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Konrad Fiedler - Der Wahrnehmung auf der Spur

Hausarbeit 2006 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Eine Einführung

2. Zentrale Thesen Fiedlers im Überblick
2.1 Fiedlers Wirklichkeitsverständnis
2.2 Das Sehen als Ausdrucksbewegung
2.3 Die Rolle der Sprache
2.4 Das Besondere am Gesichtssinn

3. Die Ausdrucksbewegung und ihr Sichtbarwerden im Kunstwerk
3.1 Das Bild als Vollzugsform der Wahrnehmungsphilosophie
3.2 Das Künstlertum als Berufung einer Elite?
3.3 Der Künstler auf verlorenem Posten?

4. Schlussbetrachtungen

Anhang:

Literaturverzeichnis

1. Eine Einführung

„Die Kunst ist eine Vollzugsform der Wahrnehmungsphilosophie.“[1] So bringt Lambert Wiesing am Ende seines Resümees über Konrad Fiedler dessen Hauptthese auf den Punkt. Doch was heißt das im Einzelnen? Welchen Beitrag leistet Konrad Fiedler mit seinen Ansichten für die Wahrnehmungsphilosophie?

Durch die Verbindung von Wahrnehmungs- und Kunsttheorie ermöglicht der „Kunstschriftsteller, Mäzen und Kunstsammler“[2] und Vertreter der formalen Ästhetik einen Blick auf die Wahrnehmungstheorie als künstlerische Tätigkeit und stellt damit den Künstler einem Wissenschaftler gleich.

Ausgehend von Fiedlers Wirklichkeitsverständnis soll hier versucht werden, seinem und dem Argumentationsstrang anderer Theoretiker zu folgen, um einer Aufgabe der Kunst nahezukommen, die jenseits von einem bloßen „narrativen und ästhetischen Wert“[3] angesiedelt werden kann. Vielmehr soll gezeigt werden, wie für Konrad Fiedler die Offenlegung des Sehens als Ausdrucksbewegung unter Zuhilfenahme des Kunstwerkes funktionieren sollte.

2. Zentrale Thesen Fiedlers im Überblick

2.1 Fiedlers Wirklichkeitsverständnis

Um näher auf die Funktion eines Kunstwerkes hinsichtlich der Erforschung der Wahrnehmung, wie Fiedler sie sich vorstellt, eingehen zu können, erscheint es sinnvoll, sich zunächst seiner Auffassung von Wirklichkeit zuzuwenden. Denn bereits in der konsequenten Gegenüberstellung des „Standpunktes des naiven Bewußtseins“[4] und dem „Zweifel an einem absoluten Sein der Dinge“[5] liegt der Hinweis auf eine sehr differenzierende Haltung in Bezug auf die Wirklichkeit. Laut Fiedler sind „die Dinge nicht durch ihr bloßes Dasein Gegenstand der Wahrnehmung“[6], vielmehr empfängt der „menschliche Organismus nur Wirkungen, die er zu Besitztümern des Bewußtseins gestaltet“[7]. So speichert unser Bewusstsein nicht direkt einen Gegenstand, so z. B. einen Baum, den wir sehen, durch die Wahrnehmung, sondern lediglich einen Eindruck davon, der keinesfalls alle Seiten des Objektes erfasst.

Unter dem „naiven Standpunkt“[8] ist in diesem Zusammenhang der Irrglaube zu verstehen, der Mensch besitze das, „wovon seine Wahrnehmungen abhängig seien“[9]. Fiedler hingegen fordert, „zu begreifen, daß es vielmehr die Wahrnehmung sei, von der unser gesamter Besitz an Wirklichkeit tatsächlich abhängt“[10]. Darauf folgt die „Einsicht, daß wir ein Wirkliches immer nur als Resultat eines Vorganges besitzen können, dessen Schauplatz wir selbst als empfindende, wahrnehmende, vorstellende, denkende Wesen sind“[11]. Indem Fiedler hier ganz klar sein Hauptaugenmerk auf die Wahrnehmung als einen individuellen Vorgang legt, bei dem durch Empfindungen von außen das Wirklichkeitsbild gestaltet werden kann, gesteht er dem wahrnehmenden Subjekt ganz eigene, autonome Gestaltungsmöglichkeiten zu. Da es demzufolge keine Wirklichkeit unabhängig von der Empfindung geben kann, ist es nicht sinnvoll, ein absolutes Dasein der Dinge anzunehmen. Wahrnehmungen der ,Wirklichkeit‘ sind vielmehr „Gestaltungen eines psychophysischen Subjekts“[12], wobei das Subjekt nicht etwas Vorgegebenes auffasst oder determinierte Empfindungen absorbiert, sondern „durch die Wahrnehmung das Wahrgenommene zu dem [macht], was es ist“[13]. „Das bloße Sehen bleibt für Fiedler [...] ein subjektiver Vorgang, da keine vollständige Aneignung der Wirklichkeit im Bewußtsein erfolgt“[14]. Jedes Individuum gelangt somit zu seinem einmaligen Eindruck etwa eines Gegenstandes. Was Fiedler mit dieser These unmittelbar verbindet, ist der auf die Wahrnehmung Einfluss nehmende Zustand eben dieses Subjektes.

Demnach „ist Bewußtsein niemals als allgemeiner Zustand, sondern immer nur als bestimmte Tätigkeit vorhanden, es ist in jedem einzelnen Menschen ein beständig wechselndes“[15], woraus sich in höchstem Grad individuelle Wirklichkeitsbilder ergeben und „Autonomie und Souveränität des Wahrnehmenden“[16] zunehmen. Fiedler spricht hierbei auch von „einem dynamischen, sich selbst gestaltenden Sehen“[17], der „inneren Werkstatt, in der die Bestandteile des Weltbildes erst entstehen müssen“[18], in der sich für ihn kein dauerhafter Bestand abrufbarer Eindrücke bildet, sondern, wie für eine ,Werkstatt‘ typisch, in der „ein rastloses Werden und Vergehen“[19] abläuft. Es ist also nicht möglich, uns der Vielfalt unserer Umgebung unbeschränkt und je nach Belieben über unsere Sinne zu bemächtigen, da „alles Außer-uns auf ein In-uns hinausläuft“[20] und man ein Sein nur dann in Erwägung ziehen kann, wenn es in unserem Bewusstsein auftritt. Dennoch eine Welt außerhalb des ,sinnlichen Rahmens‘ anzunehmen, würde für Fiedler einen übereilten Schluss bedeuten.

2.2 Das Sehen als Ausdrucksbewegung

Daran schließt sich die Auffassung an, das Sehen als Ausdrucksbewegung zu verstehen, als Ausdrucksbewegung des Inneren, des jeweiligen Zustands des Individuums. An der Art, wie wir etwas sehen, wenn wir sehen, lässt sich laut Fiedler Vieles über den jeweiligen Zustand eines Menschen ablesen. Dabei ist keinesfalls nur der rein geistige gemeint, denn nach Fiedler ist die Ausdrucksbewegung von Beginn an auch ein körperlicher Prozess. Durch sie und in ihr entsteht ein „vorher noch nicht vorhandenes geistiges Gebilde“[21]. Verändert sich der Zustand eines Individuums, so ändern sich auch „die Bedingungen der Möglichkeit der Wahrnehmung“[22]. Eine ganze Reihe an möglichen Modifikationen der Zustände ließe sich hierzu aufzählen, darunter Veränderungen durch „Interessen, Haltungen, Charakter, Stimmungen, Krankheiten, [...] auch Drogen“[23].

Hier zeichnet sich die Auffassung des Subjektes als weitgehend autonom und selbsttätig ab. Das Empfinden fungiert für Fiedler bereits als Interpretationsvorgang. Wenn der Wahrnehmende unter Einflussnahme seines jeweiligen Zustands Wirkungen aufnimmt, wird er zum unabhängigen Gestalter seines Weltbildes. Beeinflussbar von außen macht ihn dies jedoch noch nicht, denn bei aller Autonomie bleibt die Ausdrucksbewegung ein unsichtbarer und unbewusster und damit vorerst auch ein privater Vorgang. Fiedler vertritt nicht mehr die Meinung, „daß der Prozeß des Wahrnehmens irgendeine Ähnlichkeit mit erklärbaren und begründbaren Tätigkeiten besitzt“[24], er demnach nicht vorhersehbar und manipulierbar ist, sondern lediglich in der Ausdrucksbewegung zur Sichtbarkeit gelangen kann. „Fest steht, daß in der Wahrnehmung nichts fest steht.“[25], bringt es Lambert Wiesing auf den Punkt. Folglich kann kein Individuum vorhersehen, wie sein Gegenüber beispielsweise den Baum vor dem Fenster wahrnehmen wird, ja es kann eigentlich nicht einmal im Nachhinein des Wahrnehmungsprozesses seine Empfindungen nachvollziehen.

2.3 Die Rolle der Sprache

Die Sprache kann in diesem Fall als Wiedergabemedium der Wahrnehmungseindrücke nicht weiterhelfen. Ihr weist Fiedler eine eher untergeordnete Rolle zu. Dass sie dem Seienden „als das universale Mittel zur Bezeichnung, zum Ausdruck“[26] gegenübersteht, weist er als „trügerischen Schein“[27] zurück. Für ihn ist die Sprache zwar eine Form, „in der ein Wirklichkeitsbesitz für uns entsteht, nicht aber [...] das Mittel, durch welches wir eine Wirklichkeit [...], die gleichsam außerhalb des Sprachgebietes vorhanden wäre, zu bezeichnen und in unseren geistigen Besitz zu bringen vermöchten“[28].

Fiedler hält die Sprache nicht für fähig, der Wirklichkeit mit all ihren Facetten gerecht zu werden, wenn es um eine genaue, umfängliche Wiedergabe geht. Aus diesem Grund ist „zur angemessenen phänomenologischen Beschreibung [...] für

Fiedler letztlich immer ein Wechsel von der sprachlichen zur bildnerischen Beschreibung notwendig“[29]. Mit dem sprachlichen Ausdruck wird etwas in das Bewusstsein eingebracht, das selbst nicht aus dem Stoff besteht, der durch die Sinne, speziell die Augen, geliefert wird. Das ist insofern problematisch, denn indem „wir das Gesehene aussprechen, ist es nicht mehr ein Gesehenes“[30]. Hier gelangt die Sprache in Fiedlers Ansicht klar an ihre Grenzen. Eine vollständige Erfassung der sichtbaren Welt durch das Wort ist für ihn undenkbar. Wonach er sucht, ist eine vorbegriffliche Strukturierung der Sinneseindrücke, nicht etwa die Übertragung von sichtbaren Eigenschaften der Dinge wie Licht und Farbe in so ,unzureichende’ Übersetzungen wie ,hell‘ oder ,rot‘. Fiedler beschreibt das Verhältnis von Wirklichkeit und Sprache wie folgt:

Ist es nun ein sehr ungenauer und dem tatsächlichen Verhältnis nicht entsprechender Ausdruck, wenn man sagt, daß der Mensch durch die Fähigkeit des Sprechens die Wirklichkeit zu bezeichnen vermöge, so ist es ein ebenso ungenauer Ausdruck, wenn man die in dem diskursiven Denken sich vollziehende Erkenntnis eine Erkenntnis der Wirklichkeit nennt. So wenig die Sprache einer Wirklichkeit gegenübersteht, so wenig steht auch die Erkenntnis einer Wirklichkeit gegenüber. Nicht die Wirklichkeit schlechthin ist es, [...] die wir durch das in der Sprache sich vollziehende Denken und Erkennen erfassen, sondern immer nur die Wirklichkeit, sofern sie in der Form der Sprache überhaupt zu einem entwickelten Dasein gelangt ist.[31]

Daraus ist ersichtlich, dass es für ihn auf die Suche nach Alternativen zum Sichtbarmachen des unbewussten Interpretationsvorganges in der Wahrnehmung ankommt, die jenseits einer ,begrifflichen‘ Verstümmelung jener einzigartigen geistigen Strukturen der Sinnlichkeit liegen müssen.

2.4 Das Besondere am Gesichtsinn

Als eine solche Alternative dient Fiedler der Gesichtssinn und demzufolge die Isolierung der Sichtbarkeit etwa eines Gegenstandes. Das Bild soll als Erkenntnisinstrument für die Erforschung der Sinnlichkeit dienen.

[...]


[1] Philosophie der Wahrnehmung. Modelle und Reflexionen. Hrsg. von Lambert Wiesing. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2002. S. 45.

[2] Ebd. S. 382.

[3] Bischoff, Michael und Struch, Matthias: Kunst, Wahrnehmung und visuelle Erkenntnis. In: Bilder im Geiste. Zur kognitiven und erkenntnistheoretischen Funktion piktoraler Präsentationen. Hrsg. von Klaus Sachs-Hombach. Amsterdam, Atlanta: Rodopi l995. S. 3l0.

[4] Konrad Fiedler. Schriften zur Kunst I. Hrsg. von Gottfried Boehm, Karlheinz Stierle. 2. Auflage. München: Fink Verlag l99l. S. ll3.

[5] Ebd. S. ll4.

[6] Ebd. S. ll3.

[7] Ebd.

[8] Ebd. S. ll4.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Ebd. S. ll7-ll8.

[12] Wiesing, L.: Philosophie der Wahrnehmung. S. 43.

[13] Ebd.

[14] Bischoff, M.; Struch, M.: Kunst, Wahrnehmung und visuelle Erkenntnis. S. 3ll.

[15] Fiedler, K.: Über den Ursprung der künstlerischen Tätigkeit. S. l76.

[16] Wiesing, L.: Philosophie der Wahrnehmung. S. 44.

[17] Boehm, Gottfried: Bildsinn und Sinnesorgane. In: neue hefte für philosophie. Anschauung als ästhetische Kategorie l8/l9. l980. S. l26.

[18] Fiedler, K.: Über den Ursprung der künstlerischen Tätigkeit. S. ll9.

[19] Ebd.

[20] Ebd. S. ll8.

[21] Ebd. S. ll7.

[22] Wiesing, L.: Die Zustände des Auges. S. l94.

[23] Ebd. S. l93.

[24] Wiesing, L.: Philosophie der Wahrnehmung. S. 44.

[25] Wiesing, Lambert: Die Zustände des Auges. Konrad Fiedler und Heinrich Wölfflin. In: Auge und Hand. Konrad Fiedlers Kunsttheorie im Kontext. Hrsg. von Stefan Majetschak. München: Fink Verlag l997. S. l92.

[26] Ebd. S. ll5.

[27] Ebd.

[28] Ebd. S. ll8.

[29] Wiesing, L.: Philosophie der Wahrnehmung. S. 45.

[30] Fiedler, K.: Über den Ursprung der künstlerischen Tätigkeit. S. l54.

[31] Ebd. S. ll8.

Details

Seiten
16
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640500901
ISBN (Buch)
9783640500789
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v139831
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Medienwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Wahrnehmung Ästhetik Kunst Wahrnehmungsphilosophie Sehen als Ausdrucksbewegung Konrad Fiedler

Autor

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Titel: Konrad Fiedler - Der Wahrnehmung auf der Spur