Gefahren übertriebenen Wetteifers bewusst zu sein. Bei einer Überbetonung der Leistung kann es rapide zu Störungen in der Gemeinschaft kommen, vor allem wenn man bedenkt, „dass der Wetteifer auf das engste mit dem Ehrgefühl verbunden“[5] ist. Natürlich birgt diese Problematik eine gewisse Gefahr, zugleich aber bringt sie Chancen mit sich, denn das Ziel muss der fröhliche Wetteifer sein, bei welchem „der Wille zum Siegen als sekundär“[6] betrachtet wird. Möchte man das Ganze auf einen Nenner bringen, so sollte der Wetteifer als freie, fröhliche und ehrliche Form des Leistungsstrebens verstanden werden., welche ein höheres Lebensgefühl zur Folge hat.[7]

1.2 Funktionen sportlicher Wettkämpfe

Nachdem die Begrifflichkeiten somit in aller Kürze erläutert wurden, werden nun die Funktionen sportlicher Wettkämpfe unter die Lupe genommen. In der Literatur herrscht üblicherweise Übereinstimmung über sechs zentrale Funktionen. Wenn gleich der Sport auf den ersten Blick überhaupt nichts mit Politik zu tun haben scheint und für viele Menschen vielleicht sogar von seinem gesamten Wesen her das komplette Gegenteil sein mag, so erfüllt er dennoch eine nicht zu unterschätzende politische Funktion. Mit dem zunehmenden Einfluss der Massenmedien rückt der Sport konsequenterweise ebenfalls mehr und mehr in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Beste Beispiele hierfür sind die Olympischen Spiele, die Fußball-Weltmeisterschaft, aber auch andere Events von höchstem medialen Interesse aus sämtlichen Sportarten, seien es die Grand-Slam-Turniere im Tennis oder die Vierschanzentournee der Skispringer. Gerade die Olympischen Spiele werden dazu genutzt, „den Entwicklungsstand des Leistungssports in einem Land zu demonstrieren.“[8] Überdies kann man immer wieder beobachten, wie Athleten den Sport nutzen, um auf politische Verhältnisse hinzuweisen. Der wohl bekannteste Eklat ereignete sich im Jahre 1968 bei den Olympischen Sommerspielen in Mexiko City, als sich der Afroamerikaner John Carlos nach seinem Sieg im 200m-Lauf während der Nationalhymne zusammen mit seinem Landsmann Tommy Smith einen schwarzen Handschuh anzog und die Faust bei gesenktem Haupt in die Höhe streckte. Diese „Black Power“-Geste war als Zeichen für Menschenrechte und gegen Rassendiskriminierungen zu verstehen und somit von höchster politischer Motivation.[9]

Dass der Sport eine kulturell-erzieherische Funktion erfüllt, ist schon wesentlicher einleuchtender. Die Wettkampfkultur ist auf der ganzen Welt nicht mehr wegzudenken. Verschiedene Gründe sind dafür anführbar. Diese reichen von den Leistungen der Athleten selbst über die Dynamik des Wettkampfgeschehens und der Ästhetik menschlicher Bewegungsformen hin bis zu der Atmosphäre rund um einen Wettkampf. All diese „Faktoren sind für den Unterhaltungs- und Erlebniswert der sportlichen Wettkämpfe“ von elementarer Signifikanz.[10]

Unabhängig von der Ebene der sportlichen Wettkämpfe verfügen diese über die Fähigkeit, das Sozialverhalten von Sportlern untereinander zu fördern. Mit einzubeziehen sind darüber hinaus die Vertreter der Medien sowie die Unparteiischen und Organisatoren der Wettbewerbe.

Ferner besitzen Wettkämpfe eine leistungssteigernde Funktion. Sie sind einerseits „Zielgröße im langfristigen Trainingsprozeß als auch methodisches Mittel im zielgerichteten (Leistung, Platzierung), geplanten Ausbildungsprozeß.“[11] Im Rahmen der Trainingslehre gilt es, den Unterschied zwischen Hochleistungs- und Nachwuchsbereich zu berücksichtigen. Weiterhin müssen einige Kriterien beachtet werden, um die leistungssteigernde Funktion wirksam werden zu lassen. Darunter fällt unter anderem ein angemessenes Leistungsniveaus des Gegners, die eigene Einstellung zum Wettkampf, aber letztlich auch die Beherzigung der Fairness-Regeln.

Unter der selektiven Funktion sportlicher Wettkämpfe versteht man im Nachwuchsbereich die Auswahl und damit weitere Förderung von Talenten. Im Hochleistungssport sind Leistungen innerhalb eines Wettkampfsystems eine Indizes für die Umsetzung von Trainingsleistungen sowie für die Auswahl der Sportler.[12]

Zu guter letzt haben Wettkämpfe eine kommerzielle Funktion inne, welche in den vergangenen Jahren drastisch an Bedeutung gewonnen hat. Es ist völlig klar, dass diese beispielsweise durch ansprechende Leistungen der Athleten und dem damit verbundenen Zuschauerzuspruch zur Eigenfinanzierung der jeweiligen Sportart beitragen. Auf längere Sicht gesehen kann dies zu einer finanziellen und gleichermaßen materiellen Stärkung führen. Nicht zu unterschätzen ist heutzutage leider jedoch auch der finanzielle Missbrauch, welche vornehmlich im Leistungssport anzutreffen ist und in einem unfairen Leistungsvergleich resultiert.[13]

1.3 Leistung und Wettkampf

„Wettkampf und Leistung sind Grundprinzipien des Sports“[14], so bringen es die beiden Sportwissenschaftler Grupe & Krüger auf den Punkt. Sie betonen ihre übergeordnete Rolle und verknüpfen beide Termini zudem mit dem Begriff „Erfolg“, welcher im Sport gleichfalls eine grundlegende Rolle spielt. Betrachtet man den Menschen aus der Perspektive der Anthropologie, so erfährt man, dass er ein „leistendes Wesen“[15] ist, welches von der Konkurrenz mit seinen Mitmenschen lebt. Da sein Zusammenleben mit anderen Personen aber natürlich auch Harmonien benötigt, spricht man in der Literatur von der sogenannten „Agonalität“, welche „seit der griechischen Antike als ein Strukturmerkmal der abendländischen Kultur angesehen“ wird.[16] Dessen ungeachtet bestehen Differenzen kultureller und historischer Art hinsichtlich der Einstellungen gegenüber sportlichen Leistungen und sportlichen Wettkämpfen, welche oftmals ihren Ursprung in individuellen, kulturellen und sozialen Wertvorstellungen haben.

Wenden wir unseren Blick nun für einen Moment dem Sportunterricht in der Schule zu. Innerhalb der Institution Schule bilden das Wetteifern und das Leisten wesentliche Kategorien der Fachdidaktik. Da Kinder und Jugendliche bekanntlich äußersten Wert auf Gerechtigkeit legen, ist es im Vorfeld eines Wettkampfes unerlässlich, Chancengleichheit herzustellen. Dies geschieht durch Regeln, welche Schülerinnen und Schüler von Anfang an erlernen und respektieren sollen. Die Lehrkraft ist ebenso dazu angehalten, die Klasse in die Konstitution von gewissen Regeln mit einzubeziehen und regelmäßig mit ihr über das Regelwerk zu reflektieren. Dies ermöglicht eine konstruktive Konfliktaustragung, an der alle beteiligt sind. Die durch Regeln beabsichtige Erzielung von Chancengleichheit hat des weiteren den Zweck, Spannung im Wettkampfverlauf so lange zu erhalten, bis ein Sieger feststeht.

Im Schulsport soll den Schülerinnen und Schülern überdies die Möglichkeit gegeben werden, sich auszutoben. Die Katharsis-Hypothese besagt, dass nach dem sportlichen Wettkampf ein Wohlgefühl eintritt, nachdem während diesem Aggressionen abgebaut werden konnten. Im Kontrast zu Tieren besitzen Menschen glücklicherweise einen Verstand, welcher ihnen dabei geholfen hat, im Laufe der Evolutionsgeschichte solche Formen des Kampfes zu entwickeln, bei denen ohne direkte Anwendung offener Gewalt Siege errungen werden können (Beispiele: Politik, Gericht, Geschäftswelt). Gewaltanwendung ist in der heutigen Gesellschaft mehr und mehr eine Randerscheinung, was dazu führt, dass die urtypischen „Werkzeuginstinkte“ – körperliche Handlungen zum Aggressionsabbau – kaum noch einsetzbar sind. Als logische Konsequenz daraus bietet der Sport als einer „der letzten Lebensbereiche“[17] die Möglichkeit, diese anzuwenden. Es ist daher auch keine zufällige Erscheinung, dass der Wettkampfsport in seiner ganzen Vielfalt, das heißt inklusive Aggressionen, insbesondere in jenen Kulturen stark verbreitet ist, in welchen die Entwicklung im öffentlichen Leben kaum noch Aussicht auf den Einsatz der „Werkzeuginstrumente“ bietet. Demzufolge ist der Wettkampfssport als Ausgleich oder Ersatz dafür anzusehen.[18]

[...]


[1] Schnabel, G./ Harre, D./ Borde, A., 1994: Trainingswissenschaft. Leistung – Training – Wettkampf. Berlin: Sport und Gesundheit Verlag GmbH, S.469.

[2] ebd., S.470.

[3] Röthig, P. (Red.), 1983: Sportwissenschaftliches Lexikon. Schorndorf: Hofmann, S.451.

[4] Nohl, H., 1962: Schuld und Aufgabe der Pädagogik. Schorndorf: Hofmann, S.67.

[5] Kim, K.-W., 1995: Wettkampfpädagogik. Pädagogik des sportlichen Leistungshandelns im Kinder-Wettkampfsport. Berlin: Tischler, S.20.

[6] ebd.

[7] ebd.

[8] Schnabel, 1994, S.472.

[9] http://www.zeit.de/online/2008/42/olympia-blackpower-john-carlos-interview, 23.11.2008.

[10] Schnabel, 1994, S.472.

[11] ebd.

[12] Schnabel, 1994, S.473.

[13] ebd., S.473.

[14] Grupe, O./ Krüger, M., 1997: Einführung in die Sportpädagogik. Schorndorf: Hofmann, S.256.

[15] ebd.

[16] ebd.

[17] Gruppe, 1997, S.265.

[18] ebd., S.265f.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640500956
ISBN (Buch)
9783640500833
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139873
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Note
1,7
Schlagworte
Wetteifer Wettkampf Sportunterricht Leistung Wertewandel Schulsport Koedukation Alternative Wettkampfformen Sportpädagogik

Autor

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    Johannes Vees (Autor)

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